Volkswirtschaftslehre Geld Kredit Währung. FOM München 4. Semester Wirtschaftsinformatik München, den 7. Juni 2005 Patric Thurm

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1 Volkswirtschaftslehre Geld Kredit Währung FOM München 4. Semester Wirtschaftsinformatik München, den 7. Juni 2005 Patric Thurm

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3 Inhaltsverzeichnis 1 Geld und Geldmarkt Funktionen und Definitionen von Geld Funktionen Geldmengendefinitionen Die Geldnachfrage Determinanten der Geldhaltung Geldnachfragefunktionen Vergleich von klassischer und keynesianischer Geldnachfragefunktion Geldangebot und Geldschöpfung Geldmengen und Bilanzzusammenhang Geldschöpfung Geldangebotsfunktion Kreditmarkttheorie Geldpolitisches Instrumentarium Offenmarktpolitik ständige Faszilitäten Mindestreservepolitik Zentralbankgeldschaffung und Seigniorage Zentralbankgeldschaffung Seigniorage Geldmarkt als Operationsfeld Geldmarktgleichgewicht Geldmarktoperationen Geldmengen versus Zinspolitik Endogenität der Geldmenge Potentialorientierte Geldmengenpolitik 23 2 Das Europäische Währungssystem Konvergenzkriterien und Erweiterungen der EWU Theorie des optimalen Währungsraums Konvergenzkriterien Erweiterung der EWU Organisation des Eurosystems Funktionen der Zentralbanken Zahlungsverkehr Währungsreserven Bankenaufsicht 33

4 2.4 Geldpolitische Strategien Einstufige Strategien Zweistufige Strategien Mehrindikatoren Ansatz Die geldpolitische Strategie des Eurosystems 42 3 Transmission geldpolitischer Impulse Wirkungskanäle Wirkung auf die Finanzierung Zins- und Wechselkurskanal Kreditkanal Bedeutung von Erwartungen Inflationstheorien Inflation in der Quantitätstheorie Keynesianische Inflationstheorie Phillips Kurven Theorie Inflationswirkung Transmissionsprobleme im EWS Unterschiedliche Finanzierungsstrukturen Realwirtschaftliche Strukturunterschiede Glaubwürdigkeit des Eurosystems 62 4 Störpotentiale der Geldpolitik Finanzpolitik Staatsverschuldung und Inflation Koordinationsprobleme der Geld- und Fiskalpolitik Lohnpolitik Lohnerhöhungsspielräume im Eurosystem Erhöhte Lohnflexibilitätsanforderungen Transferbedarf statt Lohnspreizung Wechselkurspolitik Devisenmarkt und Wechselkurszielzonen Wechselkursbestimmung Abwertungswettlauf Geld- und Fiskalpolitik bei fixen und flexiblen Wechselkursen 66

5 1 Geld und Geldmarkt 1 Geld und Geldmarkt Quellenangabe: Görgens, E.; Ruckriegel, K.; Seitz, F.; Europäische Geldpolitik (4. Auflage); Lucius & Lucius, Stuttgart, 2004 Cezanne, W.; Allgemeine Volkswirtschaftslehre (5. Auflage); Oldenbourg, München, Funktionen und Definitionen von Geld Funktionen Geld kann die folgenden Funktionen erfüllen: Geld Zahlungsmittel Recheneinheit Wertaufbewahrungsmittel Geld als Zahlungsmittel Ein allgemein akzeptiertes Zahlungsmittel kann Geld genannt werden. Die Verwendung als Zahlungsmittel wird als die zentrale Rolle von Geld angesehen. Es wird beim Tausch und bei Kreditgeschäften verwendet. In einer arbeitsteiligen Wirtschaft ermöglicht es die Trennung von Kauf und Verkauf von Gütern und ermöglichen somit Tauschgeschäfte. Ohne Geld käme ein Tausch nur dann zustande, wenn die Tauschpartner genau das jeweilige Gut hätten, was der andere Tauschpartner benötigt. Geld trägt damit auch zur Intensivierung der Arbeitsteilung bei. Weiterhin vermindert Geld die notwendigen Informationskosten, z. Bsp. um geeignete Tauschpartner ausfindig zu machen. Desweiteren dient Geld zur Begleichung von Schulden bei Kreditgeschäften und ist daher Schuldentilgungsmittel. Zahlungsmittel Geld als Recheneinheit Im Tauschverkehr führt die Verwendung einer einzigen Recheneinheit zu einer erheblichen Einsparung von Informationskosten. Im freien Tausch ohne eine feste Recheneinheit Recheneinheit c 2005, Patric Thurm VWL GKW, FOM München, 7. Juni

