SWR2 Aula Okeanus und Nostrum Mare (2/2)

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1 SWR2 MANUSKRIPT ESSAYS FEATURES KOMMENTARE VORTRÄGE SWR2 Aula Okeanus und Nostrum Mare (2/2) Eine Reise zu den Namen der Meere Von Rolf-Bernhard Essig Sendung: Sonntag, 5. Juli 2015, 8.30 Uhr Redaktion: Ralf Caspary Produktion: SWR 2015 Bitte beachten Sie: Das Manuskript ist ausschließlich zum persönlichen, privaten Gebrauch bestimmt. Jede weitere Vervielfältigung und Verbreitung bedarf der ausdrücklichen Genehmigung des Urhebers bzw. des SWR. Service: SWR2 Wissensfeature können Sie auch als Live-Stream hören im SWR2 Webradio unter Die Manuskripte von SWR2 Wissensfeature gibt es auch als E-Books für mobile Endgeräte im sogenannten EPUB-Format. Sie benötigen ein geeignetes Endgerät und eine entsprechende "App" oder Software zum Lesen der Dokumente. Für das iphone oder das ipad gibt es z.b. die kostenlose App "ibooks", für die Android-Plattform den in der Basisversion kostenlosen Moon-Reader. Für Webbrowser wie z.b. Firefox gibt es auch sogenannte Addons oder Plugins zum Betrachten von E-Books: Mitschnitte aller Sendungen der Redaktion SWR2 Wissensfeature sind auf CD erhältlich beim SWR Mitschnittdienst in Baden-Baden zum Preis von 12,50 Euro. Bestellungen über Telefon: 07221/ Kennen Sie schon das Serviceangebot des Kulturradios SWR2? Mit der kostenlosen SWR2 Kulturkarte können Sie zu ermäßigten Eintrittspreisen Veranstaltungen des SWR2 und seiner vielen Kulturpartner im Sendegebiet besuchen. Mit dem Infoheft SWR2 Kulturservice sind Sie stets über SWR2 und die zahlreichen Veranstaltungen im SWR2-Kulturpartner-Netz informiert. Jetzt anmelden unter 07221/ oder swr2.de

2 Ansage: Heute mit dem Thema: "Okeanos und Mare Nostrum, Teil 2 Eine Reise zu den Namen der Meere". Namensforscher sind immer auch auf der Suche nach sozialen, mythologischen, politischen, juristischen Aspekten, die sich in die Sprache hineinschmuggeln. Daraus ergeben sich dann Fragen wie: Warum sind die Namen für das Japanische Meer besonders gut erforscht, warum landeten die Exilkubaner 1961 eben nicht in der Schweinebucht, wie können Vulkane neue Herrschaftsgebiete schaffen, wie lassen sich Meere unter Nationen aufteilen? Der Namensforscher Rolf-Bernhard Essig gibt auch heute überraschende Antworten. Im zweiten Teil geht es vor allem um juristische Aspekte. Rolf-Bernhard Essig: Welche Wasserfläche verdient zum Beispiel im juristischen Sinn die Bezeichnung "Ozean"? Das internationale Seerecht definiert ihn durch die Kontinuität von Meerräumen, die untereinander durch Meeresstraßen u. ä. verbunden sind und ineinander übergehen, die frei und natürlich miteinander im Austausch stehen und ein vergleichbares Höhenniveau haben. Auf diese Weise sind Flüsse und Binnenseeflächen ausgeschlossen. Klingt vielleicht etwas kompliziert und ist doch bloß eine derbe Vereinfachung in den Augen der Rechtsgelehrten. Sie sehen im Meer seit langem keinen rechtsfreien Raum, auch nicht auf Hoher See, greifen benennend weit aus, wobei sie sich der Gegenkräfte durchaus bewusst sind, wie der Experte Internationalen Rechts René-Jean Dupuy einmal eindrucksvoll formulierte: "Die See wurde immer von zwei gewaltig widerstreitenden Winden aufgewühlt: Der Wind von der Hohen See Richtung Land ist der Wind der Freiheit; der Wind vom Land Richtung Hohe See ist der Träger der