Berner Fachhochschule

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1 Berner Fachhochschule Kompetenzzentrum Public Management und E-Government Fachzeitschrift «egov Präsenz» Ausgabe 1/2012 «egov Präsenz» Gemeinden und Städte Geniale Orte Interview mit Corine Mauch, Stadtpräsidentin von Zürich: «Wir wollen uns international als einen der führenden Standorte für IKT-Dienstleistungen und IKT-Infrastruktur positionieren.»

2 Das erfolgreiche izug Projekt jetzt als Software Bundle lesen Sie den Fachartikel der Gemeinde Hünenberg auf Seite 70 Das erfolgreiche izug Projekt jetzt als egov Software Bundle Anwendungsgebiete: Intranet, Extranet, GEVER (ISO 15489), Web CMS 4teamwork egov ist modular aufgebaut. Damit garantieren wir höchste Flexibilität und beliebige Skalierbarkeit zu einem vernünftigen Preis. 4teamwork egov überzeugt mit hohem Funktionsumfang. Auf dem virtuellen Arbeitsplatz werden Geschäftsprozesse und dazugehörende Informationen intelligent, bedarfsgerecht und übersichtlich zusammengefasst. Auch für Sie und Ihr Team haben wir die optimale Lösung ipad Ready! 256-Bit SSL Trusted Zufriedene Kunden vertrauen uns: Kanton Zug, Kanton Basel-Stadt, Kanton Bern, Stadt Bern, Stadt Wetzikon izug Internetbasierte Zusammenarbeit 4teamwork GmbH Engehaldenstrasse 53, 3012 Bern Tel

3 Leitartikel 1 Einige grundsätzliche Überlegungen dazu, wie man mit E-Government Gemeinden und Städte attraktiver macht Reinhard Riedl Prof. Dr. Reinhard Riedl Herausgeber «egov Präsenz» Leiter Forschung und Dienstleistungen Fachbereich Wirtschaft Berner Fachhochschule Einige der nachfolgenden Überlegungen sind inspiriert durch den SwissnexDay an der ETH Zürich mit den Key Notes von Prof. Marc Angélil und Prof. Mario Botta. Verwurzelung Die meisten Menschen haben das Bedürfnis nach Verwurzelung. Der Ort, wo sie wohnen, leben und arbeiten, soll eine Identität besitzen. Sie wollen sich zu Hause fühlen, auch ausserhalb ihrer Wohnung. Die Frage ist, wie eine Gemeinde oder Stadt sein muss, damit sich Menschen darin zu Hause fühlen. Und konkret: Trägt der E-Government-Auftritt ihres Wohnorts dazu bei, dass sie sich dort mehr zu Hause fühlen? Nehmen sie ihn als identitätsstiftend und als Teil der Lebensqualität ihres Wohnorts wahr? Oder erscheint es umgekehrt ganz absurd, dass E-Government solche Qualitäten besitzt? Identität Eine von Architekten oft geäusserte These lautet, dass ein Ort einen eigenen Charakter und eine eigene Identität besitzen sollte. Gemeinde- und Stadtentwicklung sollte diese Identität stärken. Ich meine, es geht darum, dass ein Ort erstens generische Eigenschaften besitzen und garantieren sollte Sicherheit, Gerechtigkeit, generell eine gute Regierung und dass er zweitens Verortungsmöglichkeiten schaffen sollte. Dass heisst, er sollte als ganz spezifischer Ort erkennbar sein. In Zeiten der Globalisierung ist das schwierig. Aber ein erkennbarer Bezug zur Vergangenheit schafft Unverwechselbarkeit, die eine Verortung unterstützt, indem sie das «Hier» und das «Woanders» unterscheidbar macht. Eine erfolgreiche, zukunftsorientierte Stadtentwicklung ist sogar fast nur aus der Geschichte heraus möglich. Das wirft die Frage auf: Trägt der E-Government-Auftritt Ihrer Gemeinde oder Stadt etwas zur Schaffung von Identität, zur Kommunikation der Geschichte, zur Förderung der zukünftigen Stadtentwicklung bei? Oder erscheint dieser Anspruch im Gegenteil unangemessen? Werte Im Rathaus von Siena ist exemplarisch an die Wände gemalt, was eine Stadt ausmacht: der Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Regierung und die Trennung und Verbindung von Stadt und Hinterland. Das sollte einst den Bürgerinnen und Bürgern Orientierung bieten. Was zur Frage führt: Bietet das E- Government Ihrer Gemeinde oder Stadt solche Orientierung? Oder ist das, was im Siena des ausgehenden Mittelalters notwendig schien, heute überflüssig? Erscheint im Gegenteil der Gedanke abseitig, dass E-Government für (Wert-)Orientierung steht? Soziales und Vielfältiges An einem guten Ort müssen soziale Werte eine reale Rolle spielen, und eine gute soziale Interaktion muss einfach möglich sein. Fast alle Menschen möchten am liebsten ganz bei sich selber sein, in Ruhe gelassen werden in der eigenen Höhle und ohne Störungen leben. Der Wunsch nach einer Beschränkung auf die eigene Existenz und die eigenen Bedürfnisse, nach anstrengungsfreiem Konsum und nach Freiheit von anspruchsvoller sozialer Interaktion, ist bei vielen von uns sehr gross. Umso notwendiger sind Orte, die es uns leicht machen, uns anderen zuzuwenden und sozial zu interagieren. Nicht von ungefähr zeigen die Bilder im Rathaus von Siena auch die Beziehung von physischem und sozialem Ort. Weil aber über das, was einen guten Ort ausmacht, kaum schnelle Einigkeit erzielbar ist, ist das Thema des Magazinteils dieser Ausgabe «Geniale Orte». Gemeint sind damit Orte, die ausserhalb der eigenen vier Wände ein aussergewöhnliches Sich-zu-Hause-Fühlen ermöglichen. Wir haben ganz verschiedene Menschen in den Interviews gefragt, was sie unter genialen Orten verstehen, um eine Vielfalt der Interpretationen zur Diskussion zu stellen. Was wir Ihnen bei aller Unterschiedlichkeit der Meinungen trotzdem vermitteln wollen: Der Wunsch, aus einer Gemeinde oder Stadt einen genialen Ort zu gestalten, soll nicht beim Marketing stehen bleiben und auch nicht bei der Architektur. Er soll und muss auch die Gestaltung der Informationsinfrastruktur mit einbeziehen, inklusive E-Government! E-Government E-Government kann mehr sein als Benchmark-idealtypische Services mit hoher Benutzerfreundlichkeit (Usability). Es sollte nicht das Ziel sein, dass weltweit alle Webauftritte gleich aussehen. E-Government von Gemeinden und Städten sollte die Einzigartigkeit des Orts vermitteln. Es sollte über seine Geschichte ebenso kommunizieren wie über seine sozialen Werte und seine Zukunftsperspektiven. Sein Charakter sollte letztlich ein virtueller Zwilling des realen Charakters eines Orts sein. Nichts gegen Usability, aber Usability allein macht nicht glücklich! Persönliche Portale Nun fällt in Diskussion über einzigartiges E-Government schnell und zu Recht der Einwand: «Aber die Standarddienste möchte ich überall gleich haben.» Ich auch. Ich möchte nicht, dass die traditionelle Behördenkreativität im Erfinden komplizierter Formulare im E-Government digital nachgebildet wird. Aber hier ist meine Zukunftsvision sowieso eine grundsätzlich andere, nämlich 3CRM (Citizen Controlled Citizen Relationship Management). Statt dass jede Gemeinde oder Stadt ihre eigenen Services baut, möchte ich, dass in Zukunft jede Bürgerin, jeder Bürger (und jedes Unternehmen) ein personalisiertes E-Government-Portal erhält, das alle individuell bei jeglichen Behördeninteraktionen unterstützt. Ein derartig persönliches Portal würde die Heterogenität der Behördenwelt verbergen, wo immer es nicht notwendig ist, diese Heterogenität zu verstehen, und aus folgenden Komponenten bestehen: 1. einem Beziehungsmanagement zu allen Behörden für längerfristige Beziehungen zu Staatsstellen (wie zum Beispiel Steuern zahlen oder Kinder haben), 2. einem finanziellen Clearing aller Finanzflüsse zwischen Bürgerin, Bürger und Behörden, 3. einem Bürgersafe, in dem alle Dokumente und Zertifikate auch solche von Nichtstaatsstellen wie zum Beispiel Lohnausweise aufbewahrt werden, die für Behördentransaktionen eventuell benötigt werden, 4. einem intelligenten Ad-hoc-Zugang zu Behördendiensten, die Informationsbereitstellung aufseiten der Bürgerin und des Bürgers verlangen. «egov Präsenz» 1/12

