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1 \ Zeitung zur Buchmesse MITTWOCH, 15. OKTOBER 2008 Die ersten Partys: Vorglühen am Vorabend Die ersten Geschäfte: Eine Agentin fotografiert Vorschüsse Der erste Kontakt: Elke Heidenreich über Mr. Buchmesse Wichtige Termine und der Smalltalk der Branche The sky is not falling on our heads, says Richard Charkin

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3 Frankfurter Allgemeine Zeitung zur Buchmesse Mittwoch, 15. Oktober 2008 Seite 3 Der Tag Wenn Sie diesen Mann sehen, bleiben Sie bitte zwanzig Minuten lang einfach ruhig stehen. Es wird Ihrem Ruhm förderlich sein egal, ob Sie Autor, Verleger, Agent, Buchhändler oder Journalist sind. Was Andy Bleck auf der Buchmesse tut, das erfahren Sie auf Seite 5 dieser Zeitung. Foto Wolfgang Becker Foto Helmut Fricke Guten Morgen! Die Höchsttemperatur beträgt 14 Grad, die Tiefsttemperatur 12 Grad. Der Wind weht mit 2 km/h von Nord. Es wird regnen. Wenn s regnet, gibt es übrigens in Frankfurt keine freien Taxis. Noch was: Der Dow Jones hat gestern um 22 Uhr seine Gewinne wieder abgegeben. Ein Verlag, zwei Ansichten: Der Vorhang fällt, und das war s. Es war richtig gut. So lautet das Fazit von Bernd F. Lunkewitz, dem früheren Verleger von Aufbau. Der neue Eigentümer Matthias Koch formuliert die Sache prägnanter: Zum ersten Mal seit der Wende ist klar, wem der Verlag gehört nämlich mir. Marx ist wieder gefragt, sagte Jörn Schütrumpf der Neuen Ruhr/Rhein Zeitung, und er muss es wissen als Geschäftsführer des Karl-Dietz-Verlags, wo Marx und Engels erscheinen. Manche profitieren also durchaus von der Finanzkrise: Das Kapital, Band 1, das sich 2005 nur 500 Mal verkaufte, wurde in diesem Jahr bereits 1500 Mal verlangt. Mein Lieblingsstand wird von einer einsamen chinesischen Nonne betrieben, sagt Michael Krüger, Chef des Hanser-Verlags. Diese Nonne und ich wir werden auf der Messe gemeinsam alt. Auf den Straßen Mainhattans, in der Nacht nach der Buchpreisverleihung: Der Hund des Literaturkritikers Christoph Schröder (FR) attackierte den Literaturredakteur Dirk Knipphals (taz); Literaturredakteur Gerrit Bartels (taz) blieb ungeschoren. Hatte das wilde Tier ästhetische Präferenzen (pro oder contra Tellkamp)? Wollte der Köter sein Herrchen für böses Redigieren rächen? Oder verschonte er Bartels, damit sein Herrchen endlich auch mal Spitzentitel rezensieren darf? Alle Beteiligten überlebten, das Menetekel bleibt: Es kommen härtere Tage, wusste schon Ingeborg Bachmann.,, Das ist eine schöne Gelegenheit, etwas richtig zu stellen. Die Leute denken immer, ich schreibe ein Buch und schreibe ein Buch und schreibe ein Buch. In Wahrheit ist es so: Ich schreibe das alles gleichzeitig. Dietmar Dath bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises Der Mann mit der Mütze ist Uwe Tellkamp, Gewinner des Deutschen Buchpreises. Nach der Preisverleihung wissen nun alle modebewussten Leser, was sie sich zuzulegen haben: eine original Dresdner Winzermütze. Darum handelt es sich bei der plötzlich berühmt gewordenen Kopfbedeckung. Nicht nur an den Hügeln des Loschwitzhangs, wo Tellkamps Roman Der Turm spielt, werden wir sie nun öfter sehen. Foto AP Eine traurige Nachricht bringt die New York Review of Books mit auf die Frankfurter Messe: David Levine, der berühmte Karikaturist des Magazins, erblindet. Seit vierundvierzig Jahren prägt er das Bild des Intellektuellen-Blattes. Levines Zeichnungen von Jimmy Carter, George Soros, Wladimir Putin in einer Königsrobe oder einfach nur den Lippen eines Obersten Bundesrichters sind legendär. Der ordentlich gescheitelte Vizekanzler sah erstaunlich rosig aus. Während an den Tischen im Foyer die Buchagenten verhandelten, stellte Außenminister Frank-Walter Steinmeier im Hessischen Hof das Darwin-Buch von Jürgen Neffe vor Kampf ums Dasein als Motto dieser Tage? Mit einer optimistischen Sicht auf die Spezies Mensch war Darwin Foto Daniel Pilar von seinen Reisen zurückgekehrt der reisende Politiker Steinmeier wünschte sich selbst mehr davon. Doch schon war er wieder verschwunden, zum Zwiegespräch in die Suite von Orhan Pamuk. Bleibt alles anders: Nach einer gestern von ddp veröffentlichten Umfrage würden 85 Prozent von rund sechshundert Befragten einen E-Reader nutzen. An ein Ende des gedruckten Buches hingegen glaubt nur ein Prozent. Er habe die Menge schon im Studium gehasst, sagte Simon Schama, der berühmte Historiker aus New York. Seine Professoren hätten alle die Geschichte der Menge geschrieben. Da traf es sich, dass beim gesetzten Essen im Festsaal des Frankfurter Hofs viele Plätze leer blieben. Wenn Simon Schama über einen großen Gegenstand schreibe, lobte ihn sein Agent, der noch einen deutschen Verlag für Schamas zu knapp vor der Wahl fertiggestelltes Buch über Amerika sucht, dann sei immer ein Dritter im Raum, der Einzelne als Stellvertreter der Menschheit. Schama redete lang vor dem ersten Gang, zeigte einen Film und redete weiter. Als er endlich ans Ende gekommen war, hörte man ein Schnarchen. Über seinem immer noch leeren Teller hing, mit baumelnden Armen, der ungenierte Dritte, ein Japaner.

4 Seite4 Mittwoch, 15. Oktober 2008 Frankfurter Allgemeine Zeitung zur Buchmesse Zwischen dem Herrn Karl von Helmut Qualtinger und dem Herrn Carl vom Frankfurter Hof liegen Welten. Der Herr Karl ist ein opportunistischer Mitläufer, ein Profiteur ohne Skrupel, ein kaltherziger Kleinbürger, ein Banause, der gemütlich tut und gefährlich sein kann, kurzum: der Herr Karl ist der ewige Spießer, er trägt Hut und arbeitet bei Feinkost Wawra. Der Herr Carl dagegen ist ein wacher Menschenfreund, kann ahnen, was man fühlt und denkt, kann Wünsche erfüllen, freundlich sein und hat doch durchaus eine eigene Meinung, kurzum: der Herr Carl ist eine äußerst angenehme, erstaunlich zeitlose Erscheinung, trägt niemals Hut und arbeitet seit unfassbaren 42 Jahren im Hotel Frankfurter Hof, viele Jahre davon schon als Concierge. Der Herr Karl hat keinen Nachnamen, der Herr Carl hat keinen Vornamen doch, er hat natürlich einen, aber der ist zu modern und passt irgendwie gar nicht zu ihm und den muss man auch nicht wirklich wissen, außer man schreibt sich mit ihm Briefe. Da gehört ein Vorname drauf. Und so kenne ich den Vornamen des Herrn Carl, denn wir schreiben uns seit vielen Jahren Briefe, sehr häufig, sehr regelmäßig, die Briefe handeln ein bisschen vom Leben und sehr viel von den Büchern. Irgendwann fing das an. Und immer schreiben wir beide mit der Hand, ich mit schräger Schrift und Tinte, er mit geraden Buchstaben und Kugelschreiber. Durch seine Briefe weiß ich, was Herr Carl denkt und liest. Er liest unendlich viel. Er kommt, wie ich, aus Verhältnissen, in denen Bildung und Bücher nicht in der sogenannten Wiege lagen, das entdeckte und erkämpfte man sich nach und nach selbst. Als ich mir endlich Bücher leisten konnte..., schrieb er mir einmal, und auch ich erinnere mich gut an die Zeit, als ich mir endlich Bücher leisten konnte. Heute bekomme ich Bücher von den Verlagen geschickt, umsonst, für meine Arbeit, und noch immer empfinde ich (fast!) jedes Bücherpaket als kostbares Geschenk. Der Herr Carl kauft sich die Bücher. Wenn die Verleger wüssten, wie unendlich liebevoll er über sie und ihre Arbeit redet, müssten sie sie ihm auch schicken und schenken wem, wenn nicht ihm, der schwärmt: Daniel Keel verdanke ich so viel die Ausgrabungen, die verborgenen Schätze, und alles in bezahlbaren Taschenbüchern! Und immer so schönes Papier! Er sagt: Durch Manesse kenne ich die Großen der Weltliteratur, und da habe ich gelernt, dass alle Länder der Erde große Schriftsteller hervorgebracht haben. Er schreibt mir in einem Brief: Ich habe schon so viele Verleger im Hotel kennengelernt, alles weltoffene, kluge Menschen, ihre Arbeit hat mein Leben glücklich gemacht, ich könnte sie alle umarmen. Herr Carl hat noch Lothar Blanvalet gekannt, der 1979 starb, Kurt Desch, der 1984 starb, Carl Hanser, der 1985 starb, Willy Droemer, der 2000 starb. Er hat Unseld gekannt, und er kennt natürlich die agierenden Verleger, die während der Buchmesse im Frankfurter Hof Empfänge abhalten. Er kennt alle Friedenspreisträger und viele Autoren, und er mag und bewundert sie alle. Wisst ihr das, ahnt ihr das, ihr Verleger? Euer treuester Kunde ist der Mann, der euch am Empfang begrüßt, der das richtige Zimmer und die Opernkarten besorgt und einen Platz an der Bar, der die Post und die neueste Zeitung aufs Zimmer bringen lässt, Ich könnte alle Verleger umarmen : Jürgen Carl, Concierge im Frankfurter Hof und ein Liebhaber der Literatur. Der Herr Carl Dieser Mann kennt jedes Geheimnis der Buchmesse. Alle, die etwas zu sagen haben, gehen bei ihm ein und aus. Und von Literatur versteht er auch etwas. Von Elke Heidenreich und mir streicht er sogar in der Tageszeitung die Artikel an, die ich lesen soll. Ich plädiere für lebenslange Buchpakete dankbarer Verleger an diesen Herrn Carl, der der beste Multiplikator ihrer Produkte ist. In jedem seiner Briefe schreibt er mir, was ich lesen soll. Tannöd kannte er, ehe es irgendjemand sonst kannte. Wenn ich komme, fragt er als Erstes, wie es mir geht, als Zweites erzählt er, was er gerade gelesen hat, an seinen freien Tagen liest er den ganzen Tag. Philosophische, religiöse Bücher interessieren ihn, katholisch, evangelisch, jüdisch, das Thema beackert er, immer auf der Suche nach dem Sinn der Schmerzen und der Tiefen in seinem eigenen Leben. Man braucht Wegweiser, sagt er still. In Glaube und Denken Dimensionen der Wirklichkeit von Kurt Hübner habe ich heute einen Satz gefunden, über den es sich lohnt, lange nachzudenken, schreibt mir Herr Carl. Er lautet: Wendet sich der Mensch gegen Gott, so wendet er sich in Wahrheit gegen sich selbst, gegen das, was er eigentlich ist: Gottes Ebenbild. Ja, lieber, sehr verehrter und wunderbarer Herr Carl, es lohnt sich, über diesen Satz nachzudenken, es lohnt sich, über Ihre Güte und Warmherzigkeit, über die Quelle für Ihre Kraft und unermüdliche Freundlichkeit nachzudenken. Natürlich ist Freundlichkeit Teil Ihres Jobs. Natürlich sind alle Concierges im Frankfurter Hof freundlich, ich mag sie alle. Aber Sie strahlen. In Ihnen ist irgendetwas, das man hat oder nicht hat, Charisma? Das Besondere eben. Das, was manchmal Menschen haben, die Schweres erlebten und dadurch nicht bitter wurden, sondern eher heiter und gelassen, dankbar. Herr Carl liebt seinen Beruf, freut sich über die Chancen, die er gehabt hat, er liebt die Bücher, er liebt die Hotelgäste, das tut er wirklich. Aber vor allem liebt er die Menschen, die zur Buchmesse anreisen, die Presseleute, die Kritiker, er bewundert, was sie leisten, und dankt dafür, dass sie es auch für ihn leisten, dass sie ihn mit geistiger Nahrung versorgen. Über Launen, Anmaßungen, Eitelkeiten sieht einer wie Herr Carl großzügig hinweg. Das sind Momentaufnahmen, die werden nicht gespeichert. Es bleibt die Freude über die Begegnung. Der Herr Karl hatte leidenschaftslose, berechnende Beziehungen zu Frauen, mit Harmonikaspiel und Schlagern brachte er sie auf seine Seite, mit m Schmäh, wie er selbst abfällig sagt. Er war dreimal verheiratet und hat am Ende gern den Weibern ein Schleich di! hinterhergerufen. Das Verhältnis des Herrn Carl zu Frauen ist ganz speziell. Sie sind wirklich für ihn: Foto Frank Röth Freunde. Auf jede Dame schießt Herr Carl zu und begrüßt sie überschwenglich und lässt sie denken, sie sei die Einzige, die Schönste, die Wichtigste für ihn. Wir lachen darüber, aber gut tut es doch, und manchmal spürt man sehr wohl, ob eine Begrüßung einen Hauch inniger ist, als es das Geschäftsgebaren verlangt. Wir kennen unsern Herrn Carl. Wir trauen ihm nicht immer über den Weg, er kann auch spöttisch sein, aber wir vertrauen ihm bedenkenlos. Wenn er uns empfängt, sind wir zu Hause. Er kennt unsere Geheimnisse und plaudert sie nicht aus. Nie würde er sagen: Schleich di, immer ist er da, wenn man abreist, und sagt: Kommen Sie bald wieder, bitte. Man kommt gern wieder. Es ist ein angenehmes Hotel, auch außerhalb der Messe. Aber während der Messe ist es die Zentrale, in der man alles sieht, erlebt, hört, was man für ein Jahr wieder wissen muss, und zwar abends in der Bar, so ab 23 Uhr. Natürlich ist es brechend voll. Natürlich ist nirgends ein Platz. Herr Carl nimmt meine Hand, führt mich bis vor die Theke, übergibt mich an den nächsten liebenswerten Menschen, sagt: Ömer, hier übergebe ich Ihnen Frau Heidenreich. Und Herr Ömer, der Ömer genannt werden möchte und wird, übernimmt. Kein Getümmel bringt ihn je aus der Ruhe. Er weiß genau zwischen Eintagsfliegen und Stammgästen zu unterscheiden. Und es muss ein gutes Hotel sein, das solche Menschen über Jahrzehnte hält und beschäftigt. Nein, umgekehrt. Solche Menschen machen ein Hotel zu einem guten, in dem man glücklich schläft. P.S. Ich habe Herrn Carl gesagt, dass ich über ihn schreibe. Prompt kam ein Brief. Lassen Sie mich bitte ganz klein in Ihrem Artikel sein, schrieb er. Groß an mir ist nur die Liebe zum Buch und die Achtung vor den Büchermenschen. Herr Carl ist, das stimmt, zart und klein. Die Seele, die in diesem zarten Körper wohnt, ist riesengroß und wärmt uns alle. Danke, lieber Jürgen Carl, für alles.

