2. Geburtenentwicklung und Lebensformen

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1 2. Geburtenentwicklung und Lebensformen In, wie in anderen europäischen Ländern, verändern Ehe und Familie ihren Stellenwert. Scheidungen nehmen zu, der Anteil Lediger steigt, die freiwillige Kinderlosigkeit wird zum akzeptierten Lebensentwurf. Lebensformen sind vielfältiger geworden, die Zahl der Einpersonenhaushalte steigt in allen Altersgruppen. Mit der wirtschaftlichen Unabhängigkeit des Einzelnen verliert die Familie als Urform der sozialen Sicherung an Bedeutung. Die Entwicklung der Lebensformen und die anhaltend niedrigen Geburtenziffern in sind auch als Ausdruck veränderter Präferenzen und Rahmenbedingungen in der Gesellschaft vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Prosperität zu sehen. Die Politik kann zur öffentlichen Diskussion der Präferenzen anregen, gestaltend jedoch nur an den Rahmenbedingungen ansetzen. Hier gilt es, die Verwirklichung eines zwar rückläufigen, aber doch vorhandenen Kinderwunsches zu erleichtern. Die Liste der Möglichkeiten, die Rahmenbedingungen zu verbessern, ist lang. Das Angebot vor allem ganztägiger Kinderbetreuungsmöglichkeiten ist in wenig entwickelt; Arbeitsrhythmus und Mobilitätsforderungen der Gesellschaft verlangen gerade in der Lebensphase den höchsten Einsatz, in die auch die Familiengründung fällt; das Erziehungsgeld hat nicht den Charakter einer echten Lohnersatzleistung, die vorübergehende finanzielle Einbußen der Eltern ausreichend kompensiert; steuerliche Begünstigungen gelten immer noch der Versorgerehe statt der Elternschaft. Die gute Nachricht ist, dass man heute, wie nie zuvor in, den Reformbedarf anerkennt und Veränderungen wagt. 14

2 2.1 Der Geburtenrückgang in Seit 19 sinkt die Zahl der geborenen Kinder, wenn auch mit starken Schwankungen. Die Geburtenhäufigkeit war in Ostdeutschland nach Einführung umfangreicher familienpolitischer Maßnahmen in den 197er Jahren höher als in, brach nach der Wende jedoch dramatisch ein. Heute nähern sich die Geburtenziffern in Ost und West an. Zusammengefasste Geburtenziffer in, (zwischen 1946 und 1989 ) 2,5 Bestanderhaltungsniveau 3 2, 1, ,,5 Ostdeutschland Die Zusammengefasste Geburtenziffer (Total Fertility Rate, TFR) gibt an, wie viele Kinder eine Frau im Durchschnitt gebären würde, wenn die altersspezifischen Geburtenziffern des Berichtsjahres konstant Quelle: Statistisches Bundesamt; Kuczynski (1928); eigene Berechnungen blieben

3 2.2 Geburtenziffern im europäischen Vergleich In nahezu keinem europäischen Land und auch nicht in den USA oder Japan wird heute noch der Wert von 2,1 Kindern je Frau erreicht, der mindestens für eine Bestanderhaltung der Bevölkerung notwendig ist. Ganz genau weiß man das allerdings erst im Nachhinein, bei Betrachtung der Kohortenfertilität 1). 2,5 2, 1,5 1,,5 Tschech. Rep. Polen Spanien Zusammengefasste Geburtenziffer 2) Italien Bestanderhaltungsniveau Russland Großbritannien Schweden Niederlande Norwegen Frankreich Irland,,,5 1, 1,5 2, 2,5 3, 3,5 1) Endgültige Kinderzahl eines Geburtenjahrgangs der Frauen. 2) Die Angaben entsprechen den Anfang 25 neuesten verfügbaren Daten aus dem Zeitraum Quelle: Population Reference Bureau - 25 Women of Our World; Europarat; Bongaarts Türkei Japan USA USA Fertilität der Kohorte 196 Italien Spanien Russland Japan Niederlande Finnland Großbritannien Estland Schweden Frankreich Polen Irland Türkei 16

4 2.3 Geburtenziffern im weltweiten Vergleich: Regional große Unterschiede Im Vergleich sind die Geburtenziffern in den Industrieländern und speziell in Europa am niedrigsten; sie liegen unter dem Bestanderhaltungsniveau von 2,1 Kindern pro Frau. Zu berücksichtigen ist, dass für eine stabile Bevölkerung in Entwicklungsländern eine weit höhere Geburtenziffer notwendig ist. 5 Zusammengefasste Geburtenziffer 1) Welt Entwicklungsländer Industrieländer Quelle: Population Reference Bureau - 25 Women of Our World Osteuropa Südeuropa Westeuropa Ostasien Nordeuropa Nordamerika Lateinamerika/ Karibik 1) Die Angaben entsprechen den Anfang 25 neuesten verfügbaren Daten aus dem Zeitraum Asien (ohne China) Nordafrika Mittlerer Osten Schwarzafrika 17

