Sonderdrucke aus der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg KLAUS JACOBI

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1 Sonderdrucke aus der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg KLAUS JACOBI Bemerkungen zum Verständnis der Leibniz schen Nouveaux essais sur l entendement humain anläßlich des Nachdrucks der von E. Cassirer besorgten Ausgabe Originalbeitrag erschienen in: Studia Leibnitiana 5 (1973), S. [196] - 232

2 Bemerkungen zum Verständnis der Leibniz'schen,,Nouveaux Essais sur I'Entendement humain" anläalich des Nachdrucks der von E. Cassirer besorgten Ausgabe V011 KLAUS JACOUl (KOLN) Als E. Cassirers Ubersetzung der Nouveazlx Essais 1915 in dcr Philosophischen Bibliothek erschien, wurde sie von H. Scholz mit Recht als bedeutender Fortschritt gegenüber früheren i]lbertragpngen begrüßt1. Wenn der Meiner-Verlag nach über 50 Jahren diese Obersetzung unverändert nachdruckt=, dann muß dieses Unternehnien an dcn inzwischen neu erarbeiteten Ausgaben gemessen werden. a) erschien die französisch-deutsche Ausgabe von W. V. Engelliardt urid H. H. Holza. lxine solche l'arallelausgabe verdient gruridsätzlicli den Vorzug vor bloßen Ubersetz~n~en; diesem Prinzip liat dankenswerterweise gerade die Philosophische Bililiothelr des Meiner-Verlages in deii letzten Jaliren zunehmend Rechnung getragen. Dic Ausgabc Cassirers miiß sich also durch besonders hervorstecliende Qualitaten emyfelilcn, wenn ihr Nachdruck gerechtfertigt werden soll. b) Die Edition der Nozcveazlx Essais durch C. I. Gerhardt4, die den Ubersetzungen von Cnssirer wic aucli von Engelhardt-IIolz zugrunde hegt, wurde 1962 durcli die kritische Ausgabe der Deutschen Akadcmic der Wisscncchaften zu Beriin ersetztb. Nun beruhten bereits der 13rstdruck der Nozlveazlx Essais durch SCHOLZ, Rez. in: Theol. I.it.teitung 11 (1917) 221 f. %. W. LEIBNIZ, Neue Abhandlungen über den menschlichen Verstand. Ubersetzt, eingeleitet und erläutert von E. CASSIHEH. Unvcrändcrter Nachdmck der Ausgabe von Mit ncu crarbcitctcn. ausftkhrlichen Rcgistcrn, 1~itt:raturhinweisen und vergleichenden Seitenübersichten fur die Ausgaben von HASPE 1765, ERDMANN 1840, GRHCIARI>T 1882, HOHINICT/SCHYPEWS 1962, die I~bersetzung von CASSIRER 1915 und dicscn Nachdruck. Philos. Ribl. Rd. 69. Felix Meiner, Hainburg XXTX-736 SS. Lw. TIM 52,-, Kart. DM 40,- [im folgenden zitiert: Cass.]. G. W. X,EIRNIZ, Neue A bhandkngen &er den menschlichen Verstand - Nouveaux Essais sur I'Entendement humain. Hrsg. U. iibcrs. V. W. V. ENGELI~ARDT U. 11. H. HOLZ. 2 Bde. Darmstadt [zit.: Eng.-H.]. Die philosophischen Schrillen von G. W. Leibnia. Ilrsg. V. C. I. CERI~ARDT [zit.: GI']. Fünfter Band, Berlin Nachdruck Hildesheim Nouveaux Essais sur I'Entendement par I'auteur du systems de l'harmmsie preesiablie. S [zit.: GI' V]. G. W. LEIBNIZ. Sümtl. Schrilten U. Briete. Hrsg. V. dcr Dcutschcn Ak. der Wissensch. zu Rerlin. Scchste Reihe: Philos. Schrillen. Hrsg. von der T>cib~iiz- I~orschungsstelle der Universitat Mürister. Sechster Bd. : Nouveaux 1;ssais. Bcarbeitet von A. ROBINET U. H. SCHEPERS. Berlin 1962, S bit.: Al.

3 ßcmcrkungen zu den,,nouvenux Essais sur 1'Entendement humain" 197 R. E. Raspea und wicdcrum die Gerliardtsclie Ausgabe auf Vergleicli aller IIandschriften, und der von Gerhardt gegebene Text hat sich im ganzen - bei ailen Verbesserungen im einzelnen, welche die Akademie Ausgabe gebracht hat - als hinlänglich zuverlässig erwiesen. Von Iiier aus ist also gegen einen Neudruck einer Ubersetzung des alten Textes nichts einzuwenden; es wäre freilich zu wünsclien, daß man in Fußnoten oder in einem Anhang Abweichungen der Akademie-Ausgabe vermerkt hätte. In anderer Hinsicht jedoch ist ein Vergleich der Ausgabe in der Philosopliisclien Bibliothek mit der kritisclien Ausgabe von Robinet- Scliepers unerläßlich: Die erste Ausgabe der Neuen Abhandlungen in der Philosophischen Bibliothek von C. Schaarsclimidt7, mehr aber noch Cassirers Ausgabe von 1915 spiegelten in Einführung und Anmerkungcn nicht nur den damaligen Forschungsstand, sondern markierten einen cigenen neuen Scliritt &I der ~eibniz-l;orschun~. Damit war von Cassirer und vom Verlag Meincr cin RichtmaU gesetzt. Es ist zu fragen, ob der unveränderte Nachdruck dcs wissenschaftlichen Apparates der Cassirerschen Ausgabe sicli niclit lieute angesichts des in der kritischen Edition Erreichten als Rückscliritt erweist. Es ist nicht leicht, den rechten Stil für die Ubersetzung der Nauveaux Essais zu finden. Leibniz selbst hat bemerkt. daß eine,,trockeneh Kommeritierung dem lebendigen Stil des Lockesclien Essay nicht angemessen wäre, und er hat die,,allgemeinverständliclikeit" ( il est plus populaire") von Lockes Untersuchungen als Vorteil" gewertet Wenn er sich auch,,gezwungen" sieht, mitunter... etwas mehr akroamatisch und abstrakt zii sein #, sucht er doch durcli Wahl der Dialogfonn wie auch in dcr lcichtcn Art, in dcr cr im einzelnen seine Uberlegungen vorbringt, sich rriöglichst seiner Vorlagc anzupassen. Die Passagen, die Leibniz seinem Sprecher TliCophilc in den Mund legt, unterscheiden sich CEuvres Philosophiqucs Latines et Franfoiscs de feu Mr. De Leibnitz. Tuees dc scs rnanuscrits qui sc conservent dans la Biblioth6que Royale a KIanovre, et publiecs par Mr. R. E. RASPE.. A Arnsterdam et 2 Leipzig... MDCCLXV. Nouveaux Essais sur I'Entendement Humain Par I'auteu~ du Systeme Ue I'Harmonie Prketablie. S Neue Abhandlungen aber den menschlichen Verstand von G. W. W. Leibniz. Ins Deutsche übersetzt. niit Einleitung. Lebensbeschreibung des Verfassers und erläuternden Anmerkungen versehen von C. SCHAARSCHMIDT. Berlin-Leipzig B A Caw. 2f. Vgl. Lockes,.Epistle to the 1Zeader": J. LOCKE, An Essay Cwrcerning Human Un&rstanrling, ed. with an introduction by J. W. YOLTON (Everyman's Library. London-New York '1967). I p. XXXTI U. bes. p. XXXIV:,.I thirik it necessary to make what I have to say as easy and intelligible to all sorts of readers as 1 can". P A 48. If. I Cass. 2; vgl. CASSIHERS Anm. 2 ebd.

4 198 Klaus Jacoli im Stil riiclit wesentlich von denjcriigen, in welclien I'liilal&tlie deil 1,ockeschcri Essay zitiert oder paraplirasicrt. Diese konversierende, exoterische Weise des Pliilosopliiereris muß iri der ubersetzung erlialtcn bleiben. In Cassirers Ausgabe dcr Ncuen Untersuchungen ist dies vorziiglich gelungen. wie sich besonders deutlicli zcigt, wenn rrian Passagen, dic Cassircr selbst nielirfacli übersetzt liat, miteinander ~ergleiclit~~ In seiner I\llonograpliie übcr Lctbniz' Systern zitiert Cassirer die Nouveaux Essais in recht freier, stark interpretierender und akzentuierender Obertragurig. In seincr Ausgabe der Neuelz Abhandlungen wälilt er dagegen eino riach Mijgliclikcit wortgetreue iibersetzutig; sie wirkt elcgatiter und trifft den ungekünsteltcri Ton des Originals in liolicm Maßc. Doch ist nelien dcr vor1 Leibriiz angestrebten Allgemeinverständliclikeit" auch ein anderer, gcgcriliufiger Aspekt der Nouveaux Essais bei der Übersetzung zu bedenkcti. Wer das Werk allzu leiclit liest, wird tiur seine Ohrfläclie walir~ieiimcri. Leibniz verzichtet zwar in den Nouweaux fissais ausdrücklich auf die Darlegung sc:iries tieuen Systems" der Monadcnlelire. er will iiirierlialb des g:wiilirilirlicri Systems" ( systcnie con~niun") argumeiiticren, uni so Lockcs Ablehtiung der eingcboretien Ideen immanctit zu widerlegcri; aber cr,,bequemt sicli" damit doch nur den ein nial aiigenommetien Ausdrückeil an" ", olirie docli iillialtlicli den Statidpunkt seincr cigeneii Pliilosopliic zu verleugnen. Cassirer liat in seiner Einleitung auf diese die Argumeritation iiberall tragende 'riefenstruktur der Nouveaux Essais aulmerksarn ~einadit: Dic Ordriung, in der die Prolilcme sicli bei I,ocke foigeri. entspricht scincr Gruntlarischnuung von der Art ihrer sachliclieri Abhäiigigkcit. Mit tlcr l'ragc nach clcr Eiitstcbuiig (lcr Hegriffc und Erk<:nntiiissc wird bcgoniicii, ii~ii zur Iiragc nach ilirer Geltiing und riach der1 Crcnzeii ilircr Aiiwcndiiiig 1ortzusclireit<:n. 1)ie psychologisch~ Analyse träg1 uritl stiitzl d:rs logiscli(: Systeiii <I<.r C;ruii<ls~tze des Wisseiis. Für Lcil~niz iridesscn gibt (iicsc Abfolge, der <:r sich uritcr dciii Zwaiige der frcnideii Vorlage anbeqiicmte. nicht die inncrc Dispositioii si:incr (klankcn wie<l<:r. Deiin ihm bcdeutet dic gerietischc 'Ysycliologie nicht der1 Anfang u11d dcn Gruii(1stcin des Systcins. so~i<lcrn eiii al~gclciletcs und sl>ätcs Yroldcm, das zii sciiier Losung die Prinzipien (Icr Logik, wic der Metaphysik bereits voraussetzt...,111 (Icr l'nt setzen sciion dic erstcii Iiitiwändc, die L(:ilii~iz Lockt cutgegcnhäll, setzt sein Gcgcnsntz des I3cwuULe1i iintl Uii~~cwulJLeri, wie sci~ic Tjndcgung dcs Verhältnisses 11cr siniilichen und der iiitellektucllen Erk<:niiliiis nichts Gcringcres als <lic gesamtc Monadeiilchrc voraiis (X11.). Von der Iiicr iorinulicrten Einsicht in den Charakter des Werkcs liat Cassirer sich offensiclitlich aucli beim Ubersetzen bestimmen lassen; bci Vgl. z.u. dic Ubersetzung des Abscliriitts übcr die Tdee der Daucr. Nouv. Ess. 11, 14 (A 152,7-17). in: E. CASSIRER. I*eibniz' System in seinen wissensckafllichcn Gwndlagen (M,uburg unvcrän(1ertcr Nachdr. Dar~iistadt 1962) [xit.: Lcihniz' Systed, S. 258 mit dcr (~l~c:rsclzuiig tlcsselben Abscliuitts in: Czss l1 A Cass. 38. Vgl. aiich die Autorenbezcicl~i~urig irn Origiiialtitcl.

5 Bemerkurigen zu rlcri Nouvcaux Escai siir I'Entcndcmcnt hiirnain" 199 allern 13cctrchcn, den populären" Stil zu erlialten, bleibt scinc Obersetzung docli stets gcnaii so abstrakt und akroamatiscli", wie es crforderlicli ist, darriit die philasol1hisclic Ticfc lind Strcngc der Leibnizsclien Argiimcntationcn zugänglicti bleiben. Ilic hisher getroffenen allgemeinen Feststcllungcn iibcr die Qualität der Cassirersclien Übcrsctzung wärcn zur Reclitfertikwng illrer unvcränderten Neuauflage nur dann Iiinrciclicnd, wenn Cassirers Beispiel niclit Schiilc gcmacht hättc, wenn also die inzwisclieri vorlicgcndc Neuübersctzung von Engelhardt-Holz in cleri l~csprochcncn Punkten deutlidi abfiele. Das ist m. E. nicht der Fall; Cassirers Übersetzung wurde von seirien Nachfolgern - sinnvollcnveisc, wenn aucli leider ohne Vermerk - durcligeliend zii Kate gezogcn und oft iihernommen12. Welche dcr bcidcn [lbersetzungen den Voniig vcrrlicrit, kann nur der Vergleich irn Ilctail zcigen. I. I An cincr Reilie von Stclleri revidieren Rngclliardt-Ilolz die Cassirersclic ubcrsctziing mit Reclit. Man vergleiclie : A 58,30-59,7 / Cass. 17 / Erig.-H. I. S. XXXV. Uci den1 verst9ndlidicn Versuch Cassirers, eine schwcrfälligc Koristriiktion arofziiliiseri. wird der Uezug dcr Einzclsätze aufciiinndcr vcrkchrt. I.:ngclti;rr<lt-Holz verriicideii diesen lichlcr, indem sie den1 Leibniz'schcn Satzhnii gctrcii folgeri. 4 66,20f. / Cass. 27 / Eng.-H. I, C. LV. In der Wendung,,saiis riinc ct sans raison" blcibcn die Worte.,saris raisoii" bei Cassirer zweimal iinü bcrs<:tzt. A / Cass. 125 / Eng.-H. I In C:rssirers Ubersctzung ist <:in Satz ausgcla~scn. A / Cass. 128 / Erig , 183. Uezichungsfchlcr bci C:tssir<:r. A ,2 / Cass. 129 / Eng...I I. 1, Dic ul>crsctzung vor1 Eiigeltia.r(lt-Holz ist genauer. A 382, 14f..,Cc bori plirisir rie seroit pas nieme bon, ni plnisir, s'il n'y avoit un puallelisiric perpelucl cnlrc In puissnticc ct la s:~gcssc tlc Dieu". Cass. 448 findet keinen Weg, (las Worlspicl iiacheiinhnicn, iiiitl ziticrt c:s statt (Icsseii iii der Anrrierkung. Andcrs Eng.-H. I, 293,,l)i<:s<:s Wofilg<:f;rllen w ie sogar wedcr wohl, noch ein (;elalleii". 1.2 Es g5t jedodi andercrscits iri der Uhcrsctzung von Engelliardt- Holz eine ~eilie von Felilern und Iilüclitigkeiten, dic Cassircr vcrmieden hattel3 : A (;6,24f. / Cass. 28 / 1Cng.-H. I. C. LV. In (Icr Wcriduiig,,ln Pciis6c... iie saiiroit ctrc iinc mo<lificatiori iritdligilde (Ic la riiali&rc" fehlt bei Engclhardt-Holz, nicht lz Vgl. G. KAUL-FURTIIMANN. Bin Wort zur neuen Leibniz-Ausgabe der Wissemsch. Huchgcnzcinsch. in Darmsladl, in: Zs /. Philos. 1;orschung XVTT (1963) )iescr l.)iskiissioiisbci trrlrlg ist völlig in1 ]<echt. wenn er CASSIRERS Ubcr- setzung in Schutz nimmt gegenüber clcm Versuch dcr Nachfolger, ilirc Neuiibersctzung durcli Abwcrtiing der alten cinziifiihrcn. " Niir ani lhndc sei vcrincrkt, daß clic AnzJi1 d<:r - z.t. siririeritstellenden - 1)mckfehlcr in dcr Aiisgabc von L~N(:I'.LHARI>I.-HOLZ l)(:träclitlicli ist.

