SCHULD,SCHULDEN UNO ANDERE VERBINDLICHKEITEN

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1 Das Gesamtprojekt wurde gefordert durh die KULTURSTIFTUNG DES BUN DES Die Konferenz wurde gefordert durh die SCHULD,SCHULDEN UNO ANDERE VERBINDLICHKEITEN HERAUSGEGEBEN VON THOMAS MACHO UNTER MITARBEIT VON VALESKA NEUMANN Wilhelm Fink

2 IN HALT THOMAS MACHO 11 Bonds: Fessel n der Zeit EINLEITUNG BERND M. SCHERER 27 Shuld und Shulden. Eine Reflexion GRUSSWORT I. SCHULDEN MARCEL HENAFF 33 Kosmishe Shuld, symbolishe Shuld, finanzielle Shuld. Paradigmen des Gleihgewihts und der Zeit Die Konferenz»BONOS: Shuld, Shulden und andere Verbindlihkeiten«fand vom 6. bis B. Oezember 1012 am Haus der Kulturen der Welt in Berlin statt. Bibliografishe Information der Oeutshen Nationalbibliothek ELENA ESPOSITO 55 Was binden Bonds? Das Eigentum an der Zukunft und die Verantwortung fiir die Gegenwart Die Deutshe Nationalbibliothek verzeihnet diese Publikation in der Oeutshen Nationalbiblio grafie; detaillierte bibliografishe Oaten sind im Internet iiber nb.de abrufbar. Aile Rehte, auh die des auszugsweisen Nahdruks, der fotomehanishen Wiedergabe und der Obersetzung, vorbehalten. Dies bet rifft auh die Vervielfaltigung und Obertragung einzelner Textabshnitte, Zeihnungen oder Bilder durh aile Verfahren wie Speiherung und Obertragung auf Papier, Transparente, Fllme, Bander, Platten und andere Medien, soweit es niht 53 und 54 UrhG ausdrukllh gestatten Wilhelm Fink Verlag, MOnhen Wilhelm Fink GmbH & Co. Verlags- KG, Juhenplatz 1, D Paderborn Internet: Gestaltung: Sahar Aharoni, Karlsruhe Herstellung: Ferdinand Sh<lningh GmbH & Co KG, Pad erborn ISBN GARDEN OF EDEN 67 BELGRAVIA JAN STRADTMANN 8t REBEKKA LADEWIG 89 Ku lissen des Kapitals. Garden of Eden uni Belgravia als Momentaufnahmen aus den Anfa ngstagn dr Krise BIRGER P. PRIDDAT 95 Shuld, Shulden, Kredit. Der Beginn okonomisher Moderne

3 MICHAEL H UTTER DIE SANDE DER FINANZWELT I. wenn man von der Finanzwelt spriht, sheint klar, was gemeint ist- eine irgendwie in sih geshlossene soziale Welt, in der die Werte finanzieller Ansprlihe verhandelt werden. Aus der Siht der Theorie sozialer Systeme ist eine derartige Abtrennung aber wenig sinnvoll. Als Ganzes betrahtet, ist die Wirtshaft das selbstreproduzierende Funktionssystem, und die Finanzwelt muss ein Teil dieses groberen Ganzen sein. Die Herausforderung liegt also darin, die Finanzwelt so zu rekonstruieren, dass sowobl ihre Einbindung in die Wirtshaft als auh ihre EigensUindigkeit leutlih wird. Ih beginne mit einer kurzen Einflihrung in die Theorie sozialer Systeme, so, wie sie hauptsahlih von Niklas Luhmann entwikelt wurde. An erster Stelle wird angenommen, dass die Gesellshaft aus Kommunikationsereignissen besteht, die sih suindig tiber neue Kommunikationsereignisse fortsetzen und so die Gesellshaft reproduzieren. Wie die librige Natur s ind Menshen erst einmal in der Utnwelt ler so gedahten Gesellshaft, auh wenn!dar ist, lasses ohne Menshen als Teilnehmer keine Kommunikation gabe. Im Kommunikationsfluss selbst lassen sih Teilstrukturen beobahten, die so koharent sind, dass sie ihre eigene Form der Reproluktion entwikelt haben. Diese Teilstrukturen werden soziale Systeme genannt und nah drei Typen untershieden. Die einfahsten sind Interaktionssysteme. Sie bezeihnen Gebilde, die nur kurz andauern, etwa Seminate, Sitzungen, Partys oler andere soziale Spiele, die auftauhen und wieder vershwinden. Solhe Interaktionssysteme gibt es in unzahligen Varianten. lm Ozean der Interaktionssysteme haben sih zwei andere, stabilere Typen sozialer Systeme ausd i fferenziert. Zu m einen die Organisationen. Organisationen sind auh kommunikative Gebilde, die sih reproduzieren. Sie sind an bestimmte Menshen gekoppelt, die als Mitglieder gekennzeihnet

