Kein Täter werden Keine Effekte? Andrej König. Fachhochschule Dortmund. The final publication is available at Springer via

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1 1 Kein Täter werden Keine Effekte? Andrej König Fachhochschule Dortmund The final publication is available at Springer via Korrespondenzadresse: Dr. rer. nat. Andrej König Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften, Fachhochschule Dortmund Emil-Figge-Str. 44, Dortmund, Deutschland

2 2 Das Präventionsprojekt Dunkelfeld (PPD) wirbt seit 2005 medial mit dem Slogan Kein Täter werden. Inzwischen existieren mit Förderung des Bundes und der Länder deutschlandweit zehn Standorte, deren Ziel es ist, Männer, die an einer pädophilen und/oder hebephilen Störung (i.s. des DSM-IV TR) leiden und keine sexuellen Übergriffe gegen Minderjährige ausüben wollen, unter Zusicherung von Anonymität therapeutische Hilfe anzubieten, um so die Auftretenswahrscheinlichkeit für sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche zu reduzieren (1). Ausschlusskriterien für die Teilnahme am PPD sind nach Beier et al. (1) akute, unbehandelte, affektive und psychotische Erkrankungen, Substanzmissbrauch, Entwicklungsstörungen wie geistige Behinderungen und laufende polizeiliche Ermittlungen, offene Strafverfahren oder richterliche Auflagen und Weisungen. Voraussetzungen für die Teilnahme sind eine pädophile und/oder hebephile Störung (i.s. des DSM-IV TR), hinreichende Deutschkenntnisse und ein Mindestalter von 18 Jahren sowie die schriftliche Einwilligung zur Teilnahme. Die zugesicherte Anonymität ist somit lediglich bis zur Unterzeichnung der Einwilligungserklärung gewährleistet. Im Untersuchungszeitraum von 2005 bis 2011 erfüllte etwa die Hälfte der N = 596 Bewerber (53,5%; n = 319) die formulierten Einschlusskriterien. Teilnehmer, die die Gruppentherapie des PPD vorzeitig abgebrochen haben, blieben in der Projekt-Evaluation von Beier et al. (1) unberücksichtigt. Im Verlauf der Gruppentherapien haben 29,7% (n = 38) der Teilnehmer die Behandlung abgebrochen und 44,5% (n = 142) lehnten bereits zu Beginn die ihnen angebotenen Maßnahmen ab. Insgesamt haben somit von den n = 319 Bewerbern, die die Einschlusskriterien erfüllten, 56,4% (n = 180) das ihnen unterbreitete Therapieangebot abgelehnt oder vorzeitig abgebrochen. Um die Effektivität einer Präventionsmaßnahme valide beurteilen zu können, sollten entsprechend der Empfehlungen der Society of Prevention Research (3), Abbrecher ebenfalls zur Gruppe der Behandelten gezählt werden. Darüber hinaus hat die forensisch-kriminologische Forschung gezeigt, dass Sexualstraftäter, die Behandlungsmaßnahmen abbrechen, deutlich höhere Rückfallquoten aufweisen (z.b. 4). Mögliche Gründe hierfür sind die subjektive Bewertung des Therapieabbruchs als eigenes Versagen und eine daraus resultierende geringe Bereitschaft, zukünftig erneut therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Hohe Abbrecherquoten können die Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen somit aufheben oder gar umkehren, sodass insgesamt trotz erfolgreicher Behandlung derjenigen, die die Maßnahme regulär abschließen, mehr Schaden als Nutzen entsteht. Im Rahmen der Evaluation des PPD verglichen die Autoren (1) während eines 12-monatigen Beobachtungszeitraums eine Therapiegruppe (TG, n = 53) mit einer nicht-randomisierten Wartekontrollgruppe (CG, n = 22) hinsichtlich 14 dynamischer Risikofaktoren sowie pädosexueller Handlungen (sexuelle Übergriffe gegen Minderjährige und Konsum von