6 1 Geld und Geldmarkt 1.1 Funktionen und Definitionen von Geld gibt es erheblich mehr Preise als im Tauschverkehr mit einer festen Bezugsgröße (z. Bsp. ergeben sich bei 100 Waren bereits 4950 verschiedene Preise in Form von Austauschrelationen, verwendet man eine der Waren als feste Tauscheinheit ergeben sich nur noch 99 Preise (Tauschrelationen der verbleibenden 99 Waren im Gegensatz zu der einen festgelegten Tauscheinheit)). Im Idealfall ist eine Recheneinheit identisch mit einer Einheit des als Geld dienenden Zahlungsmittels. Im Falle einer starken Inflation kann sie jedoch davon abweichen; Preise werden zum Beispiel in ausländischen Währungen angegeben. Geld verliert dann seine Funktion als Recheneinheit und wird nur noch als Zahlungsmittel verwendet. Ähnliche Funktion hat Geld auch bei der Bemessung von Schulden. Im Idealfall dient es auch hier als Recheneinheit (z. Bsp. ein Kredit i.h.v e). In Zeiten nennenswerter Inflation kann aber auch dabei eine andere (stabilere) Währung verwendet werden. Das Geld dient dann nur noch zur Tilgung der Schuld (Zahlungsmittel), die Höhe der Schuld wird in einer anderen Recheneinheit bemessen Geld als Wertaufbewahrungsmittel Geld kann auch als Wertaufbewahrungsmittel verwendet werden und dient dann der Verlagerung von Vermögen in die Zukunft. Insbesondere bei starker Inflation wird Geld jedoch nur sehr begrenzt als Wertaufbewahrungsmittel verwendet. Allgemein geeignet sind Objekte deren Wert im Zeitverlauf steigt (verzinsliche Guthaben), deren Lagerhaltungskosten gering sind (sehr knappe Güter wie Gold) und die in schnell erkennbare Mengen eingeteilt werden können (Geldscheine, Barren). Wertaufbewahrungsmittel Geldmengendefinitionen Geldmenge Geldmengendefinitionen Die Geldmenge ist eine statistisch meßbare Größe und wird im Hinblick auf die Geldfunktionen definiert. Zur Geldmenge werden alle Objekte gezählt, die im Wirtschaftsverkehr als Zahlungsmittel verwendet werden können. Dabei werden direkt als Zahlungsmittel dienende Objekte sowie in Zahlungsmittel umwandelbare Objekte ihrem Liquiditätsgrad nach klassifiziert und daraus Gruppen gebildet. Diese Klassifizierung ist konventionell, jede Zentralbank hat unterschiedliche Definitionen. Die Geldmenge ist innerhalb bestimmter Grenzen endogen. Nach unten ist sie begrenzt durch das Zentralbankgeld und nach oben durch den Kreditschöpfungsfaktor. Folgend die Geldmengendefinitionen nach der Deutschen Bundesbank (M1 M3+) Geldmenge M1 Geldmenge M1 Die erste der Geldmengenguppen ist die Geldmenge M1. Sie setzt sich zusammen aus dem Bargeldumlauf (ohne Kassenbestände der Kreditinstitute) und den Sichteinlagen inländischer Nichtbanken (ohne Einlagen des Bundes im Bankensystem). 2 VWL GKW, FOM München, 7. Juni 2005 c 2005, Patric Thurm

7 1 Geld und Geldmarkt 1.1 Funktionen und Definitionen von Geld Erläuterung: Geschäftsbanken (http://de.wikipedia.org/wiki/gesch%c3%a4ftsbank) Eine Geschäftsbank ist innerhalb des finanziellen Sektors eine Bank, die nicht die Zentralbank ist. Geschäftsbank Erläuterung: (http://de.wikipedia.org/wiki/nichtbank) Nichtbanken In der Volkswirtschaftslehre versteht man unter einer Nichtbank allgemein einen Geldnachfrager aller realwirtschaftlichen Sektoren, also insbesondere die privaten Haushalte, Unternehmen, den Staat und das Ausland. Nichtbank Erläuterung: (http://de.wikipedia.org/wiki/zentralbank) Zentralbank Eine Zentralbank oder Notenbank ist eine meist staatliche Institution, die für die Durchführung von Geld- und Währungspolitik eines Währungsraums zuständig ist. Da es sowohl nationale als auch supranationale Währungsräume gibt, sind Zentralbanken sowohl auf nationaler Ebene (US Federal Reserve System, Bank of England, Bank of Japan etc.) als auch auf supranationaler Ebene (z. Bsp. Europäische Zentralbank) vorzufinden. Die möglichen Aufgabenbereiche einer Zentralbank können sein Zentralbank Festlegung und Ausführung der Geldpolitik, Festlegung und Ausführung der Währungspolitik, Verwahrung der Wertreserven (Geld, Gold, Devisen), Emission von Banknoten und Münzen, Beaufsichtigung des Bank- und Finanzsektors sowie die Garantie oder Förderung eines funktionierenden Zahlungssystem. Erläuterung: (http://de.wikipedia.org/wiki/sichteinlage) Sichteinlagen Sichteinlagen sind Einlagen bei Kreditinstituten, über die bei Sicht unbeschränkt verfügt werden kann. Das heißt, es gibt für Sichteinlagen keine Kündigungsfristen, sie sind täglich verfügbar. Die Bedeutung von Sichteinlagen ist hoch, da über sie der Zahlungsverkehr abgewickelt wird. Über Konten mit Sichteinlagen (Kontokorrent- oder Girokonten) kann Sichteinlage c 2005, Patric Thurm VWL GKW, FOM München, 7. Juni

