Bernd Kolleck, Studierende der Sozialen Arbeit Muslimische Jugendliche in Berlin Lebenslagen und Einstellungen Die Datenerhebung fand an 14 Berliner

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1 Bernd Kolleck, Studierende der Sozialen Arbeit Muslimische Jugendliche in Berlin Lebenslagen und Einstellungen Die Datenerhebung fand an 14 Berliner Schulen und Freizeiteinrichtungen statt. 148 Fragebögen wurden ausgefüllt, fünf davon weitgehend unvollständig, der Rest nahezu vollständig. Die Auswahl der Probanden (nach Verfügbarkeit) und die eher geringe Fallzahl gestatten keine Repräsentativitätsaussage jedoch gehen wir von einer guten Allgemeingültigkeit aus, weil die Ergebnisse, soweit vergleichbar, ähnlich bis deckungsgleich mit den zeitnah erschienen Untersuchungen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (2009) sowie von Uslucan (2008) und von Wensierski und Lübcke (2007) sind. Möglicherweise können die empirischen Befunde die aktuelle Debatte um Migration und Migrantinnen / Migranten in Deutschland versachlichen. Die Befragten sind zu 57 weiblichen Geschlechts. Ca. 50 aller Befragten sind bis zu 16 Jahren alt, 16 ist mit 22,6 gleichzeitig häufigstes Alter, die Altersspanne reicht von 13 bis 26 bei einem Durchschnittsalter von 17,5 Jahren und 3,2 Jahren Standardabweichung. Herkunftsland der Eltern ist zu 72 die Türkei, je 10 der Eltern kommen aus Deutschland, sowohl aus Deutschland als auch aus der Türkei sowie aus dem Libanon. 42 geben Deutsch, 36 türkisch als Staatsbürgerschaft an. Die meisten (90) leben bei Ihren Eltern, 8 haben eine eigene Wohnung. Die meisten sind Schüler (70), einige sind in Berufsausbildung (15) oder berufstätig (7,5), nur 3 arbeitslos. Je ein Drittel wohnt in Drei- und Vierraumwohnungen, oft zu vier, fünf oder sechs Personen. Auf die Frage, wie viele Nichtmuslime unter ihren Freunden und Freundinnen sind, machen 20 keine Angaben, ebenfalls 20 sagen keine. Jeweils etwa 13 sind mit einem, zwei oder drei Nichtmuslimen befreundet. 44 geben an, einen festen Freund oder eine feste Freundin zu haben. Ca. 60 machen eine Angabe zur Religion ihres festen Freundes bzw. festen Freundin danach sind etwa 40 Nichtmuslime. Auf die Frage, welche Vorurteile gegen Muslime den Befragten bekannt seien, kommt eine Vielzahl von Antworten ca. 100 Befragte äußern sich. Dabei kommt eine Fülle zumeist negativer Bewertungen zum Ausdruck, so schreibt ein Schüler: aggressiv, Zwangsheirat, Kopftuchzwang, streng, dumm, immer laut, nervig. Besonders häufig fällt das Wort Terrorist. Ca. 32 geben an, derartige Vorurteile häufig zu hören, 40 hören sie immerhin manchmal, nur 26 selten oder nie. Genau so viele Jugendliche haben eine dezidierte Meinung, was für die Verbesserung der Lage zu tun sein, so sagt einer: Integration, Islam aufklären/richtig lernen, Vorurteile abschaffen, Vertrauen zeigen und Chancen geben, nicht ausgrenzen, ein anderer: Man sollte öfter mit denen kommunizieren, damit man sie versteht. Neben der Forderung nach mehr Gleichbehandlung und Toleranz dominiert die nach Arbeits- und Ausbildungsplätzen. 18 der Befragten bezeichnen sich als sehr stark religiös, 38 als eher stark und 39 als mittel. Von den religiösen Geboten praktizieren 75 meistens oder immer das Fasten, über 50 das Feiertagsgebet aber nur 29 das tägliche Gebet. Jeweils etwa ein Drittel gehen mindestens wöchentlich in die Moschee, ein weiteres Drittel ein- bis mehrmals im Jahr, das letzte Drittel fast nie. Diese Befunde decken sich mit den Angaben von Şen (2007), der auch zeigt, dass sich die Religiosität junger Muslime in der Zeit zwischen 2000 und 2005 verstärkt hat. Es gibt einen deutlichen Geschlechtseinfluss: Mädchen bezeichnen sich seltener als sehr stark religiös, praktizieren weniger das Feiertagsgebet und gehen seltener in die Moschee. Während Jungen zu 50 einmal pro Woche oder häufiger die Moschee besuchen, gilt das für Mädchen nur zu der Mädchen gehen fast nie in die Moschee im Unterschied zu 20 der Jungen.

