Sterbehilfe oder wieviel Autonomie ist am Lebensende sinnvoll und wichtig?

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1 Sterbehilfe oder wieviel Autonomie ist am Lebensende sinnvoll und wichtig? Vereinigung zur Begleitung Schwerkranker Schaffhausen Lisbeth Brücker, MAS Ethik im Gesundheitswesen Patientenverfügung (PV) Autonomie Sterbehilfe Diskussion 1

2 Patientenverfügung vom abwehrenden Dokument zum unterstützenden Instrument Vom Misstrauen zum Vertrauen -> durch Mitentscheidung Patientenverfügung als Ausdruck des Selbstbestimmungsrechts rechtlich gesellschaftlich ethisch 2

3 Rechtliche Hintergründe Erwachsenenschutzrecht ab 2013 Das Selbstbestimmungsrecht fördern mit zwei Instrumenten: Vorsorgeauftrag für Alltagsfragen Für den Fall der Urteilsunfähigkeit wird eine Person/Institution bestimmt, die die Interessen wahrt Patientenverfügung für medizinische Fragen Für den Fall der Urteilsunfähigkeit Zustimmung zu medizinischen Massnahmen oder Bezeichnung einer Person, die zustimmt (entscheidungsbefugt ist) Der Arzt hält fest, aus welchen Gründen der PV nicht entsprochen worden ist (Art 372 Abs. 3) Gesellschaftliche Hintergründe Selbstbestimmungsrecht mit hohem Stellenwert Öffentliche politische Diskussion zum assistierten Suizid mit Exit und Dignitas Erwachsenenschutzrecht Art ZGB ab löst das alte Vormundschaftsgesetz von 1912 ab 3

4 (Medizin)-Ethische Aspekte ÄNGSTE V.a. körperliche Schmerzen und Leiden Verlust der Selbständigkeit und Selbstbestimmung (der Familie zur Last fallen) Verlust von Persönlichkeit, Achtung und Respekt gegenüber mir als Menschen -> aber, man verliert nicht die Würde, sondern die Fähigkeiten (Lebensqualität) ETHISCHE HINTERGRÜNDE Autonomie, Stärkung der Selbst- und Mitbestimmung vs. Paternalismus Orientierungshilfe für Behandlungsteam SAMW Patientenverfügung

5 Trend Studie Harringer/Hobi SG 2008: 300 Pat > 65J 25% PV vorhanden, 56 % Entscheid dafür, 19% Entscheid dagegen Alles medizinisch machbar alles sinnvoll? Fremdbestimmte Lebens- und Leidensverlängerung? aber/und schwierig, über Grenzsituationen vorausgehend zu entschieden Bildungszentrum für Gesundheit und Soziales Weiterbildung Autonomie und Patientenverfügung (Art. 372 nzgb, Eintritt der Urteilsunfähigkeit) Ist die Patientin oder der Patient urteilsunfähig und ist nicht bekannt, ob ein Patientenverfügung vorliegt, so klärt die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt dies anhand der Versichertenkarte ab. Vorbehalten bleiben dringliche Fälle. Die Ärztin oder der Arzt entspricht der Patientenverfügung, ausser wenn diese gegen gesetzliche Vorschriften verstösst oder wenn begründete Zweifel bestehen, dass sie auf freiem Willen beruht oder noch dem mutmasslichen Willen der Patientin oder des Patienten entspricht. Die Ärztin oder der Arzt hält im Patientendossier fest, aus welchen Gründen der Patientenverfügung nicht entsprochen wird. Lisbeth Brücker MAS Ethik 10 5

6 Autonomieanspruch! -fähigkeit? Jeder Mensch hat einen Autonomie-Anspruch, aber nicht jeder Mensch ist autonomie-fähig Autonomie-Fähigkeit setzt voraus: Urteils- und Entscheidungsfähigkeit Wissen und Information (informed consent) Selbstbestimmung heisst auch VORAUSDENKEN für den Fall, dass ich nicht mehr selber entscheiden kann 6

7 Pause? Pause! STERBEHILFE Lisbeth Brücker, MAS Ethik Sonnenbergstrasse 11, 8280 Kreuzlingen 7

8 Palliative Care - der 3. Weg Zwischen Spitzenmedizin und Fingerspitzenmedizin Der Mensch nicht die Krankheit Klare Bejahung des Todes als Teil des Lebens Tod weder beschleunigen noch hinauszögern Absage an die Sterbehilfe Suizid Zahlen BfS 8

9 Assistierter Suizid und Suizid Zahlen BfS Selbstbestimmung bis zuletzt?! Gesellschaftsdiskussion zu Altersfreitod 10 vor 10 am f6b6496 Rundschau

10 Sterbehilfe als schlechter Überbegriff Handlungen und Unterlassungen, welche in Kauf nehmen oder zum Ziel haben, möglicherweise oder sicher die Lebensspanne eines auf den Tod kranken Menschen zu verkürzen bzw. den Tod herbeizuführen GRUNDLAGEN Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) Medizinethische Richtlinien: Betreuung von Patientinnen und Patienten am Lebensende (2004/aktualisiert 12) Behandlung und Betreuung von älteren pflegebedürftigen Menschen (2004/12) Palliative Care (2006/12) Recht der Patientinnen und Patienten auf Selbstbestimmung (2005/12) Reanimationsentscheid (2008/12) Patientenverfügungen (2009/12) 10

