XV. Zum Unterricht in der Muttersprache im Alter von 15/16 Jahren

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1 XV. Zum Unterricht in der Muttersprache im Alter von 15/16 Jahren Claudia Reiter Bitte zitieren als: Reiter, C. (2002). Zum Unterricht in der Muttersprache im Alter von 15/16 Jahren. In C. Reiter & G. Haider (Hrsg.), PISA Lernen für das Leben. Österreichische Perspektiven des internationalen Vergleichs (S ). Innsbruck: StudienVerlag. Wie kann der Deutschunterricht österreichischer 15-/16-jähriger Schüler/innen charakterisiert werden? Wie vergleicht sich dieser mit dem Unterricht im Fach der jeweiligen Muttersprache in anderen Ländern? Der vorliegende Abschnitt zeigt anhand von einigen Rahmenbedingungen, wie dem Stundenausmaß sowie unterrichtsbezogenen Variablen, zum Beispiel der von den Schüler/innen wahrgenommenen Disziplin, auf, welches Gewicht dem Muttersprachunterricht in dieser Altersstufe gegeben wird. Weiters wird verglichen, in welchem Ausmaß Nachhilfe - in und außerhalb der Schule - bezogen auf den Unterricht in der Muttersprache von den Schüler/innen in verschiedenen Ländern konsumiert wird. Im Fragebogen, der im Rahmen der PISA-Testungen an die Schüler/innen ausgeteilt wurde, sind unter anderem verschiedene Variablen zum aktuellen Unterricht in der Testsprache enthalten. Die Sprache des PISA-Tests entspricht jeweils für eine Mehrheit der Schüler/innen eines Landes der Muttersprache bzw. der am häufigsten gesprochenen Sprache. In Österreich beziehen sich die Fragestellungen demnach auf den Deutschunterricht, in Australien auf den Unterricht im Fach Englisch usw. In der Folge wird der Einfachheit halber vom Muttersprachunterricht gesprochen (obwohl jeweils für Minderheiten die Sprache des Landes, in dem sie getestet wurden, nicht ihrer Muttersprache entspricht). Als Erklärung für unterschiedliche Lese-Kompetenz von einzelnen Schüler/innen verschiedener Länder eignen sich die Merkmale des Unterrichts im Alter von 15/16 Jahren weniger. Man muss davon ausgehen, dass große Teile der Fähigkeiten, die für den Leseverständnis-Test bei PISA benötigt werden, nicht in diesem Alter, sondern schon zu einem wesentlich früheren Zeitpunkt in der persönlichen Schulkarriere erworben werden. Unabhängig von dieser Tatsache ist es jedoch von Interesse, den Unterricht an sich in den verschiedenen Ländern zu vergleichen. Und als Beschreibung des aktuellen Unterrichts in der Muttersprache eignen sich die verfügbaren Variablen und Konstrukte sehr gut. Zu großen Teilen zeigen die Vergleiche auch auf, welches Gewicht der Muttersprachunterricht in der betreffenden Altersgruppe in den einzelnen Ländern hat. Gegenübergestellt werden sollen folgende Merkmale: die Anzahl der Unterrichtsstunden, die im Durchschnitt für die Beschäftigung mit der Muttersprache verwendet werden; die durchschnittliche Anzahl an Schüler/innen in den Lerngruppen im Muttersprachunterricht; wie die Schüler/innen die Leistungsanforderungen im Muttersprachunterricht einstufen; inwieweit der Muttersprachunterricht in der Einschätzung der Schüler/innen diszipliniert abläuft; wie sehr sich die Schüler/innen durch die