MDK- Forum. Telemedizin in Deutschland. Fern und doch so nah? Das Magazin der Medizinischen Dienste der Krankenversicherung.

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1 Heft 12. Jahrgang Juni MDK- Forum Das Magazin der Medizinischen Dienste der Krankenversicherung In dieser Ausgabe Neues Begutachtungsverfahren zur Feststellung von Pflegebedürftigkeit Seite 16 Deutliche Verbesserungen für Demenzkranke Seite 19 Patientenschulungen Jacqueline kriegt keine Luft! Seite 21 Unbestechliche Ärzte Mein Essen zahl ich selbst Seite 30 MDS mit neuem Träger Umstieg mit Augenmaß Seite 31 Fern und doch so nah? Telemedizin in Deutschland ISSN

2 Editorial Liebe Leserinnen und Leser, Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von Preußen thun kund und fügen hiermit zu wissen, so begann die Kaiserliche Botschaft am 17. November Sie wurde verlesen durch Otto von Bismarck im Weißen Saal des Schlosses mit ausdrucksvoller Stimme wie es in zeitgenössischen Berichten heißt. Damit wurde der Grundstein für das im Mai 1883 verabschiedete und im Juni 1883 verkündete Gesetz, betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter gelegt. Explodierende Bevölkerungszahlen, schwerste Arbeitsbedingungen und schlechte Wohnverhältnisse führten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu massivem sozialen Elend der Arbeiter. Bismarck erkannte die Sprengkraft dieser sozialen Problematik. Aber es war weniger der soziale Fürsorgegedanke als der Versuch, der erstarkenden Sozialdemokratie den politischen Nährboden zu entziehen, der ihn die Krankenversicherung einführen ließ. Seine politischen Mittel waren erst Repression, dann Reform erst Sozialistengesetze, dann Sozialgesetzgebung. In den 1880er Jahren entstanden die noch heute tragenden Systeme der sozialen Sicherung: Krankenversicherung, Unfallversicherung und Invaliditäts- und Altersversicherung. Zwei Weltkriege, wirtschaftlich schwierigste Zeiten und unzählige Reformen hat das Modell überstanden und es funktioniert noch immer! Allerdings haben die aktuellen Probleme kaum noch mit denen zu tun, deretwegen die Krankenversicherung vor 125 Jahren eingeführt wurde: Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung im Jahr 2007 von 76,6 Jahren für neugeborene Jungen und 82,1 Jahren für neugeborene Mädchen geht es heute darum, dass jeder Bürger gleichberechtigt vom Know How der Medizin profitieren und an modernen Entwicklungen teilhaben soll. Ein Beispiel für die rasanten Entwicklungsmöglichkeiten ist die Telemedizin, das Schwerpunktthema dieser Ausgabe. Die Möglichkeiten, die in Diagnostik und Therapie selbst unter Überwindung zeitlicher und räumlicher Distanzen zwischen Ärzten und Patienten durch die Telemedizin bereit stehen, waren noch vor wenigen Jahren unvorstellbar. Die Fragen, die uns heute beschäftigen, lauten daher: Was ist machbar? Was ist sinnvoll und nützt dem Patienten? Und: Was ist bezahlbar? Die Möglichkeiten scheinen beinahe unbegrenzt die Mittel nicht! Ihr Dr. Ulf Sengebusch

3 Inhalt Schwerpunkt Die Gesetzliche Krankenversicherung hat Geburtstag 2 Fern und doch so nah? Telemedizin in Deutschland 3 Datenschutz nicht über Patientenschutz stellen! 6 Interview mit Prof. Dr. Roland Trill Muss die Telemedizin in Zukunft eine größere Rolle in der medizinischen Versorgung spielen? 8 Pro und Contra Telemedizinische Projekte in Deutschland Drei Beispiele 9 Intelligentes Wohnen im Alter Kann eine High-Tech-Wohnung den Umzug ins Pflegeheim ersetzen? 12 Elektronische Krankenakte auf Google Health 13 Telemedizin für Reisende 14 Kranken- und Pflegeversicherung Neues Begutachtungsverfahren zur Feststellung von Pflegebedürftigkeit 16 PEA-Begutachtungs-Richtlinie tritt zum 1. Juli in Kraft Deutliche Verbesserungen für Demenzkranke 19 Was leisten Patientenschulungen? Jacqueline kriegt keine Luft 21 Neue Gefahren durch Online-Spieleplattformen Ambulanz für Spielsucht eröffnet 23 Gesundheits- und Sozialpolitik Gesundheitsreform Jetzt kommt der Fonds erst recht! 24 Demenz Vorzeigeprojekte in Rheinland-Pfalz 26 Bessere Koordination von Beratung und Betreuung BMG wählt Pilot-Pflegestützpunkte aus 28 Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte Mein Essen zahl ich selbst 30 Organisation und Management 34 MDS mit neuem Träger Umstieg mit Augenmaß 31 Inhaltlich steht der Übergang für Kontinuität 32 Interview mit Dieter F. Märtens und Dr. Volker Hansen MDK im Dialog MDK Niedersachsen und MDK Westfalen-Lippe MDK-Fortbildungen zur Palliativ-Versorgung 34 Menschen und Nachrichten Veranstaltungen 36 1

4 Die Gesetzliche Krankenversicherung hat Geburtstag V or 125 Jahren, am 31. Mai 1883, wurde das Gesetz betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter auf Initiative des Reichskanzlers Otto von Bismarck im Reichstag verabschiedet. Es legte den Grundstein für die große Karriere der Prinzipien Solidarität, Selbstverwaltung und Sachleistung, die bis heute weiter wirken. Dieses Gesetz war kluges politisches Kalkül. Kaiser Wilhelm I und sein Reichkanzler wollten verhindern, dass immer mehr Menschen, die unter unzumutbaren Bedingungen in Fabriken arbeiten und in feuchten Wohnungen mehr vegetieren als leben mussten, sich der sozialistischen Bewegung zuwandten. Das Krankengeld wurde die erste und wichtigste Leistung der neuen Pflichtversicherung. Ärztliche Behandlung, Arzneien, Krankenhausbehandlung, Sterbegeld und Unterstützung für Wöchnerinnen kamen wenig später hinzu. Die Beiträge der neu eingeführten Pflichtversicherung wurden zu einem Drittel von den Arbeitgebern und zu zwei Dritteln von den Versicherten finanziert. Kasseneigenes Versorgungsangebot 1911 wurde die Reichsversicherungsordnung eingeführt, mit der alle Zweige der Sozialversicherung in einem einheitlichen Gesetzeswerk zusammengeführt wurden. In den 1920er Jahren bauten vor allem die großen Ortskrankenkassen kasseneigene medizinische Versorgungsangebote auf. In ernste finanzielle Schwierigkeiten geriet die Krankenversicherung ebenso wie die anderen Versicherungszweige mit beginnender Weltwirtschaftskrise in den 1920er Jahren. Leistungen wurden eingeschränkt und zusätzliche Gebühren zum Beispiel bei Arzneimitteln erhoben. Wenn Entlassung drohte, war das Krankengeld neben dem Arbeitslosengeld häufig die einzige sichere Einnahmequelle. Viele Arbeiter meldeten sich krank, um wenigstens für ein paar Wochen noch Krankengeld zu erhalten. Die Krankenkassen reagierten mit scharfen Kontrollen. Vertrauensärztlicher Dienst ins Leben gerufen 1930 wurden die Krankenkassen per Gesetz verpflichtet wurden, so genannte Vertrauensärzte einzustellen. In der Rechtsverordnung hieß es, dass die Kassen verpflichtet sind, die Bescheinigung des behandelnden Arztes über die Arbeitsunfähigkeit und seine Verordnungen, insbesondere soweit sie ärztliche Sachleistungen betreffen, in den erforderlichen Fällen durch einen anderen Arzt (Vertrauensarzt) rechtzeitig nachprüfen zu lassen. Dies war die Geburtsstunde des Vertrauensärztlichen Dienstes (VÄD). Der VÄD war organisatorisch bei der Rentenversicherung angesiedelt, wurde aber von Krankenversicherung finanziert. Die Kontrolle der Arbeitsunfähigkeit machte den größten Teil seiner Tätigkeit aus. Bis zur Einführung der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall durch die Arbeitgeber im Jahr 1969 wurde nahezu jeder dritte Arbeitsunfähigkeitsfall dem VÄD vorgelegt. Entsprechend war das Image des Vertrauensarztes schlecht: Vielen Arbeitnehmern galt er als Kontrolleur und Gesundschreiber. Gesundheitsreform 1989: Aus VÄD wird MDK In den 1970er und 1980er Jahren verstärkten sich die Bestrebungen der Krankenkassen, einen medizinischen Beratungs- und Begutachtungsdienst in eigener Trägerschaft zu begründen. Das Gesundheitsreformgesetz, das am 1. Januar 1989 in Kraft trat, brachte den Durchbruch: Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung wurde ins Leben gerufen. Nicht mehr nur Begutachtung, sondern die medizinische Beratung der Krankenkassen und ihrer Verbände sollte im Vordergrund stehen. Die Krankenversicherung ist durch das Fünfte Sozialgesetzbuch aufgefordert, selbst gesundheitspolitisch gestaltend aktiv zu werden. Darin wird sie von ihrem Medizinischen Dienst zum Beispiel durch dessen Mitwirkung in den Arbeitsgremien des gemeinsamen Bundesausschusses oder in den Ausschüssen für Fragen der pflegerischen Versorgung auf Bundes- und Landesebene unterstützt. Die Geschichte der GKV ist bis heute eine Erfolgsstory: Für rund 86 Prozent der Bevölkerung bietet die Gesetzliche Krankenversicherung die Sicherheit, im Krankheitsfall schnelle und umfassende medizinische Unterstützung zu erhalten. Fast 220 Kassen, über Kliniken und rund Vertragsärzte garantieren eine medizinische Versorgung nach neuestem Stand und auf höchstem Niveau. Herzlichen Glückwunsch, GKV! (se) 2