4 194 ;; : :., Q; <I) '0 : "' 0 sind. Daran kni.ipfen sih dann bestimmte Kommunikationserwartungen der Teilnehmer, innerhalb und auberhalb des Organisationsspiels. Bestimmte Arten von Kommunikation tragen zur Organisation bei- Professoren tragen mit Vorlesungen und Studierende mit Prlifungen zur Organisation Universitat bei, Soldaten tragen zu Feldzilgen bei, Manager tragen zu Unternehmen bei. Durh besondere, als Entsheidungen bezeihnete Kommunikationen erwerben Organisationen strategishe Planungs- und Handlungskompetenz. Das, was intern als Entsheidung interpretiert wird, treibt das Handeln der Organisation voran. Organisationen sind ziemlih komplexe, voraussetzungsvolle soziale systeme. I-Iistorish haben sie sih gleihzeitig mit einem dritten Typ sozialer Systeme entwikelt, den funl<tionalen Subsystemen. Diese Subsysteme sind auf bestimmte fundamentale Problemstellungen der Gesellshaft spezialisiert: auf das Problem der Kommunikation mit transzendentalen Kraften das Subsystem der Religion, auf das Problem der kollektiven Bindung das Subsystem der Politik, auf Konflikte tiber Zugriffsrehte das Subsystem des Rehts. Es gibt ferner das Problem der Versorgung mit Gi.itern, mitdem sih die Wirtshaft, das Problem der Beweisfiihrung tiber Sahverhalte, m it dem sih die Wissenshaft befasst. Und shliebiih sind Ausdruksformen filr alles in der Welt zu finden- daran arbeitet las Subsystem der Kunst mit all seinen Medien. Die Ausdifferenzierung lieser sehs sozialen Systeme wahrend der vergangenen Jahrhunderte, die ih bier sehr vereinfaht habe, hat es ermogliht, starre hierarhishe Gesellshaftsformen aufzulosen. Sie hat auh dazu gefi.ihrt, dass wir Gesellshaft tatsahlib als ein weltwnspannendes, globales Phanomen wahrnehmen konnen, auh wenn es durh Sprahuntershiede und Staatsorganisationen in kleinere territoriale Einheiten gespalten wird. Funktionale Subsysteme haben spezifishe Wertolierungen ausgebildet, die ihre interne Kommunikation kennzeihnen. Auh sie sind wie Spiele, deren Regeln und Wertvorstellungen wir beim Spielenerfassen und zu beherrshen lernen. So operiert Wissenshaftskommunikation mit einem - freilih nie explizit erwahnten- Wahrheitswert, und Wirtshaftskommunikation lreht sih um Knappheit. Urn die relevanten Botshaften prazise und eindeutig zu formulieren, wurden in allen Subsystemen spezifishe Kommunikationsmedien i.iber die allgemeinen Melien Sprahe, Shrift und digitale Colierung hinaus entwikelt. Zum Abshluss lieser Bemerkung vorab wi ll ih eine zentrale Veranderung hervorheben, die der Wehsel von einer Theorie rationaler Akteure zu einer Theorie sozialer Systeme bedingt: In einer Theorie, die von Akteuren ausgeht, bleibtkommunikation ein Werkzeug, eine sekundare Einrihtung. In einer Theorie sozialer Systeme sind Kommunikationsere ignisse primar, uni die Al<teure nehmen die Bedeutung austaushbarer kommunikativer Fiktionen an. n. Fur die Zweke dieses Essays ist es niht notig, d ie Theorie in ler Breite zu entfalten. Wir haben shon die notige Detailsharfe erreiht, um unseren Gegenstand, die Finanzwelt, genauer zu betrahten. Wir tun dies i.iber einen ganz bestimmten Kommunikationsmodus, denjenigen der Wissenshaft. Auh wenn diese Skizze von der Strenge naturwissenshaftliber Priifungsverfahren mei lenweit entfernt ist, so bezieht sih die Herangehensweise doh erkennbar auf gleihe Wertvorstellungen. Da wir uns im Folgenden auf das Subsystem der Wirtshaft konzentrieren wollen, ware zu fragen: Wie passt das Finanzgeshehen zu deren standiger Selbstreproduktion? Ih nahere mih dieser Frage zunahst mit einem Bild. Innerhalb der graben Wolke der gesamten Kommunikation ist eine kleinere, dihtere Wolke erkennbar, in der sih aile Botshaften irgenlwie auf den Untershiel zwishen Knappheit uni Uberfluss beziehen. Beides sind abstrakte Eigenshaften. Wahrenl Seltenheit auf nati.irlihe Vorkornmen verweist, werden Knappheit uni Oberfluss sozial konstruiert - ih komme noh darauf zuri.ik. Alles, was auberhalb der Wolke der Kommunikation passiert, wirl als»natur«bezeihnet. Darunter fallen materielle Gegenstande, Menshen: alles, was niht Kommunikation ist. Der niht zur Wirtshaft gehorende Rest der Kommunikation wird jetzt als eine zweite, innere Begrenzung gedaht. Solhe Kommunikationen, vor allem diejenigen aus anderen Subsystemen, proiuzieren auf vershiedenste Weisen Einshrankungen, d ie in effektive Medien der wirtshaftlihen Kommunikation umgewandelt werlen konnen. Das Reht brahte beispielsweise shon selu frlih die Institution des Eigentums hervor. Erst dadurh wurde es i.iberhaupt moglih, tiber die Nutzung uni den Transfer von Gi.itern oder Dienstleistungen zu reden. Jahrtausenle vergingen, bevor las Eigentum jene Prazision uni Vielfalt angenommen hatte, die im Zivilreht des 19. Jahrhuniert koiifiziert wurden. Diese Klauseln sind fur die Weltwirtshaft bis heute grunllegend, auh wenn ihre uneingeshrankte Geltung unter den Bedingungen neuer digitaler Tehnologien immer fragl iher wird. Unsere Darstellung wird etwas genauer, wenn wir statt mit Wolken mit konzentrishen Kreisen operieren. Die Wirtshaft sei ier Kreis, der nah 195