3 3 Missbrauchsdarstellungen). Alle erhobenen Daten basierten auf Selbstauskünften der Teilnehmer. Die Autoren (1) führen aus, dass auf ein randomisiertes Studiendesign aus ethischen und praktischen Gründen verzichtet wurde. Erläuterungen dazu, nach welchen Kriterien die CG rekrutiert wurde, bleiben aus, sodass davon ausgegangen werden muss, dass es sich um eine anfallende Stichprobe handelte. Die Teilnehmer der TG wiesen im Vergleich zur CG ein signifikant höheres Alter (M = 38,46 Jahre vs. M = 33,14 Jahre, p <.05) und einen signifikant höheren Anteil an Teilnehmern mit der Diagnose einer pädophilen Störung (77,4% vs. 54,5%, p <.05) auf. Aus methodischer Sicht hätte sich hier zumindest eine parallelisierte Kontrollgruppe angeboten, um konfundierende Effekte der Stichprobenzusammensetzungen ausschließen und einen aussagekräftigen Gruppenvergleich gewährleisten zu können. Die wöchentliche Therapie von 180 Minuten fand in geschlossenen Gruppen von 6 bis 10 Teilnehmern über einen Zeitraum von 12 Monaten statt. Inhaltlich basiert das psychotherapeutische Vorgehen des PPD überwiegend auf klassischen Elementen der deliktorientierten Behandlung von Sexualstraftätern (z.b. Entwicklung von adäquaten Coping- Strategien und Opferempathie, Aufdeckung kognitiver Verzerrungen etc.). Zu Beginn und nach Abschluss einer Gruppenbehandlung bearbeiteten die Teilnehmer eine umfangreiche diagnostische Testbatterie mit 14 Risikoskalen und gaben Auskunft zu von ihnen selbst begangenen pädosexuellen Handlungen im Beobachtungszeitraum. Die Autoren (1) machen keine Angaben dazu, nach welchen Kriterien die einzelnen Behandlungsgruppen zusammengesetzt wurden. Demnach ist anzunehmen, dass es sich um eine heterogene Gruppenzusammensetzung handelte, sodass sich beispielsweise Männer, die bereits für Sexualdelikte an Minderjährigen verurteilt wurden, gemeinsam mit Männern, die weder im Hell- noch im Dunkelfeld pädosexuelle Übergriffe begangen haben, in einer Therapiegruppe befanden. Hinsichtlich der Ergebnisse zu den 14 untersuchten Risikoskalen zeigt sich zum Post- Messzeitpunkt lediglich ein signifikanter Unterschied zwischen TG und CG: Teilnehmer der TG wiesen mit einer moderaten Effektstärke einen geringeren Wert auf der Skala Cognitive victim empathy deficits (ES r = -0.34, p <.01) auf. Betrachtet man Prä-Post-Veränderungen auf den in Tabelle 3 dargestellten 11 Risikoskalen für die TG (n = 53), so ergeben sich für Teilnehmer ohne pädosexuelle Handlungen in ihrer Biografie (22,6% n = 12) keine signifikanten Veränderungen. Für Teilnehmer, die in ihrer Vorgeschichte ausschließlich Missbrauchsdarstellungen konsumiert haben (30,2% n = 16), zeigt sich lediglich auf der Skala Child sexual abuse supportive attitudes eine geringe signifikante Reduktion der Mittelwerte (ES r = -0.19, p <.05). Teilnehmer, die bereits sexuelle Übergriffe gegen Minderjährige begangen haben (17% n = 9), weisen auf zwei Risikoskalen eine signifikante moderate Reduktion ( Emotional victim empathy deficits ES r = -0.30, p <.05; Child sexual abuse supportive attitudes ES r = -0.27, p <.05) auf. Für Teilnehmer, die in der Vergangenheit durch