8 1 Geld und Geldmarkt 1.1 Funktionen und Definitionen von Geld mittels Überweisungen, Schecks, Barverfügungen und ggf. auch Wechseln verfügt werden. Auch Banken halten Sichteinlagen bei anderen Banken und bei den Zentralbanken (z. Bsp. EZB). Im Rahmen der Mindestreserve ist es meist verpflichtend, bei der Zentralbank Geld zu halten Geldmenge M2 Geldmenge M2 Die Geldmenge M2 setzt sich zusammen aus der Geldmenge M1 und den weniger liquiden Termingeldern inländischer Nichtbanken mit einer Befristung bis unter 4 Jahren. Erläuterung: Termingeld Termingelder (http://de.wikipedia.org/wiki/termingeld) Termingeld oder Termineinlagen sind Geldanlagen, die für eine befristete Zeit angelegt werden. Es werden zwei Typen unterschieden: Festgelder welche eine feste Laufzeit haben. Am Ende der Laufzeit können sie entweder als Sichteinlage weitergeführt werden oder aber verlängert werden. Kündigungsgelder haben eine festgelegte Kündigungsfrist. Eine Verfügung der Gelder ist damit erst nach Kündigung und Ablauf der Kündigungsfrist möglich Geldmenge M3 Geldmenge M3 Zählt man zur Geldmenge M2 noch die Spareinlagen inländischer Nichtbanken mit dreimonatiger Kündigungsfrist erhält man die Geldmenge M Geldmenge M3 erweitert plus Geldmarktfonds Zusätzlich zur Menge M3 sind darin enthalten (begründet durch Internationalisierung des Bankenwesens): Einlagen inländischer Nichtbanken bei Auslandsfilialen und Auslandstöchtern inländischer Geschäftsbanken, börsenfähige Inhaberschuldverschreibungen mit Laufzeit bis zu 2 Jahren im Besitz inländischer Nichtbanken und inländische und ausländische Geldmarktfonds im Besitz inländischer Nichtbanken. 4 VWL GKW, FOM München, 7. Juni 2005 c 2005, Patric Thurm

9 1 Geld und Geldmarkt 1.2 Die Geldnachfrage 1.2 Die Geldnachfrage Die Geldmenge M1 betrug im Jahre Mrd. DM. Es bleibt zu klären, warum die Wirtschaftssubjekte überhaupt unverzinsliche Bargeldbeträge und Sichteinlagen halten anstatt alternativ verzinsliche Alternativen zu wählen und von welchen Größen das Volumen dieser Bargeldhaltung und letztenendes die Geldnachfrage überhaupt abhängen (hier nur im Rahmen der Geldmenge M1) Determinanten der Geldhaltung Die Geldhaltung wird bestimmt durch Geldhaltung Transaktionsmotiv, Spekulationsmotiv, Vorsichtskasse sowie Inflationsrate Transaktionsmotiv Die Geldhaltung stiftet einen Nutzen und verursacht Kosten. Die Kosten sind die entgangenen Zinseinnahmen aus alternativen Anlagen. Der Nutzen besteht darin, dass die Wirtschaftssubjekte (WS) jederzeit mit Sicherheit erwartete Zahlungsverpflichtungen aus einem vorhandenen Zahlungsmittelbestand erfüllen können (Transaktionsmotiv), ohne verzinsliche Vermögenswerte auflösen zu müssen, was mit Kosten verbunden wäre (z. Bsp. Gebühren, Vorschußzinsen). Durch Abwägung von Kosten und Nutzen ergibt sich ein Zahlungsmittelbestand zur Abwicklung der mit Sicherheit erwarteten Transaktionen, die sogenannte Transaktionskasse. Transaktionsmotiv Transaktionskasse Der durchschnittliche Transaktionskassenbestand (M) bestimmt sich wie folgt. Sei Y das Nominaleinkommen einer Periode, welches zum Zinssatz i angelegt wird. Um Transaktionen zu tätigen muss davon ein Betrag A abgehoben werden und zwar a mal pro Periode. Es gilt Y = aa d. h. es wird angenommen, dass das gesamte Einkommen innerhalb der Periode durch a Abhebungen i.h.v. A für Transaktionen aufgezehrt wird. Nimmt man an, dass nur eine Abhebung erfolgt (A = Y, linkes Diagramm), ergibt sich ein durchschnittlicher Transaktionskassenbestand M von M = Y/2. Bei 2 Abhebungen i.h.v. A/2 (rechtes Diagramm) ist M = Y/4. Allgemein gilt also durchschnittlicher Transaktionskassenbestand M = A 2. c 2005, Patric Thurm VWL GKW, FOM München, 7. Juni

10 1 Geld und Geldmarkt 1.2 Die Geldnachfrage A A = Y A A = Y A = Y 2 M = Y/2 1 t M = Y/4 1 t Abbildung 1.1: Transaktionskasse Die Kosten der Geldhaltung setzen sich zusammen aus den entgangenen Zinsen sowie den Umwandlungskosten b (verursacht pro Abhebung). Für die Kosten K der Transaktionskasse gilt somit allgemein K = ba + im. Setzt man für a und M die bereits gefundenen Zusammenhänge ein, ergibt sich: K = b Y A + ia 2. Durch Ableitung von K nach A erhält man den optimalen Abhebungsbetrag dk da = by 1 A 2 + i 2 0 = by 1 A 2 + i 2 optimaler Transaktionskassenbestand A = 2bY. i Für M T als optimaler Transaktionskassenbestand ergibt sich: M T = A 2 = by 2i M T = M T (Y,i) dm T /dy > 0,dM T /di < 0. Die Transaktionsnachfrage (der optimale Transaktionskassenbestand) ist positiv vom Einkommen und negativ vom Zins abhängig Vorsichtskasse Vorsichtsmotiv Vorsichtskasse Die Geldhaltung wird auch durch das Vorsichtsmotiv beeinflusst. Es gibt nicht nur erwartete, sondern auch unwartete und in Höhe und Zeitpunkt unklare Zahlungsverpflichtungen. Würden die WS nur Transaktionskasse halten, wären sie bei Auftreten einer solchen unerwarteten Zahlung kurzfristig illiquide und damit gezwungen, Kredite aufzunehmen oder Vermögen zu veräußern, was mit Kosten verbunden ist. Der Nutzen einer Vorsichtskasse besteht also in der Vermeidung solcher Kosten durch Illiquidität. 6 VWL GKW, FOM München, 7. Juni 2005 c 2005, Patric Thurm

