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1 Prof. Dr. Ronald Lutz FH E / FB S SS 2009 Kapitel 5 Gesundheit und Gesundheitssystem

2 Gesundheit / Krankheit WHO- Definition: Gesundheit ist der Zustand des völligen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur das Freisein von Krankheit und Gebrechen. Der Genuss des höchsten erreichbaren Niveaus von Gesundheit ist eines der fundamentalen Rechte jedes Menschen ohne Unterschiede von Rasse, Religion, politischer Überzeugung, ökonomischer und sozialer Stellung

3 Gesundheit Relativität Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit werden von gesellschaftlich vorherrschenden Verständnissen geprägt Lebens- und Arbeitsbedingungen beeinflussen Gesundheit und Krankheit Das Gesundheitssystem selbst ist Reflex und Antwort auf dieses Verständnis und wirkt zugleich darauf zurück

4 Gesundheit q Subjektives Empfinden q Nicht jeder, der krank ist, geht sofort zum Arzt: q Abwarten, ob Beschwerden von selbst verschwinden q Selbstmedikation und Nichtausheilen von Krankheiten: weit verbreitete Handlungsweisen q Unsicherheit oft Ausdruck sozialer Zwänge: Angst vor der Diagnose, drohender Verlust des Arbeitsplatzes, unaufschiebbare Familienpflichten,

5 Gesundheit Salutogenetischer Ansatz Man fragt nicht: was macht uns krank Sondern: was macht und erhält uns gesund Gesundheit und Krankheit als Prozess

6 Gesundheit: salutogenetischer Ansatz Grundlegend für Gesundheitspolitik: Gesellschaftliche Determinanten für Erkrankungen und Belastungen q Umweltfaktoren, Arbeitswelt, Wohnverhältnisse, Lebensweisen Herstellung von Gesundheit als Ziel: die Förderung der Fähigkeiten mit Störungen umzugehen und Belastungen zu bewältigen (Public Health)

7 Gesundheitspolitik Gesamtheit aller Maßnahmen: Förderung und Erhalt der Gesundheit durch Minimierung der gesundheitsbedrohenden Risikopotentiale und ihrer Ursachen (Prävention) Wiederherstellung der Gesundheit durch Behandlung, Pflege und Rehabilitation mit Hilfe des Gesundheitssystems (Kuration, Rehabilitation und Pflege) Sicherung des materiellen Lebensunterhaltes im Fall von Krankheit, Arbeits- und Erwerbsunfähigkeit (Soziale Sicherung) Effektiver und effizienter Einsatz knapper Ressourcen (Gesundheitsökonomie) Informationen (Gesundheitsberichterstattung)

8 Gesundheitsförderung (Public Health) Unspezifische Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheit (Krankheitsverhütung) Vielfältige Aktivitäten - Entwicklung einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik - Schaffung von gesundheitsfördernden Lebenswelten - Stärkung gesundheitsbezogener Aktivitäten in der Gemeinde - Entwicklung persönlicher Kompetenzen - Ernährungsberatung etc.

9 Prävention Allgemein: Veränderung und Vermeidung risikoreichen Verhaltens Konkrete Maßnahmen der Prävention: Primärpräventiv: Schutzimpfungen (Maßnahmen sollen Krankheiten verhindern ) Sekundärpräventiv: Früherkennungsuntersuchungen (Maßnahmen sollen Krankheiten behandelbar machen; Problem Röntgenuntersuchungen) Tertiärpräventiv: Rehabilitation (Maßnahmen sollen die Wiederherstellung des Zustandes vor der Erkrankung erreichen)

10 Gesundheitssystem, Zahlen Versicherte 2007 insgesamt: insgesamt: Pflicht: 40,0% Freiwillig : 6,8% Rentner: 24,0% Familienmitglieder: 28,5%

11 Gesundheitssystem, Zahlen Anzahl KK 1998: : : : 160 Grund sind Fusionen unter den Kassen, die dadurch ihre Wirtschaftlichkeit steigern möchten. Prognosen zufolge wird auch in kommender Zeit die Anzahl der Kassen weiter sinken. Trend: Fusionswelle läuft

12 Gesundheitssystem, Zahlen Leistungsausgaben je Mitglied (Allgemeinversicherte und Rentner) in der GKV 2005: 2675, : 2846, : 3128,04 q Davon ca. ein Drittel Krankenausbehandlung

13 Gesundheitssystem, Leistungen Direktzahlungen durch Klienten Private Krankenversicherung (Kostenerstattungsprinzip auf der Basis von Rechnungen an Klienten) Gesetzliche Krankenversicherung (Medizinische Leistung als Sachleistung; Solidarprinzip und Kostendeckungsprinzip durch Beiträge; Abrechnung zwischen Arzt und Krankenkassen, Budgetierung der Leistungen)

14 Gesundheitssystem, Leistungen Private Anbieter Einrichtungen der Krankenkassen (Ambulatorien, kasseneigene Laboratorien etc.) Staatliche Einrichtungen BRD: Zusammentreffen von Gesetzlicher Krankenversicherung als Finanzierungsträger und privaten Leistungserbringern