5 Schwerpunkt Fern und doch so nah? Telemedizin in Deutschland Von Melanie Volberg T elemedizin hat sich vor allem bei der räumlichen Trennung von Arzt und Patient bewährt. Die Regierungen Europas sind überzeugt: Sie wird die Qualität der Versorgung vor allem chronisch Kranker verbessern und die Kosten im Gesundheitssystem senken. Realität oder Illusion? Wo geht die Entwicklung hin? Scotty, Ingenieur von Raumschiff Enterprise, wird plötzlich ohnmächtig und atmet kaum noch. Problem: Die Enterprise ist auf Mission im Weltall und Lichtjahre von der Erde entfernt. Für die Ärzte an Bord aber kein Grund zur Sorge: Nur einmal mit einer Art Scanner über Scottys Körper, die gesammelten Daten an den Computer gefunkt, und schon spuckt der, nachdem er mit den Experten auf der Erde gesprochen hat, die Behandlungsmethode aus. Den Weg zur Weltall-Apotheke kann sich das Raumschiff auch sparen, denn der Computer mixt auch gleich das passende Medikament. Betreuung rund um die Uhr Die Episode der Serie aus den 1960er Jahren ist längst keine Science Fiction mehr. Zwar gibt es noch nicht den Super-Scanner, aber medizinische Befunde oder Vitaldaten können heute mittels der Internet- und Telekommunikationstechnik bequem ausgetauscht werden. Die Telemedizin nimmt uns Arbeit und dem Patienten viel Fahrtund Wartezeit ab, stellt Detlef Jäger, Kardiologe und Chefarzt am Klinikum Friedrichshafen, zufrieden fest. Das Klinikum testete die Betreuung von Herzpatienten zu Hause per Datenleitung. Medizinische Sensoren am Körper erfassen zum Beispiel rund um die Uhr Herzschlag- und Blutdruckwerte. Ist der Patient außerhalb seiner Wohnung, trägt er ein Empfangsgerät. Das kann auch einfach sein bluetooth-fähiges Handy sein. Kommt es zu auffälligen Veränderungen, sendet das Handy eine SMS an ein telemedizinisches Zentrum, einen Arzt oder das Krankenhaus. Die werten die Informationen aus und rufen den Patienten bei Gefahr sofort an. In Friedrichshafen wurde auch geprüft, wie Patienten sich fühlen, wenn die Sprechstunde mit dem Kardiologen vor dem heimischen Fernseher stattfindet. Die meisten Patienten fühlen sich zu Hause wohler. Die private Umgebung wirkt sich positiv auf das Befinden, und damit auf die Genesung der Patienten, aus, sagt Jäger. Bei Langzeitanwendungen lässt Patientenmotivation nach Telemedizinanwendungen gibt es in Deutschland bisher nur ansatzweise. Sie sind noch nicht Teil der Gebührenordnung der Ärzte. Sie müssen in der Regel von den Kliniken selbst finanziert werden, wenn sie nicht im Rahmen von Forschung (Universitätskliniken, Programme der EU oder einzelner Bundesländer) gefördert werden. Diana Schmidt, Professorin im Studiengang Medizinische Informatik an der Hochschule Heilbronn, ist letztes Jahr von einer Forschungsreise zum Vergleich der Telemedizin in Deutschland und den USA zurückgekehrt. Ihre Ergebnisse: In den USA hat Home Telehealth eine 20-jährige Geschichte und ist entsprechend weit entwickelt. Im Gegensatz dazu gab es in Deutschland vor der Jahrtausendwende kaum Publikationen zu diesem Thema. An der 20-jährigen Entwicklung der Projekte sehe man, wie lange es dauere, bis ein solches Projekt reif für die klinische Routine ist. Und die Forscherin Schmidt stellte fest, dass die Erfahrungen der USA-Ärzte aus einem Langzeitprojekt, der Behandlung von Mukoviszidose, hochfliegende 3

6 Schwerpunkt Pläne auf den Boden der Tatsachen zurückholen: Die Motivation der Patienten ließ nach einem Jahr nach, Messungen blieben aus. Wenn aber die häuslichen Messungen nicht langfristig anhaltend durchgeführt werden, nutzen auch die besten Daten nichts. Eine weitere Erfahrung aus den USA: Die Menge der Daten, die häusliche Messungen erzeugen, ist für die manuelle Auswertung durch vorhandenes klinisches Personal oft zu groß. Der Sprung in die klinische Routine gelingt nur, wenn die Daten automatisch ausgewertet werden. Auf dem Land oft die Rettung Telemedizin bei Herzinsuffizienz: Per Messgerät werden Vitaldaten wie EKG-Werte kontinuierlich erfasst und vom Patienten an die Klinik gesendet Trotzdem ist die Gesundheitsversorgung zu Hause per Datenübertragung das am schnellsten wachsende Gebiet der Telemedizin in den USA. Die Staaten sind ländlich strukturiert: 32 Menschen leben auf einem Quadratkilometer (Deutschland: 222). Telemedizin ist auch in Deutschland für Patienten auf dem Land oft die Rettung. Die Klinik im westfälischen Balve beispielsweise, einem Ort mit Einwohnern, kann sich keine medizinischen Experten für verschiedene Fachgebiete leisten. Sie sendet ihre Befunde an ein kooperierendes Krankenhaus, wo Experten zeitnah ein Feedback geben. Schnell lebensrettende Entscheidungen treffen, darin sieht auch Dr. Uwe Engelmann, Wissen schaftler am Deutschen Krebsforschungszentrum und Koordinator der jährlich stattfindenden Telemed-Tagung des Berufsverbandes Medizinischer Informatiker, die Vorteile der Telemedizin: Beim Schlaganfall eines Patienten müssen sie als Arzt sehr schnell die lebensentscheidende Wahl zwischen zwei Behandlungsmethoden treffen. Ist die Ursache eine Blutung oder eine Verstopfung? Bei einer Verstopfung müsste das Blut verdünnt werden. Ist die Ursache aber eine Blutung und man würde das Blut auch noch verdünnen, kann der Patient sterben. Finanzierung der Telemedizin Die Ärzte fordern daher IT-Maßnahmen, die ihre Kommunikation untereinander unterstützen; sind aber skeptisch, wenn es um die Behandlung der Patienten geht: Telematik ist eine Geldvernichtungsmaschine, sagt der Hausarzt und Vorstandsmitglied der KV Westfalen-Lippe, Dr. Arnold Greitemeier. Das Geld solle lieber ins Personal gesteckt werden als in Geräte, die vor allem ältere Patienten nicht bedienen können. Und Ärzteverbände betonen, dass Telemedizin das persönliche Arzt-Patienten-Gespräch nicht ersetzen, sondern nur ergänzen darf. Die Krankenkassen stehen den meisten Telematikprojekten kritisch gegenüber: Oft fehlt ein klarer Kosten-Nutzen-Nachweis, sagt Steffen Hilfer vom AOK-Bundesverband. Bei Home Telehealth sehe er die Gefahr, dass zu viele Daten gesammelt werden, die nicht ausgewertet werden können. Wichtig ist, dass Prozesse und Inhalte verbessert werden können. Handelt es sich dabei aber um Investitionen in die informationstechnische Infrastruktur des Krankenhauses, wie beim Beispiel der Röntgenbilder, ist die Krankenkasse gar nicht zuständig. Auch fehle ihm bei vielen Projekten der unmittelbare Patientennutzen, sagt Hilfer. Als positives Beispiel nennt der Kassenvertreter die Betreuung von Herzinsuffizienz-Kranken. Die Patienten schicken ihre Gewichts- und EKG-Werte während der Projektzeit in die Klinik und lernen so, selber mehr auf ihre Gesundheit zu achten. An einem ähnlichen Projekt ist die Techniker Krankenkasse beteiligt. Neue Form des Gesundheitswesen Die Telemedizinoptimisten sehen in der Technik eine Vision: E-Health wird die Gesellschaft verändern, ist Reinhold Mainz überzeugt. Der Informatiker beschäftigt sich seit den 80er Jahren mit der Informationstechnik in der Medizin. Während seiner beruflichen Stationen im Bundesgesundheitsministerium und bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung hat er den Wandel des Begriffes von der Telemedizin zu E-Health beobachtet. Bei E- Health geht es um eine patientenzentrierte Dienstleistung. Das geht über die technische Betrachtungsweise hinaus. Ein chronisch 4