6 !200 Klaus Jacobi aber bei Cassircr, die ubersetzung der entscheidenden Bestimmung dc la rnatibre", wodurch der Satz unverständlich wird. A 126,19 / Cass. 103 / 1Cng.-H. 1, 137. Obersetzungsfehler von Engelhardt-Holz; man liest bci ihncn da. konträre Gegenteil von dem, was Leibniz schricb. A Cass Eng.-11. I, 185. Statt,.Von den einfachen Modi" findct maii bei Engelhardt-Holz in der Kapitclüberschrift,,Von dcn einfachen Ideen". A Cax Eng.-H. I, 195. Rcziehungsfehler bei Engelhardt-Holz. A Cass Eng.-H. I. 259.,,Ta libertk n'cst pas Une id6e qui appartienne h la vulition". Rci Engclhardt-Holz stcht das Gegenteil:..So ist die Freihcit nur eine zum Willen gehörigc Idcc". A 177. IOf. I Cass Eng.-H. T, 261. Das Posscssivpronomen ist auf,,seele". nicht auf..kiirpera' zu bczichcn. Dic ganze, schwcr versfindliche Passage A ist bei &sirer besser übcrsctzt als bci Bngclhardt-liolz. A 178.7ff. / Ca% Eng.-H. J, 263. Durch cinc Umstellung der Satzglieiier. clie Engelhardt-IIolz vornehmen, bezieht sich der von I,cibniz gcgcbcnc J<Uckverweis nicht mehr auf den richtigen Satzteil. A Cass. 173 / Eng.-H. I Der Zukunftsbczug von prevoir" ist in der ubersetzung von Engelhardt-Holz.,einsichtig machen" nicht mchr zu findcn. A Cass. 173 / Eng.-H. I Falsche Vcrncinung bci Rngclhardt-llolz. Richtig ist die partikuläre Negation bei Cassirer: Die..Verknüpfungen" dcr,.zufälligen Wahrheiten" haben nicht immer absolute Notwendigkcit''. Engclhardt- I-Iolz verneinen statt dessen universal..ihre Zusammenhänge [sind] von keiner absoluten Notwendigkeit". A Cass / Eng.-H. I, Auf diesen Seitcn kommt scchsmal dic Modalbcstirnrnung sauroit" vor. Sie bleibt bei Engelhardt-Holz unfibersetzt. In einem Kapitel. das die Analyse der Begriffe.,Mc3glichkcit",,,Vermögen", Machtu zum Thema hat. ist dies eine erhebliche Ungenauigkeit. A 186,26 I Cass Eng.-H. I ,Claires" wird von Engelhardt-Holz mit..deutlichm wiedergcgcbcn, was dic Pointe des Leibniz'schen Gedankens verdirbt. Leibniz unterscheidet bekanntlich strcng zwischcii,,clair" und,,distinctd'. A 191,24 1 Cass Eng.-H. I Engelhardt-Holz haben offenbar flüchtig gelesen: im Text steht nicht,,facultd" (,,Fähigkeit ), sondcrn,,facilit6". A 210,19 1 Cass Eng.-H. I, 345. Dic Wcndung iiber dic Substanz..tout lui vient d'elle memcaprb Dicii" wird von Cassirer richtig tibersetzt..nächst Gott kommt alles von ihr sclbst". Bci Engelhardt-Holz liest man,,alles kommt ihr unmittelbar aus Gott zu". A ff. / Cass Eng.-H. T Caasircrs ubcrcctzung ist die präziscrc. Ebenfalls in: A 335,9f. 1 Cass Eng.-H. JT, 167. A f. / Ca! Eng.-H. IT, 425. ZII übcrsctzcn ist,,citcl odcr" (statt,.aberu)..blol1 noniinal". A Cass Eng.-H Statt,,Nun ist cs unmöglich. daß..." stcht bci Lngclhardt-Holz das Gegenteil :,.Nun ist es möglich, daß...". A I Cass Eng-H Dic Paqsagc ist bei Cassircr richtig gefafit, bci Engelhardt-Ilolz unverständlich. A Cass Eng.-H. 11, Non plus quc" hcißt.,so wcnig wic" oder,,nicht mehr als". nicht aber nicht weniger". A f. I Cass Eng , 665. Durch einen Fliichtigkeitsfehler sind die Worte les moyens de" beim llbersetzen weggefallen, der Satz wird so bci Engelhardt-1Iolz unverständlich. A Cass Eng.-H. 11, In tler syrithetischen unrl theoreti-

7 Rr:merkungcn zu den..nouveaux Essais sur 1'Entcndcment humain" 201 schcii".,anordnung nllcr Walirheitcn" kommt..jeder Satz nach dcnen" (nicht,,nach clem") zu stehcn, von dcncn" (nicht,.von dem")..er abhängt". Andcrerseits beginnt dic,.analytische und praktischc" Anordnung mit dcm Ziel" (nicht,,den Zielen"),,dcr Menschen". 1.3 Ich fügc hier noch einigc wenige Richtigstellungen gegenüber beiden ubersetzungen an : A / Cass. 113 / Eng.-13. I L)er Rückverwcis ist von bciden Übersct- Zungen falsch ergänzt; cr niuß. wie die Akademie-Ausgabe richtigstcllt. auf das 1. Kapitel dcs 11. Buchcs gehen. A / Cass. 222 / Eng.-11. J, 359. Ueidc Obersetzungen geben,.facilit6" durch Fahigkcita' wiedcr. Jch gebe zu, rlaii dic Zusammenstellung.,aptitude ou facilit8" zu einer verbessernden Konjcktiir reizt; wcnn man jcdoch auf dicse Konjektur in Text und Atirnerkungen vcrzichtet, kann man sie nicht in dcr ubersetzung nachliolcn. A / Cnss. 279 / Eng-H. T, 467. Tn der Wendung.,wie bci clen taubcn Getlnnkcn" ist das.,wie" zu streichen. Zum Sclilufi noch cin arnüsantcr lrrtiim beider Ausgaben. A f. rcfcriert 1,eibniz den Aiisspruch, dcn..une pcrsonne de la plus grande clevation" gctan habe. Gss. 604 und Eng , 595 flbersctzcn einträchtig,,ein Mann von größtem Anschcn" bzw.,,cin Mann von liöchstem Range". I>ic Anmerkung in der Akademie- Ausgatie weist nach, wcr gemeint ist: die Königin Christine von Schweden. 2.1 Uber die beste Übersetzung bestimmter Begriffe wird man immer streiten können. An folgendcn Stellen ziehe ich die Fassung von Engelhardt-Holz vor : A vrilontnirc" / Cass. 165.,willkürlich" / Eng.-11. I. 249.,willentlich" mit der zusätzlichen Anrncrkung..Im französischen,volontairc' liegt der Doppelsinn von.freiwillig" und.willkiirlich'". A 172,24f...tion" -,,mauvais" / Cass. 165,,giit und böse" / Eng.-H. I, 249..gut und schlccht". A f..,voi~loir comme il fniit" / Cnss. 168,.des richtigen Wollens"...in der richtigen Weise... wollen" / Eng.-H. 1, 255 wollen. was man soll",,,wollen. wie man solltc". A f. irnaginations rcstdcs cle quclqiic sensation passee" / Cass. 192,,Phantasicbilder" / Eng.-H. 1, 301 Vorstellungen". A ,,provisi<iriel" / Cass. 407 oberflächlich" / Eng.-H. 11, 215..vorläufig". so auch Cassirer weiter uiitcn bci der ubersctzung von A A ,.l'histoirc naturcllc" / Easss. 409 Naturwissenschaft" / Eng.-H. 11, 221,,Naturgeschichte". so auch Cassircr 408 txi der Ubcrsetzung von A A 367,22 raisonncr" / Cass. 426 schlieocn" / Eng.-H. TI. 253,,vernunftgemäß denken". A 381,251...bon pldsir du Crcatt:urd' / Cass freit Willkllr" / Eng.-H. TI, 291..Gutdilnkcn", so auch Cassirer 448 bei der ULersetziing von A A 401.5ff.,.<lenomination exlrinseqiie" -..denomination intrinseque" / Cass. 473,.äuUere Kcnnzeicheii" -,.in~iere Bcstimmung" / Eng.-H. 11, 341..denominatio extrinscca (äußere Restimmung)" -,,tlenominatio intrinseca (eine inncre Bcstimmung)".

8 202 Klaus Jambi A ,.phantdmes" / Caw. 477 zuerst..erscheinungen", dann Scheinbildcr" / Eng.-H Scheinbilder". A ,.condamnation" -..renvoy" / Caw. 600,.Verurteilung -,,Lan<lcsverweisung" / Eng.-H ,Vcmrteilung" -..l~rei..pruch". 2.2 An anderen Stellcn scheint mir Cassirer in der Terminologie die glücklichere Wahl zu treffen : A ,.choses situces" / Cass. 129.,in räiiinlicher Lage bcfindlich" / Eng.-H. 1, 185.,durch ihren Ort bestimmt". A 190,lS raisons qui vcrilient" / Cass Bcwcisgründc für" / Eng.-H. 1, 295,,Gründe. die... rechtfcrtigen". A le meme homme" / Cass. 243,,dersclbc Mensch" / l<iig.-13. T, 397..als den gleichen Menschcn", im folgenclen bei der Obersctzung von A und A ff.,.derselbe. A f.,,cettc continuation et liaison dc perceptions" / Cass. 252,,dieser Lusammenhang..." / Eng.-H. I, 415..dicsc Dauer". 2.3 Bei einigen häufig begegnenden Begriffen fällt die 1l;iitsclicidung schwer. Cassirer übersetzt,,franc arbitre" und..libre arhitrc" durchgängig mit freie Willkilr" (A ; ; 180.2; ; / Cass. 169; 170; 175: 176; 196). Er kann dafiir ins Fcld fiihrcn, daß das Adjcktiv arbitrairea' (etwa positions arbitraires" A / Cass. 539 / Eng.-H ) sicherlich durch,.willkürlich gut vcrdeutscbt ist. Wenn man jedoch die mittelalterliche Diskussion..dc libero arbitrio". die ja hier von Luckc und Leibniz erneucrt wird, im Sinnc beliält. wirr1 man <loch den Ubersetzungen..Willensfreiheit (Eng.-H. I, 255).,,freier Wille" (a. a ; 271 : 307) odcr,,freit T.:ntscheidung" (a.a ) den Vorziig gchcn. Dic Ubersctzer hättcn da1111 allerclings..libertc de vouloir" (A f.), um L)r>l>pcldeutigkciten zu vermeidcn, mit Cass. 168 durch..freiheit des Wollens" statt durch,.willensfreiheit" (1lng.-H. I, 255) wiedergcbcn müsscn (entsprechend A 175.5,,liberte <lc faire" durch Freiheit tlcs Hanrlelns" statt durch..handlur~gsfreiheit"). Ein zweitcs Heispicl.,,Pro~>osition" wird von Cassirer cntweder mit,.urtcilh oder mit SatzM wieclergegebenl'. Engclhardt-Holz vermciden - vielleicht zur deut- licheren Unteechcidung von,,jugcmriit" -,,Urteil" und vcrwcnden..aussagcm,.,aussagesatz" oder auch,.satz". Ihrc Entscheidung entspricht dem Sprachgebrauch der m0derneii Logik, widerspricht abcr dem Sprachgebrauch der 1,cibniz- Zeit. wie an Kants..Urteilstafcl" ersichtlich ist. Die Pragc nach dcr rechten Ilbersetziing verdiente einc eingehcndere IJntersuchung; vermutlich ist cine allgemeine Regcl riicht aiifzustellcn.,,prnposition innee" ist wohl in jedem Fall mit eingcborencs Urteil" wiederzugeben, nicht abcr, wie konsequenterweise bei Engclhnrdt-Holz und inkonscquenterwcise bei Cassirer zu lesen ist, mit cin.geborcncr Satz" (A ; / Cass. 42; 407 / Eng.-H. T, 23; ). l4 Stellenangaben im Hegistcr der Akademie-Ausgabe s.v.,,prr>position" und im für die Neuauflage erstellten Register der C~ssimnschen Ubcrsetzung S.V.,,Satz. Urteil".