4 2 Leitartikel 5. einem Interaktionsarchiv, das alle Transaktionen auffindbar aufzeichnet, 6. einer Policy & Control-Komponente, die eine einfache Gesamtsteuerung der Interaktion mit Behörden ermöglicht. Minimale Einschränkung der Subsidiarität Eine Standardisierung des Zugangs zu Standarddiensten ist kompatibel mit persönlichen Portalen und steht in keinem Widerspruch zur Einzigartigkeit im E-Government-Auftritt. Sie verlangt weder eine Standardisierung der Leistungserbringung noch eine Vereinheitlichung der Gesetze, die die Leistungserbringung regeln. Die notwendige Beschränkung der Autonomie der Behörden ist minimal. Konkreter und spezifischer Und weil ich schon dabei bin, gegen die Glaubenssätze der E-Government-Community anzuschreiben: Die Lösung aller Probleme kann nicht in der Maximierung der Benutzerfreundlichkeit bestehen. Aber noch viel weniger besteht sie in der 08/15-Usability, die die Norm darstellt. Ich möchte als Bürger nicht stundenlang nach Informationen suchen. Ganz egal, wie hübsch das Webdesign ist. Und ich möchte auch nicht stundenlang darüber grübeln, was die gefundenen Informationen wirklich bedeuten. Ich möchte konkrete und präzise Antworten auf meine Fragen bekommen. Oder noch besser, ganz genau jene Informationen, die ich in meiner aktuellen Situation benötige: nicht mehr, nicht weniger, nichts anderes! Bürgerzentriert Nur so zum Sagen: Mich interessiert Behördenlogik nur beruflich, privat ist sie mir so was von nett, das kann ich hier gar nicht schreiben. (Eine Einstellung, die ich mit vielen anderen Verwaltungsangestellten teile. Also hallo, Kolleginnen und Kollegen, wir sind viele von uns!!!) Mich faszinieren Organisa tionslogiken ästhetisch nur als Forscher und als Kafka-Leser. Das Portal sollte nicht meine Suchintelligenz herausfordern, sondern mir Interaktionsmöglichkeiten geben, mir die richtigen Fragen stellen und die von ihm benötigte aus der Nase ziehen, um meinen Kontext zu verstehen und mir dann massgeschneidert genau die Information liefern, die ich brauche. Es gibt technische Lösungen dafür. Es gibt kommerzielle Lösungen dafür. Es gibt Vorzeigebeispiele von Behörden, die Unsummen einsparen, weil sie ihre Callcenter dank interaktiver Informationsbereitstellung abbauen können. Und trotzdem ist ein derartiger Service nach wie vor die Ausnahme. Dass das nur wenige stört und die Zufriedenheit mit dem E-Government von heute so hoch ist, liegt nur daran, dass die meisten sich gar nicht vorstellen können, von einem E-Government-Portal wirklich präzise Antworten auf ihre Fragen zu bekommen. Wir alle halten bürgerzentrierte Ansätze für eine schöne Theorie, die leider praxisfern ist. Doch alles, was gedacht werden kann, wird irgendwann auch verwirklicht. Ortsentwicklung 2.0 Meine Zukunftsvision lautet persönliche E-Government-Portale und interaktive Informationsbereitstellung für aussergewöhnliche Fälle von Bürger-zu-Behörden- Transaktionen. Der Rest kann, soll, ja muss «identitätsstiftendes» E-Government sein, insbesondere wenn es um E-Government von Gemeinden und Städten geht. Dieses «charaktervolle» E-Government sollte den Genius Loci darstellen oder gar vielleicht erst zum Leben erwecken. Es gibt kein Gesetz, das langweiligen Orten verbietet, durch E-Government zu spannenden Orten zu werden. Aber dieses E-Government jenseits von Usability muss in Gemeinden und Städten mit dem Ort zusammenspielen. Es muss als Teil der Stadtentwicklung gedacht und weiterentwickelt werden. Als eine Art Second Life mit Echtzeitinteraktionsqualität, das sich mit dem echten Ort überlagert. Aus bürgerzentrischer Sicht gedacht sind die meisten Menschen nicht nackt in der Gemeinde oder Stadt unterwegs, sondern mit Werkzeugen der Informations- und Kommunikationstechnologie ausgestattet. Das verändert das potenzielle Verhältnis zwischen Mensch und Ort. Und diese Veränderung hat grosse Implikationen auf die Ortsentwicklung: Das Verfügbarmachen von digitaler Information und Informationsverarbeitungsanwendungen gewinnt eine zentrale Bedeutung für die Ortsentwicklung. Insbesondere die Stadtplanung wird dadurch ganz wesentlich verändert. Sie ist nicht mehr nur die Domäne der traditionellen Architekten, sondern sollte unbedingt auch Informationsarchitekten mit einbeziehen! Orientierung in der Stadt Das bisherige E-Government hat kaum Chancen, von Stadtentwicklern sehr ernst genommen zu werden. Ein E-Government, das die Informationsarchitektur von Orten gestaltet, wäre umso wichtiger! Das, was die moderne Technologie zuallererst ermöglicht, war bisher die traditionelle Aufgabe guter Stadtarchitektur: Sie ermöglicht den Menschen die Orientierung am Ort. Sie hilft, zu begreifen, wo das Zentrum und wo der Rand der Stadt sind und wie die Beziehungen zwischen den Bezirken sind. Das tut auch die Informationstechnologie hervorragend. Sie bietet zudem durch neueste Anwendungen die Möglichkeit zum Darstellen der Beziehung zwischen physischem und sozialem Ort und ein virtuelles Eingreifen in diese Beziehung. Als Zweites stellt sie das neue Hinterland der Stadt in Form von Informationslogistik dar und ist zugleich ein Teilersatz für die Verkehrswege zu anderen Städten, indem sie die globale Informationsvernetzung ermöglicht. Und drittens verändert sie die Governance durch die gesellschaftlichen Orientierungsmöglichkeiten der digitalen sozialen Medien und durch E-Democracy. Gerade wenn wir die Wandbilder im Rathaus von Siena betrachten, begreifen wir, dass die Prinzipien gleich bleiben, ihre Ausgestaltung durch Kommunikationstechnologie aber völlig neue Möglichkeiten bekommt. Open Government Data Wie Richard Sennett in «Das Handwerk» eindrücklich zeigt, ist die Chirurgie ganz wesentlich eine Folge der Schmiedekunst, weil diese das Werkzeug Skalpell entwickelte. Für die Städte der Zukunft entsteht gerade ein ähnlich bahnbrechendes Werkzeug in den Denkwerkstätten des E-Government: Open Government Data (OGD). Es zielt darauf ab, interne Behördendaten allen zur Verfügung zu stellen. Das soll extra muros der Verwaltung Vertrauen in die Verwaltung stiften. Intra muros schafft es aber vorderhand Misstrauen. Es hat also zwei komplementäre Vertrauenspole und das Potenzial, Kurzschlüsse zwischen interner Hierarchie und externer Demokratie herzustellen. Man kann die Mächtigkeit dieses Werkzeugs ahnen. Was daraus und damit entstehen wird, wissen wir noch nicht. Es ist aber klar, dass OGD das Bild einer Stadt verändern wird, und es zeichnet sich ab, dass OGD eingesetzt werden kann, um Kulturveränderungen zu bewirken. Die kleinen Gemeinden Offen bleibt, was E-Government für kleinere Gemeinden bedeutet. Für sie geht es zuallererst darum, ihre Autonomiefähigkeit zu bewahren. Die Lösung liegt para - doxerweise in den Wolken des Cloud Computing und in der Bereitstellung einer kostengünstig nutzbaren zentralen E-Government-Infrastruktur. Es sind solche Paradoxien, die das E-Government spannend machen. Ihre Auflösung ist im Einzelfall so kompliziert wie notwendig. Sonst wird man auch in 20 Jahren noch sagen: Die Schweiz hat kein gutes E-Government, weil ihre öffentliche Verwaltung ohne Technologieeinsatz die beste der Welt ist. Herzlichst, Ihr Reinhard Riedl «31 Präsenz» 1/12

5 Berner Fachhochschule Kompetenzzentrum Public Management und E-Government Call for Papers «egov Präsenz» 2/12: E-Government-Strategien «egov Präsenz» ist DIE Fachzeitschrift für E-Government in der Schweiz und im deutschsprachigen Ausland (www.egovpraesenz.ch). Der Magazinteil enthält Experteninterviews, Kolumnen und aktuelle Veranstaltungsberichte. Im Fachteil präsentieren wechselnde Autoren nationale und internationale Perspektiven der Forschung und Praxis. Die nächste Ausgabe beschäftigt sich mit dem Thema «E-Government-Strategien». Wir laden Sie ein, bis am 15. März 2012 einen Abstract zu diesem Thema einzureichen und bei angenommenem Abstract einen zwei- bis dreiseitigen Artikel zu verfassen. Die Ausgabe 2/12 erscheint im August 2012, Redaktionsschluss ist der 18. Mai Als Autorin oder Autor bietet Ihnen die Fachzeitschrift «egov Präsenz» die Möglichkeit, Ihren Beitrag einem internationalen Publikum von Entscheidern in Politik, öffentlicher Verwaltung und Wirtschaft zu präsentieren. Ihr Beitrag kann die folgenden, aber auch themenverwandte Aspekte behandeln. Themen Einreichung der Beiträge Bitte senden Sie Ihre Vorschläge (Abstract, max Zeichen) bis am 15. März 2012 an Annahme der Artikel Die Beiträge dürfen keine PR-Artikel sein. Aussagen sollen wo immer möglich an Praxisbeispielen illustriert werden. Weitere Kriterien für die Annahme sind Klarheit, Innovationsgrad und Aktualität. Es besteht keine Garantie für die Aufnahme eines Beitrages in die Zeitschrift. Sprache Es werden Artikel in deutscher, französischer und englischer Sprache akzeptiert. «egov Präsenz» 1/12