7 Schwerpunkt Kranker brauche mehrere Ärzte und Sektoren. Und bei jedem Besuch bei einem neuen Arzt müsse er seine Krankheitsgeschichte neu erzählen und Dokumente durch die Weltgeschichte tragen. Die IT-Systeme zwischen ambulantem und stationärem Sektor sind nicht kompatibel. Die Bundesregierung arbeitet daher daran, mit der Einführung einer elektronischen Gesundheitskarte und elektronischen Gesundheitsakte sämtliche Gesundheitsinformationen über einen Patienten zu digitalisieren und die Infrastruktur anzupassen. Die integrierte und auf den Patienten ausgerichtete Versorgung könnte wirklich realisiert werden. Die Versorgung des Patienten würde verbessert. Viele Märchen Telematik: Telematik (zusammengesetzt aus Telekommunikation und Informatik) verknüpft die Technologiebereiche Telekommunikation und Informatik. Sie ist Mittel der Informationsverknüpfung von mindestens zwei EDV-Systemen mit Hilfe eines Telekommunikationssystems, sowie einer speziellen Datenverarbeitung. Telemedizin: Telemedizin ist ein Teilbereich der Telematik im Gesundheitswesen und bezeichnet Diagnostik und Therapie unter Überbrückung einer räumlichen oder auch zeitlichen ( asynchron ) Distanz zwischen Arzt und Patienten oder zwischen zwei sich konsultierenden Ärzten mittels Telekommunikation. E-Health: Was der Kunstbegriff E-Health bzw. E-Gesundheit genau bezeichnet, darüber herrscht bisher keine Einigkeit. Eine gemeinsame Definition fehlt. Entsprechend umfassend angelegt ist daher der Definitionsversuch für den Begriff E-Health von Eysenbach (2001): Er sieht darin nicht nur eine technische Entwicklung, sondern auch eine [...] (besondere) Denkweise, Einstellung und Verpflichtung zu vernetztem und globalem Denken, um die Gesundheitsversorgung [...] durch den Gebrauch von Informationsund Kommunikationstechnologie zu verbessern. Im Bereich der Versorgungsverbesserung werden viele Märchen erzählt, sagt Achim Jäckel, längjähriger Herausgeber des Telemedizinführer Deutschland. Dass zum Zeitpunkt der Behandlung wirklich alle Daten über den Patienten vorliegen, hält er für eine Idealvorstellung. Auch dass mit wenig Aufwand Kosten eingespart werden können, hält er für nicht richtig: Die Beteiligten müssten zum Beispiel geschult werden, der ganze Prozess müsse organisiert werden solche Kosten werden oft außer Acht gelassen. Auch Mainz gibt zu Bedenken: Nicht jeder Arzt braucht alle Informationen. Zudem sind zum Beispiel die Operationsberichte für die Krankenkassen geschrieben worden, um die Leistung abzurechnen oder Statistiken anzufertigen. Die ärztlichen Kollegen, die den OP-Bericht schnell auswerten wollen, müssen sich durch für sie unnötige Details quälen und vermissen auf der anderen Seite medizinische Informationen. Der Arzt steht unter Druck, denn er hat neben dem Zeit- auch ein Haftungsproblem. Die Frage ist daher: Wer wählt die richtigen Informationen aus? Der Compu- ter? Mainz setzt auf intelligente Software, deren Entwicklung aber seine Zeit bräuchte. Von den skandinavischen Ländern könne man hier durchaus lernen. Deutschland holt auf Diese Einschätzung bestätigen auch die im Mai veröffentlichten Ergebnisse der Europäischen Kommission: Für die Dänen, Schweden, Finnen und mit etwas Abstand die Niederländer sind E-Health Anwendungen selbstverständlich. Der Grund: Es gibt vielfach bereits eine funktionierende Vernetzung zwischen Ärzten, Krankenhäusern, Laboren, Apotheken und Wohnungen der Patienten. Die Europäische Kommission bescheinigt Deutschland gute Chancen, die Verspätung auf dem Weg ins digitale Zeitalter bald wieder aufzuholen. Der Optimismus begründet sich so: Im Bereich E-Government (Serviceverbesserung der öffentlichen Hand durch Onlinetechnik) habe sich Deutschland gerade letztes Jahr um 30 Prozent gesteigert und liege damit unter den zehn Besten Europas. Alle europäischen Länder stehen unter Druck. Denn Gesundheit wird hier überwiegend aus staatlichen Töpfen finanziert und die steigende Lebenserwartung sowie veränderte Haushaltsstrukturen fordern neue Lösungen zum Beispiel in der häuslichen Pflege. Fazit Achim Jäckel meint, dass aus heutiger Sicht von der Telemedizin für Deutschland keine flächendeckende Versorgungsverbesserung erwartet werden kann. Aber Telemedizin könne in einem von Sparzwang und Kostendruck geprägten Gesundheitssystem helfen, die schlimmsten zukünftigen Engpässe in Organisation und Versorgung zu begrenzen. Und Reinhold Mainz weist darauf hin, dass die europäischen Regierungen zunehmend Telematikprojekte mit finanziellen Mitteln fördern. Dies verleihe auch den in der Medizintechnik wettbewerbsstarken deutschen Herstellern Auftrieb. Es sei allerdings ein langer Atem nötig. Melanie Volberg ist freie Journalistin 5

8 Schwerpunkt Datenschutz nicht über Patientenschutz stellen! Wachstumsmarkt ehealth Interview mit Prof. Dr. Roland Trill N eben dem klassischen Gesundheitssektor, zu dem u.a. Dienstleistungen wie ärztliche Behandlung oder häusliche Krankenpflege zählen, spielt auch der so genannte neue Gesundheitsmarkt wirtschaftlich eine immer größere Rolle. An der Fachhochschule Flensburg arbeitet Prof. Dr. Roland Trill vom Fachgebiet Krankenhausmanagement & ehealth schon länger zu diesem Thema. Mit MDK-Forum sprach er über seine Einschätzung des Wachstumsmarktes ehealth in Deutschland. Der Begriff ehealth fasst in diesem Kontext den Einsatz moderner Technologien der Telekommunikation und Informatik im Gesundheitswesen zusammen.? MDK-Forum: Herr Prof. Trill, vor einem Jahr haben Sie die Studie ehealth in Deutschland Bestandsaufnahme, Perspektiven und Chancen eines Wachstumsmarktes! veröffentlicht. Am Ende des Titels steht ein Ausrufezeichen. Warum?! Prof. Roland Trill: Weil die Herausforderungen des Gesundheitswesens der Zukunft ohne Unterstützung durch Informations- und Kommunikationstechnologien nicht werden bewältigt werden können. Ein Gesundheitswesen, das vor der Bewährungsprobe steht, eine immer älter werdende Bevölkerung mit sich dynamisch entwickelndem medizinischen Fortschritt zu versorgen, muss ganz einfach auf diese Technologien zurückgreifen, will es Qualität mit Wirtschaftlichkeit in Einklang bringen. Und vergessen Sie bitte nicht, dass der Patient der Zukunft Partner und nicht Opfer des Gesundheitswesens sein will. Das gewollte Patient- Empowerment verlangt nach Transparenz, was ein gestiegenes Informationsbedürfnis beinhaltet.? MDK-Forum: Wie definieren Sie in diesem Kontext den Begriff ehealth?! Prof. Roland Trill: Ich möchte ehealth ganz allgemein Prof. Dr. Roland Trill, Fachhochschule Flensburg als den Technologie-Einsatz (IT und KT) in einem vernetzten Gesundheitswesen verstehen, in dem der Bürger nicht nur in seiner Rolle als Patient eine aktive Rolle übernimmt. In diesem Sinne ist Telemedizin eine ehealth-anwendung.? MDK-Forum: Können Sie die Ergebnisse der Studie und ihren Nutzen für uns kurz umreißen?! Prof. Roland Trill: Die Studie hat den schon heute hohen Stellenwert von ehealth auch für die kommenden Jahre eindrucksvoll bestätigt. Wenn über 80 Prozent der Leistungsanbieter (und wir haben alle Sektoren abgefragt) ehealth-applikationen als wichtigen Wettbewerbsfaktor sehen, dann ist das ein beeindruckendes Ergebnis und ein Hinweis auf die Investitionsnotwendigkeiten in den kommenden Jahren. Noch dramatischer scheint mir die Einschätzung hinsichtlich des Wirtschaftsstandortes Deutschland. Ich kann schon sehr gut nachvollziehen, dass ehealth im globalen Wettbewerb immer wichtiger werden wird. Der Gesundheitsmarkt ist in allen Industrieländern ein Wachstumsmarkt. Sich hier zu behaupten, wird von großer Bedeutung sein!? MDK-Forum: Wenn Sie die Entwicklung im internationalen Kontext sehen: Wo steht Deutschland?! Prof. Roland Trill: Leider nicht vorn, da wo es hingehört! Mittlerweile gibt es in sehr vielen europäischen Ländern ecardoder Portalprojekte, die weiter sind als unser deutsches Projekt. Gerade der Blick nach Nordeuropa, z.b. nach Dänemark, zeigt, wie es gehen kann. Wir sollten uns davon verabschieden, den Datenschutz über den Patientenschutz zu stellen. Der selbstbewusste Bürger braucht keine Behörde, um seine Daten zu schützen, er kann und will selber entscheiden, wo im Gesundheitssystem seine Daten gespeichert werden und wie sie angewendet werden sollen. In unserer Studie wurde sehr deutlich, dass 6

9 Schwerpunkt dem Bürger seine Sicherheit in Gesundheitsfragen mehr bedeutet als das abstrakte Gut Datenschutz.? MDK-Forum: Auf welchen Feldern ist die ehealth-entwicklung am weitesten fortgeschritten? Gibt es Ihrer Erfahrung nach inhaltliche Mega-Trends?! Prof. Roland Trill: Sie erwarten jetzt bitte nicht, dass ich die ecard als Erfolgsmodell einordne. Leider wird dieses Beispiel von Gegnern der ehealth- Applikationen dazu verwandt, um die Umsetzbarkeit generell in Frage zu stellen. Dabei wird aber übersehen, dass das wichtigste Element der Entwicklung die Telematikplattform und nicht die ecard ist. Sehr positive Erfahrungen wurden beispielsweise mit der Teleradiologie gemacht. Und durch telemedizinische Unterstützung konnten auch bei der Betreuung im Bereich der Kardiologie große Fortschritte erzielt werden. Fortschritte, die dem Patienten dienen (z.b. seine Überlebenswahrscheinlichkeit verbessern), aber auch die Wirtschaftlichkeit der Versorgung positiv verändert haben. Qualität und Wirtschaftlichkeit gegeneinander auszuspielen ist beliebt, geht aber an der Sache vorbei! Die Zukunft wird den Patienten - und Gesundheitsakten gehören, die eine arztmoderiert, die andere bürgermoderiert. Die ersten Erfahrungen mit der elektronischen Fallakte machen Mut, diesen Weg konsequent weiter zu gehen. Beeindruckend finde ich, dass das Projekt von Krankenhäusern angestoßen wurde!? MDK-Forum: Sie bezeichnen die Studie als Hilfe für Entscheidungsträger im Gesundheitswesen. Wozu wurden die Erkenntnisse bisher verwandt?! Prof. Roland Trill: Unsere Studie kursiert bei fast allen Technologieanbietern, erlaubt sie doch eine Abschätzung der Entwicklung des Marktpotenzials, nicht nur global, sondern auch auf einzelne Anwendungen bezogen. Interessant ist auch, dass sich die Kostenträger besonders für technologische Verfahren interessieren. In ihnen sehe ich persönlich wichtige Anwender in den kommenden Jahren. Und nicht zuletzt hat uns die Studie in den Planungen bestätigt, einen Masterstudiengang ehealth an unserer Hochschule zu implementieren. Obwohl noch kein Absolvent auf dem Markt ist, nehmen die Stellenangebote kein Ende. Der nächste Durchgang beginnt übrigens in Herbst 2008.? MDK-Forum: Wo liegen Ihrer Meinung nach die Grenzen telemedizinischer Anwendungen?! Prof. Roland Trill: Technologisch sehe ich kaum Grenzen. Wir haben ja bereits alle notwendigen Basistechnologien. Neben dem Datenschutz bleiben noch zwei Punkte: die Finanzierung und die Grenzen in den Köpfen der Entscheidungsträger. ehealth muss natürlich finanzierbar sein und ich habe keine Bedenken, dass geeignete Business-Modelle entwickelt werden können. Sie müssen Eingang in die Finanzierungssysteme finden, auch indem mehr Wettbewerb zugelassen wird. Und der Einsicht, dass ehealth einen Wettbewerbsfaktor darstellt, müssen vermehrt auch Taten folgen. Den Mutigen, den Vorreitern soll dann aber auch die Zukunft gehören. Diese Forderung muss dann gegebenenfalls auch gegen die Verbände durchgesetzt werden.? MDK-Forum: Was wünschen Sie als Befürworter moderner Technologien und Projekte im Gesundheitswesen sich für die kommenden fünf Jahre?! Prof. Roland Trill: Unser Gesundheitssystem ist bereits jetzt und in Zukunft abhängig von intelligenten ehealth-lösungen. Es muss uns gelingen, zukünftig mehr ältere Menschen länger in ihren Haushalten medizinisch zu versorgen. Wir müssen es schaffen, auch in der Fläche (z.b. auf den Inseln) eine hochwertige medizinische Versorgung aufrecht zu erhalten. Ich verspreche mir von den Kostenträgern Anreize, um ehealth- Lösungen auch in die Regelversorgung zu übernehmen. Ich erwarte, dass sich zunehmend der Druck der Bürger erhöht, aktiver am Gesundheitswesen teilzunehmen. Auch hier sind die Kostenträger mit ihren Überlegungen oft schon viel weiter als viele Leistungsanbieter. Ich bin überzeugt, dass das Jahrzehnt der ehealth-anwendungen erst noch beginnen wird. Alle Beteiligten sollten versuchen, ihre nur die Partikularinteressen sehenden Brillen abzulegen und an einem Gesundheitswesen zu arbeiten, das Technologien dort einsetzt, wo sie zum Wohle der Bürger heute und zukünftig notwendig sein werden. Die Fragen stellte Andrea Steidle, MDS Zur Person Prof. Dr. Roland Trill Fachhochschule Flensburg University of Applied Sciences Fachgebiet Krankenhausmanagement & ehealth Kanzleistraße Flensburg Tel: 0461 / Die Studie ehealth in Deutschland (Hrsg.: Fachhochschule Flensburg und GEMINI Executive Search) kann in der 2. Auflage bei Prof. Trill angefordert werden. 7

