8. September Existenzanalyse und die 4 Grundmotivationen

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1 8. September 2011 Existenzanalyse und die 4 Grundmotivationen Ursprünglich bezeichnete Viktor Frankl ( ) mit Existenzanalyse (EA) den theoretischen Hintergrund und mit Logotherapie (LT) ihre praktische Anwendung. Existenz-Analyse war zur damaligen Zeit der Gegensatz zur Psycho-Analyse. Da sich die Wurzeln der Existenzanalyse vor allem auf die Existenzphilosophie und die Phänomenologie (Jean Paul Sartre, Edmund Husserl, Martin Heidegger, Ludwig Binswanger, Karl Jaspers, Martin Buber) beziehen, ist die Sprache für Nicht- Philosophen oftmals gewöhnungsbedürftig. Die Aufmerksamkeit richtet sich durch die philosophischen Hintergründe auf Dimensionen wie Erleben, Freiheit (Wille, Wahl, Entscheidung, Einstellung), Subjektivität (Person), Begegnung (Situation), Verantwortlichkeit (Engagement), Selbstwerdung (Akt, Bewährung, Scheitern, Tod), Weltgestaltung, Sinn. Die Methode der EA definiert sich als phänomenologische, an der Person ansetzende Psychotherapie und Beratungsmethode mit dem Ziel, der Person zu einem (geistig und emotional) freien Erleben, zu authentischen Stellungnahmen und einem eigenverantwortlichem Umgang mit sich selbst und ihrer Welt zu verhelfen. Das bedeutet: die existenzanalytische Beratung hat zum Ziel, den Menschen zu befähigen, mit innerer Zustimmung zum eigenen Handeln und Dasein leben zu können. Ziel und zentrales Wirkelement der Existenzanalyse ist die Herstellung einer inneren und äußeren dialogischen Offenheit, in der die Person ihre Fähigkeiten zum Einsatz bringen kann und die Grundbedingungen personaler Existenz erfüllt sind. Existenz Ein sinnvolles, in Freiheit und Verantwortung gestaltetes Leben. Die existenzielle Wende Die Beschäftigung mit dem Thema Sinn ist zentral für die Existenzanalyse. Viktor Frankl bezeichnete die Umkehrung der Frage Was ist der Sinn des Lebens als Existenzielle Wende. Nicht wir als Menschen haben einen Anspruch, dem Leben selbst Fragen zu stellen (und damit nach dem Sinn des Lebens...), sondern das Leben stellt die Fragen an uns im Sinne von Herausforderungen. Unsere Freiheit besteht darin, dem Leben auf diese Fragen zu antworten, Stellung zu beziehen, Ver- Antwortung zu übernehmen.

2 Wertfühlig sein Bei hoher Achtsamkeit für das Leben, wird scheinbar Gewohntes und Einfaches zu etwas Besonderem. Durch diese Übung und dieses Bewusstsein entsteht eine Haltung der Dankbarkeit für das, was uns das Leben schenkt. Dankbarkeit wiederum erzeugt Aufmerksamkeit und Warmherzigkeit als Haltung. Werte bewusst zu machen, die uns wirklich wirklich wichtig sind, uns innerlich berühren und ohne deren Vorhandensein ein inneres Ja zum Leben schwierig wird. Existenzanalyse Analyse der Bedingungen, um zur Existenz zu kommen. Mit innerer Zustimmung leben Was ich mit meinem uneingeschränkten inneren Ja tue, mache ich mit Hingabe. Dies führt zu persönlicher Erfüllung und ich brauche nichts mehr dafür. Was ich ohne meine innere Zustimmung mache, ist Hergabe. Sich für längere Zeit für etwas hergeben, heißt, gegen eigene Werte zu leben, was zu (Sinn-)Leere, Unzufriedenheit und Wertverlust führt. Freiheit und Verantwortung Ziel der Existenzanalyse Den Menschen zu befähigen, mit innerer Zustimmung zum eigenen Handeln und Dasein leben zu können. Bei der Suche nach Sinn wählen wir die wertvollste Möglichkeit für uns in einer Situation und handeln danach. Darin steckt die Freiheit, unter mehreren Möglichkeiten entsprechend den eigenen Werten und bezogen auf die Gesamtsituation zu wählen. Phänomen Was sich zeigt und wie es sich zeigt Schauen wir mal, dann sehen wir schon 2

3 DIE 4 GRUNDMOTIVATIONEN Um zu einem ganzheitlichen WOLLEN (Sinn) zu kommen, müssen wir uns laufend unseren persönlichen existenziellen Fragen stellen und darauf Antworten geben (Ver- Antwortung tragen). Fragen wie: Was sind derzeit die existenziellen Themen im meinem Leben? Was bringt Leben in mein Leben? Was mache ich mit Hingabe und wofür gebe ich mich her? Welche Rolle spielt das Sollen in meinem Leben? Welche Werte sind mir wichtig? Was hat zur Stärkung meines Selbstwerts beigetragen? Welche Reaktionen kenne ich von mir selbst, wenn eine Grundmotivation fehlt? Grundmotivationen 4 Arten von KÖNNEN Die 4 Grundmotivationen fokussieren dabei auf 4 Arten von Können, aus denen sich detaillierte Fragen immer wieder (neu) ergeben. 1. SEIN-KÖNNEN (Was gibt mir Halt und Sicherheit) - Wahrnehmen 2. MÖGEN-KÖNNEN (Werte haben, die mich berühren) - Werten 3. DÜRFEN-KÖNNEN (Selbst sein und Selbstwert) - Wählen 4. SOLLEN-KÖNNEN (Wofür will ich leben) - Wirken Ergebnis: echtes, ganzheitliches WOLLEN Grundmotivation Die tiefste Motivationsstruktur der Person in ihrem wesensmäßigem Streben nach Existenz. 3

