Organisch bedingte psychische Störungen & Psychopharmakologie

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1 Ausbildung zum/r Psycholog. Berater/in und Psychotherapeutische/r Heilpraktiker/in Organisch bedingte psychische Störungen & Psychopharmakologie Begleitskript zum Seminar

2 Inhalt Allgemeine Vorbemerkungen zu den Skripten Inhalt 1. Anatomie und Funktion des Gehirns Einführung 1.1 Definitionen und Grundlagen Das Nervensystem Zusammenfassung 1.2 Anatomie des Gehirns 1.3 auslösende Krankheitsbilder für organisch bedingte psychische Störungen Schädel-Hirn-Trauma (SHT) Hirntumor Epilepsie Multiple Sklerose (MS) Schlaganfall / Hirninfarkt 2. Organisch bedingte psychische Störungen 2.1 Einteilung der organischen Psychosyndrome 2.3 Ätiologie 2.4 Organisch bedingte Psychosyndrome Akute Psychosyndrome Der Dämmerzustand Amentielles Syndrom Das Delir Durchgangssyndrom Akutes amnestisches Syndrom: Andere psychische Störungen aufgrund einer Schädigung oder Funktionsstörung des Gehirns oder einer körperlichen Krankheit (F06) Chronische Psychosyndrome Dementielle Syndrome (Demenzen) Allgemeine Informationen Demenz bei andernorts klassifizierten Krankheiten (F02 & F03) Organisches amnestisches Syndrom (F04) Abschlussatz 3. Psychopharmakologie 3.1 Allgemeine Pharmakologie - Grundlagen Arzneimittel - Rechtliche Grundlagen Arzneimittelnamen Darreichungsformen von Arzneimitteln Die Aufnahmewege von Arzneimitteln Arzneimittel-Nebenwirkungen Arzneimittelinteraktionen Allgemeine Grundlagen zur Wirkung von Psychopharmaka Wichtige Begriffe der Allgemeinen Pharmakologie 3.2 Spezielle Pharmakologie Psychopharmaka 4. Fragen zur Selbstüberprüfung 5. Fallbeispiele 6. Lösungen zu den Selbstüberprüfungsfragen 7. Lösungen zu den Fallbeispielen Glossar Literaturliste Impressum

3 1. Anatomie und Funktion des Gehirns Einführung Im Folgenden soll überblicksartig eine kurze Einführung in wichtige Grundlagen rund um das Gehirn gegeben werden. Dies dient als Basis für das Verständnis sowohl der Ursachen für die organisch bedingten psychischen Störungen, als auch der Wirkungsweise von Psychopharmaka. 1.1 Definitionen und Grundlagen Das Nervensystem Nervengewebe Nervengewebe ist im gesamten Organismus zu finden und dient der Aufnahme, Weiterleitung und Verarbeitung von Signalen sowie der Leitung von Signalen zu den Erfolgsorganen. Es besteht aus einem Netzwerk von Nervenfasern (Axone von Nervenzellen), die mittels Synapsen mit anderen Nervenzellen in Kontakt treten. Gliazellen stellen die Funktion der Nervenzellen sicher. Nervengewebe Nervenzellen=Neurone Neuroglia=Hüll-und Stützgewebe

