Der Therapie Beine gemacht

Save this PDF as:
 WORD  PNG  TXT  JPG

Größe: px
Ab Seite anzeigen:

Download "Der Therapie Beine gemacht"

Transkript

1 Sport Björn Gerstenköper Der Therapie Beine gemacht Lauftherapie und ihre Einsatzmöglichkeiten in therapeutischen und sozialpädagogischen Zusammenhängen Diplomarbeit

2 Björn Gerstenköper Der Therapie Beine gemacht Lauftherapie und ihre Einsatzmöglichkeiten in therapeutischen und sozialpädagogischen Zusammenhängen Diplomarbeit Fachhochschule Köln Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften Studiengang Sozialpädagogik Dezember 2007 ID 11149

3 Björn Gerstenköper Der Therapie Beine gemacht Lauftherapie und ihre Einsatzmöglichkeiten in therapeutischen und sozialpädagogischen Zusammenhängen ISBN: Druck Diplomica Verlag GmbH, Hamburg, 2008 Zugl. Fachhochschule Köln, Köln, Deutschland, Diplomarbeit, 2007 Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte, insbesondere die der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrags, der Entnahme von Abbildungen und Tabellen, der Funksendung, der Mikroverfilmung oder der Vervielfältigung auf anderen Wegen und der Speicherung in Datenverarbeitungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten. Eine Vervielfältigung dieses Werkes oder von Teilen dieses Werkes ist auch im Einzelfall nur in den Grenzen der gesetzlichen Bestimmungen des Urheberrechtsgesetzes der Bundesrepublik Deutschland in der jeweils geltenden Fassung zulässig. Sie ist grundsätzlich vergütungspflichtig. Zuwiderhandlungen unterliegen den Strafbestimmungen des Urheberrechtes. Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Die Informationen in diesem Werk wurden mit Sorgfalt erarbeitet. Dennoch können Fehler nicht vollständig ausgeschlossen werden und der Verlag, die Autoren oder Übersetzer übernehmen keine juristische Verantwortung oder irgendeine Haftung für evtl. verbliebene fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diplomica Verlag GmbH Hamburg 2008 Printed in Germany

4 Inhaltsverzeichnis Einleitung Begriffserklärungen Laufen eine Definition Der Therapiebegriff Geschichte und Entwicklungslinien des Laufens Historische Entwicklungen Laufen in der Moderne Laufen Sucht oder Heilmittel? Laufen als Heilmittel Physische Auswirkungen des Laufens Positive Auswirkungen auf die körperliche Gesundheit Beeinflussung körperlicher Erkrankungen und Risikofaktoren Psychische Effekte des Laufens Physiologische Erklärungsansätze Psychologische Erklärungsansätze Laufen und psychoanalytische Aspekte Laufen und verhaltenstherapeutische Prinzipien Laufsucht Laufen als Therapie? Zusammenfassung...55

5 4. Das Paderborner Modell der Lauftherapie Entstehung und Entwicklung aus der Praxis Grundannahmen, Fakten und Schlussfolgerungen Beobachtungen aus der Praxis Die sieben Bausteine der praktischen Lauftherapie Einsatzmöglichkeiten des Laufens in therapeutischen und sozialpädagogischen Zusammenhängen Laufen in therapeutischen Zusammenhängen - Laufen gegen Depressionen Laufen in sozialpädagogischen Zusammenhängen Fazit und Ausblick...85 Literaturverzeichnis Abbildungsverzeichnis

