Lateinische Inschriften am Essener Dom

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1 Lateinische Inschriften am Essener Dom Inschriften nennt man Schriftzeichen, die auf Gegenständen angebracht sind, die eigentlich nicht der Wiedergabe geschriebener Texte dienen. Texte, die auf Papier, Pergament oder Papyrus geschrieben sind, werden also nicht Inschriften genannt. Welche Inschriften, die auch heute noch gemacht werden, fallen Euch ein? Oft dienen Inschriften der Erinnerung an ein besonderes Ereignis, sie sind mit dem Gegenstand oder Ort, an dem sie stehen, verbunden. So findet man Bauinschriften an wichtigen Gebäuden oder den Namen eines Stifters auf dem Gegenstand, den er gestiftet oder geschenkt hat. In der Essener Domschatzkammer und im Dom gibt es mehrere solcher Inschriften. Davon sind zahlreiche in altertümlichem Deutsch, aber auch viele in lateinischer Sprache abgefasst. Denn im Mittelalter war Latein noch eine lebendige und vor allem in der Kirche, aber auch sonst genutzte Sprache. Weil es sich seit der Römerzeit weiterentwickelt hat, entspricht das Latein des Mittelalters Mittellatein genannt auch nicht ganz dem klassischen Latein. Immerhin liegen zwischen der Zeit Cäsars und dem Mittelalter ja über 1000 Jahre. Der Dom selbst und die Kunstgegenstände der Schatzkammer stammen aus der Zeit, als es in Essen ein Frauenstift für die Töchter des hohen Adels gab. Es wurde schon um 850 n. Chr. gegründet und hatte seine hohe Blütezeit um 1000 n. Chr. hatte. Aus dieser Zeit stammt auch der romanische Westbau mit den Türmen des Domes. Das Essener Frauenstift existierte bis Im Atrium zwischen dem Dom und der Anbetungskirche hängt ein großes Holzkreuz, auf dem oben eine Tafel mit der Inschrift "INRI" angebracht ist. Das ist eine Abkürzung, die man häufig auf Kreuzen findet. Manchmal wie auf einem goldenen Kreuz der Domschatzkammer ist diese Inschrift aber auch ausgeschrieben. Dort ist dann Folgendes zu lesen: IHCNAZARENUSREXIUDEORx Trennt die Worte durch einen Strich. Was könnt Ihr übersetzen? Wie lautet die ganze Inschrift auf Deutsch? 1

2 Im hinteren Teil des Domes steht der berühmte, über 1000 Jahre alte Essener Bronzeleuchter. Auch auf ihm ist unten eine rundum laufende Inschrift zu entziffern. Sie ist wirklich leicht zu lesen. Der erste Teil heißt: + MAHTHILD ABBATISSA ME FIERI IVSSIT Das Übersetzen müsste recht leicht fallen. fieri heißt gemacht werden.... Wer spricht hier eigentlich?... Im Kreuzgang des Domes befindet sich ein sehr alter, stark verwitterter Sargdeckel, der noch aus der Zeit vor 1050 stammt. Man kann die Schrift fast nicht mehr lesen Sie heißt: X K(A)L(ENDAS) NOV/EM//BR(IS) BILO OBIIT Um sie richtig zu entziffern, muss man nicht nur erkennen, was abgekürzt ist das ist hier schon in Klammern ergänzt -, sondern muss auch den römischen Kalender kennen, und der war ganz schön kompliziert. 2