10 Schwerpunkt Muss die Telemedizin in Zukunft eine größere Rolle in der medizinischen Versorgung spielen? JJa, meint Dr. Heinrich Audebert, Consultant Stroke Neurologist am St. Thomas Hospital in London. Bis 2006 leitete er das TEMPiS-Netzwerk (Telemedizinisches Projekt zur integrierten Schlaganfallversorgung) am Klinikum Harlaching in München. Speziell in der Prävention, der Notfallbehandlung, der Rehabilitation bis hin zu ferngesteuerten Operationen wurden telemedizinische Verfahren in den vergangenen Jahren evaluiert. Bewährt haben sich vor allem jene Anwendungen, bei denen die Übermittlung entscheidender Untersuchungsparameter einfach und ohne Zeitverzögerung zu relevanten Therapieentscheidungen führt. Dies gilt z. B. beim Telemonitoring von Herzfrequenz und Körpergewicht bei herzinsuffizienten Patienten. Telemedizin wird häufig als unpersönliche Fernsteuerung der Patientenbehandlung interpretiert. Gerade die persönliche Beziehungsbildung lässt sich jedoch durch die moderne Videotechnologie wesentlich besser fördern als nur durch das Telefon. Telemedizin macht spezialisiertes Fachwissen auch in unterversorgten Regionen verfügbar. Nachdem die Erwartungen an medizinische Expertise immer höher werden, Spezialwissen aber nicht überall und immer vorgehalten werden kann, wird der Stellenwert der Telemedizin in Zukunft noch zunehmen. Drei wesentliche Vorzüge sind aus meiner Sicht: Telemedizin macht Spezialwissen leichter verfügbar ermöglicht Therapieentscheidungen ohne Zeitverzug kann als Kommunikations- und Qualitätssicherungsinstrument verwendet werden Für die kommenden Jahre ist vor allem wünschenswert, dass die Telemedizin in abgestimmte, evidenz basierte Behandlungs konzepte integriert wird, dass es Maßnahmen der Qualitätssicherung für telemedizinische Prozesse und Effektivitäts- Nachweise für jeden Indikationsbereich gibt. Nein, ist Martin Grauduszus überzeugt. Der Facharzt für Allgemeinmedizin und Sportmedizin mit Praxis in Erkrath bei Düsseldorf steht seit Juni 2005 an der Spitze der Freien Ärzteschaft. Medizin ist heute ohne moderne Technologien nicht mehr vorstellbar. Die zeitnahe Übermittlung von Informationen durch Telemedizin ist technisch möglich und wird deshalb auch immer mehr Einzug in den Alltag halten. Aber: Eine zentrale Rolle wird sie dabei nicht spielen können. Im Mittelpunkt ärztlicher Behandlung steht immer der Mensch als Individuum, und er muss ganzheitlich betrachtet werden. Das setzt in aller Regel einen direkten Kontakt am selben Ort zwischen Arzt und Patient voraus. Telefonische Therapieanweisungen ohne persönliche Untersuchung werden von jeher zu Recht kritisch betrachtet und sind meist nur bei persönlicher Kenntnis des Patienten möglich. Die Übermittlung von Bildern, Befunden und weiteren Informationen kann deshalb nur ein unterstützendes Element im gesamttherapeutischen Kontext sein mehr aber auch nicht! Unterschätzt wird vielfach die belastende Seite von Telemedizin: Denn was zunächst faszinierend klingt, kann auch weitreichende negative Konsequenzen haben. Bei einem Patienten, der kontinuierlich überwacht wird, kann der Leidensdruck so stark werden, dass dieser krank macht. Es ist bekannt, dass Patienten, die einen ICD-Schrittmacher tragen, häufig an der Überwachung durch das Gerät leiden. Moderne Technologien werden heute bisweilen zum Selbstzweck und der tatsächliche Nutzen für Patienten bleibt gering. Deshalb ist der Nachweis einer deutlichen Verbesserung der Behandlungsbzw. Ergebnisqualität zwingende Voraussetzung für die Anwendung von Telemedizin. 8

11 Schwerpunkt Telemedizinische Projekte in Deutschland Drei Beispiele Von Andrea Steidle K rankheiten wie Diabetes, Herzinsuffizienz oder Glaukom überwachen, gesundheitliche Auffälligkeiten frühzeitig diagnostizieren oder Schlaganfallpatienten gezielt helfen: Telemedizinische Projekte sind vielfältig motiviert und werden auf verschiedensten medizinischen Feldern praktisch erprobt. Drei der jüngsten Projekte wollen wir Ihnen hier vorstellen. Projekt HerzAs Mehr Selbstverantwortung durch Kontrolle Mobil und überwacht: Patientin mit Meßgerät Für Patienten mit Herzinsuffizienz bietet beispielsweise im Bundesland Nordrhein-Westfalen seit Anfang des Jahres das Projekt HerzAs gezielte telemedizinische Unterstützung. Hinter HerzAs stehen die AOK Westfalen-Lippe, der Bundesverband Nieder gelasse ner Kardiologen (BNK), der Landesverband Praxisnetze Westfalen-Lippe (LPWL) und das Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen. Am Herz- und Diabeteszentrum in Bad Oeynhausen arbeitet auch Dr. Heinrich Körtke vom Institut für Angewandte Telemedizin (IFAT). Durch unser Projekt sollen die Patienten lernen, mehr Selbstverantwortung zu übernehmen, erklärte Dr. Körtke auf einer Tagung des Zentrums für Telematik im Gesundheitswesen GmbH (ZTG) am 27. Mai in Düsseldorf. Die Maßnahmen helfen dabei, sich zum Manager der eigenen Gesundheit zu qualifizieren. Das IFAT steht den Patienten mit seinen 35 Mitarbeitern, zu denen auch elf Ärzte zählen, dabei rund um die Uhr zur Verfügung. Institut für Angewandte Telemedizin wertet Daten aus Doch wie genau funktioniert das Projekt HerzAs? Freiwillige Teilnehmer mit nachgewiesener Herzinsuffizienz werden eingangs ausführlich geschult und beraten. Sie werden zunächst über Ernährung, Bluthochdruck und über Maßnahmen zur Rauchentwöhnung informiert, so Dr. Körtke. Im Anschluss daran erhalten die Teilnehmer Geräte zur täglichen Übermittlung von Daten wie Gewicht, Blutdruck und EKG, die vom IFAT ausgewertet werden. Gibt es auffällige Abweichungen bei den Ergebnissen oder weiteren Klärungsbedarf, so setzt sich ein betreuender Arzt oder Kardiologe ohne Zeitverluste mit dem Betroffenen in Verbindung. Vorteile für die Patienten: Die engmaschigen Messungen, begleitet von regelmäßigen Telefonaten mit den Betreuern, geben den Herzkranken deutlich mehr Sicherheit. Durch die gezielte Eingangsschulung und den Umgang mit den Messergebnissen lernen sie im Laufe der Zeit ihren Körper bzw. das individuelle Krankheitsbild besser kennen und Symptome und Entwicklungen besser einzuschätzen. Langfristiges Ziel der AOK ist es auch, dass die Zahl der Selbsteinweisungen ins Krankenhaus durch Herz- As nachweislich sinkt. Enge Zusammenarbeit von Kardiologen und Hausärzten Insgesamt dauert das Projekt jeweils zwölf Monate. Im Verlauf dieses Zeitraums gehen die Patienten mindestens viermal zur Kontrolle zum Hausarzt und dreimal zu einem Kardiologen. Von Jahresbeginn bis Ende Mai hatten sich bereits rund 100 Versicherte für HerzAs eingeschrieben, Tendenz steigend. Auf der Mediziner-Seite nehmen 90 Kardiologen und 26 Hausärzte, die eng zusammen arbeiten, am Projekt teil. 9