15 Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V) Wichtige Grundprinzipien: Solidarprinzip Bedarfsdeckungsprinzip; Versicherte können die Gewährung aller medizinisch notwendigen Leistungen (notfalls) einklagen Sachleistungsprinzip; Versicherte erhalten Leistungen von den Leistungsanbieteren (Ärzten etc.) überwiegend kostenlos (Direktabrechung mit KK); q Krankenkassen bieten Leistungen nicht in eigener Regie an

16 Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V) Weitere Grundprinzipien: Mitversicherung von Familienangehörigen (Ehegatten, Kinder), wenn sie keinen eigenen gesetzlichen Anspruch auf einen Krankenversicherungsschutz haben Freiwillige Weiterversicherung; oberhalb der Versicherungspflichtgrenze Versicherungsfrei sind Beschäftigte, die geringfügig beschäftigt sind (Mini-Jobs bis 400); AG zahlt pauschalen Beitrag von 11% an KV; zwischen 400 und 800 steigen die Beiträge bis zur vollen Beitragshöhe

17 Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V) Vielfalt (Zersplitterung) von Trägern: keine rationale Begründung, Ergebnis gewachsener Strukturen seit 1883 Ursprüngliche Unterteilung in regionale Ortskrankenkassen, betriebliche Krankenkassen und berufsständische Kassen (Innungskassen) noch erkennbar Aber: keine gesetzliche Zuweisung von Beschäftigten an die Kassen; q freie Wahl zwischen Ortskrankenkassen des Beschäftigungs- oder Wohnortes, einer Ersatzkasse oder einer Betriebs- oder Innungskrankenkasse (falls deren Satzung es vorsieht)

18 Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V) Krankenkassen besitzen Autonomie, Gesetzgeber legt Handlungsrahmen und Aufgaben fest, Organe der KV regeln Selbstverwaltung eigenverantwortlich Selbstverwaltungsorgane: Verwaltungsrat (beschließt u.a. Höhe der Beiträge) und Vorstand (wird für je 6 Jahre gewählt) Landes- und Bundesverbände

19 Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V) Leistungsspektrum Förderung der Gesundheit Verhütung von Krankheiten Früherkennung von Krankheiten Behandlung von Krankheiten Rehabilitation

20 Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V) Überblick über wesentliche Leistungen Ärztliche Behandlung Zahnärztliche Behandlung Krankenhausaufenthalt Häusliche Krankenpflege Arzneimittel, Heil- und Hilfsmittel Rehabilitation

21 Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V) Überblick über wesentliche Leistungen Hausarztmodell (GKV); Hausärzte bündeln und steuern die medizinische Behandlung (Überweisung an Fachärzte, etc.) Primärarztprinzip (PKV): Bei einer Erkrankung muss immer erst der Weg zum Hausarzt erfolgen. Dieser überweist dann zum Spezialisten. Bei Kindern führt der erste Weg zum Kinderarzt.

22 Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V) Überblick über wesentliche Leistungen Vorbeugende Gesundheitsleistungen q Früherkennung, Schutzimpfungen, Erstellung einheitlicher Krankheitsbilder, bei denen Reha zulässig ist, Förderung von Selbsthilfe, Maßnahmen der Gruppenprophylaxe zur Verhütung von bspw. Zahnerkrankungen, Vorsorgeuntersuchungen, Checkups, etc

23 Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V) Überblick über wesentliche Leistungen Krankengeld Krankengeld (Lohnersatzleistungen) erhalten versicherte Patienten von der Krankenkasse, wenn sie länger als 6 Wochen arbeitsunfähig sind und kein Anspruch auf Weiterzahlung des Lohnes besteht. Anspruch: Arbeitsunfähigkeit, Krankenhausbehandlung Das Krankengeld wird individuell berechnet und ist niedriger als das Nettoeinkommen.

24 Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V) Überblick über wesentliche Leistungen Krankengeld 70 % des regelmäßigen Bruttoeinkommens, max. 90% des Nettoeinkommens, bei Vorliegen ein- und derselben Krankheit Zahlung bis zu 78 Wochen innerhalb eines Zeitraumes von drei Jahren q In bestimmten Fällen wird ein gekürztes bzw. kein Krankengeld gezahlt. Für kranke und pflegebedürftige Kinder unter 12: Jedes Elternteil kann bis zu 10 Tage (Alleinerziehende bis zu 20) Krankengeld in Anspruch nehmen; q bei mehreren Kindern: 25 (Alleinerziehende 50)

25 Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V) Überblick über wesentliche Leistungen Krankengeld Monatlich brutto 3.000, ,- : 30 für Kalendertag = 100,- davon 70 % = 70,- Monatlich netto 1.800, : 30 für Kalendertag = 60,- davon 90 % = 54,- Folgt: Krankengeld beträgt 54,- täglich (max. 90% Netto!) Krankengeld ist steuerfrei

