Prozesse der Mobilisierung sozialen Kapitals in prekären Erwerbslagen

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1 Prozesse der Mobilisierung sozialen Kapitals in prekären Erwerbslagen Andreas Gefken Forschungsprojekt: Soziales Kapital im Lebensverlauf Tagung: Soziale Beziehungen und soziales Kapital in kritischen Lebensphasen Juni 2014 an der Universität Hamburg

2 Thematischer Ausgangspunkt: Prekaritätsdiskurs Zunahme atypischer Beschäftigungsformen (Leiharbeit, befristete Beschäftigung, geringfügige Beschäftigung ( Mini-Jobs ); vgl. Keller/Seifert 2005) Des-integrative Auswirkungen auf soziale Netzwerke (Castel 2009, Sennett 1998) Sozialkapitalforschung unterstützende Leistungen sozialer Beziehungen (Kahn/Antonucci 1980; Fischer 1982; Laireiter 1993; Röhrle 1994) Puffereffekt informeller sozialer Unterstützung in prekären Erwerbslagen (Mayer- Ahuja 2003; Kraemer 2008) Seite 2

3 Fragestellung: Welche Rolle spielen soziale Netzwerke in prekären Erwerbssituationen? Für welche Formen sozialer Unterstützung entsteht in prekären Erwerbslagen Bedarf? (Wie) Wird soziale Unterstützung im privaten Umfeld mobilisiert? Methoden/ Sample: 17 leitfadengestützte Interviews (vgl. Helfferich 2009) mit biographisch-narrativem Einstieg mit prekär Beschäftigten, d.h.: Leiharbeit, befristeter und geringfügiger Beschäftigung, die in eine Situation beruflicher Unsicherheit geraten sind Nicht-strukturierte, freie Netzwerkzeichnungen (Scheibelhofer 2006) Auswertung nach der Grounded-Theory (Glaser/Strauss 1967; Strauss/Corbin 1996) Titelxx Seite 3 Untertitel

4 Unterstützungsbedarf in prekären Erwerbslagen (Diewald/Sattler 2010) Situationen einer empfundenen Notlage Materielle Unterstützung: kurzfristige finanzielle Engpässe (Reparaturen, ärztliche Behandlungskosten, Umzüge); längerfristige Aufrechterhaltung des Lebensstandards (Urlaube, Konsum), soziale Teilhabe (Geschenke), Rückzahlungen Emotionale / motivationale Unterstützung (Ermutigung nach Rückschlägen) Persönliche Wertschätzung ( als Mensch akzeptiert und geschätzt werden ) Arbeitshilfen (Umzüge, Reparaturen) Informationen (freie Stellen, Arbeitnehmerrechte, Umgang mit Behörden) Titel Seite 4 Untertitel

5 bisherige Reziprozitätsbalance

6 Soziales Netzwerk Handlungskontext: bisherige Reziprozitätsbalance - Familie als finanzielle support bank - Freundeskreis als emotionale Unterstützungsstruktur

7 Beziehungsformen Handlungskontext: bisherige Reziprozitätsbalance - stabil und vertraut - Generationenbeziehungen (aufgeschobene Reziprozität)

8 Bisherige Reziprozitätsbalance: Handlungskontext: - Abwägung der Balance von Geben und Nehmen in einer Beziehung

9 Das privat Geldleihen versuch ich zu vermeiden und hab s bisher auch immer ganz gut hingekriegt das zu vermeiden. So das ist von meiner Mutter, ja, was heißt inspiriert? Aber die hat irgendwie immer versucht das so zu halten, nicht nur nicht Geld zu leihen, sondern auch irgendwie kreditmäßig nicht so bei der Bank sich zu verschulden. Das ist ein bisschen aufgeweicht jetzt, kann man sagen, durch unter anderem, dass ich einen Fernseher gekauft hab' [ ]. Wenn sich das nicht ganz unbedingt vermeiden lässt. Da würd' ich auch gar nicht drauf kommen, irgendjemanden zu fragen ob er mir Geld leihen kann. (Leiharbeiter, 33 Jahre, F5)