6 4 Inhaltsverzeichnis «egov Präsenz» 1/12 Magazinteil: Geniale Orte Leitartikel 1 Einige grundsätzliche Überlegungen dazu, wie man mit E-Government Gemeinden und Städte attraktiver macht Reinhard Riedl, Herausgeber «egov Präsenz», Leiter Forschung und Dienstleistungen, Fachbereich Wirtschaft, Berner Fachhochschule Zu dieser Ausgabe 6 Gemeinden und Städte geniale Orte zwischen Dorfauskunft und Standortfaktor Ronny Bernold, Chefredaktor «egov Präsenz», Berner Fachhochschule 7 Die Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe Interview 8 «Soziale Medien sind die grössten Zeitfresser, die wir haben.» Lorenz Hess, Gemeindepräsident von Stettlen, BDP-Nationalrat 14 «Die Weichen in Richtung Open Government sind gestellt.» Gabi Burgstaller, Landeshauptfrau Bundesland Salzburg 18 «Wir wollen uns international als einen der führenden Standorte für IKT-Dienstleistungen und IKT-Infrastruktur positionieren.» Corine Mauch, Stadtpräsidentin von Zürich 22 Erfreuliche Zukunftsaussichten E-Government-Spezialisten aus Wien, Berlin und Zürich 26 «Zuhören ist von grösster Bedeutung, weil es uns lehrt, besser im Leben zu stehen.» André Richard, Komponist, Dirigent und Klangregisseur Kolumne 13 «Aus anderer Warte» Von Flüssen und E-Government Jürg Römer 24 Zugang und Nutzung von IKT wird zum Standortfaktor Jörn von Lucke 30 Ist E-Government in kleinen Gemeinden tatsächlich ein Thema? Peter Baumann 34 Talking Thoreau: On the Duty of Civil Digital Disobedience Andreas Kuehn Veranstaltung 31 Zukunftsgerichtetes E-Government: ein Mehrwehrt für alle! Marita Lempen 32 Open Government ein Nutzen für die Wirtschaft und die Bevölkerung Marita Lempen 35 Veranstaltungsvorschau InfoSocietyDays 2012 Jürg Lehni E-Government Schweiz 36 Aide «E-Gov pour les communes» Carole Sunier 37 Leitfaden für Partnerschaften von Staat und Wirtschaft im Rahmen von IT- und E-Government- Vorhaben Astrid Strahm, Urs Bolz «31 Präsenz» 1/12

7 Inhaltsverzeichnis 5 Fachteil: Gemeinden und Städte Forschung / Analyse 38 Facebook & Co. erobern Amtsstuben Einsatz von Social Media in Städten und Gemeinden Stephan Arnold, Walter Achermann, Philipp Murer 42 Innovationsförderung in Schweizer Gemeinden (INGE) Andrea Gurtner, Urs Sauter 44 Geschäftsprozessmanagement in der Verwaltung: eine Umfrage zum aktuellen Stand Markus Fischer, Rainer Telesko 46 Zusammenarbeit beginnt bei der Strategie: Potenziale der IKT besser nutzen! Rudolf K. Spiess 48 4-LIFE-Modell: Basis der Portalgestaltung im E-Government Dominic Feichtner, Tobias Friedl, Hans Rudolf Sprenger, Stephanie Teufe Praxis Schweiz 50 «Easy Government»: Hürdenlauf für föderale Netzwerkkultur oder der Staat soll nichts fragen, was er schon weiss Roland Brogli, Bruno Vogel, Marlies Pfister 52 Gestaltungsprinzipien für kommunale E-Government-Hochleistungsportale Benno Häfliger, Walter Duss 54 Vernetzung und medienbruchfreie Zusammen arbeit dank voll integriertem E-Portal und Datenaustauschplattform Peter Baumberger, Reto Schneider 58 E-Government-Strategieplanung in der Gemeinde Daniel Fuchs, Roger Künzli 60 ezürich bringt (nicht nur) E-Government ins Rollen Annette Kielholz 62 Der Versuch, trotz Systemwechsel den Supportaufwand zu reduzieren Patrick Ummel, André Celio 64 Usability-Optimierung der baselstädtischen Bewilligungsplattform Andrea Eckerle, Michael Wyss 66 Wie E-Government-Ambitionen von Gemeinden nicht bereits an der intern eingesetzten Informatik scheitern Gunter Dobratz 68 E-Government im Kanton Basel-Landschaft: Onlineserviceplattform als zentrale Datendrehscheibe für Kanton und Gemeinden Sandra Keller 70 Die Gemeinde Hünenberg hat das Ticket für das E-Government-Portal izug gelöst Guido Wetli, Stefan Trütsch Praxis International 74 Open-Government-Strategie der Stadt Wien Johann Mittheisz 76 Open Cities EU Project on Open Data and Crowdsourcing Wolfgang Both, Jens Klessmann 78 Beyond E-Government für Gemeinden und Städte Manfred Wundara, Wolfgang Eixelsberger 80 Qualitätsanforderungen an die kommunale Wirtschaftsförderung und Verwaltung Jürgen Stember 82 Intelligent Urbanization: Addressing Global Challenges in Local Communities Andreas Kuehn, Stephanie Santoso Die Artikel spiegeln die persönliche Meinung des Autors/der Autorin und nicht die Meinung der Berner Fachhochschule wider. Mitglied der Die Berner Fachhochschule ist Mitglied der European Foundation for Quality Management, EFQM «egov Präsenz» 1/12

8 6 Zu dieser Ausgabe Gemeinden und Städte geniale Orte zwischen Dorfauskunft und Standortfaktor Ronny Bernold Ronny Bernold Chefredaktor «egov Präsenz» Berner Fachhochschule Liebe Leserin, lieber Leser Die Annehmlichkeiten der Onlinekommunikation und damit die Möglichkeit, fast jederzeit und von fast jedem Ort Dienstleistungen zu beziehen, haben sich flächendeckend durchgesetzt. Wie bereits in der letzten Ausgabe an dieser Stelle postuliert, ist die E-Economy zu einem wichtigen Teil der Wirtschaft geworden. Auch der moderne Staat verschliesst sich den erheblichen Möglichkeiten nicht. In dieser Ausgabe konzentrieren wir uns auf Städte und Gemeinden. Sie sind die lokalen Ansprechpartner für Bürgerinnen und Bürger. Wie es Jürg Römer in seiner Kolumne (S. 13) so schön ausdrückt: Wir brauchen «auch für obrigkeitliche Dienstleistungen die Quartierbeiz»! Geniale Orte Gemeinden und Städte können geniale Orte der Kommunikation und sozialen Interaktion sein. Die Frage nach genialen Orten zieht sich durch die Interviews und den Magazinteil. Was macht die Genialität von Städten und Gemeinden denn aus? Die Landeshauptfrau von Salzburg Gabi Burgstaller verweist im Interview (S. 14) auf die vielen Sehenswürdigkeiten, aber gleichwohl auch auf die Attraktivität des Wirtschaftsstandorts, der Salzburg zu einem genialen Ort macht. Und in Zukunft noch machen wird. Die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch (Interview S. 18) streicht hingegen die grossartige Vielfalt auf überschaubarem Raum und das gute Zusammenleben unterschiedlichster Menschen in ihrer Stadt heraus. Doch neben Grossstädten haben auch kleinere Gemeinden geniale Orte. Lorenz Hess, Gemeindepräsident von Stettlen (Interview S. 8), sieht die Genialität seiner Gemeinde im ländlichen Charakter und gleichwohl in der Nähe zur Hauptstadt Bern. Portale im Zentrum Es ist schwer, DAS Thema von Gemeinden und Städten zu benennen. Das Querschnittsinterview mit den E-Government- Verantwortlichen von Wien, Berlin und Zürich (S. 22) zeigt die nächsten grossen E-Government-Schritte in Grossstädten auf, doch die Gesamtheit der Artikel gibt Einblick in die grosse Heterogenität der Arbeiten auf kommunaler Ebene. Vor diesem Heft hätte ich erwartet, dass grosse Städte ihre Dienstleistungen eher autonom erstellen. Doch es zeigte sich, dass die Hauptthematik die übergreifende Zusammenarbeit ist. Was sich wie ein roter Faden durch alle Bestrebungen zieht, ist die Tatsache, dass es Kooperationsplattformen oder sogenannte Portale braucht. Zentrale Datendrehscheiben, wie sie im Kanton Basel-Landschaft geschaffen wurden (Sandra Keller, S. 68), oder die E-Govern ment-plattform, der sich die Gemeinde Hünenberg (Guido Welti und Stefan Trütsch, S. 70) angeschlossen hat, bündeln die Aufgaben und erlauben eine effiziente und moderne Bereitstellung. Doch die zentralen Zugänge der staatlichen Stellen erfordern einfache Bedienbarkeit und medienbruchfreie Bear beitung. Die Usability-Optimierung der baselstädtischen Bewilligungsplattform (Andrea Eckerle und Michael Wyss, S. 64) zeigt, wie durch den Einbezug der Anwenderinnen und Anwender die Anwenderfreundlichkeit gesteigert wird. Von einem zukunftsgerichteten Ansatz, Portale zu designen, dabei aktuelle Web-2.0-Technologien optimal zu nutzen und gleichzeitig bürgerzentrierte Arbeitsweisen einzuführen, berichten die Mitglieder des Projektes SWING (Dominic Feichtner, Tobias Friedl, Hans Rudolf Sprenger und Stephanie Teufel, S. 48). E-Government als Standortfaktor verstehen Der Zugang zu IKT und die damit verbundene Digitalisierung der Staatsleistung wird aber immer mehr auch als Standortfaktor verstanden. Ein moderner, einfach erreichbarer Staat kann die Entscheidung von Unternehmen beeinflussen, ob diese an einem Standort weiter ausbauen oder doch lieber verlagern (Jürgen Stember, S. 80), und wird somit zum Aufgabengebiet der kommunalen Wirtschaftsförderung. Die Frage ist aber, ob auch kleine Gemeinden E-Government brauchen und davon profitieren oder ob es nur zu einer zusätzlichen Belastung der Kleinen führt. Unter dem Gesichtspunkt der (wohl langfristig) knappen Mittel und dem damit verbundenen Effizienzdruck wird eine Zusammenarbeit in der Leistungserbringung unausweichlich (Rudolf K. Spiess, S. 46). Genau dort, bei der Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Institutionen, ortet denn auch der Trimsteiner Gemeindepräsident Peter Baumann in seiner Kolumne (S. 30) den Nutzen von E-Government für kleine Gemeinden. Nur im Verbund und über geschickte Kooperationen lassen sich wohl beispielsweise die aktuellen innovativen Open-Data-Projekte der grossen Städten wie in Wien (Johann Mittheisz, S. 74) oder Zürich (Annette Kielholz, S. 60) auch nach Trimstein oder ähnliche Orte bringen. Ich danke Ihnen für Ihr Interesse und wünsche Ihnen eine aufschlussreiche und bereichernde Lektüre. Ronny Bernold Ausblick «egov Präsenz» 2/2012 Die nächste Ausgabe der «egov Präsenz» erscheint im August 2012 mit dem Titel «E-Government-Strategien». Sie sind dazu eingeladen, Ihre Abstracts für Fachartikel zum Thema bis am 15. März 2012 an uns einzureichen. Weitere Informationen unter «31 Präsenz» 1/12

