Unfall und was dann? Über die Wichtigkeit von psychosozialen Faktoren für die Rehabilitation. Gesundheitsförderung Schweiz 2015 Hansjörg Znoj

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1 Unfall und was dann? Über die Wichtigkeit von psychosozialen Faktoren für die Rehabilitation Gesundheitsförderung Schweiz 2015 Hansjörg Znoj

2 Berücksichtigung psychosozialer Faktoren für die Reintegration Unfallverarbeitung Vorbelastung Unfall Genesung? Unfallfolgen BGM

3 Psychische Faktoren: Unfallfolgen 1 Jahr 3 Jahre Verkehrsunfall 25% zeigen psychische/psychiatrische Störungen: PTSD Angststörung Depression Schnyder et al. (2001) 25% zeigen psychiatrische Symptome 21% mittlere bis starke Schmerzen Mayou, Bryant (2002) BGM

4 Psychische Faktoren: Unfallverarbeitung Depressivität Schmerzbezogene Kognitionen Hasenbring (2005) Copingverhalten Buitenhuis et al. (2003) Schmerzchronifizierung Angst- und Vermeidungsverhalten Turner et al. (2006) Subjektive Genesungserwartung Schnyder et al. (2003) BGM

5 Ausgangslage: Früherkennung von Komplexfällen Rechtliches Soziales /Wirtsch. Diagnose Arbeitsunfähigkeit Standard Normal Komplexfall - fremdeingeschätzte ( objektive ) Daten - Daten sind nicht ausreichend zur umfassenden Früherkennung von Versicherten mit Risiken für komplizierte Verläufe BGM 2015 Selbsteinschätzung der Betroffenen kaum berücksichtigt 5

6 Untersuchung Gesundheit und Arbeit nach einem Unfall die Sicht der Betroffenen Ziel: Früherkennung von Komplexfällen Aus der Forschung sind subjektiv erfassbare Risikofaktoren für Heilungsprozesse nach einem Unfall bekannt: Welche sind für Suva-Versicherte aussagekräftig? Überprüfen von subjektiven Aussagen von Versicherten auf ihre Vorhersagekraft für komplizierte Verläufe nach Unfällen Konkrete Fragestellung Welche Prädiktoren sind für die Früherkennung von Komplexfällen (1 Jahr nach Unfall) relevant? BGM

7 Komplexfälle und Arbeitsunfähigkeit 406 Personen antworten auf 1. Befragung davon sind 1 Jahr später 1.7% Komplexfälle 74.1% arbeitsunfähig 13.8% Komplexfälle 4.4% arbeitsunfähig t BGM

8 Ergebnisse subjektive Prädiktoren > 51 der 169 Selbsteinschätzungen der Versicherten leisten einen statistisch signifikanten Beitrag für die Früherkennung von Komplexfällen > Modell mit 11 Fragen ist besonders aussagekräftig > 35% aller Komplexfälle konnten korrekt identifiziert werden: 27% durch Subjektive Prädiktoren, 7% durch NCM 406 Versicherte 11 subjektive Prädiktoren: 30 Komplexfälle 15 korrekt 56 Komplexfälle NCM Prozess: 7 Komplexfälle 4 korrekt BGM

9 FAB (Fragebogen zu Arbeit und Befinden) BGM

10 Gesundheit und Schmerz Wie würden Sie Ihren gegenwärtigen Gesundheitszustand beschreiben? sehr gut sehr schlecht Wie häufig haben Sie in der letzten Zeit unter Schmerzen gelitten? nie immer Wie stark fühlen Sie sich durch die Schmerzen im täglichen Leben beeinträchtigt? überhaupt nicht äusserst stark Einzelitems, Visuelle Analogskala (U1_VAS_GES_1; U1_VAS_Schmerz_3; U1_VAS_Schmerz_5) BGM

11 Depressivität Ich fühle mich in meinen Aktivitäten gebremst fast immer sehr oft manchmal überhaupt nicht Hospital Anxiety and Depression Scale (U1_HADS_Dep_79) Wie sehr litten sie in den letzten 7 Tagen unter Einsamkeitsgefühlen? überhaupt nicht ein wenig ziemlich stark sehr stark Symptom-Checkliste, Kurzform (U1_SCL_68) BGM

