Möglichkeiten und Grenzen der computergestützten Qualitätssicherung im Übersetzungsbereich. Diplomarbeit

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1 Möglichkeiten und Grenzen der computergestützten Qualitätssicherung im Übersetzungsbereich Diplomarbeit Universität Hildesheim Institut für Angewandte Sprachwissenschaft in Zusammenarbeit mit beo Gesellschaft für Sprachen und Technologie mbh bearbeitet von: Elena Navarro Krauß Erstgutachter: Julio César Arranz Zweitgutachter: Prof. Dr. jur. Reiner Arntz Stuttgart, 2005

2 Abstract Ziel dieser Arbeit ist es, die verschiedenen Stufen der multilingualen Dokumentationserstellung im Hinblick auf computergestützte Qualitätsmaßnahmen zu betrachten; die Mittel und Maßnahmen herauszufiltern, die Einfluss auf die Qualität des Endprodukts haben; die verschiedenen Werkzeuge und Lösungsansätze theoretisch vorzustellen, und einen Einblick in die praktische Anwendung am Beispiel zweier Großkunden eines Übersetzungsdienstleisters zu geben. The aim of this paper is to analyse the possibilities of computer-aided quality assurance in the process of developing multilingual documentation. The different means and measures which impact product quality are shown, presenting various tools and solutions in theory. Furthermore, an excursus into practice is done, giving examples of the quality assurance for two major customers of a translation service provider. II

3 Inhalt 1 EINLEITUNG AUSGANGSSITUATION DOKUMENTATIONSERSTELLUNG UNTER ZEITDRUCK DEFINITION UND BEWERTUNG VON QUALITÄT AUFGABENSTELLUNG TECHNISCHE REDAKTION STANDARDISIERUNG INTERNATIONALISIERUNG STYLE GUIDE UND KONTROLLIERTE SPRACHE MODULARISIERUNG REDAKTIONSSYSTEM UND CONTENT MANAGEMENT TERMINOLOGIE UND QUALITÄT TERMINOLOGIEARBEIT EINSPRACHIGE TERMINOLOGIEARBEIT MEHRSPRACHIGE TERMINOLOGIEARBEIT TERMINOLOGIEVERWALTUNG TERMINOLOGIEEXTRAKTION DIE ÜBERSETZUNG DER ÜBERSETZUNGSPROZESS UND SEINE STEUERUNG ÜBERSETZUNGSAUFTRÄGE: DIN QUALITÄTSMANAGEMENT: DIN EN ISO 9001: DIE LOKALISIERUNG DIE ÜBERSETZUNG TRANSLATION MEMORY SYSTEME VORAUSSETZUNGEN FÜR DEN EFFIZIENTEN EINSATZ EINES TM SYSTEMS QUALITÄTSPRÜFUNG UND SAE TASKFORCE J III

4 5 COMPUTERGESTÜTZTE QUALITÄTSSICHERUNG IN DER PRAXIS BEISPIEL: DAIMLERCHRYSLER AG AUSGANGSSITUATION ELEKTRONISCHE NACHSCHLAGEWERKE TERMINOLOGIE STYLE GUIDE MAILINGLISTE AUTOMATISIERUNG DER PROZESSE COMPUTERGESTÜTZTE PRÜFUNGEN PRÜFUNG NACH SAE J PRÜFUNG DER DATENINTEGRITÄT WAS KANN SONST NOCH GETAN WERDEN? AUSBLICK: DAS PROJEKT DAISY BEISPIEL: BOSCH MODULARISIERUNG UND STANDARDISIERUNG CONTENT MANAGEMENT SYSTEM STILRICHTLINIEN ÜBERSETZUNG TERMINOLOGIE EXTRAKTION DER AUSGANGSSPRACHLICHEN TERMINOLOGIE INTEGRATION DER ZIELSPRACHLICHEN TERMINOLOGIE PORTALLÖSUNG FREIGABE VON TEXTELEMENTEN TERMINOLOGIEFREIGABE LÄNGENPRÜFUNG ERGEBNISSE DISKUSSION DER ERGEBNISSE FAZIT...84 IV