9 Zu dieser Ausgabe 7 Die Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe Walter Achermann COO The Nielsen Company Switzerland Stephan Arnold Beauftragter für E-Government Finanzdepartement Kanton Luzern Prof. Peter Baumann Gemeindepräsident von Trimstein Peter Baumberger Vorsitzender der Geschäfts leitung Verwaltungsrechenzentrum AG, St. Gallen (VRSG) Ronny Bernold Chefredaktor «egov Präsenz» Berner Fachhochschule Dr. Urs Bolz Inhaber und Managing Partner bolz + partner Dr. Wolfgang Both Berliner Senate for Economics Technology and Women s Issues Roland Brogli Regierungsrat und Vorsteher des Departements Finanzen und Ressourcen Kanton Aargau André Celio Berater easylearn SDN AG Gunter Dobratz Consultant ECM Abraxas Informatik AG Walter Duss Senior Business Consultant Netcetera Zürich Kantonsrat Kanton Schwyz Andrea Eckerle Business Analyst egov-anwendungen und Datenmarkt Zentrale Informatikdienste Kanton Basel-Stadt Prof. Dr. Wolfgang Eixelsberger Leiter Studienzweig Digital Business Management Fachhochschule Kärnten Dominic Feichtner Junior Research Assistant international institute of management in technology (iimt) Universität Fribourg Markus Fischer Geschäftsführer Soreco Publica AG Tobias Friedl Junior Research Assistant international institute of management in technology (iimt) Universität Fribourg Daniel Fuchs Niederlassungsleiter und Partner CSP AG Prof. Dr. Andrea Gurtner Corporate and Business Development Berner Fachhochschule Benno Häfliger Director E-Government Netcetera Zürich Sandra Keller Account Manager Public Services SAP (Schweiz) AG Annette Kielholz Kommunikationsverantwortliche Organisation und Informatik Stadt Zürich Jens Klessmann Fraunhofer Institute for Open Communication Systems FOKUS, Berlin Andreas Kuehn Roger Künzli Ph.D. student at the School Partner of Information Studies CSP AG Syracuse University New York Marita Lempen Stellvertretende Chefredaktorin «egov Präsenz» Berner Fachhochschule Johann Mittheisz CIO der Stadt Wien Philipp Murer Reichmuth & Co Privatbankiers Marlise Pfister Programmleiterin E-Government Kanton Aargau Prof. Dr. Reinhard Riedl Herausgeber «egov Präsenz» Leiter Forschung und Dienst leistungen Fachbereich Wirtschaft Berner Fachhochschule Prof. Dr. Jürg Römer Fachbereichsleiter Wirtschaft Berner Fachhochschule Stephanie Santoso M.S. student at the School of Information Studies Syracuse University New York Prof. Dr. Urs Sauter Leiter Institute for ICT-Based Management Berner Fachhochschule Reto Schneider Hauptabteilungsleiter Management Support Kantonales Steueramt St. Gallen Rudolf K. Spiess Mitglied des Expertenausschusses von ech selbstständiger Berater Dr. Hans Rudolf Sprenger Vizepräsident Verein ech Prof. Dr. Jürgen Stember Dekan des Fachbereichs Verwaltungswissenschaften der Hochschule Harz Astrid Strahm Programm-Controlling Geschäftsstelle E-Government Schweiz Carole Sunier Prof. Dr. Chargée de communication Rainer Telesko du programme Professor für Wirtschaftsinformatik E-Government Suisse Institut für Wirtschaftsinformatik an der FHNW Prof. Dr. Stephanie Teufel Director international institute of management in technology (iimt) Universität Fribourg StefanTrütsch Leiter IT-Management und -Support Gemeinde Hünenberg Patrick Ummel Leiter Informatik Gemeindeverwaltung Saanen Bruno Vogel Gemeindeschreiber Erlinsbach AG Präsident Verband Aargauer Gemeindeschreiber/-innen Prof. Dr. Jörn von Lucke Zeppelin University ggmbh Friedrichshafen Guido Wetli Gemeindeschreiber Gemeinde Hünenberg Manfred Wundara CIO der Stadt Villach und Vorsitzender des Ausschusses für Informationstechnologie des Österreichischen Städtebundes Michael Wyss Leiter egov-anwendungen und Datenmarkt Zentrale Informatikdienste Kanton Basel-Stadt «egov Präsenz» 1/12