12 Schwerpunkt Teleaugendienst GmbH hilft Patienten mit Glaukom (Grüner Star) Mit einem Selbsttonometriesystem können Patienten mit Grünem Star Messwerte, wie den Augeninnendruck, zu Hause selbst ermitteln und versenden Im vergleichsweise dünn besiedelten Mecklenburg-Vorpommern spielt die räumliche Distanz zwischen Arzt und Patient und deren Überwindung eine ganz besondere Rolle. Daher gibt es im Nordosten der Republik auch relativ viele telemedizi nische Ansätze zur Behandlung und Betreuung der immer älteren Versicherten. Außerdem war ecklenburg-vorpommern das erste Bundesland, das gemäß dem telemedizinischen Motto Bewege die Daten, nicht den Patienten ein dezentrales digitales Mammographie-Screening eingeführt hat. Mit der telemedizinischen Überwachung von Glaukompatienten (Teletonometrie) befasst sich ein bereits 2004 gestartetes Forschungsprojekt an der Universitäts-Augenklinik Greifswald unter der Leitung von Prof. Dr. Frank Tost (Leitender Oberarzt). In seinem siebenköpfigen interdisziplinären Team arbeiten Informatiker, Augenärzte, Physiker und Gesundheitsökonomen zusammen. Vertrag zur Integrierten Versorgung mit TK Im Jahr 2006 wurde das Projekt, an dem bislang rund 170 Patienten teilnahmen, im Rahmen des 29. Deutschen Hausärztetages in Potsdam mit dem Richard- Merten-Preis zur Förderung der Qualitätssicherung in der Medizin ausgezeichnet. Erst kürzlich wurde mit der Techniker Krankenkasse ein Vertrag zur Integrierten Versorgung abgeschlossen. Im Bereich der Augenheilkunde ist das medizinische Angebot der inzwischen von der Universität ausgegründeten Teleaugendienst GmbH somit einzigartig in ganz Deutschland. Ziele bei der Vorsorge von Patienten mit einer Glaukomerkrankung sind eine rechtzeitige Diagnose und ausreichende Behandlung. Von besonderer Bedeutung ist dabei unter anderem die Bestimmung eines Zielwertes für den Augeninnendruck sowie die Berechnung des okulären Perfusionsdruckes (OPD). Dieser wird aus Blutdruck und Augeninnendruck errechnet. Der okuläre Perfusionsdruck ist ein wichtiger Prognosefaktor für den Erkrankungsverlauf, der sich zur Beurteilung der Augendurchblutung eignet. Rico Großjohann, Geschäftsführer der Teleaugendienst GmbH, erklärt, wie Interessenten zum Teletonometrie-Angebot kommen: Normalerweise überweisen Augenärzte ihre Glaukom- Patienten an unsere Klinik. In einer Folgeuntersuchung ermitteln wir dann auch, ob sich der Patient auch wirklich für die Teilnahme an unserem Angebot eignet, so Physiker Großjohann. Falls ja, so erhält der potenzielle Teilnehmer ein e-learning-modul mit Software (lesbar am PC oder Handy), das die Hintergründe zum Einsatz des Messgerätes erklärt. Den konkreten Umgang mit dem Selbsttonometriesystem erlernen die teilnehmenden Patienten dann jedoch unter fachlicher Anleitung. Messwerte werden telefonisch übertragen Im Anschluss daran steht dem praktischen Einsatz der Messung und des telemetrischen Übertragungssystems nichts mehr im Weg. Die Messwerte werden von den Patienten selbst ermittelt und von zu Hause in die Arztpraxis und in die Klinik gesendet, so Großjohann. Alle automatisch gespeicherten Messwerte werden verschlüsselt durch den Patienten per Knopfdruck über Telefon in ein Kontrollzentrum übertragen. Im Bedarfsfall wird so eine sofortige Rückmeldung an den Patienten und seinen Augenarzt gewährleistet. Auf diese Weise können Patienten nicht nur den Augeninnendruck, sondern auch ihren Blutdruck und ihren Blutzucker selbst kontrollieren. In Ergänzung zum Arztbesuch können Messwerte sowohl zu beliebig gewählten Zeitpunkten als auch im vorgegebenen Tagesverlauf erfasst werden, erläutert Großjohann. Die Messwerte werden automatisch in eine speziell entwickelte elektronische Patientenakte (EPA) eingetragen. Durch die verschlüsselte elektronische Patientenakte bleibt der Versicherte stets Herr seiner Daten und entscheidet selbst, wer Einblick in seine Daten hat. 10

13 Schwerpunkt Projekt ASTER will Akutversorgung von Schlaganfallpatienten optimieren Noch in der Aufbauphase befindet sich das Projekt ASTER (Akut-Schlaganfall-Versorgung- Telemedizin im Rettungswagen) in Sachsen-Anhalt, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der Initiative Unternehmen Region gefördert wird. Durchgeführt wird ASTER von Innomed e.v., einem Netzwerk für Neuromedizintechnik, und dem Lehrstuhl für Medizinische Telematik der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. In Deutschland ereignet sich alle drei Minuten ein Schlaganfall, und etwa jeder dritte Betroffene stirbt an den Folgen. Ein weiteres Drittel überlebt mit schweren Behinderungen. Der Schlag kann jeden treffen, tritt jedoch am häufigsten im Alter auf. Aufgrund der demographischen Entwicklung rechnet man mit direkten Behandlungskosten von über 100 Milliarden Euro in Deutschland in den nächsten zwei Dekaden. Gerade bei Schlaganfällen zählt mehr als bei manch anderem medizinischen Notfall die erste Behandlungsphase nach Eintritt der Symptome. Für die häufigste Schlaganfallart gibt es eine sehr effektive, aber risikoreiche Therapie die Thrombolyse (Auflösung eines Blutpfropfes). Da hierbei die Blutgerinnung maximal gehemmt wird, kann es zu Blutungs komplikationen kommen. Die Thrombolyse kann jedoch nur innerhalb von drei Stunden nach Symptombeginn von erfahrenen Ärzten durchgeführt werden. Dazu ist zunächst eine Computertomographie des Kopfes und eine Begutachtung durch eine Schlaganfallspezialeinheit (Stroke Unit) nötig. Einsatzmöglichkeiten Präklinischer Telemedizin Das Projekt ASTER will so früh wie möglich ansetzen und die Schlaganfallversorgung innerhalb der Rettungskette optimieren. Dazu gehört, dass der Rettungsdienst die Krankheit zuverlässig erkennt, eine geeignete Klinik auswählt und diese frühzeitig in das Rettungsszenario einbindet. Langfristig soll so die Schlaganfallversorgung, vor allem im medizinisch nicht flächendeckend gut versorgten Bundesland Sachsen-Anhalt deutlich verbessert werden. Entwicklung von Szenarien und Konzepten ASTER untersucht dazu die Telemedizin-Technologie Intelligenter Rettungswagen und entwickelt gemeinsam mit Notfall versorgern, Ärzten und Kranken kassen geeignete Szenarien und Konzepte. Konkret will ASTER ein überregionales Netzwerk aus Unternehmen, Forschungseinrichtungen, Notfallversorgern, Krankenkassen, Ärzte kammern und Kliniken initiieren, Innovationspotenziale aufzeigen und neue Konzepte für innovative Produkte und Dienstleistungen entwickeln, eine Informations- und Kommunikationsplattform entwickeln. Bisheriger Höhepunkt des Projektes war ein Innovationsforum in Magdeburg Mitte Februar, an dem über 100 Fachbesucher teilnahmen. Dort wurde vor allem der Ansatz der Präklinischen Telemedizin diskutiert, also der gezielte Einsatz telemedizinischer Geräte noch vor einem Klinikaufenthalt. Weitere Informationen unter: Mit dem Intelligentem Rettungswagen soll die Schlaganfallversorgung innerhalb der Rettungskette optimiert werden Andrea Steidle ist Mitarbeiterin im Bereich Presse- und Öffentlichkeitsarbeit beim MDS 11

14 Schwerpunkt Intelligentes Wohnen im Alter Kann eine High-Tech-Wohnung den Umzug ins Pflegeheim ersetzen? Von Friederike Geisler G erne gibt man es nicht zu, aber irgendwann erreicht jeder einmal das Alter, in dem einfach nicht mehr alles möglich ist. Das fängt zum Beispiel damit an, dass man den Fernseher immer lauter stellt oder es plötzlich nicht mehr so einfach ist, aus seinem Lieblingssessel aufzustehen. Wenn sich diese Einschränkungen häufen oder stärker werden, ist es an der Zeit, über Hilfe nachzudenken eventuell sogar einen Umzug ins Pflegeheim zu erwägen. Dieser Schritt fällt vielen nicht leicht und ist vielleicht auch nicht unbedingt nötig. Das Informatik-Institut OFFIS in Oldenburg hat eine seniorengerechte High-Tech-Wohnung entwickelt, die es Alleinstehenden möglich machen soll, in ihren eigenen vier Wänden wohnen zu bleiben. Eine Wohnung voller Technik Nahezu alle elektronischen Geräte können per Touch-Screen gesteuert werden Bildschirme, Kameras und eine Menge EDV zeichnen das Bild der Demo- Wohnung beim Informatikinstitut OFFIS in Oldenburg Auf den ersten Blick wird man von der ganzen Technik und EDV förmlich erschlagen. Zur Veranschaulichung haben die Mitarbeiter von OFFIS (Oldenburger Forschungs- und Entwicklungsinstitut für Informatik- Werkzeuge und -Systeme) einen Prototyp der Spezial-Wohnung in ihrem Institut eingerichtet. Hier haben wir natürlich alles installiert, was möglich ist. So viel Technik würde es in einer realen Wohnung nicht geben, erklärt OFFIS-Bereichsleiter Jochen Meyer. Wenn man die Wohnung betritt, empfängt den Bewohner ein Bildschirm, auf dem der Grundriss abgebildet ist. Von hier aus kann man fast alle elektronischen Elemente bedienen, sagt Meyer und schaltet per Touch-Screen verschiedene Lampen in der Wohnung an. Diese Art der Überwachung bietet Sicherheit unter anderem zeigt das System an, ob Herdplatten in der Küche eingeschaltet sind. Und weil man sogar einen Zugang per Internet hat, kann man auch von unterwegs prüfen, welche Geräte in der Wohnung eingeschaltet sind und sie sogar ausschalten. Diese Funktion könnte zum Beispiel für Angehörige oder Pflegefachkräfte interessant sein. Fernseher mit Hörgerät Auch über den Fernsehapparat kann der Bewohner auf das System zugreifen. Dabei handelt es sich natürlich nicht um einen Standard-Fernseher, sondern um ein spezielles Gerät für Hörgeschädigte. Durch eine außergewöhnliche Technologie muss der Zuschauer beim Fernsehen das Hörgerät nicht tragen der Fernseher wandelt den Ton so um, dass auch Schwerhörige einwandfrei hören können. Diese Unterstützung ist für den Nutzer sehr angenehm, meint Meyer, weil es eine alltägliche Tätigkeit 12