Lehrkräfte beim Lernprozess unterstützt fühlen und in welchem Ausmaß in den letzten drei Jahren Nachhilfe für den Muttersprachunterricht in und außerhalb der Schule in Anspruch genommen wurde. Unterrichtseinheiten und Klassenschülerzahl Wie viel Zeit Schüler/innen im Muttersprachunterricht verbringen, zeigt zum einen, welches Gewicht auf den Unterricht in der Muttersprache in einem Land bei der betreffenden Altersgruppe gelegt wird. Zum anderen kann dies auch damit zusammenhängen, wie das Stundenausmaß im

2 Muttersprachunterricht in einem Land über die verschiedenen Schulstufen verteilt wird. Abbildung 1 zeigt die durchschnittliche Anzahl an Unterrichtsstunden pro Woche, die 15-/16-Jährige mit Muttersprachunterricht verbringen. Für Länder, die in der Abbildung nicht angeführt sind, liegen keine Daten zu dieser Variable vor. Abbildung 1: PISA Ausmaß des Unterrichts in der Muttersprache im Alter von 15/16 Jahren (Download als PDF 14 KB) Österreich ist bei dieser Aufstellung mit 2,4 Stunden pro Woche durchschnittlichem Deutschunterricht fast das Schlusslicht. Dies liegt wahrscheinlich daran, dass durch die Gliederung des Schulsystem in einigen Schultypen, etwa der Berufsschule, im Alter von 15/16 Jahren kein oder kaum noch Deutschunterricht vorgesehen ist. International ist eine große Varianz der Werte zu beobachten. Der Wertebereich reicht von fast 5,5 Stunden pro Woche in Italien bis zu 2,3 Wochenstunden in Finnland. Ebenfalls auffallend hohe Werte weisen Griechenland, Dänemark und Kanada auf; geringe Wochenstundenzahlen finden sich neben Österreich und Finnland in Schweden, der Tschechischen Republik und Luxemburg. Auch bei der Klassenschülerzahl, die in Abbildung 2 dargestellt ist, ist eine große Varianz der Werte zu beobachten. Die Spanne reicht von knapp 40 bis zu 15 Schüler/innen pro Lerngruppe (im Durchschnitt!). Sehr große Lerngruppen im Muttersprachunterricht mit durchschnittlich 35 Schüler/innen pro Klasse und darüber findet man in Brasilien, Japan, Korea und Mexiko. Auffallend kleine Klassen mit im Schnitt weniger als 20 Schüler/innen sind in Liechtenstein, Dänemark, der Schweiz, Belgien und Island zu beobachten. Die durchschnittlichen Lerngruppen in Österreich liegen mit rund 23 Schüler/innen im unteren Drittel. Auffallend ist Dänemark mit der größten Anzahl an Wochenstunden im Muttersprachunterricht und einem der kleinsten Durchschnittswerte bei der Klassenschülerzahl oder auch Italien mit ähnlichen, wenn auch nicht so extremen Werten. Abbildung 2: PISA Durchschnittliche Klassenschülerzahlen im Muttersprachunterricht (Download als PDF 14 KB) Charakteristika des Muttersprachunterrichts Abbildung 3 stellt die Einstufung des Muttersprachunterrichts durch die Schüler/innen in drei Bereichen in den PISA-Teilnehmerländern gegenüber. Folgende drei Konstrukte sind in der Grafik dargestellt: die Leistungsanforderungen und Erwartungen der Lehrer im Muttersprachunterricht aus der Sicht der Schüler/innen; das Ausmaß der Disziplin, das (aus Schülersicht) im Muttersprachunterricht herrscht und die Unterstützung durch die Lehrkräfte, so wie sie die Schüler/innen von ihren Lehrer/innen erfahren.