6 4 Einleitung Der Mensch verändert seinen Lebensstil innerhalb kürzester Zeit radikal. Vom Jäger und Sammler, der sich zum Zwecke der Existenzsicherung ständig ausdauernd in Bewegung befindet, hin zum körperlich inaktiven Müßiggänger, der ein Leben im Überfluss führt. Seine Gene hingegen sind nach wie vor auf ein Leben in Bewegung programmiert. Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft! Dieses Zitat des dreifachen Olympiasiegers im Langstreckenlauf, Emil Zatopek, veranschaulicht auf ebenso einfache wie prägnante Art und Weise das, was der Mensch tatsächlich ist: ein Lauftier (Steffny 2006, 10). Er ist von Natur aus zum Laufen geboren, sein Körper ist in seinen ganzen Proportionen darauf hin ausgerichtet (Weber 1999, 16). Somit überrascht es nicht, dass das Laufen als herausgehobene Form des Kulturmenschen in der westlichen Kultur (Marlovits 2006, 24) seit Jahrtausenden nachweisbar ist, als Massenbewegung etabliert es sich dort allerdings erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts (ebd.). Mittlerweile geht man in Deutschland von etwa 17 Millionen Läufern aus (Bartmann 2005, 15). Es stellt sich die Frage, was diese enorme Zahl von Menschen dazu treibt, ihre kostbare Zeit freiwillig dem Laufen zu widmen, sind doch Gründe der Existenzsicherung für sie irrelevant. Gefragt nach ihren Motiven geben Läufer/innen an, das Laufen mache sie gesund, halte sie jung, mache sie fit und frei. Es steigere das Wohlbefinden, die Ausgeglichenheit und Ruhe, zugleich gewinne man aber eben auch an Kraft und werde aktiviert. Das Laufen biete ihnen die Option, sich zu verändern, Körper und Seele einer radikalen Metamorphose zu unterziehen (Marlovits 2006, 115). Es ist festzuhalten, dass keiner anderen Sportart so mannigfache Einwirkungen auf Körper, Geist und Seele zugesprochen wird, wie dem Laufen. Diese Aussagen machen deutlich, welche enormen Potentiale das Laufen in sich birgt, und es liegt nahe, sich zu fragen, inwiefern sich das Laufen unter therapeutischen Gesichtspunkten anwenden lässt, gar ein eigenständiges Therapiemodell darstellt und wie es sich unter diesen Umständen gegebenenfalls in die sozialpädagogische und therapeutische Praxis integrieren lässt.

7 5 Um einer Antwort auf diese Frage näher zu kommen befasst sich der der Einleitung folgende Teil zunächst mit der Klärung der Begriffe Laufen und Therapie. Über einen kurzen historischen Abriss zum Laufen kommt die Arbeit zu der Fragestellung, welche konkreten positiven Auswirkungen das Laufen auf die Psyche und den Körper des Menschen hat, und wie diese zu erklären sind. Außerdem ist untersucht, inwiefern sich das Laufen als Heilmittel eignet beziehungsweise eine eigenständige Therapie darstellt. Gleichwohl wird auf die möglichen Gefahren des Laufens eingegangen, speziell auf die Überlegung, ob so etwas wie eine Laufsucht existiert. Anschließend ist mit dem Paderborner Modell der Lauftherapie nach Weber ein konkretes Konzept des therapeutischen Laufens vorgestellt. Sowohl seine Entstehung und Entwicklung als auch die einzelnen Bausteine der praktischen Lauftherapie sind erörtert. Um einen möglichen Nutzen der Lauftherapie für die therapeutische und sozialpädagogische Praxis herauszustellen, sind nachfolgend die Einsatzmöglichkeiten der Lauftherapie in diesen Zusammenhängen aufgezeigt und näher erläutert. Über ein abschließendes Fazit und die möglichen Perspektiven der Lauftherapie schließt die Arbeit dann mit einer persönlichen Selbstreflexion des Verfassers. Anzumerken bleibt, dass ein gendersensibler Umgang mit dem Text vorausgesetzt wird, der dort aus Gründen der Lesbarkeit nicht explizit seinen Ausdruck findet.