Herrschaftsansprüche. Das Gesetz der See befand sich stets in der Mitte zwischen diesen widerstreitenden Kräften." Wie war das aber mit der "freien See", die Hugo Grotius vor gut vierhundert Jahren in die Völkerrechtswelt setzte? Naja, dieses hochbedeutende Wort steht tatsächlich im Titel seiner 1609 anonym veröffentlichten Schrift: "Mare liberum sive de iure quod Batavis competit ad Indicana commercia Dissertatio". Zu Deutsch: "Die freie See oder Abhandlung vom Recht Hollands, das ihm im Indienhandel zusteht". Schon damals ging es eben nicht nur um die im Titel genannte "freie See" als hehres Ziel, sondern auch um den freien Handel mit Indien, wie der zweite Teil des Titels klarstellt. Ein allgemeiner Rechtsanspruch, das Prinzip des "Mare liberum", wurde hier gegen die religiös-päpstliche Ordnung des Vertrags von Tordesillas ins Feld geführt, der 1494 mit einem 2

3 Federstrich die Welt entlang von westlicher Länge in zwei Einflussgebiete Spaniens und Portugals geteilt hatte. Seit Jahrhunderten bekämpfen sich auf den Weltmeeren also nicht nur Kriegsund Handelsmarine, sondern auch Juristen; nun ja, oft verhandeln sie auch. Beispielsweise 1930 in Den Haag, wo sich die Internationale Konferenz des Völkerbunds traf, um internationales Recht zu kodifizieren. Es gelang, wenngleich nicht einstimmig, die Hoheitsgewässer endgültig als staatliches Hoheitsgebiet zu definieren, wobei auch der Luftraum darüber, das Meer unter der Oberfläche, der Meeresgrund und der Meeresuntergrund dazugerechnet wurden. Bemerkenswert militärisch und dehnbar zugleich diente als Begrenzung der "territorial waters" oder Hoheitsgewässer die gewohnheitsrechtliche Kanonenschussreichweite ("canon shot rule"), die seit dem Beginn des 18. Jahrhunderts als drei Seemeilen angesehen wurde. Selbstverständlich vergrößerte sich diese Zone mit der Entwicklung der Küstengeschütze bis auf 12 Seemeilen. Juristische Benennungen wie "Hoheitsgewässer" sind alles andere als Schall und Rauch. Sie sorgten auch auf der "UN-Konferenz das Gesetz der See" in den Jahren 1956 bis 1958 für allerlei Verhandlungen, deren Ergebnis eine Dreiteilung der Ozeane war: 1. Innere Gewässer, "internal waters", 2. Hoheitsgewässer, "territorial sea", 3. die Hohe See, "the high seas", die alles umfasst, was die ersten beiden nicht sind. Es fehlten aber noch exakte Grenzziehungen. Nach einer zweiten, im Grunde ergebnislosen Konferenz 1960, beschloss eine neun Jahre währende Folge von Monsterverhandlungen (1973 bis 1982) am Ende so etwas wie die "Verfassung der Ozeane", die "United Nations Convention on the Law of the Sea" (UNCLOS), der 130 Staaten zustimmten, vier widersprachen, während sich 18 enthielten und von weiteren 18 merkwürdigerweise keine Entscheidung festgehalten wurde. Seit dem 24. September 2012 sind es mit Swasiland und Ecuador 164 Staaten, die die Konvention ratifiziert haben. Vor allem die Frage des Fischfangs und der Erdöl- und Erdgasvorkommen unter Wasser hatte gegenüber früheren Verhandlungen zu einer massiven Ausweitung der Interessenzonen und zu weiteren Benennungen geführt. Jetzt gab es fünf Zonen: 1. Innere Gewässer und Hoheitsgewässer, 2. die Anschlusszone, die der alten Zwölfmeilen- als eine weitere Zwölfmeilenzone angeschlossen wurde, in denen Hoheitsrechte ähnlich der ersten galten, gleichsam als Schutzrechte für die innere Zone, etwa in Fragen des Zolls, der Steuern, der Einwanderung, des Umweltschutzes, des Drogenhandels oder der Gesundheitsvorsorge, 3. die Ausschließliche Wirtschaftszone oder 200-Meilen- Zone mit Rohstoff-, Fischereirechten, wobei der Kontinentalschelf oder Festlandssockel eine besondere Rolle spielt. Dessen großzügige Definition kann nämlich die Zone auf 350 Seemeilen, ja in bestimmten Fällen sogar noch etwas weiter ausdehnen, 4. Archipelgewässer, deren Wasserfläche von 3