5 Gi u: "' Q> "0 "D "' <I) Ol Ql L ABB. 1: DIE WIRTSCHAFT ALS ABGEGRENZTES KOMMUNIKATIONSGEBILOE auben von der Natur und nah innen von den anderen sozialen Systemen abgegrenzt ist; sie ersheint nun vereinfaht als der grau getonte Ring. Noh reduzierter ist die bei Systemtheoretikern beliebte Shreibweise, bei der durh sogenan nte Haken oder Pfei le markierter Raum von un marl<iertem Raum abgetrennt wird (Abb. 1). In unserem Fall ist der markierte Raum die Wirtshaft, wahrend Natur unmarkiert oder au en bleibt. Innerhalb des markierten Raums wird dann die Rehtskommunikation als zweiter markierter Raum eingefi.ihrt, aus dem ein Kommunikationsmedium bezogen wird, namlih Vertrage i.iber Eigentumsrehte (Abb. 2). Sie mahen den geordneten Taush von knappen Giitern erst moglih. Im Folgenden verdeutlihe ih den wehselnden Einfluss der vershiedenen funktionalen Subsysteme auf das Vermogen der Wirtshaft, zunehmend komplexe Transaktionen abzuwikeln. In diesem sehr primitiven Modell der Wirtshaft besteht das Spiel fast ausshliebiih aus Kommunikationen i.iber knappe Eigentumstitel, also dari.iber, was jemandem gehort, was mit rehtlihen Mitteln gegen kontdire Anspriihe verteidigt werden kann. Der ganze Produktions- und Konsumtionsapparat beruht auf diesem Verstandnis von Eigentum und Besitz. Doh ist dieses Modell zu einfah fi.ir unsere Fragestellung. Uns interessiert eine Wirtshaft, aus deren Komplexitat die Finanzwelt hervorgehen kon nte. Seit Kulturen Akerbau treiben, operiert Wirtshaft mit einem zweiten Medium. Uber dieses Medium werden heute praktish alle Wirtshaftstransaktionen abgewikelt. Seine Geltung ist unumstritten, es dient als ein externes Fundament, auf das man bauen kann. Urn dieses Verhaltnis auszudriiken, fiihre ih einen dritten Haken ein, der das Medium von der l.ibrigen Wirtshaftskommunikation trennt: das Geld. Der abgeteilte ---- Kreditbanken Zentralbanken lnvestmentfonds Reht Politik/Staat Wissenshaft Eigentumstitel., Geldtitel lnvesttnentfonds "' / Agent "' / Kreativer Content Prlnzipal Vershuldete Zukunft7 Arbitrage ABB. 2: ABGRENZUNG DER FINANZWELT VON OER UBRIGEN WIRTSCHAFT Natur (dunkelgraue) Raum auf der Innenseite der Markierung ist der Raum des Geldes, das Gebilde, das ihn generiert, ist die Finanzwelt (Abb. 2). Geld ist eine Relation aus Kredit und Shuld. Sie hangt von der Position ab, in der man sih befindet. Es gibt kein Ding, das sih als»geld«bezeihnen IieBe. Was wir als Geld bezeihnen, si nd Titel, also Anspri.ihe auf zukl.inftiges Eigentum. Ein Shuldner hat zwar Besitz, aber alle Mitspieler wissen, dass dieser Besitz zu einem bestimmten Datum enden wird. Wenn derartige Erwartungen enttausht werden, sind die Sanktionen hoh. Die Gesamtheit dessen, was als Geld gilt, bildet eine vielgestaltige Assemblage. Teil dieser Gesamtheit sind die Banknoten und Mi.inzen in unseren Geldborsen. Auf der 20-Euro-Note steht, dass eine Bank, in diesem Fall eine Zentralbank, dem Besitzer 20 Euro shuldet. Der Besitzer gibt der Bank einen Kredit in dieser Hohe und erhalt dafi.ir diesen Shuldtitel. Weitere Titel existieren in Form von Bankguthaben oder in Form von Anlei hen und Sh uldversh reibungen, ausgegeben von Staaten oder privaten Unternehmen. So wie der Umfang ler Guthaben urn ein Vielfahes grober ist als der Bargeldbestand, so werden die Guthaben ihrerseits vom Volumen der Offentlihen und privaten Shuldtitel l.ibertroffen. In all diesen Variationen des Kommunikationsmediums Geld gibt es also einen Glaubiger und einen Shuldner. Kredit und Shuld sind die zwei Seiten derselben Verkni.ipfung in der Zeit, zwishen Teilnehmern, die fiir diese Zeitspanne gegeneinander Interessen vertreten. Der GHi.ubi = I :::.