3 Die Schüler/innen, die die Leistungsanforderungen im Muttersprachunterricht im internationalen Vergleich als besonders groß empfinden, stammen aus Brasilien, Russland, den USA, Italien und Irland. Als sehr gering werden diese im Muttersprachunterricht in den Ländern Japan (!), der Tschechischen Republik, Belgien und Frankreich eingestuft. Im internationalen Vergleich schätzen die österreichischen Schüler/innen die Erwartungen der Lehrer im Deutschunterricht eher gering ein. Man muss hier im Auge behalten, dass die Schüler/innen in ihrem schulischen Umfeld Aussagen auf das Zutreffen für ihren Muttersprachunterricht hin beurteilen. Eine Frage, die zu diesem Konstrukt gehört, ist zum Beispiel jene, wie oft es im Muttersprachunterricht vorkomme, dass der Lehrer/die Lehrerin will, dass sich die Schüler/innen richtig anstrengen. Unter richtig anstrengen verstehen Schüler/innen verschiedener Länder unter Umständen nicht exakt das Gleiche. Bis zu einem gewissen Grad wird hier wahrscheinlich weniger erhoben, wie unterschiedlich die Leistungsanforderungen in den einzelnen Ländern sind, sondern wie groß diese im Muttersprachunterricht im Vergleich zu den Anforderungen in anderen Unterrichtsfächern sind. Eine weitere Bestätigung dafür ist die Tatsache, dass die meisten Länder mit hohem Leistungsanforderungen auch in Bezug auf das Stundenausmaß des Muttersprachunterrichts eher hohe Werte aufweisen. Die Disziplin im Muttersprachunterricht wurde durch die Häufigkeit des Auftretens verschiedener Vorkommnisse erfasst (wiederum auf Grund von Schüleraussagen). Diese umfassen zum Beispiel die Tatsache, dass es am Anfang der Stunde lange dauert, bis Ruhe eintritt oder es im Muttersprachunterricht laut ist und alles durcheinander geht. Auf sehr hohe Disziplin im Muttersprachunterricht kann aus den Angaben der japanischen, russischen, lettischen, polnischen und Liechtensteiner Schüler/innen geschlossen werden. Von eher mangelnder Disziplin berichten die Schüler/innen aus Griechenland, Norwegen, Brasilien und Italien. Österreichs zeichnet sich durch einen relativ hohen positiven Wert, also vergleichsweise hohe Disziplin aus. Das dritte dargestellte Merkmal erfasst das Ausmaß, in dem sich Schüler/innen durch ihre Lehrkraft unterstützt fühlen - wieder bezogen auf den Unterricht in der Muttersprache. Am meisten Unterstützung empfinden die Schüler/innen aus Portugal, Großbritannien, Australien und Brasilien. Besonders wenig unterstützt fühlen sich die Schüler/innen in Korea, der Tschechischen Republik, Deutschland, Polen und Luxemburg. Die österreichischen Schüler/innen stufen die Unterstützung ihrer Lehrer/innen, was den Deutschunterricht betrifft, eher gering ein. Abbildung 3: PISA Der aktuelle Unterricht in der Muttersprache (Download als PDF 21 KB) Zusammenhänge mit dem Abschneiden der Länder bei den Leistungsvergleichen bei PISA sind keine zu beobachten. Die Länder sind in der Abbildung absteigend nach ihrem Mittelwerten im Bereich der Lese-Kompetenz sortiert. Tendenzielle Zusammenhänge gibt es zwischen den beiden Variablen Leistungsanforderungen und Unterstützung durch die Lehrkräfte. In Ländern, in denen die Schüler/innen die Erwartungen der Lehrer als hoch einschätzen, findet sich im Allgemeinen auch eine höhere Unterstützung durch die Lehrer/innen. Plausibel scheint hier die Annahme, dass bei beiden Konstrukten der Stellenwert, den der

