Körnertausch statt Warenkauf

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1 Körnertausch statt Warenkauf Argentinische Landwirte bezahlen oft lieber mit Getreide als mit Pesos. Weil das sicher und praktisch ist. Text: Ingo Malcher Foto: Anita Back /laif

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3 SCHWERPUNKT: IMPROVISATION _GETREIDETAUSCH Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Während andere Leute ihr Geld bei der Bank einzahlen, legen Landwirte in Argentinien ihr Erspartes auf den Acker. Abseits der Nationalstraße 9 liegen auf der Höhe von Villa Constitución in der Provinz Santa Fé weiße Plastiksäcke von gigantischen Ausmaßen auf den grünen Weiden. Sie sind 1,5 Meter hoch, drei Meter breit und 75 Meter lang. Gleich vier weiße Riesenschlangen nebeneinander durchkreuzen die Landschaft. 200 Tonnen Soja fasst eine solche Tüte; vier nebeneinander, das bedeutet beim gegenwärtigen Preis für die proteinhaltige Bohne in Argentinien: Dollar. Die Landwirte mussten lernen, dass ihre Ersparnisse in Körnern auf dem Feld besser aufgehoben sind als auf der Bank, sagt Fabio Bini. Er ist Miteigentümer der Broker-Firma BLD in Rosario, der Stadt mit dem wichtigsten Getreidehafen des Landes. Einen nicht unerheblichen Teil seiner Arbeitszeit verbringt Bini damit, dafür zu sorgen, dass Landwirte mit so wenig Geld auskommen wie möglich und trotzdem gute Geschäfte machen. Dafür nutzen sie ein anderes Zahlungsmittel als ihre Mitbürger in der Stadt. Die Währung auf dem Land heißt nicht Peso, sondern Korn und Bohne, sagt er. Und deshalb liegen in den Agrarprovinzen Córdoba und Santa Fé, Entre Ríos und La Pampa überall die provisorischen Getreidespeicher aus Kunststoff auf den Feldern. Silo Bolsa Tüten-Silo, nennen das die Bauern. Tatsächlich aber sind sie so etwas wie ein Sparstrumpf. Und dessen Inhalt verwandelt der Broker Bini in ein Zahlungsmittel. Täglich wickelt er mit seiner Firma Tauschgeschäfte ab. Dabei werden Landmaschinen oder Lastwagen nicht in argentinischen Pesos bezahlt, sondern mit Getreidekörnern oder Sojabohnen. Seine Kunden bei diesen Operationen sind Unternehmen wie Claas, Scania oder Volkswagen. Diese Form der Tauschwirtschaft gibt es in Argentinien seit bald 15 Jahren. Doch als sich das Land zum Jahreswechsel 2001/2002 zahlungsunfähig melden musste und die Banken zusammenbrachen, da explodierten die Wechselgeschäfte mit Sojabohnen und Weizenkörnern. In der Theorie stellt die Störung der Bargeld-Ökonomie ein ernsthaftes Problem für die Wirtschaft dar. In der Praxis in Argentinien war sie der Katalysator einer neuen Art, Geschäfte abzuwickeln. Inzwischen haben sich die Banken erholt, trotzdem wird weiter getauscht. Wer als Landwirt einmal erlebt hat, wie eine Bank zusammenbricht, kurz nachdem der Getreidehändler mehr als eine Million Dollar für die Ernte überwiesen hat, der beschließt, dass ihm dies nicht noch einmal passiert und lagert seine Körner in einem Tüten-Silo, statt sie schnell zu Geld zu machen. Einer, der ebenfalls in Körnern rechnet, ist Carlos Reutemann. Tauschen ist praktisch, sagt er. Man muss nicht erst seine Produkte verkaufen, um Geld für Waren zu haben. Tauschen erspart einem Umwege. Einst war Reutemann Formel-1-Pilot mit Wohnsitz in Monaco. Heute ist er Großgrundbesitzer in der Provinz Santa Fé. Auf mehr als 1300 Hektar baut er dort Soja an. Dass Manche sehen kleine Bohnen, andere Tauschgüter: Soja-Verladung im Hafen; Vorherige Seite: 200 Tonnen Körner fasst ein Kunststoff-Silo auf dem Acker der Wechsel vom Boliden auf den Trecker Tücken hat, musste er bald lernen. Das Wetter ist unberechenbar, die Insektenplagen sind es ebenfalls, ganz zu schweigen vom Auf und Ab der Wirtschaft. In seinem neuen Leben kann Reutemann noch weniger planen als auf der Formel-1-Piste. Im Jahr 1981 wäre er beinahe Weltmeister geworden. Vor dem letzten Rennen der Saison lag er in der Punktewertung knapp vor Nelson Piquet. Er hätte seinen Williams nur vor Piquet über die Ziellinie drücken müssen. Aber Reutemann wurde Achter, Piquet Zweiter. Der Brasilianer Weltmeister, der Argentinier Vize er fuhr zu vorsichtig. Diese Vorsicht kommt ihm in seinem neuen Leben entgegen. Wie alle Landwirte in Argentinien rechnet auch Reutemann mit Überraschungen und hortet Getreide. Als er zur Zeit der Bankenkrise einen neuen Mähdrescher brauchte, tauschte er das Gerät gegen Soja. Damals war Reutemann noch Gouverneur von Santa Fé, musste aber trotzdem mehrere Monate auf seine Landmaschine warten. Als es so weit war, lud er 600 Tonnen Soja auf Lastwagen, ließ die Bohnen zum Hafen von Rosario transportieren und kippte sie dort auf das Konto des Mähdrescherherstellers John Deere ab. Es ging mir dabei nicht um den kleinen Steuervorteil. Es ist einfach praktischer, sagt Reutemann. Damit diese Geschäfte reibungslos ablaufen, beobachtet der Broker Bini täglich auf seinem Bildschirm das Treiben an den Foto: Winfield Parks /National Geographic /Getty Images 112 BRAND EINS 10/08