15 Schwerpunkt wieder erlebbar macht, ohne für den Bewohner einen zusätzlichen Aufwand darzustellen. Genau hier liegt ein Problem der High- Tech-Wohnung. Bei vielen der speziellen Anfertigungen fühlen sich die Benutzer stigmatisiert. Der Bewohner der Wohnung hat zum Beispiel die Möglichkeit einen Notfall-Knopf bei sich zu tragen. Da man ihn sich um den Hals hängt und das zu jeder Tages- und Nachtzeit, ist das für viele sehr unangenehm. Man hat den Eindruck als würde man ein Schild tragen, auf dem steht: Seht her, ich bin hilflos, sagt Meyer. Ein intelligentes Fahrrad Für die körperliche Fitness haben sich die Informatiker auch etwas einfallen lassen: Ein Trainings- Fahrrad mit spezieller EDV. Vor dem Training muss der Patient einige Fragen beantworten. Wie ist der aktuelle Gesundheitszustand? Wie intensiv soll trainiert werden? Während des Fahrens messen Puls- und Blutdrucksensoren den Zustand des Patienten. Auf diese Weise hat er einen Überblick über seinen Trainings- Verlauf. Auch der behandelnde Arzt kann zum Beispiel bei Patienten mit Herzinfarkt-Risiko die Daten einsehen und damit die Behandlung optimieren. Nicht alles ist sinnvoll Zur Entwicklung der Wohnung haben die Informatiker verschiedene Experten aus den Bereichen Medizin und Pflege herangezogen, die auch die Handhabung der Wohnung prüften. Dabei sind natürlich auch Schwierigkeiten aufgetaucht, sagt Meyer. Zum Beispiel stellt der Teppich, unter dem Drucksensoren angebracht sind, die einen Sturz registrieren können, eine Stolperfalle dar, die selbst zum Sturz führen kann. Ließe man die eigene Wohnung mit den Entwicklungen von OFFIS aufrüsten, würde jeder Fall individuell betrachtet. Nicht jede Anfertigung ist für jeden Bewohner sinnvoll, das ist einmal altersabhängig und richtet sich auch nach dem Krankheitsbild des Nutzers, sagt Meyer. Bis die Spezial-Entwicklungen in eine richtige Wohnung installiert werden, kann es noch eine Weile dauern: Ein entscheidender Faktor ist dabei das Finanzielle. Zunächst müsste geklärt werden, ob Kostenträger einen Teil des Umbaus übernehmen. Weitere Informationen unter: Friederike Geisler ist Mitarbeiterin der Stabsstelle Unternehmenskommunikation beim MDK Niedersachsen Elektronische Krankenakte auf Google Health Das Internet macht s möglich: Nachdem man im World Wide Web Überweisungen tätigen, sein gesamtes Hab und Gut versteigern und den Partner fürs Leben finden kann, bietet der Provider Google nun eine elektronische Krankenakte an, die jeder selbst bearbeiten und nach Belieben für andere freigeben kann. Das Gesundheitsportal Google Health bietet den Nutzern (zunächst nur in den USA) eine kostenlose Plattform für die eigenen medizinischen Daten. Die ersten Nutzer waren die Patienten der Cleveland Clinic. Die behandelnden Ärzte haben die Daten mit dem Einverständnis der Patienten online gestellt. Nun können alle US-Amerikaner das Portal nutzen, um ihre Daten einzustellen. Dabei hat zunächst nur der Patient selbst das Recht, die Informationen einzusehen und zu bearbeiten, er entscheidet selbst, ob er auch anderen den Zugriff gewähren will. Die Vorteile sind klar: Der Nutzer hat einen besseren Überblick über seine Krankengeschichte und wird an Termine, Impfungen oder die Einhaltung von Diäten erinnert. Der Arzt weiß, welche Behandlungen vorgenommen wurden und welche Medikamente der Patient einnimmt, um Wechselwirkungen zu verhindern. Wie mit allen Daten, die man im Internet preisgibt, sollte man jedoch auch mit Google Health vorsichtig umgehen. Zwar verspricht der Konzern, die Informationen nicht weiterzuverkaufen und verschlüsselt den Zugang mit einem hohen Sicherheitsstandard eine hundertprozentige Garantie, dass die Daten nicht an Dritte gehen, gibt es jedoch nicht. Gerade private medizinische Daten würden viele Abnehmer finden. Google ist nicht das einzige Unternehmen, das eine elektronische Krankenakte anbietet. Bereits 2007 startete Microsoft das Portal Health Vaulth, das sich im Gegensatz zu Google Health durch Werbung finanziert. Auch in Deutschland gibt es erste Versuche in diese Richtung. So bieten einige Kassen Kunden die Möglichkeit, die Daten elektronisch einzusehen. Das Angebot hat sich allerdings bisher nicht durchgesetzt. Neben der Kritik an der Sicherheit der Daten stellt auch der hohe Verwaltungsaufwand ein Hindernis dar. Friederike Geisler, MDK Niedersachsen 13

16 Schwerpunkt Telemedizin für Reisende F ür viele gehört zur Urlaubsbuchung der Abschluss eines Rundum-Sorglos-Paketes bei einem Reiseversicherer. Eine Auslandsreise-Krankenversicherung ist darin eingeschlossen. Damit ist es für die meisten getan und den schönsten Wochen im Jahr steht nichts mehr im Wege. Doch die Wenigsten machen sich vor der Reise Gedanken, wo sie im Bedarfsfall eine qualitativ hochwertige medizinische Behandlung im Ausland finden können. Immerhin benötigen von den rund 900 Millionen Reisenden im Jahr schätzungsweise 70 Millionen medizinische Hilfe. In einem Projekt zertifizieren zurzeit das Deutsche Zentrum für Luftund Raumfahrt (DLR) und die Europäische Weltraumagentur (ESA) weltweit Behandlungseinrichtungen. Für Urlaubs- und Geschäftsreisende soll dadurch ein Netzwerk von international hochwertigen Behandlungsangeboten entstehen. Telematische Anwendungen helfen den Projektentwicklern dabei. Zu den Aufgaben des Institutes für Luft- und Raumfahrtmedizin beim DLR gehört auch die Betreuung der mobilen Gesellschaft, die über die Mobilität von Piloten und Astronauten hinaus geht. Daraus entstand das Projekt Telemedicine for the Mobile Society (TEMOS), mit dem das Institut seinen gewohnten Aufgabenbereich erweitert und sich an die Zielgruppe der Reisenden wendet. Das TEMOS-Projekt setzt sich aus drei Teilprojekten zusammen. Neben den Bereichen Telemedizin-Anwendung und Teleteaching startete im Jahr 2004 zunächst das erste Teilprojekt, das sich mit der Bildung eines internationalen Netzwerkes von Kliniken befasst. Ziel des Projektes ist es, die Versorgung von deutschen Touristen und Geschäftsleuten im Ausland im Falle eines krankheitsbedingten Notfalles zu optimieren, sagt Projektmanagerin Dr. Claudia Mika vom DLR. Dazu wird ein Netzwerk von Partnerkliniken aufgebaut, die nach festgelegten TEMOS -Qualitätskriterien zertifiziert werden. In der Abstimmung des Anforderungskatalogs waren auch führende Reisekrankenversicherer beteiligt. Mahlzeiten sind nicht überall Standard Die Evaluation und Zertifizierung der Klinken wird vom DLR durchgeführt. Die Namen dieser zertifizierten TEMOS -Kliniken werden über das Centrum für Reisemedizin (CRM) veröffentlicht, so dass alle Ärzte, Apotheken und natürlich auch Reisende direkt Zugang zu diesen Informationen bekommen können. Für einen akuten Behandlungsfall kann man sich also schon vor der Reise über die nächste Anlaufstelle informieren. Uns ist wichtig, dass die Daten über Behandlungsangebote auch valide sind. Alle Angaben bis hin zur Telefonnummer werden von uns laufend gecheckt, sagt Dr. Mika. Dr. Claudia Mika, Projektmanagerin beim DLR Kliniken, die in das TEMOS- Netzwerk aufgenommen werden wollen, müssen einen speziellen Zertifizierungsprozess durchlaufen. Die Anforderungen beziehen sich auf die Bedürfnisse der Reisenden. Über die Prüfpunkte zum Qualitätsmanagement und zur Hygiene hinaus bezieht die DLR-Zertifizierung noch weitere Faktoren mit ein. Ein Patient muss zum Beispiel in der aufgesuchten Behandlungseinrichtung auch sprachlich verstanden werden. Ein weiteres Kriterium ist die Unterbringung einer Begleitperson in räumlicher Nähe. Nicht in jedem Land gehört die Versorgung mit Mahlzeiten zum Versorgungsstandard eines Krankenhauses. Auch das muss gewährleistet sein. Die Zertifizierer, zumeist Ärzte, interessieren sich vor allem für die Behandlungsprozesse. Wir lassen uns alle Prozessschritte von der Notaufnahme bis zum Patientenzimmer genau zeigen und dokumentieren die Standard Operations Procederes, sagt Dr. Mika. Spezieller Qualitätscheck Ralf Krewer, Marketingleiter des Bangkok Hospitals, hat schon einige Qualitätsprüfungen nach internationalen Standards hinter sich gebracht. Die TEMOS-Zertifizierung war für das Bangkok Hospital Medical Centre eine ganz besondere Herausforderung, da uns nicht wie bei anderen internationalen Krankenhauszertifizierungen eine Liste von erwarteten Standards zur Vorbereitung gegeben wurde. Vielmehr 14