10 Und ich bin auch so, ich frag' nicht gern' nach Geld. Also ich würd' auch zum Beispiel meinen Eltern gegenüber nie sagen, dass das knapp ist. Die fragen zwar manchmal "Ja, wieso geht ihr denn noch putzen?". Ich mein', nur weil ich Langeweile hab mach' ich es nicht. Aber das ist, weiß ich nicht. Also ich sprech' mit ihnen oder mit meinem Bruder nicht so gerne da drüber. Das sind so Sachen, weiß ich nicht das, wie gesagt, es wurd' früher auch nie über Geld geredet. Und das ist bei mir immer noch so drin. (Mini-Jobberin, 43 Jahre, F13)

11 Interviewer: Also wenn man mal einen guten Ratschlag, Informationen vielleicht auch braucht zu etwas. Befragter: Ich weiß, ich kann mir ganz gut selber helfen im Grunde genommen. Und hab mich glaub' ich auch schon intensiv mit Dingen beschäftigt, eben aufgrund dieser ganzen Erfahrung, auch in beruflicher Hinsicht, über die sich andere noch gar keine Gedanken gemacht haben. Insofern komm' ich da ganz gut alleine klar. [ ] (Leiharbeiter, 40 Jahre, F15)

12 Also ich hab' eigentlich relativ früh schon festgestellt, dass die Notwendigkeit doch eher meistens da ist sich am Ende doch selber zu helfen. [ ] Von daher ist das nicht so sehr meine Vorgehensweise da auf andere Leute zu zugehen [...] aber, bin ich jetzt bisher im Normalfall auch immer relativ gut mit klar gekommen. Also ich hab' jetzt nicht das dringende Bedürfnis irgendwie jetzt Leuten mein Herz auszuschütten oder so. Ich mach das dann eher mit mir selber aus. (Leiharbeiter, 31 Jahre, F1)

13 Intervenierende Bedingungen: generelle Haltung zu sozialer Unterstützung

14 Intervenierende Bedingungen: generelle Haltung zu sozialer Unterstützung sozialer Vergleich mit den Sicheren Es gibt auch Schwierigkeiten im Freundeskreis, für meinen Mann sind das keine, aber für mich sind das Schwierigkeiten. Ich sag' dann immer "Wie willst du mich vorstellen? Oder "Was macht deine Frau beruflich?" Dann denk' ich immer "Oh Gott. Was soll er da jetzt sagen?". Also er selber sagt "Wieso? Das ist doch nicht wichtig. Das geht doch um dich als Mensch". Aber ich glaube, in dieser Gesellschaft geht es gar nicht um den Menschen selbst. Wenn mich jetzt einer fragt. Ich bin jetzt in 14 Tagen zum Geburtstag eingeladen. Und wenn dann einer fragt Ja, wie geht's denn? Was macht denn dein Job?", dann würde ich denken Was sag' ich denn jetzt?. (Werkvertragskraft, 47 Jahre, F16)

15 Intervenierende Bedingungen: generelle Haltung zu sozialer Unterstützung sozialer Vergleich mit den Sicheren normative Referenzrahmen bzgl. Arbeit Befragte: Meine Eltern würd' ich auch nicht fragen. Also das würde ich nicht machen. Und so Bekannte oder Freunde schon gar nicht um Geld fragen. Das würde es nicht geben. Interviewer: Und warum nicht? Befragte: Ja, das, das ist mir, also mir persönlich ist das unangenehm. Also dass die Leute dann denken "Wieso hat sie das nicht selber, oder kriegt sie das nicht selber auf die Reihe? Weil ich geh' ja eigentlich auch arbeiten. Und ich geh' auch viel arbeiten, und mein Mann auch. Und trotzdem reicht das manchmal für manche Sachen eben nicht. (Mini-Jobberin, 43 Jahre, F13)