5 Frankfurter Allgemeine Zeitung zur Buchmesse Mittwoch, 15. Oktober 2008 Seite 5 Triumph für den Tiger Aravind Adiga gewinnt den Booker-Preis / Von Gina Thomas Den Weg zum indischen Unternehmer beschreibt Aravind Adiga. Foto AP Aravind Adiga ist der diesjährige Träger des Man-Booker-Preises, der renommiertesten Auszeichnung des britischen Literaturbetriebs. Der 1974 in Madras geborene Schriftsteller wird für seinen Erstlingsroman Der weiße Tiger geehrt. Darin zeichnet er mittels seines gewieften Helden, der es aus der Gosse zum Unternehmer bringt, ein Bild der zwei Gesichter Indiens: des boomenden und des elenden. Überzeugt, dass die Zukunft der Welt beim gelben Mann und beim braunen Mann liegt, nachdem sich unser ehemaliger weißhäutige Gebieter zugrunde gerichtet hat, wendet sich Balram Halwai an den chinesischen Ministerpräsidenten. In einer Reihe von witzigen sarkastischen Briefen erzählt der Sohn eines Rikschafahrers seine Lebensgeschichte. Als Favorit war der dreiundfünfzig Jahre alte Ire Stephen Barry mit The Secret Scripture (Die heimliche Schrift) gehandelt worden. Der poetische, den Singsang der irischen Sprache vermittelnde Roman erzählt von einer fast Hundertjährigen, die aus fadenscheinigen Gründen als junge Frau in ein Irrenhaus gesperrt wurde, wo sie heimlich ihre Lebensgeschichte niederschreibt. Die großen Namen, allen voran Salman Rushdie, haben diesmal gefehlt, und die fast schon zur Routine gewordenen Kräche sind ausgeblieben. Der Juryvorsitzende Michael Portillo, ehedem konservativer Kabinettsminister, betonte die Lesbarkeit der sechs Bücher, die allesamt fesselnd seien eine Bemerkung, die als Hieb gegen die mitunter unnahbare Prosa früherer Preisträger ausgelegt wurde. Während die Vorentscheidungen äußerst harmonisch verlaufen seien, gestand Portillo, dass die Jury sich in ihrer letzten Sitzung schwer getan habe, sich auf den Sieger unter den sechs in die engere Wahl gekommenen Titel zu einigen. Adiga setze sich gegen Amitar Ghoshs, Sea of Poppies, Philip Henschers A Northern Clemency, Linda Grants The Clothes on Their Backs und den Australier Steve Toltz, der mit dem pikaresken A Fraktion of the Whole sein Debüt vorlegte. Das Obergeschoss der Halle 3, gezeichnet gestern am Klett-Stand: Vor der Invasion der Besucher stand die Invasion der Bücher. Den Aufmarsch dieser wahren Hauptdarsteller hat Andy Bleck festgehalten. Für die Zeitung zur Buchmesse wird er an allen Messetagen durch die Hallen und die ganze Stadt ziehen. Bleck, Jahrgang 1967, ist der Sohn eines berühmten Vaters, doch dessen Name tut hier nichts zur Sache. Bleck steht mit seiner Zeichenkunst für sich allein. Seit mehr als zwanzig Jahren lebt er in London und Frankfurt, und man kann ihn regelmäßig in ganz Europa auf Buchmessen und Comic-Salons finden, wo er mit seinem Sitzstock Platz nimmt, um auf dem Skizzenblock Szenerien festzuhalten, die typisch für das jeweilige Ereignis sind. Wie Schatten tauchen da bisweilen Prominente auf seinen Bildern auf. Wenn er nicht dokumentarisch zeichnet, arbeitet Bleck derzeit an abstrakten Comics. Wer will, kann sich auf der Internetseite weitere Skizzen Blecks von der Frankfurter Buchmesse ansehen. Oder auf andybleck.com eine Auswahl seiner früheren Dokumentationen. apl DER NEUE SCHULZE SHORTLIST DEUTSCHER BUCHPREIS 2008»Ein virtuoses Spiel mit Zitaten, eine Tragikomödie aus Ost und West, aus Paradies und Sünde.«NZZ»So leicht und luftig ist das Ganze, dass man ganz anstrengungslos dieser Etüde in Weltschöpfung und Weltenwandel folgen mag.«die ZEIT»Schulze übertrifft sich selbst!«der TAGESSPIEGEL Jim Rakete»Ein wunderbar lesbarer und zugleich literarisch hoch komplexer Roman über die Wiedervereinigung.«DIE WELT BERLIN VERLAG Roman. 320 Seiten. Leinen. Euro 18, [D] ISBN HALLE 4.1 F 116 BERLIN VERLAG BLOOMSBURY BERLIN BLOOMSBURY KINDER- & JUGENDBÜCHER BERLINER TASCHENBUCH VERLAG

6 Seite6 Mittwoch, 15. Oktober 2008 Frankfurter Allgemeine Zeitung zur Buchmesse Richard Charkin Hall Eight In the words of Irving Berlin: The snow is snowing, the wind is blowing. But I can weather the storm! What do I care how much it may storm? I ve got my love to keep me warm. For the book trade we have something else to keep us warm. Banks may crash, derivatives flounder, hedge funds wither, dot coms rise and fall but somehow or other writers, publishers, booksellers, literary agents, publishing consultants and old bookish friends always manage to congregate for the Autumnal bunfight known by the single word: Frankfurt. For me the book fair started as it (nearly) always does with a delayed flight from Heathrow and meeting up serendipitously with publishing friends all on the same mission to survive another Frankfurt and try to do a little business at the same time. I resisted the temptation to calculate the total cost to the book trade of all the airfares, the hotel rooms, the sausages, the sekt, the shoe leather, the taxis and the purchasing mmistakes caused by,fair Fatigue. Maybe I ll do that towards the end of the week. Arriving late meant missing out on the evening s main event, the award of the German Book Prize. This would have involved listening to quite long and complicated speeches in German, which I ve always found to be a hugely relaxing pastime at the end of a stressful day, given that I don t understand more than about three words of German. In some ways I m glad to have missed the event because Berlin Verlag s wonderful book by Ingo Schulze, Adam und Evelyn, didn t win. Congratulations to Uwe Tellkamp with Der Turm nonetheless. Tuesday morning kicked off with a highly confidential meeting of the International Advisory Board of the Frankfurt Book Fair where the first item was to debate the best English translation of the word geschniegelt in an article in this paper yesterday which contrasted my appearance with that of my Bloomsbury colleague, Nigel Newton. I have always believed that book publishing s renowned lousy remuneration should allow us a certain laxity in dress code. The other items were discussed under the Chatham House rule (http://www.chathamhouse.org.uk /about/chathamhouserule/) but I can reveal that in publishing at least the sky is not falling on our heads, the world hasn t stopped reading (or writing) books, and that our industry is still populated by decent, intelligent individuals who care deeply about what they do. Die Langfassung des Blogs von Richard Charkin lesen Sie unter A hard day s night: der türkische Staatspräsident (oben, dritter von links) nebst Gattin bei der Eröffnungsgala Ich mach Remmidemmi! Die Eröffnungsfeier der Buchmesse lebte von süßen Muffins und dem sauren Orhan Pamuk Es ist nicht schwer, sich mit John Brockman zu streiten. Der New Yorker Literaturagent, einer der echten global player des Geschäfts, hat zwar ein einladendes Lächeln, eine leise, sagen wir altersmilde, freundliche Art: Aber wenn man sich im Gallo Nero, einem Frankfurter Italiener, zu ihm in die Runde geladener Gäste wagt, ist der handelsübliche Small Talk, der einem ansonsten gut über die Messe hilft, plötzlich Die Sterne sind unverzichtbar Foto Felix Seuffert Der Mann war aufgebracht: Erst schicken sie eine Einladung, er nimmt sich frei, packt die Frau ein, seine Brille, den Pass und dann schiebt man ihn ab, einfach so. Ich mach Remmidemmi, poltert er. Ich bin nicht gekommen, um die Eröffnungsgala auf einem Bildschirm zu sehen! Ich wollte in den großen Saal, zu Pamuk und Steinmeier. Die Frau an der Sicherheitsschleuse beschwichtigt. Aber beruhigen Sie sich doch, dort gibt es was zu essen, sagt sie, und im Übrigen die Beschwerdestelle. Wer könnte da nein sagen? Dieser Anonymus kann. Die Eröffnungsfeier im Kino fand ohne ihn statt. Die im Saal Harmonie sowieso. Und man muss sagen: Er hat kaum mehr verpasst als die köstlichen Muffins und Kekse, die Starbucks oberhalb des Foyers verteilte und Pamuks Rede. Im Fernsehen, natürlich, kam die Eröffnung anders daher. Dort zahlte es sich aus, dass die Messe professionelle Hilfe bei Barbarella gesucht hatte, einer Kölner Veranstaltungsagentur. Sie durfte zwar keinen Moderator mitbringen, stattete den Auftakt aber immerhin mit drei Bläsern und etwas Farbe aus. Wäre da nicht Außenminister Steinmeier mit einigen recht düsteren Bemerkungen zur Ernsthaftigkeit der Finanzkrise gewesen: Man wäre erst in dem Moment wieder aufgewacht, in dem Orhan Pamuks Rede daran erinnerte, dass man sich doch einen der Ohrhörer für die Übersetzung hätte schnappen sollen. Denn wenn es einen Grund gab, diesen Nachmittag vor Ort zu verfolgen, dann die deutlichen Worte Pamuks zur Freiheit der Künste in seinem Land. Vermutlich hatten sich der türkische Präsident und seine kopftuchtragende Gattin diesen Auftakt anders vorgestellt. Auch am Abend in der Alten Oper, deren leere Ränge noch etlichen Bürgern Platz geboten hätten, wollte sich die Feierlichkeit nicht recht einstellen. So sehr sich das Orchester auch bemühte. lbo/math Warum John Brockman, der große New Yorker Agent, keine Romane liest / Von Thomas David Das Essen der Mächtigen: John Brockmans Gäste Ein Hut gegen alle Widrigkeiten: John Brockman, gestern Abend vor einem italienischen Restaurant in der Frankfurter Innenstadt. Fotos Daniel Pilar eine Nummer zu klein. Was halten Sie von den Auslassungen des schwedischen Nobelpreissekretärs über die amerikanische Literatur?, fragt Brockman, dessen erstaunlicher, für Frankfurt eher ungewöhnlicher Hut so aussieht, als müsste es gleich regnen oder schneien. Na ja, also, entgegne ich, De- Lillo, Updike, Roth, ich finde ja, dass... Wissen Sie was, sagt Brockman, während sich um ihn, um seine Frau Katinka und Sohn Max immer noch weitere Gäste scharen: Ich habe seit zehn Jahren keinen einzigen Roman mehr gelesen, sagt er, und ich habe nicht die geringste Lust, über Literatur zu reden. Nichts gegen Literatur, sagt Brockman, als man die letzten Lanzen für sie bricht: Aber sie langweilt mich. Reden wir doch über Interessanteres. John Brockman interessiert sich vor allem für die großen Ideen. Er ist der Agent von Richard Dawkins, Jared Diamond und Daniel Dennett, er vertritt einige der interessantesten Gedanken unserer Zeit. Ich finde, die Naturwissenschaften haben im Vergleich mit der Literatur eine ungleich größere Resonanz. Der italienische Kellner serviert den zweiten Gang, es wird dunkel über der Stadt, es wird Zeit, für den Weg in die Nacht. Die Sterne, heißt es bei Philip Roth, sind unverzichtbar.

