Betriebsunterbrechung in Lieferketten Das (v)erkannte Risiko. Prof. Dr. Martin Nell Institut für Versicherungsbetriebslehre

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1 Das (v)erkannte Risiko Institut für Versicherungsbetriebslehre

2 Agenda Einleitung: Globalisierung und ihre Folgen Die Lieferkette und ihre Zerbrechlichkeit Versicherung von Betriebsunterbrechungsrisiken in Lieferketten Was geht und was geht nicht Die Bedeutung des Risikomanagements Fazit Seite 2

3 Einleitung: Globalisierung und ihre Folgen Was die Weltwirtschaft angeht, so ist sie verflochten (Kurt Tucholsky 1931). Prozess der Globalisierung ist in vollem Gange, aber bei weitem noch nicht abgeschlossen. Exportquoten ausgewählter Länder: Exportquote USA 5,8 10,0 Japan 10,8 14,9 GB 22,3 19,2 Deutschland 16,4 44,1 China 2,6 22,3 Seite 3

4 Einleitung: Globalisierung und ihre Folgen Globalisierung führt zu verstärkter internationaler Arbeitsteilung und Vernetzung. Dies ermöglicht Wohlfahrtsgewinne durch Größen- und Spezialisierungsvorteile, Wettbewerbsintensivierung und beschleunigten technischen Fortschritt. Aber: Globalisierung führt auch zu einer starken Zunahme systemischer Risiken. Für den Finanzsektor wurde dies durch die Finanzkrise offensichtlich. Dies gilt aber auch für Realwirtschaft. Seite 4

5 Agenda Einleitung: Globalisierung und ihre Folgen Die Lieferkette und ihre Zerbrechlichkeit Versicherung von Betriebsunterbrechungsrisiken in Lieferketten Was geht und was geht nicht Die Bedeutung des Risikomanagements Fazit Seite 5

6 Die Lieferkette und ihre Zerbrechlichkeit Zunehmende Spezialisierung führt bei Unternehmen zu geringeren Fertigungstiefen. Unternehmen produzieren immer weniger Anteile an ihren Produkten selber, sondern lassen sie von spezialisierten Zulieferern herstellen. Folge: Steigende Bedeutung von Lieferketten. Im Zuge der Globalisierung werden Lieferketten geographisch immer weiter gespannt (sinkende Bedeutung der Transportkosten). Seite 6

7 Die Lieferkette und ihre Zerbrechlichkeit Funktionierende Lieferketten bieten enorme Vorteile. Unternehmen können sich auf wenige Produkte/Prozesse konzentrieren. Massive Spezialisierungs- (economies of scope) und Losgrößeneffekte (economies of scale). Wohlfahrtsgewinne durch Effizienzsteigerung. Aber: Lieferketten schaffen systematische Risiken. Was passiert bei Störung der Lieferkette? Seite 7

8 Die Lieferkette und ihre Zerbrechlichkeit In Folge des Erdbebens und Tsunamis in Japan (2011) fällt ein Zulieferer für ein elektronisches Teil von Autoschlüsseln aus. Dadurch musste die Produktion des Land Rover Discovery im westlichen Mittelengland zeitweise komplett eingestellt werden. Auch bei anderen Mitgliedern der Lieferkette kommt es dadurch zu Problemen. Lektion: In einer Lieferkette ist jedes Glied systemrelevant, sofern es nicht schnell ersetzbar ist. Seite 8

9 Die Lieferkette und ihre Zerbrechlichkeit In Folge des Erdbebens und Tsunamis in Japan (2011) muss ein Chemiewerk der Firma Merck in der Nähe von Fukushima geschlossen werden, das weltweit exklusiv das Effekt-Pigment Xirallic herstellt. Als Folge davon kommt es bei mehreren Automobilherstellern wie Toyota, GM und Ford zu Lieferengpässen bei bestimmten Farbtypen. Lektion: In einer vernetzten Welt sind hochspezialisierte Zulieferer Mitglied in mehreren Lieferketten. Dies erhöht das systemische Risiko. Seite 9