3 Der römische Kalender diente nicht nur in der Antike, sondern auch im Mittelalter und teilweise bis in die Neuzeit zur Bezeichnung der Tage innerhalb des Monats. In der von Julius Cäsar regulierten Form gibt es drei Tage innerhalb des Monats, die einen besonderen Namen haben, und zwar die Kalenden: der Monatserste, die Iden: die Monatsmitte. Sie liegen im März, Mai, Juli und Oktober am 15., sonst am 13. des Monats, die Nonen: neun Tage vor den Iden, also im März, Mai, Juli und Oktober am 7., sonst am 5. Die übrigen Tage des Monats werden auf diese Termine bezogen, und zwar rückwärts. Man gibt an, am wievielten Tag vor den Kalenden, Iden oder Nonen man sich befindet. Dabei gilt Inklusivrechnung, d.h. der erste und letzte Tag werden mitgezählt. Beispiel: 3 o kalendas Aprilis = der 3. Tag vor den Kalenden des April = der 3. Tag vor dem 1. April = der 30. März, weil der 1. April und der 31. März mitgezählt werden. Bitte beachten: die zweite Monatshälfte trägt also bereits den Namen des Folgemonats; dabei spielt die Monatslänge (31, 30, 29 oder 28 Tage) eine Rolle. Also: Wie lautet das Datum auf dem Sargdeckel? X K(A)L(ENDAS) NOV/EM//BR(IS)... BILO OBIIT Und was geschah an diesem Tag?... Was fällt Euch beim Datum auf? Was fehlt hier eigentlich? In der Altfrid-Krypta des Domes unter dem Chor befinden sich vier Inschriften. Eine davon ist eine Weiheinschrift, die bei der Fertigstellung und Weihe der Krypta verfasst worden ist. Sie ist schon bedeutend schwerer zu lesen und zu übersetzen als die kürzeren Sätze. Auf der nächsten Seite findet Ihr den Text, nicht erschrecken! Alle Abkürzungen des Mittellateinischen haben wir ausgeschrieben. Versucht, die ersten beiden Zeilen zu lesen! Was fällt Euch auf? 3

4 ANNO INCARNACIONIS DOMINICAE MIL(LESIMO) L I INDICT(IONE) IIII V ID(VS) SEP(TEMBRIS) DEDICATV(M) E(ST) HOC ORATORIV(M) A VENERABILI ARCHIEP(ISCOP)O HERIMANNO P(RE)CATV NOBILISSIMAE SORORIS SVAE THEOPHANV ABB(ATISS)AE Könnt Ihr das Jahr der Weihe benennen? Vorsicht: Die Jahreszahl ist halb aus-, halb in römischen Zahlen geschrieben. Auch der Tag und der Monat sind aufgeführt (INDICT(IONE) IIII gehört nicht dazu! Tag und Monat folgen erst danach). Versucht die Namen der Personen, ihr Verwandtschaftsverhältnis und ihre Berufsbezeichnung herauszubekommen. Diese Inschrift findet man über einer Tür im Chorraum des Domes. Schreibt sie ab und übersetzt! Ein Wort ist grammatikalisch nicht ganz richtig? Welches? Wie müsste es richtig heißen? Womit hat der Inschriftenschreiber angezeigt, dass er hier abkürzt? Im Atrium findet Ihr in einer Mauer fast versteckt ein Grabsteinfragment, das wohl vom 1824 aufgelösten Burgfriedhof stammt. Versucht einmal zu entziffern! 4

5 Hier steht die gesamte Inschrift, eingefügt sind die aus Platzgründen weg gelassenen Buchstaben oder Wörter. Übersetzt ins Deutsche! A(NN)O 1614 / 5 IVNIJ / OBIJT HONOR(A)B(I)LIS / THEODORVS GRIM/[H]OLT CVIVS A(N)I(M)A RE[QVIESCAT IN PACE] Auch heute noch wird manchmal - zumal an kirchlichen Gebäuden - die lateinische Sprache benutzt, um beispielsweise eine Inschrift besonders hervorzuheben. Auf den Portaltüren des Essener Doms vom Atrium zum Burghof hat der Künstler Toni Schneider-Manzell lateinische Sätze angebracht. Sie sind im Gegensatz zu mancher mittelalterlichen Weiheinschrift leicht zu lesen und zu übersetzen, nicht zuletzt, weil sie Sätze aus dem Neuen Testament und deshalb dem ein oder anderen bekannt sind. Schreibt die Übersetzung auf. QUODCUMQUE DIXERIT VOBIS FACITE ERITIS MIHI TESTES 5

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