4 darinnenliegenden oder sie umgebenden Inseln bestimmt werden, 5. die Hohe See, die als Erbe der Menschheit definiert wurde, womit ein neues Rechtssubjekt die Bühne der Meergesetzgebung betritt. Die Freiheit der Meere wird dadurch natürlich eingeschränkt. Das gilt ebenso für den Meeresboden und den Meeresuntergrund unterhalb des Bereichs der Hohen See. In der UN- Konvention über das Seegesetz ("United Nations Convention on the Law of the Sea") wählte man dafür den emphatischen Namen "the Area", "das Gebiet" oder "die Zone". Darüber wacht seit 1994 die Internationale Meeresbodenbehörde in Kingston/Jamaika. Natürlich reicht diese sehr allgemeine Einteilung der Meere in fünf bis sieben Bereiche nicht aus, denn was ist mit den internationalen Meeresstraßen oder wie definiert man die Grenzen der einzelnen Bereiche genau, da Küstenlinien ja extrem eingekerbt sein können oder unter Eis liegen, der Festlandsockel mal extrem breit, mal extrem schmal ist. Fast alles gibt es eine, zumindest vorläufige Lösung. So kann nicht jede Insel eine Exklusive Wirtschaftszone von 200 Seemeilen und womöglich noch einen weitergehenden Kontinentalschelf beanspruchen, denn es sind ja ungefähr Also schloss die UN-Seerechtskonvention schon mal bestimmte Gebilde aus, indem es ihnen den Inselstatus verweigerte. Der wird gemäß Artikel 121(1) so definiert: "Eine Insel ist eine natürlich gebildete Fläche Land, von Wasser umgeben, die bei Fluthöchststand über Wasser ist." Und Artikel 121(3) bestimmt: "Einfache Felsen, die menschliches Leben nicht ermöglichen oder erhalten können, dürfen keine Ausschließliche Wirtschaftszone oder Kontinentalschelf haben." Immer wieder kommt es zu einseitigen Erklärungen, zu Streitigkeiten oder Verhandlungen, beispielsweise bei der Felsnadel Rockall im Nordost-Atlantik mit knapp 800 Quadratmetern Fläche und das vom Untergang bedrohte und weitgehende unterseeische "Atoll" Okinotorishima, dessen Status als "Inseln", die ein Atoll bilden, China seit einigen Jahren vehement bestreitet. Immerhin geht es um etwa Quadratkilometer Seefläche, die Japan, wäre der Inselstatus anerkannt, für sich beanspruchen könnte. China selbst dagegen schüttet Unmengen an Material in die See, um die Spratly-Inseln zu eigenen Rechtsgebilden zu machen, die von China abhängen und ebenfalls eine gewaltige Seefläche beanspruchen könnten. Das macht deutlich, wie eine bloße Bezeichnung Insel oder Nichtinsel das Gebiet der Hohen See empfindlich schmälern kann. Das hat vor allem mit der Ausschließlichen Wirtschaftszone und dem Gebiet des Festlandsockels zu tun. Dessen politische Stunde schlug am 28. September 1945, als US-Präsident Harry S. Truman einseitig proklamierte, dass der Festlandsockel Bestandteil des US-Territoriums sei. Darauf reagierten 1947 Chile, Peru, Ecuador. Sie hatten zwar im geologischen Sinne keinen nennenswerten Festlandsockel, beanspruchten aber trotzdem eine Zone von 200 Seemeilen als besonderes Hoheitsgebiet, da innerhalb derselben sich die bedeutenden Anchovis- 4