7 Frankfurter Allgemeine Zeitung zur Buchmesse Mittwoch, 15. Oktober 2008 Seite 7 Auf der Party Meile Am Vorabend des Messebeginns sind alle noch ausgeschlafen. Autoren, Verleger und Legenden unterwegs in der Nacht. Frankfurter Hof, 22 Uhr Empfang beim Berlin Verlag Japancenter, 25. Etage, Uhr Club Bertelsmann: Bücher zu zehn Euro Spätestens gegen halb elf kann man sich beim traditionellen Dienstagabend-Empfang des Berlin Verlags nicht mehr bewegen. Man steckt fest und hat einfach Glück, wenn zufällig gerade jemand sehr Nettes das Wort an einen richtet, mit dem man notgedrungen auf Tuchfühlung gehen muss. Am ersten Abend kommen immer alle nur Jonathan Littell, Autor der Wohlgesinnten, bleibt der Buchmesse fern und hält sich lieber in Spanien oder an irgendeinem anderen Ort in der Welt auf. Nächste Woche erscheint sein Georgisches Tagebuch, der Reisebericht, den Litell im August aus Georgien, Südossetien und Abchasien für die französische Zeitung Le Monde verfasst und den er für die deutsche Übersetzung jetzt noch erweitert hat. Am Freitag werden die ersten Exemplare am Stand des Berlin Verlags zu haben sein. Aus frisurtechnischen Gründen übersieht man im Gewühl natürlich Ingo Schulze nicht. Mit mit seinem Roman Adam und Evelyn war er gerade für den Buchpreis nominiert und ist heute zusammen mit seinem Verleger aus Brasilien gekommen ist, Cassiano Elek Machado vom Cosacnaify Verlag, der stolz erzählt, dass sie jetzt endlich die erste Übersetzung von Anna Karenina vom Russischen (statt wie früher aus dem Französischen) ins Portugiesische verlegt hätten. Wie jung und gutaussehend die Verleger in Brasilien sind! Da spaltet sich die Menge, und Inge Feltrinelli, die große italienische Verlegerin, rauscht flamboyant herein, um sich von allen Seiten herzlichst begrüßen zu lassen. Ian McEwan ist es offenbar entschieden zu Fotos Frank Röth voll, er ist schon wieder zur Tür hinaus, und die Spur der amerikanischen Verlegerlegende Sonny Mehta, Chef von Alfred A. Knopf, verliert sich in der Menge. In der Schweiz, wo es keine Buchpreisbindung mehr gibt, liege seit heute eine neue Gesetzesvorlage vor, sagt in ihrer Ansprache Elisabeth Ruge, Chefin des Berlin Verlags. Vielleicht sei doch noch Hoffnung, dass die Preisbindung erhalten bleibe. Ein Autorenverlag wie der ihre sei auf die unabhängigen kleinen Buchhandlungen angewiesen, die ohne den festen Preis nicht überleben können. Die Menge dankt es ihr mit liebevoll-zustimmenden Zurufen. Dann läuft auf Bildschirmen die Übertragung des Booker-Preises. Aber man sieht nichts. Und braucht wieder Luft. jia > Termine Halten Sie auch immer die größten Idioten für die besten Menschen? Oder kennen Sie den Satz: Er war das Schlimmste, was mir passieren konnte mein Exmann? Dann wäre dieser Termin vielleicht das Richtige. Testen Sie Ihre Menschenkenntnis bei Psychologie Heute in Halle 3.1 Stand F Manche Leute werden ihren Stallgeruch einfach nicht los. Da hilft kein Parfüm, keine Großstadt und kein Buch mit dem Titel: Kein Rindvieh bloß kein Rindvieh! Buchvorstellung von Ulrike Siegel in Halle 3.C, Raum APROPOS Foto AP Gut, dass niemand mehr mit dem C64 spazieren gehen muss. Wie man heute Inhalte bei sich trägt, beschäftigt Easy Browse, Halle 4.2 K450 Der Alltag von 15 Millionen Muslimen in der EU findet nicht nur in Kreuzberg statt. Muslime und Islam sind Teil einer europäischen Identität. Historiker, Soziologen und Islamwissenschaftler diskutieren auf garantiert unpolemischem Niveau im Internationalen Zentrum, Halle 5.0 D901 Merkwürdig, dass man sich fünfundzwanzig Stockwerke in Richtung Nacht bewegen muss, um sich mit denen auf Augenhöhe wiederzufinden, die in aller Munde sind. Dann aber lehnt man am Fenster. Von allen Seiten wird Wein gereicht. Die Band säuselt Jazz-Standards hoch und runter, und eine Frau ruft: Die Banker lassen einfach das Licht an, damit du von außen denkst, dass sie die ganze Nacht arbeiten! Ja, denkt man da, der Kaiser ist nackt! Das musste ja mal jemand merken. Und das musste Thema Nummer eins sein bei diesem ruhigen, stilvollen Messeauftakt des Bertelsmann-Clubs vor nächtlichem Leuchtstoffröhren-Panorama. Geschäftsführer Fernando Carro ringt sich zwar zu einer lockeren Buffet-Eröffnung durch, doch kaum zupft der Bass, redet auch er von der Angst vor dem Weihnachtsgeschäft. Das hier ist nicht die Automobilbranche, betont er, aber auch wir merken, dass es schwieriger wird. Die Leute kommen nicht mehr so schnell in die Filialen. Und sie erwarten verstärkt Bücher zum Zehn-Euro-Preis. Womöglich ist es kein Zufall, raunt Programmleiterin Anita Offel-Grohmann, dass Fantasy- und Spannungstitel so gefragt sind als UhrFoto Michael Hauri Fluchtangebote. Wird die Krise da nicht zur Chance? Landschafts- und Familienbilder, heile Welt. Das ist Deutschland: So der Clubmitglieder-Wettbewerb, der als Party- Motto dient. Die Melancholie im Fünfundzwanzigsten kriecht unter die Haut. math Foto David Baltzer / Zenit Oscar Wilde hat seine oft in Leder binden und verschnörkeln lassen. Aber heute gibt es sie trotzdem noch: schöne Bücher zum Aufhängen, Angucken, ins Regal stellen. Die schön + wider -Jury kürt diese in Halle 4.1 Q119.

8 BUCHMESSENZEITUNG HEUTE AUF DER BUCHMESSE VERANSTALTUNGS-KALENDER, MITTWOCH M. Wolff /Tagesspiegel HUGO HAMILTON A... Hatice AKYÜN 14 Uhr, Goldmann, 3.0, E 109 DENIZ GORAN Carsten JENSEN 14 Uhr, Knaus, 3.0, D J B... Henning BOËTIUS btb, 3.0, E 104 U. Uyanik Michael JÜRGS C.Bertelsmann, 3.0, E 102 Cynthia BARCOMI 15 Uhr, Mosaik bei Goldmann, 3.0, E Uhr, Happy Hour Ismail BORO 14 Uhr, Heyne, 3.0, F 110 Serap ÇILELI Uhr, Blanvalet, 3.0, E Uhr, SPIEGEL-Stand, 3.0, Stand D 101 C... Victor CHU 10 Uhr, Kösel, 3.1, E 149 P. Schirnhofer I. Hoffmeyer CYNTHIA BARCOMI CARSTEN JENSEN Iris KAMMERER 15 Uhr, Heyne, 3.0, F 110 Steffen KOPETZKY Luchterhand, 3.0, E Uhr,»Literaturbahnhof«, Hbf., Aufgang Haupthalle Florian LANGENSCHEIDT 15 Uhr, Heyne, 3.0, F 110 Jo LENDLE DVA, 3.0, E K... L D... F... G... H... Lesley DOWNER C.Bertelsmann, 3.0, E 102 Lisa FISCHBACH nachmittags, Mosaik bei Goldmann, 3.0, E 109 Serena GOLDENBAUM Uhr, Südwest, 3.0, F 104 mit Gratis-Styling für Besucher Deniz GORAN 15 Uhr, Heyne, 3.0, F 110 Hugo HAMILTON Luchterhand, 3.0, E Uhr,»Literaturbahnhof«, Hbf., Aufgang Haupthalle Eric HEGMANN nachmittags, Mosaik bei Goldmann, 3.0, E 109 Rainer HOLBE Uhr, Kösel, 3.1, E 149 Norbert HORST nachmittags, Goldmann, 3.0, E 109 Rainer HOLBE 10 Uhr, Kösel, 3.1, E 149 ANNE B. RAGDE JÜRGEN TODENHÖFER I. Henschel SERAP ÇILELI VICTOR CHU privat privat T. Koy J. Morstadt A. Schlippe O. Mark P. Audestad STEFFEN KOPETZKY ULRIKE SCHWEIKERT Ulrike MEYER-TIMPE Siedler, 3.0, E Uhr,»Vorwärts«-Stand, 3.0, Stand 175 Gespräch mit Barbara Hendriks Jürgen NEFFE C.Bertelsmann, 3.0, E 102 Hülya ÖZKAN Uhr, Diana, 3.0, F 110 Susan PINKER Uhr, DVA, 3.0, E 106 Anne B. RADGE btb, 3.0, E 104 Anatol REGNIER 15 Uhr, Knaus, Halle 3.0, D 103 Ulrich SCHNABEL Uhr, Blessing, 3.0, F 108 Ulrike SCHWEIKERT Uhr, cbj, 3.0, E Uhr, Blanvalet, 3.0, E 103 Jürgen TODENHÖFER C.Bertelsmann, 3.0, E M... N... O... P... R... S... T HENNING BOËTIUS SUSAN PINKER