26 Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V) Überblick über wesentliche Leistungen Mutterschaftsgeld Während der arbeitsrechtlichen Schutzfrist für Mütter (6 Wochen vor und 8 Wochen nach der Entbindung) wird Mutterschaftsgeld an gesetzlich Versicherte in Höhe von höchstens 13 pro Kalendertag gezahlt. AG zahlt Differenz zum Nettoeinkommen Privat Versicherte erhalten das nicht, sie können jedoch ein einmaliges Mutterschaftsgeld in Höhe von bis zu 210 Euro beim Bundesversicherungsamt beantragen

27 Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V) Überblick über wesentliche Leistungen Mutterschaftsgeld Die gleiche Summe von 210 Euro erhalten Frauen vom Bundesversicherungsamt als Mutterschaftsgeld, wenn Sie in einem sozialversicherungsfreien Job arbeiten. Das gilt auch, wenn Sie über Ihren Mann in einer gesetzlichen Krankenkasse familienversichert sind. Arbeitslose: ALG in der bisherigen Höhe Hausfrauen erhalten nichts!

28 Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V) Zuzahlungen Praxisgebühr: 10 im Quartal Arzneimittel: 10 % des Preises, mind. 5 und max. 10 Heil- und häusliche Krankenpflege: 10 % der Kosten des Mittels zuzüglich 10 je Verordnung (bei häuslicher Krankenpflege auf 28 Tage begrenzt) Krankenhausaufenthalt: In den ersten 28 Tagen 10 pro Tag Zahnersatz: bis zu 50% der Kosten, bei regelmäßiger Inanspruchnahme von Vorsorge ein Bonus von bis zu 15% Oberhalb von 2 % des Bruttoeinkommens dürfen pro Jahr keine Zuzahlungen fällig werden (nur bei Vorlage von Belegen!)

29 Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V) Gesundheitsfonds

30 Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V) Gesundheitsfonds

31 Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V) Gesundheitsfonds Fond finanziert Ausgaben, bei zu geringen Einnahmen kann der Beitragssatz erhöht werden Beiträge gehen direkt in Fonds q AG: ca. 7.3 % der Bruttolöhne; AN: ca. 8.2 % der Bruttolöhne insgesamt 15,5 % Kassen erhalten Einheitsbetrag pro Versichertem und einen Zuschlag bei ungünstiger Verteilung (mehr Chronisch Kranke, etc.)

32 Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V) Gesundheitsfonds Gesundheitsfonds erhält steuerfinanzierte Bundeszuschüsse Ursprünglich: Zuschüsse sollten sich jährlich um 1,5 Milliarden Euro bis auf 14 Milliarden Euro im Jahr 2014 zu erhöhen. Allerdings: staatliche Zuschüsse sind krisenbedingt bereits deutlich höher ausgefallen als vorgesehen. 2011: Zuschüsse in Höhe von 15,3 Milliarden Euro für den Gesundheitsfonds eingeplant betrugen sie insgesamt 15,7 Milliarden Euro

33 Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V) Gesundheitsfonds: Zusatzbeiträge Krankenkassen können Zusatzbeiträge in beliebiger Höhe fordern, wenn sie mit dem Geld, das ihnen aus dem Gesundheitsfonds zusteht nicht auskommen. Den Zusatzbeitrag war 2010 auf höchstens ein Prozent des Einkommens beschränkt. Seit 2011 ist diese Begrenzung entfallen.

34 Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V) Zusatzbeitrag Im Jahr 2011 verlangen 13 Krankenkassen einen Zusatzbeitrag (zumeist 8 Euro). Dazu zählen: BKK advita, BKK Axel Springer, BKK für Heilberufe, BKK Gesundheit, BKK Hoesch, BKK MERCK, BKK PHOENIX, BKK Publik, CITY BKK (inzwischen Bankrott und aufgelöst) DAK, Deutsche BKK, E.ON BKK, KKH-Allianz

35 Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V) Zusatzbeitrag Geringverdiener erhalten Unterstützung in Form eines sozialen Ausgleichs. Dieser greift, wenn der durchschnittliche Zusatzbeitrag zwei Prozent des Bruttoeinkommens überschreitet. Der Sozialausgleich wird durch Steuergelder finanziert werden. Mit der neuen Gesundheitsreform soll der Wettbewerb unter den Krankenkassen verstärkt werden.

36 Private Krankenversicherung Seit 2007: PKV eine Pflichtversicherung für jene, die nicht zum Versichertenkreis der GKV gehören, für diese muss PKV einen Basistarif anbieten

37 Private Krankenversicherung Grundprinzipien Vertrag zwischen PKV und Versichertem Äquivalenzprinzip; Kapitalfundiert Beiträge werden prinzipiell nach dem Risiko bemessen (für die PKV) Freie Wahl unter Leistungserbringern, mit denen die Versicherten eine privatrechtliche Vertragsbeziehung eingehen Leistungserbringung: Kostenerstattungsprinzip

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