Patientenverfügung mit Organspendeausweis. denkbar oder widersprüchlich? D.Dörr, DIVI 2013 Leipzig

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1 Patientenverfügung mit Organspendeausweis denkbar oder widersprüchlich?

2 Organspende Das war ein katastrophaler Ausbau von Ersatzteilen...Es ging bei der Patientin um ein Leber-Herz-Paket. Schon in der Morgenbesprechung wurde gesagt: Heute wird Medizingeschichte geschrieben. Weil man so eine Paket-OP an den beiden beteiligten Krankenhäusern noch nie gemacht hatte......all das, bevor die Eltern u berhaupt gesagt haben: Wir entscheiden fu r unsere Tochter, dass sie Spenderin wird......das Herz hatte vor der Entnahme aufgehört zu schlagen. Also gab es Streit. Die Operateure haben uns Dilettantismus vorgeworfen. Die Stimmung war so geladen, es hätte beinahe eine Schlägerei gegeben. Da ist dann ein anderer Operateur reingekommen und hat gesagt: Jetzt lasst mal, ist ja gut, das ist pietätlos. Und da die Patientin dann eh tot war, sind wir als Anästhesisten auch abgetreten. Es hat dann noch von einem anderen Team die Explantation der einen Niere stattgefunden, und ich glaube, die Augenkliniker haben die Hornhaut explantiert... FAZ

3 Tote Helden Die Transplantationsmedizin ist in der Vertrauenskrise. Sie hat sich selbst überhöht und grundlegende ethische Fragen nicht ausreichend beachtet. J. Vollmann, FAZ Wie tot ist hirntot? Weniger Organspenden Das Problem Patientenverfügung Die Zahlen der Organspenden und der Spender sinken. Experten sind alarmiert: Liegt es an den jüngsten Skandalen? Nicht unbedingt - es gibt andere naheliegende Gründe

4 Bioethische Aspekte der Organspende Allokationsentscheidungen Kriterien für die Organverteilung Art und Weise der Organentnahme Interesse der Gesellschaft an Transplantation Schutz Betroffener Umgang mit menschlichem Gewebe / Körperteilen Instrumentalisierung (Selbst- Fremd-, Körperteile als verteilbare Güter, Hirntote als Materiallager ) Menschliches Selbstverständnis (Körper, Tod, Sterbeprozess) Unter welchen Bedingungen dürfen Menschen Organe entnommen werden? Selbstbestimmung am Lebensende Einwilligung in medizinische Eingriffe Patientenverfügung und Organspendeerklärung?

5 3.Gesetz zur Änderung des Betreuungsrechts (Patientenverfügungsgesetz seit ) Definition von PV ( 1901a Abs. 1 Satz 1 BGB) eine schriftliche Festlegung eines einwilligungsfa higen Vollja hrigen fu r den Fall seiner Einwilligungsunfa higkeit, ob er in bestimmte, zum Zeitpunkt der Festlegung noch nicht unmittelbar bevorstehende Untersuchungen seines Gesundheitszustands, Heilbehandlungen oder ärztliche Eingriffe einwilligt oder sie untersagt Andere Formen der Willensbekundung eines Patienten (mu ndlich) sind keine PV im Gesetzessinne PV ist für den Arzt bindend: Wenn PV auf aktuelle Lebens- und Behandlungssituation zutrifft Unabhängig von Art und Stadium der Erkrankung (= keine Reichweitenbeschränkung!) Ziel: Willensbekundung soll Effekt auf Therapie haben!

6 Vorausverfügter Wille Motivation für PV-Erstellung: Bedürfnis nach Selbstbestimmung (am Lebensende) Angst vor Übertherapie / Unterversorgung Realisierbarkeit? Wie wird der Wille eines entscheidungsunfähigen Patienten vertreten? Vorausverfügter Wille als Handlungsanweisung auf aktuelle Situation übertragbar? Sind bei der PV-Verfassung die Entscheidungskonsequenzen erkannt und gewichtet worden? Medizinische Beratung für PV-Abfassung notwendig!

7 Fallbeispiel 1 68-jähriger Pat. Hypertonie, sportlich, aktiv Ehefrau, 3 erwachsene Kinder Aktuell: Hirnblutung mit schwerster Hirnschädigung erwarteter Hirntod Vorausverfügter Wille: PV:...Therapiebeendigung bei Intensivtherapie ohne Aussicht auf Bewusstsein und Kommunikationsfähigkeit Therapieziel? (z.b. Hirntoddiagnostik) 1. Patientenzentrierte Behandlung Wohl / Nutzen für den Pat.? 2. Spendezentrierte Behandlung? Welche Maßnahmen dürfen zur Organprotektion eingesetzt werden Gibt es Grenzen? (z.b. CPR)

8 Patientenverfügung - Textbausteine zur Organspende - BMJ Broschüre Ich stimme einer Entnahme meiner Organe nach meinem Tod zu Transplantationszwecken zu (ggf.: Ich habe einen Organspendeausweis ausgefüllt). Komme ich nach ärztlicher Beurteilung bei einem sich abzeichnenden Hirntod als Organspender in Betracht und müssen dafür ärztliche Maßnahmen durchgeführt werden, die ich in meiner Patientenverfügung ausgeschlossen habe, dann:...geht die von mir erklärte Bereitschaft zur Organspende vor....gehen die Bestimmungen in meiner Patientenverfügung vor. ODER: Ich lehne eine Entnahme meiner Organe nach meinem Tod zu Transplantationszwecken ab.

