Walter Renner Laieninterventionen für Flüchtlinge und MigrantInnen

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1 Walter Renner Laieninterventionen für Flüchtlinge und MigrantInnen Institut für Psychologie, Universität Innsbruck Universität Klagenfurt UMIT Dt. Übersetzung einer Kongresspräsentation von Walter Renner und Marina Ortner, Heidelberg 2010

2 Theoretische Basis: => Asylsuchende und Flüchtlinge (Tschetschenien und Afghanistan) vs. ArbeitsmigrantInnen (Türkei) => Acculturative Stress vs. Post-Traumatischer Stress => Psychotherapie ist häufig nicht möglich oder wird nicht akzeptiert => Soziale Unterstützung durch Laien kann ähnlich wirksam sein wie Psychothearpie (Review Laireiter, 2011) => indigen (Selbsthilfe, Studie 1 and 3) vs. => Aufnahmekultur (Patenschaften, Studie 2)

3 Studie 1: Selbsthilfegruppen für Asylsuchende und Flüchtlinge aus Tschetschenien (Renner, 2008) => Häufigste Gruppen unter Flüchtlingen in Ö => 50% leiden unter post-traumatischem Stress und anderen Symptomen - lange Asylverfahren mit ungewissem Ausgang => (Universität Klagenfurt Klagenfurt, Caritas Innsbruck, Tiroler LReg.) => Vier TschetschenInnen als Gruppenleiter ausgebildet (10 Seminare) => Selbsthilfe (SH) vs. Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) vs. EMDR vs. Warteliste (WL) Kontroll Gruppe => Total N = 94 (44 Frauen und 50 Männer)

4 Zeitplan - Interventionen und Messzeitpunkte Monat SH Frauen (N=10) SH Männer (N=15) WL Frauen (N=15) WL Männer (N=16) KVT Frauen (N=10) KVT Männer (N=11) EMDR (N=17)

5 Ergebnisse: => SH und KVT waren nur erfolgreich für Personen mit Post-traumatischen Symptomen HTQ > 1.75) => SH und KVT reduzierten post-traumatische Stress-Symptome (HTQ), Angst und Depression (HSCL-25) signifikant (d = - 0.9) => kein "Post-Traumatisches Wachstum" (Tedeschi) => SH und KVT waren gleich erfolgreich => SH und KBT waren WL und EMDR sign. überlegen => EMDR war unwirksam => Ergebnisse blieben stabil 6 Mo. nach Beendigung => Buch und Zeitschriftenartikel berichteten

6 Beispiel 1: Harvard Trauma Questionnaire Tschetschenische Asylsuchende und Flüchtlinge (Zeit p =.000; Zeit * Gruppe p = 0.000, Gesamtes N = 54 mit HTQ > 1.75)

7 Studie 2: Patenschaften für Asylsuchende und Flüchtlinge aus Tschetschenien und Afghanistan (Renner, 2011b) => AfghanInnen sind zweitstärkste Gruppe unter Flüchtlingen in Österreich => viele unter ihnen leiden unter posttraumatischen Stress-Symptomen, ähnlich TschetschenInnen => Post-traumatischer Stress und acculturative stress interagieren: Traumatisierte haben größere Schwierigkeiten in Akkulturation

8 => Patenschaften für erwachsene Flüchtlinge durch ÖsterreicherInnen (6 Monate Dauer) => (Universität Innsbruck und UMIT) => N = 35 PatInnen (10 Männer, 25 Frauen) und anfänglich N = 63 Flüchtlinge und Asylsuchende (30 Männer, 38 Frauen) nahmen teil => Anwerbung von KlientInnen war schwierig - verletzter Stolz? Ängste? => PatInnen u.a. durch TV und Presse gefunden => Einschulung: 4 Seminare - PatInnen sorgfältig ausgewählt und von Psychologieprofessorin monatlich supervidiert => Effekte der Patenschaften wurden verglichen mit Warteliste / Kontrollgruppen

9 Ergebnisse: => Patenschaften wirkten nur bei KlientInnen mit gravierenden Post-traumatischen Symptomen (vgl. Studie 1) => Patenschaften reduzierten signifikant Angst, Depression und psychologische Symptome (Effektstärken ) => Positive Effekte waren stabil über die Zeit (Follow-Up-Messungen) => Jedoch keine Auswirkungen auf Lebensbedingungen, Coping oder Akkulturation => d.h. Effekte waren palliativ aber nicht instrumentell

10 => Caritas, Tiroler Landesregierung und Rotes Kreuz wollen Idee weiterverfolgen => Bericht ORF TV => Der Standard berichtete auf den Wissenschaftsseiten vom Projekt und seinen Ergebnissen => Buch und Zeitschriftenartikel => Patenschaften sind wirksam, setzen aber sorgfältige Auswahl der PatInnen und der KlientInnen voraus => Ausbildung und Matching der PatInnen!