2 105 der 148 Befragten machen Angaben zum Typ der Schule, an der sie lernen. Darunter besuchen ein Drittel Gymnasien oder OSZ, ein Drittel Hauptschulen, 20 Realschulen und die übrigen Gesamtschulen. Der Anteil von Gymnasiasten in der Stichprobe ist größer als in der Grundgesamtheit. Die meisten Jugendlichen finden sich als Muslime gut bis sehr gut in Schulen und Kindergärten (85), öffentlichen Einrichtungen (75), Nachbarschaft (75) und Bekannten (97) akzeptiert, ebenso bei Ämtern und Behörden (63) und an der Arbeits- oder Ausbildungsstelle (65), auch diese Zahlen sind im Großen und Ganzen vergleichbar mit den Ergebnissen von Şen (2007). Kontroverse Meinungen: Geteilt ist die Meinung zur Teilnahme von Mädchen am Sportunterricht sowie zur Kopftuchpflicht für Frauen und Mädchen: hier sind jeweils ca. 50 dafür und dagegen. Die Mehrheit befürwortet aber die Teilnahmemöglichkeit von Mädchen an Klassenfahrten (ca. 80). Sex vor der Ehe ist für die meisten bei Mädchen nicht in Ordnung (83), auch nicht bei Jungen, aber dort nur zu würde es etwas ausmachen, wenn ihre Tochter einen Nichtmuslimen heiratete, 56 würden bedauern, den Sohn mit einer Nichtmuslimin verheiratet zu sehen. Sen (2007) berichtet ähnliche Werte, allerdings ist die Zustimmung zu gemeinsamem Sportunterricht oder Klassenfahrten dort mit nur 30 recht gering. Die Mehrheit unserer Befragten (55) hätte Schwierigkeiten damit, wenn einer der Freunde oder Freundinnen homosexuell wäre. Sex vor der Ehe ist für Mädchen/Frauen in Ordnung. Sex vor der Ehe ist für Jungen/Männer in Ordnung. Muslimische Frauen sollten in der Öffentlichkeit generell ein Kopftuch tragen. Es würde mir keine Probleme bereiten, wenn einer meiner Freunde/ Freundinnen homosexuell wäre Es würde mir keine Probleme bereiten, wenn mein Sohn eine Nichtmuslima heiraten würde. Es würde mir keine Probleme bereiten, wenn meine Tochter einen Nichtmuslimen heiraten Ich finde, an Klassenfahrten sollten Mädchen und Jungen nicht gemeinsam teilnehmen. Ich finde, am Sportunterricht sollten Mädchen und Jungen nicht gemeinsam teilnehmen stimme stark zu stimme eher zu lehne eher ab lehne stark ab Abb. 1: Meinungen zu kontroversen Themen Auch hier unterscheiden sich Jungen und Mädchen: Mädchen sind liberaler bezüglich Kopftuchzwang und Akzeptanz von homosexuellen Freunden/Freundinnen und befürworten mehr als die Jungen einen gleiche Sexualmoral für beide Geschlechter. Je ¾ der Jugendlichen geben an, ihre Meinung in der Schule, zu Hause frei äußern zu können unter Gleichaltrigen geht das für 70 und unter Freunden für 86.