5 2.4 Aufschub der Familiengründung in Der Anteil kinderloser Frauen, die im Jahr 197 geboren wurden, ist deutlich höher als bei früheren Jahrgängen. In der Kohorte 197 sind 44 Prozent der 3-jährigen westdeutschen Frauen (noch) kinderlos gewesen, in der Kohorte 196 waren es nur 33 Prozent. In ist die Kinderlosigkeit bislang verbreiteter als im Osten. 1% 8% 6% Anteil (noch) kinderloser Frauen nach Alter Kohorte 195 Kohorte 196 Kohorte 197 1% 8% 6% Ostdeutschland zum Vergleich: Kohorte 197 West 4% 4% 2% 2% % % Quelle: Mikrozensus 1998 und 22 (eigene Berechnungen); Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung; Kreyenfeld

6 2.5 Geburtenentwicklung: Aufgeschoben ist nicht ganz aufgehoben Die Zusammengefasste Geburtenziffer unterschätzt bei steigendem Durchschnittsalter der Mütter die Geburtenentwicklung. Berücksichtigt man die sogenannten "Tempoeffekte", bietet sich ein günstigeres Bild; für die Bestanderhaltung reicht es dennoch nicht. Zusammengefasste Geburtenziffer (TFR) 2, durchschnittliche TFR durchschnittliche TFR ohne Tempoeffekt 1) Bestanderhaltungsniveau 1,75 1,5 1,25 Südeuropa Osteuropa Baltische Staaten Mitteleuropa Südosteuropa Westeuropa Nordeuropa Europa 1, 1) Um die Veränderung des Alters der Mutter bei Erstgeburt korrigierte Zusammengefasste Geburtenziffer. Quelle: Sobotka (24) 19

7 2.6 Präferenz für Kinder: Engpass Mann? Die Zwei-Kinder-Familie bleibt das Wunschbild der Mehrheit. Die zweitgrößte Gruppe stellen allerdings jene ohne Kinderwunsch. Über ein Viertel der Männer und 15 Prozent der Fauen im Alter 2 bis 39 Jahre gaben 23 an, sich keine Kinder zu wünschen - das sind doppelt so viele Männer und 5 Prozent mehr Frauen als Frauen Entwicklung des Kinderwunsches über die Zeit 1) Männer % 16% 47% 27% 13% 13% 47% 27% 15% 15% 53% 18% 41% 17% 26% 15% keine Kinder ein Kind zwei Kinder drei und mehr Kinder 1) Ergebnis zweier Befragungen von N(1992)=2625 bzw. N(23)=1342 Personen im Alter 2-39 unter Ausschluss der Unentschlossenen. Quelle: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Population Policy Acceptance Study 1992 und 23) Vergleich der im Durchschnitt der Männer und Frauen gewünschten Kinderzahl 1,75 1,5 1,25 1, West 1992 Männer Ost 1992 West 23 Frauen Ost 23 2

8 2.7 Passen sich zugewanderte Frauen dem deutschen Geburtenverhalten an? Während Einwanderinnen aus der Türkei eine hohe Fertilität aufweisen, passen sich zugewanderte Spanierinnen offenbar schnell an und haben heute eine niedrigere Fertilität als deutsche Frauen oder Spanierinnen im Heimatland. 5 Türkei Zusammengefasste Geburtenziffer 5 Spanien 4 Türkinnen in 4 Spanierinnen in Quelle: Sechster Familienbericht; Europarat 21

9 2.8 Das Durchschnittsalter der Mütter steigt Seit Mitte der 197er Jahre steigt das durchschnittliche Alter der Mütter bei Geburt eines Kindes an. Während es vor der Wiedervereinigung einen deutlichen Unterschied zwischen West- und Ostdeutschland gab, nähern sich die Werte im Osten nun zügig dem westdeutschen Niveau an Durchschnittliches Alter der Frau bei Geburt eines Kindes, Ostdeutschland Quelle: Europarat; OECD; nationale Statistiken für Japan und USA 2 Türkei Russland Estland Polen USA Großbritannien 1) Finnland Irland Schweden Japan 1) Italien Niederlande Frankreich 1) Spanien (1998) (1997) (21) (21) (1997) Durchschnittliches Alter der Frau bei Geburt des 1. Kindes ) In diesen Ländern werden nur Kinder berücksichtigt, die in bestehenden Ehen geboren werden. 22

10 2.9 Nichteheliche Geburten sind keine Ausnahme mehr In und vor allem in den neuen Bundesländern ist der Anteil der nichtehelichen Geburten in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen. In Ostdeutschland wird die Hälfte aller Kinder außerhalb der Ehe geboren. 5% 4% 3% 2% 1% Anteil der nichtehelichen Geburten, Anteil der nichtehelichen Geburten, 22 1) Ostdeutschland 1) % Quelle: Statistisches Bundesamt; Europarat; Takahashi (24) für Japan; nationale Statistik für USA Japan 2) Türkei Italien Polen Spanien Niederlande Russland Irland USA Finnland Großbritannien Frankreich Schweden Estland % 1% 2% 3% 4% 5% 1) Ab 2 ohne Berlin. 2) Im Jahr