6 !: X " u:. " li ger ist abhangig davon, lass der Shuldner zum verei nbarten Datum zuri.ikzahlt. Er hat also auh ein Interesse am Wohlergehen des Shuldners, denn andernfalls l<ann der Shuldner niht zuri.ikzahlen. Kredit und Shuld shaffen ein anderes kommunikatives Verhaltnis als Eigentum. Eigentum bezieht sih auf alles Moglihe, Gegenstande eben so wie Menshen. Shuldverhaltnisse sind zeitbezogene soziale Verhaltnisse. Die Shuldri.ikzahlung kann viele Formen annehmen. David Graeber erzahlt in seinem Buh tiber die Geshihte der Shulden einen erstaunlihen Fall: Lange bestand e ine erfolgreihe Tehnik des Sklavenfangs an der westafrikanishen Ki.iste darin, wohlhabende Einheimishe durh Gli.iksspiele, falshe Anspri.ihe oder willki.irlihe Sanktionen in Shuldbeziehungen zu zwingen. Wenn das Shuldverhaltnis einma l etablirt war, lieferten die Afrikaner die Sklaven selbst. Sie nutzten ihre eigenen Shuldanspri.ihe auf Mitglieder des eigenen Stammes oder Gefangene anderer Stamme und lieferten d ie betreffenden Frauen und Manner direkt bei den Hand I ern am Ha fen a b. So beendeten sie ihr eigenes Shullverhaltnis durh die Auslieferung derer, die in ihrer Shuld standen. Die etymologishe Wurzel des Wortes»Finan z<< liegt im lateinishen»finire«, mit der speziellen Bedeutung der Beenligung einer Shuld. Die Ri.ikzahlung beendet das Shuldverhiiltnis. Es ist ein Verhaltnis, las in die Zukunft reiht, aber in der Gegenwart beginnt, um eine zuki.inftige Aktion zu ermoglihen. Einfahe Beispiele finden sih bereits in der Landwirtshaft, denn Kredit und Shuld entstehen, wenn diejenigen, die Getreide saen, Saatgut brauhen und wissen, dass sie das Darlehen in einigen Monaten zuri.ikzahlen konnen. Aus solhen einfahen Varianten entstanden die zunehmend komplexer werdenden Varianten der Shuldverhaltnisse, die in ihrer Gesamtheit das Kommunikationsmedium ausmahen, das wir»geld«nennen. Die Finanzwelt ist diejenige Welt, in der Varianten der»geld«genannten Assemblage geshopft und geshaffen werden. Woraus besteht diese Welt, uni wer sind ihre Akteure? I<urz gesagt handelt es sih um ein Netzwerk spezialisierter Organisationen, die nati.irlih wiederum sozia le Systeme sind. Ih werle die zunehmende Komplexitat dieses Netzwerks in drei Shritten nahzeihnen. III. Wahrend einer ersten Phase, die ungefahr im 12. Jahrhunlert begann und bis ins frtihe 19. Jahrhundert andauerte, waren Banken ftir Kredit/ Shuld-Verhaltnisse zustandig. Banken spezialisierten sih auf die Fristenumwanllung in Kreditvertragen. Diejenigen Personen, die tiber eine bestimmte Kredithohe zu einem bestimmten Zeitpunkt verfugen wollen, treten niht gleihzeitig auf mit denjenigen, die ihre Geldanspri.ihe bei Banken deponiern. Banken verwenden die Summen, die ihnen als Einlagen anvertrautwerden, indem sie sie an andere Personen vergeben, die Kredite ftir ihre Vorhaben brauhn. Die Banken konnen ein viel hoheres Kreditvolurnen ausgeben, wei! die Forderungen der EinJeger niht gleihzeitig eingelost werden. In der Erweiterung des Geldvolumens und Transformation der Kreditfristen bestehen die traditionellen Funktionen der Banken. Die Gewinne der Ban ken rgeben sih a us dem Prozentsatz, ler auf das Gesbaftsvolumen aufgeshlagen wird. Die Banken werden entlohnt fi.ir ihre qualifizierte Einshatzung von Vershuldungsrisiken, fi.ir das Vertrauen, das ihnen als Vrmittlern niht geshenkt, aber bezahlt wird. Das war die Situation in ler ersten Phase. Die zweite Phase wurde durh das Auftauhen von Zntralba nken ausgelost. Mit ihrem umgrenzten territorialen Wirkungsbereih stellten Banken dieses Typs eine sehr erfolgreihe Innovation dar. Ihr Vorbild war die >Bank of England«, ein 1694 gegrundetes, damals privates Unternehmen, das freilih eine Besonderheit aufwies: Hauptamtli her Shuldner der Bank war das Shatzamt der Krone. Mit dr Zeit tibernahm die Bank weitere politish relevante Aufgaben, bis sie 1844 das Monopol auf die Ausgabe von Banknoten bekam. Diese Form wurde weltweit kopiert und adaptiert. Zentralbanken stabilisieren die Erwartungen derer, die vershiedene Formen des Geldes, als Bargeld oder Wertpapier in der jeweils ausgestellten Wah rung verwenden. Vor dieser Innovation konnten a ile Banken solhe Kreditnoten ausgeben. Die Noten zirkulierten in der Regel unter Kaufleuten und wurden dort als Geld form akzeptiert. Aber der Kreis derjenigen, die in der Lage waren, die Siherheit der ausgebenden Banken einzushatzen, blieb klein, uni aile anderen weigerten sih, solhe