11 1 Geld und Geldmarkt 1.2 Die Geldnachfrage Die Höhe der Vorsichtskasse ist positiv abhängig von der Eintrittswahrscheinlichkeit und vom Umfang solcher unerwarteter Zahlungsverpflichtungen. Da diese Größen in der Regel positiv abhängig vom Einkommen sind, ist auch der Vorsichtsbestand positiv vom Einkommen abhängig. Die Kosten der Vorsichtskasse sind die alternativ erzielbaren Zinseinnahmen und somit abhängig vom Zinsniveau. M V = M V (Y,i) dm V /dy > 0,dM V /di < 0. Die Vorsichtskasse besteht vorrangig aus Geldbestanden aus M1, kann jedoch auch in Form verzinslicher Guthaben aus M2 oder M3 vorliegen Spekulationsmotiv Beim Spekulationsmotiv der Geldhaltung steht die Wertaufbewahrungsfunktion des Geldes im Vordergrund. Eine Alternative zur Geldhaltung ist die Anlage in festverzinsliche Wertpapiere. Unter Annahme unendlich langer Laufzeit gilt für deren Rendite i i = i nn K mit i n als fester nominaler Zinssatz, N als Nennwert und K als Kurswert (Marktpreis) des Wertpapiers. Es ist also das Verhältnis aus Dividente (i n N) und Kurswert (K). Steigt der Kurs, so sinkt die Rendite, da nun für die gleiche Dividente mehr Kapital eingesetzt werden muss (aus Sicht potentieller Anleger, um das Wertpapier mit einem festen Zinssatz zu erhalten, müssten sie mehr aufwenden als vor der Kurssteigerung). Umgekehrt sinkt der Kurs eines Wertpapiers bei steigender Rendite (Rendite enspricht effektivem Zins der Anlage und ist exogen), Wertpapierhalter erleiden also einen Kursverlust. Der Nutzen eines Spekulationsbestandes liegt in der Vermeidung der möglichen Kursverluste. Die Kosten sind die Opportunitätskosten, d. h. der Verzicht auf Zinseinkünfte. Die Höhe der Spekulationskasse M S richtet sich nach der Erwartung über die künftige Zinsentwicklung. Ist der herrschende Zins im Vergleich zu dem erwarteten Zins hinreichend hoch, dann wird wenig Spekulationskasse gehalten (die WS warten auf höhere Zinsen). Spekulationsmotiv Spekulationskasse M S = M S (i) dm S /di < 0 Da niemand die Zukunft kennt, haben die Wirtschaftssubjekte unterschiedliche Vorstellungen über die Entwicklung der Zinsen. Während einige das gegenwärtige Zinsniveau für hoch halten, werden andere der gegenteiligen Meinung sein. Das Resultat ist, dass Letztere ein Motiv haben, Spekulationskasse zu halten, also ihr Geld nicht anzulegen. Beispiel: Ein Wertpapier mit einem Nennwert (urspr. Ausgabekurs) 100 e mit unendlich langer Laufzeit hat eine Verzinsung von 5%. Beträgt der aktuelle Kurs ebenfalls 100 e ist der effektive Zins (die Rendite) ebenfalls 5%. Der Käufer eines solchen Wertpapieres erhält also in einer Periode eine Rendite von 5 e. Beträgt der Kurswert jedoch gerade 125 e, so sinkt die Rendite auf i = i nn K = = 0.04 = 4%. c 2005, Patric Thurm VWL GKW, FOM München, 7. Juni

12 1 Geld und Geldmarkt 1.2 Die Geldnachfrage Aus Sichtweise eines einzelnes WS ergibt sich folgendes: geht man davon aus, dass die effektive Verzinsung auf 4,5% steigt (da man die gegenwärtigen Zinsen als sehr niedrig ansieht), kann man durch Umstellen der Gleichung den zu erwartenden Kurswert bestimmen. i = K = i nn K i nn = i = Bei dieser erwarteten Rendite würde der Kurswert des Wertpapiers also 111 e betragen, wodurch bei einem gegenwärtigen Kurs von 125 e ein Verlust von 14 e gemacht wird. Dem gegenüber stehen nur Zinseinnahmen von 4,50e. Das WS wird also das Wertpapier nicht kaufen, sondern die unverzinsliche Geldanlage wählen (wodurch ein Verlust von 9,50e vermieden wird), oder mit anderen Worten es wird Spekulationskasse gehalten. Ein Wirtschaftssubjekt wird sich nur dann für eine Anlage in Wertpapieren entscheiden, wenn es mit steigenden Kursen rechnet. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass sich ein Wirtschaftssubjekt für Spekulationskasse entscheidet, wenn es mit sinkenden Kursen auf den Wertpapiermärkten rechnet (Stichwort Liquiditätsfalle) Inflationsrate Preisniveauänderungen bedeuten Änderungen des Realwertes von Geldbeständen. Im Falle einer Inflation verringert sich der Realwert eines nominalen Geldbestandes. Es wäre also ökonomisch, weniger Geld zu halten, da dieses sich entwertet. Steigt das nominale Einkommen entsprechend der Inflationsrate, d. h. das reale Einkommen verändert sich nicht, so erhöht sich auch der Bedarf an nominalem Geldbestand. Es wäre ökonomisch, mehr Geld zu halten, um somit die gleiche Menge an Transaktionen durchführen zu können. Die reale Geldnachfrage hängt also positiv vom realen Einkommen ab. Außerdem bewirkt ein Anstieg des Preisniveaus eine Erhöhung der Kosten der Geldhaltung. Bei einer Inflationsrate π% sinkt der Realwert eines Geldbestandes um π%. Die Rendite einer Wertpapieranlage sinkt um (i π)%. Der Wert eines Sachvermögens bleibt unverändert oder steigt sogar. Die Kosten der Geldhaltung gegenüber Wertpapieren bei Inflation betragen somit i. Preissteigerungen bedeuten genau wie Zinsen Alternativkosten der Geldhaltung. Die Inflationsrate reduziert ebenso den Wunsch nach Geldhaltung Geldnachfragefunktionen reale Geldnachfrage Die reale Geldnachfrage (M/P) d hängt positiv vom Realeinkommen Y, negativ vom Zins i und negativ von der Inflationsrate π ab. 8 VWL GKW, FOM München, 7. Juni 2005 c 2005, Patric Thurm