5 10 LITERATURVERZEICHNIS ABBILDUNGSVERZEICHNIS TABELLENVERZEICHNIS V

6

7 Einleitung 1 1 Einleitung 1.1 Ausgangssituation Im Zeitalter der Globalisierung 1 nimmt die Menge an mehrsprachiger Dokumentation zu und der Bedarf an Übersetzungsdienstleistungen steigt. Das liegt zum einen daran, dass Informationen und Dokumentationen auf dem internationalen Markt jedem zugänglich und verständlich gemacht werden müssen. Zum anderen erfordert die technische Entwicklung der immer komplexer werdenden Produkte ausführliche Beschreibungen. Ein weiterer Grund für die aufkommende Dokumentenflut sind die neuen Richtlinien der EU. Seit 1995 dürfen in der Europäischen Union nur noch Maschinen vermarktet werden, die der Maschinenrichtlinie entsprechen und mit dem CE-Zeichen ausgewiesen sind. Das hat einige Neuerungen für die Maschinendokumentation mit sich gebracht, denn die Richtlinie sieht Folgendes für die Betriebsanleitung einer Maschine vor [EG Richtlinie 1998: Absatz b]: Die Betriebsanleitung wird vom Hersteller oder seinem in der Gemeinschaft niedergelassenen Bevollmächtigten in einer der Gemeinschaftssprachen erstellt. Bei der Inbetriebnahme einer Maschine müssen die Originalbetriebsanleitungen und eine Übersetzung dieser Betriebsanleitung in der oder den Sprache(n) des Verwendungslandes mitgeliefert werden. [Hervorhebung nicht im Original] Diese Übersetzung wird entweder vom Hersteller oder von seinem in der Gemeinschaft niedergelassenen Bevollmächtigten oder von demjenigen erstellt, der die Maschine in dem entsprechenden Sprachgebiet einführt. Die Dokumentations- und Übersetzungsbranche muss sich somit den neuen Herausforderungen stellen und Methoden und Arbeitsweisen entwickeln, die dem steigenden Bedarf an technischer Dokumentation gerecht werden. 1 Globalisierung umfasst alle Aktivitäten eines Unternehmens im Hinblick auf die Vermarktung eines (Software-) Produktes außerhalb des nationalen, lokalen Marktes. [SCHMITZ 2000: 2]

8 2 Einleitung Dokumentationserstellung unter Zeitdruck Im Produktentwicklungsprozess steht die Erstellung der technischen Dokumentation zeitlich am Ende, die der Übersetzung schließt sich ihr sogar an. Dennoch soll die produktspezifische Dokumentation meist zeitgleich mit dem entsprechenden Produkt auf den Markt kommen, und das ggf. in vielen verschiedenen Sprachen. Dadurch wird die für die Übersetzung vorhandene Zeitspanne stark eingegrenzt. Die Kosten sollen möglichst gering sein. Um eine qualitativ hochwertige Produktdokumentation mit Übersetzung zu erstellen, sind vor allem Zeit und ein entsprechendes Budget unbedingt notwendig. Denn bei fehlender Zeit oder finanziellen Einsparungen leidet oft die Qualität der Dokumentation und der dazugehörigen Übersetzung. Durch technische Unterstützung lassen sich Zeitaufwand und Kosten reduzieren, indem qualitätsorientierte Prozesse nicht vernachlässigt sondern automatisiert bzw. durch Computerunterstützung vereinfacht werden. So wird erreicht, dass im vorgesehenen Zeitrahmen bestimmte Arbeitsschritte verkürzt werden und die gesparte Zeit für zusätzliche Qualitätssicherung genutzt werden kann. Computerunterstützung ist im Übersetzungsprozess somit ein sehr wichtiges Mittel gegen den vorhandenen Zeitdruck, das in einigen Bereichen bereits effektiv eingesetzt wird (z.b. der Einsatz von Translation Memory Systemen). Das abgebildete Spannungsfeld aus Qualität, Kosten und Zeit verdeutlicht die Abhängigkeit dieser drei Faktoren: Welche Erwartungen hat der Kunde in Bezug auf... Termine? Qualität? Kosten? Abbildung 1: Spannungsfeld aus Qualität, Kosten und Zeit 2 2 Quelle: KAHLER 2000: 14