4 SCHWERPUNKT: IMPROVISATION Getreidebörsen von Rosario, Buenos Aires und Chicago. Er liest die Wetterberichte für die USA, Brasilien und Argentinien. Er weiß, wann in welchem Anbaugebiet eine Trockenperiode vorhergesagt wird und dass China die inzwischen sehr teuer gewordene Soja-Bohne durch andere Produkte ersetzen will. Das könnte den Sojapreis drücken und einen Mähdrescher in Argentinien verteuern. Die Landwirtschaft war eine Boom-Branche, jetzt blickt sie pessimistisch in die Zukunft Ein mittleres Modell von Claas aus dem westfälischen Harsewinkel kostet inklusive Satelliten-Ortung und Bordcomputer Dollar. Will ein Landwirt dieses hellgrüne Monstrum aus deutscher Fertigung erwerben, fährt er zu seinem Händler und feilscht um den Preis. Sind sich beide einig, klingelt bei Bini das Telefon. Dann geht alles sehr schnell. Bezahlt der Landwirt in Soja-Bohnen, tippt Bini das Kürzel S in seinen Computer. S wie Soja. Binnen Sekunden hat der den aktuellen Preis der Bohnen an der Börse von Rosario auf dem Schirm. Abzüglich der Exportsteuer, die der Computer automatisch berechnet, wird die Tonne Soja an diesem Tag mit 300 Dollar gehandelt, was als Umrechnungspreis für den Mähdrescher festgelegt wird. Die Maschine würde den Landwirt also 1000 Tonnen Soja kosten, abzuliefern im Hafen von Rosario, genau 33 Lastwagenladungen. Weil aber Claas kein Getreidehändler ist, braucht Bini dann noch einen Käufer und bietet die Ladung den Exporteuren Dreyfus, Bunge oder Cargill an. Hat er einen Kunden gefunden, ist der Deal perfekt. Schon am nächsten Tag kann der Landwirt damit beginnen, die Bohnen zu liefern. Das Geld für die Ware überweist der Exporteur dann an Claas und der Landwirt hat die Schecksteuer und einen Teil der Mehrwertsteuer gespart. Argentinien zählt zu den Agrarnationen. In den klassischen Anbaugebieten im Zentrum des Landes gehört den Großgrundbesitzern der überwiegende Teil der Ländereien Hektar sind das Mindeste, was ein Landwirt braucht, um rentabel arbeiten zu können. Inzwischen investieren auch Investmentfonds in die Farmen in Argentinien. Dabei entstehen Güter von der Größe des Stadtstaates Bremen, auf denen mit modernster Technik gearbeitet wird. Fuhren die Investoren mit ihren Körnern und Bohnen in den vergangenen Jahren satte Gewinne ein, droht sich in diesem Jahr ihr Geschäft zu verschlechtern. Zum einen regnet es zu wenig in vielen Agrarregionen. Zum anderen brachen im August die Rohstoffpreise weltweit ein. Soja-Bohnen verloren 27 Prozent an Wert. Das Scheffel (0,27 Tonnen) kostet gegenwärtig in Chicago 3