unsiheren Sheine zu akzeptieren. Wenn nun eine einzige Bank das Privileg der Notenausgabe besitzt und i.iberdies vorn Staat gesttitzt wird, dann ist die Un siherheit i.iber die Validitat des umlaufenden Geldvolumens zuminlest in den Grenzen dieser Nationalokonomie geringer. Damit wird das politishe System zum zweiten unverzihtbaren Subsystem jeder nur irgendwie funktionierenden modernen Wirtshaft. Dieses System manifestiert sih in einer I<onfiguration von >>Staaten<<, die ein Gleihgewiht zwishen ler Erlel ig ung kollektiver Dienstleistungen und der Selbsterhaltung des Netzwerks aus Unterorganisationen shaffen sollen, die das soziale System erhalten und es ibm errnoglihen, die soziale 199

7 200 Entwiklung in eine bestimmte Rih tung zu len ken. Zu jed em Staat gehoren Menshen und Entsheidungsprozesse. Die Staatsangehorigkeit wird durh das Tenitorium definiert, auf dem Menshen Ieben. Solhe Nationalstaaten interagieren mit der Wirtshaft in vershiedener Weise. Die Spielart, die uns bier interessiert, shliebt staatlihe Kredite und staatlihe Shulden ein. Wozu Staatskredite? Der Staat treibt Steuern ein und ist dam it in einer ahnlihen Situation wie der Bauer: Aufgrund ki.inftig zu erwartender sprudelnler Steuereinnahmen kann shon jetzt gehandelt werden, falls ein Kreditgeber einspringt. Der Krelit wird mittels Banknoten und Staatsanleihen generiert, lenen die ki.inftigen Einnahmen als Siherheit gegenuber stehen. So wirl las Vertrauen in die Staatseinnahmen monetarisiert. Die Zentralbank bildet also einen strukturellen Shalter zwishen lem politishen und dem wirtshaftlihen System. Sie operiert politish, da sie auf staatlihen Strukturen fu Bt, und sie ist wie alle anderen Banken, die Eigentums- und Geldtitel kaufen uni verkaufen, Teilnehmerin an Markttransaktionen. Staatsshulden sind eine ahnlih relevante GroBe. Die einzelnen Staaten haben Routinen entwikelt, die es gestatten, sehr langfristige, manhmal sogar unbefristete Anleihen auszugeben. Burger kaufen diese Titel, um Gellwert zu konservieren. Sie gehen davon aus, lass diese Anlageform niht besonders ertragreih, aber relativ risikofrei ist. Auh wenn dies heute niht mehr der Fall ist, wares doh sehr lange Zeit eine viel genutzte Form der Altersvorsorge. Staatshulden shufen auf diese Weise die notige Siherheit, um das Kredit/Shulden-Verhaltnis niht zwishen den Teilnehmern, sondern tiber deren Zeittrajektorie zu erhalten. Staaten interagieren auh auf andere Weise mit der Wirtshaft, etwa durh Steuergesetze, den Kauf grober Volumina von Gutern uni Dienstleistungen oder durh Bankenregulierung. Ohne staatlih durhgesetzte Regeln gabe es keine Markte filr nennenswerte Geldtitel. Staaten sind als Akteure der Finanzwelt gleihzeitig deren Beshi.itzer. 300 Jahre waren notig, bis durh stetige Verfeinerung dieser Interaktionen die Leistungsfahigkeit der Finanzwelt in dem MaB steigen konnte, das wir seit den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts erieben und das den nahsten Entwiklungsshritt ermogliht hat. IV. Der zweite Shritt, der wiederum spielverandernde Ztige hat, betrifft die Entstehung von Investmentfonds als Teil autonomer, gewinnorientierter Unternehmen. Beim vorhergehenden Shritt waren die I<reditbanken untereinander uni mit Zentralbanken vernetzt. Jetzt tritt eine neue Kategorie von Akteuren auf. Investmentfonds konnen als spezialisierte Banken operieren, die Anteile am Produktionskapital (Investitionen) uni damit an den Ertragen von kommerziellen Organisationen halten. Das gleihe konnen aber auh interne Abtei lungen, sogenannte»desks«, in groberen Kreditbanken leisten. Sie konnen Geshafte mit Zentralbanken tatigen, und sie sind extern und gelegentlih auh intern mit traditionellen Banken vernetzt. Wodurh sind nun Investmentfonds in dieser sehr weit gefassten Definition in der Lage, das Spiel der Wirtshaft so grundlegenl zu verandern, lass sih die Verteilung der Ertrage von produktiven auf finanzielle Leistungen vershiebt? Die Fonds beobahten Markte fur vershiedenste Anlageformen. Sie wollen feststellen, ob sih ki.inftige monetare Ertrage verandern. Traditionell sti.itzt sih die Investitionsentsheidung auf professionelles Wissen, etwa auf die erwartete Menge an geshi.irftem Coltan oder die Zahl ler Automobile, die jahrlih produziert und verkauft werden. Die Investition finanziert also materielle Produktionsprozesse. Doh mit Hilfe von Okonomen haben die Bankakteure herausgefunden, lass Kenntnisse tiber die materielle