9 13eriierkiingcn zii rlcii,,nouveaux 1Cssn.i~ sur 1'Eritendcmcnt huiiiaiii" 203 Zii Iiberlegeii wiire auch. nb iiiaii Tcrniini. die iii der p1iiloso~)iiischcn 1)iskussion ihrcn festen Platz gcmonncn haben, wie auch solche, bei tlericn die Uberselzung kcinc Vcrdcutlicliung bringt, niclit stclicn la5st:n sollte. 1)ic Uegriffc.,F'crzcptioti" und Apperzel>tiori" gchörcii zurii i3c:stand dcr philosol>hisdicn l'criniiiologie: bringt ihre Unisclircihiing (X. I{. A pcrccptioii" / Cass. 7..Vorstellung"; A 83.27,.a.ppcrceytioii" / Cass. 52 dcutliclies Bcmcrkcn" / Eng.-H I, 39..bcwuBte Wahrnchinung";..perccptionM blcibt bei Engclhardt-IIolz übrigens cliirchweg iiniibcrsctzt) wirklidi mehr Klarheit? Den i3t:griff,,consiileiice" (A f.; ) Ilberiiehmcn Cassircr (101f.) wie: ö.iich 13ngelhartlt-Holz (I, ). Es hättc daiiii wolil auch (Icr (;cgciibegriff iiicoiisistancc" (A 124, 11) im glcichcn Kontcxt stchcnbleibeii sulleri. statt von Cassirer (100) lind voii Engclliartlt-Holz (I. 131) durch,,lltivcrciiiba~rl<<:it" iibcrsctzl zu wcr<lcn. Zieheri wir eine crstc I3ilanz. Dic gcgchene Atifzähluiig der 1;eliler lind Urigeriauigkeiten I->ca.tisl~ruclit keine Vollcl.Ii.ndigkeit, wohl aller Ausgewogenlicit i i dcr ~ l'roportion. Dariacli ist die %al-11 der falscli übersetzten Stcllcti bei Engelliardt-Holz ~~GröUer als bei Cassircr, und zudcni Iiandclt es sicli bei Engclhardt-Holz in den mcistcri Fällen uni grbhcre Iichlcr. Der Genauigkeitsg~lrl und die Sorgfalt dcr C;i.ssirerschen Arbeit erweisen sich des wcitcrerl an einer Rcihc von textkritische11 Konjekturen im Anmerkiingsapparat, dic fast iniiner von Rohinct-Sclieliers bei erneutem H andscl~riftenvergleicli bestätigt wnrdcn : Cass. 57, Anrn A Varinntcnapynrat. trifft C:lssircrs VerniuLuiig zwar nicht dic letzte. aber (loch die vorlctzte Passung Lci1)nizcns. Cass. 217, Anm. 80 und 430. Anin A f. iintl f. In beiden Fällen ergänzt Cassircr ofienvichtlichc Tcxtliicken durch den Rück~~iff auf Lockes Original. Dic Akademie-Ausgü1)c folgt dicscr Iintsclicitlung. Cass Anm. 3 1 A 275,20. Die Kndcriing der Intcryuriktion gcgcnüber der Gerhardtschcn Aiisgabe ist iri clcr Akadcmic-Ausgabe tiberntirnmcn. Cass Anm. J 5 / A 370,21. 1)ic Kndcrung von..propositinns" in,,proportioiis", die Cassirer mit Hinweis auf 1'nrallt:lstt:llcn bci Lcibniz vorriimrrit. wird diirch die Akndeniie-Ausgabc bcst5tigt. Cnss. 441, Arim. 30 / A Cnssircr äiit1t:rt,,m;iis d'exclure toutes 1t:s Rxpressions hnicc" mit Hiiiweis auf eine Pii.rnllclstclle (GM V. 120f.) in,,iiifinics". I)ie Akadcniic-Ausgabc folgt ihrn hierin nicht. Tch halte jedoch Cassirers Ilntschcidiing filr richtig. Cass. 594, Anrn. 111 I A Cassirer slreicht zwei Worte. da er hier ciricii Schrcibfcliler vermutet. Rngclhardt-llolz weisen t1it:st: Konjektur ab (11, 576f. mit Anm.); tlic Ht:r:liisgcbcr dcr Akadcniic-Ausgal>c jctloch Iibcrnehincn sic. in. E. mit Rccht. Ist mit dcm Nachweis, c1al.l die ältere ilbcrsetzurig Cassirers im Dctail zuverlässiger als dic neuere von Engelliardt-Holz ist, die Frage nach dcr Notwendigkeit eines Nachdruckes bcjalienci eiitschiedcn? Ilall der Benutzer dcr Ausgabe von Engeltiardt-tlolz das Original aiif der Gegenseite vergleiclien kann, gleidit rnanclie Ubersct~iin~smängel aus. Nun bietet andererseits auch die Cassirersclie Ausgabc melir als eine hlolle ifher~ctziin~. lunleitung, Erläuterungen, neuerdings im Nach-

10 204 IClaiis Jacobi druck auch Register lind 1.itcraturliinwcisc - alles Vcrständiiishilfen, auf welclie die Ausgabe von Engelliardt-Holz vcrziclitct - sind in die Prüfung miteinzubezichcii. Zur Einleitung Dic Einleitung Cassircrs glicdcrt sicli iii zwci Tcilc. Nacli einigen kundigen Hernerkurigen über die Wirkung der Nouoeatcx l~ssais auf Lessing, Herder und Kant und weiter über die Stellung des Werkes in Lcibniz' CEuvrc folgt im ersten Teil dic bereits oben zitierte Struktiiranalyse. Mit der Untersclieidung zwischen der äußeren, durcli Locke vorgegebeiieti Abfolge der I'roblcn~e lind der inticrcii 1)ispositioii der Leibniziscl~en (;edarikeri gibt Cassirer der1 gecigrieteri Sclilüsscl zum Verständnis des Werkes. In1 umfangreidiereii zweiten Teil der 15iiileitiing skizziert Cassircr zunächst IIauptliiiicn der Gescliichte des Aprioritätsgedanker~s" (Xlll), um dann, durcli die historische Orientierung vorbereitet, den Kernpunkt dcr I,ockc-Kritik 1,cihnizcns zii akzcntuiercn. llic platonisclic Irlecnlelirc wird tiacli Cassirer von Leibniz vor dem in der Fassung, die sie hn Dialog i'heatet erlialteii liat, rezipiert, nicht als Metaphysik der Präexistenz, sondern als Lehre von den,,reinen Beziehungshegriffen des Denkens, von den Begriffen des Seins und Niclit-Scins, der Gleichhcit und Ungleicl-iheit, des Selbigen und des Vcrschicdcricn, des Kincn uncl dcr Zahl" (XIVf.), welche die Seele niclit aus Wahrnelimungen abstrahieren kann. sotidern rein durcli sidi selbst erlallt" (XV)l6. An die Platoriischc Frage nach dem, was als,präinissel aller Erkenntnis selbständige, von niclits anderm ableitbare Gültigkeit besitzt" (XIII), also knüpfe Leibniz unmittelbar an. Aber der Hinweis auf Leibniz' Platostudium mache,,die besondere C~cstaltui~g scincr Lchrc" (XV) noch niclit verständlich; um dieses Verständnis zu gewinnen, sei es vielmelir ntitig, dcn cigcntüm lichen Weg der gescliiditliclieil Vermittlung der Platoriisclien (;cdankcn" zu betraclitcn (cbcl.). Oiese Schcicliiiig zwischcli Metaphysik iiiid Lrkcnntniskritik cntstamnit liistorisch eher CASSIRERS Neukantianismus als dcr 1.irlic~lzischcn odcr gar (lcr k'~~ro~ischcn k'hilosophic. VgI. D. MAHNKES Urtcil iibcr Ciissircrs Lei1)riiz-Iiiterprelntion (Leibnizens Synthese von Uniucvsalmathcrnatik ctnd lndividualmstaphysik. Ncudruck ticr Ausg. von Halle Stuttgart-Bad Cannstatt 1964, S. 57f.): MAHNKE bctont,,,d:ro cs Cassircr... gclungcn ist. von seinem eigenen. scharf ausgcprägtcn Standpiinkt aus den Blick in cinc neuc Dimension der Leibnizschen Gcdankcnwclt zu cröffncn, in ihrcn T<lcalismus der schiipferischen Vernunft". Abcr er fährt kritisch fort:..ehcnso sicher ist. (lau auf diese Weise tiichl der ganze Leihniz siclitbar werden kann....der Lcibnizianismus [erschcint] bci Cassi rcr in rcin nciikaiitisdi<:r I3<:lt:uchtung.... Die erkenntniskritisch-idealistischc Ixibniz-Pcrspcktivc [t><:darf] <iringen<l der Ergänzung nachder me tapli y sisc h- rcal i st i SC h cn Scitc hin, dic historisch doch wohl die pti~näre gewesen isl.

11 Beincrkiingcn zii den Nouveaux I<ssais sur 1'Entcndcmcrit huniniii" 205 Bei Aristoteles sei die selbstäridige I3cdcutung des,allgemeinenc in der Erkcnntnis", wie Cassircr gegeii die Ueriifiing des niodcrncn Sensualismus" aiif Aristoteles gcltcnd maclit, riiclit verneint, scsndcrn nur iimgecleutet: Nur rlarin bestellt die frcilicli entsclieidcnde Differenz: daß Aristoteles dasjenige, was Platon als cinen Gegensatz innerhalb dcr Erkcnntnis entdeckt, als einen fertigen Gcgensatz in dcn Dingen voraussetzt. Die 0bjckt:c sclbst... sind aus Form uiid Stoff, und somit aus einem,~llgemeinen' lind ciiiem,besondcrcnf zusammctigesetzt. Und eben duin bestclit dcr Weg des Wisscns, diese hcidcn Faktoren rein voneinander abzulöscii: das,wesen1 dcr Dinge Irei von den zufälligen individuellen Restin~rnlhcitcn zu gewinticn" (XVI). Der Form-Materie-Metapliysik entspreclie also eine Erkenntnislehre, die sich als Abstn~ktionstlicoric darstellt; irr1 Prnsicß der Erkenrittiis müsse, ausgclicnd von der F;mplindiiiig, der Begrirf oder die,,wesenheit der Dinge... fiir sich selbst und lcisgcltist" (XVII) gewonnen werden. lloch erweise sicli arn Apriorititsproblern, daß diese Erkenntnislehre mit einem... Widerspriicli behaftet" ist (ebd.): Die reinen intelligiblen Objekte", dic nicht weiter ableitbaren Gnindbegriffe, auf dcncn jede vermittelte logische und wisscnschaftliclie Erkenntnis beruht" (ehd.), können niclit mehr abstrakti V gewonnen werden, und so müsse Aristoteles einen rein aktiven Seelenteil einfülircn, dcr diese Lrundb~griffe rein aus sich selbsttätig bildet. Damit aber sei. so urteilt Cassirer, die Kontinuität innerhalb des systems durchbrochen, und es sci aus diesem Kontinuitätsbruch zu begreifen,,,daß die neuere Zeit, nach all der ungeheiicren Arbeit, die das Mittelalter Iiier geleistet liatte, die Aristotelische 13ntscheidung dodi nur als dic Wiederholun~ des alten Rätsels, nidit als ihre Lösung anzusehen verrnochtc" (ehd.) 16. Die neuzeitliche Frage nach den apriorischen Grundlagen der Erkenntnis hat, wic Cassirer andernorts nachgewiesen hat1', verschieden- 10 Der systernatisclic Stantlpiinkt, von dem niis ARIST~TELKS hicr beurteilt tvirtl. ist der der neuzcitlichcn Wdirlieitslrage und des nciizi:itlichcn Systcmhegriffs. Dagegen ist in1 Kontext tlieser Einlcitiing nicht5 cinzuwanden. I):I. schoii im 1:rngcansatz CASSIRKRS,.Apriorittit" nciizcitlicli irii Sinne von Rrfalirungsunabhängigkcit konzipiert wird, kann auch der Rßck1)lick aiil die Antike nur itri Sinne einer Vorgeschichte dieser Konzeption gcschcheri (zurri antiken iinrl rriitlelalterlichen Verständnis von Aprioritäld s. iieucrdings: H. SCIIEPERS, A priori - a posteriora. in: Hisfw. WGrlcrbuch dfr Philos.. hrsg. V. J. RITTER, Hri. I, Basel- Darmstadt Sp. 4ö2-467). Dan CASSIRER init dieser Fragcstelluiig dem aristotclischcn ncnken riicht voll gcrcclit wird, mag cr selbst gespart habcn. als er in der zweitcn Auflage seines L'rkenntnisproblems [s. Aiini. 171 die cinlciteiideii Uetrachtungcn ühcr (las Erkenntnisproblcm in dcr griechischeii Philoso~~hihie" fortfallen ließ. da sie ihin.,in ihrcr tiis11cril;cn Fassiiiig nicht mehr genügten'' (vorrede ziir zweiten Aufl., Nachdr. na.rmstadt Ud. 1. S. 1X). '' E. CASSIRER, Das l~rkcnntnisprohlcm in der Philosophic und Wissenschaft der notcren Zeit, Ud. 1 ii. 11, ziicrst Uberarbeitung 1911, Nachdruck Darmstadt 1971 bi t. : Lirkcnntnisprohlcm].

12 206 lilaus Jacohi artige J)ucllen und Mritive. In dcr Einlcitiing zu dcii 1,eibniz'schen Neuen A.bhu?zdlungen berührt Cassirer kiirz drei Riclitungen, die für Leibiiiz' Pa.ssung des Problcitis unmittelbar oder tnittelbar wiclilig geworden sind. Herbert von Clie:rbury, gegeii dessen durrli die Stoa vi:rrnittelten. religiös gcstirnmten N<:i~l>l;~tonismus sich Lockcs lcri tik direkt wendet. sielit die Wurzel jeder allgemeingültigen Bciirtcilutig von Walir und Iialscli, von Gut und I3vse in cincrri natürliclicri Vernunftinstinkt", der jcdcm denkenden Wt:scn als solchcni ei~igeborcn ist" (XI X) "'. Galilci iirid Keplcr,,stimmen in der Grundansicht übcrcin, da6 dcr Geist die T<cnnlriis der not we ndigcn Bezicliiitigcri, die sich immcr aiif gleiclic Weise vcrlialten müsscri, rein,aus sich selbst' scliöpfe" (ebd.), und sic legen so die Fundamente einer Wisseilschaft dcs Bewegtcii, die cxakt und mntlictrii~tiscli gcwilj istlg. Iiiir Dcscnrtcs scliließlicli sind Ausdcliniirig, Crcstalt und Bewegung" die eingeborenen,,modelle, nach deren Miistcr alle unsere Kenntnis von 13inzeldingen sirli gestaltet" (ebd.) wissenscliattliclie 15rl<enntilis ist die Trailsfornint.io11 des Wahrgcnorririlenen in die Matliesis univcrsalis", dercn I'ririzipien dern Geiste eingeboren sind. Lassircr hebt liervor, welche Ausweitung der,,umkreis dessen, was dcrn reirien Vcrstaride zugcl~ört," (XX) iii der Neuzeit, verglichen mit den1 l'latonischcn System, erfahren hat. 1)ie entscliicdene Konscqucnz aus der vorangcgangenen 1i:ntwicklung zieht Leibniz, indem er aucli die Kcgriffe des liaumes und der Zeit" (ebd.) und damit die Rcgriflc der Dauer,...der 'I'xtigkeit und der Vcränderiing" (XXI) zu den reinen Ordriungsbegrifferi des Verstandes vor jeder Erfaliriing zälilt. Zufolge dieser Radikalisierung nun wird CS fiir Leibniz dringlicli, sich rnit dcr Kritik ausciiiariderzusetzcn, welclic der Sensualismus gegen den ncuzeitliclien Tntellektua1i.m~~ im ganzen vorträgt.,,hat es einen Sinn, dir. iirsprüngliclic, nur durch sich sell->st bestiinil~tc Aktivitiit der,seele' bis iri dieses Gebiet" (der,,veränderung der Dinge iri liaum iiiid Zeit").,erstreckcri zu wollcii oder muß Iiicr riicht von Anfang an der I3cgriff des,eingeboreneil' der Kritik und dem Spott cles Sciisualisirius weiclien?" (c1.ld.). 1-cibriiz stellt 1,ocke gegeiliibcr zunächst klar, daß dic Art, wie wir in der Entwicklung unseres Bewußtsciris zur Kciin tri is eines bestimrriten Siihjcktbegriffes gelangen, mit der Qualität und Bedeutung des Urteils, in welches dieser Begriff eingeht, nichts zu tun hat" (cld.). Mari kann Locke zugestclicri, daß, gciiciiscli-psycliologisc.1i betrachtet, die Erfahrung uns erst (ielegcnhcit gibt, uns bestimmter Rcgriffe bcwußt zu werden, - die lirage naclr der Geltring der IJrtcilc, in welclic diese Begriffe eingehen, wircl von dicscr Herkunftsfrage gar nicht berührt, soildcrri sie ist durch,,logisclie A ti al y se" (ebd.) zu entsclieiden. 18 Vgl. lirkennlnisprohkrn 11, 203 ff. Vgl. a.a ; '0 Vgl. a.n.o. I