10 Die Lieferkette und ihre Zerbrechlichkeit Durch die Flut in Thailand (2011) fielen Zulieferer elektronischer Bauteile für die Computer- und Autoindustrie (u.a. Toshiba, Honda, Nissan, Toyota) aus. Die Unterbrechung der Lieferketten hatte Produktionsausfälle und temporäre Werkschließungen zur Folge. Lektion: Durch regionale Clusterung spezialisierter Zulieferindustrien entstehen zusätzliche systemische Risiken. Seite 10

11 Die Lieferkette und ihre Zerbrechlichkeit Eine Unterbrechung der Lieferkette kann vielfältige Ursachen haben, z.b. Sachschaden in einem Betrieb der Lieferkette Naturkatastrophen Störung der Transportwege Streiks Stromausfall Rechtliche Verfügungen (Sperrung des Luftraums durch Vulkanasche in Europa, Grenzschließung USA-Kanada nach Terroranschlägen) Insolvenz Schwarze Schwäne. Seite 11

12 Agenda Einleitung: Globalisierung und ihre Folgen Die Lieferkette und ihre Zerbrechlichkeit Versicherung von Betriebsunterbrechungsrisiken in Lieferketten Was geht und was geht nicht Die Bedeutung des Risikomanagements Fazit Seite 12

13 Versicherung von BU-Risiken in Lieferketten Was geht Traditionelle BU-Versicherung setzt einen durch eine versicherte Gefahr verursachten Sachschaden voraus. Keine Absicherung von Lieferkettenrisiken. Bei mehreren Produktionsstandorten können Wechselwirkungsschäden in der BU-Versicherung mit versichert werden (Absicherung interner Lieferkettenrisiken). Lieferkettenstörungen aufgrund eines Sachschadens in einem Zulieferbetrieb können durch eine erweiterte BU-Versicherung mit Rückwirkungsschadenklausel abgesichert werden. Voraussetzung: Sachschaden wäre versichert gewesen, wenn er beim Versicherungsnehmer eingetreten wäre. Seite 13

14 Versicherung von BU-Risiken in Lieferketten Was geht (nicht) Versicherungsschutz für Lieferkettenrisiken ohne Sachschaden innerhalb der Lieferkette ist nur eingeschränkt verfügbar. Angeboten werden Deckungen für spezielle Gefahren, wie z.b. Stromausfall oder Störung von Lieferwegen aufgrund vertraglich definierter Ereignisse. Vereinzelt werden allgemeine Lieferkettenversicherungen mit substantiellen Ausschlüssen und rel. niedrigen Deckungslimits angeboten. Die Prämien sind im Vergleich zur klassischen BU-Versicherung sehr hoch. Seite 14

15 Versicherung von BU-Risiken in Lieferketten Was geht nicht Für Unternehmen steht bei Betriebsunterbrechungen deutlich mehr auf dem Spiel als die direkten finanziellen Schäden. Lieferengpässe können zu massiven und dauerhaften Reputationsschäden bei den Kunden führen, die im Extremfall eine Marke zerstören können. Marktrisiken sind nicht versicherbar. Seite 15

16 Versicherungstechnische Einordnung von BU-Risiken in Lieferketten Gründe für das eingeschränkte Angebot von BU-Deckungen für Lieferketten: Versicherte Kollektive bestehen im Idealfall aus unabhängigen Einzelrisiken. Abhängigkeiten zwischen den Einzelrisiken (Kumule) stören Risikoausgleich im Kollektiv. Die Versicherung von Kumulrisiken ist schwierig, bedarf einer genauen Analyse und ist bei ausgeprägten Kumulrisiken nur eingeschränkt möglich. Seite 16

17 Versicherungstechnische Einordnung von BU-Risiken in Lieferketten BU-Risiken mit Sachschaden sind unabhängige Risiken (unproblematisch). BU-Risiken in Lieferketten sind Kumulrisiken. BU-Risiken in Lieferketten verschärfen bestehende Kumulrisiken (z.b. Naturkatastrophen). BU-Risiken in Lieferketten sind intransparent. Kumulgefahr ist kaum schätzbar. Fazit: BU-Risiken in Lieferketten sind intransparente Risiken mit hohem Kumulpotential. Versicherungstechnisch problematische Risiken. Seite 17