9 Frankfurter Allgemeine Zeitung zur Buchmesse Mittwoch, 15. Oktober 2008 Seite 9 Von Kunst nach Kommerz Die amerikanische Vertragsdirektorin Janice Potter handelt mit den Rechten an Literatur Frau Potter, Sie kaufen und verkaufen seit elf Jahren Lizenzen für den amerikanischen Verlag Simon & Schuster. Was ist der Kern Ihrer Arbeit? Es geht darum, spezielle Eigentumsrechte zu verwerten, und zwar auf dem bestmöglichen Weg. Geht es beim Verlegen von Büchern eigentlich nur noch um Geld? Heutzutage mehr als früher, das muss ich zugeben. Die Veröffentlichungen liegen heute nun mal in den Händen großer Mischkonzerne. Es gibt aber natürlich immer noch kleine Verlage, die anders arbeiten. Ist ein Schriftsteller noch Künstler, oder ist er zum Kunden geworden? Der Schriftsteller ist immer Künstler vor allem in seinem Selbstbild. Wie sieht von der kaufmännischen Seite aus gesehen der perfekte Vertrag aus? Wenn man verkauft, will man nicht viel hergeben und wenn man kauft, will man alles bekommen, mit so wenig Einschränkungen wie möglich, weil man es dann besser verwerten kann. Was für ethische Grenzen gibt es da? Was die Bedingungen der Künstler angeht, sind wir in Amerika stark sensibilisiert Janice Potter: Wenn man kauft, will man alles bekommen. Foto Michael Hauri worden. Es gab einige Gerichtsverfahren, weil freie Autoren, Künstler und Fotografen ausgebeutet wurden und dagegen klagten. Wir achten also sehr darauf, dass künstlerische Arbeit nicht ausgeschlachtet wird. Kann man Ideen lizenzieren? Gerade im Merchandising-Bereich passiert das ständig. Dann findet jemand Gefallen an der Idee und macht ein Produkt oder eine Marke daraus. Gibt es etwas, das nicht lizenzierbar ist? Nein. Man denkt immer wieder, es gäbe etwas, und dann findet man heraus, dass es schon jemand gemacht hat. Das Gespräch führte Thomas David. > Termine Ertugrul Özkök ( Hürriyet ) und Kai Diekmann ( Bild ) sind süperlative Freunde und haben darüber ein Buch geschrieben: Vorgestellt wird es in Halle 5.1 C :00 Das Forum im Forum: Ulrich Greiner und Florian Illies stellen das Literaturmagazin der ZEIT vor. Halle 3.1 D Foto dpa Das Schulfach Glück soll ganze Klassen fröhlich stimmen. Wie, erfahren Sie im Forum Literatur und Sachbuch, Halle 3.1. L691. Zahlen bedeuten keine Qualen Bücher für Kinder, die Spaß am Denken und mathematischen Rätseln haben Erleben Sie Prof. Dr. Albrecht Beutelspacher Robert Griesbeck im Forum Kinder- und Jugendbuch heute, Mittwoch, 14:15 Uhr - 15:15 Uhr Halle 3.0 K 387 Moderation: Ralf Caspary, Südwestrundfunk Bücher für neugierige Kinder Besuchen Sie uns in Halle 3.0 E 161 Ralf Caspary (Hrsg.) AULA 160 Seiten, geb., 12,90 ISBN Robert Griesbeck Mathematricks 128 Seiten, geb., 9,90 ISBN

10 Seite 10 Mittwoch, 15. Oktober 2008 Frankfurter Allgemeine Zeitung zur Buchmesse Andrea Diener Überdruck Die Eröffnung begann in einer Schlange vor dem Kongresszentrum. Ich stand darin und wartete, und viele sich wichtig fühlende Menschen stürmten hoffnungsfroh an mir vorbei, um weniger hoffnungsfroh wieder zurückzukommen und sich anzustellen wie alle anderen auch. Fünf Meter und zwanzig Minuten später war ich kurz vor der Glastür angekommen, hinter der die Sicherheitskontrolle aufgebaut war. Dort sortierte eine Dame alle Leute aus, die keine Platzreservierung hatten. Aber wir haben eine persönliche Einladung!, so das Paar hinter mir. Bloß ohne Platzreservierung hilft die auch nicht, und die Dame verwies die beiden auf die Videoübertragung. Das ist kein Ersatz. Wir wollen schließlich unsere Freunde treffen! Wenn das mal kein schlagendes Argument ist. Um mich herum entlud sich derweil der Volkszorn in unflätigen Schimpfkaskaden. Das Volk zürnte, weil es da hineinwollte und zwar, ohne anstehen zu müssen. Ich durfte hinein, anstehen musste ich aber trotzdem. Nur der türkische Staatspräsident durfte einfach so durch. Wir Ansteher können alle noch von Hubert Winkels lernen. Der stellte sich zehn Meter hinter mir an und tauchte plötzlich zwei Meter vor mir wieder auf. Ich hatte nicht mal seine Ellenbogen in den Rippen. Ich glaube, Hubert Winkels kann sich teleportieren. Normalsterbliche wie ich brauchen geschlagene vierzig Minuten, um ins Kongresszentrum vorzudringen. Und wofür das alles? Freunde habe ich keine getroffen, aber viele Reden gehört. Politiker mit guten Redenschreibern und Politiker mit erbärmlich schlechten Redenschreibern. Die Buchmesse als Brücke des Geistes, die Türkei als Brücke zwischen den Kontinenten, und Anatolien war auch Brücke für irgend was. Ein Haufen metaphorischer Brücken kam heute zusammen. Wenn man die in Frankfurt aufbauen würde, könnte man den Main komplett übertunneln. An diesem Abend der Brückenschläge und der deutsch-türkischen Freundschaft, an dem so vielen gedankt und die Freiheit des Wortes immer wieder beschworen wurde, möchte ich die Gelegenheit ergreifen und Murat danken. Murat ist mein Fitnesstrainer und hat den gestrigen Abend damit zugebracht, den eingeklemmten Nerv aus meinem Kreuz zu befreien. Die Freiheit des Nervs ist zwar nicht ganz so spektakulär wie die Freiheit des Wortes, versetzt mich aber in die Lage, diese Buchmesse aufrecht absolvieren zu können. Und Nerven werde ich auch noch brauchen. Lesen Sie die Langfassung des Blogs von Andrea Diener unter Agenten im Frankfurter Hof Sie ist eine der renommiertesten deutschen Literaturagentinnen. Für uns hat sie ihren Messetag fotografiert bis zur eigenen Erschöpfung (rechts). Von Petra Eggers A nnette Anton von Campus liest ein Manuskript. Johannes Jocob von C. Bertelsmann checkt sein Blackberry. Dragan Velikic hat sich als Autor in den Frankfurter Hof verirrt. Am Verhandlungstisch: Felix Rudloff, Verleger von Scherz und Uwe Naumann von Rowohlt. Die Hände des Rechtechefs von Viking Penguin versuchen ein Manuskript zu greifen, kriegen es aber nicht zu fassen. Die US-Agentin Anne Edelstein isst feine Schokolade. Der Kindle ist auch da. Bettina Schrewe, Scout aus New York, will nicht gesehen werden. Wir fordern unerhörte Vorschüsse. Die Bestechungsversuche bleiben nicht aus.

11 Kochen/Erleben. Besuchen Sie unseren TEUBNER Koch-Event, Freitags um und Uhr. Stand Halle 3.0 D 102 Unentbehrliches Nachschlagewerk, Kochbuch und Inspiration in Einem. Alle relevanten Küchentechniken in Wort und Bild sowie Grundrezepte, Küchenklassiker und neue Kreationen für vollendeten Genuss von 15 renommierte Spitzenköche. Alles über die Kunst des Kochens: DIE GROSSE TEUBNER KÜCHENPRAXIS.