17 Schwerpunkt war dem Zertifizierungsteam daran gelegen, die Qualität des Krankenhauses im täglichen Betrieb zu beurteilen und ad hoc zu entscheiden, welche Abteilung, Apparatur oder SOP (Standard Operational Procedure) als nächstes evaluiert werden soll, erklärt Krewer. Mit deutschem Arzt über Videokonferenz sprechen Wer Hilfe im Ausland braucht und die nächstgelegene TEMOS- Behandlungsmöglichkeit aussucht, dem bieten die Häuser per Videokonferenz Konsultationen mit deutschen Fachärzten an. Die Videokonferenztechnik erlaubt es, spezielle Fachkollegen des TEMOS-Netzwerkes weltweit in den Behandlungsfall mit einzubeziehen. Solange es noch keine internationale Patientenkarte gibt, kann die Klinik über die EDV-Plattform bei TEMOS eine elektronische Patientenakte anlegen, die für spätere Behandlungsfälle wichtige Informationen enthält. Zielgruppe: Ältere und chronisch Kranke In Vorbereitung ist ein spezielles elektronisches Monitoring-System für ältere und chronisch kranke Patienten. Darin sehen wir einen wichtigen Baustein für die Zukunft. Denn für immer mehr Menschen gehört es zur Lebensqualität, im Alter oder bei Krankheit auch reisen zu können, meint Dr. Mika. In Deutschland erhobene Referenzdaten werden zum Beispiel für Herz- und Diabeteskranke in ein elektronisches Gerät eingespeist, das der Urlauber oder Geschäftsreisende mitnimmt. Weichen die auf der Reise gemessenen Daten von den Basisdaten ab, wirft das Gerät nach einem erneuten Abgleich der Daten die Empfehlung aus, die nächste TEMOS-Einrichtung aufzusuchen. Ist diese nicht in der Nähe, kann natürlich auch andere medizinische Hilfe in Anspruch genommen werden. Sonderprojekt Teleteaching Das DLR, das Institut für Flugmedizin und das Audio-Visuelle Medienzentrum des Universitätsklinikums Aachen starteten ein Sonderprojekt: Studenten aus Aachen und von der Universität von Porto Alegre in Brasilien setzten sich mit dem didaktischen Modell des problemorientierten Lernens und der Unterstützung von Fachexperten selbst Themen und Lernziele. Sie schulten sich über die Dauer von zwei Monaten gegenseitig. Auch dabei nutzten sie die Videokonferenztechnik. Die deutschen Studenten haben sich zum Beispiel über die Krankheit FSME so weit vertraut gemacht, dass die brasilianischen Kommilitonen von den Lernergebnissen ebenfalls profitieren konnten. Mittlerweile beteiligen sich zwei weitere Universitäten aus Litauen und Polen am Teleteaching-Projekt. Fachlicher Austausch gefördert TEMOS ist für alle Behandlungseinrichtungen offen. Jeder kann sich um eine Zertifizierung bewerben, sagt Projektmanagerin Dr. Mika. Wir greifen aber auch Empfehlungen von Reisekrankenversicherern und Auslandsbotschaften auf und recherchieren selber. Inzwischen werden Kliniken auch durch unser eigenes Magazin The Travel Medicus, den Internetauftritt und über Kontakte auf Reisemessen auf uns aufmerksam. In dem noch jungen Projekt gehören etwa 30 zertifizierte Kliniken zum Netzwerk. Vom Antrag über die Aufnahme bis zur Aushändigung des Qualitätszertifikats vergehen etwa sechs bis neun Monate. Alle drei Jahre muss die Prüfung wiederholt werden. Natürlich sollen noch viel mehr Kliniken zu unserem Netzwerk stoßen, versichert Dr. Mika. TEMOS geht über die optimale Versorgung der Reisenden hinaus. Die Projektbetreiber fördern die internationale Vernetzung der Behandler. Dazu gehören zum Beispiel die Nutzung der gemeinsamen Datenbank und der Austausch von Fachvorträgen und Publikationen. Über eine eigene Videokonferenzschaltung können auch Kongressprogramme live verfolgt werden. Noch wissen nicht allzu viele Reisenden etwas über das TEMOS-Projekt. Das soll sich in Zukunft ändern, sagt Dr. Mika. Relativ schnell stößt man zurzeit über das Internetangebot vom Centrum für Reisemedizin auf uns. Wir wollen aber mit eigenen Marketinginstrumenten die Patienten ansprechen und die Kanäle über die Ärzte, Apotheken und Reisekrankenversicherungs- Unternehmen nutzen, erklärt Dr. Mika ihr Vorhaben. Vom Projekt zum Unternehmen Das zurzeit noch von DLR und ESA finanzierte Projekt wird voraussichtlich Ende des Jahres in eine sich selbst tragende Unternehmensstruktur überführt. Wir konzentrieren uns jetzt auf die Überarbeitung des Geschäftsplans und die Suche nach weiteren Investoren, so Dr. Mika. (dt) Mehr Informationen unter: Das Magazin The Travel Medicus kann per angefordert werden bei 15

18 Kranken- und Pflegeversicherung Neues Begutachtungsverfahren zur Feststellung von Pflegebedürftigkeit Von Dr. Barbara Gansweid und Dr. Ulrich Heine E nde Februar haben der MDK Westfalen-Lippe (MDK WL) und das Bielefelder Institut für Pflegewissenschaft (IPW) einen Vorschlag für ein neues Ver fahren zur Begutachtung von Pflegebedürftigkeit vorgelegt. Das neue Begutachtungsverfahren wird zurzeit unter der Leitung des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) in acht MDK auf seine Praktikabilität und Plausibilität hin getestet. Die Ergebnisse werden vom Institut für Public Health und Pflegeforschung an der Universität Bremen (IPP) ausgewertet. Im Jahr 2006 hat das Bundesministerium für Gesundheit einen Beirat eingerichtet, der bis Ende 2008 Entscheidungsgrundlagen für eine Überarbeitung des Pflegebedürftigkeitsbegriffs erarbeiten soll. Gleichzeitig gaben die Spitzenverbände der Pflegekassen eine wissenschaftliche Studie in Auftrag. Die Studie des Bielefelder Instituts für Pflegewissenschaft (IPW) kam zu dem Ergebnis, dass ein neues Begutachtungsverfahren entwickelt werden sollte. Näheres zur Studie im Kasten auf Seite 17. Begutachtungsverfahren im Detail Der jetzt vorliegende Vorschlag für ein neues Begutachtungsverfahren geht von einem umfassen - deren Verständnis von Pflegebedürftigkeit aus als bisher. Es berücksichtigt Beeinträchtigungen der Selbstständigkeit und Funktionseinbußen in den acht Bereichen ( Modulen ): 1. Mobilität 2. Kognitive und kommunikative Fähigkeiten 3. Verhaltensweisen und psychische Problemlagen 4. Selbstversorgung (Nahrungsaufnahme, Sich-Kleiden, Körperpflege, Ausscheidungen) 5. Umgang mit krankheitsund therapiebedingten Anforderungen 6. Gestaltung des Alltagslebens und soziale Kontakte 7. Außerhäusliche Aktivitäten 8. Haushaltsführung. Diese Module sind wiederum in einzelne Aktivitäten wie z.b. in Essen, Trinken, Toilette benutzen im Modul 4 unterteilt. Alle Module zusammen enthalten insgesamt 77 Items. Der Grad der Pflegebedürftigkeit wird über die Beeinträchtigungen in den ersten sechs Bereichen ermittelt. Beeinträchtigungen bei außerhäuslichen Aktivitäten und der Haushaltsführung hingegen werden als Hilfebedürftigkeit verstanden, da der daraus resultierende Bedarf primär hauswirtschaftlichen oder sozialen Charakter hat. Neuer Maßstab: Grad der Selbstständigkeit Im Gegensatz zum bisherigen Begutachtungsverfahren wird das Ausmaß der Pflegebedürftigkeit nicht mehr nach dem Zeitaufwand bemessen, den ein Familienangehöriger oder eine andere nicht als Pflegekraft ausgebildete Pflegeperson für die erforderlichen Leistungen der Grundpflege und hauswirtschaftlichen Versorgung benötigt ( 15 Abs. 3 SGB XI). Neuer Maßstab für die Einschätzung von Pflegebedürftigkeit ist der Grad der Selbstständigkeit bei den Aktivitäten in den einzelnen Modulen. Im neuen Verfahren ist Selbstständigkeit definiert als die Fähigkeit einer Person, die jeweilige Handlung bzw. Aktivität allein, d.h. ohne Unterstützung durch andere Personen durchzuführen. Demnach ist es ohne Bedeutung, ob Hilfsmittel verwendet werden (müssen). Als selbstständig gilt eine Person also auch dann, wenn sie die jeweilige Handlung bzw. Aktivität unter Nutzung von Hilfsmitteln ohne Hilfe durch andere Personen durchführen kann. Die Beeinträchtigung bei einer Aktivität wird ermittelt unter der Annahme, dass die Person diese ausführen möchte. So werden zum Beispiel bei einem bettlägerigen Patienten auch seine Schwierigkeiten beim Treppensteigen berücksichtigt. Dies entfiel im alten Verfahren, da der Versicherte wegen Bettlägerigkeit keinen zeitlichen Hilfe bedarf beim Treppensteigen geltend machen konnte. Im neuen Verfahren ist es unerheblich, ob Hilfeleistungen tatsächlich erbracht werden und welche diese sind. Vier Stufen der Selbstständigkeit Selbstständigkeit wird in den meisten Modulen mit Hilfe einer vierstufigen Skala bewertet. Sie umfasst die Ausprägungen selbstständig überwiegend selbstständig 16