Produktion niht erforderlih sind. Am Ende geht es urn den zuki.inftigen Wert bestimmter Anlageguter oder»assets«. Solhe Assets konnen Unternehmensanteile sein, Staatsanleihen oder der ki.inftige Wert von Wahrungen. In jedem Fall gibt es Risiken, wei! die Erwartungen auf die Zukunft gerihtet sind. Keiner besitzt vollstandige Informationen tiber die Wertentwiklung einer Anlage, i.iber die Faktoren, die sie gefahrden oder ibren Wert steigen lassen konnen. Investmentfonds!Osen dieses Problem dadurh, lass sie ihre Anlagepositionen so streuen, lass dadurh das Gesamtrisiko gesenkt wird. Gleihzeitig werden aber Finanzformen wie Optionen uni andere Derivate geshaffen, die das Risiko uni gleihzeitig die Gewinnspannen erhohen. Der reate Produktionsprozess ist weit entfernt, washier zahlt, sind bestimmte Botshaften, die standig zwishen den Marktteilnehmern ausgetausht werden. Die Kommunikation lasst a ile Bezi.ige zur Natur noh weiter hinter sih; ih re einzigen Referenten sind jetzt ki.instlih geshaffene soziale Erwartungen. Diese neuen Mogl ih keiten haben auh das Sel bstverstand nis der Akteure in der Wirtshaft dramatish verandert. In der okonomishen Literatur lasst sih nahverfolgen, wie Wirtsbaftsziele seit den 1980er Jahren vershoben wurden: von der realen Produktion zum finanziellen Wert. 201

8 202 u: ;;, G> " m 0 Business Shools anderten ihre Lehrplane und lehrten ihre Studierenden fortan, wie man aus erwarteten Erwartungen hohste Gewinne abshopft. Das Konzept des»shareholder Value«bringt es auf den Punkt: Der Wert dri.ikt sih niht in de n Erzeugnissen eines Unternehmens aus, sondern in den Preisen, die fi.ir Unternehmensanteile an der Borse bezahlt werden. Seither ist die Wirtshaft weltweit eine andere. Zuvor waren die finanzie llen Arrangements Hilfsmittel fur die Produktion,jtzt sind Produktionsprozesse Hilfsmittel fi.ir Finanztransaktionen. Kommunikation steht im Zentrum, und die materielle Seite ist nebensahlih. Kommunikationstheoretiker wird das kaum i.iberrashen. Denn wie eingangs festgestellt wurde, ist Kommunikation sozial zentral, und Konzepte wie»realitat«oder auh Hand lung«sind I<onstruktionen und Zushreibungen. v. Diese zweite Etappe der Veranderung wurde durh ein weiteres Subsystem begi.instigt, namlih durh die Wissenshaft. Urn den Aufstieg der Fina nzwelt zu verstehen, sollten wir uns ansehen, wie dieses dritte Subsystem die Wirtshaftsentwiklung beeinflusst hat. Es gibt zwei Versionen von Wissenshaft. Die erste besteht aus Theorien, also Aussagen i.iber die Welt, die s ih moglihst niht widersprehen. Die zweite ist praktish und umfasst alle Anwendungen der Theorie auf Tehnologien, h ier insbesondere auf Komm u n ikationsteh nologien. Die Versbiebung auf der theoretishen Ebene wurde shon erwahnt. Sie beruhte auf Entwildungen der Wirtshaftstheorie, die eng mit einer akademishen Organisation verbunden waren, der Wirtshaftsfakultat der University of Chiago. Die neue Theorie gri.indete auf festen Annahmen tiber die Effizienz, mit der Markte fur Finanzanlagen operieren. Diese Markte, so hiebes, bilden Wertveranderungen dergehandelten Titel rash und zuverlassig ab. Die Markte konnen -viet effektiver als Regulierungsbehorden oder andere Akte ure - aile Informationen tiber den kiinftigen Wert der Titel integrieren. Der Investitionsertrag, also»return on investment«, ist die Kennzahl, auf die sih a ile Finanzmarkte beziehen. Shon 1958 waren die wesentlihen The01 eme der Chiagoer Shule formuliert worden; in den Folgejahrzehnten verbreiteten sie sih, bis sie shliebiih weltweit kanonisierter Leh rstoff waren. Zur gleihen Zeit erlebte die Informationstehnologie einen noh radikaleren Wandel. Mit Hilfe der Rehenleistung der Computer und der hierfl\r entwikelten Programme konnten Risiken und Risikosbwankungen jetzt vie! pdiziser berehnet werden als noh in den 1970er Jahren. Es wurde einfaher vorherzusagen, welhen Preis Aktien, Anleihen und Derivate an einem zuki.inftigen Datum haben worden. Es wurde auh einfaher, den gegenseitigen Ausgleib von riskanten Positionen auszurehnen. AuBerdem wurde es durh die steigende Rehengshwindigkeit moglih, Finanztransakti.onen sehr shnell abzushlieben und so aus kurzfristigen Kursshwankungen Gewinne zu ziehen. Die Wissenshaft, verbunle n mit der so entstandenen Tebnologie, ist das dritte Funktionssystem, das die Wirtshaft uni insbesondere die Finanzwelt entsheidend gepragt hat. VI. Bei mei ner Behanllung der Investitionsfonds, dieser mabgeblihen neuen