8 6 1. Begriffserklärungen Um den nachfolgenden Themenkomplex eingehend zu beleuchten, sind zunächst die beiden grundlegenden Begriffe Laufen und Therapie jeweils anhand einer Definition und einer sich daran anschließenden kurzen Ausführung konkretisiert. 1.1 Laufen eine Definition Unter Laufen wird eine Fortbewegungsart verstanden, die sich mit schnellen Schritten und leicht springend vollzieht. Im Gegensatz zum Gehen berühren dabei nie beide Füße gleichzeitig den Boden (vgl. Prochnow 2004, 73). Wie von Steffny (2006) dargestellt, bedient sich der Körper zweier unterschiedlicher Energiegewinnungsprozesse, um die für das Laufen benötigte Muskulatur mit ausreichend Energie zu versorgen. Je nach Belastungsintensität greift er entweder auf die aerobe oder auf die anaerobe Energiebereitstellung zurück. Das Laufen in einem Tempo, in dem die benötigte Energie unter dem Verbrauch von Sauerstoff bereitgestellt wird, wird als aerobes Laufen bezeichnet. Diese Form des Laufens, in der Literatur oftmals auch als Jogging bezeichnet (vgl. Bartmann 2005, 14), beschreibt den lockeren Dauerlauf ohne das durch zu hohes Tempo provozierte Auftreten von Atemnot. Der über die Atmung zugeführte Sauerstoff reicht in diesem Fall aus, um den Sauerstoffverbrauch des Körpers zu decken. So ist es dem Läufer möglich, von mehreren Minuten bis hin zu einigen Stunden durchgehend zu laufen. Im Gegensatz dazu steht das anaerobe Laufen. Es ist dadurch gekennzeichnet, dass die Energiegewinnung hier weitestgehend ohne den Verbrauch von Sauerstoff abläuft. Das Tempo des Läufers ist so hoch, dass er dabei außer Atem kommt und somit dem Körper nicht mehr ausreichend Sauerstoff zur Verfügung stellen kann. Dies bewirkt, dass sich in den Muskeln des Läufers eine überdurchschnittlich hohe Konzentration des Stoffwechselabbauproduktes Laktat ansammelt. Der zur Energiegewinnung notwendige chemische Prozess wird hierdurch behindert, was dazu führt, dass es nach etwa ein bis zwei Minuten zu einem Leistungsabbruch kommt. Ein Kurzstreckensprinter, der beispielsweise einen 400-m-Lauf absolviert, läuft im anaeroben Bereich.

9 7 Soweit nicht anders vermerkt, meint der Begriff Laufen in dieser Arbeit grundsätzlich das aerobe Laufen, also den Dauerlauf in einem Tempo, in dem sich der Läufer noch problemlos unterhalten kann, ohne dabei außer Atem zu kommen. 1.2 Der Therapiebegriff Der aus dem Griechischen stammende Begriff Therapie meint das Behandeln von Krankheiten beziehungsweise die Maßnahmen zur Heilung einer Krankheit (vgl. Pschyrembel 1998, 1562). Je nach Krankheitsbild geschieht dies durch unterschiedliche Therapeuten und dementsprechend unterschiedliche Behandlungsformen. Liegt beispielsweise eine körperliche Erkrankung vor, so therapiert ein Chirurg diese möglicherweise durch einen operativen Eingriff (vgl. Reiche 2003, 313), während ein Psychologe beim Vorliegen einer seelischen Erkrankung gegebenenfalls versuchen wird, durch Gespräche mit dem Patienten auf diesen einzuwirken und ihn zu therapieren (vgl. Schmidtbauer 2001, 202). Allen Therapieformen ist allerdings gemein, dass es sich dabei um Interventionen handelt, die auf das Leben von Menschen gerichtet sind und Veränderungen herbeiführen sollen (vgl. Zimbardo 1995, 657). Mittlerweile existiert eine ungezählte Vielfalt an Therapieangeboten, wobei es einer Mehrzahl an wissenschaftlichen Belegen für ihre Wirksamkeit, sowie einer klaren Aussage darüber, für welches Leiden sie vorgesehen sind, mangelt (vgl. Bartmann 2005, 77). Um zu untersuchen, ob ein Therapieverfahren wissenschaftlichen Anforderungen standhalten kann, entwickelt Bartmann (1989) ein Prüfschema, das die wesentlichen Kriterien für eine wissenschaftliche Therapie beinhaltet. Ausführlich beschrieben findet dieses im weiteren Verlauf der Arbeit seine Verwendung, wenn untersucht wird, ob das Laufen als eine wissenschaftliche Therapie betrachtet werden kann (vgl. 3.3). Um herauszustellen, welchen Stellenwert Laufen im Leben des Menschen und den damit einhergehenden Aspekten hat, ist es jedoch zunächst von Bedeutung,

10 8 die Geschichte und die Entwicklungslinien des Laufens im folgenden Kapitel eingehend zu beleuchten.