16 Intervenierende Bedingungen: generelle Haltung zu sozialer Unterstützung sozialer Vergleich mit den Sicheren normative Referenzrahmen bzgl. Arbeit Ich bin in meiner Familie, aber auch in der Gesamtverwandtschaft, rangiere ich als schwarzes Schaf. Unausgesprochen aber spürbar. [ ] Also ich hab erlebt, dass man Abitur macht, eine Ausbildung, dann entsprechendes studiert und dann berufstätig ist, dass man einmal vielleicht den Arbeitgeber wechselt innerhalb dieser Laufbahn, das ist noch tolerabel. Alles andere ist, äh, abartig. Also buchstäblich. Und bei meinen Geschwistern ist es so, die sind gut situiert und da fällt s mir schon schwer über die Dinge zu sprechen, die ich als Benachteiligung empfinde, also durch die Behandlung der Arbeitgeber. (Mini-Jobberin, 49, F16)

17 Intervenierende Bedingungen: generelle Haltung zu sozialer Unterstützung sozialer Vergleich mit den Sicheren normative Referenzrahmen bzgl. Arbeit Handlungstrategien: selber über die Runden kommen an professionelle Akteure wenden prekäre Vergemeinschaftung herstellen

18 Intervenierende Bedingungen: generelle Haltung zu sozialer Unterstützung sozialer Vergleich mit den Sicheren normative Referenzrahmen bzgl. Arbeit Handlungstrategien: selber über die Runden kommen an professionelle Akteure wenden prekäre Vergemeinschaftung herstellen

19 Intervenierende Bedingungen: generelle Haltung zu sozialer Unterstützung sozialer Vergleich mit den Sicheren normative Referenzrahmen bzgl. Arbeit Handlungstrategien: selber über die Runden kommen an professionelle Akteure wenden prekäre Vergemeinschaftung herstellen

20 Intervenierende Bedingungen: generelle Haltung zu sozialer Unterstützung sozialer Vergleich mit den Sicheren normative Referenzrahmen bzgl. Arbeit Handlungstrategien: getarnte Unterstützung

21 Schlussfolgerungen: Prozesse der Mobilisierung sozialer Unterstützung in der Prekarität sind eingebettet in: - Situationen empfundener Notlagen als Auslöser für Unterstützungsbedarfe - Handlungskontexten, d.h. sozialem Netzwerk; einzelnen sozialen Beziehungen, Reziprozitätsbalancen - Intervenierenden Bedingungen, d.h. generellen (oft sozialisatorisch geprägten) Haltungen zu Unterstützung, sozialen Vergleichsprozessen mit den Nicht-Prekären, normativen Referenzrahmen bezüglich Arbeit - Handlungsstrategien als Alternativen zu sozialer Unterstützung oder getarnter Unterstützung als Kompromiss Titel Seite 21 Untertitel

22 (Handlungs-) Kontext Kodierparadigma des axialen Kodierens nach Strauss/Corbin Ursächliche Bedingungen Phänomen Konsequenzen Intervenierende Bedingungen Strategien

23 bisherige Reziprozitätsbalance Konsequenzen: zusammenrücken vs. Beziehungsüberlastung gelungene vs. gescheiterte Abmilderung von Prekarität Intervenierende Bedingungen: generelle Haltung zu sozialer Unterstützung sozialer Vergleich mit den Sicheren normative Referenzrahmen bzgl. Arbeit Handlungstrategien: alleine über die Runden kommen an professionelle Akteure wenden prekäre Vergemeinschaftung herstellen

24 convoy of social support (Kahn/Antonucci) Ressourcenausstattung der Beziehungspersonen (Bourdieu), sowie deren Ressourcenzugang (Van der Gaag/Snijders 2004) Wahrgenommene Qualität einzelner Beziehungen, Ausmaß des Vertrauens, Reziprozitätsnormen (Diewald; Hollstein ) Direkteffekte sozialer Beziehungen (Diewald 1991; Pfaff 1989; Hollstein 1999 )

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