9 Einleitung Definition und Bewertung von Qualität Qualität ist was der Kunde will. [KOHLMEIER / HÜLK 1993: 8] (vgl. Abbildung 1) Diese sloganartige Definition veranschaulicht bereits, dass sich Qualität nicht genau definieren lässt, sondern für jeden Fall neu definiert werden muss und dass die Kriterien sich ständig verändern. Für Übersetzungen ist Qualität zunächst vom Übersetzungsauftrag, im Sinne von Zielgruppe und Textfunktion, und von den Kundenerwartungen abhängig, denen die Übersetzungsleistung angepasst werden muss. Ein wichtiger Aspekt in Bezug auf Qualität sind Prüfungen. Durch sie kann die Qualität des Produkts egal ob es sich um ein technisches oder sprachliches handelt während des gesamten Prozesses überwacht und bewertet werden. Die Ergebnisse solcher Prüfungen helfen mögliche Probleme und Lösungen aufzudecken, die wiederum zur Qualitätsverbesserung beitragen. Bei technischen Produkten, wie beispielsweise einem gefertigten Automobilbauteil, kann heutzutage durch definierte Prozesse die Qualität bzw. Güte objektiv überprüft, bewertet und sichergestellt werden. Qualität von Sprache hingegen ist größtenteils von den Maßstäben des jeweiligen Prüfers abhängig, da sie nicht genau gemessen werden kann. Jedoch ist es möglich zwischen der sprachlichen Qualität einer Dokumentation bzw. Übersetzung und der technischen Qualität zu unterscheiden. Die sprachliche Qualität bezieht sich dabei auf den Stil und die Sprache eines Textes, die vom Faktor Mensch bestimmt werden und nicht oder nur zum Teil automatisiert überprüfbar und steuerbar sind. Denn trotz der hochentwickelten Technologien ist es bisher nicht möglich, einem Computer die menschliche Sprache verständlich zu machen. Sprachliche Qualität ist meist nur durch Korrekturlesen überprüfbar. Diese Art der Qualitätskontrolle ist zu unterscheiden von der hier betrachteten Qualitätssicherung, die sich auf die unterstützenden Maßnahmen bezieht, die während des Prozesses zur Qualität des Produkts beitragen. [vgl. IRMLER / HARTWIG 2000: 89] Diese meist computergestützten Maßnahmen zur Qualitätssicherung werden somit nicht subjektiv gesteuert, sondern sind auf objektiv messbare Kriterien zurückzuführen, die die technische Qualität eines sprachlichen Produkts bestimmen.

10 4 Einleitung Das einfachste Beispiel für technische Qualität, die vom Computer überprüft werden kann, ist die Rechtschreibung, da sie genau definierten Regeln entspricht. Diese Einteilung in sprachliche und technische Qualität menschlicher Sprache stellt gleichzeitig die Grenzen der computergestützten Möglichkeiten dar. Denn alles, was nur vom Menschen zu überprüfen oder zu bewerten ist, kann nicht zu objektiven Ergebnissen führen und ist nur begrenzt durch einen Computer zu unterstützen. Dennoch spielt dieser Aspekt der Computerunterstützung eine große Rolle, da dadurch wiederum die gewünschte Zeit- und Aufwandreduzierung erreicht wird. 1.2 Aufgabenstellung Die technische Übersetzung, deren Besonderheiten zum Teil auch für andere fachsprachliche Übersetzungen gelten, unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von der literarischen oder auch der gemeinsprachlichen. Aus diesem Grund verlangt sie eine besondere Arbeitsweise und spezifische Qualitätskriterien. [HORN-HELF 1999: 103] Im Vordergrund dieser Arbeit steht die Untersuchung maschinengestützter Humanübersetzungen aus dem Bereich der technischen Dokumentation, d.h. Übersetzungen, die mithilfe von so genannten Übersetzungswerkzeugen erstellt werden. Dazu zählen Translation Memory Systeme, Terminologieverwaltungsprogramme, elektronische Prüf- und Korrekturhilfen, sowie verschiedene Werkzeuge, die bereits im Redaktionsprozess und in der Vorbereitung eingesetzt werden können. Der effiziente Einsatz dieser Hilfsmittel hängt stark von den zu übersetzenden Texten ab. Die technische Dokumentation eignet sich beispielhaft für die von mir angestrebte Untersuchung, da sie bestimmte Kriterien erfüllt, die Voraussetzung für die sinnvolle Nutzung eines Translation Memory Systems sind. WILSS [1991: 3] bemerkt zur Textsorte Fachtexte, dass in ihnen durch Textsortenkonventionen oder durch standardisierte Fachterminologie der Handlungsspielraum des Übersetzers weitgehend oder ganz eliminiert sei. Diese Aussage ist zwar kritisch zu betrachten, da sie von einer vollständigen Regelbarkeit der Übersetzertätigkeit ausgeht und somit die Bedeutung des technischen Übersetzers relativiert, jedoch macht sie deutlich, dass in