10 8 Interview «Soziale Medien sind die grössten Zeitfresser, die wir haben.» Lorenz Hess, spricht im Interview über die Vorzüge seiner Gemeinde und des Kantons Bern. Er glaubt an die weiter fortschreitende Serviceverbesserung im Bereich E-Government, hat aber auch Zweifel, ob es weitere Quantensprünge geben wird. Weiter berichtet er über seine Arbeit als Präsident des Verbands Bernischer Gemeinden (VBG) und darüber, wie er seine verschiedenen Rollen dank moderner Kommunikationstechnik wahrnehmen kann. Lorenz Hess, Gemeindepräsident von Stettlen, BDP-Nationalrat Interview: Ronny Bernold Sie sind Gemeindepräsident von Stett len. Was zeichnet aus Ihrer Sicht Stettlen aus? Die Gemeinde zeichnet sich dadurch aus, dass sie in der östlichen Agglomeration Berns die erste Landgemeinde ist. Wenn man nach Stettlen kommt, fühlt man sich erst einmal auf dem Land und ist trotzdem innert einer Viertelstunde mit der S-Bahn im Hauptbahnhof Bern. Stettlen ist zudem flächenmässig relativ klein, hat wenig Infrastruktur und ist daher relativ steuergünstig. Und was zeichnet den Kanton Bern aus? Den Kanton Bern dagegen zeichnet seine Mischung aus, erst einmal in seiner Ausdehnung vom Seeland bis zu den höchsten Gipfeln. Diese schöne Eigenart weist wohl kein anderer Kanton auf. Hier begründet sich zugleich auch das andere, weniger positive Merkmal. Mit einer solchen Ausdehnung und so viel Landwirtschafts-, Gebirgs- und Forstfläche wird der Kanton Bern, auch wenn man es sich wünschte, nie zu den steuergünstigen Kantonen gehören. «Diese schöne Eigenart weist wohl kein anderer Kanton auf.» Was ist aus Ihrer Sicht der genialste Ort in der Gemeinde? Das ist schwierig zu sagen, denn in Stettlen gibt es nur wenige markante Punkte. Der genialste Ort in der Nähe ist der Bantigerturm, aber der liegt schon ausserhalb der Gemeinde. Innerhalb der Gemeinde ist es die Mitte des Dorfs, wo unter einer gros sen Linde ein alter, historischer Brunnen steht. Wenn man sich dort im Kreis herumdreht, sieht man sämtliche Geschäfte und offenen Wirtshäuser auf kleinster Fläche. Das ist heute nicht mehr selbstverständlich. Andernorts verschwindet das Kleingewerbe, und viele Restaurants haben den Betrieb eingestellt. Bei uns existiert das mitten im Dorf weiter, und darauf sind wir stolz. Was möchten Sie der Schweiz mitgeben? Meine Werte beruhen auf einer bürgerlichen Politik ohne Berührungsängste und Scheuklappen. Ich bin auch nur dort für Wachstum und Fortschritt, wo man mit einigermassen gutem Gewissen sagen kann, dass es nicht auf Kosten der Umwelt oder der nächsten Generation passiert. Was bedeutet das konkret für die Gemeinde Stettlen? Bei der Gemeinde Stettlen kann man das gut anwenden. Einerseits versuchen wir, ein traditionelles Dorf zu bleiben, und bemühen uns darum, das lokale Gewerbe zu behalten. Andererseits muss das mit neuen Ideen kombiniert werden. Vor zwei Lorenz Hess Lorenz Hess ist Gemeindepräsident von Stettlen (BE) und seit Herbst 2011 BDP-Nationalrat. Als diplomierter PR-Berater ist er Mitinhaber der Stoll Hess und Partner AG. Im Frühling 2010 wurde er zum Präsident des Berner Jägerverbands gewählt. Hess ist noch bis Mai 2012 Präsident des Verbands Bernischer Gemeinden (VBG). Er war Informationschef der Stadtpolizei Bern, Informationschef des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) und bis Ende 2004 als Leiter der PR-Niederlassung Bern/Westschweiz Geschäftsleitungsmitglied der international tätigen PR-Agentur Burson-Marsteller AG. Hess ist verheiratet und hat drei Töchter. In der Freizeit ist er aktiv im Lauf- und Bergsport unterwegs. Jahren haben wir schweizweit für Schlagzeilen gesorgt, weil wir das erste Interneteinkaufsportal für Dorfläden lanciert haben. Sozusagen einen E-Shop, der von den Geschäften im Dorf gemeinsam betrieben wird. Der E-Shop Stettlen hat sogar einen Preis gewonnen, er war aber ein sehr zeit- und arbeitsintensives Projekt und brauchte auch externe Unterstützung. Für mich ist das ein gutes Beispiel für die Verbindung von bestehenden Werten mit neuen Mitteln. «Wenn man sich dort im Kreis herumdreht, sieht man sämtliche Geschäfte und offenen Wirtshäuser auf kleinster Fläche.» Sie haben im Kantonsparlament eine Motion eingereicht, die für kantonale Verwaltungen ein Facebook-Verbot fordert, sind aber sonst für neue Mittel. Ist das nicht ein Widerspruch? Nein! Es ist keine Diskussion über Neues oder Altes, sondern über den zweckmässigen Einsatz von Facebook. Mir konnte niemand schlüssig erklären, warum es für Grossfirmen wie Banken bis hin zur SBB oder für andere Kantonsverwaltungen möglich sein soll, das Tool zu sperren, nicht aber für den Kanton Bern. Ich weiss, damit macht man sich nicht viele Freunde. Wir wissen es, und ich sehe es bei meinen Kindern: Soziale Medien sind die grössten Zeitfresser, die wir haben. Ich als Steuerzahler bin nicht bereit, mit den Kantonssteuern das Staatspersonal zu bezahlen und zu tolerieren, welches während der Arbeitszeit von Partnersuche bis Chatten alles macht. Sie glauben nicht, dass es für Kantonsangestellte eine sinnvolle Nutzung dieser Plattformen gibt? Eher nein, ausser in ganz wenigen Bereichen. Wenn der Kanton selbst eine Informationskampagne zu irgendetwas fahren «31 Präsenz» 1/12

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12 10 Interview muss, soll er es nutzen und ein oder zwei Leute damit betrauen. Die lächerlichste Begründung, die ich im Zusammenhang mit diesem Vorstoss einmal hörte, war, dass es ganz fatal wäre, wenn man soziale Netze und Partnersuchseiten sperren würde, weil der Arbeitgeber von glücklichen Mitarbeitenden profitiere. Dann müsste ein Mitarbeiter künftig sagen können: Entschuldigung, wenn ich die nächste Stunde nicht arbeite. Ich suche ja einen Partner. Also spaziere ich ein bisschen in der Stadt herum und schaue mich um. Verlassen wir die Social-Media-Motion. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit unter den Gemeinden? Die ist merklich von den alten Strukturen geprägt. In den gleichen Bezirken und Ämtern sind die Zusammenarbeiten über die Zeit gewachsen. Am stärksten unter direkten Nachbarn. Eine Feuerwehrkooperation, ein gemeinsamer Sozialdienst und das Zusammenlegen von Schulklassen sind unter Nachbarn aufgrund der kurzen Wege am sinnvollsten. «Meine Werte beruhen auf einer bürgerlichen Politik ohne Berührungsängste und Scheuklappen.» Sind das die Vorteile unseres föderalistisch organisierten Systems? Auf jeden Fall. Föderalistische Lösungen sind massgeschneidert. Es sind Leute vor Ort, die in irgendeinem Bereich probieren, für ihre Bevölkerung ein schlagendes Angebot zu kreieren. «Ich bin auch nur dort für Wachstum und Fortschritt, wo man mit einigermassen gutem Gewissen sagen kann, dass es nicht auf Kosten der Umwelt oder der nächsten Generation passiert.» Wie empfinden Sie die Zusammenarbeit mit den Kantonen? Oder mit Ihrem Kanton? Das ist ganz unterschiedlich. Ich bin noch Präsident des Verbandes Bernischer Gemeinden (VBG). Unsere Hauptaufgabe besteht darin, dem Kanton auf die Finger zu klopfen. Der Kanton hat nämlich zunehmend die Tendenz, vor allem wenn es finanziell etwas enger wird, Aufgaben auf die Gemeinden abzuschieben, ohne dafür zu bezahlen. Daneben werden Normen und Vorgaben herausgegeben, die zulasten der Gemeinden gehen. Darauf mussten wir in der Vergangenheit schauen und müssen es auch künftig. Dort verstehen wir uns als Lobbyorganisation der bernischen Gemeinden, die deren Interessen gegenüber dem Kanton vertritt. Unter dem Strich ist die Zusammenarbeit mit dem Kanton aber sehr partnerschaftlich. Was ist denn neben der Lobbyarbeit noch die Aufgabe des VBG? Für mich als Präsident ist das eigentlich die Hauptaufgabe. Egal, ob es ums Aushandeln des Finanzausgleichs oder um eine Reorganisation geht. Unser Erfolgsgeheimnis ist, dass wir ganz schlank organisiert sind. Sehr viel passiert über , wir halten fast keine Sitzungen ab. Wenn wir eine Stellungnahme machen müssen, machen wir dies per . Manchmal geht dann noch am gleichen Tag der eingeschriebene Brief hinaus an den Regierungsrat. Stellungnahmen sind neben dem direkten Lobbying unsere Haupttätigkeit. Inwieweit ist E-Government in Stettlen ein Thema und in welcher Form? Eigentlich sehr bescheiden. Aber man probiert doch, gewisse Dienstleistungen über das Internet anzubieten, für die man früher zum Schalter kommen musste. Beispielsweise um die Hundetaxe zu bezahlen oder die berühmten Gemeinde-GA zu bestellen und so weiter. Wir versuchen, auf dem Netz gute und sinnvolle Dienstleistungen anzubieten. Was dabei heute wichtig ist, sind Vernehmlassungen von Planungen, Ortsplanungen. Früher mussten sich interessierte Personen zur Planeinsicht anmelden, heute sind die Informationen öffentlich. Damit erreicht man mehr Leute. So schauen vielleicht auch die «Halbinteressierten» Unterlagen an, weil man diese mit wenigen Mausklicks erreicht. Ohne Internet sind jeweils nur die ganz Kritischen ins Gemeindehaus marschiert, um sich etwas anzuschauen. «Vor zwei Jahren haben wir schweizweit für Schlagzeilen gesorgt, weil wir das erste Interneteinkaufsportal für Dorfläden lanciert haben.» Was würden Sie sich im E-Government-Bereich als nächsten Schritt wünschen? Es gibt zwei Bereiche. Was ich mir tatsächlich vorstellen könnte, sind Onlineabstimmungen in den Bereichen, wo man Urnenabstimmungen hat. Hier sehe ich kaum einen Unterschied zwischen Onlineund brieflicher Abstimmung, solange das System sicherheitsmässig reicht. Beim zweiten Bereich weiss ich nicht, was es schon gibt. Mir schwebt eine Lösung vor, bei der man auf gute Art die Leute befragen könnte, bei offiziellen Vernehmlassungen oder aber auch bei informellen Umfragen. Wir haben es versucht mit einem Fragebogen, den man auch auf dem Netz ausfüllen konnte. Das ist sehr bescheiden, aber ein erster Schritt. Inwiefern haben sich die Gesellschaft und das Zusammenleben durch neue Technologien gewandelt? Vor 50 Jahren hätten wir wohl die Bürgerinnen und Bürger nicht befragen wollen. Der Appetit kommt mit dem Essen, wenn man die Mittel einmal hat, überlegt man sich, wie man sie einsetzen kann. Die Bedeu- «31 Präsenz» 1/12