12 Seite 12 Mittwoch, 15. Oktober 2008 Frankfurter Allgemeine Zeitung zur Buchmesse Frankfurter Allgemeine Zeitung zur Buchmesse Mittwoch, 15. Oktober 2008 Seite 13 > Termine Die Zeit tickt und alle werden älter. Was aber anstellen mit der großen grauen Masse hinter der 50? Was liest diese Zielgruppe? Was diese Herrschaften den ganzen Tag so tun, erfährt man vielleicht bei Zielgruppe 50plus am ZEIT- Stand, Halle 3.1 L 105 Hallo, Naturpoeten? Bekennt euch zur Göttin Gelegenheit! Genug der Blütenstaubwolken: Die Poesie ist ein Spross der Kasualliteratur. Führende deutsche Lyriker kommentieren die Buchmesse. Von Oliver Jungen Foto Frans Lanting / Corbis Schon mal einen Gewinner des Deutschen Buchpreises in echt gesehen? Schnell zum F.A.Z.- Stand, Halle 3.1 Komisch. Ich bekämpfe die deutsche Comedy, die sich als ganzjährig verlängerter Arm des rheinischen Karnevals seuchenartig in Deutschland ausgebreitet hat. Heinz Strunk ist am Stand der Frankfurter Rundschau zu erleben, Halle 3.0 B 157 Comisch. Tarkan zum Beispiel klingt so: Atil Kurt! Ffffft,pok, pok, boom, seufz, platsch, wuff! Levent Cantek präsentiert Comics aus der Türkei im Comic-Zentrum, Halle Qual der Wahl: Lockendrehen mit dem Politiker Hubertus Heil in hale 3 oder Klugwerden mit dem Historiker Hans Ulrich- Wehler auf dem Blauen Sofa Foto ddp Foto Reuters Internationale Autoren und Verleger im Austausch mit der arabischen Welt: Schriftsteller Michael Krüger ( Die Turiner Komödie ) spricht mit seinem Übersetzer in Halle 5.0 E 965 Michael Krüger Dirk von Petersdorff Doris Runge Hendrik Rost Foto Jürgen Bauer Foto Anna Weise Foto Christa Kujath Foto Matthias Lüdecke Michael Krüger Hotelzimmer Als ich, noch im Mantel, mein Zimmer betrete, ohne Hoffnung auf Einsicht und Schlaf, sind schon, zur Begrüßung, alle Zimmer versammelt, in denen ich je geschlafen habe. Die traurigen Tapeten, die Kunstgeschichte von ihrer schlechtesten Seite, das Sofa, in dessen Ritzen sich Romane verbergen. Dirk von Petersdorff Buchmessenverlorenheit Der Kehlmann bringt so richtig gute Zahlen, die Rowohlt-Dame hat es eiliger, sie muss jetzt zu den neuen Radikalen, und an der Ecke steht ein Heiliger. Ich finde den Ulysses gar nicht schwer, war das nicht eben Mutter Christa Wolfen?, das ist der Dietmar Hopp, der Milliardär ach, wie wir Menschen uns durchs Leben golfen. Hendrik Rost Elf Egos Ein Schwimmstar, von den Mikros eingekreist, und eine Lady schwebt vorbei mit Stola sie lebt die Lyrik, atmet ihren Geist, ich sitz auf einem Stein mit Bratwurst-Cola. Und ist dein Buch mit Blut geschrieben, tief, und hoffst du wie verrückt auf Rezensionen die Messe spricht uns alle relativ die wir in Ständen und in Kojen wohnen. Denn hier braucht jeder einen, der ihn hypt, die Rowohlt-Dame hat es eiliger, was Rühmkorf heute wohl im Himmel treibt, und an der Ecke steht ein Heiliger. Das erste Mal Buchmesse, und ich trat auf ausgerechnet als Fußballer, deutsche Autoren gegen ungarische. Ich stand auf dem Feld, nicht weil ich besonders gut spielen konnte, sondern weil ich richtig fit war. Ein Läufer. Die Auswahl an Dichtern mit belastbarem Körper war begrenzt. Die agilen Ungarn, die behäbigen Deutschen, schrieb die Presse. Ich rannte 90 Minuten lang von Tor zu Tor, kein Fernschuss fand sein Ziel, ich verlor Die lustlose Bibel, gebunden in Kunststoff, mit Eselsohren an den schweren Stellen. Und auch der ungerührte Spiegel, der mich nicht erkennen will. Vor der Tür stehen die Toten. Sie tun nichts. Sie warten. Sei nur ruhig, flüstern sie, bald ist auch dieses Leben ausgestanden. Doris Runge buchmesse ich bin wenn ich kann nicht dort bin gern an anderem windigen ort wenn die nüsse fallen im oktober auf dem laufsteg über rolltreppen von lauf bandzulauf band gedichte letztes abgepreßtes nicht ohne scham mein schwarzer trolley schön bei fuß immer den zeichen nach gedeckten krawatten roten schals erwählten im licht fußvolk im schatten manchmal verwechselt man mich jeden Zweikampf. Technisch beschränkt, blieb mir nur der lange Atem des Poeten. Mein zweites Werk war gerade erschienen: Das Gedicht war eine genauso nostalgische wie unheimliche Vision, lautete ein Vers. Damals ahnte ich, Dichten hat zu tun mit nichts weder Büchern noch Turnieren. Ein Spiel, das man vermeintlich beherrscht. Gib ab. Mit Glück verwandelt einer den Pass. Ist das Gelegenheitsgedicht tot? Keineswegs. Das beweisen uns heute und in den folgenden Ausgaben Hans Magnus Enzensberger, Doris Runge, Michael Krüger, Hendrik Rost, Marion Poschmann, Dirk von Petersdorff, Sabine Schiffner, Matthias Göritz, Mirko Bonné, Thomas Gsella, Harald Hartung, Silke Scheuermann und Lutz Seiler: Sie alle haben auf unsere Anfrage hin Gedichte verfasst, die die Buchmesse zum Gegenstand haben. Damit stellen sie sich in eine große, in die eigentliche Tradition der Poesie. Zwischen uns und Catull liegt genüsslich hingebratzt Friedrich von Hardenberg. Wie die Erde voller Schönheit blühte, / Sanftumschleiert von dem Rosenglanz / Ihrer Jugend und noch bräutlich glühte / Aus der Weihumarmung, die den Kranz / Ihrer unenthüllten Kindheit raubte, / Jeder Wintersturm die Holde mied, / O! da säuselte durch die belaubte / Myrte Zephir sanft das erste Lied : Das ist keine Naturpornographie, sondern der Ursprung der Poesie wie ihn Novalis gerne sähe. So falsch er damit lag, so verheerend aber sein Einfluss: Den wahren Ursprung der Poesie hat er unter Myrtenbergen begraben. Mit himmlischer Begeisterung wird nicht gespart in den folgenden Strophen, in denen die Göttin Dichtkunst die Erde betritt: Goldne Wölkchen trugen sie hernieder. Goldene Wölkchen? Kein Wort davon, dass auf der Erde längst eine andere, bezaubernd schöne Göttin herrschte, Occasio, die Muse der Gelegenheit. Die galt es zunächst vom Thron zu beißen. Das Mobbing war freilich schon länger im Gange: Gottsched hatte die Kasualdichtung mit Hohn überzogen, ihr alles Poetische abgesprochen. Selbst Goethe, der diese erste und ächteste aller Dichtarten noch zu schätzen wusste, nannte das schüchterne Fräulein Gelegenheit eine bequeme Göttin. Novalis und seine Romantikerbande schlugen Occasio dann endgültig in die Flucht. An ihrer Stelle machte sich die elitäre Schnepfe Genieästhetik breit. Ihre Goldwölkchen-Mission: die Romantisierung der Welt. Dem Wind wollte sie das Wispern ablauschen, dem Meer das Murmeln. Freilich legte sie die Poesie, die sie in der Natur zu entdecken vorgab, heimlich selbst in diese hinein; als würde man einem Esel das Maul mit Münzen verstopfen, nur um sich, sobald es wieder herausfällt, am Glück zu weiden, einen Goldesel zu besitzen. Zum Priester erhob Novalis den Dichter, zur Stimme des Weltalls, der Musik, nicht der Rede verwandt. Weit über die Romantik hinaus schallte das und tat seine Wirkung. Die Vorstellung einer Poésie pure, einer absoluten Dichtung, verbindet die großen lyrischen Epochen, Symbolismus und Expressionismus. Auch wenn es immer wieder kritische Stimmen gegen Novalis gab Dies sind die alten Gedanken der platonischen Überlieferung, glühend und überspitzt vorgetragen, schrieb etwa René Wellek Mitte des vergangenen Jahrhunderts in seiner großen Geschichte der Literaturkritik, das empfindsame Paradigma war so übermächtig, dass es bis heute das Genre mit Rosenglanz umschleiert. Die Anlasslosigkeit wurde zum ehernen Gesetz, Radikalautonomie zur Existenzbedingung des lyrischen Ichs. Dabei war die Dissoziation von Welt und Dichter ein bloßer Unfall: Friedrich Schlegel, der die Lyrik 1798 zum ersten Mal in dieser prononcierten Form als subjektive Gattung definierte, der im Individualitätsausdruck der griechischen Dichtung eine Revoluzion sah, bezog diese noch ganz und gar auf die Politik. Sie war das Pendant zum Republikanismus: Die Lyriker griffen in die Politik ein, engagiert, das Gedicht war ihre Waffe, ein neues, mächtiges Instrument. Aber die Romantiker haben Schlegel die Pointe verdorben und die Introspektion aufs Panier gehoben. In allem, was er betrachtet, findet der Dichter nur sich selbst: kapituliert hingebungsvoll vor Liebe und Tod. Was soll er da nach der Welt greifen? Rückzug ist die Losung der Stunde, Ver-Ichung des Du und alles anderen. Durch den Tod wird die Redukzion vollendet, sagt Novalis. Der Individualismus griff bald auch auf die Form über: Regelmäßige Heber, das war etwas für Bauern. Nur wenige Lyriker entzogen sich diesen Vorgaben, wagten sich nicht selten belächelt an politische Dichtung. Zumal wer Humoristisches verfertigt, galt im Literaturbetrieb nur allzu schnell als Leichtgewicht. Und hat sich das groß geändert? Noch eine institutionelle Weihumarmung gab es: Wie sehr die Bibliotheken der Neuzeit das Gelegenheitsschrifttum unterdrückten, arbeitet seit Jahrzehnten der Literaturwissenschaftler Klaus Garber auf. Allein Leichenpredigten wurden einigermaßen sorgfältig behandelt. Alles, was sonst nach rhetorisch-artistischem Alltagsmaterial roch, hob man nur ungern und unsystematisch auf. Trotzdem lassen sich mit einigem Aufwand enorme Mengen an Kasualdichtung auffinden nur ein erster Hinweis auf ihre einstige Fülle und Bedeutung. Inzwischen forscht Garber nicht mehr allein auf weiter Flur. Überall steigen Germanisten und Historiker in das Thema ein. Erste Tagungen und Projekte wurden ins Leben gerufen: Man steht am Anfang einer neuen literarischen Vergangenheit. Tatsächlich nämlich ist das die eigentliche Geschichte der Poesie: Jahrtausendelang war sie auf Gelegenheiten bezogen, war sie im Wesentlichen Auftragslyrik. Poetik und Rhetorik zogen am selben Strang, und was dabei herauskam, konnte und musste sich sehen und hören lassen. Für die Schublade dichtete niemand. Was kann Occasio dafür, dass von ihr nur die Karikatur überlebte: Der Willi wird heut sechzig Jahr / da sagt der ganze Kegelverein hurra? Walther von der Vogelweide schuf Auftragslyrik von schwindelerregender Qualität: Den Reichston beispielsweise, eine brillante neue Strophenform, entwickelte Walther für seine ausgeklügelten Werbesprüche im Dienste Philipps von Schwaben. Was mit der Empfindsamkeit begann, war ein deutscher Sonderweg in der Lyrikgeschichte. Raoul Schrott war einer der Ersten, die für die Wiedereingliederung in die internationale Entwicklung plädierten. Dichtung, eine jahrtausendealte Maschine, sei im deutschen Sprachraum stets überfordert und fälschlich mit Verdichtung in Zusammenhang gebracht worden, schrieb Schrott 1997 in seiner Erfindung der Poesie : Das merkt man heute noch einer Gegenwartslyrik an, die sich entweder in sentimentalen Anekdoten oder in postmoderner Sprachklitterung erschöpft, ihre Mitte aber längst verloren hat. Das ist natürlich herrlich ungerecht. Aber seien wir nicht weinerlich, sondern stoßen noch, was fällt: Zurück zum Casus, zu den Sachen, Dichter! Ehre sie wieder, die Göttin Gelegenheit. Und wir wollen zeigen mit der in dieser Zeitung präsentierten Auftragsdichtung aus Anlass der Frankfurter Buchmesse: Sie können es noch, die deutschen Lyriker: anlassgebundene Auftragsdichtung verfassen, die so aktuell wie überzeitlich ist, so subjektiv wie politisch. Am schnellsten reagiert hat auf unseren Auftrag übrigens Altmeister Hans Magnus Enzensberger, der ein Epitaph auf die Verbesserungen im Literaturbetrieb verfasste, die der Literatur selbst wenig bringen. Eingefangen ist in den Poemen, was die Institution ihren Schützlingen antut: Messe heißt Masse, eine bücherbatterie (Marion Poschmann). Ob sich Hendrik Rost daran erinnert, dass man seine Fußballfüße den Versfüßen vorzog, ob Dirk von Petersdorff die Rowohlt-Dame zur Heiligen erhebt, vor welcher der Dichter unendlich klein wird: die Messe spricht uns alle relativ, ob Doris Runge bekennt, lieber anderswo zu sein oder ob Michael Krüger das Betreten des Frankfurter Hotelzimmers ( ohne Hoffnung auf Einsicht und Schlaf ) als Eintritt ins Fegefeuer beschreibt, in Jahresraten abgeleistet immer ist da etwas zu spüren: Opposition. Ein Aufstand der Ware gegen ihren Markt, der selten so deutlich zur Sprache gefunden hat. Nicht Zephyr ist es, der hier interesselos durchs Gebüsch säuselt. Ein Sturm ist es, der aufheult und Gegenwind werden könnte.

13 Seite 14 Mittwoch, 15. Oktober 2008 Frankfurter Allgemeine Zeitung zur Buchmesse > Termine Sprach der Prinz aus Kamerun Viele schöne Frauen und ein Künstler: Am F.A.Z-Stand redet Freddy Langer mit dem Fotografen Jim Rakete, Halle 3.1 D 154. Beim Häuptling: Der Schriftsteller Wiglaf Droste diskutiert mit Christian Schlüter am Stand der Frankfurter Rundschau, Halle 3.0 B 157. Foto Bischof Die Sehnsucht der Türkei nach Deutschland: Der Journalist Dieter Bednarz fragt am Spiegel-Stand Nobelpreisträger Orhan Pamuk, was seine Heimat denkt, fühlt, bewegt, vergöttert, hasst und vor allem: schreibt. Halle 3.0 D 101. Heimliche Eröffnungsparty auf dem Main: die Fahrt auf der Johann Wolfgang von Goethe. Von Thomas David Blumengestecke auf dem Tisch, hier und da ein paar Zierkürbisse: Die akkurat aufgestellten Servietten und der andere liebe Kram, den man von Anstandsbesuchen bei Verwandten kennt, machten am Montagabend erst mal wenig Lust auf drei Stunden Butterfahrt auf dem Main. Als Prince Kum a Ndumbe III dann aber zum Super-Reggae des brasilianischen Musikers Ivan Santos tanzte und die Johann Wolfgang von Goethe einen U-Turn zurück Richtung Mainkai machte, um die letzten der mehr als hundert Gäste aufzunehmen, war das olympische Feuer der Buchmesse entfacht. Der aus Kamerun angereiste Alexandre Kum a Ndube ist einer von 25 Verlegern aus 24 Ländern, die am diesjährigen Einladungsprogramm der Frankfurter Buchmesse teilnehmen: Wer statt der Dinner-Party auf dem Fluss die Verleihung des Deutschen Buchpreises besuchte, hat die heimliche Eröffnungsfeier der Messe schon verpasst. Wir leben in einer komplizierten Zeit und müssen achtgeben, dass uns die Liebe zu Büchern nicht abhandenkommt, sagt Inger Preis, die Verlegerin des namibischen Schulbuchverlags Pollination Publishers, die Frankfurt erstmals seit mehr als zwanzig Jahren besucht. Wie Tainie Mundondo vom African Publishers Network erhofft sie sich von ihrer Teilnahme an dem vom Auswärtigen Amt mitfinanzierten und von litprom, der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika organisierten Programm einen Austausch mit europäischen Kollegen. Prince Alexandre Kum a Ndumbe III erzählt von einem Märchenbuch, für das er hier einen deutschsprachigen Verlag zu finden hofft. Aber es geht auch andersherum, Tainie Mundondos Interesse an einem Bestseller aus Deutschland ist groß. Nämlich? Simplify Your Life. Ein Reggae-Schiff wird kommen: auf dem Fluss mit Dinner, Musik und Skyline. Foto Felix Seuffert Veranstaltungen zur Buchmesse Adolf Muschg liest aus»kinderhochzeit«sonntag, 19. Oktober, 16 Uhr Begrüßung: Ulla Unseld-Berkéwicz Holzhausenschlösschen, Justinianstr. 5 Eintritt: 8, / 5, Kartenreservierung unter Tel. 069 / Eine Veranstaltung des Suhrkamp Verlags in Kooperation mit der Frankfurter Bürgerstiftung Weitere Lesungen und Veranstaltungen Mittwoch, 15. Oktober 15 Uhr, Perihan Mağden zu Gast bei 3sat. Kulturzeit, Messegelände, Halle 4.1 Q Uhr, Nedim Gürsel liest aus»sieben Derwische. Anatolische Legenden«, Literaturhaus Frankfurt, Schöne Aussicht 2 20 Uhr, Thomas Meinecke liest aus seinem neuen Roman»Jungfrau«und legt im Anschluss Musik von Jutta Hipp und Mary Lou Williams auf. Frankfurter Kunstverein, Steinernes Haus am Römerberg, Markt 44 Donnerstag, 16. Oktober 12 Uhr, Cees Nooteboom im Gespräch mit Arno Widmann (Frankfurter Rundschau), Messegelände, Lesezelt Uhr, Uwe Tellkamp liest aus»der Turm«, Literatur im Römer Freitag, 17. Oktober 15 Uhr, Mario Levi, Signierstunde Hugendubel, Steinweg Uhr, Dietmar Dath zu Gast bei 3sat. Kulturzeit, Messegelände, Halle 4.1 Q Uhr, György Dragomán liest aus»der weiße König«, Hessisches Literaturforum im Mousonturm, Waldschmidtstr. 4 Eintritt: 6, / 3, Samstag, 18. Oktober 15 Uhr, Juri Andruchowytsch liest aus»geheimnis«, Messegelände, Internationales Zentrum, Halle 5.0 D Uhr, Marcel Beyer im Gespräch mit Roman Bucheli (NZZ), Messegelände, Schweizer Gemeinschaftsstand, Halle 4.1 A Uhr, Josef Winkler im Interview mit Thorsten Jantschek, Messegelände, Gläsernes Studio ARD 18 Uhr, Kerstin und Sandra Grether lesen aus»madonna und wir«. Mit Live-Songs und DJ-Programm, Batschkapp, Frankfurter Kulturzentrum, Maybachstr Uhr, Robert Schindel liest aus»mein mausklickendes Saeculum«, Hessisches Literaturforum im Mousonturm, Waldschmidtstr. 4, Eintritt: 6, / 3, Sonntag, 19. Oktober 16 Uhr, Julia Zange liest aus»die Anstalt der besseren Mädchen«, Messegelände, Lesezelt 17 Uhr, Gerbrand Bakker liest aus»oben ist es still«, Messegelände, Lesezelt Alle Termine auch unter Unser Stand: Halle 4.1 F 102 Suhrkamp Insel