5 Schwärme tummeln, und dort liegen die für die Landwirtschaft extrem wichtigen Guano-Inseln sowie der fischreiche Humboldt-Strom. Aus diesem Anspruch entwickelte sich das Konzept der Ausschließlichen Wirtschaftszone, die von einem Land allerdings erst offiziell beansprucht werden muss, ehe sie Bestand hat. Etwa ein gutes Drittel der gesamten Meerfläche wird von solchen Zonen eingenommen, die überflogen und von Schiffen frei durchfahren werden dürfen. Ihre Ressourcen, ob Wind, Strömung oder Rohstoffe, Nahrung wie Fische, Algen, der Seeboden und Seeuntergrund darf aber nur der Staat nutzen, der sie offiziell für sich beansprucht hat. Der Festlandsockel dagegen beginnt außerhalb der Territorialgewässer und endet a) wo die gleichmäßige Seetiefe (Isobath) 200 m unterschreitet, b) wo man mit gängiger Technik nicht mehr die Bodenschätze des Seebodens ausbeuten kann. Da inzwischen Tiefseebohrungen über Meter leicht erreichen, könnte es unter den Küstenstaaten gemäß dieser Definition zu einer Aufteilung fast des gesamten Seebodens kommen. Kein Wunder, dass Wladimir Putin 2007 schon von Kleinst-U-Booten eine russische Flagge am Nordpol unter Wasser aufstellen ließ, um das gesamte Gebiet als russischen Festlandsockel zu bestimmen. An Einsprüchen mangelte es nicht. Wegen dieser und weiterer Fälle richtete man klar eine weitere Behörde ein, die "Commission on the Limits of the Continental Shelf". Was bleibt da noch von der vielgepriesenen Hohen See? Ihr werden ja auch noch die Archipel- Wasserflächen eines Archipelstaates und dessen Zonen abgeknapst. Es bleibt dem freien Meer, weil es zwei Drittel der Erde bedeckt, immerhin doch eine erkleckliche Fläche, dazu "das Gebiet", "die Zone", also der Meeresgrund und -boden als gemeinsames Erbe der Menschheit. Und der Seekrieg ist gemäß UN-Charta (Artikel 201) auf der Hohen See auch verboten. Wer sich daran hält? Und was machen die 45 von ungefähr 200 Staaten, die reine Binnenländer und ohne Seezugang sind? Dazu zählen u. a. Afghanistan, Bolivien, Kirgistan, Laos, Luxemburg, Malawi, Nepal, Niger, Slowakei, Schweiz, Uganda, Ungarn, Usbekistan, Vatikan Staat, Zimbabwe. Sie sollten über den Kauf von Inseln nachdenken. Japan macht mit dem Erwerben der Senkaku-Inseln aus privater Hand zwar zur Zeit sehr ambivalente Erfahrungen, weil China schärfstens gegen das "illegale und ungültige" Verfahren protestiert, aber mittels Inselkauf könnte selbst ein Binnenland plötzlich zum Seestaat werden. Küstenanrainer versuchten schon, ihr Gebiet durch Namensänderungen und juristisches Vorgehen auszuweiten, wobei sie sich auf die lange Zeit schwammige Definition des Rechtsbegriffes "Bucht" stützten. Die Bezeichnung von Meeresaus- oder Landeinstülpungen gehört übrigens zu den ältesten überlieferten, nannten doch schon die antiken Griechen große, bauchige, geschwungene ins Land ragende Meerflächen "kólpos", was wiederum vielerlei bezeichnete. Kolpos bezeichnete den Meerbusen als nautisch-geographischen Begriff, dann ganz allgemein "Wölbung", "Busen", "Brust", "Bauch", "Vagina", 5