13 Interview 11 tung des technologischen Wandels fängt für mich in einem unspektakuläreren Bereich an als zwischen den Behörden und der Bevölkerung. Ich behaupte, dass es heute nur noch Gemeindearbeit im Milizsystem gibt, weil wir diese Möglichkeiten des Internets haben und diese auch genutzt werden. Für Geschäfte, die früher eine Sitzung bedingt haben, kann heute der elektronische Austausch genutzt werden. Die Mitglieder unseres Gemeinderats arbeiten bei verschiedenen Unternehmen, sind Hausfrau oder selbstständig. Zeit für Sitzungen bleibt da wenig. Heute kann man mir einen Brief ins Büro mailen und sagen, es eilt, lies ihn, können wir die Unterschrift einscannen? Das sind Welten im Vergleich zu früher. Zu Zeiten meines Vaters ging der Gemeindeschreiber mit dem Mäppchen von Stettlen nach Bern, um etwas unterschreiben zu lassen. Dann ging er mit dem Mäppchen zurück und schaute, dass es um sechs Uhr auf der Post war. Die heutigen Mittel sind für Milizjobs ideal. Ich glaube, sonst wäre es gar nicht machbar. «Föderalistische Lösungen sind massgeschneidert.» Ist das nur ein Segen oder in gewisser Weise auch ein Fluch unserer Zeit? Von da an, wo man sich, wie ich, den Luxus leistet, mehrere solche Posten gleichzeitig zu besetzen, ist es oft auch ein Fluch. Aber da bin ich selbst schuld. Das vorhin beschriebene «Chöntsch gschwind?» kennen wir in allen Funktionen und wird schnell «too much». Im Grossrat, im Gemeinderat, beim VBG oder aber auch im Unternehmen, überall soll schnell interagiert werden. Da geht gerne etwas vergessen. «Ohne Internet sind jeweils nur die ganz Kritischen ins Gemeindehaus marschiert, um sich etwas anzuschauen.» Wie werden die Schweiz, die Gemeinden, das Government-Umfeld in 30 Jahren aussehen? Was wird sich ändern? Auf der einen Seite bin ich sicher, dass die Gemeindezahlen noch hinuntergehen werden. Das ist heute eine Tendenz, und es ist aus verschiedenen Gründen vielerorts sinnvoll, die Strukturen etwas weiter zu fassen. Auf der anderen Seite, egal wie viele es sind, bin ich der Meinung, dass das schweizerische kommunale Modell nicht nur überleben, sondern weiterhin ein Erfolgsmodell sein wird. So unwahrscheinlich es auch klingen mag: Vielleicht gerade wegen der Globalisierung werden die Strukturen, die noch überblickbar sind und die sich selber kontrollieren können, wo man auch die Auswirkungen von Entscheidungen unmittelbar sieht, nicht verschwinden. Wir stellen fest, es ist ein Erfolgsmodell. Natürlich hat man vielerorts Mühe, Leute zu finden, doch das ist ein gesellschaftliches Phänomen, das sieht man in jedem Turnverein. Und wie wird sich unser Kontakt mit der Verwaltung verändern? Wie werden wir in 30 Jahren mit der Verwaltung interagieren? Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, für die Bürgerin und den Bürger wird es noch mehr Vereinfachungen geben, aber ich glaube, keine Quantensprünge mehr. Die Servicequalität ist heute schon exzellent. Ein Beispiel: Ich bin in meiner Freizeit auch Jäger. Letztes Jahr war ich einmal ins Ausland eingeladen. Da braucht man heute den europäischen Feuerwaffenpass. Wenn ich mir vorstelle, wie man da früher auf den Ämtern herumgerannt wäre. Heute kann ich alles in einem Aufwisch beantragen. Und Waffen sind immerhin ein relativ sensibler Bereich. Aktuell muss zum Schluss noch vor Ort unterschrieben werden. Da ist ja dann die Frage der digitalen Unterschrift. Es gibt viele gute Beispiele. Ich glaube, das geht noch etwas weiter, aber ich kann mir keinen Quantensprung vorstellen. Vielleicht auch, weil ich in dieser Materie kein Spezialist bin. Herzlichen Dank für das interessante Interview. «egov Präsenz» 1/12

14 Berner Fachhochschule Wirtschaft und Verwaltung Ich will es können! EMBA oder MAS, DAS oder CAS? Unsere Weiterbildungsangebote: Executive MBA mit Vertiefung in: Controlling & Consulting / Health Service Management / Human Resources Management / Integrated Management Bern-Fribourg / Public Management Master of Advanced Studies in: Leadership und Management / Wirtschaftsinformatik Diploma of Advanced Studies in: Managementkompetenz / Teamführung in Projekten Certificate of Advanced Studies in: Betriebswirtschaft für Fach- und Führungskräfte / Betriebsführung für Gesundheitsfachleute / Projektmanagement / Marketing für KMU / Leadership Weitere Informationen unter oder Telefon

15 Kolumne 13 «Aus anderer Warte» Von Flüssen und E-Government Jürg Römer Prof. Dr. Jürg Römer Fachbereichsleiter Wirtschaft und Verwaltung Berner Fachhochschule «An den Wassern zu Babel sassen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.» Im Alten Testament gibt Psalm 136 einen Eindruck über die Gefühle Israels im babylonischen Exil. Im Römischen Reich war es eine schwere Strafe, jemanden aus Rom zu verbannen. Bereits im 6. Jahrhundert vor und besonders im 1. Jahrhundert nach Christus gab es eine Globalisierung. Für die meisten Menschen war es aber auch damals wichtig, beheimatet zu sein, meist dort, wo sie geboren und aufgewachsen waren. An den Wassern von Babylon Im Papier «Unsere gemeinsame Vision und Schwerpunkte für 2015» 1 der Ministerkonferenz der EU- und EFTA-Staaten, darunter der Schweiz, wird erklärt, wie E-Government die Integration Europas fördern soll. Aus Sicht der Wirtschaft und der Menschen, die in Wirtschaft und Gesellschaft leben und tätig sind, ist dagegen nichts einzuwenden. Der Waren- und Dienstleistungsaustausch, die kulturelle Betätigung und vieles mehr sind länderübergreifend. Nationale Identifikationen und Authentifikationen von Personen und Unternehmen sollen deshalb, als «Cassis-de-Dijon-Prinzip» des Internets, ebenfalls über die Grenzen hinaus möglich sein. Zwar haben sich die Hoffnungen, dass mit der technischen Entwicklung des World Wide Web Meinungsfreiheit in allen Ländern erreicht werden könne, nicht bewahrheitet. Längst ist es gängig, dass Regierungen auch das Internet kontrollieren und den Zugang zu nicht genehmen Inhalten blockieren oder stark erschweren. Beflissen helfen ihnen dabei die Konzerne, welche die Inhalte kontrollieren. In Rechtsstaaten allerdings, wie sie heute im Grundsatz alle europäischen Staaten sind, können durch das Netz freie Information und Interaktion über Grenzen hinweg ermöglicht oder mindestens erleichtert werden. Die nötigen Grundlagen für diesen Austausch schaffen und prüfen Forschungsgruppen in Europa, darunter federführend auch solche in der Schweiz, insbesondere an der Berner Fachhochschule. Sie erarbeiten internationale Standards oder schaffen Schnittstellen, die nationale Standards für internationale Anwendung brauchbar machen. Dies sind wichtige Vorhaben, in erster Linie für die Wirtschaft, aber auch für die Einwohnerinnen und Einwohner unseres Kontinents. Tochter Zion und Aare Nicht alles ist aber grenzüberschreitend, europäisch oder international. Die wenigsten Menschen, auch wenn sie sich in Umfragen als europafreundlich bezeichnen, fühlen sich als Europäer. Sie sind Deutsche, Münchnerinnen, Franzosen, Provenzalen, Schweizerinnen, Basler, Zürcherinnen, Engadiner, Bernerinnen oder sogar Bümplizer. Menschen sind in ihrer engen Umgebung beheimatet. Mit Menschen verkehren wir Facebook, Xing und LinkedIn zum Trotz gerne persönlich. Wir brauchen unsere gewohnte Umgebung, unsere Quartierbeiz. Entwurzelt zu werden, ist eine schwer erträgliche Erfahrung. Die Menschen sehnen sich nach der Tochter Zion, nach dem heimatlichen Jerusalem, auch wenn in Babylon das Leben materiell sehr gut ist, sie sogar in hohe Ämter aufsteigen. Der Rhein kann noch so breit werden in Holland, für Bernerinnen und Bümplizer sind Aare und Gäbelbach Heimat. Wir brauchen auch für obrigkeitliche Dienstleistungen die Quartierbeiz. Grossen, anonymen Mächten, seien sie wirtschaftlich oder politisch, misstrauen nicht nur die Schweizerinnen und Schweizer. Mit einer europäischen Koordination wird man sie also sicher nicht von E-Government überzeugen. Kleinräumigkeit und lokale Verankerung sind wichtige Voraussetzungen für Unabhängigkeit und Kontrolle der Macht. Aus Kostengründen wäre es verlockend, sämtliche elektronischen Dienstleistungen von einem oder wenigen grossen Konzernen zu beziehen. Alles wäre standardisiert, man könnte effizient arbeiten, weil alle Websites den gleichen Aufbau und die gleiche Ergonomie aufwiesen E-Government by Google, Apple, Amazon oder Facebook. Leider sind aber diese Konzerne auch Herren über Inhalte. Apple offeriert kaum Schweizer Inhalte, weil es sich im riesigen babylonischen Reich nicht rechnet. Google kriecht bereitwillig zu Kreuze, wenn eine Regierung, die es mit den Menschenrechten nicht so genau nimmt, dies wünscht, und blockiert missliebige Inhalte. Sense und Saane Die Website meiner Wohngemeinde Laupen, am Zusammenfluss von Sense und Saane, hat noch nie einen der E-Government-Preise gewonnen, die landauf, landab vergeben werden. Der Auftritt ist handgestrickt und erlaubt wenig Interaktion. Er bietet aber das, was ich im Gemeindeleben brauche. Weitere Angebote, so eine einwandfreie Steuerlösung, finde ich beim Kanton. Die Gemeindeseiten werden meist von lokalen Unternehmen entworfen und betrieben. Diese wollen und müssen zwar auch wirtschaftlich rechnen. Sie machen ihr Geld jedoch nicht mit Inhalten und nicht weltweit; sie müssen nicht auf die globalen Märkte und damit die grössten Mächte Rücksicht nehmen. Ich vertraue eher der Unabhängigkeit von SenseLAN, sesamnet oder Swisscom als den grossen Marktführern. Google-, Apple- oder Face-Gov sind ein Albtraum. Zu Hause trinke ich Bier von der regionalen Brauerei. Gleich möchte ich es auch im E-Government halten, selbst um den Preis einer selbstgebrauten Gemeindeseite. 1 egovernment/events/past/malmo_2009/press/ ministerial-declaration-on-egovernment.pdf. «egov Präsenz» 1/12