11 Beispiel 2: HSCL-25 Subskala Angst Patenschaften für Asylsuchende und Flüchtlinge (nur Traumatsierte) (Zeit p =.030; Time * Group p = 0.004, Total N = 35)

12 Studie 3: Selbsthilfegruppen für türkische Frauen mit wiederkehrender Depression (Renner, 2011a) => Personen türkischer Herkunft leben dzt. in Österreich => schlechter sozio-ökonomischer Status, Frauen oft gegen ihren Willen verheiratet, früh verheiratet, kollektivistische Werte, starker Einfluss der Herkunftsfamilie des Ehemannes, enttäuschte Erwartungen, kaum akkulturiert, Fremdenfeindlichkeit im Aufnahmeland => 71% der Frauen türkischer Herkunft in Deutschland hatten somatische Symptome; Lebenszeit-Inzidenz von Depression 81% (!) (Cicek, 1990)

13 => Konventionelle Therapie oft wirkungslos oder nicht angenommen => (Universität Innsbruck und UMIT) => Vier Studentinnen türkischer Herkunft als bezahlte Gruppenleiterinnen => Selbsthife (SH) vs. Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) vs. Warteliste (WL) => Geamt N = 66 Türkische Frauen mit wiederkehrender Depression => Zeitplan wie zuvor

14 Ergebnisse: => Weder SH noch KVT reduzierten => Depression (CES-D), => Allgemeine klinische Symptomatik (BSI), => Post-Traumatische Stress-Symptome (HTQ) oder => Somatische Symptome(BL) Symptome werden sekundär aufrechterhalten durch ungünstige und hoffnungslose Lebensbedingungen Krankheit als einzige Perspektive, um ein Minimum an Einfluss auf die Umwelt zu gewinnen

15 Beispiel 3: CES-D Depression Scale Türkische Migrantinnen mit wiederkehrender Depression (Zeit p =.081; Zeit * Gruppe p = 0.401, Gesamtes N = 38)

16 Zusammenfassung und Schlussfolgerung (1) Laienhilfe war effektiv für Flüchtlinge und Asylsuchende mit post-traumatischen Symptomen: => Effekte palliativ, nicht instrumentell => keine sign. Effekte bei KlientInnen ohne posttraumatische Symptome => Resultate stabil über die Zeit => Daher: Laienhilfe ist vielversprechende Alternative zu konventioneller Intervention, wenn differentielle Indikation berücksichtigt wird => Caritas Internationalis, Land Tirol, Red Cross/Red Crescent bekundeten Interesse

17 (2) Aber: keine Effekte bei Türkischen Migrantinnen mit wiederkehrender Depression (im Gegensatz zu Flüchtlingen): => Extrem ungünstige Lebensbedingungen (Ehemänner; deren Familien); Daher Krankheit als einzige Perspektive => Traditionelle Erwartungen türkischer Frauen: "Heilung" vs. "Selbstkompetenz" durch SHG? => Problem der Vertraulichkeit in den Gruppen => Lampe & Barbist: Einzeltherapie effektiver => Therapeutinnen türkischer Herkunft im Einzelsetting vermutlich günstiger als SHG und sonstige Gruppen

18 Die drei Studien wurden vom Fonds zur Förderung der Wissenschaftlichen Forschung (FWF) in den Pprojekten P18789-G14, P G14 and P20523-G14 in der Gesamtdauer von sechs Förderjahren finanziert. Sie gehen zum Teil auf Ideen der Caritas Tirol zurück und wurden von Caritas und Land Tirol unterstützt.

19 Literatur: Berry, J. W., Kim, U., Minde, T., & Mok, D. (1987). Comparative studies of acculturative stress. International Migration Review, 21, Cicek., H. (1990). Psychosexuelle Probleme von ausländischen Patienten. Psychomed 2, Laireiter, A.-R. (2011). Theoretical concepts of social support. Sponsorships for refugees and asylum aeekers. An Austrian research project on social support as a moderator of acculturative stress: Theoretical assumptions, results, and recommendations. Innsbruck: Studia. Lampe, A. & Barbist, M.-T. (2011). An unintended control group. Psycjodrama in support of Turkish migrant women. In: W. Renner Female Turkish migrants with recurrent depression. Innsbruck: Studia../.

20 Renner, W. (Ed.) (2008). Culture-sensitive and resource oriented peer groups. Austrian experiences with a self-help approach to coping with trauma in refugees from Chechnya. Innsbruck: Studia. Renner, W. (2011a) (Ed.), Female Turkish migrants with recurrent depression. Innsbruck: Studia. Renner, W. (2011b) (Ed.), Sponsorships for refugees and asylum aeekers. An Austrian research project on social support as a moderator of acculturative stress: Theoretical assumptions, results, and recommendations. Innsbruck: Studia. Renner, W., Salem, I. & Ottomeyer, K. (2006). Cross-cultural validation of psychometric measures of trauma in groups of asylum seekers from Chechnya, Afghanistan and West Africa. Social Behavior and Personality, 35, Renner, W. Salem, I. & Ottomeyer, K. (2007). Posttraumatic stress in asylum seekers from Chechnya, Afghanistan and West Africa. In J. P. Wilson & C. Tang, (Eds.), The cross-cultural assessment of psychological trauma and PTSD (pp ). New York: Springer.

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