18 Agenda Einleitung: Globalisierung und ihre Folgen Die Lieferkette und ihre Zerbrechlichkeit Versicherung von Betriebsunterbrechungsrisiken in Lieferketten Was geht und was geht nicht Die Bedeutung des Risikomanagements Fazit Seite 18

19 Die Bedeutung des Risikomanagements Im Jahr 2000 fiel eine Produktionsanlage für Mikrochips von Royal Philips Electronics in New Mexico infolge eines Blitzschlages aus. Die Anlage war Teil der Lieferkette der Mobiltelefonhersteller Nokia und Ericsson. Nokia konnte durch Diversifikation in der Lieferkette nach sehr kurzer Unterbrechung weiter produzieren. Ericsson konnte den Ausfall des Zulieferers nicht kompensieren. Folge: Direkte Kosten der Betriebsunterbrechung 400 Mio. $. Indirekte Kosten: Marktanteilsverlust 3%, Hoher Quartalsverlust der Mobiltelefon-Sparte, Übernahme durch Sony Seite 19

20 Die Bedeutung des Risikomanagements Lektion: Für BU-Risiken in Lieferketten ist gutes Risikomanagement von zentraler Bedeutung. Gutes Risikomanagement konzentriert sich darauf, Ausfälle in der Lieferkette so gut wie möglich zu kompensieren. Identifikation von Kettengliedern, für die der Markt bei einem Ausfall keine hinreichend schnelle Ersatzlösung bereithält. Seite 20

21 Die Bedeutung des Risikomanagements Bei den kritischen Kettengliedern Hinterfragung der bisherigen Beschaffungsstrategie: Diversifikation der Lieferkette (Vorsicht vor regionalen Clustern) Modifikation von just in time - Konzepten (Lagerhaltung bei beschaffungskritischen Komponenten) Etablierung eines Business Continuity Managements Ziel ist die adäquate Berücksichtigung von Unterbrechungsrisiken in Lieferketten. Versicherer spielen dabei eine entscheidende Rolle. Seite 21

22 Die Bedeutung des Risikomanagements Die Rolle der Versicherer Beraterfunktion. Menschen neigen dazu, schwer kalkulierbare Risiken mit hohem Schadenpotential zu unterschätzen (insb. schwarze Schwäne). Risikogerechte Versicherungsprämien liefern Marktpreise für Risiko. Konsequenz: Adäquate Berücksichtigung des Unterbrechungsrisikos in Lieferketten. Seite 22

23 Agenda Einleitung: Globalisierung und ihre Folgen Die Lieferkette und ihre Zerbrechlichkeit Versicherung von Betriebsunterbrechungsrisiken in Lieferketten Was geht und was geht nicht Die Bedeutung des Risikomanagements Fazit Seite 23

24 Fazit Steigende Bedeutung von Lieferketten im Zuge wachsender Globalisierung. Stärker global agierende Lieferketten mit zunehmender Vernetzung und immer geringerer Fertigungstiefe fördern den Wohlstand, sind aber zunehmend anfällig gegenüber diversen Risiken. BU-Risiken in Lieferketten sind systemische Risiken und damit versicherungstechnisch ungleich gefährlicher als Standard-BU-Risiken mit Sachschaden. Die Auswirkungen von Betriebsunterbrechungen in Lieferketten können durch zielgerichtetes Risikomanagement erheblich vermindert werden. Seite 24

25 Fazit Ein zielgerichtetes Risikomanagement können (und müssen) Versicherer durch adäquate Marktpreise für Risiko unterstützen. Flexiblere Lieferketten und ein leistungsfähiges Business Continuity Management sind notwendige Voraussetzungen, die verbleibenden BU-Risiken zu vernünftigen Konditionen zu versichern. Unter diesen Voraussetzungen sind BU-Risiken in Lieferketten sowohl für produzierende Unternehmen als auch für Versicherer und Rückversicherer beherrschbar. Seite 25

26 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Institut für Versicherungsbetriebslehre

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