6 "Meeresschoß", "Talebene" und "Gewandbausch". Das Wort übernahmen die Römer wie so vieles von den Griechen; einerseits als wörtliche Übersetzung mit "sinus", andererseits als Fremdwort, wobei bis zu italienischen Varianten des Mittelalters "colpus", "colfus" und "culfus" zu lesen war. Da fehlte fast nichts mehr zum "golfo", das Kreuzfahrer im Hohen Mittelalter von den Seeleuten hörten, die sie von Italien ins Heilige Land und zum kleineren Teil wieder zurückbrachten. Ob der "gulf" im Englischen oder "Golf" bei uns, die Sache leuchtete ein, wobei sie erst für mittelmeerische Einschnürungen des Meers wie den Golf von Korinth verwendet wurde, dann immer weiter bis zu den beiden berühmtesten, den Persischen Golf und den Golf von Mexiko, die oft ohne die Bestimmungsworte einfach nur "Golf" genannt werden, was ja schon der Golfstrom beweist und die Kriege in der Golfregion. Der Golfsport dagegen bezieht sich auf schottische Bezeichnungen des Spiels im 15. Jahrhundert, die schon ähnlich "golf" und "gouff" lauten und ganz unabhängig davon entstanden sind. Bei der Bai, Bay und Bucht geht es noch verwickelter zu und fast so unübersichtlich wie an einer inselgesprenkelten Schärenküste. Eine Bai ist eine weite Meeresbucht, die in anderen, nicht nur europäischen Sprachen ähnlich heißt, nämlich Bay oder Bahía oder Baía oder Baie. Am Anfang steht mit gewisser Wahrscheinlichkeit eine dramatisch gelegene Abtei auf der nördlichen Spitze der Atlantikinsel Noirmoutier, die gegen Ende des 7. Jahrhunderts gegründet wurde. Der heilige Philbert soll dort die Salzgewinnung dort begonnen haben, die so erfolgreich wurde, dass es im 14. Jahrhundert schon im Mittelhochdeutschen den Ausdruck "bayesolt" und "baisolt" für das Meersalz dieser Herkunft gab. Die Insel nahe Nantes nannte man nämlich nach Philberts Kloster bzw. Abtei, Französisch "L Abbaye", schon im Mittelalter einfach "la Baie / Baye". Das bezog man wohl bald auch auf die nordöstlich gelegene Bucht oder auf die kleineren Buchten, in denen man Salz gewann. Über Italien und Spanien, wo man die Bezeichnung für Meereseinschnitte allgemein verwendete, gelangte das Wort dann mit Reise-, Entdecker- und Forschungsberichten zu uns und nach England. Wie angenehm einfach erklärt sich da das deutsche Wort "Bucht" vom Verb "biegen" her. Damit konnte und kann man in Norddeutschland auch einen Pferch bezeichnen, denken Sie nur an die Schweinebucht nicht im historischen, sondern im landwirtschaftlichen Sinn. An der Küste bürgerte sich der Ausdruck für die Einbiegung des Meers mindestens schon im Mittelalter ein, im Hochdeutschen erst im 17. Jahrhundert. Die Deutsche Bucht mit ihrem Entenschnabel ist über germanische Vorformen direkt verwandt mit dem altenglischen "Byht" sowie dem englische "Bight" und damit sogar mit der vielfach größeren "Great Australian Bight". Seerechtlich gesehen, ist die Große Australische Bucht allerdings keine Bucht. Was wir Laien so leichten Herzens im Mund führen, beschäftigt die Vereinten Nationen schon lange, weil die Frage nach Bucht oder Nichtbucht bis hin zu internationalen Verwicklungen führen kann. Nach Artikel 10 der UN- 6