11 Einleitung 5 manchen Fachtexten der Stil und die Form nicht primär im Vordergrund stehen. Deshalb ist die von mir gewählte Textsorte der Fachtexte besonders geeignet, um stilunabhängige Qualitätsmaßstäbe zu untersuchen bzw. festzulegen. Gegenstand dieser Arbeit ist somit, die notwendigen Voraussetzungen für die Erstellung einer qualitativ hochwertigen technischen Übersetzung zu untersuchen, auf objektive Kriterien zur Qualitätsbeurteilung einzugehen und die technischen Möglichkeiten dafür herauszustellen. Ziel dabei ist es, die verschiedenen Stufen der multilingualen Dokumentationserstellung im Hinblick auf computergestützte Qualitätsmaßnahmen zu betrachten, die Mittel und Maßnahmen heraus zu filtern, die Einfluss auf die Qualität des Endprodukts haben, die verschiedenen Werkzeuge und Lösungsansätze theoretisch vorzustellen, und einen Einblick in die praktische Anwendung am Beispiel zweier Großkunden eines Übersetzungsdienstleisters zu geben.

12 6 Technische Redaktion 2 Technische Redaktion Um die wesentlichen Komponenten und Faktoren, die im multilingualen Dokumentationserstellungsprozess eine Rolle spielen, genauer zu untersuchen, soll der Prozess in seinem zeitlichen Ablauf betrachtet werden. Die mehrsprachige Dokumentationserstellung unterteilt sich in die Bereiche Redaktion, Terminologiearbeit und Übersetzung. Die Qualität des Endprodukts ist von diesen drei Bereichen abhängig, daher sind in jedem dieser Bereiche qualitätssichernde Maßnahmen und Prüfungen notwendig. Auf allen Prozessstufen (siehe Abbildung 2) lässt sich die Qualität beeinflussen, da jede Stufe Auswirkungen auf die entstehende Dokumentation hat. Die schematisierte Darstellung dient gleichzeitig als Grundlage für den Aufbau dieser Arbeit. Redaktions- Termino- Überset- Qualität prozess logie zung des Endpro- Prüfung dukts Abbildung 2: Stufen der multilingualen Dokumentationserstellung 3 Da die Redaktion der erste Schritt im Prozess der Dokumentationserstellung ist und der Übersetzung vorangeht, können hier die ersten Maßnahmen zur Qualitätssicherung eingeleitet werden. Die technische Redaktion versteht sich hierbei als sprachwissenschaftliche Disziplin. [vgl. GÖPFERICH 2004c: 5] Ihre Bedeutung sollte keinesfalls unterschätzt werden. Seit 1991 existieren bereits eigenständige Ausbildungszweige wie der Diplom-Studiengang Technischer Redakteur an der Fachhochschule Hannover, um die besten Voraussetzungen für die Redaktion einer technischen Dokumentation zu schaffen. Der Redaktionsprozess umfasst das Erstellen von technischer Dokumentation für bestimmte Produkte und spielt eine erhebliche Rolle für die spätere 3 eigene Schematisierung

13 Technische Redaktion 7 Übersetzung, zumal das Übersetzen ein Vorgang ist, der schon vor und bei der Ausgangstextproduktion zu berücksichtigen ist. [GÖPFERICH 2000: 1] Die Qualität der ausgangssprachlichen Dokumentation wirkt sich auf die der Übersetzung aus, da eine nicht übersetzungsgerechte Dokumentation eine Abnahme der Übersetzungsqualität bewirken kann. [vgl. HASLER 2004] In der Übersetzungsbranche bezeichnet man das auch als GIGO-Prinzip: garbage in, garbage out [KUSSMAUL 1995: 145]. Wenn der Übersetzer nur mäßigen oder fehlerhaften Input bekommt, dann kann er unter Kosten- und Termindruck auch wieder nur solchen abliefern. [TANNER AG 2004] Mögliche Fehlerquellen oder Schwierigkeiten, die ein Übersetzer mit dem Ausgangstext hat, beruhen meist auf unvollständigen oder unverständlichen Texten, sowie auf der Verwendung unterschiedlicher Bezeichnungen für denselben Begriff. [vgl. TANNER AG 2004] Vor allem nicht eindeutig beschriebene Sachverhalte, die mehrere Interpretationsmöglichkeiten offen lassen, erfordern eine Rücksprache des Übersetzers mit dem Auftraggeber, die wiederum Zeit in Anspruch nimmt oder nicht immer möglich ist. Derartige Fehlerquellen können durch einen übersetzungsorientierten Redaktionsprozess weitestgehend ausgeschlossen werden. Daher schlägt GÖPFERICH die Verlagerung der Steuerung der Übersetzungsqualität vom Post-Editing auf das Pre-Editing vor. [GÖPFERICH 2000: 3] Wenn der Ausgangstext bereits gut geschrieben ist, reduziert das den die Übersetzung begleitenden und zeitraubenden Rechercheaufwand auf ein notwendiges Minimum. Solch ein Redaktionsprozess wird in der Literatur als übersetzungsgerechtes Schreiben bezeichnet: Durch eine übersetzungsgerechte Formatierung und Formulierung kann der Übersetzungsprozess erheblich vereinfacht und damit wirtschaftlicher gestaltet werden. [GÖPFERICH 2004b: 164] Auch eine optimierte ausgangssprachliche Dokumentation kann eventuelle Rücksprachen oder Recherchearbeiten erfordern, die jedoch nicht auf eine fehlerhafte Ausgangstextproduktion zurückzuführen sind, sondern zum inhaltlichen Verständnis beitragen. Im Folgenden werde ich die wichtigsten Mittel, die in der technischen Redaktion eingesetzt werden können, näher vorstellen.