12 Angst Mir gehen beunruhigende Gedanken durch den Kopf einen Grossteil der Zeit verhältnismässig oft von Zeit zu Zeit, aber nicht allzu oft Nur gelegentlich / nie Hospital Anxiety and Depression Scale (U1_HADS_Ang_76). Wie sehr litten sie in den letzten 7 Tagen unter Furchtsamkeit? überhaupt nicht ein wenig ziemlich stark sehr stark Symptom-Checkliste, Kurzform (U1_SCL_61 und U1_SCL_68). BGM

13 Posttraumatische Belastungssymptome Fühlten Sie sich während des Unfalls oder kurz danach hilflos? Ja Nein Haben Sie plötzlich auftretende Bilder im Kopf? Ja Nein Screeninginstrument für PTB nach einem Verkehrsunfall (U1_PTB_161 und U1_PTB_165). BGM

14 Kognitive Folgen Angstvermeidungsüberzeugungen Machen Sie sich in letzter Zeit Sorgen darüber, dass Sie in Zukunft wegen des Unfalls weniger verdienen? immer manchmal selten nie Einzelitem (U1R_Kog_Folgen_98) Ich glaube, dass ich mindestens 3 Monate nicht normal arbeiten gehen kann trifft überhaupt nicht zu unsicher trifft genau zu Fear Avoidance Beliefs Questionnaire (U1_FABQ_WORK_16). BGM

15 Items aus dem Arbeitsteil BGM

16 BGM

17 Der Komplexfall Posttraumatische Belastung 100% Komplexfälle zu t2 80% keine Komplexfälle zu t2 60% 50.0% 40% 20% 22.2% 13.4% 11.1% 0% PTSD-Verdacht zu t1 PTSD-Verdacht zu t2 (PTB-Screening, Stieglitz, 2002) (IES-R, Maerker,&Schützwohl, 1998) BGM

18 Der Komplexfall Schmerz 100% 80% 60% Komplexfälle zu t2 keine Komplexfälle zu t2 44.4% 40% 20% 29.8% 19.4% 22.3% 0% häufige Schmerzen zu t1 häufige Schmerzen zu t2 BGM

19 Voraussagekraft des Fragebogens Arbeit & Befinden Arbeitssituation Unterstützung Arbeitsbelastung Gesundheit/Schmerz (FAB Befinden) Angst und Sorgen (FAB Befinden) Dauer der Arbeitsunfähigkeit (N = 1963) 19

20 Voraussagekraft des Fragebogens Arbeit & Befinden Arbeitssituation Unterstützung Arbeitsbelastung Gesundheit/Schmerz (FAB Befinden) Angst und Sorgen (FAB Befinden) Dauer der Arbeitsunfähigkeit (N = 1963) 20

21 Voraussagekraft des Fragebogens Arbeit & Befinden Arbeitssituation Unterstützung Arbeitsbelastung Gesundheit/Schmerz (FAB Befinden) Angst und Sorgen (FAB Befinden) Lebenszufriedenheit (N = 192) 21

22 Voraussagekraft des Fragebogens Arbeit & Befinden Arbeitssituation Unterstützung Arbeitsbelastung Gesundheit/Schmerz (FAB Befinden) Angst und Sorgen (FAB Befinden) Lebenszufriedenheit (N = 192) 22

23 Voraussagekraft des Fragebogens Arbeit & Befinden Arbeitssituation Unterstützung Arbeitsbelastung Gesundheit/Schmerz (FAB Befinden) Angst und Sorgen (FAB Befinden) Negative Befindlichkeit (N = 192) 23

24 Voraussagekraft des Fragebogens Arbeit & Befinden Arbeitssituation Unterstützung Arbeitsbelastung Gesundheit/Schmerz (FAB Befinden) Angst und Sorgen (FAB Befinden) Negative Befindlichkeit (N = 192) 24