4 ZNS Das Zentralnervensystem besteht aus Gehirn und Rückenmark. PNS Das Periphere Nervensystem umfasst 12 Hirnnervenpaare und 31 Spinalnervenpaare. Gliazellen Sie sind häufiger als Neurone im ZNS vertreten. Sie dienen also nicht der direkten Weiterleitung von Impulsen, jedoch verändern sie die Aktionspotentiale, in dem sie beteiligte Strukturen (z.b. Axone) umgeben. Gliazellen sind im ZNS unerlässlich ohne sie könnten die Neuronen nicht funktionieren und verfügen über zahlreiche Funktionen, z.b.: Stützung der Neuronen Bildung von Myelinscheiden (PNS) Isolierung von Nervenfasern und endigungen Stoffwechsel- und Transportprozesse (Neurotransmitter, Metabolite) Reparatur verletzter Nervengewebe durch Proliferation (Zellerneuerung) Abwehrfunktionen Beteiligung an der Blut-Hirn-Schranke Gliazellen werden unterteilt in: Gliazellen des peripheren Nervensystems = Schwann-Zellen Zellen; Gliazellen des zentralen Nervensystems = Makroglia; (Astrozyten, Oligodendrozyten), Mikroglia, Ependymzellen, Plexuszellen. Nervenzelle (Neuron) Nervenzellen sind die Grundbausteine des Nervensystems. Es gibt sie sowohl im Gehirn, als auch im Rückenmark. Sie sind vielgestaltig und unterscheiden sich funktionell. Sie bestehen aus einem Zellkörper (Perikaryon/Soma), mehreren Dendriten (Fortsätze) und einem Axon. Nervenzellen stehen über Synapsen in Verbindung und übertragen Informationen bzw. empfangen diese. Dendrit Als Dendriten bezeichnet man die verzweigten Fortsätze der Nervenzellen, welche Reize aufnehmen und diese zum Zellkörper (Perikaryon/Soma) weiterleiten. Neurit/Axon Das Axon einer Nervenzelle dient der Übertragung der Erregung vom Nervenzellkörper zu anderen Zellen. Es entspringt am Axonhügel (gehört zum Perikaryon). Innerhalb des Axons werden die Informationen durch elektrische Impulse sog. Aktionspotentiale weitergeleitet. Diese Aktionspotentiale entstehen durch den Austausch von Natrium- und Kaliumionen. Eine Hüllschicht (Myelinscheide) verhindert dabei einen Ionenverlust bei der Weiterleitung.

5 Myelinscheide, Schwannsche Zellen, Ranviersche Schnürringe Die Myelinscheide dient dem Schutz der Neuronen vor fremden Aktionspotentialen und der schnelleren Erregungsausbreitung durch die saltatorische Erregungsleitung. Die in Myelinscheiden verlaufenden Nervenfasern werden als markhaltig, markreich, myelinisiert oder ummantelt bezeichnet. Im ZNS werden die Myelinscheiden von speziellen Gliazellen gebildet: den Oligodendrozyten. Dagegen bilden im PNS die Schwann-Zellen die Myelinscheiden. Die Gliazellen liegen lamellenartig um das Axon herum und umhüllen es. Unterbrechungen zwischen den Oligodendrozyten oder Schwann-Zellen heißen Ranviersche Schnürringe, die für die saltatorische Erregungsleitung verantwortlich sind (an diesen Stellen springt die Erregungsleitung von Schnürring zu Schnürring schnelle Erregungsleitung). Synapsen Synapsen sind bläschenförmige Erweiterungen am Ende eines Axons. An Synapsen werden Signale der Nervenzelle auf eine nächste Nervenzelle oder eine andere Zielzelle übertragen. Dabei lassen sich je nach Art der Übertragung zwei Synapsenarten unterscheiden: chemische und elektrische Synapsen. Chemische Synapsen bedienen sich eines Überträgerstoffes (sog. Transmitter bzw. Neurotransmitter). Bei elektrischen Synapsen tritt das Ende eines Axons so dicht an die Membran eines anderen Neurons heran, dass dort die Erregung direkt über spezielle Verbindungskanäle ( gap junctions" engl.: gap Lücke / junction - Kreuzung) ohne zeitliche Verzögerung auf das andere Neuron weitergegeben werden kann. Aufbau einer Synapse Zu einer Synapse gehören: präsynaptische Membran = enthält kleine Vesikel (Bläschen) gefüllt mit Transmittern; synaptischer Spalt = mit Extrazellulärflüssigkeit gefüllter Raum zwischen prä- und postsynaptischer Membran (ca. 20 Nanometer breit); postsynaptische Membran = enthält Rezeptoren für die Transmitter.

