Ist das grün-rote Realschulkonzept eine Mogelpackung?

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1 Landtag von Baden-Württemberg 15. Wahlperiode Drucksache 15 / Antrag der Abg. Georg Wacker u. a. CDU und Stellungnahme des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Ist das grün-rote Realschulkonzept eine Mogelpackung? Antrag Der Landtag wolle beschließen, die Landesregierung zu ersuchen zu berichten, 1. wie viele zusätzliche Lehrerdeputate sie den baden-württembergischen Realschulen zum nächsten (2015/2016) bzw. übernächsten Schuljahr (2016/2017) zur Verfügung stellen will; 2. wo sich ihr Realschulkonzept in dem vom Ministerpräsidenten vorgegebenen Zwei-Säulen-Modell wiederfindet oder ob nicht mit Gemeinschaftsschule, Real schule und Gymnasium eine neue Dreigliedrigkeit zementiert wird; 3. warum das grün-rote Realschulkonzept nicht von Anfang an einen leistungs - differenzierten Unterricht in den Klassenstufen 5 und 6 wenigstens in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Englisch zulässt; 4. warum sie in den Klassenstufen 7 und 8 der Realschulen nur vorübergehend maximal zwei Stunden leistungsdifferenzierten Unterricht zulässt und das noch auf die Fächer Deutsch, Mathematik und Englisch begrenzt; 5. welchen Stellenwert sie dem pädagogischen Prinzip von nachhaltigem Lernen beimisst und wie dies mit der Konzeption der Klassenstufen 9 und 10 ihres Realschulkonzepts passt; 6. welche leistungsdifferenzierten Angebote sie außer den je zwei Stunden in Deutsch, Mathe und Englisch in den Klassen 7/8 zulassen will; 7. wann, wie und von wem in ihrem Realschulkonzept entschieden wird, ob eine Schülerin oder ein Schüler einen Haupt- oder einen Realschulabschluss anstrebt bzw. ablegen darf; Eingegangen: / Ausgegeben: Drucksachen und Plenarprotokolle sind im Internet abrufbar unter: Der Landtag druckt auf Recyclingpapier, ausgezeichnet mit dem Umweltzeichen Der Blaue Engel. 1

2 8. ob die Abschaffung bzw. das Aussetzen des Sitzenbleibens in der Klassen - stufe 5 der Realschule wie vom Kultusminister in der Plenarsitzung vom 26. November 2014 angekündigt zum kommenden Schuljahr 2015/2016 in Kraft treten wird und dies zugleich der Einstieg in die Abschaffung des Sitzenbleibens sein wird; 9. aus welchen Gründen sie eine Abschaffung bzw. Aussetzung des Sitzenbleibens in der Klassenstufe 5 an den baden-württembergischen Realschulen vorzunehmen plant; 10. welche konkrete Fortbildungskonzeption mit welchem Ziel für die Realschullehrkräfte aufgelegt werden soll Wacker, Wald, Müller, Röhm, Kurtz CDU Begründung Am 20. November 2014 hat Kultusminister Andreas Stoch MdL im Rahmen der Jahrestagung der AG Realschulrektoren Eckpunkte für die Weiterentwicklung der baden-württembergischen Realschulen vorgestellt. Diese hat er umgehend in einem Schreiben an die Schulleitungen im Land weiter konkretisiert. Er erweckt dabei den Anschein, als mache er mit seinem Konzept seinen Schritt auf die schon lange von der CDU-Landtagsfraktion geforderte Weiterentwicklung, Stärkung und Modernisierung der Realschule zu. In der Tat kupfert der Kultusminis - ter beim Bildungskonzept der CDU-Landtagsfraktion bezüglich der künftigen Schulstruktur ab entscheidend sind aber die weiterhin erheblichen Unterschiede beim pädagogischen Konzept. Er legt die Realschulen auf die Pädagogik der Gemeinschaftsschulen fest und lässt ihnen keinen Raum für die passgenaue Entwicklung vor Ort. Insgesamt lässt der Kultusminister noch viele Fragen offen. Das grün-rote Realschulkonzept gleicht einem trojanischen Pferd, mit welchem der Versuch unternommen wird, die Pädagogik der Gemeinschaftsschule längeres gemeinsames Lernen, individualisierte Lernformen, zieldifferenter Unterricht in die Realschule einzupflanzen. Das Realschulkonzept des Kultus - ministers setzt in den Klassen 5 und 6 ausschließlich auf ein längeres gemeinsames Lernen, von passgenauen Förder- und Unterstützungsangeboten für leis - tungsstärkere bzw. leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler keine Spur. Die Antragsteller setzen sich dafür ein, dass die Realschulen vor Ort selbst entscheiden können, ob sie den Unterricht durchgängig oder teilweise leistungsdifferenziert organisieren. Maßgeblich für die Organisationsform soll die Zusammensetzung der jeweiligen Schülerschaft an der Schule sein. Der Ausbau von leis - tungsdifferenzierten Angeboten muss an den Realschulen vorangebracht werden. Im krassen Gegensatz dazu steht die Einengung im grün-roten Realschulkonzept, dass nur bis zu maximal zwei Stunden zeitweise leistungsdifferenzierter Unterricht in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch stattfinden dürfen. Das ist eindeutig zu wenig und nimmt der Realschule jede Freiheit einer bedarfsgerechten Förderung. Diese Vorgaben reglementieren die Arbeit an den Realschulen in unverhältnismäßig starkem Umfang. Das Realschulkonzept der grün-roten Landesregierung sieht für die Klassen 9 bzw. 10 eine unmittelbare Vorbereitung auf den jeweils angestrebten Schulabschluss der Schülerinnen und Schüler vor. Hierbei stellt sich für die Antragssteller die Frage, wann und von wem auf welcher Grundlage entschieden wird, ob eine Schülerin oder ein Schüler einen Haupt- oder einen Realschulabschluss ablegen darf. Die Realschulen brauchen einen durchgehenden Lernprozess ab Klassen - stufe 5, der spätestens ab Klassenstufe 7 gezielt auf einen bestimmten Abschluss hin ausgerichtet ist. Die Klassenstufen 9/10 des grün-roten Konzepts entpuppen sich diesbezüglich als Paukkurs zum jeweiligen Abschluss. Offenbar sollen auf 2