14 8 Technische Redaktion 2.1 Standardisierung Im Redaktionsprozess sollte sichergestellt werden, dass der erstellte Text bestimmte Kriterien erfüllt, die das Übersetzen vereinfachen. GÖPFERICH fasst die darauf ausgerichteten Maßnahmen unter dem Begriff der Standardisierung von Kommunikation zusammen. [vgl. GÖPFERICH 2004: 457ff] Diese Standardisierung beinhaltet den Einsatz verschiedener Hilfsmittel im Hinblick auf die Vereinheitlichung der Dokumentation und die Vereinfachung des Übersetzungsprozesses. Laut GÖPFERICH [2004: 457ff] zählen dazu: Der Einsatz von Style Sheets (Dokumentenvorlagen) und Style Guides (Redaktionshandbüchern) 4 sowie die Verwendung einer kontrollierten Sprache und eines so genannten Controlled Language Checkers zur Erstellung und Überprüfung von Formulierungs- und Grammatikregeln. (siehe Kap. 2.3) Der Aufbau der Dokumente aus Textbausteinen, die dazu dienen, gleiche Sachverhalte immer gleich zu formulieren und gleiche Terminologie zu verwenden. Das Textbausteinprinzip und die Verwendung einer einheitlichen Terminologie wird durch den Einsatz von Content Management Systemen, Redaktionssystemen und Terminologieverwaltungsprogrammen unterstützt. (siehe Kap. 2.5 und Kap. 3.2) Eine Standardisierung sollte firmenspezifisch durchgeführt werden und erreicht u.a. Textkonsistenz und die Reduktion der Übersetzungskosten. 2.2 Internationalisierung Im Rahmen der Standardisierung bei der Redaktion sollte auch die Internationalisierung der Texte beachtet werden. 4 Die Zusammenstellung von Formatierungsbündeln (...) für Standardabsätze, Überschriften verschiedenen Grades, Fußnoten, Zitate etc., die bei der Erstellung eines Dokuments genutzt werden können, um den verschiedenen funktionalen Einheiten eines Dokuments auf effiziente Weise die jeweils gewünschte Formatierung zuzuweisen (...) bezeichnet man als Style Sheet. [KNAPP et al. 2004: 595] Style Guide bezieht sich im Gegensatz dazu auf die Formulierungsrichtlinien, die wiederum auf stilistische Konsistenz abzielen.