13 Bemcrkungcn zu deii Nouveaux Essais sur 1'Entcndrnicnt liiiiniliti" 207 Voii ciiicr notwendigen Walirlicit oder Vcrnuriltwdirlieit ist gcriau danri zu spreclieii, wenn durcli rndlicli viele Uenkscliritte das lttitlialterisein des Prädikats im Subjekt" festgestellt werden kann (cbd.). Aucli die 1;rngc wie weit sidi das,eingeborcnc', wic weit sidi die ursprüngliclic Sc1t)sttätigkcii des RewuUtseins in unserer Ilrkcnritriis erstrecke, kann... nur auf diesen1 Wege gelöst wcidcii. Niclii daraul kommt es an, wclclie Elerrierite der Erkenntnis als crste gcwußt, sondern welclic lllenierite durdi die andcrcti bcs t irrini t und begründc t wcrdeti : dieses Erste der Begründung ist CS, was als die eigeiitliclic Spliärc des,lsingeboreneii' abgegrenzt wird" (X X I I ). Dic Aufgalje. die Cassirer sich gcstcllt l-iattc, riiimlicli in liistorisclicr Oriciiticrung das Verständnis dcr Lcibniz'sclieri Auseinandersctzuiig mit J.ocke vorzubereiten, kfirititc als niit dieseii Erörtcrungcn criiillt gcltcn. 1':s kenrizeiclinet den Iiohen pliilosopltisclieri Anspruch dicscr Einleitung, dau Cassircr sich rriit dem Erreiclitcn iiiclit zufrieden gibt, es vielmelir in cincni wciteren Keflexionsschritt crncut problerriatisiert. Die Position dcr ~Vouvcrrux Essais miiß zu anderer) Momenten dcs Lcibnizisclien Systcins, irisbesondere zur monadologisclie(n) Grundaiischauung" (XXlV) iiis Verliältnis gesetzt werden. Dies ist nach dcm von Cassirer irr1 erstell Teil dcr 15irilciturig Ausgefülirtcii kcinc cinf;iclie Übersetzungsaufgabe. Sic kann nur so gelöst werrlcii, daß dic Erkerintnislehre der Nouvcaux Essuis, soferri sie innerlialb dcs systcnic comrriuii" verbleibt kritiscli in 1:ragc gestellt und dadurch auf die tielere Tlieorie des Lcibniz'sclien,,systGme nouvcau" 22 zugelülirt wirday. Auf den crsten Blick nämlicl~ schcint, wie Cassirer ausführt, dic Iogiscli-crkcnntriiskritiscli begründctc Verteidipng der eingeborenr;ii" Begriffc und Walirlieiten in Spaririung zu der Leibnizisclien Mctapliysik zu stehen. Notwcndige Veniunftwahrlieitcii konneti riur als allgemeine Siiiae, als Iiibegrifl universeller Gesetze" (XXll) gcdaclit werden. Nach Leibniz' hlctapliysik aber liegt der Charakicr dcs Wirklidieii... in 81 C~ssinirn gcht so wcil, dics ciiic gcfiigigc Anlic~liiciiiii~~g 1~cil)iiizcns. cli:r in drm l:cinülieii, der Diskussioii jcde pers81iliclic Scliäric zii nchiiicii, biswcileti selbst ciic priiizipielle Schirfe uiirl Klarheit in Geialir bringt," (XXVIl) zii ticnncti. 4' vgi. das Syslcnzc nouorau de ia nature cl dc ia communication des subslances... mit den zugchijrigen lintwurfs- und Verti:i<ligungsschriftcti, GI' IV 471,503; ; Teilübersetzungeii: C. W. I.E~BNIZ. Hauptschrifirvz ZU7 (;rundl<.~.ung der Philosophie, tibs. V. A. BUCTIENAU, durci~~cschetl U. niit T?inlcitiiiigcii und Erläutcruiigen hrsg. V. E. CASSIKWH, Philos. Ribl. Rrl. 107 U Ilaniburg a19öci [zit.: Hauptschriften I I ; urid in: G. W. l.srn~rz, KIeinc Schriften zur Mclaphysik - Opuscrrles m laphy.siqucs. lirsg. U. iibs. V. H. H. HOLZ (Frankfurt 1985) *J Vgl. zu dicscm 1iiterprelatiotisvr:rfahrcii das Urteil CASSIRKRS übcr T-cibniz' Verialircn, mit dem der Abschriitt übcr I.cibnizm Ausei1iari<lcrs(:tz111ig mit der empiristisclieii Kritik bcgititit:..die Para<loxic, dic sich hier ergibt, wirr1 vcin 1-cibniz gelöst, iri(1eni cr sie LiewullL urid mettio(liscli stcigcrt" (XXI).

14 208 Klaus Jacolji seiner durdigiingigen Individualität" (ebd.). Mit diesem Prinzip der lndividualität ist einem Rationalismus wie dem cartesischen, der die Fra~e nach dem Verhältnis zwischcn Wissen und Sein. zwischcn dem t 7 Allgemeinen und Besonderen dadurch bcantwortct [liatte], daß cr dcn (Icgcnstand der Natur sell~st iri ein rriatliernatiscli Allgemeiries aulliiste" (ebd.), der Boden entzogcn. Dcr rcinc matlicmatisclie Kaum ist für Leibniz eine blol3e Abstraktion; die Materie ist niclit, wie bei Descartes, durch Gleiclilörmigkeit, sondern durcli ilire durcligän~i6.e Ungleicliartigkeit charakterisiert" (XXIII).,,Wie aber vereinigt sicli nun jcnc unbegrenzte Mannigfaltigkeit des Wirklichcii iiiit der Forderung der Einhcit, dic iti unscrcrn Vcrstandc liegt; wie vermag dic Allgcmcinlicit von Kcgclri urid Gesetzen das Iiidividuelle zu ergreileri, iri derri das,sein' ursprunglicli und eigentlicli bestellt?" (ebd.). Liegt es niclit in der Ihn- Sequenz der 1.eibnizisclien Metapliysik, die,,allgemeinen Begriffe" ni.1- minalistisdi zu bloueii,wortwesen"' zu verfluclitigen (ebd.)? Entschiedener noch stellt Cassircr dic Gcgcnscitc in Gegensatz des,außen' und,innen1, des,ernpii-isclicn' und,rationalen' (XXIV) in Icrage. Der Standpunkt, dcti 1,cihniz... zu Scginn dcr,neuen Versuchc'~innimmt, ist durcli dic I~ragcstcllung ~ockcs, die er anfangs noch oline Einscliränkung hinnimmt, mitbestimmt.... Es gibt - so sclieint es - einen bestimmten Bezirk. in welcliem sicli das Bewulltsein reiri passiv als eine Nachahmung des iiußerlicli Gegebenen verhält, wälirend es in eiiiem anderen Gebiet, in der Erzeugung der reinen Form- und Verhältnisbegriffc allerdings ein~ scliöpferisclie 'l'ätigkeit entfaltet" (ebd.). Abcr diescr Standpunkt, so argurneritiert Cassirer, könnc für Leibniz selbst iiiclit die letzte und endgültige",,~iitsclieiduiig" scin..,nacli der Strenge der rrionadologisclieri tiruridariscliauurig" sei,,jcdwcdc Kcdc von der Einwirkung des ÄuUeren auf das lnnere überliaupt zu beseitigen".,,kein Inhalt, er sci welehcr Art cr wolle," könnc,von außen' in die Monade hineingetragen werden. Das Bewußtsein ist scliöpferiscli niclit niir iti beziig auf diese oder jene Sonderklasse scincr Inhalte, sondern sclileclitliiri iri bezug auf die Alllieit dessen, was iii iliin stattfindet" (ebd.) e4. " Vgl. Erkennfnisprol>le>-n 11, 137ff. Die Arguiiienlation CASSIKEKS ist nicht gaiii. glltlcklicli forniuliert, sofcrn in ihr die -- zuvor als unlcibnizisch abgcwdirte - Frage nach der IIerkuiiit unserer UewuUtseiiisinhalLc iiun doch fllr die Monadologie bcniitwortct schciiit. Um CASSIKKK rccht EU vcrstchcn, muo der Akzent wohl eher auf dcn Ccgcnsatz,,Passivität"-,.Sclbsttätigkcit" dcs Bcwußtseins gelegt werden. Nach T.cibniz ist dic Ursachc-"Wirkungs- I<atcgoric auf dic Monatien niclit anwcndbar; dcr Erfahriingsbcgriff ist mit dcr Monadcnthcoric nur tla1i11 uiiverträglich, wcnn er mechanistisch als,,eiiiwirkung dcs,&iißcrcn auf <las In~iere" erklärt wird. IJm tlicscm MiOvcrständnis zu entgehen, setzt Leibriiz an die Stcllc dcs Erfalirungslicgriffcs dic Rcgritic dcr Pcrzcption untl dcr Re~iräse~itatioii. Im iibrigcn vcrwcndct I.cibniz tibcrall da, wo sich das nicchanistischc MiUverständnis nicht ii;ihclcgt. unbefangen dcn 'l'crrninus,,l-;rfaliriing", iintl dics nicht nur in den

15 ßemerkurigc~i zu <I<:n,,Nouvcaux Essais sur 1'EnCenclenient liurriairi" 209 Die illririadcntlieorie, riacli welcher jede Einzclsuhstanz das Ganze ihrcs Irilinlts nacli einem besondcrcn Gcsctz Iicrvorbringt" (XXV), ist dic strenge Leibnizisclie Fassung dcs Prinzips der IndividualitäteG. Aus dieser Binsiclit iri dic Zusanimengeliörigkeit der beiden aufgcworfenen Probleme entwickelt Cassirer deren Lösung. Das besondere Gcsctz" der einzclncn 13rzeugungsregel" werde von Leibniz als..rcsonderung" allgcmciner Gesetze gedaclit, in welchen der ideal C Zusammenhang zwisclien" allen rnaniiigfaltigcn,,einzclregeln" dieser Welt bestimmt ist (ebd.). Diesen Zusamineiiliarig - und daniit die neue Weise, in der Leibniz das Verliältnis des Individucllcn zum Allgerneii-ien interpretiert - erläutert Cassirer aln Modell der matliematisclien Entdeckungen Lcibnizens. Das Allgcnirine ist nach der Analogie einer Funktionsglcichurig zu denken. die eine uriendliclie Zahl von kontinuierlicl-i variierenden Erfüllungcn zuläutz0. l)ie Iridividualität der Einzelfälle hcbt das allgcrrieine Gruridgesetz nicht auf; dcnn sic ist nur irinerlialb dieses Grund- gesetzes überliaupt setzbar lind rrihglicli....die allgenieine,welt- formel' [erscheirit 1 in jcder eirizelnen Monade als erhalten und diffcrcnziert, als identisch und nbgcwaridelt" (XXV1)27. Und von diesein all- Nouusaux Essais. llicr sci nur eiiie typisclie Pass;i~c zitiert:.,13ic Sinnc gcbcn uns den Stoff zuni Nachdcnkcn, uricl wir küiiriteii gar iiicht ciiirrid an (las Ijcnkcn dcnlrcn. wenn wir nicht zuglcich an ctwas anderes diichleri, näiiilich an tlie t)esond(:reii Inhalte, die die Sinnc uns liefern. Auch bin ich üi)crzcugt, tlau clie Scclcii und die gcschafferieii Geistcr nicin:ils oliiic Organe und iiieiiiuls oliiie siiiiiliclie Em~)fintlurigen sind. denn ohne (sinnliche) Zcichen vertn6gcii sie nicht zu deiikeri" (Nouv. Ess , $ 73, A 212, Cass. 218). ** 111 den Nouvcaux Essais ist zwar von der Monadentheorie nur andeutungsweise die Rede (vgl. im t<egister der Akadeniie-Ausgabe s.v...mona<lcs" Iizw. lici CASSIRER S. V..,Monatlcn"); die ciit5prcchcndc logische These von der Irihäreriz allcr cineiii Subjekt zuk<iriimcndcn Pr%<likatc in diesem Subjekt indes wird oftmals dargclcgt und bildet eirieri Arigelpurikt clcr I~isiii~izischcn Argumentation gegen T.OCKE ebd. s.v.,.(l(lriorniiiation" I,,J~cstiinniun,("' ferner s. V.,.individuU /,,lndividuiiin"). Vgl. Erkenntnisproßlem 11, 153-1W2.,,Da Momcnt. nach den1 die Abwaiidluiig sie11 vollzieht," sicht CASSIRRR..in dem Craclc dcr,ucutlichkeit' der Vorstellungeii der Monaden" (XXVI; vgl. Leibnia' System, S. 407). Leibniz gibt jedoch auch eine andcrc Dcutiing: Das gesamtc Universum wird von jedem Iridividuuin ~II einer bcsonclcrcn I-'crspcktivc repräseritiert. Nach dcr Pcrspcktivitätsthese sind - im Unterschied zu der von CASSIRER hcrvorgehobenen Deutung - verschie(1eiie gleich dcutlichc Rcpräsciitationen dcs Ganacn möglich; in uiiterschicdlicher Deutlichkeit stellt jede Monadc primär bestimmte Teilkomplexe der Welt vor, vcnvorrcn die für dicsc Monadc,,entfernteren" und,,klcincrcn", deutlich die,,riäliereri" und,.gröderen" (vgl. 2.B. Monadol. $$ ). CASS~RER schwächt diese l->erspektivitätsdeutuiig ab; die Rede von,,näht" und,,enc1ernungf* stellt für ihr1 nur eine vorläufige UII~ urizureichencle Mctaphcr dar (vgl. in: Ilauptschri/tcn 11. Einl. S. Y9 und Erläuterungen zu der1 envähntcn Paragraphen der Monadologie S. 44Sff.). Leibniz benötigt jedoch