4 1. SEIN-KÖNNEN Halt, Raum und Schutz suchen, um in der Welt sein zu können Gegeben durch: angenommen sein (auch Orte und Körpererfahrung). Verlangt: annehmen können der Bedingungen ( Ja zur Welt ). Auseinandersetzung mit dem Dasein (Seinsgrund, Grundvertrauen). Wo kann ich gut und sicher sein? Was läßt mich-nicht- in Ruhe sein? - Stärken ausbauen: äußere Ressourcen (sein können Raum, Schutz, Halt) innere Ressourcen (Körper; Gefühle/Lebenskraft/Aggression, Kenntnis und Erfahrung seiner Fähigkeiten, Haltungen zu sich und zum Leben, Glaube) - Schwächen abbauen: Erkennen des Grund-Problems der Schwächen (nicht annehmen können, mit dem Problem nicht sein können) Schlüssel zum besseren Umgang, zum Abbau der Schwäche und evtl. des Problems (Angstkonfrontation, sich stellen) - Vertrauen, Selbstvertrauen 2. MÖGEN-KÖNNEN Nähe, Zeit, Beziehung, um leben zu mögen. Gegeben durch: Zuwendung (Zeit, emotionales Berührtsein) Verlangt: Zuwendung zu Werten ( Ja zum Leben ) Auseinandersetzung mit dem Leben und seinen Werten (Grundwert). Wie kann ich gut und freudvoll leben? Was macht mein Leben lebenswert? Was hindert das Fließen der Kräfte, blockiert die Gefühle, stört die Beziehungen? - Herausfinden: Was bringt Leben in mein Leben? - Werte, Lust und Emotion - Bedeutung der Beziehungen - Lust und Neigung vs. Zwang und Pflicht (das Mögen) - Stress und Burnout: Entstehung und Prävention - Gefühle Partner oder Störenfriede? Wert und Bedeutung der Gefühle - (Gefühlsmanagement und Gefühlshaushalt) 4

5 3. DÜRFEN-KÖNNEN Abgrenzung, Individualität, Wertschätzung, um selbst sein zu dürfen. Gegeben durch: Gesehenwerden, Wertschätzung (Respekt, Stellungnahme und Anerkennung) Verlangt: Anerkennung des Eigenen durch sich selbst ( Ja zum Personsein ) Ethische Auseinandersetzung mit der Gemeinschaft (Selbstwert). Wie kann ich ich selber sein? Darf ich so sein, wie ich bin? Was gibt mir Selbstwert? - Wer/was lässt mich nicht mich selber sein? - Leben des Eigenen in der Antwort auf den anderen - Finden und Wertschätzung des Eigenen: - wer ich bin - wie ich mich verstehe - wie ich ich sein kann - was meine persönliche Note ist - woran ich mich orientiere - wie ich zu mir stehe - wo ich mich verstecke bzw. eine Maske trage - wie ich echt sein kann (vor den Augen der anderen und mir selbst Authentizität) 4. SOLLEN-KÖNNEN Tätigwerden in Hingabe an Produktivität, Erleben und Erhaltung von Werten, weil der Mensch Sinnvolles will. Gegeben durch: Sinnzusammenhänge Verlangt: Über-ein-Stimmung mit Situation ( Ja zum Sinn ) Praktische Auseinandersetzung mit dem Sinn und der Zukunft ( Wohin ) der (Wille zum Sinn). Thema: Wille Sinn Existenz: Will ich für das leben, was ich tue? Wofür soll ich leben? Was gibt mir Erfüllung? Es geht jetzt um den Kern der Existenz: um konstruktives Werden, Zukunft, Erfüllung. 5

6 Grundlagen sind Absicherung (1. GM), Beziehungen (2. GM) und Selbstsein (3. GM), auf deren Boden es jetzt geht um: was will ich wirklich, wie bin ich eingebettet, wie kann ich fruchtbar sein, wo bin ich gefragt, woran orientiere ich mich, wofür will ich leben 4 Schritte zur Sinnfindung = Sinnerfassungsmethode (nach Längle) 1. Wahrnehmen der Realität (Annehmen, was ist) 2. Werten der Möglichkeiten (Wahlfreiheit) 3. Wählen des Wertvollsten (Wertbezug) 4. Wirken (Handeln) in der Situation (Verantwortlichkeit) Menschsein heißt In-Frage-Stehen. Leben ist Antwort geben. Literatur Frankl,Viktor (1975): Der leidende Mensch. Anthropologische Grundlagen der Psychotherapie. München: Piper Längle, Alfried (1999): Was bewegt den Menschen? Die existentielle Motivation der Person. In: Existenzanalyse Band 16 Längle, Alfried (1988): Wende ins Existentielle. Die Methode der Sinnerfassung. In: Längle A (Hrsg) Entscheidung zum Sein. V. E. Frankls Logotherapie in der Praxis. München: Piper Längle, Alfried (1988): Sinnspuren. Dem Leben antworten. St. Pölten: NP Buchverlag Management Center Vorarlberg: Lehrgang Existenzanalytische Coachingausbildung mit Alfried Längle; Zit. nach Marianne Grobner. 6

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