15 Technische Redaktion 9 Internationalisierung beschreibt einen Vorgang, der besonders in der Softwareentwicklung aber auch in der Dokumentationserstellung wichtig ist und die Basis für eine effiziente Weiterverarbeitung darstellt. Die Localisation Industry Standards Association definiert Internationalisierung wie folgt: Internationalization is the process of generalizing a product so that it can handle multiple languages and cultural conventions without the need for re-design. [ESSELINK 2000: 25, Definition der Localisation Industry Standards Association (LISA)] ESSELINK beschreibt weiter die Störfaktoren, die in einem nicht internationalisierten Produkt bei der Übersetzung bzw. Lokalisierung auftreten. [siehe auch ESSELINK 2000: 25ff] Demnach sollte ein internationalisiertes Produkt (eine Software bzw. eine Dokumentation) den folgenden Prinzipien folgen: Die Verwendung von kulturneutralen Datums-, Zeit-, und Währungsangaben, die nicht in jeder zu übersetzenden Sprache angepasst werden müssen. Der Einsatz von kulturneutralen Beispielen, Abbildungen, Farben etc., der aufwändige Recherche und die Anpassung an die Zielsprache erübrigt. Ein sprachneutrales Layout, in dem die Sprachausdehnung (Expansion) bei der Übersetzung berücksichtigt wird. Besonders die Vernachlässigung dieses Aspekts treibt oft die späteren Lokalisierungskosten in die Höhe. (zu Lokalisierung siehe Kap. 4.2) Wird von den Herstellern bei der Produktentwicklung das Konzept der Internationalisierung angewendet, so können bei der späteren Übersetzung erforderliche Änderungen bzw. kulturelle Anpassungen minimiert und somit Zeit und Kosten gespart werden. Die Internationalisierung hat das Ziel, den Aufwand, der bei der späteren Anpassung an spezifische Absatzmärkte erforderlich ist (die so genannte Lokalisierung), möglichst gering zu halten. [KNAPP et al. 2004: 598] Gründe für die Notwendigkeit der Internationalisierung sind laut ESSELINK [2000: 25] die Sicherstellung der Funktionalität und Akzeptanz eines Produkts für den internationalen Markt und die dadurch erreichte Reduzierung der Lokalisierungskosten.

16 10 Technische Redaktion 2.3 Style Guide und Kontrollierte Sprache Wie bereits in Kap. 2 angedeutet, zielt ein Style Guide auf so genannte Formulierungsrichtlinien ab und legt fest, wie mit bestimmten Sprachwendungen umgegangen wird. Dabei umfasst das Spektrum dieser Richtlinien die Bereiche der Formatierung, der Orthografie, des sprachlichen Stils und der Anwendung bestimmter Terminologie. [IRMLER; HARTWIG 2000: 94] In einem Style Guide wird z.b. die Schreibweise von Komposita (mit oder ohne Bindestrich), die Formulierung von Anweisungen (passivisch oder aktivisch) und der Umgang mit Maßeinheiten festgelegt. Die Ausmaße eines meist von der Dokumentationsabteilung definierten Style Guides können ganz unterschiedlich ausfallen. Mal sind nur wenige sprachliche Regeln festgelegt, mal sind diese Regeln sehr umfassend. Das Ziel ist jedoch immer, die erstellten Dokumente möglichst konsistent zu halten und mögliche Unsicherheiten für den oder die Autoren auszuschließen. [vgl. GÖPFERICH 2004c: 460] Das Konzept der kontrollierten Sprachen bezeichnet ähnlich dem der Fachsprachen Subsysteme natürlicher Sprache, die nur ein beschränktes Vokabular und ein genau definiertes grammatisches Regelsystem aufweisen. [GÖPFERICH 1998: 288] Eine kontrollierte Sprache kann und sollte in gewissem Maße firmenspezifisch festgelegt werden, und von den technischen Redakteuren im Redaktionsprozess angewendet werden. Die Nutzung eines eingeschränkten Vokabulars schließt Mehrdeutigkeiten von Benennungen theoretisch aus, da jedem Term nur noch eine mögliche Bedeutung zugeordnet ist. Für die Formulierung eines Satzes besteht im idealisierten Fall nur noch eine Möglichkeit, da die kontrollierte Sprache vorschreibt, wie beispielsweise Kausalsätze zu formulieren sind. GÖPFERICH sagt dazu [GÖPFERICH 2004: 461]: Werden in einem Unternehmen Formulierungsrichtlinien festgelegt und damit eine kontrollierte Sprache eingeführt, so sollten diese Formulierungsregeln abzielen auf: a) Eindeutigkeit, b) Konsistenz, c) Verständlichkeit und d) Prägnanz (...).