7 Seerechtskonvention sind Buchten und Golfe allgemein "klarmarkierte Einbuchtungen", die mehr sind als bloße Kurvaturen der Küste, mit mindestens einer Mündung zur See und an allen anderen Seiten landumgebene Gewässer. Außerdem muss die Einbuchtung mindestens so groß sein, dass der Halbkreis, dessen Durchmesser der Linie zwischen den beiden Mündungspunkten entspricht, kleiner ist als die innere Wasserfläche. Das hat besonders deshalb eine große Bedeutung, weil die Fläche einer Bucht in diesem Sinn als Inneres Gewässer und damit als uneingeschränktes Hoheitsgebiet eines Staates zu betrachten ist. Es gibt noch genauere Spezifikationen, was eine "Bucht", was eine "Bay" ist, vor allem gibt es noch Ausnahmen, nämlich "Historische Buchten" und "Historische Gewässer", die den geomorphologischen Anforderungen der Juristen nicht entsprechen, aber aus Gewohnheitsrecht so bezeichnet und wichtiger noch so juristisch klassifiziert werden. Der Streit darüber, ob ein Gewässer eine Bucht oder Historische Bucht zu nennen ist, führte am 10. Oktober 1973 zu einem militärischen Schlagabtausch. An diesem Tag erklärte Libyen den Golf von Sidra (die Große Syrte) als Inneres Gewässer und zwar mit einer 300 Seemeilenlinie zwischen den äußeren Punkten im Osten bzw. Westen, was zu sofortigen Protesten, aber auch zu zwei Zusammenstößen mit der 6. Flotte der USA führte, die dort Manöver abhielt. Zwei libysche Kampfflugzeuge wurden 1981 abgeschossen, 1986 wurden 24 Menschen bei einem zweiten Zwischenfall getötet. Eine verbindliche Liste der Historischen Gewässer oder Buchten wäre also höchst wünschenswert, um solche Konflikte zu vermeiden, aber sie fehlt bis heute. Zu einem militärischen Konflikt kam es zum Glück noch nicht beim Streit um eine viel größere Meerfläche. Bei dem, was international meist "Japanische See", "Japanisches Meer", "Sea of Japan" oder "Nihon-kai" genannt wird. Nordkorea wie Südkorea erheben seit langem Einspruch gegen die Standardbezeichnung der Seefläche, die spätestens seit 1929, als die "International Hydrographic Organization" die Grenzen der Ozeane und Seen international beschrieb, offiziell anerkannt ist. Nur eben nicht von Korea. Einerseits beruft man sich in seltener Einigkeit von Nord- und Südkorea darauf, dass "Japanische See" viel ältere Bezeichnungen ersetzt habe, andererseits, dass zu dem Zeitpunkt, als die Bezeichnung durchgesetzt wurde, Korea gar nicht mitsprechen konnte, weil das Land von Japan nach dem Russischjapanischen Krieg als Kolonie annektiert hatte. Dagegen führt Japan die Macht der Gewohnheit, die Bedeutung der Verlässlichkeit und Eindeutigkeit ins Feld. Seit fast hundert Jahren gebe es den Namen offiziell, gegen den die beiden koreanischen Staaten erst seit ein paar Jahren kämpften. Wo käme man hin, wenn ein oder zwei Staaten gegen eine international geregelte Benennung erfolgreich vorgehen könnten? Eine Doppelbenennung wollen weder Japaner noch Koreaner einführen. Außerdem könnten in einem vergleichbaren Fall drei, vier oder mehr Staaten streiten. Sollten dann vier Namen zugelassen werden? 7

8 Die koreanische Seite erkennt die Probleme an, argumentiert allerdings ebenfalls bedenkenswert. Sie geht von der traditionellen Bezeichnung "Ostmeer" aus. Japans aggressiver Imperialismus nach dem Seesieg bei Tsushima über Russland im Jahr 1904 werde durch den Namen "Japanische See" sanktioniert und festgeschrieben, während Korea als Opfer dieser Politik bis heute stimmlos bleibe. Die Koreaner schlugen gleichwohl versöhnliche Töne an und machten Vorschläge für einen neuen Namen wie "Friedensmeer" und "Versöhnungsmeer". Das lehnten die Japaner ab. UN-Stellen hielten sich aus dem Streit möglichst heraus, ermunterten die beiden Parteien aber dazu, eine Lösung zu finden. Es gibt zwar die "United Nations Group of Experts on