11 2.1 Immer weniger Heiraten Die rohen Heiratsziffern nehmen im Westen seit 196 wellenförmig aber stetig ab, im Osten verzeichneten sie nach der Wende einen Einbruch. Im Jahr 2 lag mit 5,1 Heiraten je 1. Einwohnern nur knapp unter dem EU 15 Durchschnitt von 5,2. Seither sinken sowohl die EU 15-Durchschnittswerte als auch die Werte für Rohe Heiratsziffern 1), Rohe Heiratsziffern 1), 23 Durchschnittliches Heiratsalter 196 2) 22 28,3 25,1 35,4 32,3 Männer Frauen Ostdeutschland Quelle: Europarat; Statistisches Bundesamt; nationale Statistiken für Japan und USA Estland 3) Schweden Italien Frankreich Großbritannien 4) Finnland Niederlande Spanien Polen Japan Türkei 3) Russland USA 4) ) Zahl der Heiraten je 1. Einwohner im jeweiligen Jahr. 2) Nur. 3) Für 22. 4) Für

12 2.11 Frühe Heirat: Ein Auslaufmodell In den EU-Ländern ist die Attraktivität einer frühen Heirat seit 196 stark gesunken. Für die Altersklassen über 25 Jahre stiegen die Heiratsziffern spätestens in den 198er Jahren an. Das Durchschnittsalter der Frau bei Erstheirat (die über 5- Jährigen herausgerechnet) erhöhte sich in vier Dekaden um bis zu sieben Jahren. 6 unter 2 Erstheiratsziffern 1) von Frauen nach Alter, über 45 6 Frankreich 6 Dänemark 5 Durschnittliches Alter unter 5-jähriger Frauen bei 1. Heirat 5 Durschnittliches Alter unter 5-jähriger Frauen bei 1. Heirat 5 Durschnittliches Alter unter 5-jähriger Frauen bei 1. Heirat ,5 27, , 28, ,8 29, Quelle: Europarat ) Erste Heirat je 1. Frauen der entsprechenden Altersgruppe. 25

13 2.12 Immer mehr Scheidungen Die Zusammengefasste Scheidungsrate hat sich in den letzten vier Jahrzehnten in mehr als verdreifacht. Im Ländervergleich liegt dennoch nur im Mittelfeld. Zusammengefasste Scheidungsrate 1), % 3% 2% 1% Ostdeutschland % Großbritannien Scheidungsraten im internationaler Vergleich Türkei (21) Russland Estland Finnland Schweden % 1% 2% 3% 4% 5% 1) Die Zusammengefasste Scheidungsrate ist die Summe der Scheidungsraten nach Ehedauer. Sie gibt den Anteil der geschiedenen Ehen an, wenn das aktuelle Scheidungsverhalten konstant bliebe. Quelle: Europarat; OECD Italien Spanien Polen Japan Niederlande Frankreich USA (21) (1997) (1999) (21) (1998) (1996) (1998) 26

14 2.13 In Ost und West unterschiedliche Lebensformen Der Anteil der Alleinerziehenden ist in Ostdeutschland mehr als doppelt so hoch wie im Westen. Auch nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kind sind im Osten weitaus verbreiteter. 1% West Lebensformen von Frauen in West- und Ostdeutschland, 22 1) Alleinerziehend Nichteheliche Lebensgemeinschaft mit Kind Verheiratet mit Kind Geschieden oder verwitwet mit Kind Keine Kinder 1% Ost 8% 8% 6% 6% 4% 4% 2% 2% % Quelle: Mikrozensus 22; Konietzka und Kreyenfeld (25) 36-4 Alter % ) Berücksichtigt werden nur Kinder, die im Haushalt leben. 27

15 2.14 Zahl der Einpersonenhaushalte nimmt zu In den letzten vier Jahrzehnten hat sich der Anteil der Einpersonenhaushalte in nahezu verdoppelt. In Schweden beträgt der Anteil inzwischen fast 5 Prozent. Anteil der Einpersonenhaushalte an allen Haushalten 4% % 2% 1% % Italien Quelle: Breyer, Zweifel und Kifmann (25) Niederlande Frankreich Schweden 28

16 2.15 Unvereinbarkeit von Beruf und Familie In ist das Angebot an institutioneller Kinderbetreuung gering, insbesondere für Krippen- und Schulkinder. In Ostdeutschland ist die Kinderbetreuung besser für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geeignet, da es ausreichend Ganztagsplätze gibt. 1) Versorgungsquoten für Kinderbetreuung 2) Ostdeutschland 1 Plätze insgesamt Ganztagsplätze 1 Plätze insgesamt Ganztagsplätze Krippe Kindergarten Hort Krippe Kindergarten Hort 1) Was wie eine Überversorgung mit Kindergartenplätzen in Ostdeutschland aussieht, ist wahrscheinlich das Ergebnis von Zuordnungsproblemen der Kinder- und Jugendhilfestatistik (aus der die Anzahl der Kinderbetreuungsplätze stammt) und der Bevölkerungsstatistik (aus der die Anzahl der Kinder entnommen ist). 2) Plätze je 1 Kinder in der jeweiligen Altersgruppe. Quelle: Deutsches Jugendinstitut 22 29

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