5 SCHWERPUNKT: IMPROVISATION Foto: Mariano Espinosa /Betha /Latinphoto.org 1170 Cent immer noch viel Geld, aber deutlich weniger als noch vor wenigen Monaten. Für Argentinien eine dramatische Entwicklung. Immer mehr Rinderweiden, Mais- und Weizenfelder wurden in den vergangenen Jahren zu Sojaflächen. Argentinien ist der drittgrößte Soja-Produzent der Welt, hinter den USA und Brasilien. Voriges Jahr erntete das Land 48 Millionen Tonnen der proteinhaltigen Bohnen. Auf 16,8 Millionen Hektar sprießen Soja- Pflanzen, eine Fläche etwa halb so groß wie die von Deutschland. Nur: Wie viel Ertrag diese Fläche künftig liefern wird, ist alles andere als sicher. Davon haben die Banken längst Wind bekommen. Weil sie kaum günstiges Geld aus dem Ausland hereinholen, verlangen sie von den Bauern Zinssätze für Kredite zwischen 15 und 22 Prozent. Hinzu kommt, dass die Preise für die Produktionsmittel wie Saatgut, Kunstdünger und Spritzmittel infolge des Agrar-Booms stark gestiegen sind. Heute muss ein Landwirt erheblich mehr ausgeben, um Mais auszusäen. In der vergangenen Saison kostete es 400 Dollar, um einen Hektar zu bestellen, heute sind es 650 Dollar, bei Soja stiegen die Preise von 250 auf 300 Dollar, sagt Juan Mascias, Marketing-Direktor bei Syngenta, einem Saatgutproduzenten. Doch damit nicht genug der schlechten Nachrichten. Nach mehreren Jahren Rekordwachstum von durchschnittlich acht Prozent hat der Boom nachgelassen. Und auch der Staatshaushalt wirkt angespannt. Zwar erwirtschaftet das Land im laufenden Jahr ein Plus von 3,3 Prozent. Aber schon 2009 werden 18 Milliarden Dollar an Schuldenzahlungen fällig und neue Schulden kann das Land nur zu sehr hohen Zinsen aufnehmen. Wer Körner hat, kann spekulieren. Mit echtem Geld macht man ungern Geschäfte Kein Wunder, dass Bauern ihre Ersparnisse in den Plastiksparstrümpfen einlagern, statt sie in Pesos zu wechseln und das treibt den Tauschhandel an. Längst haben sich die großen Zulieferer auf diese Geschäfte eingestellt. Wir arbeiten mit allem, sagt Eduardo Secchi, Finanzdirektor der Pflanzenschutzsparte von Bayer in Argentinien. Soja, Weizen, Mais, Baumwolle, Sonnenblumenkerne wenn es einen Markt gibt, gibt es Tausch. Der Konzern hat in seiner Zentrale in Buenos Aires eine Tauschabteilung mit sechs Mitarbeitern aufgebaut. Es ist einfacher, dem Landwirt seine Körner abzunehmen als sein Geld, sagt Secchi. Bei Bayer decken sich die Bauern mit Mitteln ein, die ihnen natürliche Plagen vom Hals halten sollen: Herbizide gegen Unkraut, Insektizide gegen Käfer, Fungizide gegen Pilze. 30 Millionen Dollar setzt Bayer in Argentinien jährlich mit Tauschgeschäften für Pflanzenschutzmittel um, etwa 15 Prozent des gesamten Handelsvolumens. Die Landwirte verkaufen nie ihre ganze Ernte, denn sie sparen in Körnern, sagt Secchi. Und dieses Sparen in Körnern Von der Formel 1 über die Landwirtschaft zur Tauschwirtschaft: Carlos Reutemann ist nicht nur wegen des wirtschaftlichen Auf und Ab sinnvoll. Niemand weiß, wie das Wetter wird. Regnet es viel, werden die Pflanzen von Pilzen befallen, der Landwirt braucht Fungizide, und die kann er gegen seine Produkte tauschen, sagt Secchi. Hinzu kommt: Wer Körner hat, kann spekulieren. Denn wer mit Bayer ins Geschäft kommen will, muss nicht an einem bestimmten Tag zu einem bestimmten Zeitpunkt seine Körner tauschen. Es ist auch möglich, einen Tauschvertrag ohne Börsenpreis abzuschließen. Der Landwirt hat dann 60 Tage Zeit, die Operation zu Ende zu bringen. In dem Moment, wenn dem Landwirt der Preis gefällt, ruft er an und sagt: kaufen!, berichtet Secchi. Landwirte pokern eben gerne ein wenig. Zu diesem Poker gehören die Silo-Tüten. Ein Jahr lang hält sich das Getreide darin, ob es regnet oder stürmt. Die Landwirte hoffen nach der Ernte auf höhere Preise, und sie misstrauen den Banken, sagt der Broker Bini. Wenn dem Land wirklich turbulentere Zeiten bevorstehen, ist die Körner-Tüte auf dem Acker die beste Versicherung. Aber den Wert der Ware haben längst nicht nur die Bauern und die Unternehmen der Agrarindustrie erkannt. Die Polizei in Santa Fé wird immer wieder gerufen, weil Silo-Tüten über Nacht einfach verschwinden. Die Spurensicherung findet danach selten Fingerabdrücke. Aber Reifenprofile schwerer Lastwagen. - BRAND EINS 10/08 115

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