Geographical Names" und sogar ein Handbuch für die "Nationale Standardisierung geografischer Bezeichnungen", doch im politischen Feld helfen sie nur wenig. Eine ungeheure Archivarbeit bleibt noch zu erwähnen: Japaner wie vor allem Südkoreaner ließen erst Dutzende, dann Hunderte, schließlich Tausende Karten durchforsten, um historische Benennungen zu finden und dann statistisch auszuwerten. Bis heute haben sich die Parteien nicht geeinigt. Vor allem Süd-Korea, das den Status ja ändern möchte, versucht weiterhin mit politischen und Mitteln der Öffentlichkeitsarbeit, die Benennung "Ostmeer" durchzusetzen. Außer den internationalen Gremien versucht man auch Kartenverlage, Homepagebetreiber, Lexikonherausgeber, Reiseveranstalter und viele andere zu überzeugen, doch den Namen zu ändern oder wenigstens als Minimalkompromiss die Doppelbezeichnung einzuführen. Bei Erfolg sind japanische Proteste und Einflussversuche im entgegengesetzten Sinn garantiert. Zum Schluss präsentiere ich Ihnen noch zwei schnurrige Meer- Benennungsgeschichten. Zuerst geht es um eine Art moralisches Schauturnen um einen Namen für einen Strom, dann um einen Namenswitz der Weltgeschichte. Am 16. Dezember 1800 beschrieb Alexander von Humboldt ( ) im Stillen Ozean und wie immer forschend unterwegs an Bord der "Castora" eine Strömung. Sie entfaltet ihre Kraft vor der Küste Perus. Humboldt nimmt häufig Messungen vor und notiert: "Zu meinem größten Erstaunen fand ich das Meer an der Oberfläche unter Breiten, wo es außerhalb der Strömungen 26 Grad bis 28,5 Grad ist, bei Truxillo, Ende September, 16 Grad, bei Callao, Anfang November, 15 Grad." Als erster Forscher beschäftigt er sich mit den Eigenheiten der Strömung, sammelt Daten und stellt Gedanken zum Zusammenhang von Meer, Meeresströmung und Klima an, die grundlegende Erkenntnisse von heute genialisch vorwegnehmen bzw. grundieren. Auf die Idee, die km lange, 80 bis 100 km breite Strömung mit seinem Namen zu belegen, kam allerdings erst viel später der befreundete Mathematik- Professor und Kartograph Heinrich Berghaus ( ). Er fertigte auf 8

9 Anregung Humboldts und unterstützt durch dessen Material einen großen physikalischen Atlas an und veröffentlichte auch Humboldts Aufzeichnungen mit dem schönen Titel: "Über Meeresströmungen im allgemeinen und über die kalte peruanische Strömung der Südsee im Gegensatze zu dem warmen Golf- oder Florida-Strome". Berghaus erwähnt auch, dass weitere, spätere Messungen die von Humboldt und damit seine Entdeckung der kalten Strömung aufs Vollständigste bestätigt hätten, weshalb man sie auch mit Recht "Humboldt- Strömung" nennen kann. Was anderen geschmeichelt hätte, nimmt der Geehrte fast schon krumm. In einem Brief vom 21. Februar 1840 schreibt Humboldt: "Ebenso protestiere ich (auch allenfalls öffentlich) gegen alle Humboldtsche Strömung... Die Strömung war 300 Jahre vor mir allen Fischerjungen von Chili bis Payta bekannt. Ich habe bloß das Verdienst, die Strömung des strömenden Wassers zuerst gemessen zu haben." Eine wacker aufrechte Haltung stolzer Bescheidung! Am 7. Dezember 1840, nur zehn Monate später, hat sich der Gelehrte dann doch mit der Karte angefreundet, die ihm Berghaus als Nikolausgeschenk geschickt hat, und schreibt höflich-heiter: "Ich finde bei meiner Rückkunft von Charlottenburg Ihre schönen Karten, unter ihnen die, auf der Sie für ganz kleine