16 210 Klaiis Jacobi gemeiii metaphysisclic~i Hintergrund aus crsrlieint nun aiicli (las Verliältnis des,empirisclien' und des,ratiotialen' Wissens... iii hellerem Licht.... Jedcs ICrlalirungsurteil vcrdnril<t seine Gültigkeit einer allgemeinen, ilim zugrunde liegcndeii,maxime1, dic in ilirn nur für einen bestimmter1 Einzelfdl ausgcdriickt erscheint; jcdes Urteil, das citi Verliältnis seiner intellektuellen Hcgriffe aussagt, weist auf eine konkrete Sphäre von Tatsachcn hin, in der es sich vollst%tidig erfüllt" (cbd.) 1st mit diesen IIinwciseri das Problein, die unl>egrcnzte Mannig- Ialtigkeit clcs Wirklichen mit der Forderung der Binlicit, die in uilscretri Vcrstaride liegt," zu vereinigena', gclbst? Es fällt auf, daw Cassircr lediglicli dcn Widerspruch zwisclieri der Allgcmciiilieit der Regel lind der Besoiiderlicit des Individuell-Wirklichen vertieitit (,,Die Iildiviclualität dcr b;irizelfiälle hebt das allgemeine Grundgesetz ilirlit auf"). 1)ie Ixibnizisclic Wcridung ordo in virietiite" ist hiir so verstanden; dau Ordriung dcs Garizen trotz dcr Maririigfa~ltigkcit des Einzelnen Iicrrsclit; die allgerneine Regcl würde gewissermal3cri die Greiize bcstinirrien, iiinerlialb derer die Bcsoiiderurigen koiitingcrit variieren. Lcibiiiz aber behauptet melir: Die Ordniirig des Ganzcii ist nucli durcligäiigigc Hestimmung jcdcs Uetails; die mogliclien Variatioricn selbst sind geregelt, niclit nur ilir Spicltaorri. Nuii stützt Cassirer seinc liitcrpretation durcli eiri langes Zitatm, ili welchem cbenlalls lediglicli negativ formuliert wird, &aß.,,keiri wirkliclier Vorgang jemals dic: Gesetze der Kniitinuität [...] und nllc die anderen exnl~testen Regclti clcr Matliematik verletzt"', da0 l>ci<le Hypothcscii. urn die Phänoincnc zu retten. TJic von CASSIRKR einseitig hervorgcholi<:nc tlypotliese (lcr Dciitliclikcit?;alistufi~ng crklart tleri IJntcrschicd zwischen rrielir ocicr minder liewuot pcrzipicrciideii Rlasscn von Moriaclen; cliirch dic I'ers~><:ktivitStshypotl~ese w<:rdcii Erscheiiiuiipcii wic Aktivität iiri<l Vcrursachuiig bzw. Passivitfit iiiid 13ewirlctwcr<lcn als Dcutlichkcit baw. Verworrcnhcit dcr Perzeptioiieii cincr Moiinde Birisichtlich bcstiitiititer andcrcr, nicht aber liinsichtlich der Gcsanithcit aller Moria(1cn crklärt (vgl. Monadol. $ ). " Zur Ergänzung dieser ßunclsiitzliclien Klärung vcrweist CASSIR~R aiif scinc Ausfiiliriingcn in der Eirilcitiing zu dert,.scliriftcn ziir Metaphysik" (Hauptsclrviffsn 1 I, 108ff.). Dort cxplisicrt er riiit H(:lcgcii aus den Nouvcaux ICssais die Lnirc~rzische 'i'hese. (lau kcinc Abbildtlieorie Iiinrcichc, die l<ealitzt dcr ini Eridirungsiirtcil als tatsächlicli l>(:iirtcilten Pliänornenc gcgcn den Vcrrl:+cht elcs blolleri Traums und Schciiis zu sichern.,,l)ic Phänomene sind rcal. riidit wcnn sie fllr sich 1)estchcndc dingliche Originnlc abspiegeln. sondcrn weiiri sie in sich selber eine Ordnung bcwahren und eine Verkniipfiing aufweisen, wic sic den intelligiblen Wahrheiten cntspriclit" (a.a mit Bezug auf: Nouv. Ess. IV. 4, 3 4). Dai3 clieser Nachwcis cicr J<ntsprecliung dcr Phänoiticrie mit dcn nllgeriieincn Vcrnunftwalirlieiten nur ein Aspekt cler Vcrifikationsproblt:rnatik ist. wird weitcr untcn gezeigt werden. Lvwid~r~ng auf die Uctruchfungen tiber das Sysfcrn der prästabilicvf~~~i Havrnonie in der zweiten Auflage des tjayleschcn,dictionrtair~ hisforiyz$e et critquc' (Artikel: Rovavius) (1702), CP IV. 568I. 1 Hawpfschviltcn ti. Die Kürzungen dcs Zitats, die CASSIRIEK für den Ali(lru(:lc in der Eirileitung vorgciioniriieri hat. sind dort nicht kenntlich gc~naclil.

17 Bemerkungen zu den,.noiivcaux Essais sur 1'Rntc1i(lemeriL humain" 211,die tatsäcliliclien Dinge sich nicht von den Regeln der Matlicmatik entfernen körincn' " (XXVII). L)ocli ist Iiicr von Rlatlie~natik und Gcotiictric als ~ne~iscliliclicr Wisseiiscliaft die licdc, deren Betraclitungcn nur das,gleiclilör~nige"' erfassen und insolern,,,ideal ' sind (ebd.), iiiclit aber von dem göttlicl-icn Wissen, i ~i dem alle Vcriinderuligcn vorliergewußt lind vorlierbestinirnt sind, o1)wolil sie sicli,niemals vollkoiimen gleicliförniig"' (ebd.) vollziclicn. Daß außer den,,,exakten ', idealisierten dlgeniciricn Bcgriffen uriserer iriathcinatischen Wissenscliaftcri auch iloch Regelri,.,der Harmonie oder Vollkominenlicit, die die cchtc Metaphysik uns licfcrt"' (ebd.) Iür die Konstitution und irirolgedessen für das Verstäridriis der Wcltgeschehnisse rnaßgeblicli sind, sagt Leibniz im zitierten Text scl1,st; Cassirer aber gellt auf diescii wiclitigen Aspekt riicht ein. Daniit bleibt aber Leibriizcns neue Fassung des Verhältnisses Individualität---Allgeincinlicit unterbestirtirtit. T)ic idealisierten Begriffe und ICcgcln der hlatlicrnatik und Gcwriietrie verdanken ihre Aligemeinlieit ihrer Abstraktlleit. Durch sic! sind die unter sie lallenden Besonderheiten zwar eindeutig, aber riicht vollständig bestir~i~rit~. 1,cibriiz nennt solclie 30 Vgl. 11. PICHI.~:KS TJnt<:rschei<lu~ig zwisclien,,cindcutigcr" lind..voll<leutiger" Besti~ilriiuiig (H. l'i<:ti~i~it. Ubcr dic Erlrennbarhcit der Gegcnstiinde [Wie11 U. Leipzig 19091; -, Ubcr Christian Wul!/s Ontologie L[-cipzig 1910j: -, Möglichkeit und WiderspruchslosigIceif [T.c.ipz.ig : -. Zuv L'ntztkklun~ des Rationalismus von Dcscartes bis Kant, in: Iiantstudacn XVIII [I ; -, Zur Lugik der Genrcinschalt [Tfibingcn 19241; weitere VeröiIeiillichungcn zu~ammcngcstellt bei I). MAHNKE [vgl. o. Anm. 151 S. 296). Mdinke rcfcricrt dicsc wichtige TJiitcrscheidurig PICHLERS knapp und tr<:ffeii(l: Einen1 abstrakten Allgeni(:iiibegriff gegenfiber ist das Rcso~iderc,zufällig', d.h. <lcr erstere kann wohl zur cindcutigcn, aber nicht zur volldciitigcn 13cstiiiiiiiuiig des let~lereii diciicn. 1)agcgcn gibt es keixie Zufälligkeit des Bcsond~r(:ri gcgeiiüber derii ko ii krc tc 11 T ri bcgri f f eirier Klasse. deren indi- V i d 11 alisirrciides Bild U n gsgcsc t x allc: zugcliörigcri Iiidividueri ihrem vollcn Soscin n:~ch bcstirilrill. Jede Klassc, dic... i:iri tot11111 oder Systcin ist. besitzt ein solchcc Or<lnurigsgesetz, das jeclcni Iiidivicluiim scii1c:ii fcstcn systematischen Ort in (Icr Klasse driwcist, und clnrnit zuglcicli ciri pri~icipiurri iiidiviclurrlionis, das diirch die Naclibarschalt iiincrhnlb dcr univ(:rsit;rs or(1iiiala auch deii gaiizcn Begriffsinhalt der Iridividucn crschöpfcnd f(:stlcgt" (D. MAIINKE, a.a.0. S. 1Wf. mit Hczug auf: H. PICIILER. ober die Lrkcnrd~arkcit dcr C;c~~nstunrlc, S. 6147). Uen Begriff dcr universitüs ordinata" cnlwickclt I'ichl(:r aus (Icr,.Lcil>~iiz-Wulffsclie(ri).I..elire von der ratio suff icicn s" :,,All(:s(xtiuU) seiiien.zureiclicnclcn Grund' habcn, (1.h. CS muß unter den 1)iiigcn dcr Wclt lind iintc:r tl<:ri Ucsti~~i~~itheiLcn jedes eiiizclncn Dinges eine aliumlassendc Orclniing. ilurchgärigigc Vcrkiiüpluiig und koiiscqucntc Entwicklung beslehen....das Uiiiv<:rsurn I.)iltlct... <:iri(: iiriiversitas ordinala allcr seiner Individucn und jcrlcs In<livi<lu~i~n wieder eiiie uiiivursilns ordinata allcr seiner Ligcnschaftcn und Zustäii(1c.... Es herrscht eine vollkornmcnc Ei 11 hei t oder Ordnung in dcr M:irinigf:iltigkcit (ordu iri varielale)" (MAHNKE, a. a. 0. S. 199 mit Rczug auf: H. PICIILER. ubcr die Evlrcnnburkeit der Gepnständc, C ; und: Ubw Chrisfiun Wolfs Onfulugic, C ; 76-78).

18 212 Klaus Jncobi abstrakt-allgerncinen Begriffe,,ink~mplct"~~. Der,,vollstätidige Begriff der individuellen Substanz", der all ihre Eigenschaften und Zustäiide enthält, Ireilicli übersteigt mcnschliclies Wissen. Dcnn dieser Begriff eines mögliclien Individuums,,sclilieUt die IJncndliclikeit in sich"3a: die inneren UnterschicdcSY gegenüber allen kornpossiblen Individuen und den Zusammenhang mit iliticn in einer möglichen Welt. Der vollständige Begriff eines cxisticrenden Individuunis muß weiter den zurciclicnderi Grund seiner Existenz eritlialten, d.h. dic Argumente des Kxtremalkalküls, der zur Wahl diescr Welt, iri welcher esexisticrt, als der besten aller mögliclien Welten geführt hat. ]>er vollständige Bcgriff eirier individuellen Substanz ist also streng identiscli mit dem,,konkreten Inbegriff" des - dcm metaphysischen Pririzip der,,harnionic oder Vollkommenlieit" zufolge - geordiietcti Uriiversums, dcsscti,,iridividuaiisiercndcs 13ilduiigsgesetz alle zugcliörigcri Tridividuen ilircni vollari Sosein nacli bestimmt" Y4. Aus der skizzierten Weitcrfülirurig der Cassirerschcii 1,cibniz-Iriterpretation ergibt sich auch für die Tliese, dall Veriiunft- und 'Tatcachenwahrheiten durch,,logische Analyse" zu unterscheidcii seien, ein priziser Sinn. Die Veriiunftwalirhciten sirid streng allgenicirigüllig; sie gelten nach 1,eibniz riiclit nur für alle möglichcn Zustände dieser Welt, sondern ebcnso für alle möglichen Welteii. Ihr Gcltungsgrund ist einzig der Satz vom Widerspruch; sie sind logiscli notwendig in dem strengcn Sinn, dall ihre Negation einen Widersprucli impliziert. Illre Aprioritat bcsagt nietapliysisch gesprochcn, da13 Gott diese Wahrhcitcn (bzw. die iri ilinen ausgesagten Sacliverlialte) nicht setzt, sondern daß sic ilini vor allem Kalkül alternativ mögliclier Welten feststehen. Erkeiintnistlieoretiscli gewendet heißt das. daß zur Verifikation - oder äquivalent: zum Erweis der Widersprüchliclikeit des Gcgcntcils - die inhaltliche Kenntnis der Ijetails dieser Welt oder gar der Vergleicli riller mögiiclicti Welten riicl~t vonnöteri sind. Vernunftwahrlieiten sind Im~~likationsformcln: liunktionsgleicliungcn rnit geburidenen Variablen, dic bei jeder beliebigen Erfüllung wahr bleiben. Weil die konkrctc Erfüllung oline Belang für den Walirlieitswert ist, ist dic Verwendurig,,urivollstandiger Bcgriffc" MAHNKE weist (a.a.0. Anm. 123) auf cinc Heihe von Stellen hin, an denen LEI~INJZ dcn,.unvollständige~i oder aktraktcn Rcgrill etwa eines Kreises" und,,den vollständigen Begriff der individucllcn Substanz" in Gegensatz stellt: Generales Inquisitiones, , C 3751.: Disc. mit. $3 8f. 12f.; an Arnauld, GP 11, ff.; fünftes Schrcibcn an Clarke. $ , (;P VII, Hau$tschriften I Aus dcn Nouveaux Essais seien hinzugefügt - das Stichwort,.notion complele - incomplctc" fehlt in den Kegiuterri der Akadcmic-Ausgabc wie auch der Ausgabe dcs Meiner-Verlags -: A Cnss SB Nowv. ESS , 5 6. A 289f. 1 Cass. 317f. Vgl. Nouv. Ess., 1Zegister s.v..,diff6rcnce intcrnc (individuelle)" / Unterschied. jnnerlich. individuell"; ferner o. Anm. 25). a4 Vgl. Anm. 30.

19 Uemerkungcn zu dcn,,nouvcaux Rssais sur 1'Entcndcmcnt Iiumain" 213 in allcn nur auf das Identitäts- bzw. Widerspruclisprinzip gegründeten Wissenscliaftcn lcgitima6. Dic einzelnen Erfüllungen der notwendigen Walirlieite~i sind jeweils nur widcrspruchsfrei miiglich, ihrc Existcnz ist nicht notwendigsb. Sie können sogar auigrund zusätzliclier Bestimmungen, die in den zwar eindeutigu, aber niclit,,volldeutig" bestimmrndcn Funktionsgleichungen niclit ausgesagt sind, miteinander unverträglicli scin, ohnc da0 dadurch die Allgemeingültigkeit der Regeln beeinträclitigt würde. Miteinander mogliclic Erfüllungen bildcn eine miigliclie Welt. Aussageri, in dcnen walir cntscliieden wird, ob eine voll bestimmte Mögliclikeit iri der Welt wirklicli erfüllt ist, sind Tatsachenwahrheiten. Für die Existenz bestimmter Tatsaclien bzw. für die Existenz dicscr Welt als Inbegriff der Tatsaclien in ilir postuliert Leibniz als zureiclictidori Grund das Prinzip des insgesamt Besten. Damit diese Welt mit Sicherheit die beste aller mögliclien sei, müssen im Kalkül der ~nögliclien Welte~i allc nctails als Argumente ßcrücksichtigung gefuuden liaben. Der Kalkül der inögliclien Weltcn ist cin Kalkül mit vollständigen Begriffen". Nichtsdestoweniger handelt es sicli um einen Kalkül: Das Prinzip des Besten ist von Leibniz 4s - ini erweiterten Sinne - logisches Prinzip konzipicrt ; dcr Vollkommenheitsgrad jeder Welt ist als exakt mcuhar gcdaclit ; <las Kritcrium dcr Vollkomrncnheit lautet ordo i~i varietntc". Aus diescr rnetapliysischcn Thcorie zicht Leibriiz eine wiclitigc 1:olgcrurig fiir dic cridliclic ISrlccnntnis von Tatsaclienwalirlieiten. 111 einer logisdi koristruierten Welt muu es für den in ihr lebenden Menschen möglich sein, auch die aposteriorischen Urteile zu apriorisicren und die Tatsachenwahrheiten zu logisieren" s7. Freilidi ist dic Analysc von Tatsachcnwahrhcitcn für uns nie abschließbar; es handclt sich - dcr Uncndlichkcit dcr vollständigen Begriffe zufolge - um einen unendliclien Forschungs- und Approximationsprozeß. '6 Zu LEI~NIZ' Postul:it, (lau alle rnirth<:rnatisclicn Wisscnscliaften eirischlicßlicfi der Cicomctric cirizig auf d;rs I(1cntitätsprinzip zu gründen seien, vgl. die kritischen Slclliingiialiiiicii von G. MARTIN, Leibniz. Logik und Metaphysik (Uerlin 21967) uiid 11. POSER, Zur Tircorie der Modalbcgri~c ßci G. W. Leibniz (Wiesbaden 1969) afi Vgl. Nuuu. Ess. IV. 11, , A 446,24447, 12 1 Cass. 536f. : Was die ewigen Walirheite~i a~ibetrifft. so IIIUU riiuii hrnerkeii, daß sie im Grunde alle Bedingungssätze sind, die in dcr Tat besagen. dao, wenn dies und jenes gcsctzt ist. dies und jenes andere stattfi~ide. W~IIII icli z. B. sage: Jede Figur. die drei Seite11 hat. Iiat auch drei Winkel. so sage icli nichts anderes als: Gesetzt. da0 es eine Figur mit drei Seiten gibt, so Iiat <l icsc 11211iliche Figur auch drei Winkel.... Die Walirlieil ist... nur eine bedingte und besagt, dau, wenn das Subjekt jciuals exisliert, mnii es immcr als eiii so uiid so bestimmtes iinden wcrdc". MAHNKE, a.a.o. 204 tnit Uezug auf: H. PICHLER. Müglichkcit und Widerspruchsloszgkezt, S und: -, Zur Entwiciilung dcs Xationalismus..., S