3 Etwa 12 der Befragten geben an, Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache in der Schule oder an der Ausbildungsstelle zu haben, nur 3,5 auch, wenn in der Freizeit Deutsch gesprochen wird. 8,5 bezeichnen ihre deutschen Sprachkenntnisse allgemein mit mittel, 39 mit gut und 52,5 mit sehr gut. Zum Persönlichkeitsbild: Auf einer verkürzten Selbstachtungsskala nach Rosenberg geben über 90 an, eine positive Einstellung zu sich selbst zu haben und genau so gut und so wertvoll wie andere zu sein. Ca. 20 geben an, sich gelegentlich richtig nutzlos zu fühlen und 24 sagen, dass es nicht vieles gäbe, worauf sie richtig stolz sein könnten. Ferner wurde eine verkürzte Autoritarismusskala sowie eine Gewaltskala benutzt. Danach versuchen über 90 der Befragten, die Dinge immer in der üblichen Art und Weise zu machen und fühlen sich in gut organisierten Gruppen wohl, über 80 bemühen sich, es ihren Eltern immer recht zu machen, 60 sehen zu, immer auf der Seite des Stärkeren zu stehen, 45 fühlen sich in der Gesellschaft fremder Menschen eher unwohl, für ebenso viele ist Neues unangenehm, 30 bewundern andere, die die Fähigkeit haben, andere zu beherrschen. Mädchen lehnen eher als Jungen ab, immer auf der Seite des Stärkeren stehen zu wollen und die Fähigkeit zu bewundern, andere zu beherrschen. Über 80 sind grundsätzlich gegen Gewalt, 40 geben an, dass Gewalt ihnen Angst mache. Fast ebenso viele meinen, dass man in manchen Situationen nur etwas mit Gewalt erreiche und dass eine normale Rauferei in Ordnung sei. 20 der Befragten meint, dass eine Schlägerei oft mehr als Reden nütze und für 15 macht Gewalt Spaß. Mädchen sprechen sich weitaus stärker gegen Gewalt aus als Jungen. Es zeigt sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen Gewaltaffinität und autoritaristischen Einstellungen. Die Werte sind nicht wesentlich anders als die für türkische Jugendliche in Kayseri und für deutsche Jugendliche in Magdeburg ermittelten (Usluçan, 2008). Konkrete Berufsvorstellungen haben ca. 100 der Befragten, darunter 25 akademische Berufe, ferner werden häufig Berufe im Gesundheitsbereich, bei der Polizei, kaufmännische und erzieherische Berufe genannt, aber auch künstlerische und handwerkliche. Etwa 40 der jugendlichen Muslime beurteilen ihre beruflichen Aussichten in Deutschland als sehr gut oder gut, 46 als befriedigend. Im Unterschied dazu sieht eine Mehrheit von über 60 ihre persönlichen Aussichten in Deutschland als gut oder sehr gut, ca. 30 als befriedigend. sehr gut eher gut mittelmäßig eher schlecht sehr schlecht Abb. 2: Perspektiven Wie bewertest Du Deine persönlichen Lebensperspektiven in Deutschland? Wie bewertest Du Deine beruflichen Aussichten in Deutschland?

