Kritische Finanzprodukte

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1 Kritische Finanzprodukte Ihr Einfluss auf die Stabilität des Finanzsystems am Beispiel der Finanzkrise und die Konsequenzen Prof. Dr. Niklas Wagner Akademie für Politische Bildung Tutzing, 14. Dezember 2009

2 Agenda Finanzprodukte und die Kreditkrise 2007/08 Direkte Lehren aus der Krise Konsequenzen für das Finanzsystem und dessen Regulierung Konsequenzen für den Einzelnen

3 Die Ausgangslage voranschreitende Vernetzung der Finanzmärkte, globale Verfügbarkeit von Kapital Bilanzerweiterungen im Bankensystem und erhöhtes Kreditvolumen, zunehmender Leverage auch innerhalb der Finanzbranche Fokussierung auf kurzfristige Eigenkapitalrentabilität, Vernachlässigung des nachhaltigen Erfolgs Einführung neuer Finanzprodukte Risikotransfer

4 Finanzprodukte: Brandbeschleuniger der Finanzkrise kritische Finanzprodukte = innovative strukturierte Produkte, die Risikotransfer innerhalb des Finanzsystems erlauben Banken als Kreditgeber sind nicht mehr gezwungen, die Risiken der vergebenen Kredite zu tragen Instrumente des Risikotransfers sind unter anderem: Verbriefungen (z.b. RMBS) Kreditderivate (z.b. CDSs, CDOs)

5 Strukturierte Produkte (Mrd. USD) Quelle: Bank for International Settlements

6 Beispielhafte Transaktion (Partially funded CSO, synthetic CDO )

7 Tranchierung der Verlustverteilung des Referenzportfolios

8 Problematik strukturierter Produkte Komplexität erschwert Risikoeinschätzung, zudem Situation asymmetrischer Information Annahmen über die Verlustverteilung, großer Einfluss auf Risikoprofil der einzelnen Tranchen, Abhängigkeiten der einzelnen Risikopositionen innerhalb des Referenzportfolios nur schwer abschätzbar zusätzlich zum Kreditrisiko des Referenzportfolios müssen Adressrisiken berücksichtigt werden (OTC-Markt)

9 Zusammenbruch des Finanzsystems I Preissteigerungen im US Immobilienmarkt, hoher Leverage Schwäche des US Arbeitsmarktes, leichte Zinssteigerungen, Stagnation der US Immobilienpreise Einzelne Zahlungsausfälle, Zwangsversteigerungen lassen Preise einbrechen systematische Risikokomponente Verlustverteilungen verschieben sich, da systematisches Risiko hinzukommt und die Abhängigkeiten im Portfolio erhöht Wertverlust durch höheres Risiko bei Verbriefungen und Derivaten

10 Zusammenbruch des Finanzsystems II Wertverlust durch Abschreibungen führt zu Liquiditätsbedarf bei Finanzinstituten Liquiditätsbedarf führt zu Verkäufen von Verbriefungen und Derivaten, Liquiditätskrise bei Banken Überangebot an Kreditrisikoprodukten, Unsicherheit hinsichtlich der wahren Verlustverteilung der Basisinstrumente Kollaps des Marktes für Kreditrisiken (insbesondere für CDOs) hohe Verluste führen letztlich zu einem Zusammenbruch weiter Teile der gesamten Kreditaktivität der Banken

11 Marktrisikoprämien Financials (Spreads in bps) Quelle: International Index Company, bis

12 Marktrisikoprämien Financials (Spreads in bps) staatl. Interventionen Quelle: International Index Company, bis

13 Illiquidität erreicht Inter-Bankenmarkt 3-monats USD LIBOR in Prozentpunkten Quelle: Thomson One Banker, bis

14 Dominoeffekt im Markt für Kreditderivate Signifikante Adressrisiken da OTC-Markt Positionen werden häufig durch Gegenpositionen glatt gestellt, um das Risiko zu minimieren Ausfall eines relevanten Marktteilnehmers kann zu einem Dominoeffekt führen im Extremfall hängt das Adressrisiko nicht vom eigentlichen Vertragspartner ab, sondern vom schwächsten Glied der Kette

15 Direkte Lehren aus der Krise I.) II.) III.) IV.) V.) Verbesserung des Interessensabgleichs innerhalb des Finanzsystems (Eigenbehalte) Verbesserung des internen Risikomanagements hinsichtlichpreis- und Liquiditätsrisiken Rückbesinnung auf nachhaltiges Investieren Rettung von Finanzinstituten darf nicht die Regel sein, die staatlichen Rettungspakete sind kritisch zu bewerten Strukturierte Produkte und Finanzderivate haben auch weiterhin eine Daseinsberechtigung

16 Konsequenzen für das System Krisen sind eine Folge von freier Marktwirtschaft, freie Märkte im Zusammenspiel mit menschlicher Psychologie ( animal spirits ) bedingen Blasen, d.h. Blasen und Krisen sind systemimmanent, der Domino-Effekt bedingt systemisches Risiko: - der Staat wird (gezwungenermaßen) zum Rückversicherer, - systemisches Risiko und dessen Kosten sind zu internalisieren. Regulierung muss notwendige Rahmenbedingungen schaffen!

17 Konsequenzen für die Regulierung I Risiken müssen erkannt, definiert und gemessen werden. Der finanzielle Status von Finanzinstitutionen muss öffentlich zugängliche Information sein, Ziel ist Schaffung von Transparenz. Es soll einfach verständliche Information vermittelt werden (nicht die bzgl. der Details beispielsweise eines CDOs welches als toxic waste Produkt bezeichnet wird). Die derzeitige Rechnungslegung (das accounting ) ist nur bedingt geeignet, um Risikotransparenz herzustellen, wir benötigen statt dessen ein spezielles risk accounting.

18 Konsequenzen für die Regulierung II Die Gefahr einer unerwarteten Krise liegt in erster Linie nicht im durch sie bedingten Verlust, sondern im Zustand des Nicht- Vorbereitet-Seins. Risiken können nur eingeschränkt eliminiert werden, sie müssen getragen werden. Größte Gefahren stammen von Finanzintermediären, die mehr Risiko eingehen als sie verstehen und verkraften können. Wir benötigen nicht mehr Regulierung. Wir benötigen bessere und effektivere Formen der Regulierung.

19 Konsequenzen für den Einzelnen Regulierung schützt den Staat, aber wer schützt den Einzelnen? Regulierung schafft den nötigen Rahmen, kann aber Missbrauch grundsätzlich nicht verhindern. Wir benötigen mehr und höherwertige Ausbildung in den Bereichen Wirtschaft, Finanzintermediäre und Finanzmärkte. D.h. Verbesserung der Bildung in Schule und Öffentlichkeit. Mündige, wissende und gut informierte Bürger sind der beste Schutz gegen die individuellen Wirkungen kritischer Produkte.

20 Literatur Breitenfellner B., Wagner N. (2008): Lessons from the Subprime Financial Crisis, Working Paper, Passau University, available at: Bank of England (2008): Financial Stability Report October 2008, Bank of England Financial Stability Reports, London. Lo A. (2008): Regulatory Reform in the Wake of the Financial Crisis of , Testimony, MIT Sloan School of Management.

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