16 14 Interview «Die Weichen in Richtung Open Government sind gestellt.» «Salzburg die Bühne der Welt». So wird Salzburg in den Prospekten angepriesen. Die Stadt mit vielen Sehenswürdigkeiten ist nicht nur für Touristen attraktiv, sondern auch als Wirtschaftsstandort für Unternehmen. Gabi Burgstaller über bessere Chancen für Frauen, «Transparenzoffensive» und die Herausforderung, Salzburg in Schwung zu halten. Gabi Burgstaller, Landeshauptfrau Bundesland Salzburg Interview: Marita Lempen Wo ist für Sie der genialste Ort/Platz im Land Salzburg? Salzburg ist voller genialer Plätze: So zum Beispiel die Aussicht von der Festung über die wunderschöne Stadt Salzburg. Paradiesisch auch der Blick von Maria Plain auf die gesamte Stadt. Nicht minder genial ist der Blick von einem Berggipfel in den Nationalpark. Aber auch auf dem Wieserhörndl zu stehen und ein Panorama von 360 Grad voller Berge zu überblicken, ist umwerfend. Mit dem Ruderboot auf dem Fuschlsee zu sein, ist Genuss pur. Gabi Burgstaller Gabi Burgstaller gehört der SPÖ an und bekleidet derzeit das Amt der Landeshauptfrau des Bundeslandes Salzburg. Sie führt seit 2004 den Vorsitz in der Landesregierung. Ihre politische Laufbahn begann 1994, als sie in den Salzburger Landtag gewählt wurde und gleich Klubvorsitzende der SPÖ-Landtagsfraktion wurde. Am 27. April 1999 wurde Burgstaller zur Landesrätin für Frauen, Bauen, Gewerbe, Konsumentenschutz und Verkehr gewählt, am 31. März 2001 zur Landesparteivorsitzenden der Salzburger SPÖ. Sie ist zurzeit auch stellvertretende Bundesparteivorsitzende ihrer Partei. Nach der Matura am Gymnasium in Gmunden und einem Jahr Auslandsaufenthalt in England studierte Burgstaller Rechtswissenschaften an der Universität Salzburg. Gabi Burgstaller ist mit Anton Holzer verheiratet und lebt in Hallein. Was macht das Land, die Region einzigartig? Die Schönheit der Natur und die Dichte des kulturellen Angebots, vor allem in der Landeshauptstadt. Salzburg ist ein Paradies auf Erden. «Salzburg ist ein Paradies auf Erden.» Wie ist das Verhältnis zwischen Stadt und Land? Das Verhältnis zwischen dem Land und der Stadt Salzburg lässt sich vermutlich am besten mit dem Begriff «gelebte Partnerschaft» umreissen. Wie wichtig diese Partnerschaft tatsächlich ist, belegt nicht zuletzt der wenig beachtete Umstand, dass kein anderes Bundesland über ein derart hohes Mass an Zentralität seiner Landeshauptstadt verfügt wie das Land Salzburg. In keinem anderen Bundesland ist der Anteil der Bevölkerung der Landeshauptstadt an der Gesamtbevölkerung mit mehr als 28% so hoch wie hier. Die hohe Bedeutung der Landeshauptstadt setzt sich bei der Zahl der Arbeitsplätze mit rund 40% fort. In einem Satz zusam men gefasst: Die Stadt ist dem Land wichtig und auch umgekehrt. «Das Verhältnis zwischen dem Land und der Stadt Salzburg lässt sich vermutlich am besten mit dem Begriff gelebte Partnerschaft umreissen.» Was prägt Salzburg aus der Vergangenheit heute noch und wie? Tradition und Moderne gehen in Salzburg eine sehr besondere Symbiose ein. So wurde die Salzburger Altstadt 1996 in die Weltkulturerbe-Liste aufgenommen und ist gleichzeitig pulsierendes Lebens-, «31 Präsenz» 1/12

17 Interview 15 Dienstleistungs- und Verwaltungszentrum. Ebenso prägend ist die Bedeutung als Zentrum für Kunst und Kultur. Naturgemäss denkt man da zuallererst an die Salzburger Festspiele, die als Festival Weltgeltung haben. Salzburg hat aber auch eine gleichermassen traditionsverbundene wie lebendige Volkskultur. «Die Stadt ist dem Land wichtig und auch umgekehrt.» Was zeichnet Salzburg als Wirtschaftsstandort aus? Prägend für Salzburg ist sicher die sehr hohe Lebensqualität. Dazu ist Salzburg sehr gut an den internationalen Verkehr angebunden und verfügt über eine gut ausgebaute Infrastruktur. Und Salzburgs Unternehmen können auf erstklassig ausgebildete Arbeitskräfte zählen. Das alles zusammen bildet sozusagen die Basis dafür, dass Salzburg sich als Wirtschaftsstandort in den vergangenen Jahren solide weiterentwickelt hat. Neben dem Tourismus als wichtigem Standbein prägen vor allem die vielen Klein- und Mittelbetriebe die Wirtschaftsstruktur unseres Landes, dazu kommen innovative, oft familiengeführte Industriebetriebe. «Tradition und Moderne gehen in Salzburg eine sehr besondere Symbiose ein.» Was unternehmen Sie, damit Salzburg für Unternehmen besonders attraktiv ist? Die aktive Arbeitsmarktpolitik und die Investitionsbereitschaft des Landes haben «egov Präsenz» 1/12

18 16 Interview wesentlich zu einer positiven wirtschaftlichen Entwicklung beigetragen; die Landespolitik orientiert sich seit Jahren konsequent am Ziel der Vollbeschäftigung. Die Basis dafür sind hervorragende innovative Unternehmen und ihre engagierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im gesamten Bundesland Salzburg. Die Landespolitik sieht ihre Hauptaufgabe in diesem Zusammenhang darin, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen etwa mit einem konsequenten Ausbau der Ausund Weiterbildungsangebote gerade im technischen und naturwissenschaftlichen Bereich. «Ebenso prägend ist die Bedeutung als Zentrum für Kunst und Kultur.» Wie werden, wie sollen sich Land und Stadt Salzburg als Lebensraum weiterentwickeln? Wir befinden uns zurzeit in einer Phase der Modernisierung, die alle Lebensbereiche umfasst. Beginnend mit der fortschreitenden Veränderung der Arbeitswelt über die mit der demografischen Entwicklung verbundenen Herausforderungen für unser Sozial- und Gesundheitssystem bis hin zu Fragen der Bildung und des Klima- und Umweltschutzes: In all diesen Bereichen ist eine kontinuierliche Weiterentwicklung notwendig, um den hohen Lebensstandard und die hohe Lebensqualität zu sichern. «Prägend für Salzburg ist sicher die sehr hohe Lebensqualität.» In vielen Städten gibt es Ausschreitungen von Jugendlichen, auf dem Land nicht. Wie ist das in Salzburg? Wie sieht die Salzburger Jugend ihre Zukunft? Derartige Ausschreitungen sind das lauteste und am besten sichtbare Zeichen für Zukunftsängste der Jugend. In Österreich sind wir zwar so gut wie gar nicht damit konfrontiert, dennoch müssen wir die Sorgen der jungen Menschen in Bezug darauf, wie ihre Zukunft gestaltet sein soll und