14 Frankfurter Allgemeine Zeitung zur Buchmesse Mittwoch, 15. Oktober 2008 Seite 15 1 Am heutigen Mittwoch, dem 15. Oktober, sollte der spanische Romanautor Rui Felipe Fernandez den Preis für linksengagierte Literatur entgegennehmen, der von der spanischen Gewerkschaftsorganisation ASP, zu Deutsch Assoziation politisch engagierter Gewerkschaftler, in diesem Jahr zum dritten Mal vergeben wurde. Fernandez bekommt den Preis für seinen Roman Die Kuhweide zugesprochen, der das Schicksal der gegenwärtigen spanischen Arbeiterschaft im Licht einer agrarischen Utopie für die Iberische Halbinsel reflektiert. In Spanien war das Buch, das bei Fiacono veröffentlicht ist, leider nicht erfolgreich. Auch die kleine Preiszeremonie der ASP auf der Frankfurter Buchmesse hat weder im letzten noch im vorletzten Jahr, dem Gründungsjahr des Preises, besondere Aufmerksamkeit erregt. Es handelt sich um eine der unzähligen, kleinen, unbedeutenden Zeremonien, die an einem der zahllosen, kleinen, unbedeutenden Messestände jedes Jahr überall auf der Frankfurter Buchmesse stattfinden. ASP teilt sich in Halle 5.1 einen Stand mit fünf anderen spanischen Kleinverlagen. Obwohl all das völlig unwichtig ist, geriet man im Verlauf der letzten Nacht bei ASP in Aufregung, da Fernandez nicht, wie vorgesehen, gestern Abend um zwanzig Uhr fünf auf dem Frankfurter Flughafen ankam. Ohne Fernandez keine Zeremonie. Nun ist es so, dass trotz der Kleinheit und Bedeutungslosigkeit dieser Zeremonien die Beteiligten noch immer große Energien auf sie verwenden und eine solche Zeremonie für die Beteiligten das Messeereig- Die letzte Messe Ein Fortsetzungsroman Wir haben einen namhaften deutschen Romanautor gebeten, uns einen Messe-Roman zu schreiben. Unser Autor bleibt auf eigenen Wunsch anonym und wird sich in der letzten Folge zu erkennen geben. Für Kollateralschäden übernehmen wir keine Haftung. nis schlechthin ist, da sie ja meistens alles ausschließlich von der monadischen Perspektive ihrer eigenen Standkabine aus wahrnehmen. Um nach dem Verbleib des Romanautors zu forschen, rief man bei ihm zu Hause an. Dort meldete sich seine Frau Luisa Maria Fernandez. Luisa Maria sagte, dass ihr Mann am morgen wie vorgesehen aufgebrochen sei. Ins Auto gestiegen und nach Madrid gefahren, sagte sie. Sie habe keine Ahnung, wo sich Fernandez wieder herumtreibe. Wahrscheinlich betrinke er sich gerade in Madrid. Man sollte es auf seinem Handy probieren. Ihr fünfzehnjähriger Sohn Felipe hat das gestrige Frühstück gefilmt. Man kann es auf Youtube unter sehen. Felipe stellt gern Videos von seinen Eltern ins Netz, besonders, wenn die Eltern in Streit geraten. Auf dem betreffenden Video (das freilich nur versteht, wer Spanisch kann), sieht man Rui Felipe Fernandez über Blutwurst und Kaffee am Tisch sitzen und Zeitung lesen, seine Frau steht am Herd, erhitzt Milch, es geht ein Disput hin und her, aber besonders aggressiv sieht niemand von beiden aus. Es sei der Wortlaut hier auf Deutsch wiedergegeben. Er: Ich wäre lieber zu Hause geblieben. Diese Drecksmesse. / Sie: Was willst du denn? Du hast seit Ninas Geburt nicht gerade viel Geld verdient. Beiß nicht in die Hand, die dich nährt. / Er: Uninteressante Leute, schlechte Luft, beschissenes Essen. Niemand braucht das. Die Messe ist Antiliteratur. Gegen alles, was literarisch ist. / Sie: Du solltest dankbar sein. / Er: Ich bin eine Nutte. Aber lieber verkaufe ich mich als dich. In diesem Augenblick sieht man, wie Luisa Maria in die Kamera greift und Felipe das Weiterdrehen verunmöglicht. Wenn man unter dem Stichwort Fernandez, Nutte, Messe weitergoogelt, findet man noch einen zweiten Film. Er ist heute morgen ins Netz gestellt worden. Man sieht einen alten Mann auf einer Bank in der glühenden Sandhitze einer Madrider Vorortregion. Neben dem alten Mann sitzt ein etwa zehnjähriges Mädchen in einem weißen Kleid, das wie ein Kommunionkleid aussieht. Auf dem weißen Kleid ein schwarzer Aufdruck, irgendwelche Worte, vielleicht ein Werbespruch, im Film aber unlesbar. Fernandez hält mit seinem Wagen am Straßenrand, raucht, dann tritt der alte Mann hinzu und spricht mit ihm. Man hört nichts. Das Mädchen sitzt auf der Bank und wippt mit den Füßen, während es die Szene aufmerksam betrachtet. Dann reißt der Film plötzlich ab. Fernandez Spur lässt sich bis in den Tiefgaragenblock C.8 unter dem Flughafen Madrid-Barajas verfolgen. In der Nacht findet man den Wagen, auf der Rückbank liegt ein Kindle-E-Book, auf das eine spanische Version von Max und Moritz geladen ist. Der letzte Benutzer hat den Satz Dieses war der erste Streich, doch der zweite folgt sogleich markiert. Die Untersuchung der Fingerabdrücke ergibt, dass es sich bei dem letzten Nutzer um ein Kind von vielleicht zehn Jahren gehandelt haben müsste. Fortsetzung folgt Ayse Önal über Ehrenmorde Donnerstag, Uhr auf dem Blauen Sofa, Übergang Halle Uhr am Verlagsstand, Halle 3.1., Stand E 143 Wenn Ehre mehr zählt als das Leben Die Journalistin und Menschenrechtsaktivistin Ayse Önal hat in türkischen Gefängnissen mit Männern gesprochen, die ihre Schwestern, Töchter oder Mütter getötet haben. Ihre erschütternde Reportage erzählt von den Opfern und den Tätern in ihrem Land und klagt ein System an, das im Namen der Ehre seine Söhne und Töchter opfert. [D] 18,95 ISBN Droemer Foto: privat Besuchen Sie uns in Halle 3.1, Stand E 143 oder online unter

15 Mittwoch, 15. Oktober :30 12:00 Uhr: Warum der Papst schwieg. Pius XII. und der Holocaust Rainer Blasius im Gespräch mit Autor Dr. Klaus Kühlwein 12:15 12:45 Uhr: Otto von Bismarck: Gesammelte Werke Neue Friedrichsruher Ausgabe Rainer Blasius im Gespräch mit Autor Dr. Michael Epkenhans 13:00 14:00 Uhr: Deutscher Buchpreis 2008: Der Preisträger Uwe Tellkamp im Gespräch Moderation: Felicitas von Lovenberg 14:00 14:30 Uhr: Von Künstlern und schönen Frauen Freddy Langer im Gespräch mit Fotograf Jim Rakete 14:45 15:15 Uhr: Zwischen Steppe und Garten Türkische Literatur aus 1000 Jahren Hubert Spiegel im Gespräch mit Autor Wolfgang Günter Lerch 15:30 16:00 Uhr: Erinnerung an einen Mörder Franz Josef Görtz im Gespräch mit Autorin Petra Hammesfahr