13 1 Geld und Geldmarkt 1.2 Die Geldnachfrage (M/P) d = L = L(Y,i,π) dl/dy > 0,dL/di < 0,dL/dπ < 0 Empirische Untersuchungen haben ergeben, dass dabei die Einflüsse von Zins und Inflation eine untergeordnete Rolle spielen. Maßgeblich bestimmt das Einkommen die Geldnachfrage Quantitätstheorie Aus der Verkehrsgleichung M V = Y P der Quantitätstheorie kann ebenfalls eine Geldnachfragefunktion entwickelt werden (siehe Script Einkommen, Kapitel 1.5, Seite 3). Quantitätstheorie (M/P) d = L = ky Die Variable k ist der Reziprokwert der Umlaufgeschwindigkeit V und wird Kassenhaltungskoeffizient genannt. Es ist der Anteil des nominalen Einkommens, der in Geld gehalten wird. Die quantitätstheoretische Geldnachfragefunktion ist ein Spezialfall der Geldnachfragefunktion L = L(Y, i, π) mit einer Zins- und Inflationselastizität von 0 (L ist unabhängig von i und π) und einer Einkommenselastizität von 1. Kassenhaltungskoeffizient Vergleich von klassischer und keynesianischer Geldnachfragefunktion In der klassischen Sicht wird als Geldnachfragefunktion die Verkehrgleichung verwendet und dabei werden die folgenden Annahmen getroffen: Einkommenselastizität=1, Zins- und Inflationselastizität=0 langfristig konstante Umlaufgeschwindigkeit eine Erhöhung der Geldmenge hat lediglich höhere Preise zur Folge Die positive Einkommenselastizität der Geldnachfrage wird in der Klassik in den Vordergrund gestellt und die Inflationsrate und der Zins völlig vernachlässigt. Damit werden insbesondere kurzfristige Schwankungen nicht genügend berücksichtigt. Die klassische Geldnachfragefunktion ist also langfristig in etwa korrekt, kurzfristig jedoch unzutreffend. Die keynesianische Geldnachfragefunktion berücksichtigt ausdrücklich die Zinsabhängigkeit der Geldnachfrage: (M/P) d = L = L(Y,i) Wesentlicher Nachteil ist dabei die Instabilität der Geldnachfrage durch die außerordentliche Zinsabhängigkeit (Stichwort Liquiditätsfalle). Die keynesianische Sichtweise ist kurzfristig zutreffend, langfristig nicht. Die quantitätstheoretische Geldnachfrage kann durch Endogenisierung des Kassenhaltungskoeffizienten k erweitert werden: L = k(y, i, π)y MV (Y,i,π) = Y P c 2005, Patric Thurm VWL GKW, FOM München, 7. Juni

14 1 Geld und Geldmarkt 1.3 Geldangebot und Geldschöpfung Die Umlaufgeschwindigkeit (Reziprokwert von k) ist nicht völlig konstant, sondern verhält sich in Abhängigkeit von Zinsen, der Inflationsrate und dem Realeinkommen gemäß einer im Zeitverlauf stabilen Funktion. Diesen Ansatz bezeichnet man als monetaristische Geldnachfragefunktion. Diese dient als Grundlage für die Neo Quantitätstheorie, gewis- sermaßen eine Synthese von klassischer und keynesianischer Sicht mit kurzfristig variabler und langfristig konstanter Umlaufgeschwindigkeit. monetaristische Geldnachfragefunktion Neo Quantitätstheorie 1.3 Geldangebot und Geldschöpfung Geldmengen und Bilanzzusammenhang Alle Objekte in den Geldmengen M1 bis M3 sind Passiva in den Bankenbilanzen. So ist der Bargeldumlauf ein Passivum in der Bilanz der Zentralbank. Einlagen verschiedener Fristigkeit sind Passiva in der Bilanz der Zentralbank oder der Geschäftsbanken. Somit ist es möglich, aus einer konsolidierten Bilanz des Bankensystems die Geldmenge zu ermitteln und ihrer Entstehung nach aufzugliedern. Diese Bilanz wird monatlich von der Bundebank veröffentlicht. Daraus ist ersichtlich, dass die Entwicklung der Geldmenge M3 im Wesentlichen von Änderungen der folgenden vier Größen abhängt: Kredite an inländische Nichtbanken, Nettoforderungen gegenüber dem Ausland, Geldkapital inländischer Nichtbanken bei Kreditinstituten und Zentralbankeinlagen inländischer öffentlicher Haushalte. Diese saldenmechanische Erklärung der Geldbestände ist keine Theorie im eigentlichen Sinne und kann nicht zur Erklärung und Prognose verwendet werden. Dazu muss die Entwicklung der Geldbestände auf der Grundlage von Verhaltensparametern des Bankensystems analysiert werden Geldschöpfung Schema der Bilanzen des Bankensystems Die konsolidierte Bilanz des Bankensystems (Geschäftsbanken GeBa, Zentralbank ZeBa) lässt sich in einem vereinfachten Schema darstellen. Aktiva K (Kredite an GeBa) Passiva C (Bargeldumlauf) D (Sichteinlagen) 10 VWL GKW, FOM München, 7. Juni 2005 c 2005, Patric Thurm

