Grundzüge der Geldtheorie und Geldpolitik

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1 Grundzüge der Geldtheorie und Geldpolitik Sommersemester 2014 Kapitel 9: Die Zeiten sind nicht normal: Liquiditätskrisen, Bankruns Liquidität, das Bank-run Modell von Diamond und Dybvig, Bankenregulierung

2 9. Die Zeiten sind nicht normal (I): Liquiditätskrisen, Bank runs Mishkin, Kap Gischer/Herz/Menkhoff, Kap. 5 und 7 Hauptaufgabe des Finanzsystems: Zusammenführen von Sparern und Investoren Sparer haben hohe Präferenz für jederzeitige Verfügbarkeit der Ersparnisse (Präferenz für Liquidität), Investoren eher an langfristige Verfügbarkeit der Mittel interessiert Banken als Finanzintermediäre erlauben Fristentransformation, sie sind Hersteller des Produktionsfaktors Risiko (analog zu Versicherungen!) 2

3 Ökonomische Rationalität der Finanzintermediation 1. Senkung von Transaktionskosten Finanztransaktionen haben meist Fixkostencharakter, durch Bündelung von vielen kleinen Anlagebeträgen economies of scale Nutzung von Expertenwissen 2. Verminderung von Adverser Selektion Kapitalgeber kann nicht zwischen guten und schlechten Schuldnern unterscheiden, er wird eine Risikoprämie für den durchschnittlichen Schuldner verlangen. Für die guten Schuldner ist die Durchschnittsprämie zu hoch (der Kredit zu teuer), sie suchen alternative Finanzierungsquellen wie Bonds. 3

4 Wenn die guten Schuldner abwandern, sinkt die durchschnittliche Qualität, die bisherige Risikoprämie ist unzureichend, sie steigt, weitere gute Schuldner wandern ab usw. Im Extremfall Zusammenbruch des Marktes = Marktversagen Literatur: Akerlof, George (1970), The Market for Lemons : Quality, Uncertainty and the Market Mechanism, Quarterly Journal of Economics 84: Greenwald, Bruce, Joseph Stiglitz und Andrew Weiss (1984): Information Imperfections in the Capital Market and Macroeconomic Fluctuations, American Economic Review 74: Alles wäre ok, wenn alle perfekt informiert wären, also naheliegender Lösungsansatz: Gewinnung zusätzlicher Informationen 4

5 Instrumente zur Gewinnung zusätzlicher Informationen Informationen sammeln und auf privaten Märkten verkaufen Rating-Agenturen Problem: Informationen sind ein öffentliches Gut (Einladung zum Free riding) Staatliche Regulierung Bilanzierungs- und Veröffentlichungspflichten Wirtschaftsprüfung etc. Problem: Angaben für Dritte schwer nachvollziehbar bzw. kontrollierbar Finanzintermediäre Banken als Spezialisten für Unterscheidung von guten und schlechten Schuldnern eigene Investitionen der Banken als Information/Signal Sicherheiten vermindert Wertverlust für den Gläubiger im Fall des Defaults des Schuldners Problem: Monitoring des Gläubigers fällt geringer aus (siehe US Subprime-Krise 2007) 5

6 Banken und Finanzkrise Wie können adverse Selektion und Moral hazard zu Finanzkrisen führen? Bank run Modell von Diamond/Dybvig Wie können Regulierungen Bank runs vermeiden? Faktoren, die Finanzkrisen auslösen bzw. verursachen können 1. Anstieg der Zinssätze Schuldner können Kredite nicht mehr zurückzahlen Investoren gehen in riskantere Projekte (Moral hazard) 2. Vermehrte Unsicherheit zunehmende Volatilität auf Finanzmärkten macht es schwieriger zwischen guten und schlechten Schuldnern zu unterscheiden Risikoprämie steigt Kreditangebot sinkt 6

7 3. Vermögenseffekte fallende (Aktien)Kurse senken Vermögen und damit Wert der Sicherheiten analog bei Immobilien 4. übermäßige Staatsverschuldung Banken müssen ggf. staatliche Papiere kaufen, die im Wert fallen Ausland zieht Einlagen ab 5. erwartete Wechselkurskrise (Abwertungserwartungen) massiver Kapitalexport (Umwandlung von Inlands- in Auslandsanlagen) Realwert der Schulden steigt, wenn Schulden in Auslandswährung denominiert 6. Vertrauenskrise im Bankensektor 7