25 Voraussagekraft des Fragebogens Arbeit & Befinden Arbeitssituation Unterstützung Arbeitsbelastung Gesundheit/Schmerz (FAB Befinden) Angst und Sorgen (FAB Befinden) Arbeitszufriedenheit (N = 192) 25

26 Voraussagekraft des Fragebogens Arbeit & Befinden Arbeitssituation Unterstützung Arbeitsbelastung Gesundheit/Schmerz (FAB Befinden) Angst und Sorgen (FAB Befinden) Arbeitszufriedenheit (N = 192) 26

27 Umsetzung in die Praxis Diagnostik Intervention Evaluation arbeitspsychologisch Erstgespräch Versicherter Gespräch mit Vorgesetzten Tätigkeits-Bewertungs-System Analyse Zusammenarbeit und Unterstützung Analyse Arbeitsumfeld Ableitung Handlungsempfehlungen klinisch-psychologisch Erstgespräch Versicherter Suva-Aktenanalyse Bezugspersonen Standardisierte Instrumente Fallkonferenz im Gremium arbeitspsychologisch Fokus: Arbeitsbedingungen evtl. organisatorisches Umfeld klinisch-psychologisch Fokus: Anpassungsstörungen PTBS, Angststörungen Depressive Störungen Somatoforme Störungen Persönlichkeitsstörungen arbeitspsychologisch Prä-Post-Evaluation Prozessevaluation Follow-up Vergleich IST-Zustand des Arbeitsplatzes mit Mindestanforderungen klinisch-psychologisch Prä-Post-Evaluation Prozessevaluation Follow-up Direktmessung therapeutischer Erfolg BGM

28 Fallbeispiel (Mann, ca. 40 J.) Nach dem Autounfall wurde vom Spital Biel (Notfallaufnahme) ein kraniozervikales Beschleunigungstrauma und eine LWS-Distorsion festgehalten. Radiologisch wurde an der HWS und an der LWS eine Fraktur ausgeschlossen. Analgesie mit Irfen sowie Dafalgan. Zwölf Tage später wurde im LWS eine starke Funktionseinschränkung festgestellt, HWS und radikuläre Symptome des linken Armes seien praktisch beschwerdefrei. Physiotherapie wurde weiter empfohlen, am 10.X.1Y erfolgte eine kreisärztliche Empfehlung für ein MRI der LWS. Die abschliessende medizinische Beurteilung fokussiert auf ein funktionell anmutendes Beschwerdebild, es ist nach dem Bericht nicht von unfallkausalen strukturellen Läsionen auszugehen. Spezifische medizinische Angriffspunkte zur Behandlung des Beschwerdebildes würden sich nicht anbieten. Der FAB gibt in beiden Bereichen (Arbeit und Befinden) Grenzwertüberschreitung an BGM

29 Fallbeispiel SKID-Interview: Das diagnostische Interview ergab Hinweise auf eine Majore Depression auf Achse I: DSM / F Es gibt auch einen Verdacht auf eine Posttraumatische Belastungsstörung (ebenfalls Achse I): DSM / F 43.1 Eine Achse-II Diagnostik wurde nicht durchgeführt. Auf Achse IV (Psychosoziale und Umgebungsbedingte Probleme) wurden berufliche Probleme festgehalten: V 62.2 / Z 56.7 Das globale Funktionsniveau (Achse V) wurde mit 60 (von 1-100) angegeben. Fragebogendiagnostik: in allen Bereichen (Symptomatik, Inkongruenz, Emotionsregulation) mehrere Standardabweichungen über der Normstichprobe BGM

30 Graphische Auswertung BGM

31 Wirksamkeit der Intervention BGM

32 Fazit > Bereits leichte Unfälle können für die Betroffenen psychische Belastungen und komplizierte Verläufe nach sich ziehen > Früherkennung von psychischen Belastungen/ komplizierten Verläufen nach Unfällen ist möglich > Selbsteinschätzungen sind wichtig für die Früherkennung von psychischen Belastungen/ komplizierten Verläufen nach Unfällen > Sinnvolle Früherkennung zieht eine entsprechende Diagnostik und Behandlung nach sich BGM

33 Vielen Dank für Ihre geschätzte Aufmerksamkeit! BGM

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