16 Frankfurter Allgemeine Zeitung zur Buchmesse Mittwoch, 15. Oktober 2008 Seite 17 Frau Magden, in Ihrem Buch Zwei Mädchen Istanbul-Story spielt Schönheit eine zentrale Rolle: Handan, eins der beiden Mädchen, wird wegen ihres Aussehens von allen geliebt, und man verzeiht ihr jeden Fehler. Ihre Schönheit macht sie aber auch verletzbar, da die türkischen Männer sie wie Freiwild behandeln. Wie wichtig ist Schönheit in der Türkei? Schönheit ist in der türkischen Gesellschaft sehr wichtig! Die Menschen drehen durch, wenn sie eine gut aussehende Frau auf der Straße sehen. Wenn ein Mann eine Frau kennenlernt, wenn in das Nachbarhaus eine neue Mieterin einzieht oder die Kinder eine neue Lehrerin bekommen sofort wird ihr Aussehen diskutiert. Gutes Aussehen zählt einfach mehr als Persönlichkeit. Junge Frauen setzen sich furchtbar unter Druck, den Schönheitsidealen zu entsprechen. Welche Schönheitsideale sind das? Groß, blond, helle Augen, europäischer Typ eben genau so, wie die Durchschnittstürkin nicht aussieht. Wie erklären Sie sich das? Manchmal denke ich: Türken sind schlicht zu hässlich, deshalb verzehren sie sich nach europäisch aussehenden Frauen. Aber so einfach ist das nicht. Vielleicht ist es eine Art Masochismus: Man begehrt, was man selbst nie haben kann oder sein wird. Ist Schönheit in der Türkei ein soziales Vehikel? Auf jeden Fall. Schönen Frauen winkt ein besseres Leben. Wenn man arm ist, Wie schön muss eine Türkin sein? Die türkische Autorin Perihan Magden geißelt das Schönheitsdiktat in ihrem Heimatland. dann kann man es durch Schönheit zu Reichtum und sozialer Anerkennung bringen. Man wird einfach geliebt. In der Türkei ist Schönheit eine Institution. Zurück zu Ihrem Roman: Leman, die Mutter von Handan, ist auch schön. Sie verdient ihr Leben als Mätresse und hat nie versucht, einen anderen Weg zu gehen. Ja, das ist eine sehr traurige Figur. Zu merken, dass sie älter wird und dadurch an Reiz für die türkischen Männer verliert, macht Leman unglücklich. Die Schönheit ist ihr einziges Kapital. Das Schlimme ist, dass sie ihre eigene Tochter dennoch in die gleiche Richtung treibt. Weil Leman nicht das Geld für das Studium ihrer Tochter aufbringen kann, schläft Kämpferin: Perihan Magden Foto Agata Skowronek Handan mit einem Jungen aus der High Society. Sie hofft, dass er sie heiraten wird und sich damit die finanziellen Probleme lösen doch dann flüchtet sie, geht fort aus der Türkei, weil sie spürt, dass sie sonst das gleiche Leben wie ihre Mutter führen wird. Aus der Türkei kann man nur wegrennen, die Dinge ändern sich nicht so einfach. Hatten Sie bei den Figuren Vorbilder im Sinn? Als ich mir die Figur von Leman ausgedacht habe, hatte ich die türkische Schauspielerin Hülya Avsar vor Augen. Mit anderen Worten: Leman ist Hülya Avsar. Vor Jahren sagte sie in Interviews immer wieder, dass sie die schönste Frau der Türkei sei. Das muss man sich mal vorstellen einen solchen Narzissmus würde man in Deutschland einer Schauspielerin niemals verzeihen. In der Türkei dagegen ist das vollkommen in Ordnung, bis heute sind alle verrückt nach ihr. Als mein Roman verfilmt wurde, fragten wir Hülya Avsar, ob sie die Rolle der Leman spielen möchte. Sie hat zugesagt, das hat mich sehr gefreut. Sie selbst haben sich nie von dem Schönheitsideal unter Druck setzen lassen? Wenn man in so einem Land lebt, ist man nie ganz frei von dem, was um einen herum passiert. Als ich dieses Jahr auf der Leipziger Buchmesse war, sind wir in der Kantine einen Kaffee trinken gegangen. Da war ein blondes, sehr hübsches Mädchen mit einer tollen Figur, das dort kellnerte. Ich konnte nicht aufhören, sie anzustarren sie war so attraktiv, ich war wie geschockt. In der Türkei wäre sie wie ein Rohdiamant behandelt worden, man hätte sie sofort zur Miss Turkey gewählt! Sie hätte niemals ein normales Leben führen können, sondern wäre Sängerin, Bauchtänzerin, Schauspielerin oder Prostituierte geworden; man hätte ihr ein Preisschild verpasst, und es hätte sich schnell ein reicher Mann gefunden, der sie heiraten will. Doch hier in Deutschland machte sie einfach das, was junge Mädchen eben tun, um Geld zu verdienen: Sie jobbte als Kellnerin. Als ich mich beruhigt hatte, war ich darüber schockiert, wie sehr wohl auch ich der Gehirnwäsche des türkischen Schönheitswahns erlegen bin. Das Gespräch führte Karen Krüger. _-Autoren auf der Buchmesse Mittwoch, Donnerstag, privat Osman Engin Uhr _-Happy Hour Türkei. Osman Engin wirft einen satirischen Blick auf die Buchmesse. _-Stand, Halle 3.0, B 130 Helmut Fricke Rainer Herrmann Uhr Podiumsdiskussion»Das Bild der Türkei in den deutschen Medien«. Moderation: Oktay Yaman, Veranstalter: Zukunft Medien GmbH Forum Dialog, Halle Uhr Lesung und Diskussion»Wohin geht die türkische Gesellschaft? Kulturkampf in der Türkei«. Haus am Dom, Domplatz 3 Dragan Kujundžić Dragan Velikić Uhr Dragan Velikić im Gespräch mit Barbara Wahlster, Deutschlandradio. Blaues Sofa, Übergang Halle 5.1 zu Halle 6.1 Lisa Sciascia Anya Ulinich Uhr Lesung mit Anya Ulinich und Hörbuch-Sprecherin Jasmin Tabatabai aus ihrem Roman Petropolis. Moderation: Pieke Biermann FOCUS Forum Hörbuch, Halle 4.1, B 139

17 Seite 18 Mittwoch, 15. Oktober 2008 Frankfurter Allgemeine Zeitung zur Buchmesse > Termine Franz sagt: Politik muss von allen gestaltet werden! Hoffentlich wird das bei Tissy Bruhns Treffen mit Müntefering in Halle 3.0, B 170 noch mal diskutiert (live und nicht am Telefon). Autor, Komponist, Sänger, Regisseur: Zülfü Livaneli ist ein rastloser Künstler. Foto Edgar Schoepal Gastarbeiter, Ehrengast Die aktuelle türkische Literatur hat alles Provinzielle abgeschüttelt sagt einer, der es wissen muss. Von Zülfü Livaneli Zwischen Steppe und Garten? Türkische Literatur aus 1000 Jahren erklären Hubert Spiegel und Wolfgang Günter Lerch am F.A.Z.-Stand. Halle 3.1 D Begegnungen mit dem Serienmörder. Jetzt sprechen die Opfer oder Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot. Fällt Ihnen etwas auf? Der kurioseste Buchtitel des Jahres wird gekürt im Börsenblatt- Café im Zentrum, 4.0 G 1337 Katzenjammer. Mickey Mouse, der alte Knacker, wird achtzig Geburtstagsparty im Comic- Zentrum Halle Amazon zeigt, wie man groß wird. Das dürfte auch Verlage interessieren. Empfehlenswerter Nachhilfeunterricht im Forum Innovation, Halle 4.2 P Foto dpa Foto Reuters Die Signierstunde bei Anna Wahlgren zu ihrem Durchschlafbuch Die sanfte Schlafkur für dein Baby kann man ruhig verschlafen. Wer dennoch sein Glück versuchen möchte: Bei Beltz, Halle 3.1 F 138. Anlässlich eines Schriftstellertreffens im Jahr 1970 in New York berichtete mein Freund Yaşar Kemal, welcher politische Druck auf die türkischen Autoren ausgeübt werde: Ihnen drohe Gefängnis oder gar der Tod. Daraufhin meinte der amerikanische Schriftsteller Kurt Vonnegut: Was habt ihr es gut! Das heißt doch: Man nimmt euch so ernst, dass man euch sogar tötet und ins Gefängnis wirft. Das beweist die große Bedeutung, die ihr für eure Gesellschaft habt. Vonneguts makabrer Einwurf enthielt ein Stück Wahrheit. Seitdem hat die Türkei einen Prozess durchgemacht, der die Literatur der Gesellschaft entfremdete und ihrer Bedeutung beraubte. Gedichten und Romanen schenken heute in der Türkei nicht mehr viele ihre Aufmerksamkeit. Fernsehen und Zeitungen haben deutlich größeren Einfluss als jede Literatur. Zwar existieren weiterhin Tabus wie bei der Kurden- oder Armenierfrage, dennoch kann man zumindest gesellschaftspolitisch von einer relativen Verbesserung sprechen. Vor zwanzig Jahren war es noch verboten, das Wort Kurde auch nur auszusprechen. Heute dagegen senden Radio- und Fernsehstationen Programme in kurdischer Sprache. Trotz schrecklicher Ereignisse wie der Ermordung meines Kollegen Hrant Dink ist die anatolisch-armenische Literatur in den Buchhandlungen vertreten. Die in Kurdisch geschriebenen Romane Mehmet Uzuns, eines hochgeschätzten Autors, der im vergangenen Jahr verstarb, treffen in türkischer Übersetzung auf großes Interesse. In der türkischen Literatur hatte die Lyrik immer einen sehr hohen Stellenwert. Bis zum neunzehnten Jahrhundert gab es wandernde Volksdichter und die mit dem osmanischen Hof verbundenen Diwan-Dichter, es gab Epen und Volkserzählungen mit eingestreuten Liedern und Reisebeschreibungen. Volkspoesie und Diwan-Lyrik flossen während der jahrhundertelangen osmanischen Herrschaft wie zwei getrennte Flüsse nebeneinander her. Bedienten sich die dem Hofe verbundenen Dichter einer Sprachmischung aus Arabisch, Persisch und Türkisch, so trugen die Volksdichter ihre in Hexametern gehaltenen Gedichte in türkischer Sprache vor. Diese zunächst mündlich tradierte Literatur fasste man gelegentlich in cönk genannten Sammlungen zusammen. Der alevitische Dichter Pir Sultan Abdal, ein Rebell aus dem sechzehnten Jahrhundert, wurde im anatolischen Sivas hingerichtet. Vierhundert Jahre später erlitten dreiunddreißig Dichter und Schriftsteller, die sich zum Gedenken an jenen Pir Sultan Abdal in Sivas versammelt hatten, das gleiche Schicksal: Sie wurden von radikalen Islamisten bei lebendigem Leib angezündet und getötet. Von der türkischen Lyrik, die in der letzten Phase des Osmanischen Reichs den Freiheitsgedanken gegen die Monarchie behauptete, war auch Mustafa Kemal Atatürk beeinflusst. Wir wissen, dass er das Gedicht Tevfik Fikrets mit den bekannten Halbversen Vatanim ruy-i zemin, milletim nev-i beşer ( Mein Vaterland ist die ganze Erde, mein Volk ist die ganze Menschheit ) häufig auswendig aufsagte. In den ersten Jahren der 1923 gegründeten Republik konnte die türkische Lyrik ihren Stellenwert behaupten. Alsbald stieg ein junger Dichter wie ein Komet am Himmel Staatsgründer Atatürk rezitierte gern Gedichte: Die Lyrik hat in der Türkei eine längere Tradition als der Roman. Foto Frank Röth der türkischen Literatur auf: Nazim Hikmet. Er bot Bilder von Arbeitern und Maschinen und weckte aufrührerische Gefühle. Nazim Hikmet hatte in Moskau studiert und verehrte Majakowski. Hikmets Lyrik löste heftige Auseinandersetzungen aus. Schließlich wurde er unter fadenscheinigen Begründungen eingesperrt und musste siebzehn Jahre in anatolischen Gefängnissen verbringen. Bis 1960 blieben seine heimlich gelesenen Gedichte verboten. Obwohl Nazim Hikmet schon 1963 im Moskauer Exil starb, gehört er noch immer zu den am meisten angefeindeten Dichtern. Verglichen mit der Lyrik, blickt der türkische Roman auf eine wesentlich kürzere Entwicklungsgeschichte zurück. Der 1872 erschienene Roman Die Verliebtheit von Talat und Fitnat von Şemsettin Sami war der erste Versuch dieser Art; Halit Ziya Uşakligil veröffentlichte im Jahr 1900 mit Verbotene Liebe den ersten bedeutenden türkischen Roman. Bis heute existieren zwei Hauptströmungen: die Literatur Istanbuls und die Anatoliens. Anführer jener Autoren, die die Welt der armen anatolischen Dörfer beschrieben, wurde bald der junge Yaşar Kemal. Mit seinem Roman Memed, mein Falke von 1955 leistete er das, was Nazim Hikmet für die Lyrik erreichte. In den vergangenen Jahren dagegen trat eine neue Schriftstellergeneration auf den Plan: Orhan Pamuk und Elif Şafak zählen zu jenen erfolgreichen Autoren, die die angelsächsische Romantradition übernahmen. Anders als die von Anatolien geprägten engagierten Autoren, die sich vor allem für gesellschaftliche Probleme interessieren, folgen diese Schriftsteller den Spuren von Romanautoren, die im neunzehnten Jahrhundert in Istanbul unter dem Einfluss der westlichen Literatur ihre türkische Madame Bovary, ihre Anna Karenina, ihren Julien Sorel, ihren Wilhelm Meister und ihren Werther suchten. Ihr Thema ist das Leben des gebildeten Istanbuler Bürgertums. Mir selbst scheint es dabei oft so, als ob den Türken manche innere Perspektive fehlt. Wir Türken empfinden häufig kein Gefühl der Schuld, sondern allenfalls der Scham. Das Gefühl von Verantwortung und Schuld, das die protestantische Kultur prägt, gehört nicht zu den grundlegenden Haltungen der Muslime. Daher habe ich vor Jahren einmal gemeint, in der türkischen Literatur würde man nur schwerlich einen Charakter vom Schlage Raskolnikows finden. Ob das immer so bleibt? Vierzig Jahre nachdem die ersten Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind, ist die Gast-Literatur, die nach Frankfurt kommt, eine reiche und interessante Literatur. In ihr findet man viele einander diametral entgegengesetzte Strömungen und Tendenzen genau wie in unserem Land, der Türkei, in der Tradition und Moderne, Ost und West miteinander konkurrieren. Zülfü Livaneli, geboren 1946 in Konya-Ilgin, zählt zu den führenden Intellektuellen der Türkei. Auf Deutsch ist soeben bei Klett-Cotta sein Roman Glückseligkeit erschienen. Aus dem Türkischen von Wolfgang Riemann.