8 Beispiel: U.S Subprime-Krise 2007 Drei Fakten im Vorfeld der Krise: 1. starke Kreditvergabe an schlechte Schuldner 2. Boom der Immobilienpreise 3. über Verbriefung (Mortgage-backed securities) Zustrom von ausländischem Kapital Banken trugen hohes Ausfallrisiko wegen starker Kreditvergabe an schlechte Schuldner Kreditvergabe dennoch sinnvoll, da Immobilien als Sicherheiten dienten Banken waren lange Jahre (ca ) in einer Art win-win Situation! zahlt der Gläubiger Kredit inkl. Zinsen zurück, ok zahlt er nicht zurück, geht die im Wert massiv gestiegen Immobilie an die Bank, auch ok 8

9 zwei Konsequenzen: das Ausland wollte sich an diesen Gewinnmöglichkeiten beteiligen (Fakt 3), wodurch das Kreditangebot noch gestiegen ist Monitoring der Schuldner praktisch null (Extrembeispiel: Kreditvertrag innerhalb von 30 Sekunden!) Politik des Zinsanstieg seitens der amerikanischen Zentralbank ab 2004 (Leitzins steigt in wenigen Monaten von 1 auf 5%) erste Kreditnehmer gingen pleite Nachfrage nach Häusern ging zurück, Angebot stieg, Preise fingen an zu fallen Abwärtsspirale auch als grundsätzlich gesund eingestufte Banken gingen pleite: Fannie Mae, Lehman Brothers, Merrill Lynch, 9

10 Bank Runs: Das Diamond/Dybvig-Modell Original: Diamond, Douglas und Philip Dybvig (1983): Bank Runs, Deposit Insurance, and Liquidity, Journal of Political Economy 91(5): Vereinfachte Darstellung: Diamond, Douglas (2007), Banks and Liquidity Creation: A Simple Exposition of the Diamond-Dybvig Model, Federal Reserve Bank of Richmond Economic Quarterly, 93(2): Bank run: Viele Einleger ziehen gleichzeitig ihre Guthaben ab aus der Befürchtung heraus, die Bank wird insolvent (geht Pleite) Bank panic: Run betrifft mehrere Banken gleichzeitig 10

11 Problem: Bank run kann ausgelöst werden durch andere Faktoren als Insolvenz Die Befürchtung einer Insolvenz kann Run auslösen. Wenn bei einer an sich gesunden Bank die Erwartung der Insolvenz aufkommt und alle Einleger die Rückgabe ihrer Einlagen verlangen, muss die Bank ihre Assets kurzfristig verkaufen. Zwang zum kurzfristigen Verkauf mindert Erlös, die Bank kann tatsächlich ihren Verbindlichkeiten nicht nachkommen. Insolvenz dann eine Art sich selbst erfüllende Prophezeiung. Wenn Einleger die Solvenz der Banken nicht unterscheiden können, generiert die Insolvenz einer Bank Unsicherheit über die Solvenz der anderen Banken. Es entstehen externe Effekte, es droht Ansteckungsgefahr (runs can be contagious) 11

12 Diamond-Dybvig (1983) Eine Bank Nimmt zum Zeitpunkt t=0 Einlagen von 100 Sparern entgegen (je Sparer eine Einheit) Bank tätigt eine zwei-periodige Investition (Kredit an Unternehmen), Rendite R =2 Bei vorzeitiger Kündigung des Kredits (oder eines Teils des Kredits) in t = 1 bekommt Bank den Kredit zurückbezahlt, aber keine Rendite (r 1 = 1) Sparer: Unsicherheit über Zeitpunkt des Finanzbedarfs, Typ 1: Auflösung der Depositen und Konsum in t = 1 Typ 2: Auflösung der Depositen und Konsum in t = 2 Sparer weiß zum Zeitpunkt t = 0 nicht, ob er Typ 1 oder Typ 2 ist Common knowledge, dass p Prozent der Sparer vom Typ 1 sind und (1-p) Prozent vom Typ 2 12