6 2. Organisch bedingte psychische Störungen Organische psychische Störungen sind körperlich begründbare psychische Störungen und werden auch als organische Psychosen oder (hirn)organische Psychosyndrome (HOPS) bezeichnet. Dabei handelt es sich um krankhafte Veränderungen des Gehirns, die mit psychischen Veränderungen einhergehen und verursacht werden können durch: eine direkte oder indirekte Erkrankung oder Verletzung des Gehirns, eine akute oder chronische Wirkung einer Substanz. Das Gehirn kann auf unterschiedlichste krankhafte Störungen und äußere Einflüsse recht unspezifisch reagieren. Der Psychiater K. Bonhoeffer bezeichnete dieses Phänomen als nosologische Spezifität und die Reaktionsweise als unspezifischen exogenen Reaktionstypus. Das heißt, es gibt keine Symptome bzw. psychopathologischen Veränderungen, die für eine bestimmte organische psychische Störung absolut typisch sind. 2.1 Einteilung der organischen Psychosyndrome Die organischen Psychosyndrome kann man in drei unterschiedlichen Hauptkategorien differenzieren, je nachdem welche Aspekte man berücksichtigt. 1. nach Verlauf akute vs. Chronische organische psychische Störungen 2. nach Symptomatik Störungen 1. Ranges und Störungen 2. Ranges 3. nach Ätiologie (Ursache) primäre organische psychische Störungen (hirnlokal) vs. sekundäre organische psychische Störungen (hirndiffus) 1. Kategorie Akute vs. chronische Psychosyndrome Weiterhin kann man nach Verlauf der Erkrankung zwischen akuten und chronischen Psychosyndromen unterscheiden. (Diese Einteilung wird in diesem Skript verwendet) Akute Psychosyndrome: (Eine ausführliche Erklärung erfolgt in Kapitel 2.4.1) beruhen auf akuten organischen Veränderungen des Gehirns plötzlicher Beginn, fluktuierende Störungen der kognitiven Fähigkeiten kurze Krankengeschichte i.d.r. reversibel, wenn Ursache wegfällt, oder erfolgreich behandelt wird mit Bewusstseinsveränderung oder ohne Bewusstseinsveränderung

7 Beispiele für akute Psychosyndrome Delir (F05) Durchgangssyndrom Organisches amnestisches Syndrom (F04) Organische Halluzinose (F06.0) Das Delir ist die häufigste Form der akuten Störung! Chronische Psychosyndrome: Folge einer chronischen Veränderung des Gehirns, schleichender Beginn und meist lange Krankengeschichte keine Bewusstseinseintrübung/Bewusstseinsstörung Leitsymptome: Gedächtnisbeeinträchtigung und Intelligenzabbau, oft Persönlichkeits- und Wesensveränderung i.d.r. irreversibel Beispiele (Die Krankheitsbilder werden in Kapitel 2.4 näher erklärt.) Dementielle Syndrome (F00 bis F03) z.b. bei: o Parkinson-Krankheit o Huntington-Krankheit o Creutzfeldt-Jakob-Krankheit o Pick-Krankheit Organische Persönlichkeitsveränderungen (F07) Chronisches pseudoneurasthenisches Syndrom (F06.6) verursacht durch frühkindliche Hirnschäden Die Demenz ist die häufigste Form der chronischen Störungen! Merke: Je akuter eine Störung ist, desto eher kann sie geheilt werden oder sich selbst zurückbilden! 2. Kategorie Organische Psychosyndrome 1. Ranges und 2. Ranges Ferner kann man die organischen Psychosyndrome anhand der Symptomatik in zwei Syndromgruppen untergliedern: Organische Psychosyndrome ersten Ranges: Störungen des Bewusstseins bzw. Beeinträchtigung höherer kognitiver Leistungen. Hier liegen die Ursachen in zerebralen Strukturveränderungen oder Funktionsstörungen. Bestimmte Schädigungen führen immer zu entsprechenden Symptomen. Diese Schädigungen zeigen also spezifische Symptome an, die charakteristisch für die entsprechenden Störungen sind. Daher deuten die manifesten Symptome mit größerer Sicherheit auf eine organische Ursache anstatt auf eine psychische Grundlage hin.