Akteure der Finanzwelt, will ih noh weiter ins Einzelne gehen. Mit den Formen, in denen s ie operieren, folgen die Fonds der Untersheidung zwishen Agenten und Prinzipalen. Wahrnd ine Bank oder ein Fonds als Agent ha ndelt, will der Prinzipal sein Geld sparen oder investieren. Der Fonds trifft die Investitionsentsheidung aufgrund seines Know-hows und seiner tehnologish verbesserten Expertise und bekommt dafi.ir einen Anteil am Transaktionsvolumen. Viele Pensionsfonds und andere langfristig ausgerihteten Vermogensverwalter handeln so. Das Vermogen der Anleger wird so dauerhaft gesihert und erzielt positive Zinsertrage. Da diese Fonds oft sehr g rob sind, suhen sie standig nah neuen lnvestitionsgelegenheiten. Sie handeln auh in der Realwirtshaft, kaufen Unternehmen auf, strukturieren sie urn und verl<aufen sie anshliebend mit Gewinn weiter. Dieser Agenten-Ansatz stellt die traditionelle Form des Fondsmanagements dar. Die andere Strategie besteht darin, dass der Fonds selbst als Prinzipal auftritt. In diesem Fall arbeitet der Fonds niht nur mit dem Geld der Klienten, sondern er nutzt seine eigenen Vermogensmittel und seine i.iberlegenen tehnologishen Fahigkeiten, urn Gewinne zu erzielen. Viele Banken haben die Aufgaben getrennt: hier das Standardgeshaft, dort das Investmentgeshaft. Der»investment desk spekuliert mit dem Ge ld de r Bank. Im vergangenen jahrzehnt iiberstiegen die Ertrage dieser Abtilung in allen Banl<en bei weitem den Gesamtgewinn. Betrabtet man nun die Aktivitaten der Investitionsfonds, die sie als Prinzipal tatigen, noh etwas genauer, ist es hilfreih, zwishen dem Arbitragehandel und dem Handel mit neuen Finanzprodukten zu untersheiden. In der gegenwartigen Finanzwelt sind ganze Heersharen von Handlern aile in dam it besbaftigt, die Wertshwan kungen bestimmter Titel auf vershiedenen, global verstreuten Markten zu beobahten. Wo sie dabei Diffe- 203

9 204 ". " " CD. 0 renzen bemerken, lassen sih winzige Gewinne mahen, die allerdings eine beahtlihe GroBe im Volumen der Transaktion annehmen konnen. Eine ki.irzlih veroffentlihte Studie von Brian Uzzi uni Mitarbeitrn verfolgt den Vrlauf dr Kommunikation einer Population von einign Tausend Arbitragehandlern Wort fi.ir Wort. Die Forsher batten Zugang zu den Textbotshaften der»day traders<< und untersuhten deren In halt. Auf der Basis von etwa drei Millionen Botshaften, gesendet und empfangen zwishen 2007 und 2010, fanden sie heraus, dass in diesem gewaltigen Textvolumen nur 459 Worter einen Untershied mahten - Worter wie»oil«,»rumors«oder»trust<<. Der Rest war allgemeine Kommunikation. Dieser quantitative Ansatz bietet eine vollig neue empirishe Dimension fi.ir die Kommunikationstheorie. Zum ersten Mal wird es moglih, grobe Volumina einzelner Botshaften zu erfassen, zu odieren und sie statistish auszuwerten. Uzzi und seine Mita rbeiter konnten zeigen, lass de r Wert e ins Finanztitels am Folgetag davon bestimmt wird, was die Trader untereinander besprehen, worauf sie sih gegenseitig hinweisen und wie sie Siherheit dari.iber rlangen, welhe zuki.inftige Entwiklung eintretn wirl. Das zeigt, wie hier ine stetige Zusammenarbeit wertbestimmend wirkt. Niemand bestimmt den Kurswert des nahsten Tages, er entsteht im lnteraktionssystem der Handler. Durh die Software, die die Trader verwenden, werden ihre Moglihkeiten zugleih beshrankt und erweitert, sie ist Teil der Performane, die laufend das Kredit/Shulden-Volumen der Weltwirtshaft liefert. Gewinne aus dem Arbitragehandel sind die eine Motivation hinter den Aktivitaten der Investmentfonds. Die andere Motivation entsteht durh Gewinnhanen aus der Erfindung und Markteinfi.ihrung neuer Finanzprodukte. In dieser Hinsiht gleihen Investment-Entrepreneure den Entrepreneuren in der Kreativindustrie. Kreatives Handeln ist die Voraussetzung fi.ir kommerziellen Erfolg in einer Welt der Unterhaltungserfahrungen, uni s ie s ind die Voraussetzung fi.ir den Erfolg neuer flnanzieller»veh i kel«. Allerdings fi.ihrt dies in der Finanzwelt zu merkwi.ird igen uni ernsthaften Problemen. VB. Finanztitel beshranken sib shon lange niht mehr darauf, reale Werte wie Getreide oder Chemieunternehmen abzubilden. Sie werden erfunden oder konstruiert, um bestimmte Risikoprofile zu erzeugen. Das prominenteste ji.ingere Beispiel sind die Collateralized Debt Obligations (oos), die bei der Finanzkrise eine Rolle gespielt haben. COOs gehoren zu ei ner breiteren Klasse von Asset-Baked Seurities (ABS), Titeln, bei