20 214 Klaus Jacoli Der gespräclisbereite Ernyirist, wie er von Leibiliz in dcr Gcstalt (lcs Pliilaletlies gezeicliriet wird, 111a.g der Forderung, auch dic Aussagen iibcr Tatsaclien der lo~~~~hen Analyse zu untcrzichcn, ziistinimcn. Miillte cr aber niclit dennoc:li Leibniz entgcgciilialtcii, daß clcr besondere Charakter von Tatsacl~cnwal~rlicitcti, nätiilicli die Rel~auptuiig wirklidier Existenz, von dieser Forderuiig gar niclit bctrol1cti wird? Ilic Analyse kann besterifalls das I~nthaltetisein des I'rädikatbegriifes im Subj~ktbe~qriff approximativ erweisen, niclit aber die Existenz des iii der Begriflsverkilüpfung gemeinten Sachverhalts bewciscn. Existenz ist kciii init irgetideir~etri anderen gleichartiges Prädikat. Einzig die vollzogciic unctidliclic Alialysc gclangt bis zum Existcnzurtcil, sofcrn sic eiitsclieidet, dau dieser Sachverhalt,,moralisch"- odcr liypotlietiscli"-notwendiges Moment des bestmöglichen Weltsystems ist. Wie aber sind für uns Hxistcnzurtcilc zu lcgitimicrcn? Rlcibt riiclit als eiriziger Weg der Rekurs auf die Gcgebenheit in der siririliclien Cassirer diskutiert diese Fragen nicht. Es ist dies kciilc zufällige 1111slassung, sondern eine Konsequenz scincr Aiiffassiiilg vori Ixibriizeris urid Lockcs pl~ilosopl~iscl~cn~ Aiisatz". Ihr I<ckurs auf dic siririliclie Walirnehmung würdc für Cassircr ciricri Sprung bcdcutcn aus dcr Gclturigsfrage iil die inkommensurable Irage nacli der Herkunft unserer Ideen, von der lcik~sch-erkeiintniskritisclien in die Betrachtung. Die unverinittelbarc Diffcrcnz bcidcr 1;ragcwciscn wird gegen Ende der Einleitung noclimals betont :,,l)aß CS räumlicli-zeitliclie, kausal miteinander verbundene Objekte gibt urid diiß diese durcli die Die Diskussion könnte etwa t)ci T.MIHNIX' Hcalitiitshcgriff cilisctzcn (vgl. Nouu. Ess ,.Von (Icn wirklichen (rtic:llt:s) untl <lcn chiiiiärischcn 1tlct:n" und TV, 4,.Uber die Realität unscrcr Erkenntnis"). T.OCKH nennt Tdccii und Krkcnntnissc: von Siihstanzcii danii,,real", wciiii cinpirir;ch fcscgcstcllt wcrtlcn Ic:~nii, tl:iß sic,.<lerii Dast:iri der Dirige" crits~ircdieri (11263, 16f. I (>iss. 283; vgl. A Cass. 462f.). T.F:IIINTZ kritisiert dicscn Rc:ilitätsbcgriff als zii cng; fiir ihn ist I<ritcriurri clcr Realität clie ciurch Analyse <:rwicst:nt: Mögliclikeit bzw. tlic Vcrt:iril>arkeit der im Urtcil cnthaltcncn Rcgriii'c (A 263,22f. 1 Cnss. 284; A 393,lSf. 1 Cass. 463). Hczcichiicndcrwcisc arb~~mcnticrt L~iir~iz niis der Negation: Wciin nur (iic Ideen von liicr iind jetzt cnipirisdi Vorfiridlidi<:ni rc:a.l wiirc:ri, (laiiii iiiüutcii alle noch nicht verifizicrtcn Hypoth<:scn <:Iiimärisch" genannt wcr(1cii. Es wäre abcr die Gegeiifrage zu stell<:n, 01) Lei1)niz sidi wirklicli auf (lic sc1ilieulidie Uestätiguiig der demokritisclicn Vorstellung von d<:r Milchstrafl(:" <Iiircli,,<lic FcrnroIire" beruleii dar1 (A Cass. 286). o1irie rlaniit zuzugebeii. daß erst durcli die siupirischc Vcriiikation die liealitätm dieser Vorstellung erwiesen wurde. Durch Iogischc An:ilys<: jedenfalls ist für den eri<lliclieii Staridpurikt die Verifikation voii Tatsachenurtcilcn riiclit zu erbringen. Vgl. LEIBN~Z' Rekurs auf die Einpirie als Ersatz filr ciiic nicht I)eizuI>ringcn<ic Kausal<lefiiiitiori (Mcd. de cogn.. GP 1V. 425: Disc. rn6t. S 24, G1:' IV 450; Nouv. Es$. 111, 3, A Cass. 523). Ziir gcsaintcn hier niig(:sprodicrien Pro1)leniatik vgl. 1)es. die selir (liclite Darsteiluiig LEIBNIZ~~S in dcni Fragmcnt Uber die Freiheit. ed. FOUCIIER DE CAREIL, NOUU. 1~117. dl OPUSC. inedits de 1-aibni2 (Paris 1857) 178ff. I Hauptschriftcn I

21 Hcrnt:rku~igeii zu drii,,nouvcaiix Essais siir I'Ententlemcnt humaiii" 215 ISinwirkung, die sie aul iinscre körperlichen Organc ausüben, bestimmte I~ni~~iiiitlungen in uiis eritctclicii lassen: das ist die Prämisse, dic er (Lockc) durcligclicnd festlidt.....leibniz indes geht den entgegeiigcsetztrri Weg: er suclit vom Bewiißtsein aus, von der,13e.rzcpti6n' als clem Allhcknniiteri und Allgew~isscri zur Begriffshestimrriung des,wahrliaft Wirkliclicn' erst vorzudringen. ITiir die l'erzcptinn als solclic gibt es kein weiteres,waruni'" (XXVII i.). 1Cniin clicse lieststcllung, daß Lockes lind Leibnizens Retraclitungsweise sicli,,griindsätzlidi iintersctieiden" (XXVTT) und letztlicli inkoirirnunikabel ljlcibcn, das letzte Wort eincr Einleitung in die Nouveazlx Essais scin? Leibriii, wäre dernriacli in eirie Auseinandersetzung mit der cmpiristisclicii Fragestellung gar niclit eingetreten, sondern liätte nur aiititlietiscti seine eigcnc AuCl:i.ssiirig cntgegengesctzt? Es Iällt auf, da0 iri Cassircis Linlcituiig in die Nou7icaux Essais von den spczifisclien ~~liilosopliisc-licn Problemcri gerade rlicscr Schrift wcnig die Rede ist. Cassircr L~ewertct dit: Nou.vcaus Essais clicr negativ als,.gelegerilieitssclirilt" (X), in dcr es sich riic.:lit mehr urn dic Gewinnung ncuer philosopliisclier Einsictitcn, sondern Lcdiglicli uni die allseitige Ilariegung und Aiishreitung eines hercits gesicliertcii Besitzes" tiandle (Xl), und er stellt dem,,..an~er~awtcri" " Leibniz der Nouveaux ICssais unvermittelt 1 eiticn gewissermaßen,,cigcntlictien" 1,cihniz der Monadolo~ie gcgeniibcrm8. Gerade die vcrmittelnde Üherbrückuntr,, dcr Kluft zwisclien den Ansichten des gcsunden Mcnschenverstandcs ( syst&me commun") und der pliilosopliisclien Spekulation ( syst&rne nouveau") aber ist, wie mir scheint, Thema und Aufgiabe dcr Nouveaux Essais. Leihniz wählt die Redeweise des gesunden Mensdienvcrstandes niclit, weil er sich anpassen oder verteidigen will, iiicht, um seine Gedanken zu popularisieren, und ;i.iicli niclit aus vordergründig-,,didaktisr:lien" Motiven40, sondern weil er erkannt lial. clan es ejrie wcsentliclie Aufgabe philosophischer Reflexion ist. die Ansiclitcn des ~meiricn Vcrstandcs zii adäquatem Verständnis zu bririgcn4', sie vcrriiinftig zu bcgriinden und, wo nötig, kritisch zu reinigen. 39 Dic anspruclisvdle Intcrprct:ctionsaufgahc. die CASSJREK sich gestellt hattc. hlcit>t tliirch dcn Verzicht aiif vt:r~riitteltide Schritte letztlich uncrfiillt: statt von dcr Retlcwcisc dt:r Nouvcaux Essais zu der dcs systfiiie nouvcau" I>inzuführcn, vcrläßt Cassirer die t:rstcre zugiinstcn tler letzteren. 40 LASS~KKH ist gatiz in1 lit:dit, wenn cr schreibt:,,der nciic Begriff der Intliviclualität dcs kl>eiis, dcs T3t:wuLltseins stcht I>t:reits hinter dcn t:rstcn einlcitcnden RcnierLungcii dcr.noiivcaiix 1Sss:lis' urid verlciht ihnen ihren eigciitlichen Gehalt": :stier er verkcnnt tleti JYnst dt:r Aiilgabc, die T.KTBNIZ üi dcn htoui~caux Essais in Angrifi nirniiit. wcun er fortfshrt :.,...lind iiiir in der Kunst der didaktischen Darstclliiiig und E~>twickliirig katiii CS ddcn Anscliein gcwinncii, als werdc in diesen Er6rtcrungt:n dasjeiiigc rils Zit:l gesucht, was sclioii von Anfniig an feststeht" (XII). " 1)ic Rctlcweise clc!; gcsuntlcri Mcnschcnvcrstii~ides ist ja nicht einfachhin falsch, stintlcrri ehcr iingcnau. Vgl. Nauv. Ess. I, I. 9 I, A 74, Cass. 38:,,Gcgcnwärtig... will ich...riiich den einmal aiigenommcncn Ausdrtlckcn an-

22 216 Klaus Jacobi Leibniz unternimmt iri den Nouveaux Essais in mannigfaltigen Anläufen, deren Ausgangspunkte er sich durch Locke vorgcbcn PäBt, den Vcrsucli, von der natürliclien Einstelliing und den TJrteilcti des conimoii sense" zur philosophischen Einstellung und Thcoric zu füliren". 1Cii1e Tnterpretation dcr Nou7ieaux Essais in dieser Siclit steht noch aus4a und kann hier nicht in Angnff gcnoinrncri werdeii. Es soll lediglich an dem zuvor exponierten Prohlcm der Lrhitimation vor] Existenzurteilen gezeigt werden, daß dic Lcibnizische Rctrachtungsweisc dcr Lockcsclicti doch nicht gar so unvermittelhar gcgcnübersteht, wic Cassirer meint, daß vielmehr das TSrfalirurigskriteri1ini durcliaus eine systematische Funktion auch irn Leibnizisclicn Dcriken Iiat. Die kritischen Einwände, die Lcihniz gegen den Ilmpirismus erhebt, sind bekannt; cine knappe Erinncriirig mag hier gcniigeti. Die Erfahrung gclangt nie zu allgcnieingultigen Sätzctiq4; alle denionstrative Wisseiischaft ist crfahr~ngsunabliiingig~~. Die Lugestkiiidnisse, die Lockc hin- bequemen, da sie in der Tat bmt und haltbar sind. lind nian in cineni gewissen Sinne sagen kann, da0 die äiißeren Sinnc zuni Teil Ursache unscrcr Gedanken sind. Ich werde dahcr prüfen, inwiefern man selbst innerhalb dcs gewöhnlichen Systcms (indem man also von der Einwirkung der I<örper auf die Seele redet, wic dic Anhänger des Copcrnicus mit den übrigcn Menschen von der Rcwcgung der Sonne. lind zwar mit Gnind [fondement]. rcdcn) ldeeii und Prinzipien behaupten muß. die nicht von den Sinncn stammen untl die wir in uns, ohne si(: zu bilden, vorliriden. wenngleich djc Sinne uns Gelegnhcit geben. uns ihri:r bcwußt zu werden". 4z Insofcrn allerdings geht LEIRNIZ den,,entp;egen~r.sctztcn Weg" wie Loc~is. Lctzterer hofft Klarhcit eher zu gewinnen, indcm er auf abstrakte philosophische Theorie entweder ganz verzichtet oder dicsc zumindest auf das Maß zurllckstutzt. wclchcs er der Alltagsvcrstandigu,ig für (lierilich trachtet. 'Wie H. CRAEMEH, dem ich für anrcgcnde Gespräcli(: übcr dic hier bemhrten Fragen danke. mir mitteilte, hat er in scincr Ancherier I-Iabilitationsschrift von 1972 Rewußtseinslheoretischd Aspektc in der Lehre uon dcr individucllcn Substanz bei.t.eibniz den Leibnizischcn Substanzbcgriff untcrsiicht. indem er dir. Bxplikationen in dcn Nouueauz Essais einerseits, in der Monadologtc ari<lcrerscits ziicinandcr ins Verhältriis setzte. 44 Vgl. die Stellcnangabon in der1 Registern s.v. induction" / Induktionu. " Vgl. LEIBNIZ' Ausfiihrungen bereits in der,,vorrede" der Nouucaux Essais, die cincn Leitgedanken dcr Auseiiian<lersctziing mit J.OCKE lormulieren:,.narniis entsteht eine andere Tiragc, ob nämlich alle Walrrhcitcn von der Erfahrung, d.h. von der Induktion und von Beispielen abliängcn, oder ob es solche gibt. dic noch einen andcrcii Grund haben. ncnn wciin manche Ereignisse sich. ohne dau wir irgendcinc Probe anstellen, vorhersehen lasseii, so ist offcnbar, daß wir aus ITigcncm etwas dazu beitragen. Die Sinnc sind zwar für allc uiiscrc wirklichen Erkenritriisse notwcndig, aber (Itidi nicht hinreichend. um uns dicsc Erhnntnisse in ihrer Ccsamtheit zu geben. weil sie stcts nur Beispiele. d.h. besondere oder iii<livitiucllc Wahrhcitcn geben. Nun genügen aber alle Beispiele, dic cinc allgcmcine Wahrlieit bestätigen, mögen sic noch so zahlreich sein, nicht, iim die allgcineine Notwcntligkcit ebcn dieser Wahrheit darziitun. denn es folgt nicht, daß das, was geschelieri ist, immcr ebenso geschchcn muß" (A Cass. 4f.).