19 Kranken- und Pflegeversicherung überwiegend unselbstständig unselbstständig Ihnen wird je ein Punktwert von null bis drei Punkten zugeordnet (s. Abb. S. 18). Dabei gilt: Je höher die Punktzahl, desto unselbstständiger. In einigen Modulen wird eine abgewandelte vierstufige Skala benutzt, z. B. für die Ermittlung der kognitiven und kommunikativen Fähigkeiten oder der Häufigkeit des Auftretens von Verhaltensauffälligkeiten. In diesen Fällen wird nicht der Grad der Selbstständigkeit, sondern das Ausmaß der vorhandenen Fähigkeiten oder Häufigkeiten gemessen. Fünf statt drei Pflegestufen Fasst man die Punkte der einzelnen Aktivitäten eines Moduls zusammen, erhält man eine Aus - sage zum Grad der Beeinträchtigung in diesem Lebensbereich. Aus der Zusammenführung der Ergebnisse aller Module sollen die neuen Pflegestufen ermittelt werden. Nach dem Vorschlag von MDK WL und IPW sollen dabei fünf Pflegestufen unterschieden werden, wobei die niedrigste Stufe auch Personen mit geringem Unterstützungs bedarf erfasst, die heute nicht die Pflegestufe I erreichen (weil sie z.b. nur 30 statt mindestens 46 Minuten Grundpflegebedarf aufweisen), obwohl sie aus fachlicher Sicht als pflegebedürftig gelten müssen. Die höchste Stufe ist für Personen vorgesehen, die nicht nur weitreichende Verluste ihrer Selbstständigkeit, sondern gleichzeitig besondere Bedarfskonstellationen aufweisen, die eine ungewöhnlich intensive pflegerische Versorgung erforder lich machen. Modifiziertes Verfahren bei Kindern und Jugendlichen Die Einschätzung der Pflegebedürftigkeit von Kindern und Jugendlichen erfolgt mit dem gleichen Erfassungsbogen. Der Bereich Haushaltsführung bleibt Das Projekt Neues Begutachtungsverfahren im Überblick Seit Jahren wird über eine Erweiterung des Begriffs der Pflegebedürftigkeit im SGB XI diskutiert. In der Kritik steht die derzeitige enge Definition mit überwiegend somatischer und verrichtungsbezogener Orientierung. Insbesondere wurde bemängelt, dass der spezielle Beaufsichtigungs- und Betreuungsbedarf von kognitiv oder psychisch beeinträchtigten Menschen nicht ausreichend berücksichtigt wird. Zur Entwicklung und Erprobung eines neuen Verfahrens für die Begutachtung von Pflegebedürftigkeit haben die Spitzenverbände der Pflegekassen im Jahr 2006 ein Modellprojekt nach 8 Abs. 3 SGB XI ausgeschrieben. Den Auftrag für das Projekt erhielt eine Bietergemeinschaft. Dazu zählen: Der Medizinische Dienst der Krankenversicherung Westfalen-Lippe (MDK WL) Projektleitung: Dr. Barbara Gansweid und Dr. Ulrich Heine Das Institut für Pflegewissenschaft an der Universität Bielefeld (IPW) Projektleitung: Dr. Klaus Wingenfeld, Prof. Dr. Doris Schaeffer und Dr. Andreas Büscher Der Medizinische Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) Projektleiter: Prof. Dr. Jürgen Windeler Das Institut für Public Health und Pflegeforschung an der Universität Bremen (IPP) Projektleitung: Prof. Dr. Stefan Görres Das Projekt besteht aus drei Phasen: Vorphase: Recherche, Analyse und Bewertung von Begutachtungsinstrumenten und Pflegebedürftigkeitsbegriffen (Projektnehmer: IPW). Ergebnisbericht: Wingenfeld K, Büscher A, Schaeffer D (2007): Recherche und Analyse von Pflegebedürftigkeitsbegriffen und Einschätzungsinstrumenten. Projektbericht. Bielefeld 2007 Hauptphase 1: Entwicklung eines neuen Begutachtungsverfahrens (Projektnehmer: MDK WL und IPW). Abschlussbericht zur Instrumentenentwicklung und der Anlagenband zum Download unter Projekte/modellprg_projekt_16/index.htm Hauptphase 2: Erprobung des neuen Begutachtungsverfahrens und Auswertung der Ergebnisse (Projektnehmer: MDS und IPP). Die Erprobung läuft zur Zeit in acht MDK. Die Ergebnisse werden vom IPP ausgewertet. Geplanter Abschluss des Projektes: Oktober 2008 allerdings unberücksichtigt. Der Gutachter ermittelt den tatsächlich vorliegenden Grad der Abhängigkeit des Kindes. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Beeinträchtigungen krankheitsbedingt oder noch altersgemäß bestehen. Das Ergebnis der Einschätzung beschreibt jedoch nicht den Grad der Selbstständigkeit, sondern dessen Abweichung von der Selbstständigkeit gesunder, alters entsprechend entwickelter Kinder. Denn die ermittelten Punktewerte werden automatisch um die hinterlegten Punktwerte für die altersgemäße Abhängigkeit bereinigt. Dieser Berechnung liegt eine umfassende Literaturanalyse zur altersgemäßen kindlichen 17

20 Kranken- und Pflegeversicherung Entwicklung zugrunde, die im Anlagenband zum Abschlussbericht enthalten ist. Praktikabel und plausibel Fünf Ärzte und fünf Pflege fachkräfte des MDK WL haben das neue Instrument bei 100 Erwachsenen und 41 Kindern auf seine Praktikabilität hin getestet. Dieser Pretest erfolgte jeweils im Anschluss an die reguläre Pflege - begutachtung. Neben den mit dem neuen Instrument erfassten Daten wurden Basisinformationen wie etwa Pflegestufe, Alter des Versicherten, Diagnosen, Feststellung einer eingeschränkten Alltagskompetenz oder Dauer der Begutachtung und weitere charakteristische gesundheitliche Merkmale erfasst. Damit standen für die überwiegende Mehrzahl der einbezogenen Personen aussagekräftige Kurzprofile ihrer gesundheitlichen Situation und der Art ihrer Pflegebedürftigkeit zur Verfügung. Im Test zeigte das neue Begutachtungsverfahren überzeugende Praktikabilität. Aus der Sicht der beteiligten Gut achter erwies es sich als relativ einfaches Verfahren, das allerdings ein erhebliches Umdenken erforderlich macht (z.b. Abkehr von der Ermittlung notwendiger Pflegezeiten). Doch die neue Methodik ist nicht nur praktikabel, sie führt auch zu plausiblen Ergebnissen. Und auch das Ziel, Personen mit kognitiven Beeinträchtigungen und psychischen Störungen adäquat zu beurteilen, kann den Ergebnissen des Pretests zufolge erreicht werden. 1. Mobilität Positionswechsel im Bett Stabile Sitzposition halten Aufstehen aus sitzender Position/Umsetzen Fortbewegen innerhalb des Wohnbereichs Treppensteigen = selbstständig, 1 = überwiegend selbstständig, 2 = überwiegend unselbstständig, 3 = unselbstständig Auszug aus dem Begutachtungsbogen am Beispiel Mobilität Darüber hinaus sollen die Gutachter im neuen Begutachtungsformular gezielte Empfehlungen zur Verbesserung der Pflegesituation abgeben. Wie im bisherigen Verfahren sind umfangreiche Informationen zu den medizinischen und pflegerischen Problemen aus Sicht der Betroffenen, zum bisherigen Krankheits- und Behandlungsverlauf, zur Hilfsmittelversorgung, zur Wohnund Betreuungssituation und anderen Kontextfaktoren im Formular festzuhalten. Auf diesen Anamneseteil folgt der gutachterliche Befund, in dem die festgestellten Schädigungen und Beeinträchtigungen aufgeführt werden. Zusätzlich wurde ein Verfahren zur systematischen Erfassung von Risiken entwickelt. Der Gutachter wird durch einen formalisierten Fragenkatalog geleitet, um Hinweise zur Rehabilitationsbedürf tig keit, -fähigkeit und -prognose zu erfassen. Aus der abschließen den Gesamtbewertung ergibt sich gegebenenfalls die Feststellung einer Rehabilitationsindikation. Begutachtungsergebnisse können individuell genutzt werden In dem neu entwickelten Begutachtungsverfahren werden vielfältige Informationen über den Versicherten und seine Lebensumstände erhoben. Diese wertvollen Informationen können außerdem für die Planung der individuellen Pflege nützlich sein. Betrachtet man das neue Begutachtungsverfahren als Ganzes (Informationssammlung plus Befunderhebung plus Assessment plus Empfehlungsteil), so liegt eine Informationsstruktur vor, die eine gute Grundlage für das pflegerische Assessment in der professionellen Pflegeprozessplanung bietet. Nutzen für die Pflegepraxis brächte das neue Verfahren der Zusammenarbeit zwischen dem Pflegebedürftigen und beruflich Pflegenden vor allem zu Beginn, d.h. in einer Situation, in der nur wenige Informationen für die Entwicklung einer ersten Pflegeplanung zur Verfügung stehen. Eine mit dem neuen Begutachtungsverfahren entwickelte Arbeitshilfe gibt Auskunft, wie die Begutachtungsergebnisse bei der individuellen Pflegeplanung genutzt werden können. Die Ergebnisse des Pretests und die bisherigen Reaktionen der Fachwelt auf das neue Begutachtungsverfahren sind vielversprechend. Wenn auch die derzeit laufende umfangreiche Erprobung in acht MDK diese Ergebnisse bestätigt und eine Harmonisierung zwischen dem neuen Verfahren und der noch ausstehenden Neufassung des sozialrechtlichen Begriffs der Pflegebedürftigkeit gelingt, kann das neue Verfahren dazu beitragen, zentrale, seit vielen Jahren intensiv diskutierte Probleme der Pflegeversicherung zu beheben. Dr. med. Barbara Gansweid ist Leiterin des Fachreferats Pflege und der Sozialmedizinischen Expertengruppe Pflege (SEG 2) der MDK-Gemeinschaft beim MDK Westfalen-Lippe Dr. med. Ulrich Heine ist Ärztlicher Direktor und stv. Geschäftsführer des MDK Westfalen-Lippe 18

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