Verdienste meinen Namen zu sehr verherrlicht haben " Auf internationalen Karten steht heute gleichwohl und im ursprünglichen Sinn Humboldts meistens einfach "Peru- Current". Schade, dass es nicht zu einem Namen eines peruanischen oder chilenischen Fischerbuben reichte. Und nun noch der Namenswitz der Weltgeschichte: 1961 sollte eine geheime Militäroperation einer paramilitärischen Einheit aus Exilkubanern, kubanischen Ex-Agenten, US-Marine und CIA mit Bomber-Unterstützung einen Vorwand für ein offizielles militärisches Eingreifen der USA gegen Castro und Kumpane liefern. Der Punkt, an dem die Angreifer auf Kuba landen wollten, hatte sich bei den Verteidigern vorher aber schon herumgesprochen. So wurde die "Bahía de cochinos" zu einem der peinlichsten Orte der neueren US-Geschichte. In der Welt wurde die Aktion als "Invasion in der Schweinebucht" ("Bay of pigs invasion") bekannt. Allerdings hieß sie in Wirklichkeit "Bucht der Drückerfische". "Cochinos" versteht zwar jeder Spanier normalerweise als "Schweine", aber bei der Benennung der Bucht ging es um eine, vor allem im mittelamerikanischen Spanisch verbreiteten Bezeichnung für die Drückerfische. Die Amerikaner, gerade die in Militärkreisen, hätten das kurioserweise durchaus wissen können. An Hitlers letztem Geburtstag, dem 20. April 1945, lief nämlich die "USS Cochino" vom Stapel, ein U-Boot, das auch noch von der Basis in Guantanamo operierte. Die Marine wählte den Namen "Cochino" natürlich nicht nach dem für Spanier geläufigen Wort für "Saukerl, Schlamper, Drecksau, verdammt, schmutzig ", sondern nach dem Namen des Orangeseiten-Drückerfischs. Erstens sieht er elegant aus, zweitens ist er ein erfolgreicher Räuber, drittens kann er einen konzentrierten Wasserstrahl erzeugen, um seine Beute 9

10 aufzuscheuchen, umzudrehen, freizulegen. Das erinnert ein wenig an die U- Boote mit ihren Torpedos, die durch Druckluft ausgestoßen werden. Die Weltmedien kümmerten sich nicht um die genaue Bedeutung des Namens, zumal die meisten Presseleute ja die amerikanische Bezeichnung "Bay of pigs" übernahmen und übersetzten. Die kubanischen Presseleute hatten erst recht nichts gegen die despektierliche Bezeichnung einzuwenden, weil sich der beleidigende Schimpf auf die unfähigen, rechtsbrüchigen, im Dreck wühlenden Amerikaner übertrug. Und so wurde aus der beinahe poetisch klingenden "Ensenada de cochinos", dem "Busen der Orangeseiten-Drückerfische", wie sie auf den Karten um 1900 noch hieß, die hundsgemeine "Schweinebucht". ***** Rolf-Bernhard Essig, Dr. phil., geb. 1963, ist Autor, Kritiker, Moderator und Dozent. Sein Ziel ist es, Lust und Wissen zu verbinden, Philologie und Stil, Ernst und Spiel. Erfolgreich tourt der "Indiana-Jones der Sprachschätze" (Nürnberger Nachrichten) in seiner Mission als Redensartenforscher durch Deutschland. Essig arbeitete als Kritiker, Wissenschaftsjournalist und Kolumnist für viele Zeitungen und Zeitschriften (u. a. DIE ZEIT, SZ, NZZ, Wiener Zeitung), den SWR, WDR, NDR, Deutschlandradio Kultur und ist seit 1990 regelmäßig als Dozent für Literaturwissenschaft und Literaturkritik, Kreatives Schreiben u. a. an der Universität Bamberg tätig. Internetseite: Literatur: Ein Meer ist eine See ist ein Ozean. Wie Ärmelkanal, Rossbreiten und Ochsenbauchbucht zu ihren Namen kamen. Mare Verlag

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