3 der Zielgerade die entstandenen Defizite der Vorjahre ausgebügelt werden. Das widerspricht jedem pädagogischen Prinzip von nachhaltigem Lernen. Die von Kultusminister Stoch in der Plenarsitzung vom 26. November 2014 getätigte Ankündigung, das Sitzenbleiben in der Klassenstufe 5 der Realschule künftig abzuschaffen bzw. auszusetzen lässt viele Fragen offen. Die Wiederholung der Klasse 5 muss auch künftig an der Realschule möglich sein. Wollen der Kultusminister und die Regierungsfraktionen GRÜNE und SPD mit Blick auf die nahenden Landtagswahlen die eklatanten Defizite ihrer Bildungspolitik kaschieren? Zweifellos ist diese Maßnahme dazu geeignet, dass vor der Landtagswahl keine Sitzenbleiber mehr in der Eingangsklasse der Realschule produziert werden aber im Interesse der Schülerinnen und Schüler sowie der Lehrkräfte ist diese Entscheidung keineswegs. Darüber hinaus besteht der Verdacht, dass hier ganz grundsätzlich der Einstieg in die Abschaffung des Sitzenbleibens gemacht werden soll. Mit diesem Antrag sollen offene Fragen bezüglich des grün-roten Konzepts zur Weiterentwicklung der Realschulen abgefragt und die Landesregierung um Auskunft gebeten werden, wie es sich künftig mit dem Sitzenbleiben der Klassenstufe 5 der Realschule verhält. Stellungnahme Mit Schreiben vom 8. Januar 2015 Nr /188/1 nimmt das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport im Einvernehmen mit dem Ministerium für Finanzen und Wirtschaft zu dem Antrag wie folgt Stellung: Der Landtag wolle beschließen, die Landesregierung zu ersuchen zu berichten, 1. wie viele zusätzliche Lehrerdeputate sie den baden-württembergischen Realschulen zum nächsten (2015/2016) bzw. übernächsten Schuljahr (2016/2017) zur Verfügung stellen will; Das Kultusministerium plant, das neue Konzept zur Weiterentwicklung der Realschulen ab dem Schuljahr 2016/2017 mit der Einführung des neuen Bildungsplans umzusetzen. Die hierfür notwendigen Beschlüsse wurden noch nicht gefasst, deshalb kann zu der Höhe der aufzuwendenden Ressourcen noch keine abschließende Aussage getroffen werden. 2. wo sich ihr Realschulkonzept in dem vom Ministerpräsidenten vorgegebenen Zwei-Säulen-Modell wiederfindet oder ob nicht mit Gemeinschaftsschule, Real schule und Gymnasium eine neue Dreigliedrigkeit zementiert wird; Die Landesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, das Schulsystem Baden-Württembergs zu einem Zwei-Säulen-System weiterzuentwickeln. Die Weiterentwicklung der Realschulen im Sinne einer stärker integrativ angelegten Schulart soll den Aufbau der zweiten Säule innerhalb des Zwei-Säulen-Systems unterstützen. 3. warum das grün-rote Realschulkonzept nicht von Anfang an einen leistungsdifferenzierten Unterricht in den Klassenstufen 5 und 6 wenigstens in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Englisch zulässt; Um den unterschiedlichen individuellen Entwicklungen von Schülerinnen und Schülern an Realschulen Raum zu geben, ist vorgesehen, die Klassen 5 und 6 als Orientierungsstufe zu gestalten. Eine Differenzierung im Sinne der Fragestellung ist pädagogisch nicht zielführend. 3

