Ze wormez bî dem rîne. Exkursion der Älteren deutschen Philologie Bayreuth. nach Worms, Speyer und Lorsch am 14./15. April 2010

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1 Ze wormez bî dem rîne Exkursion der Älteren deutschen Philologie Bayreuth nach Worms, Speyer und Lorsch am 14./15. April 2010 Tag 1: Worms Die Unterbringung in der Wormser Jugendherberge überzeugt. Direkt vom Fenster aus sehen wir das Ziel unserer Reise den Wormser Dom. Er gehört in die Reihe der romanischen Kaiserdome am Rhein: Worms, Speyer und Mainz. Der künec gevolgete übele Hagenen sînem man. die starken untriuwe begunden tragen an, ê iemen daz erfunde, die ritter ûz erkorn. von zweier frouwen bâgen wart vil manec helt verlorn (NL 876) Kaiserportal und Stadtfreiheit Figur aus der Zwerchgalerie: Baumeister mit dem Affen Anhand der Kleidung und der Haartracht lässt sich diese Figur als Steinmetz identifizieren. Dabei handelt es sich nicht um ein individuelles Porträt, sondern die Funktionsrolle steht im Vordergrund, die in einen symbolischen Zusammenhang gestellt werden muss: Der Affe verweist in der christlichen Ikonographie auf das Laster der superbia (Hochmut, Eitelkeit). Die Erschaffer des Doms sollen sich durch die Großartigkeit des von ihnen errichteten Bauwerks nicht zu dieser Sünde verführen lassen.

2 Die Zwerchgalerie an der Außenfassade (Westchor) Die Figuren haben apotropäische Funktion: Dies bedeutet, dass das Negative, welches durch die Figuren dargestellt ist, aus dem Dominneren, aber auch durch den Dombau selbst gebannt werden soll. Dies erklärt auch den reichen Figurenschmuck, der mit dieser Zwerchgalerie im Gegensatz zu der des Speyerer Doms verbunden ist. Südwestansicht mit Zwerchgalerie und westlichem Turmpaar sowie den Mauerresten des mittlerweile abgebrochenen Bischofssitzes Worms gehört seit 1801 nicht mehr zu den rheinischen Bischofssitzen (Köln, Mainz, Speyer). Südportal mit Ecclesia triumphans auf dem Tetramorph und Biblia pauperum (Armenbibel) in der Archivolte (Umrahmung) Spannend ist neben der Einzigartigkeit der Skulpturendarstellung für uns auch die Vieldeutigkeit dieser Marienfigur. Sie ersetzte im Heiligen Jahr 1300 das frühere Tympanon, welches in den Innenraum des Doms versetzt wurde. Maria reitet auf einem die vier Evangelisten symbolisierenden Tier, welches gleichzeitig auf die Apokalypse und die Prophezeiung Daniels aus dem Alten Testament verweist.

3 Uns faszinierte die Formen- und Bildersprache des Mittelalters, die sich nicht in einsinnigen und eindeutigen Abbildungen erschöpft, sondern der Interpretation bedarf. Bei intensiverer Beschäftigung erschließen sich immer mehr Bedeutungsaspekte, die miteinander in kommunikative Beziehung treten. Unschwer zu übersehen im gesamten Stadtbild stellt sich auch das moderne Worms sehr stark in eine Nibelungenliedtradition, die sich durch die Jahrhunderte immer wieder gewandelt hat. In der mittelalterlichen Stadtmauer ist das architektonisch interessante Nibelungenmuseum zuhause, durch das uns Mario Adorf als Verfasser des Nibelungenliedes führte. Wir haben uns prächtig amüsiert. Szene aus Fritz Langs Nibelungenverfilmung Jüdischer Friedhof Heiliger Sand mit Blick auf den Dom und dem Grab des Rabbi Meir von Rothenburg 1307

4 Bevor uns das Brauhaus Zu den Zwölf Aposteln für den Rest des Abends aufnahm, sahen wir uns die Pauluskirche an. Hier begegnete uns romanische Sakralarchitektur noch einmal in einer ganz anderen Form. Tag 2: Lorsch und Speyer Ein besonderes Rätsel gibt dabei die sog. Königshalle auf: Innerhalb des ehemaligen Klosters situiert, ist man über die Funktion des Bauwerks bis heute zu keinem Konsens gekommen. Spielte sie in dem Königskloster vielleicht eine Rolle beim adventus des Herrschers? Oder besaß sie vielmehr eine Funktion in der Ausübung von Gerechtsamkeiten? Der Kirchenrest des ehemaligen Kloster Lorsch Den zweiten Tag der Exkursion begannen wir mit der Besichtigung der Überreste eines der bedeutendsten Benediktinerklöster aus romanischer Zeit. Durch die Führung wurde klar, wie sehr auch als gesichert geltende Ergebnisse durch neue archäologische Funde, aber auch neue wissenschaftliche Perspektiven auf soziale und kulturelle Zusammenhänge des Mittelalters immer wieder in Frage gestellt werden müssen.

5 Detail der Königshallenfassade Neben der Gesamtarchitektur des Gebäudes stellen vor allem die außergewöhnliche Schmuckfassade, die verwendeten Spolien und Säulenkapitelle eine Herausforderung für den modernen Interpreten dar. Außenansicht des Doms zu Speyer Besonders beeindruckt hat uns, dass der Blick auf den Ostchor des Doms gleichzeitig einen Blick auf seine wechselhafte Geschichte freigibt. Darüber hinaus lässt sich an Struktur und Gliederung der Außenfassade die im Vergleich zu Worms unterschiedliche Ausrichtung der architektonischen Formensprache erkennen. Hier hat die Zwerchgalerie die Funktion Bauteile voneinander abzusetzen und so unterschiedliche Sphären sichtbar zu trennen.

6 Langhaus Speyer mit Blick in den Westchor Langhaus Worms mit Blick in den Westchor Der Kontrast der Raumwirkungen im Inneren der beiden Dome ergibt sich einerseits aufgrund der unterschiedlichen verwendeten Baumaterialien und dem daraus resultierenden Hell-Dunkel-Effekt, vor allem aber zeigt sich am Beispiel Speyer eine völlig anders geartete Raumidee: Klare Gliederung, imposante Höhe und Ausmaße. Blick in die Vierung des Ostchors Die beeindruckende Wirkung des Baues offenbart auch der Blick nach oben. Dabei wirken durch die enorme Höhe auch die meterdicken Pfeiler filigran.

7 Auch die Krypta des Domes hat an diesem Gesamteindruck teil. Sowohl in Höhe als auch in ihrer Ausdehnung außergewöhnlich verweist sie auf die ursprüngliche Funktion der Kirche als Grablege der salischen Könige. Uns fiel besonders in Vergleich zu Worms in Speyer vor allem die Verflechtung von profaner und sakraler Machtdemonstration auf, die sich auf verschiedenen Ebenen immer wieder den Möglichkeiten von Raumausfüllung und Raumgestaltung bedient. Strategien der Raumausfüllung ließen sich auch vor dem Dom beobachten: Der Domnapf, der zu jedem neuen Bischofsantritt für die Stadtbevölkerung mit Wein gefüllt wird, steht vielsagenderweise auf der Grenzlinie zwischen Domfreiheit und dem Rechtsbezirk der Stadt. Exkursionsbericht und Fotos Dr. Viola Wittmann Nadine Hufnagel, M.A. Marina Klamt Matthias Fejes

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