4 4 sexuelle Übergriffe gegen Minderjährige und den Konsum von Missbrauchsdarstellungen aufgefallen sind (30,2% n = 16), ergibt sich auf 6 der 11 Risikoskalen eine signifikante geringe Reduktion ( Loneliness ES r = -0.13, p <.05; Hostility towards women ES r = -0.18, p <.05; Emotional victim empathy deficits ES r = -0.17, p <.01; Child sexual abuse supportive attitudes ES r = -0.22, p <.05; Coping self-efficacy deficits ES r = -0.14, p <.05; Sexual preoccupation ES r = -0.13, p <.05). Der Befund, dass Männer mit einer pädokriminellen Vorgeschichte am ehesten von deliktorientierten Maßnahmen profitieren, steht im Einklang mit dem in der forensischen Forschung bewährten Risk-Needs-Responsivity-Prinzip (z.b. Bonta & Andrews, 2). Eine deliktorientierte prophylaktische Behandlung von pädophilen und/oder hebephilen Männern (i.s. einer Reduktion dynamischer Risikomerkmale), die bislang keine oder wenige pädosexuelle Handlungen in ihrer Vorgeschichte gezeigt haben, scheint nach den Ergebnissen von Beier et al. (1) also kontraindiziert. Betrachtet man die Ergebnisse zu pädosexuellen Handlungen (i.s. sexueller Übergriffe gegen Minderjährige und des Konsums von Missbrauchsdarstellungen) während des 12-monatigen Beobachtungszeitraums, so zeigen sich laut Beier et al. (1) keine signifikanten Unterschiede zwischen der TG und der CG (vgl. Tabellen 4 u. 5). Die Rückfallquoten lagen je nach Subgruppe zwischen 20% und 91%. In Tabelle 5 werden Daten zum Ausmaß pädosexueller Übergriffe für die TG und CG während der letzten 6 Monate vor der Post-Erhebung dargestellt. In beiden Gruppen fehlen die Angaben jeweils eines Teilnehmers, wobei sich die Anzahl in der CG auf n = 21 Probanden reduziert. In der entsprechenden Spalte der Tabelle 5 werden hingegen n = 22 Probanden genannt. Auch hier zeigen sich keine signifikanten Effekte, die auf eine Reduktion sexuell übergriffiger Verhaltensweisen gegen Minderjährige hinweisen. Die Autoren (1) betonen, dass basierend auf Selbstauskünften kein Teilnehmer im Beobachtungszeitraum von 12 Monaten im Hellfeld strafrechtlich in Erscheinung getreten ist und begründen damit die Bedeutung ihres Dunkelfeldansatzes. Eine Verifizierung der Angaben der Teilnehmer (z.b. anhand von BZR-Auszügen) fand jedoch nicht statt. Da laufende polizeiliche Ermittlungen oder Strafverfahren ein Ausschlusskriterium des PPD sind, besteht insbesondere in der Wartegruppe (CG) die Möglichkeit, dass Bewerber bewusst fehlerhafte Angaben gemacht haben, um ihr Anrecht auf einen Therapieplatz im PPD nicht zu verlieren. Abschließend fordern die Autoren (1) anonyme primär-präventive Therapien für Männer mit pädophilen und/oder hebephilen Störungen, wie sie das PPD anbietet, in das deutsche Gesundheitssystem zu integrieren und auszubauen. Diese Forderung ist insofern erstaunlich, da die Autoren selbst etwa die Hälfte ihrer Bewerber (n = 277) an Therapeutinnen und Therapeuten außerhalb des PPD vermittelt haben. Darüber hinaus sind entsprechend der