4 Ihre Freizeit verbringen die Jugendlichen mit Freunden und beim Musikhören (80: häufig), 36 treiben häufig Sport, 30 tun dies selten oder nie. Etwa ein Viertel der Befragten Lesen häufig, ein Viertel manchmal, 20 nie. Ganz ähnlich verhält es sich mit den Computerspielen. Selber musizieren 15, 45 tun musizieren nie. Zu ihren Eltern haben fast 95 ein vertrauensvolles Verhältnis, 85 bezeichnen ihre Familie als im Allgemeinen harmonisch. Trotzdem geben ca. 40 an, dass es zu Hause öfter Spannungen gebe. 37 bezeichnen ihre Eltern als sehr streng, 18 bekommen öfter Verbote oder Strafen von ihren Eltern. Andererseits meinen zwei Drittel, sie könnten mit ihren Eltern über alles reden. Ich kann mit meinen Eltern über alles reden. Ich bekomme von meinen Eltern öfter Verbote und Strafen. Zu Hause gibt es öfter Spannungen. Meine Eltern sind sehr streng. Das Leben in meiner Familie ist im allgemeinen sehr harmonisch. Ich habe zu meinen Eltern ein vertrauensvolles Verhältnis. Abb. 3: Familienleben stimme voll zu stimmme eher zu lehne eher ab lehne stark ab Auf die Frage Was gibt Dir Halt? Familie, Partner/in, Freunde, Glaube, Sport, eigene Leistung, sonstiges geben 85 der Antwortenden an, starken oder sehr starken Halt in der Familie, zu finden, 75 bei Freunden, 75 im Glauben, 65 beim Parter/ der Partnerin (hier fehlen allerdings 35 der Angaben), 55 bei den eigenen Leistungen, 33 im Sport. Auf die offene Frage, was zur Verbesserung der Situation getan werden könne, kam wiederum eine Vielzahl (ca. 100) von Antworten. Immer wieder wurden folgende Stichworte genannt: Akzeptanz, Respekt, Gleichbehandlung, mehr miteinander reden, Vorurteile abschaffen, Toleranz, Integration, mehr Ausbildung und Bildung, mehr Information. Hier sind einige wörtliche Zitate herausgegriffen: Keine kalten Schultern sollten gezeigt werden. Aufklärung, die Möglichkeiten bieten, erfolgreiche, intelligente, selbstbewusste junge Muslime in den Vordergrund stellen Man sollte jeden so akzeptieren, wie er ist und man könnte muslimische und deutsche Jugendlich einen Tag miteinander verbringen lassen (Projekt). Ich finde die Lage der muslimischen Jugendlichen eigentlich ganz ok. Toleranz von allen Seiten so viel es geht! (und es sollte nicht immer der ganze Terrorismus auf die radikal-islamischen Leute geschoben werden!). Es sollten auch die positiven Seiten der Muslime gezeigt werden und nicht immer die negativen Sachen zum Vordergrund bringen und dramatisieren. Dies müssen auf jeden Fall die Medien versuchen zu machen.

5 Fazit: Wenn sich auch die Mehrzahl der Befragten jugendlichen Muslime in Schule, Kindergärten und öffentlichen Einrichtungen gut akzeptiert fühlen, können doch alle auch über Vorurteile von Seiten der Mehrheitsgesellschaft berichten. In dieser Hinsicht sprechen auch die Verbesserungsvorschläge eine klare Sprache: es geht den meisten um mehr Anerkennung, Toleranz und den Abbau von Vorurteilen. Andererseits pflegen viele von ihnen ein eher traditionell geprägtes Weltbild, das eine besondere Rolle für Frauen und Mädchen (Kopftuch, keine gemeinsamer Sportunterricht) und eine traditionelle Sexualmoral vorsieht. Jungen sind eher traditionell eingestellt als Mädchen. Die persönlichen Perspektiven in Deutschland werden von den meisten als positiv angesehen, im Unterschied allerdings zu den beruflichen. Die familiäre Situation wird zumeist als gut und unterstützend empfunden. Insgesamt zeigt sich ein Stand der Integration, der offenbar von beiden Seiten, der Seiten der Migranten und der Mehrheitsgesellschaft, noch Bewegungen aufeinander zu verlangt. Oder, wie einer der Befragten sagte, Man sollte öfter kommunizieren, damit man (sich) versteht. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Deutsche Islamkonferenz (2009): Muslimisches Leben in Deutschland. Forschungsbericht Şen, Faruk (2007): Islam in Deutschland. Religion und Religiosität junger Muslime aus türkischen Zuwandererfamilien. In: Wensierski, H.-J. und Claudia Lübcke (Hrsg.) (2007): Junge Muslime in Deutschland. Opladen&Farmington Hills S Usluçan, Haci-Halil (2008): Man muss zu Gewalt greifen, weil man nur so beachtet wird Antidemokratische Einstellungen deutscher und türkischer Jugendlicher: Gewaltakzeptanz und autoritäre Haltungen. Zeitschrift für Sozialpädagogik, H1 S. 74ff. Wensierski, H.-J. und Claudia Lübcke (Hrsg.) (2007): Junge Muslime in Deutschland. Opladen&Farmington Hills.

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