4 4. warum sie in den Klassenstufen 7 und 8 der Realschulen nur vorübergehend maximal zwei Stunden leistungsdifferenzierten Unterricht zulässt und das noch auf die Fächer Deutsch, Mathematik und Englisch begrenzt; Eine individualisierte, zieldifferent den geplanten Abschluss berücksichtigende Förderung in zentralen prüfungsrelevanten Fächern bedeutet ein optimiertes Eingehen auf die Leistungsbandbreite in einer Klasse. Die Schülerinnen und Schüler der Realschulen sollen auch zukünftig im Klassenverband unterrichtet werden. Ziel dabei ist, jeden Schüler und jede Schülerin mit verstärkten individuellen Lernformen in allen Fächern zu fördern. Das neue Realschulkonzept des Kultusministeriums sieht daher vor, dass die Schülerinnen und Schüler gemeinsam im Klassenverband ohne Trennung in separate Züge binnendifferenziert und zieldifferent auf dem grundlegenden oder dem mittleren Niveau unterrichtet werden. 5. welchen Stellenwert sie dem pädagogischen Prinzip von nachhaltigem Lernen beimisst und wie dies mit der Konzeption der Klassenstufen 9 und 10 ihres Realschulkonzepts passt; In den Klassenstufen 9 und 10 sollen die Schülerinnen und Schüler entsprechend ihrer jeweiligen Lern- und Leistungsentwicklung entweder auf die Hauptschulabschlussprüfung am Ende von Klasse 9 oder auf die Realschulabschluss - prüfung am Ende von Klasse 10 vorbereitet werden. Damit soll gewährleistet werden, dass jede Schülerin und jeder Schüler gemäß den individuellen Fähig - keiten einen passenden Abschluss erreichen kann. Wie in den vorausgehenden Klassenstufen soll die Nachhaltigkeit der Lernprozesse durch eine geeignete Methodik und Didaktik sichergestellt werden. 6. welche leistungsdifferenzierten Angebote sie außer den je zwei Stunden in Deutsch, Mathe und Englisch in den Klassen 7/8 zulassen will; Siehe hierzu die Antwort zu Ziffer wann, wie und von wem in ihrem Realschulkonzept entschieden wird, ob eine Schülerin oder ein Schüler einen Haupt- oder einen Realschulabschluss anstrebt bzw. ablegen darf; Entsprechend der Planung des Kultusministeriums soll jeweils Ende der Klassenstufen 6, 7 und 8 von der Klassenkonferenz darüber entschieden werden, auf welcher Niveaustufe die Schülerin bzw. der Schüler im darauffolgenden Jahr unterrichtet wird. 8. ob die Abschaffung bzw. das Aussetzen des Sitzenbleibens in der Klassenstufe 5 der Realschule wie vom Kultusminister in der Plenarsitzung vom 26. November 2014 angekündigt zum kommenden Schuljahr 2015/2016 in Kraft treten wird und dies zugleich der Einstieg in die Abschaffung des Sitzenbleibens sein wird; Die Schulgesetzänderung soll zum Schuljahr 2016/2017 in Kraft treten. Es ist abgesehen vom Übergang von Klasse 5 nach Klasse 6 dabei nicht vorgesehen, die Möglichkeit einer Nichtversetzung von Schülerinnen und Schülern abzuschaffen. 9. aus welchen Gründen sie eine Abschaffung bzw. Aussetzung des Sitzenbleibens in der Klassenstufe 5 an den baden-württembergischen Realschulen vorzunehmen plant; Um den unterschiedlichen individuellen Entwicklungen von Schülerinnen und Schülern den erforderlichen Raum zu geben, sollen die Klassen 5 und 6 als echte Orientierungsstufe gestaltet werden. 4

5 10. welche konkrete Fortbildungskonzeption mit welchem Ziel für die Realschullehrkräfte aufgelegt werden soll. Derzeit entwickelt das Kultusministerium eine konkrete Fortbildungskonzeption, die auf die Situation der Realschulen zugeschnitten sein wird. Realschulen sind seit vielen Jahren erfolgreich in der Vermittlung von Kompetenzen, die zum mittleren Bildungsabschluss führen. Damit künftig auch das grundlegende Niveau einbezogen werden kann, werden passgenaue Fortbildungsangebote für Realschulen und deren Lehrkräfte u. a. zur Weiterentwicklung der bisherigen Unterrichts - praxis konzipiert, um der Unterschiedlichkeit der Schülerinnen und Schüler gerecht zu werden. In Vertretung Dr. Schmidt Ministerialdirektor 5

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