5 5 Psychotherapie-Richtlinien des gemeinsamen Bundesausschusses (vgl. 22) auch sexuelle Präferenzstörungen als behandlungswürdige psychische Erkrankungen (i.s. von Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen) zu klassifizieren, die bereits zum Leistungsspektrum der gesetzlich-psychotherapeutischen Grundversorgung gehören. Selbstverständlich unterliegen auch ärztliche oder psychologische Psychotherapeutinnen und -therapeuten der Schweigepflicht (vgl. 203 StGB). Zusammenfassend sind die von Beier et al. (1) dargestellten Evaluations-Ergebnisse des PPD zur Wirksamkeit primär-präventiver Gruppentherapie (i.s. der Reduktion pädosexueller Handlungen und des Konsums von Missbrauchsdarstellungen) widersprüchlich, sodass nach aktuellem Forschungsstand unklar bleiben muss, ob solche Maßnahmen bei Männern mit pädophilen und/oder hebephilen Störungen die Auftretenswahrscheinlichkeit für sexuelle Gewalt gegen Minderjährige erhöhen, reduzieren oder unbeeinflusst lassen. Ferner umfasst der Beobachtungszeitraum lediglich 12 Monate, sodass Langzeiteffekte des PPD ungewiss sind. Schlussendlich fehlt es an einem methodisch belastbaren Studiendesign, das valide Aussagen über Wirkeffekte zuließe. An dieser Stelle muss auch darüber nachgedacht werden, ob die Selbstevaluation der Therapiemaßnahmen durch die anbietende Institution und die damit verbundene Doppelrolle nicht einen Interessenskonflikt darstellt. Anstatt primär-präventive Angebote zu erweitern, deren Wirksamkeitsnachweis in Bezug auf den Kinder- und Jugendschutz noch aussteht, wäre es aus forensischer Sicht sinnvoll, die ambulante psychotherapeutische Versorgungslage für Männer, die aufgrund von Sexualdelikten an Minderjährigen verurteilt wurden und beispielsweise richterliche Therapieweisungen erhalten haben, auszubauen. Hierbei handelt es sich um eine Tätergruppe, die ihre Gefährlichkeit bereits unter Beweis gestellt hat und dem Risk-Needs- Responsivity-Prinzip (2) folgend einen besonderen Hilfebedarf aufweist. Des Weiteren erweckt das negativ formulierte Therapieziel des PPD ( Kein Täter werden ) den Anschein, dass alle Männer mit pädophilen und/oder hebephilen Störungen eine Gefahr für Minderjährige darstellen und trägt somit zu einer Stigmatisierung von Männern mit sexuellen Präferenzstörungen bei, die weder im Hell- noch im Dunkelfeld durch pädosexuelle Handlungen oder Sexualdelikte in Erscheinung getreten sind. In der aktuellen Studie (Tabelle 3) fiel immerhin fast ein Viertel (22,6% n = 12) der Teilnehmer in diese Kategorie. Möglicherweise würde ein positiv formuliertes Therapieziel zu einer höheren Teilnahmebereitschaft und geringeren Abbrecherzahlen führen, ließe sich medial im Sinne des Kinder- und Jugendschutzes aber wohl kaum erfolgreich vermarkten.

6 6 Literatur 1. Beier, K. M., Grundmann, D., Kuhle, L. F., Scherner, G., Konrad, A., & Amelung, T. (2015). The German Dunkelfeld Project: A Pilot Study to Prevent Child Sexual Abuse and the Use of Child Abusive Images. The Journal of Sexual Medicine, 12, Bonta, J., & Andrews, D. A. (2007). Risk-Need-Responsivity Model for Offender Assessment and Rehabilitation. Rehabilitation, 6, Flay, B. R., Biglan, A., Boruch, R. F., González-Castro, F., Gottfredson, D., Kellam, S., Moscicki, E. K., Schinke, S., Valentine, J. C. & Ji, P. (2005). Standards of Evidence: Criteria for Efficacy, Effectiveness and Dissemination. Prevention Science, 6, Marques, J. K., Wiederanders, M., Day, D. M., Nelson, C., & Van Ommeren, A. (2005). Effects of a Relapse Prevention Program on Sexual Recidivism: Final Results from California s Sex Offender Treatment and Evaluation Project (SOTEP). Sexual Abuse: A Journal of Research and Treatment, 17,

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