18 Knabenblau! Sommer 77, die letzten Wochen vor dem Deutschen Herbst. Eine bleierne Zeit, auch für den 16-jährigen Thorsten. Keine wilden Feuchtgebiete spätpubertäre Trockenzone, so weit das Auge reicht... Morgen erfahren Sie mehr...

19 Seite 20 Mittwoch, 15. Oktober 2008 Frankfurter Allgemeine Zeitung zur Buchmesse > Termine Nachdem er seinem Gaul einen Namen, und zwar so sehr zu seiner Zufriedenheit, gegeben, wollte er sich auch selbst einen beilegen, und mit diesem Gedanken verbrachte er wieder volle acht Tage; und zuletzt verfiel er darauf, sich Don Quijote zu nennen : Die Neuübersetzung wird vorgestellt im Übersetzer-Zentrum, Halle Henriette und Joachim Kaiser trifft man bei Ullstein (Halle 3.0) und die New Yorker Cheesecake-Spezialistin Cynthia Barcomi bei Goldmann, Halle 3.0, B 167. Foto dpa Auf ein Gläschen. Auch DuMont lädt ein zum Wein mit Wiglaf Droste und Nikolaus Heidelbach. Halle 4.1, G 101. Parallelwelten zur Happy- Hour: türkische Spezialitäten gibt es bei Osman Engin am Stand von dtv, Halle 3.0, B 130. Wahnsinnig visionär Paulo Coelhos abenteuerlicher Weg vom Satanismus zum Weltrekord / Von Felipe Tadeu Das Prinzip Paulo Coelho besteht aus zwei Worten: Moderne Märchen. Damit begeistert er schon seit Jahrzehnten Leser in der ganzen Welt. Deshalb geraten bei Coelho mittlerweile sogar Verlagsbuchhalter ins Träumen: Hundert Millionen verkaufte Bücher, Übersetzungen von Der Alchimist in 67 Sprachen. Um diesen Weltrekord zu feiern, gibt der Diogenes-Verlag heute Abend eine Party für seinen brasilianischen Star. Er ist der Beweis dafür, dass übernatürliche Kräfte im Laufe von sechs Jahrzehnten so einiges mit einem Menschen anstellen können denn er begann einst als Hippie und Rockmusik-Texter. In den siebziger Jahren schrieb Coelho Songtexte für die wichtigsten Repräsentanten der brasilianischen Gegenkultur. Politisch war Brasilien zu der Zeit kaum mehr als eine Bananenrepublik unter einem Militärregime. Trotzdem pulsierte die brasilianische Musikszene lernte Coelho Raul Seixas kennen, der sich wie er für Mystik und Rock n Roll interessierte. Sie wurden Freunde, und Seixas überredete Coelho, seine ersten Songtexte zu schreiben. Coelhos libertäre Ideen spiegelten nicht nur den Zeitgeist wider, sondern auch seine traumatische Beziehung zu seinen Eltern. Sie hatten ihn als Jugendlichen wegen seiner rebellischen Haltung in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen, wo er mit Elektroschocks behandelt wurde erschien die erste Platte von Raul Seixas, Krig-Ha Bandolo! Fünf von elf Texten stammten aus Coelhos Feder, und Alchimist des Erfolgs: Wer hätte gedacht, dass der Rockmusiktexter Coelho ein Autor für die Welt werden würde? Foto Julia Zimmermann die Platte wurde zu einem großen Verkaufserfolg. Neben der Musik gab es für die Freunde drei Dinge: Marihuana, LSD und ihre gemeinsame Verehrung für den britischen Satanisten Aliester Crowley Die fehlende Strophe wurde das Duo festgenommen und verhört. Schnell stellte sich heraus, dass die rechten Militärs es vor allem auf Coelho abgesehen hatten, obwohl Seixas ungleich bekannter war. Unmittelbar nach dem Verhör durch die Polizei wurden Coelho und seine damalige Frau von einer paramilitärischen Gruppe verschleppt und eine Woche lang gefoltert. Ziel der Befragungen war die Strategie der linken Guerrilla in Nordosten Brasiliens, von der Coelho nicht den Hauch einer Ahnung hatte. Nach ihrer Freilassung gingen Coelho, Seixas und ihre Frauen ins Exil in die Vereinigten Staaten. Als Visionäre und Wahnsinnige, die sie waren, vermarkteten sie sich entsprechend. Mit zunehmendem Erfolg kam allerdings die Krise; 1976 trennten sich die Wege der beiden. Doch Coelhos Traum war nicht der Rock n Roll besuchte er das ehemalige Konzentrationslager Dachau und hatte dort eine Vision, die ihn zutiefst veränderte. Er entsagte den Drogen und beschloss, ein weltbekannter Schriftsteller zu werden. Nach zwei erfolglosen Buchprojekten wendete sich das Blatt 1986 mit O Diário de Um Mago. Schrittweise erfüllte sich Coelhos Traum vom Erfolg. Bei der Eröffnung der Buchmesse sagte er gestern über seinen entspannten Umgang mit den eigenen Urheberrechten im Internet, er investiere in etwas, für das jeder einzelne Schriftsteller auf der Welt dankbar wäre: eine möglichst große Leserschaft für seine Werke. Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler. Auftakt nach Versmaß: Ein Heine-Manuskript auf der Antiquariatsmesse / Von Andrea Hünniger Kritikerempfang bei Suhrkamp im Unseld-Domizil am Holzhausenpark: Nur für Inhaber einer Einladung Brigitte Zypries und Feridun Zaimoglu gehen gemeinsam suchen. Zu finden sind beide in Halle 3.0, B 170 bei der Berliner vorwärts Verlagsgesellschaft. Die Antiquariatsmesse ist ein fester Teil der Buchmesse und angesiedelt in Halle 4.0. Dort bietet Lion Heart Autographs eine Sensation an: einen Entwurf zum Caput VII aus Heinrich Heines Deutschland ein Wintermärchen. Seine tiefe Abneigung gegen Schnurren, Pudel, Dissertationen, Teedansants, Wäscherinnen, Kompendien, Taubenbraten, Guelfenorden, Promotionskutschen, Pfeifenköpfen, Hofräten, Justizräten, Relegationsräten, Profaxen und andere Faxen, kurz: das ganze Deutschtum, hatte sich bei Heine schon in seinen Göttinger Studienjahren gebildet. Der Stand des Viehs, schreibt er in der Harzreise, war der bedeutendste dieser Stadt, und die Zahl der Göttinger Philister muss sehr groß sein, wie Sand, oder besser gesagt, wie Kot am Meer. Mit solchen Zeilen kam er auf die Listen der Zensoren. So schnell wie sie strichen, verließ Heine Deutschland, um aus Paris seine Zeit schonungslos zu beschreiben. Dafür wurde er in Deutschland verboten entstand dann Deutschland ein Wintermärchen. Erfolglos erging nach Veröffentlichung ein Haftbefehl gegen den Dichter, und ebenso erfolglos verbrannten die Nationalsozialisten später seine Bücher, denn das Buch ist das Porträt eines Landes, das nicht von Dichtern, sondern von sich selbst verraten wurde. Dieser Verrat ist im Caput VII in einem Bild zusammengefasst: Heine wandert durch Köln und kennzeichnet mit seinem Herzblut jeden Türpfosten Symbol der Schuld und Richterspruch, der ein Todesurteil verhängt. Das in Frankfurt angebotene Autograph enthält eine unveröffentlichte Strophe aus dem Caput VII. Eine Variante dieser später gestrichenen Passage war bisher nur aus einem Manuskript bekannt, das in der französischen Bibliotheque Nationale liegt. Foto Frank Röth Für Buchhändler: Es gibt ein Leben jenseits von Amazon! Ein Vortrag über Erfolg im Internet: Bei escriptum in Halle 4.2, J 443. Harte Arbeit am Meisterwerk: die ersten zwei Strophen von Heines Manuskript Foto Lion Hearts Franzosen und Russen gehört das Land das Wasser gehört den Briten, wir besitzen im Reiche des Traum, die Herrschaft unbestritten Hier üben wir die Hegemonie Sind gross und unzerstückelt Die andern Völker haben sich Auf platter Erde entwickelt. Nur wachend, am Tage, ist uns nicht wohl, Dann fehlen der Seele die Federn; Sie hat sich gemausert, die arme Seel, Und wurde hölzern u. ledern.

20 Frankfurter Allgemeine Zeitung zur Buchmesse Mittwoch, 15. Oktober 2008 Seite 21 Seltener Fisch? Den macht Dina Rautenberg zu gesticktem Gold. Aber bitte mit Handschuhen! Leistungsschau der Illustratoren / Von Andreas Platthaus Eine Idee mit Folgen: Ein Jahr lang ließ die Illustratoren-Organisation (IO) fünf Skizzenbücher unter ihren Mitgliedern wandern. Jeder hatte eine Woche Zeit, um zu einem vorgegebenen Thema eine Seite zu füllen. Die Resultate liegen nun für die Dauer der Messe am Stand der IO in Halle 4.1 Q 146 aus abgegriffen, angestoßen, leicht gewölbt, aber beim Aufblättern von Seite zu Seite begeisternder wie etwa das Skizzenbuch zum Thema Traumwelt/Phantasiewelt, aus dem wir hier eine gestickte Illustration von Dina Rautenberg abbilden. Foto Julia Zimmermann Nachdem die Verwirklichung dieses Plans die Organisatoren schon genug Nerven gekostet haben, weil zwischendurch ein Buch verschwand und nicht jeder Künstler die Zeitvorgabe beachtete, unterliegt die Betrachtung der fünf Folianten nun verschärfter Kontrolle. Nur unter Aufsicht und mit Handschuhen dürfen die Besucher in den Skizzenbüchern blättern. Aber das lohnt sich allemal. Es ist eine veritable Leistungsschau der IO. Und selbst die Grußpostkarten, die sich die Illustratoren im Laufe der Aktion zuschickten, sind noch eingelegt. Jeder Apfel ist anders Der Frauen-Comic Pomme d amour / Von Rose-Maria Gropp Sieben Liebesgeschichten, die von sieben Frauen gezeichnet sind. Eine wilder, eigensinniger als die andere. Denn sie sind Comic-Zeichnerinnen, rare Spezies in einer ausgesprochenen Männerdomäne. Und weil wir Frauen sind, sagte Barbara Yelin gestern Abend, haben wir uns auch dem weiblichen Klischee gestellt. Sie meinte das nicht nur ironisch, als sie mit ihren beiden Kolleginnen Verena Braun und Ulli Lust den Comic-Band Pomme d amour im atelierfrankfurt vorstellte, einer ausgesprochen kühlen location. An den Wänden hingen ein paar Originale von den Storyboards, für einen kleinen Auftritt, ohne Glamour, zu dem doch ein paar Leute fanden, um drei Pionierinnen aus Berlin und Hamburg zu betrachten (deren Buch im Verlag Die Biblyothek ohne Unterstützung der Frankfurter Maecenia-Stiftung in Deutschland gar nicht hätte veröffentlicht werden können). Sieben Lebensabschnitte haben sie untereinander verteilt. Claire Lenkova erzählt vom kleinen Mädchen, das vor dem Garten mit Apfel und Erkenntnis blieb, um eine Künstlerin zu werden. Paz Boïra braucht für ihren Liebeszauber fast nur traumschwere Bilder von Mann und Frau. Bei Laureline Michon züchtet der Retter Mohammed aus der Pariser Banlieu Rotes Basilikum für seine Prinzessin, die aus einer Party nachts in die Gosse gestolpert ist, und Élodie Durand sinniert über die berühmten Hälften. Furios zeichnet Barbara Yelin das Leiden der schlaflosen Sarah; Verena Braun richtet eine Sintflut im Zoo an, um ein Paar zur Liebe zurückzuführen, und Ulli Lust widmet sich in Überflüssig jener Altersklasse, in der das Zaudern alles verderben kann. Was die jungen Frauen also da machen wollen? Anfangen!, sagte Ulli Lust. Neue Vorbilder schaffen. So schön schlafen müde Frauen. Abb. bespr. Band Wer die Atatürk Biografie von Klaus Kreiser liest, der versteht, C.H.BECK warum die Türkei so ist, wie sie heute ist und warum Mustafa Kemal eine zentrale Rolle spielt. Jacques Schuster, Die Welt Klaus Kreiser, Atatürk. Eine Biographie. 334 Seiten mit 38 Abbildungen und 4 Karten. Gebunden EUR 24.90

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