17 Technische Redaktion 11 Wie beim übersetzungsgerechten Schreiben gilt auch hier das Prinzip: Ein eindeutig geschriebener verständlicher Text ist leichter zu übersetzen, da Rückfragen von Seiten des Übersetzers von vornherein überflüssig gemacht werden und der Text keine weiteren Verständnismöglichkeiten offen lässt. Die Konzepte des Style Guides und der kontrollierten Sprache überschneiden sich, da die kontrollierte Sprache als gesteigerte Anwendung der Formulierungsrichtlinien betrachtet werden kann. [siehe auch GÖPFERICH 2004c: 460f] Die oben genannten Ziele für die Formulierungsregeln lassen sich auf beide Konzepte anwenden. Der Übergang von der Einhaltung eines bloßen Style Guides zur Textproduktion in einer kontrollierten Sprache ist dabei fließend. [GÖPFERICH 2000: 7] Richtig angewendet können sowohl Style Guide als auch kontrollierte Sprache zu einer Verbesserung des Redaktionsergebnisses beitragen. Jedoch gibt es bisher für keines der beiden Konzepte eine Standardlösung. [vgl. ESSELINK 2000: 29f] Und um einen (firmenspezifischen) Style Guide bzw. eine kontrollierte Sprache zu definieren, ist zunächst ein enormer Arbeitsaufwand notwendig, der sich jedoch in Anbetracht der erzielten Verbesserung lohnt. Besonders beim gleichzeitigen Einsatz vieler Redakteure ist es wichtig, eine höchst mögliche Textkonsistenz zu erreichen, zumal Konsistenz bei großen Textvolumina durch den Einsatz eines Translation Memory Systems zu erheblichen Einsparungen bei der Übersetzung führen kann. Die praktische Anwendung einer kontrollierten Sprache gestaltet sich jedoch schwierig, da die kontrollierte Sprache strengen Regeln folgt und nur schwer überprüft werden kann. Außerdem kann eine übermäßig kontrollierte Sprache eventuell einen gegenteiligen Effekt erzielen, nämlich, dass Texte irgendwann nicht mehr übersetzbar sind, weil sie zu abstrakt geschrieben werden müssen, um der kontrollierten Sprache zu entsprechen. Das bekannteste Beispiel kontrollierter Sprache ist die von der Luft- und Raumfahrtindustrie entwickelte AECMA SE und das darauf basierende Simplified English (CE). Für diese beiden kontrollierten Sprachen gibt es bereits ein auf dem Markt erhältliches Programm zur Unterstützung der Textproduktion. Zur genauen Anwendung siehe die Ergänzungen von Frau

18 12 Technische Redaktion GÖPFERICH (2002). GÖPFERICH beschreibt weiterhin die Entwicklung der so genannten automatic rewriting systems, die teilkontrolliertsprachige Texte automatisch bzw. teilautomatisch (d.h. interaktiv) in eine stärker kontrollierte Sprache übersetzen. [GÖPFERICH 2002] Diese lassen dem Redakteur mehr Freiheiten bei der Formulierung, befinden sich allerdings noch in der Entwicklung. Insgesamt gesehen hat kontrollierte Sprache den Nachteil, dass ihr Einsatz nur in speziellen Anwendungsfällen sinnvoll ist, dass sie u.u. für den Redakteur sehr restriktiv ist und einen hohen Schulungsaufwand verlangt. Mit einem Controlled Language Checker wird die Einhaltung der formulierten lexikalischen, stilistischen, grammatischen und formalen Regeln automatisch überprüft, um den Autor bei der Redaktion zu unterstützen. Solche Prüfprogramme können Module umfassen zur Rechtschreibprüfung, zur Grammatikprüfung, zur Terminologiekontrolle, zur Stilprüfung sowie zur Konsistenzprüfung. [GÖPFERICH 2004: 468f] In der Praxis werden durch ein solches Prüfprogramm diejenigen Textbestandteile optisch hervorgehoben, die den formulierten Regeln nicht entsprechen. Fehler werden klassifiziert und das Programm macht eventuell sogar einen Korrekturvorschlag. [vgl. GÖPFERICH 2002] Die zuvor genannten Prüfmodule (Rechtschreibprüfung, Grammatikprüfung etc.) können jedoch auch einzeln als Bestandteil der Computerunterstützung angewendet werden. So ist die automatische Rechtschreibkontrolle bereits standardmäßig in den meisten Textverarbeitungsprogrammen integriert. Sie ist das einfachste Beispiel, das seit langem schon routinemäßig und effektiv eingesetzt wird. Ein Language Checker, der auch stilistische Regeln überprüfen kann, ist nur die ausgereifte Version eines solchen Programms. Die praktische Ausführung ist allerdings wesentlich komplizierter, da im Vorfeld sämtliche Regeln und Parameter definiert werden müssen. Daher werden diese Prüfprogramme meist firmenspezifisch entwickelt und an den speziellen Bedarf angepasst. Im Normalfall sind diese Programme nicht kommerzialisiert.