15 1 Geld und Geldmarkt 1.3 Geldangebot und Geldschöpfung Diese konsolidierte Bilanz lässt sich aufteilen in eine Bilanz der Geschäftsbanken und in eine Bilanz der Zentralbank. Dadurch werden Forderungen und Verbindlichkeiten sichtbar, die zwischen GeBa und ZeBa bestehen. Anhand dieser Zusammenhänge kann später der Geldschöpfungsprozess erklärt werden. Aktiva K (Kredite an GeBa) Schema der Bilanz der Zentralbank Passiva R (Reserven) C (Bargeldumlauf) Die Reserven der ZeBa bestehen in Bargeld und Sichteinlagen der GeBas bei der ZeBa. Schema der Bilanz der Geschäftsbanken Aktiva K (Kredite an NiBa und ZeBa) R (Reserven) Passiva D (Sichteinlagen) Nicht der gesamte Bargeldbestand ist im Umlauf, da ein Teil davon als Einlage bei der ZeBa liegt. Auch ein Teil der Kredite liegt als Sichteinlagen bei der ZeBa. Die Reserven der Geschäftsbanken bilden zusammen mit dem Bargeldbestand der Nichtbanken diejenige Geldmenge, die von der ZeBa ausgegeben wird, die sogenannte Zentralbankgeldmenge oder Geldbasis B = C + R. Die Geldmenge ist die Summe aus Bargeldbestand und Sichteinlagen, M = C + D. Zentralbankgeldmenge Geldbasis Geldmenge Geldschöpfung in einem zweistufigen Bankensystem An folgendem Beispiel soll die Geldschöpfung erklärt werden. Vermieter B und dessen Mieter A unterhalten ein Girokonto bei einer GeBa. A hat kein ausreichendes Guthaben mehr und überzieht daher bei der Überweisung der Miete sein Konto i.h.v. 1000e. Dadurch wird er zum Bankschuldner. B ist Bankgläubiger (er hat bereits ein Guthaben), sein Guthaben steigt um 1000 e. Durch diesen Vorgang wachsen sowohl die Aktivseite als auch die Passivseite der Bilanz der GeBa (und damit auch der konsolidierten Bilanz); es findet eine Bilanzverlängerung statt. Der Dispo (K, Kredit) an A erhöht die Aktivseite um 1000 e, der Guthabenanstieg (D, Sichteinlage) des B erhöht die Passivseite um 1000 e. Sein Guthaben zählt wie jede Sichteinlage zur Geldmenge M, die durch die Überweisung des A zugenommen hat. Es hat eine Geldschöpfung stattgefunden. Die Geldmenge wurde durch die ursprüngliche Kreditgewährung an A ausgeweitet. Allgemein formuliert steigt die Geldmenge bei einer Überweisung von einem Bankschuldner an einen Bankgläubiger. Umgekehrt sinkt die Geldmenge, wenn ein Bankgläubiger einem Bankschulder Geld überweist, man spricht von Geldvernichtung. Die Geldschöpfung kann aus zwei Gründen nicht beliebig ausgedehnt werden: Geldschöpfung Geldvernichtung c 2005, Patric Thurm VWL GKW, FOM München, 7. Juni