13 Erwarteter Nutzen des Sparers: EU c = pu p U(2) Beispiel: Nutzenfunktion U c = 1 1 c p = 0,25 Erwarteter Nutzen EU c = = 0,375 Bank bietet folgenden Vertrag an: r 1 > 1 für jede Einheit, die in t = 1 abgezogen wird r 2 < R für jede Einheit, die in t = 2 abgezogen wird Beispiel: r 1 = 1,28 r 2 = 1,813 Erwarteter Nutzen EU c = , ,813 = 0,391 > 0,375 13

14 Bank bietet also eine Versicherung an gegen die Gefahr, Typ 1 zu sein. Preis ist eine Reduktion des Konsums im guten Fall Typ 2. Sparer fragen diese Versicherung nach, da ihr erwarteter Nutzen steigt Konsequenz: Nachfrage nach Liquidität! Gewinn der Bank π = , ,28 1 = 7,025 Jetzt: p steigt auf 0,60 60 Sparer lösen Einlagen in t = 1 auf, jeder bekommt 1,28, also zahlt Bank 60 1,28 = 76,8 Es bleiben 23,2 Einheiten, die jeweils eine Rendite von R = 2 haben, d.h. in t = 2 stehen zur Verfügung 46,4 Einheiten Die 46,4 Einheiten müssen auf die verbleibenden 40 Sparer verteilt werden, d.h. jeder Typ 2-Sparer bekommt nur noch r 2 = 46,4 40 = 1,16 < 1,28 = r 1 14

15 Jetzt gilt r 2 < r 1, d.h. wenn zu viele Sparer in t = 1 die Einlagen abziehen, werden Sparer vom Typ 2 eine geringere Rendite erzielen als Sparer vom Typ 1. Konsequenz: alle Sparer unabhängig vom Typ (also auch Typ 2-Sparer) lösen in t = 1 die Einlagen auf! (= Bank run) Wenn alle 100 Sparer in t = 1 Einlagen auflösen, dann geht Bank in Insolvenz: π = ,28 = 28 Zahlungen erfolgen gemäß first come, first served, d.h. die ersten in der Schlange erhalten volle Rendite r 1 = 1,28 bis Einlagen verbraucht, die übrigen in der Schlange gehen leer aus. Anreiz, vorne in der Schlange zu sein, ist extrem hoch! 15

16 Quintessenz: Erwarten die Einleger eine Bankpleite, dann stürmen sie zur Bank, und die Bank geht pleite Musterbeispiel für eine sich selbst erfüllende Prognose Bank ist angewiesen auf das Vertrauen in die jederzeitige Geschäftsfähigkeit Ansteckungsgefahr, wenn von Insolvenz einer Bank auf die mögliche Insolvenz anderer Banken geschlossen wird. 16

17 Regulierungen zur Vermeidung von Bank runs Einlagenversicherung: Deutschland: nach Herstatt-Pleite 1974 Einrichtung eines sog. Feuerwehrfonds, Einlagen in Höhe bis Euro pro Person gesichert USA: nach Savings and Loans-Krise 1982 Einrichtung einer Depositenversicherung, Einlagen bis US-Dollar staatlich abgesichert Problem einer jeden Versicherung: Moral hazard = Banken gehen riskantere Projekte an, da im Schadensfall die Versicherung zahlt Monitoring der Einleger entfällt, keine Gefahr des Einlagenabzugs 17

18 Gesetzliche Auflagen: Kreditwesengesetz Überwachung von Bankgeschäften (D: Bundesanstalt für Finanzdienstleistungs-aufsicht BaFin und Bundesbank) Verbot von sog. Klumpenrisiken Regularien für off-balance-sheet Aktivitäten Basel Accord: risikobasierte Eigenkapitalerfordernisse Problem: de facto keine internationale Bankaufsicht Lender of last resort durch Zentralbank Zentralbank stellt Liquidität/Kredit in unbegrenzter Menge zur Verfügung wiederum: Moral hazard 18

19 staatliche Regulierungen vermindern Gewinne der Banken Antwort der Banken: Finanzinnovationen, die die Regularien umgehen regulatorische Dialektik Bankfusionen erhöhen Profitabilität, führen aber zum too big to fail -Problem Regierungen werden erpressbar! Zerschlagung von Banken? 19

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