19 Technische Redaktion Modularisierung Das Prinzip der Modularisierung beschreibt die Aufteilung eines Gesamtdokuments in wiederverwendbare Textbausteine. [vgl. PFEIFER, LORENZI, SCHMIDT 2002: 19] Diese Textbausteine sind so kontextfrei formuliert, dass sie auch in anderen Texten auftreten können, denn bei langen zusammenhängenden Texten ist die Möglichkeit der Wiederverwendung gering. Ein weiterer Vorteil der Modularisierung ist die Realisierung des Single Source Publishing Ansatzes (Trennung von Inhalt und Layout), der in Kapitel 2.4 beschrieben wird. PFEIFER, LORENZI und SCHMIDT empfehlen das Modularitätsprinzip für den Aufbau von Betriebsanleitungen. Sie fassen die durch Modularität erzielten Effekte in folgender Tabelle zusammen: Entkopplung: Die Gesamtkomplexität einer Betriebsanleitung reduziert sich auf einzelne Module. Wiederverwendung/Austauschbarkeit: Bereits entwickelte Module behalten ihren Nutzen. Geänderte Module können problemlos ausgetauscht werden. Kombinierbarkeit/Erweiterbarkeit: Der Umfang bzw. der Inhalt einer Betriebsanleitung kann produktspezifisch zusammengestellt werden, besonders im Hinblick auf optionale Baugruppen. Standardisierbarkeit: Die Zahl neu zu entwickelnder Module sinkt, wenn häufig wiederverwendete Module festgelegt werden können, die nur selten geändert werden und produktabhängig sind. Kontrollierbarkeit: Durch die Abgeschlossenheit können Module einzeln geprüft werden. Tabelle 1: positive Effekte bei einer modular aufgebauten Betriebsanleitung 5 5 Quelle: PFEIFER, LORENZI, SCHMIDT 2002: 19

20 14 Technische Redaktion 2.5 Redaktionssystem und Content Management Ein Redaktionssystem dient der computerbasierten Erfassung, Verwaltung, Steuerung und Publikation der Redaktionstätigkeiten in einem Unternehmen. Es dient dazu, Informationen dort zu erfassen, wo sie entstehen. [vgl. TANNER AG 2002] Somit können in einem unternehmensweiten Redaktionssystem sämtliche Texte einheitlich erstellt werden, unabhängig vom Standort der jeweiligen Redakteure. Meist basiert das Redaktionssystem auf einer Datenbank, in der alle erstellten Informationen zentral abgespeichert werden und abrufbar sind. Solch eine Datenbank erschließt die Möglichkeiten eines effizienten Versions-, Übersetzungs-, Varianten-, Grafik- und Linkmanagements für die Informationen. [TANNER AG 2002] Durch die Anwendung des Modularitätsprinzips wird dieser Ansatz zusätzlich unterstützt. Eine datenbankgestützte Verwaltung der Textbausteine unterstützt die Trennung von Inhalt und Layout, so dass bei der späteren Lokalisierung keine Layoutanpassungen gemacht werden müssen. Bei der Dokumentenerstellung werden zunächst die gewünschten Textbausteine zusammengestellt. Erst im Anschluss daran wird ein passendes Layout generiert. Der Inhalt umfasst sowohl den Text als auch integrierte Bilder und Grafiken. Auch diese müssen medien- und layoutneutral gestaltet werden, um jederzeit wiederverwendbar zu sein. Die Struktur für entstehende Dokumente ist spezifisch anpassbar, da sie nicht vorgegeben ist und die Texte einfach integriert werden können. Das Layout ist vom eingesetzten Programm zur Dokumentenerstellung abhängig. Durch diese Trennung fällt die aufwändige Anpassung z.b. bei nicht berücksichtigter Sprachausdehnung weg. Und somit lässt sich der Arbeitsprozess rationalisieren und automatisieren. [vgl. bbi software ag 2005] Dieser Ansatz ist auch als Single Source Publishing Ansatz bekannt (siehe Abbildung 3): sämtliche Ausgabeformate werden aus der gleichen Datenbank generiert. Man benötigt nur einen Quelltext, um beliebig viele Formate zu erstellen. Jeder Text ist somit wiederverwendbar und muss nur einmal übersetzt werden. [vgl. bbi software ag 2005] Solch ein medienneutrales Publishing gewährleistet einen internationalisierten Aufbau der Dokumente und macht spätere Anpassungen unnötig. Dieser Ansatz ist die Basis für die in diesem Kapitel beschriebenen Redaktions- und Content Management Systeme.

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