16 1 Geld und Geldmarkt 1.3 Geldangebot und Geldschöpfung Bargeldfluss zu den NiBa Die GeBa muss damit rechnen, dass Besitzer von Guthaben von ihren Konten zumindest einen Teil in bar abheben. Dies entspricht einer Auszahlung von Zentralbankgeld von der ZeBa durch die GeBa. Diese Art von Geld kann sich jedoch im Gegensatz zu sogenannten Giralgeld (Guthaben von Konten) nicht selbst schaffen. Daher kann die GeBa nur einen Teil der Guthaben wieder als Kredit vergeben. Mindestreservevorschrift Von den bei ihr unterhaltenen Guthaben muss die GeBa aufgrund der Mindestreservevorschrift einen Teil als Zentralbankgeld halten (Bargeld oder Guthaben bei der ZeBa). Dieses Geld kann die GeBa nicht selbst schaffen Geldangebotsfunktion Geldbasis Geldmenge Bargeldumlaufquote Bargeldabflussquote Reservequote Liquiditätsquote Geldangebotsfunktion c = C D (C = cd). Die andere interessierende Hilfsgröße ist der Anteil der Mindestreserveeinlage an den bei einer GeBa unterhaltenen Guthaben, die Reservequote (auch Liquiditätsquote) r = R D (R = rd). Setzt man beide in die Definitionsgleichungen ein, erhält man die Geldangebotsfunktion M M = cd + D = (1 + c)d B = cd + rd B = (c + r)d B D = c + r M = 1 + c c + r B M = m(c,r)b m > 1,dM/dB > 0,dM/dc < 0,dM/dr < 0 Ausgehend von den beiden Gleichungen B = C + R (Geldbasis) und M = C + D (Geldmenge) kann nun abgeleitet werden, wie die Entwicklung der Geldmenge vom Verhalten der NiBa, GeBa und ZeBa abhängt. Zuerst müssen zwei Hilfsgrößen gebildet werden. Zum einen ist von Bedeutung, welchen Anteil der Geldmenge die NiBa in Form von Bargeld halten. Dieser Anteil ist die Bargeldumlaufquote (auch Bargeldabflussquote) Geldschöpfungsmultiplikator Der Faktor m ist der Geldschöpfungsmultiplikator. Das Geldangebot ist positiv abhängig von der Geldbasis und negativ abhängig von der Bargeldumlaufquote und dem Mindestreservesatz. 12 VWL GKW, FOM München, 7. Juni 2005 c 2005, Patric Thurm

17 1 Geld und Geldmarkt 1.3 Geldangebot und Geldschöpfung Ablauf der Geldschöpfung Eine Zunahme der Geldmenge kann resultieren aus: Geldschöpfung Erhöhung der Geldbasis durch die ZeBa Verringerung des Mindestreservesatzes durch die ZeBa Verringerung der Bargeldumlaufquote der NiBa B B D 0 B 1 B 0 A C D B D 1 M 0 M 1 M Abbildung 1.2: Geldschöpfung Weitet die ZeBa die Geldbasis aus, so verschiebt sich B 0 nach oben. Die Ausweitung erfolgt z. Bsp. dadurch, dass die Bundesbank von den Geschäftsbanken Devisen kauft und diesen dafür Zentralbankgeld gutschreibt. Die Geschäftsbanken verfügen dann über einen Überschuss AC, den sie durch Kreditvergabe abbauen. Ein Teil der gewährten Kredite wird von den NiBa in bar abgerufen (nämlich genau c) wodurch die Geldmenge steigt. Der Rest verbleibt als Guthaben (Einlagen) bei den GeBa. Dies entspricht genau dem beschriebenen Geldschöpfungsprozess hervorgerufen durch die Bilanzverlängerung bei den GeBa. Die zusätzliche Geldmenge (M 1 M 0 ) ist dabei größer als die Zunahme der Geldbasis (B 1 B 0 ), da B D = M/m(c,r) mit m > 1. Die Steigung der durch Verhaltensparameter faktorisierten Geldangebotsfunktion ist kleiner 1. Der Ablauf der Geldschöpfung kann daran wie folgt dargestellt werden: die GeBa nimmt einen Kredit bei der ZeBa auf und erhält 1000 e, die sie ihrerseits als Kredit an NiBa vergibt für die Kreditvergabe muss die GeBa 100e als Mindestreserve bei der ZeBa hinterlegen und der Kreditnehmer wird 100e bar abheben die GeBa kann die verbleibenden 800e nun wieder als Kredit vergeben für diese Kreditvergabe muss die GeBa 80 e als Mindestreserve bei der ZeBa hinterlegen und 80e wird der Kreditnehmer bar abheben c 2005, Patric Thurm VWL GKW, FOM München, 7. Juni

18 1 Geld und Geldmarkt 1.3 Geldangebot und Geldschöpfung die verbleibenden 640e wird die GeBa wieder als Kredit vergeben usw. usw. bis der Überschuss aufgebraucht ist. Am Ende sind die ursprünglichen 1000 e zum Teil als Mindestreserve bei der ZeBa hinterlegt und zum Teil als Bargeld im Umlauf. Die insgesamt vergebene Kreditsumme beträgt ein Vielfaches der 1000e. Sei c = 0.1 und r = 0.1, so ergibt sich in diesem Beispiel M = = 5500, die Erhöhung der Geldmenge beträgt also das 5,5fache der Erhöhung der Geldbasis. Ähnlich einer Erhöhung der Geldbasis wirkt sich auch die Verringerung der Bargeldumlaufquote c (z. Bsp. durch Beeinflussung der Kreditnehmer, nicht soviel Bargeld abzuheben) oder des Mindestreservesatzes r (z. Bsp. freiwillig höhere Mindestreservehaltung der GeBa) aus. Eine Verringerung einer der Faktoren führt zu einer geringeren Steigung von B D = M/m(c,r), es entsteht B1 D. Der so entstehende Überschuss AD bewirkt nun durch die regressive Kreditvergabe der GeBa einen Anstieg der Geldmenge. Diese Theorie berücksichtigt nicht, dass die GeBa auch zu einem geringen Teil durch eigene Aktivität die Geldbasis erhöhen können und dabei nicht ausschließlich an die Initiative der ZeBa gebunden sind. Außerdem wird unterstellt, dass die GeBa jede verfügbare Einheit an Zentralbankgeld verleihen wird und dazu stets genügend solvente Kreditkunden vorhanden sind wodurch die Geldmenge bis an die durch den Geldschöpfungsmultiplikator vorgegebene Obergrenze ausgedehnt wird. Daher muss die Theorie weiterentwickelt und um in der Realität vorkommende Faktoren erweitert werden, was Bestandteil der Kreditmarkttheorie ist Kreditmarkttheorie Kreditangebot Kreditangebot gewinnmaximales Kreditangebot Banken sind Unternehmen und maximieren ihren Gewinn aus Ertrag und Kosten des Kreditgeschäftes. Dieser preistheoretische Aspekt wurde im bisher beschriebenen Geldschöpfungsprozess vernachlässigt. Eine GeBa kann das von ihr gewährte Kreditvolumen nur unter steigenden Grenzkosten erweitern. Jede einzelne Kreditvergabe ist mit Kosten c zur Informationsbeschaffung und Bonitätsprüfung behaftet, die für jeden zusätzlichen Kreditkunden höher werden (es wird immer schwieriger, geeignete Kreditnehmer zu finden). Außerdem müssen für zur Kreditvergabe zusätzlich beschafftes Zentralbankgeld oder bei anderen Banken geliehenes Geld Zinsen i D gezahlt werden. Die Marktzinsen i M sind für die GeBa ein Datum, welches sie wegen des geringen Marktanteiles (auf jeden Fall kurzfristig) nicht ändern kann. Bei einer Leitzinserhöhung (implizit in i D enthalten) steigen die Kosten der Bank bei der Zentralgeldbeschaffung und die GK Linie verschiebt sich nach links oben. Das gewinnmaximale Kreditangebot K S liegt dort, wo die Grenzkosten der Kreditbeschaffung gleich 14 VWL GKW, FOM München, 7. Juni 2005 c 2005, Patric Thurm