23 Rernerkungcn zu dcn.,nciuveaux Essais siir I'Entendcmcnt humain" 217 sichtlicli der Matlicmatik machtt6, sind in sich nicht widerspruchsfrei, und sie sind unzureichend. Denn Locke vermag niclit zu erklären, inwiefern rilatlicmatiscli auch übcr die Natur gesproclicn werden kann"'. Locke kanii wedcr deii Geltungsgnnd der notwendigen Wahrheiten noch die Miiglic1ikr:it ciner vcriiünftigen 1)urchdringiing der Tatsachen einsichtig macheii 43. Andercrscits jeclocli ist Lcibniz sicli vollkommen darüber irn klaren, da13 clurch noch so wcit getriebene Andysc von Tatsaclienurteilen die Tatsäclilicl~kcit des Rcurteilten nicht enveisbar ist. Wenn es möglich ist, nicht nur clic,,realitlt" der im Urteil vollzogeiien öegriffsverknüpfung eii-isiclitig zu maclieii, sondern des J)aseins irgendeines Faktums absolut gewiß zu seiri, dann ist dazu ein weiteres, vom ganzen Systcm der Vernunftwnlirheiten unabhiingigcs Walirlicitsprinzip erforderlicli. Das Allgcwisse", dessen Existenz uns iinzweifelliaft feststellt, ist, wie Cassirer richtig bemerkt, (las eigene,,i~cwuutseiri" mitsamt seinen t'crzeptioricn". Die GewiUlieit iinseres Derikcns und unscrer Gedanken aber werden von Leibniz nicht iinbefragt vorausgesetzt, sondern als vcritk primitive de fnit" einge fülirt dp. Der Gcltungsgrund dieser Walirheit übcr Existenz ist dic unniittelbare Erfahrung"; allen übrigen aposteriorischeri Wahrheiten kommt Gcwißheit iibcr die Existcnz des Die ErIahrungsunsbli%i~gi~kc!it cler Mathematik wird von LOCKE zugestanden, das Prinzip ihrer Gtiltigkeit Meibt jedoch ungeklärt. Der Begriff cler K<cflcxion" wird Zquivok verwcndct; es ist nicht deutlich, ob das Reflektierte die Vorstcllungs- Iiilder oder erfahrun~sunabhingigc Gchalte unseres Geistes sind. Im IV. Riich cles Essay wird ein ncucs Vermögen der Intuitionm gesetzt; abcr diese Sctzung geschieht iiiivermittclt und steht in Widerspruch zu LOCKES früheren Ausführungen. Val. dic Analyse CASSIRHRS in: Jlas ErkenninisPv~blem 11, Scchstcs Uuch, Erstes ICapitcl. bcs a7 Vgl. C~ssrnr.~. a.a :..Der Griindmarigel dicscs Systems bcstcht clarin, rlan es das rationale und das empirische Wissen. das CS aiif das bestimmttqte zu sond crri weiu, nicht wiedcrum verknüpft und wechselweise aufeinander bezieht". Vgl. Ierncr a.a Dall daniit auch dic Verständigung clcr Menschcn untereinander, also gerade dic Gcmeinsamkcit des cnmnion sensc". urierklärt bleibt, zeigt CASSIRER in dcr Einleitu~ig zii clen Neuen Ahhundlung~n:..Ginge nllcs l3ewuutscin iin bloßcn EmpfinclungsbcwuOtsein auf, so gäbe es von cler.welt' dcs einen cmpfiti<lenden Subjekts zu der rles anderen Iccinc l3rückc. Erst die Tatsache. da0 bei a.ller Dificrenz im Vorstellungsinhalt...sich gewisse allgerncinc Formverhältnisse identisch erhalten. kiiiipft cleti Zusammenhang. Dicsc Forniverhältnisse, die nicht nur in dicsem oder jcnerri, sondern in allcm RcwuUtsein, unabhängig von seiner konkrcten Inhaltliclikcit. aufweisbar sind, sind es, die wir als rein,intelligible' Begrifft, als,idcnc innatae' itn prägnariten Sinnc des Wortes bczcichnen könncn. 111 dcr Eniplindung bleibt dtas Subjekt in scinc: eigene Welt verschlossen: in clen Begriffen und Gesetzen cler,vernunft' erst tritt <:s in die freie Allgerrieinheit der Welt des Geistes Iicraiis" (XXVITT). 4Y NOUV. Ess. IV, , A ff. 367, Cass f.

24 218 Klaus Jnccibi in ihnen ausgesagten C;egenctandcs vermittelt zu. In diesen Überiegangen findet sicli 1,eibniz i ti weitgc:licnderii Einverständnis tnit Lockc60. I'liilalktlie rcfenert aus tleni Essay:...daO wir unscr Dasein diircli Intiiitioti, das Dasciri Gottes durch Beweis und das der übrigen Dinge durch sinriliclie Walirneliinuiig erkenncri. Jene Intuition nun, welche uris unscr eigenes I)aseiii erkctixien läßt, bewirkt aiicli, da0 wir cs rriit völliger Evidenz crkeiineii, dic eines Beweises wedcr fähig noch bcdürltig ist, dcrgestalt, daw, auch wcnn icli es uriternelinic, an dlcm xu zweifeln, selbst dicscr Zweifel mir nicht vcrstzlttet, aii niciriem Dasein zu zweifeln..kurz, liierübcr Iiabeii wir ckii iibcrliaupt gröbtmöglichen Grad der Gewißhcit". Und Thbopliile antwortet :.,Mit allem dem. bin icli vnllkornmen einverstanden, urid füge tiocli Iiinzu, daw das unmittelharc UewuUtscin unscrec Daseins und unseres Dcnkeris uns die crsten aposteriorisclicn oder faktischen Walirlieitcn, d.11. die ersten Brf aliriingcn lielert ; wie die idciitisclien Sätze die erstcii apriorisclien oder Vernunftwaliriieiten, d.11. die erstcri Eiiisiclitcn enthalten. Die einen wie die arideren sind keines Rcweises fällig uxld könricn U nmit t clbar genannt werden, jene, weil zwisclien den] Verstand~ und seinem Gegenstande, diese, weil zwisclicn dem Subjckt und dem Prädikat ein VerhSltriis der TTniiiittelbarkcit stattfindet ". Mit dcm Neudruck der Eiiilcitung in dic Neuen 7Jntersuclzungen. liegen - dank der Bcrnüliungen dcr Wisseiiscliartliclien Biicligesellschaft und des Meiner-Verlages62 - Cassirers Arbeiten über Ixibniz wieder vollständig greifbar vor. Die Ausführiiclikeit des vorliegenden Tliskussionsbeitrages niotiviert sich aus dem Gcwiclit, das rlicsen Arhcitcn auch für die gegenwarlige Lcihniz-Forscliung zukommt. 1% ist nicht nur die seither kauin wieder errciclite Keniitnis der gesamten liistorisclien 60 Auch 1tir LOCKE ist - je<lcnfaus nach dein IV. Biich dcs Essay - iinscr Dasein durch,.tntuitioti",.cvidcnt"; die GcwiDhciL voiri nasciii der übrigen Dinge diirch sinnliche Wahriiehmung ist geringeren Griidcs, wexiri ;~iich für alle praktischen Zwecke hinrcichcnd. Vgl. Nouv. Lss. IV, 2, 9: 14, A 373 / Cass. 435; 9. $ 23, A 434 / Cass ; 11. 9: 2-3, A 443 / Cass Nouv. Ess. IV, 9, 23. J\ 434,lO-23 / Cnss Dan zur,,verifikationw dt:r 'l'ntsaclienwahrhciten" sowohl dcren,.konfrontaiioii mit tlcn Vernunftwahrheit(:n" als auch dercn l<cdulrtion auf dic uiiinittclbaren Perzeptioncn, die in iiris sind.'' (G&' VI. 404) erforderlich sind, führt Leilmiz auch an viclcn anderen Stcllcn aus; die wiclitigste~i sind zusammengcstcllt und intcrprct.icrt iti: H. HICI~ISOETH, Die M~thode der Erkenntnis bei D~scartes und L(!ibniz, Zweite Halftc: I,eibniz' Methode der formulen HegrUndung. Erkcnntnislelrrc und Monudulogz'~ (GicGcn 1914) Vgl. O. Anm , 22 -wo die Ilinlcitungen zu den einzel~ien systcm~itisclieti Kapiteln zu bcachten sind -, ferner: E. CAYSIRER. Newton und Lcibniz, ziicrst in: Yhibsopkical l~cvicili 52 (1943) , übersetzt in: E. CASSIRT:~, Philosophie und ~xalrte Wissenschaft. Iilrine Schriften. Biiigel. U. crläiltert von W. KRAMPF (l~ratikfurt : V. K1ostcrm:inii 1969)

25 Bemerkungen zu ilr'ii,.nouvcaiix Essais siir l'~iitcndcme~it huinnin" 219 E~mclic, die Cassircis 1-eil-iniz-Forsclii~ngcn auszeiclinet, sondern vor allein seiiic I~ragestellting, tlic sicli als erniriciit fruchtbar erwiesen hat. Die Wisscnscli:~ftstliec,rie ist Iiciitc. (wieder) als wcsciitliclie Aufgabe der pliilosopliisdieri licflcxioii erkaiint. Kicmnnd kann uns dciitlicher als (.:a.ssirer zeigeri, wie viel Leibriiz für die Antwort auf unscrc wissenschaitstlieorctisclien Fragen hcizutragen liat. Cassircrs Leibi.iii,intcrprctütiori erneut aiifzunehii-ieri, sie - wo niitig - zu pi&i.isicrcn uiid die dort dargclcgten Ans3tzc weiterzulüliren, das dürfte sicli als citic (aucli) unter systernntisclicni Gesiclitsyiiiikt lohnende Aulgalje erwciscn. Zii dcri Anmerkungen Cassirers Ai~sgabc der Ncuefz Untcrszlchungen ist mit fast vierhundort erläuternden *\rimerkungeri vcrsclicri. Sie lassen sicli rincli Charakter und Ziclsctzung in zwcii (:;rii~pcti untersclieidcn. A. Die bibliogrn.i~liisciie(n) und literarisclic(n) Hiriweisc",,,deren dicscs Werk, das fr~s.1. dcri gcsainten Wissens- iliid Bildungsgclialt des sicbzelinten Jahrlliuridcrts in sich verkörpert, wic keiii zweites bedarf", liat Cassircr größteiiteils aus der Ausgahc seines Vorgiing~rs Sclinarscbmidt iibcrriommeii6". Scli~i~irscli~~iilts Gelclirsamkcit. verdient Iiijclisten Respekt. 1)ocli ist die pliilologiscli-liistorjsche Fors(:liiirig scit 1873, als Scliaarsclimidts Ausgabe erscliicn, in vielen Detailfragen weitergekommen. Sdiaarsclimidts Angabeii und Cassircrs 11:rgänzungcn sind von den Verfassern der liictorisch-kritisclien lrdition der Nozlveaux Rssais wiedemin ergärizt lind korrigiert worden. I)cr Verüntwortliclie iiir den Neudruck der Cnssircrschcn Ausgabe im Meiner-Verlag Iiattc k'ut getan, die a.ltcn Anmerkungen durcli den Autoritäten-Apparat von Robinet-Sclieyers zu bcriclitigcn - oder iiber, wenn dies niclit möglich war, üllgerneiri auf dicscs inzwischen zur VerCiigiing stelieride Hilfsmittel zur Verifik;~tiori der 1,eibiiiz'sc~licn IIinweise urid Zitatc aufinerksain zu niaclicri und für die Ubersetziing aiif die rein literarliistorisclien Anmerkiiiigcn zii vcrzicliten. Ein solc1it:r Verzicht wäre iiir deii I,t?sc'r dicnliclicr als der iinveräiiderte Naclidriick eines in viclcn Details iihcrliolteri Anmcrkungsapparates. B. Anders stclit es iiiit deii Erläuteruiigcn. dir. Cassirer 1915 der Ausgabe liinzugeliigt lint. I)ic Aidgabc, die sie erfüllen, kcnnzeiclinet C-sireiin seiner Eirileiturig. In dcii Neuen U~ztersuchungt~n riclite sich Leibriiz' Blick..., wie in keinem anderen scincr Werke, über das Prinzip liitinus auf die 1;üllc der Anwendurigeri. Ir1 cnzyklopädisclicr Vollständigkcit treten rinclieiriandcr rlic wiclitigsteii I'r;igeii der Matlie~natik und Nriturlelirc, dcr (;cschiclits- und Spracliiorscliung Iicraus. Der äußere literarisclie Anla13, aus dem 1icra.iis das Werk entstaridcn ist, urid der C:liaralcter, "* Iliiilcitung XXTX mit FuOriote I.

26 220 Klaus Jacobi der ihm dadurch aufgeprägt worden ist, lassen es freilich begrciflicli erscheinen, daß diesc Fülllf: in ilim selbst mclir angcregt als bewältigt. wird. Aber alle diese Andeutungen finden in der Gcsarntlicit von Leibtiiz' pliilosopliiscliem und wissenscliaitlichem Scl-iaffen illre gennueste Erläutcrung irnd Durclifiiliriing. Auf diese fiir jedes tiefere Verständnis des Werkcc schlechthin unentl~elirliclien Ergänzungen ist in den folgenden Anmerkungen durchweg venviesen worden. Diese Anmerkungen beabsichtigen keine eigene systematische Erörterung der Problcnic, sandcrii sie wollen... den Weg aufzeigen. der voii T,eibniz'.Neuen Versiiclien' zu der Gesamtheit seiner Philosophie iii stctigcni %usatniricnliarig liiti- fiihrt"". Dieses Vorhaben ist dank der umfassenden und gründlicliei-i 1,cibniz-Kenntnis des Ausführenden glänzend gelungen. Nicht nur zu Fragen der genannten Spczialwissenschaftcn, sondern aiicli zu in dcn Nozlveaux Essais nicht voll explizierten Grundbegriffen der Lcibnizischen Philosophie gibt Cassircr vorziiglicli aiisgcwälilte Qiici-verweise auf andcrc Leibniz'sche Schriften. Sie sind in der 'I'at,,für jedes tielerc Verstsndnis des Werkes... unentbelirlicli" ; der Neudruck der Cassirersclien Ausgabe ist schon um dieser wertvollen Erläuterungen wille11 freudig zu begrühcn. Zur Ncueinrichtuiig der lz~isgabc Iler Verlag hat Cassirers Ausgabe der Ncllen Unterswhun~en mit neu erarbeiteten Kegistern, Literaturliinweisen und vergleidieriden Seitenübersichten" ausgestattet. Bei aller Ancrkcnniing der Mühe, die sich ein nicht genannter Bearbeiter damit gemacht hat, ist doch zu fragen, ob immer der rcchte Weg cingcsclilagcn wurde. Die vmgleichende Seiteniibersicht ist als Seitcnkonkordanz der Kapitelanfange für die Erstausgabe von Raspe, die Erdmannsclie Editiori der O+era +halosoflhica6" die Gerhardtsclie Ausgabe. die Akadeniie-Aii.sga1w und die Cassirersche Übersetzung angelegt. Dadurch soll vennutlicli das Auffinden der gemeinten Stellen nach allen nur denkbaren Zitierweisen aiich in der ältesten Sekundärliteratur ennögliclit werden. Dicser Zwcck wird jcdocli nicht erreicht - aus dem einfaclicn Grund, weil die Kapitel teilweise zu umfangreich sind. Der Leser ist hier in genau derselben Lagc, in der er sich befände, wenn in der Literatur nur das gerneinte Kapitel ohne irgendeine Seitenangabe genannt wäre. Statt der Seitenübersiclit hätten sich durchlaufende Randziffern empfohlen, in denen die Paginierung der Gerhardtschen und der Akademie-Edition angegeben werden. 64 Ebd. M God. Guil. LE~BNITII Upcra Philosophica Ouae Lixtant... Unrnia. Trdita Ilecogtiovit... J. E. ERDMARK... Uerolini MDCCCXL. Durch weitere Textstückc ergänzt von R. VOLLBRBCHT. Aalen: Scientia Zu deti Ubrigen Ausgaben s.o. Anm. 2, 4, 5, 6.