4 Muttersprachunterricht im betreffenden Alter in den unterschiedlichen Schulsystemen hat, eine gewisse Rolle spielt. Nachhilfe im Fach der Muttersprache Als letztes Merkmal des Muttersprachunterrichts 15-/16-jähriger Schüler/innen, das in diesem Kapitel analysiert wird, wird verglichen, in welchem Ausmaß Schüler/innen der verschiedenen Länder Unterstützung suchen. Abbildung 4 zeigt dies für Fördermaßnahmen in der Schule, Abbildung 5 (auf der folgenden Seite) vergleicht das Ausmaß an Fördermaßnahmen außerhalb der Schule. In Österreich würde unter innerschulischen Fördermaßnahmen ein Förderkurs im Fach Deutsch angesehen werden, und mit außerschulischen Fördermaßnahmen (private) Nachhilfe gemeint sein. Abbildung 4: PISA Förderunterricht für das Fach Muttersprache in der Schule (Download als PDF 17 KB) Durch ein besonders großes Ausmaß an schulischen und außerschulischen Fördermaßnahmen zeichnen sich Russland, Lettland, Polen und Brasilien aus. Griechenland zählt ebenfalls zu den Ländern mit einem großen Ausmaß an schulischen Fördermaßnahmen im Bereich des Muttersprachunterrichts, für private Nachhilfe liegen für Griechenland allerdings keine Angaben vor. Frankreich, Tschechien, Portugal und Island weisen auch relativ hohe Durchschnittswerte für innerschulische Fördermaßnahmen auf, bei den außerschulischen liegen sie aber eher im mittleren Bereich. Durch geringe Förderungen sowohl in als auch außerhalb der Schule zeichnen sich Finnland, Irland, Deutschland, Norwegen und Schweden aus. Spanien und Australien, die im schulischen Bereich ebenfalls eher ein geringes Ausmaß an Fördermaßnahmen aufweisen, finden sich bei privater Nachhilfe im Mittelfeld. Japan, Liechtenstein und Korea, die bei außerschulischer Nachhilfe ganz vorne liegen, liegen bei zusätzlicher schulischer Förderung eher im mittleren bis unteren Bereich der Länder. Österreich liegt in beiden Aufstellungen im unteren Drittel. 6% der österreichischen Schüler/innen geben an, in den letzten drei Jahren manchmal oder regelmäßig private Nachhilfe im Fach Deutsch genommen zu haben (vgl. Abbildung 5 auf der nächsten Seite). Förderkurse in Deutsch haben etwa 12% der österreichischen Schüler/innen manchmal oder regelmäßig besucht (vgl. Abbildung 4 auf dieser Seite).

5 Abbildung 5: PISA Nachhilfe für das Fach Muttersprache außerhalb der Schule (Download als PDF 16 KB) Zusammenfassung Der vorliegende Abschnitt versucht den Muttersprachunterricht 15-/16-jähriger Schüler/innen durch verschiedene Merkmale zu charakterisieren. Dies geschieht durch den Vergleich der wöchentlichen Unterrichtsstunden und der durchschnittlichen Klassenschülerzahl im Muttersprachunterricht sowie durch das Ausmaß an Leistungsanforderungen, Disziplin und Unterstützung von Seiten der Lehrkräfte in der Einschätzung der Schüler/innen und die Inanspruchnahme von inner- und außerschulischen Fördermaßnahmen im Bereich des Muttersprachunterrichts. Österreich zeichnet sich hierbei durch die zweitgeringste Anzahl an Deutschstunden und relativ kleine Klassenschülerzahlen aus. Weiters berichten die Schüler/innen von vergleichsweise geringen Leistungsanforderungen bei ebenfalls geringer Un terstützung durch die Lehrer/innen, aber hoher Disziplin. In Russland sind sowohl hohe Leistungsanforderungen als auch hohe Disziplin und ein hohes Ausmaß an schulischen und außerschulischen Fördermaßnahmen im Bereich des Muttersprachunterrichts zu beobachten. Japan zeichnet sich durch hohe Klassenschülerzahlen, hohe Disziplin und ein großes Ausmaß an privater Nachhilfe aus. In Koreas Klassen befinden sich durchschnittlich sehr viele Schüler/innen, im Alter von 15/16 Jahren sind verhältnismäßig wenig Stunden im Fach der Muttersprache vorgesehen, gleichzeitig wird aber vergleichsweise sehr viel außerschulische Nachhilfe konsumiert. Auch in Finnland gibt es ddas geringste Ausmaß an Unterricht in der Muttersprache von allen Ländern, aber auch wenig inner- sowie außerschulische Nachhilfe und sehr kleine Lerngruppen.

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