19 1 Geld und Geldmarkt 1.3 Geldangebot und Geldschöpfung GK GK(c,i D ) i M K S K Abbildung 1.3: optimales Kreditangebot dem Marktzins i M für Kredite sind. K S = K S (c,i D,i M ) dk S /dc < 0,dK S /di M > 0,dK S /di D < Kreditnachfrage Die Kreditnachfrage ist negativ abhängig vom Marktzins. Der Zins entspricht einem Preis des Kredites, je höher desto geringer die Nachfrage (Stichwort Zeitpräferenz, Kap Preisbildung). Außerdem ist die Kreditnachfrage positiv abhängig vom Einkommen. Kreditnachfrage K D = K D (Y,i M ) dk D /dy > 0,dK D /di M < 0 i K D Abbildung 1.4: Kreditnachfrage Kreditmarktgleichgewicht Angebot und Nachfrage treffen nun am Kreditmarkt zusammen, wobei sich ein Kreditmarktgleichgewicht ergibt. In diesem Gleichgewicht existiert ein gewisses Kreditvolumen und ein Gleichgewichtszins. Hinter jedem Kreditvolumen steht ein entsprechend dem Kreditmarkt Kreditmarktgleichgewicht c 2005, Patric Thurm VWL GKW, FOM München, 7. Juni

20 1 Geld und Geldmarkt 1.4 Geldpolitisches Instrumentarium Geldschöpfungsprozess erforderliches kleineres Geldangebot. Da das Kreditvolumen vom Zins abhängt, hängt somit auch das Geldangebot vom Zins ab. Daraus folgt, dass auch der Geldschöpfungsmultiplikator m vom Zins abhängig ist. M S = m(i M,i D,r,c)B dm S /di M > 0,dM S /di D < 0,dM S /dr < 0,dM S /dc < 0,dM S /db > 0 Diese Zusammenhänge sind in folgendem Diagramm dargestellt. Im linken Teil ist der Kreditmarkt dargestellt. Durch eine Einkommenserhöhung von Y 0 auf Y 1 nimmt die Kreditnachfrage K D zu. Zins und Kreditvolumen steigen. Dieser Vorgang wird auf das Geldangebot im rechten Teil übertragen. Durch die Zinserhöhung erhöht sich das Geldangebot (bei gleichbleibender Geldbasis). i K S (c, i D ) i M S i 1 i 0 K D (i M, Y 1 ) K D (i M, Y 0 ) K 0 K 1 K M 0 M 1 M Abbildung 1.5: Geldangebot und Zins Werden z. Bsp. die Leitzinsen gesenkt (in i D ), so verringern sich die Kosten für die Ge- Ba bei der Zentralgeldbeschaffung. Die Kreditangebotsfunktion K S verschiebt sich nach rechts unten (höheres Kreditvolumen und in Folge niedrigere Zinsen). Dabei wird sich die Geldangebotsfunktion M S ebenso nach rechts unten verschieben, das Geldangebot wird also noch mehr ausgedehnt. Es wird ersichtlich, dass die Kreditmarkttheorie den Geldschöpfungsmultiplikator zusätzlich um Abhängigkeiten vom Leitzins und vom Marktzins erweitert. Eine Veränderung des Marktzinses bedeutet eine Bewegung auf der Linie des Geldangebotes. Veränderungen von Leitzins, Mindestreservesatz oder der Geldbasis (Verhalten der ZeBa) bewirken eine Verschiebung der Geldangebotsfunktion. Das Geldangebot ist positiv abhängig vom Zins und von der Geldbasis und negativ vom Leitzins, vom Mindestreserversatz und von der Bargeldumlaufquote. 1.4 Geldpolitisches Instrumentarium Seit ist für die Geldpolitik im Raum der Europäischen Währungsunion das Europäische System der Zentralbanken (ESZB) zuständig. Dieses besteht aus der Europäischen 16 VWL GKW, FOM München, 7. Juni 2005 c 2005, Patric Thurm

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