11 PASSIVE STERBEHILFE Geschehen lassen des Sterbeprozesses Zulassung des Sterbens -> Anwendungsbereich der PV Therapieverzicht /-abbruch von lebenserhaltenden Massnahmen, incl. Ernährung und Flüssigkeit INDIREKT AKTIVE STERBEHILFE Einsatz von Mitteln mit dem Ziel der Leidenslinderung Opiate/Sedativa, welche die Überlebensdauer herabsetzen können Lebensverkürzender Nebeneffekt wird billigend in Kauf genommen Unpassender Begriff -> Intention Linderung Falscher Begriff -> in 17 Studien kein Hinweis auf Lebensverkürzung (GD Borasio, 2011/S.163) 11

12 INDIREKT AKTIVE STERBEHILFE Also: Überholter Begriff von zulässiger Leidenslinderung Todesursache ist/bleibt die Grundkrankheit PALLIATIVE SEDATION Terminale Sedation Gezielte, bis zum Tode anhaltende Ausschaltung des Bewusstseins eines kurz vor dem Tode stehenden Menschen durch Sedativa 12

13 AKTIVE STERBEHILFE (Strafbar StGB 114) Gezielte Verabreichung einer tödlich wirkenden Substanz durch Drittpersonen, z.b. Arzt oder Pflegende Unterscheidung: Tötung auf Verlangen (gewünschte) Tötung aus Mitleid (nicht gewünschte, ohne ausdrücklichen und wiederholten Wunsch) STRAFGESETZBUCH CH Strafbare Handlungen gegen Leib und Leben Art Tötung auf Verlangen Wer aus achtenswerten Beweggründen, namentlich aus Mitleid, einen Menschen auf dessen ernsthaftes und eindringliches Verlangen tötet, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe 2 bestraft. Art. 115 Verleitung und Beihilfe zum Selbstmord Wer aus selbstsüchtigen Beweggründen jemanden zum Selbstmorde verleitet oder ihm dazu Hilfe leistet, wird, wenn der Selbstmord ausgeführt oder versucht wurde, mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder Geldstrafe 1 bestraft. 13

14 Alte - Neue BEGRIFFLICHKEITEN Borasio: Über das Sterben 2011 Passive Sterbehilfe Nichteinleitung oder Nichtfortführung lebenserhaltender Massnahmen legal Aktive Sterbehilfe Tötung auf Verlangen/Mitleid illegal BEIHILFE ZUR SELBSTTÖTUNG assistierter Suizid (StGB 115) Bereitstellung oder Verschreibung einer tödlich wirkenden Substanz, um einem Menschen die Selbsttötung zu ermöglichen Keine aktive Mithilfe von Drittpersonen 14

15 STERBEHILFORGANISATIONEN EXIT Art. 1 - Unter dem Namen EXIT (Deutsche Schweiz) Vereinigung für humanes Sterben, besteht mit Sitz in Zürich ein Verein im Sinne von Art. 60 ff ZGB. Dieser ist parteipolitisch und konfessionell neutral und hat keinerlei wirtschaftliche Zielsetzungen. Art. 2 - EXIT anerkennt das Selbstbestimmungsrecht des Menschen im Leben und im Sterben und unterstützt seine Mitglieder bei der Durchsetzung dieses Rechts. Jährlich: 45.-/ Mitglied auf Lebenszeit Freitodbegleitung: ab 3 J. Mitgliedschaftsdauer kostenlos ansonsten mind Allgemein: Keine Ausländer Mitgliederbestand: Nach eingehender Prüfung bewilligt: ca. 450 Effektive Freitodbegleitungen: 305 im 2011/460 im 2013 DIGNITAS Unter dem Namen «DIGNITAS - Menschenwürdig leben - Menschenwürdig sterben» wurde 1998 in Forch-Zürich ein Verein im Sinne von Art. 60 ff ZGB gegründet. Die Organisation, welche keinerlei kommerzielle Interessen verfolgt, hat statutengemäss den Zweck, ihren Mitgliedern ein menschen-würdiges Leben wie auch ein menschenwürdiges Sterben zu sichern. Der Verein ist konfessionell und politisch neutral. Eintritt: 200.-, jährlich 80.- Freitodbegleitung: Vorbereitung und Durchführung (Minelli, 2011) Selbstbestimmung bis zuletzt?! Gesellschaftsdiskussion zu Altersfreitod 10 vor 10 am f6b6496 Rundschau

16 HILFE BEIM, NICHT HILFE ZUM STERBEN Es sind die Lebenden, die den Toten die Augen schliessen Es sind die Toten, die den Lebenden die Augen öffnen Slawisches Sprichwort ETHIK ALS ORIENTIERUNGSHILFE Lisbeth Brücker MAS Ethik im Gesundheitswesen Sonnenbergstrasse 11, 8280 Kreuzlingen 16

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