19 Interview 17 kann, sehr ernst nehmen und ihnen möglichst breiten Raum für gesellschaftliche Mitbestimmung geben. So war es mir zum Beispiel persönlich wichtig, den Salzburgerinnen und Salzburgern auf Landesund auf kommunaler Ebene ab 16 Jahren das Wahlrecht zu geben. Natürlich sind auch andere Faktoren wichtig: Wir versuchen, auf den verschiedensten Ebenen aktiv zu werden, indem wir beispielsweise ganz gezielt konkrete Massnahmen gegen Jugendarbeitslosigkeit setzen und für möglichst gute Rahmenbedingungen für die Aus- und Weiterbildung sorgen. Welche Werte leben Sie als Landeshauptfrau Salzburg vor? Soziale Verantwortung, Zukunftsorientierung, Offenheit, Vertrauenswürdigkeit. «Wir befinden uns zurzeit in einer Phase der Modernisierung, die alle Lebensbereiche umfasst.» Was sind aktuell Ihre grössten Herausforderungen als Landeshauptfrau? Die Auswirkungen der weltweiten Finanzund Wirtschaftskrise haben auch vor Salzburg nicht haltgemacht aber wir haben sie in gemeinsamen Anstrengungen gut gemeistert. So konnte das Land durch die Erhöhung der Arbeitsmarktbudgets in den vergangenen beiden Jahren Arbeitslose mit Qualifizierungsmassnahmen gezielt unterstützen. Besonders erfolgreich war in diesem Zusammenhang das Instrument der Arbeitsstiftungen. Obwohl im Lauf der Krise vor allem Arbeitsplätze im produzierenden Sektor verloren gingen, unterstützt das Land schon seit vielen Jahren spezielle Massnahmen, um Frauen bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu bieten. Die Anstrengungen, Salzburgs Arbeitsmarkt und Wirtschaft weiter gut in Schwung zu halten, zählen generell zu den grössten Herausforderungen. Wie stehen Sie zu Open Government, und welche Bedeutung hat E-Government für Salzburg? Dieser Bereich steht in Österreich noch am Beginn, auch wenn da und dort schon wichtige Grundlagen geschaffen wurden. Als wichtigen ersten Schritt sehe ich den Ausbau des E-Government, den wir in Salzburg sehr engagiert angehen. Dafür gibt es sehr gute konkrete Beispiele. Insgesamt können 80 verschiedene Verfahren über das E-Government-Portal des Landes Salzburg im Internet abgewickelt werden. Damit gehört das Land Salzburg zu den Bundesländern mit dem breitesten E-Government-Angebot. Eine wichtige Voraussetzung für diese Entwicklung war die «Transparenzoffensive», die wir in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich vorangetrieben haben: Salzburg ist bei der Transparenz von Subventionen und Förderungen ein Musterland. Die Weichen in Richtung Open Government sind gestellt. «Derartige Ausschreitungen sind das lauteste und am besten sichtbare Zeichen für Zukunftsängste der Jugend.» Wie wird sich Salzburg in den nächsten 30 Jahren verändern? Die demografische Entwicklung wird auch vor Salzburg nicht haltmachen, daher wird der Anteil der älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger steigen. Die konkreten Auswirkungen auf den Alltag des Miteinanderlebens sind noch völlig offen. Dazu kommt noch, dass ein derartig attraktiver Ort viele Menschen anzieht, die genug Geld haben. Aufgrund seiner Attraktivität wird Salzburg ein begehrter Ort zum Leben und zum Arbeiten, mit hoher Lebensqualität und internationalem Flair. Vielen Dank für das interessante Interview.

20 18 Interview «Wir wollen uns international als einen der führenden Standorte für IKT-Dienstleistungen und IKT-Infrastruktur positionieren.» Die Zürcher Stadtpräsidentin Corine Mauch über eine Stadt mit einer grosser Vielfalt und noch grösseren Zukunftsvisionen. Eine nachhaltige Weiterentwicklung von Zürich und die Erhöhung der Lebensqualität stehen im Zentrum ihrer Politik, und dafür lässt sich auch die Bevölkerung engagieren. International will sich die Stadt mit «ezürich» positionieren und das Öffentlichkeitsprinzip umsetzten. Das sind aber nicht die einzigen Ziele, die die Stadtpräsidentin verfolgt. Corine Mauch, Stadtpräsidentin von Zürich Interview: Marita Lempen Wo ist für Sie der genialste Ort/Platz in Zürich? Jetzt im Winter ist die Waid ein sensationeller Ort. Mit ein bisschen Glück reicht die Sicht über den Hochnebel bis in die Alpen. Wenn Sie mich aber nach dem «genialsten Ort» fragen und damit im übertragenen Sinn ein Gravitationszentrum für Innovation und Kreativität meinen, stelle ich mir Zürich gerne als Kraftfeld zwischen verschiedenen Polen vor: Wir haben, über der Stadt gelegen, die ETH mit ihren Verbindungen zu 21 Nobelpreisträgern. Auf der linken Seeseite das Museum Rietberg, das mit seiner «Mystik»-Ausstellung gerade wieder bewiesen hat, dass es eine europaweit einzigartige Kultureinrichtung ist. Und die Zürcher Hochschule der Künste im pulsierenden Zürcher Westen, die so innovative Studiengänge wie «Game Design» anbietet. Zusammen mit vielen anderen Einrichtungen entsteht eine kreative Atmosphäre, die sich überall dort manifestieren kann, wo kluge und motivierte Köpfe ihre Ideen austauschen und zusammen Neues schaffen. Das kann in einem Labor passieren, aber auch in einem Strassencafé. «Von ausländischen Gästen höre ich immer wieder, dass sie sich in Zürich sehr sicher fühlen.» Was macht Zürich einzigartig? Vieles! Die Antwort hängt davon ab, wen Sie fragen. Für die Zürcherinnen und Zürcher sind es gemäss unseren Befragungen zuerst der öffentliche Verkehr, dann die Lage am See und als Drittes das fantastische kulturelle Angebot. Von ausländischen Gästen höre ich immer wieder, dass sie sich in Zürich sehr sicher fühlen. Für mich persönlich ist es die grossartige Vielfalt auf überschaubarem Raum, die Zürich einzigartig macht. Aber auch das gute Zusammenleben unterschiedlichster Menschen. Zürich als Lebensraum: Wie wird sich die Stadt weiterentwickeln? Ich und meine acht Kolleginnen und Kollegen im Stadtrat haben das Ziel, unsere ausgezeichnete Lebensqualität, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und das wirtschaftliche Wohlergehen Zürichs zu pflegen, zu sichern und weiter auszubauen. Wir verfolgen im Auftrag der Bevölkerung das ehrgeizige Ziel, bis ins Jahr 2050 eine 2000-Watt-Gesellschaft zu werden. Wir wollen Zürich nachhaltig weiterentwickeln. Wir wissen, dass wir dies in vielen Bereichen nicht alleine und nur zusammen mit der Wirtschaft und der Bevölkerung erreichen können. Für die Gestaltung von Zürichs Zukunft sind deren Engagement, Ideen und Unterstützung ganz wichtig. Mit der online durchgeführten Stadtdebatte zu Zürichs zukünftiger Stadtentwicklung haben wir eben erst allen Zürich-Interessierten 60 Stunden lang die Möglichkeit gegeben, sich aktiv einzubringen. Der gute Zuspruch und die rege, sachliche Diskussion haben gezeigt, wie engagiert die Zürcherinnen und Züricher sind, wenn es um die Entwicklung unserer Stadt geht. Wie und was prägt Zürich aus der Vergangenheit heute noch? Die Weltoffenheit und die Neugierde. Zürich war immer schon ein Zentrum für den Austausch, ein Zielort für Menschen, die neue Ideen und andere Mentalitäten in die Stadt brachten, und ein Ausgangspunkt für Zürcherinnen und Zürcher, die von hier aus über die Stadtgrenzen hinaus aktiv wurden. Das sorgt auch heute für ein vielfältiges und abwechslungsreiches Stadtleben und trägt zu unserer einzigartigen Lebensqualität bei. Krawalle und Ausschreitungen: Warum sind junge Menschen so frustriert? Warum auch in Zürich? Ihre Frage ist zu pauschal. Die gewaltbereiten jungen Krawalltouristen sind eine kleine Minderheit und stehen eben gerade nicht für «die Jugend». Ich erlebe die ganz grosse Mehrheit der Jungen als neugierig, innovativ, unternehmungslustig und auch verantwortungsbewusst. Es stimmt aber auch, dass Freiräume für die Jungend ein Thema sind, das wir ernst nehmen müssen. Die Stadt Zürich kommt als Zentrum einer ganzen Grossregion verstärkt mit diesen Problemfeldern in Berührung. Wir nehmen das ernst. Zum Thema «Freiräume» haben wir einen Dialog auf Facebook durchgeführt, um die Jungen direkt nach ihren Anliegen, aber auch nach ihren Lösungsvorschlägen zu fragen. «Für mich persönlich ist es die grossartige Vielfalt auf überschaubarem Raum, die Zürich einzigartig macht.» Welche Werte leben Sie als Stadtpräsidentin von Zürich vor? Ganz wichtig ist mir das Interesse für die Menschen, das Engagement für unsere Stadt und unser Zusammenleben. Ebenso eine grundsätzliche Offenheit, beispielsweise gegenüber unseren Gästen oder gegenüber neuen Herausforderungen. Zusammen mit dem Stadtrat, dem Parlament, der Bevölkerung und der Wirtschaft suche ich konstruktiv nach Lösungen für anstehende Fragen. Ich glaube daran, dass wir mit Engagement und Innovation auch hochgesteckte Ziele, wie beispielsweise die erwähnte 2000-Watt-Gesellschaft, gemeinsam erreichen können. Und ich habe grosse Freude an meiner Arbeit und meinen Aufgaben. «31 Präsenz» 1/12

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