denen das Risiko eines Kredits dadurh aufgewogen wird, dass materielle Werte als Pfand eingesetzt werden. Diesr Wert kann eine Immobilie sein oder das Versprehen einer regelmabigen Ratenzahlung. Im Fall der CDOs waren diese Werte die Ri.ikzahlungen auf Hypotheken, die zum Erwerb von Hausern und Grundsti.iken aufgenommen worden waren. Solange die Verkaufswerte der hypothekenbelasteten Hauser anstiegen, flossen auh die Ri.ikzahlungen. Bei oos kommt nun dazu, dass sie aus vershiedenen Risikostufen aufgebaut sind. Die Halter solher Titel kaufen dadurh untershiedlih hohe Risiken, aber auh untershiedlih hohe Zinsertrage ein. Diese Grundstruktur ist niht ungewohnlih, und so bekamen die neuen Produkte das Bon itihssiegel der Ratingagenturen, einer weiteren Art von Organisation, die eine neue Reflexivitatsstufe in die Finanzwelt einfuhrt. Durh Ratingagenturen mit allen Kennzeihen der Verlasslihkeit ausgestattet, wurdn die COOs ein beliebter Bestandteil der Portfolios von Tnvestmentfonds, aber auh von traditionellen Banken. Folgende Konsequenz d ieser Erfl ndung verdient eine Hervorhebung: Wer einen Finanztitel mit seiner spezifishen Risiko- und Ertragsstruktur kauft, ist dadurh gebunden und muss genauso liefern, wie die oben erwahnten afrikanishen Geshaftspartner der Sklavenhandler Jiefern mussten. Die Finanzwelt wird durh die Investmentfonds in die Lage versetzt, bestimmte Strukturen zuki.inftiger Ertrage zu konfigurieren. Werden diese Titel verkauft, dann werden die Gewinne aus den zuki.inftigen Ertragen shon heute eingestrihen. Die Ertrage sind noh unsihere Erwartungen, aber die Zahlungen der Shuldner und der Kaufer der Shuldtitel sind gegenwartig und siher. ZukGnftige Ertrage werden in die Gegenwart verlagert, sie kon nen jetzt konsu m iert werden, lange bevor diejenigen auf der anleren Seite des Geshafts realisieren, in welhe Banle sie sih begeben haben. An dieser Stelle ist es si nnvoll, den Blik noh einmal auf die anderen Funktionssysteme zu rihten..jedes einzelne Funktionssystem geht seinen selbstreproduzierenlen Gang, ohne die Fahigkeit ler Ri.iksiht darauf, was der Gesellshaft zutraglih ist und was niht. Die neuen Prinzipale in der Finanzwelt mahn einfah weiter mit ihren Arbitragegewinnen und erfinden immer neue Finanzprodukte. Die Agenten in den Banken streihen auh weiterhin Boni fi.ir Leistungen ein, die sie keineswegs individuell erzielt haben, sonlern die erst das komplexe Zusammenwirken von Bankorganisationen, Rehtsinstitutionen, staatlihen Agenturen und tehnologishen Errungenshaften ermogliht hat. 205

10 206 Die Destabil isierung, die der hypertrophe Finanzsektor auslost, irritiert diese anderen Kommunikationsspharen der Gesellshaft mrklih. Reht reagiert mit neuen Rehtsfiguren. Die gi.ijtigen Vorstellungen von Eigentum und Besitz werden in den kommenden Jahren deutlihe Veranderungen erfah ren. Neue Bankenregulierungen mi.issen in den misten Uindern vom Gesetzgeber geregelt werden, wenn sie auh von denjenigen, die dadurh ihre Handlungsmoglihkeiten eingeshrankt sehen, nah Kraften behindert werden. Gleihzeitig arbeiten Informationswissenshaftler an Algorithmen mit immer noh hoherer SensibiliUit flir potenzielle Risikoquellen. Auh die Sozialwissenshaften i.ibernehmen in diesem Prozess eine Rolle. Es ist ihre Aufgabe, die Kommunikationsprozesse im globaln Wirtshaftsspiel uni in seinem Umkreis zu reflektieren, sie verstandlih zu mahen und dadurh dafi.ir zu sorgen, lass in d er Finanzwelt Formen des Kredits und dervershuldungentstehen, die soziale Entwiklung forlern, statt si zu beshranken. L ITERATUR Baeker, Dirk: Womtt hondeln Bonken? Frankfurt am Mam: Suhrkamp Esposito, Elena: The Future of Futures. The Time of Money in F1nan ng and So1oty. Cheltenham: Edward Elgar Fourade, Marion/Rakesh Khurana: From Soial Control to Finanial Eonomis: The Linl<ed Eologtes of Eonomts ond Busmess tn Twentteth Century Ameria. In: Theory ond Soiety. 42, s Graeber, David: Debt. The F1rst 5,000 Years. New York: Melville House Hutter, Mihael: Signum non olet: Grundzuge einer Zeihentheorie des Geldes. In: Waltraud Shelkle/Manfred N1tsh (Hrsg.): Ritsel Geld. Anniiherungen a us okonomisher. soz ologisher und h stonsher S1Chl. Marburg: Metropol s S Luhmann. Niklas: Ote Gesellshoft der Gesellshoft. Frankfurt am Mam: Suhrkamp Saavedra, Serguei/Jordi Ouh/Brian Uzzi: Trokmg Traders' Understondmg of the Market Usmg e Communtotton Dot a. In PloS ONE

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