9 Fallbeispiel 2 56-jähriger Pat. Unfall mit SHT und ICB, Intensivmedizinische Versorgung Neurologischer Verlauf: Irreversible schwerste Hirnschädigung, Restaktivitäten des Hirnstamms. Sehr schlechte Prognose: Kein Hirntod jedoch erwarteter Hirntod Vorausverfügter Wille: PV (vor 2 Jahren): Kein lebenswerter Zustand, keine lebenserhaltenden Maßnahmen, palliative Therapie Organspendeerklärung (vor 8 Jahren): Zustimmung Ziel der Intensivtherapie / Hirntoddiagnostik? 1. Patientenzentrierte Behandlung? Nutzen für Pat. Behandlungsdauer: Hirntod vermutet / erwartet 2. Spendezentrierte Behandlung? Organprotektion Behandlungsdauer: Hirntod vermutet / erwartet Perspektive!

10 ...Textbausteine zur Ergänzung einer PV Arbeitspapier zum Verhältnis von Patientenverfügung und Organspendeerklärung Empfehlungen der BÄK und der ZEK bei der BÄK Es ist mir bewusst, dass Organe nur nach Feststellung des Hirntods bei aufrechterhaltenem Kreislauf entnommen werden können. Deshalb gestatte ich ausnahmsweise für den Fall, dass bei mir eine Organspende medizinisch infrage kommt, die kurzfristige (Stunden bis höchstens wenige Tage umfassende) Durchführung intensivmedizinischer Maßnahmen zur Bestimmung des Hirntods nach den Richtlinien der Bundesärztekammer und zur anschließenden Entnahme der Organe. Möglicher Zusatz: Dies gilt auch für die Situation, dass der Hirntod nach Einschätzung der Ärzte in wenigen Tagen eintreten wird. ODER Ich lehne eine Entnahme meiner Organe nach meinem Tod zu Transplantationszwecken ab.

11 Entscheidungsfindung bei potentiellem Organspender Therapieziel der medizinischen Maßnahmen? Patientenverfügung (meistens:) Vorgaben zur Therapiebegrenzung Organspendeerklärung (meistens:) Bereitschaft zur Organspende Kompatibilität der Erklärungen? Kriterien für Interpretationsauslegung? Wille des Pat. in dieser (extremen) Entscheidungssituation? Indikation für Hirntoddiagnostik? Nutzen für Pat. / für Spende Behandlungsumfang und -dauer

12 Fallbeispiel 3 20-jährige Pat. Hirntumor (keine Fernmetastasen) Verlauf: Zunehmend neurologische Defizite, palliativmedizinische Versorgung Prognose: Entwicklung schwerster irreversibler Hirnschädigung Schriftliche Willensbekundung: PV(vor 1 Jahr): Keine Intensivmedizin Organspendeerklärung(vor 5 Jahren): Zustimmung Therapieziele engmaschig prüfen und v. a. besprechen Wünsche und Ziele im Krankheitsverlauf Bedürfnisse für subjektive Lebensqualität

13 Grundlage der Auslegung von Willensbekundungen Ziele und Grenzen medizinischer Maßnahmen BÄK und ZEK 2010 Menschenwürde Allgemeines Persönlichkeitsrecht Recht auf Selbstbestimmung Recht auf Leben Recht auf körperliche Unversehrtheit

14 Fazit PV und Organspendeerklärung grundsätzlich denkbar... PV-Verfasser sind selten geeignete Organspender (z.zt.) Grundsätzlich: Vorausverfügte Willensbekundung bleibt problematisch Überforderung / Zumutung PV-Abfassung ohne medizinische Vorkenntnisse Angehörigengespräch über Möglichkeit der Organspende bereits führen, wenn der Eintritt des Hirntods wahrscheinlich ist Patientenvertreter informieren, wenn ICU-Maßnahmen nicht mehr primär dem Wohl des Patienten dienen

15 Desiderate Angebote für Gesundheitliche Vorausplanung (inkl. Organspendeerkl.) Medizinische Aufklärung / Beratung bei PV-Abfassung! Ergebnisoffene Aufklärung bzgl. Organspende Auswirkungen auf Sterbeprozess und Abschied der Angehörigen! Qualitätsstandards für PV! Transparente Information der Öffentlichkeit über medizinische Fakten

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