8 Beispiele für organische Psychosyndrome ersten Ranges Delir (F05) Demenzen (F00 bis F03) Organisches amnestisches Syndrom (F04) Organische Psychosyndrome zweiten Ranges: Es treten Störungen von Wahrnehmung, Denkinhalten, Emotionalität, Persönlichkeit und Sozialverhalten auf. Störungen des Bewusstseins bzw. Beeinträchtigung höherer kognitiver Leistungen sind kaum ausgeprägt oder gar nicht vorhanden. Die Symptome sind hier nicht so spezifisch wie bei den Erkrankungen des ersten Ranges, denn völlig gleichartige Symptome können hier auch bei nichtorganischen psychischen Störungen auftreten. Das heißt, dass diese Störungen nicht eindeutig organisch bedingt sein können, sich also das klinische Bild nicht von einer primär psychischen Erkrankung unterscheidet. Beispiele Organische Persönlichkeitsveränderung (F07.0) Organische affektive Störung (depressive / manische Symptome) (F06.3) Organische wahnhafte (schizophrenieforme) Störung (F06.2) Organische Angststörung (F06.4) Organische dissoziative Störung (F06.5) Organische katatone Störung (F06.1) Organische neurasthenische Störung (F06.6) Organische Halluzinose (F06.0) Senile benigne Vergesslichkeit (altersabhängiges Syndrom der Vergesslichkeit erreicht nicht das Ausmaß einer Demenz (F06.7?) 3. Kategorie Primäre vs. sekundäre Psychosyndrome / Hirnlokale vs. Hirndiffuse Ps. Hirnerkrankungen können direkt oder primär das Gehirn betreffen (z.b. Schädel-Hirn- Traumata oder intrazerebrale Erkrankungen) oder sie können durch indirekte oder sekundäre Einwirkung auf das Gehirn entstehen (z.b. durch eine Vergiftung oder Stoffwechselstörung). Man kann daher die organischen psychischen Störungen nach Ätiologie in zwei Gruppen unterteilen: Primäre Psychosyndrome: durch eine Erkrankung oder Verletzung des Gehirns verursacht (hirnlokale Störung) Sekundäre Psychosyndrome: durch eine nicht das Gehirn betreffende körperliche Erkrankung verursacht oder durch eingenommene Substanzen (Medikamente, Drogen) bedingt (hirndiffuse Störung).

9 2.3 Ätiologie Körperlich begründbare Psychosen bzw. Psychosyndrome können unterschiedlichste Ursachen haben (multifaktorielle Genese). Die Pathogenese (Ätiologie) der jeweiligen Störungen wird im entsprechenden Kapitel behandelt. Hier folgt vorerst eine kurze Übersicht. Multifaktorielle Pathogenese: Hirnorganische Verletzungen (Schädelverletzungen, Schädel-Hirn-Traumata [SHT] ) Körperliche Erkrankungen, Stoffwechselstörungen (Hyperglykämie, Hypoglykämie z.b: im Rahmen einer Diabetes, Elektrolytstörungen) Zirkulationsstörungen (Hypoxie, Hirninfarkt, Vaskulitis, intrazerebrale Blutung) Infektionen (Meningitis, Enzephalitis, Sepsis) Alkohol- oder Drogeneinnahme bzw. -abhängigkeit Medikamenteneinnahme (z.b. Nebenwirkungen, Überdosierung von Psychopharmaka) Postoperative organische Syndrome (ausgelöst durch: Belastung und Stress, durch OP s, postoperative Schmerzen, Medikamente, Infektionen, Fieber, Flüssigkeitsverlust, Elektrolytschwankungen) Ursachen für reversible Störungen liegen meist hirnfern. Ursachen für irreversible Störungen liegen meist hirnlokal.

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