27 Bemerkungen zu tlr:ri Nouveaux Essais siir l'enteii<leinent huniain" 221 Dem Benutzer bliche a.ucli viclcs Blättern erspart, wenn die Kolumnentitel niclit von Bucli i.11 J%iich, sondern vor1 Iiapitcl zu Kapitel wechselteri. Zu wiinschen wärc übcrdics nrif jeder neueri Doppelscite die Atigahc der Paragraphicrung innerlialb des Kapitels, wodurcli einc iihcrsiclitliclie I<onkordatiz mit dem Lockcsclicn Essay hergestellt wärc. Das I'ersonenregist~ ist, wic eingangs in merkwürdig verklausulierter Iiom nngegchcn, mit wenigen Zusätzen der Akadcmic-Au-sgabe von Robinet-Scliepers entnommen6". Uesonders dcr historiscli interescicrtc Leser wird es iiiitzlich finden. Aucli das Verzeichnis der Schriften, dic Ixibniz zitiert odcr auf die er anspielt, ist - was diesmal niclit vernicrkt wird - der Akndcmie- Aiisgabc c~itiiomrneri~~. Nur clie Reilierifolge ist geändert; statt dcr ;~lphabctisclieii wurtle liicr ciic clironologisclie Ordiiung gewätilt. Der Norrnnlbcnutzer der I'hiloso$lzischew UibIiotheR wird wohl niclit allzii liäufig die hier nachgewiesenen Weikc aufscl-ilagen könrieti, da sie zum g~fißten Teil Seltcnhcitswcrt haben. Lr wird aber das Scliriftenverzcichnis nützlich finden, sofern cr liicr den Wissens- lind Bildungsgelinlt des siebzehnten Jdirliiindcrts", den Leibniz' Wcrk nach Cassirer in sich verkörpert". gesammelt findet und 1,cihnizens Leselleiß utid Leseinteresseri auf die Spur konlinen kann. Das Sachregister ist - wiedcruni olit~c IIinweis - nach dem Vorbild des entsprechenden Verzeiclinisscs in der Akademie-Ausgatic gearbeitet; die französischen Regnffc werden deii aus Cassirers Übersetzung gewählten Sticliworten datikcnswerterweisc liitizugefügt. Einige Quervcnveise hätten dem Uenutzcr des Registers geholfen. Daß - sowohl,,denominatio~i" wie auch ddterrninntion" unter.,bestimmung", -.,<lisposition" unter,,anlag<:", nicht aber - wic Cassirer an andercn Stellen übersetzt - iintcr..dispositio~i"...nciguiig",,,trieb. -.,existcncc" iintcr..uuciii". niclit abcr irntcr.,existenz" oclcr,,wirklichkeitu, -,,irlentitc" iintcr..einerleilieit" (!), -..irnaginationu unter..uild", i:icht abcr iiriter..eiiibildungskraft".,.phantasie,,,vorstellungskraft", -,,qiiantite" unter GröfJe", r;ria)nw unter,,vernunft", nicht aber unter,,grund", -,,rcpr&sentation" und,,rcprcscntcr" unter.,darstellung" und,,darstellen" gefülirt wcrden, das zu erltdeckcn hleiht mehr oder weniger dem Zufall überlassen. 'Wie kursiv gcdruckteii Seitcnzahlcii vcrwcisen uftmals iiicht. wie in der Legende behauptct, auf Persotieii, auf wclchc im Tcxt nur angespielt wird. sondern - störende Iiolgc davon. clrri3 niaii dic Anmcrkiiiigcn der Akademie-Ausgabe nicht ribcrnommen Iiat - auf I'ersoncn, di<: nur in der Akadcmic-Ausgabe. nicht abcr in dcr cles Mcincr-Verlags nachgewiesen sind. " 7ki.s zcigt sich, wenn Namcn und Schriften aulgeilihrt wcrden, die nicht von SCHAARSCHMIDT-CASSIRER, wohl ahcr von I~~BINET-SCHRPBRS uachgcwiesen wcrdcn.

28 222 Klaus Jaco1)i Docli sind no(:li schwcrerwiegende Bedenken gegen clic Ariliigc dieses Registers anzilmclden. DaU die Ilerausgcbrr der Akademie-Ausgabe sich für ein,,sacl-iverir,eicknis" entschiedci-i liahcn, ist vcrst3ndlicl1, da so die Rinzelregister der pliilosopliisclieri, der liistor~scli-politisclicn und dcr 1nallier~~atiscli-naturwis~ciis1~1iaft1ic~li~ri Reilien der Leibniz-ISclitioti sp9- tcr leidit zu Gesamttcgistcrn zusaii-iinengefaut wcrdcn kiiiirieri. liiir eine Ausgabe in der PF,iluso~hiscJ~c~z BthlioLhrk jcclocli wäi-e eiii Verzeichnis der wiclitigsteil Begriffe" siriiivoller5! Für die ivou7icaux Essais wäre ein Bepiffcregistcr bcsondcrs iiiitig, da Lc!ibiiiz Iiici- iii clcr (;(:- danke~ilolge der Lockesclicn Systciriatik und niclit seiner cigciicn folgt. Nun sind zwar iii das Sacliregistcr die wiclitigsten ~iliiloso]-~iiisc1ic:ii Termini mitaulgenoininen, jt:docli in cinerri Einordiiungsvcrlnl-irci~, welches Sacliverzeicl-iiiisscn gilt. 13cgriHsvcrzeir-liiiisscn nlicr sc:lilcc:lii angemcsscii ist. Das hier vorgclcgtc C;n.~iliverzeiclinis cntl-iiilt fnct niir Siibstantiva; Adjcktiva werd~n als eigene Sticliwortc iiilr ~i;~rligewieseii, wo sie im Text siibs~a~itiviert gebrauciit wcrrlcti, iri ;~llen aiidrren I.'ällen werden sie - hestenf;~lls - iibcrgcordncteii C;ti(:liworteil als n5licrc Restimmung" a.ngelii~4. Daniit sind gcradc die spezifizierenden Bestimniunge~im Register nur schwer auffiild1)ai-". So fcli l t das Begriffspaar a priori - a posteriori" ids Scl-ilagwort ; als Si~l~division liat mall es unter Beweis (,,d6rrionstration" lind,,l>rciivc"), Erkennenu ( conndtre") ilncl,,veriiunft" ( raisoti") zii siiclicri. Der Begriff Notwendigkeit'' ist mit seinen genaiicrcn Uestimniungen aufgenommen; dic Modalbestimmung iiotwendigu liat maii unter l~:rkctiiitnis",,,satz" ( proyosition"), Substanzt',,,Walirlieit" nnchziicclilagcn. Uiitcr dern Sticliwort Allgcmcinlieit" finden sich zwci Nacliweise für g6n6ralit6" uiid einer fiir,,uriivcrjalit&", drei wcitcrc iintcr U~iiversüles"( iinivcrscl"); Vgl. die sehr t>raiichbnrcii Itcgistcr zu clcn Wi:rkcii rlcs Ni~oi,i\us vox Iiuirs in der Philosophischen Hihliothek. Vgl. die Kritik tlic T-EII~KIZ g~leg(:~~llieii :I.TI cic:?i iil)li~i~cii Nomcnklnturen tlcr zeitgenössischen Wörl.crbüclier übt. Er sic!lit ihren 1"clilcr clariti,,,dalj inati iii ilincri ledig-lich die Noriii ti ;i, nicht n.hr die \f c..rbo auliulirt. ohnc zu t)cdcnkcn, da0 tlic Verba, wiewolil sie: 14ocii t>cxcicbiicn, in der I11itrrh;iltiing notwciidiacr sind als dic mcistcii Nomina, elic: t>esondcrc Substaiizeii I)czricliiicn" (Nouri. Ess. 11, 5, 3 15, A / Cass. 337f.). Für ciii philosophisclics Bc:griffsrcgistcr wsrc dimc Xritik abxiiwatidelri. dem iiiitcrscliicclliclicti sprachlichen Chciraktcr von ohjcktsprachlic1ic:n und nielasprac1ilictie:ii ~ii~crungcii zulolgc. Dic Spraclie clcr pliilosophischcn Itcllexiori ist - jc stnrl<cr sic logiscli clurclifornit ist. clcsto me:iir - eine noniiiiale Sprache: Vcrl>c:n spiclcii iii ihr eine uiitcrgcorclri(:tc Rolle. IJniso wichtiger ist tlas Vrdiältnis von AIIgeincinl>e~riff uncl clcsscii gciixiicrcr Rcstimmung. Iliicl hicr ist elüs Wissc:n. welchen A11gcirieiiil>e~riffen (Al. A.... An) in einein ~diilosophischeri Systciri c:inc: Rcstiminiing 13 zucrkaiirit wirel. (:l>(:rise> rcl(:vaiil für das Vcrstäiidtiis wie: das. aus ciiiciii Itegister wie: di:m vorlic:gciide:ii c:inziö :~l)lesliarc -- Wisscti, we1dic:r spczifisclicr J3estimiiiuiigcn (E E.... E,) ciri AllgcmcinbcgrilI A zugäriglich ist.

29 I3er1ierkiiiigcii zii cli:ri,.nou\,caux It.;.;:iis sur 1'Erileiidcmcnt liumain" 223 wenn iiiari sich jcdocli die Nacliweise für,,gi:iicral, e" uiiter 13cgriff" ( iiotiori"), ldcc". I'liysik", Satzu, Terrriiiius" und Walirlicit" zusaitiiricnsuclit, kotiimt mari aiil iiisgcsamt 23 Jlelcge, und fiir universel, 1e" findet rriari uritcr,,erkeiiriti,is". Matlierriatik",,,Satzv, ~berc~iiisliiriirii.iiig"( cc:~iiscritciiiciit"),,,walirlicit",,,zeiclieii" (,.caractcre") 25 Bclcgc. Als Beispiclc fiir die 1)ririgliclikcit vor1 Verwcisungcn rrii.igcii diese liällc gciiiigcn. Kiri arisfü1,rlichert.s Verzeichnis, das zuküriiligcii Benutzerri dcr Akademie-Ausgabe und der Cassirersdieri Übersetzririg der Nou71cuux Lssnis solclie Rliilien des Suclicris crspareii Iiellen rriiic:litc, wird im Ariliang clieses Beitrages beigerügt. Oie Ausgalic wird mit eiricr 37 Seiten urrif;~sscndcn Bibliograpliie hcsclilosseii. Sie ciithält bei weitcni zii vicle Titel, als daß sie derri Studiereri(1cti tiützlicll sciii kiinnteao. Iür den 1-eibniz-Forsclicr andererseits stelicn andere Bibliograpliien bc,reitul. 15s ware ljesscr gewesen, man Iiätte sirli ;LU l kundig ausgcw:ililtc Litcrtrt.u~/zinu~eisc besclirän kt. Der I'ersucli, dic Literatur iiljcr rlie h'c~cen ~lßha~r~llllu~zgen (rixli 15 Ljeiteri Literatur iibcr ldcihniz iiiid sciric Pliilosopliie") abzutreriricn i~tid riac.li deit vicr I%iiclic:rn der h'ouvcazcx Essais zu ordnen, rriuutc felilsclilagcri. 15s gibt riur gaiiz wciiige IJritersucliutigcn, die spczicll diesen) Werk gcwidtrict sind, und uriigckclirt bezielieri viclc im allgetnciiien Abschnitt geiiarintc Interpretatioiieii die Nozcvcw~.a Essais mit ein. Ilaß dic Nozcveawx I?ssais kciit von :~ndcrcti Scliiifteii T.eil>nizens deutlich uriterscliicdcnes Tlienin habcn, liitte dcr Rcnrbeiter vor1 Cassirer lerricri kijiinen, ebenso auch, dau die Ülicrscliriftcn der vicr Büclier von Locke iihcrnomirieii sind und desliall, s~~lilcclit zur tlieiiintisclieii Ordnung der 1,cibniz-Literatur taugen. Iiiir dcii Ii~11, dri.13 der Verlag eiric Ncuhearbeiturig dieser Ausgabe in Erwiigung ziclit, sei nocli eitic Aiir(,guril.; Iür dic hcktecliiiisclie Gesta~ltui-ig erla.uht. I,eibriii: liatlc iii sciiiem Ma.niiskript - wenn auch inkonsequent d~ircligcfülirt - dic voii Locke übcrnoninieneri Passagen diircli Aiifülirriiigszciclicn keriiztlicli gcinaclil. 1)ic Akademie-Aiisgal~e Iülirt clicsr: T<c:niizeicliurig konsequerit durcli, inderii sic dit:se Stellcri kursiv sc:l.xt. Zii der Aucgal~c des Meiricr-Verlages felilt jcrlc Kennzeiclinuiix. Sie solltc nac:li~eliolt werden. Der ~cwinn für das Verständnis der Arpineiitatioricstrulctur ist erlicblicli, besonders an Stelleri, wo Leibniz iri ciric ilbernalime aus Locke ciric. cbigeiie Alrzentuierurig otlcr 13- liiuteriing cinfügt, oliiie dafür sciiieii S1irc:c:lier Tlieop1-iilc iii Aiisprucli 'O Tm Aliscli~iill Zu I.i*il)riiz iiiid sciiicr Pliilosopliic" ziitilt Iiiaii alleiii 31 Titcl aus dcin aclitzcli~iteti und 42 Titi:I irus dciii nciinzeliiileri Jahrhiiri<lert. 81 IC. MOLLER. Le~Uni;-fiihliugl-u{~hi~. Ilic Litr!ralur iiber ILeihniz (Franl<fiirt/Maiii 1967) ; G. UTEHIVI~MLKN, Leibniz-BibiiogrupkLe 1967-GX, iii: Studia Leibniliarta 1 (19(<9) ; G. UTD~~M~~IILBN - I\. S(:IIMITZ. Leibniz-Rihliug~uphie. Ncuc Tir~l, in: Studio Lribnitiana 2 (1970) ; A ~COCH-ICLOSE - A. 1ii.ir.z~~. Lcibnia- Rihliogruphic. Neue i'ilt in: Studio Leibnitiana 3 (1471)