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1 Berliner Zentrum Public Health Berufliche Entwicklungen und Perspektiven durch das Public Health Studium: Lohnt sich die postgraduale gesundheitswissenschaftliche Ausbildung? Hans-Jürgen Lorenz Johanne Pundt Blaue Reihe Berliner Zentrum Public Health ISSN

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3 Blaue Reihe Berliner Zentrum Public Health ISSN Berufliche Entwicklungen und Perspektiven durch das Public Health Studium: Lohnt sich die postgraduale gesundheitswissenschaftliche Ausbildung? Hans-Jürgen Lorenz Johanne Pundt Berlin, Juni 2004 Berliner Zentrum Public Health Geschäftsstelle Ernst-Reuter-Platz Berlin Tel.: (030) Fax: (030)

4 Berufliche Entwicklungen und Perspektiven durch das Public Health Studium: Lohnt sich die postgraduale gesundheitswissenschaftliche Ausbildung? Der Aufsatz befasst sich mit dem beruflichen Verbleib von Gesundheitswissenschaftlen der Technischen Universität Berlin. Diese Analyse belegt die Akzeptanz der Absolventen auf dem Arbeitsmarkt. Im Rahmen der Untersuchung gewinnen Fragen zur beruflichen Identität von PH-Absolventen und zu den Professionalisierungschancen der Multidisziplin Public Health an Bedeutung. Stärken und Schwächen des postgradualen Studiengangs werden aufgezeigt und diese vor dem Hintergrund des Innovationsbedarfs im Gesundheitswesen reflektiert. Es werden zunächst die Ergebnisse der quantitativen Erhebung vorgestellt. Institutionen der Beschäftigung, Tätigkeitsfelder, Gehaltsstufe/Vertragsdauer, Einschätzung des Arbeitsmarktes sowie die Weiterführung bisheriger Tätigkeiten oder die Aufnahme neuer Berufstätigkeiten werden differenziert und sowohl nach Berufsgruppen als auch nach Erstqualifikationen präsentiert. Es folgt eine knappe Ergebnisdarstellung der qualitativen Befragung, die durch prägnante Zitate der 14 Tiefeninterviews belegt werden. Die frage- und darstellungsleitenden Kategorien sind die Wissensbasis von Public Health, ein Rückblick auf das eigene PH-Studium, die heutige Berufsrollenbezeichnung, Karrierebezüge sowie Autonomie, verbandliche Interessenvertretung und die von den Absolventen gesehenen PH-Aufgaben der Zukunft. Die Ergebnisse belegen, dass besonders für die Absolventen, die nach dem Studium eine neue Berufstätigkeit aufnahmen, das neue Aufgabengebiet mit innovativen gesundheitswissenschaftlich relevanten Anforderungen verbunden war (u.a. Qualitätssicherung, Evaluation). Mit dem Public Health-Studium haben sich die Absolventen wichtige Zusatzqualifikationen für innovative Berufsmärkte erworben; ihre primäre berufliche Identität erhalten sie jedoch durch ihre Erstqualifikation. Die Absolventen betonen u.a. die fachlichen und disziplinenübergreifenden Erweiterungen ihrer Sichtweisen und Problemlösungsfähigkeiten. Sie bezeichnen sich in ihrer Berufsrolle aufgrund ihrer erweiterten beruflichen Handlungsmöglichkeiten besonders als Integrationsagenten im Gesundheitswesen. Allerdings müsse sich das Professionalisierungsfeld Public Health in der Zukunft eine deutlichere Profilbildung geben und diese nach außen (gegenüber potentiellen Arbeitgebern) transparenter machen. Im Zusammenhang mit der Heterogenität gesundheitswissenschaftlicher Qualifikationen und der mangelnden Abgrenzbarkeit zu anderen Berufen zumindest bezogen auf die untersuchten Jahrgänge der 90er Jahre ist eine Professionalisierung im klassischen Sinne (noch) nicht vollzogen.

5 INHALTSVERZEICHNIS 1 1. EINFÜHRUNG 2 2. BISHERIGE UNTERSUCHUNGEN / VERBLEIBSANALYSEN 2 3. ERGEBNISSE DER TELEFONINTERVIEWS Aktuelle Beschäftigung Erzieltes Gehalt in der aktuellen Beschäftigung Public Health Relevanz, Gehälter und Kontinuität der Berufstätigkeiten Positiv- und Negativerfahrungen im Studium Besondere Merkmale der Berufsgruppen Besondere Merkmale der Mediziner Besondere Merkmale der sozialwissenschaftlichen Berufe Besondere Merkmale der sonstigen Berufe KURZERGEBNISSE DER INTENSIVINTERVIEWS Berufsrollenidentität, berufliches Selbstverständnis und Zufriedenheit der Absolventen Wissensbezüge/Problemlösungswissen durch Public Health Charakterisierung des Studiums aus der Sicht der Absolventen Bekanntheitsgrad von PH-Qualifikationen Zukünftige Public Health-Aufgaben aus der Sicht der Absolventen FAZIT DER UNTERSUCHUNGEN UND PROFESSIONALISIERUNGSCHANCEN VERWENDETE UND WEITERFÜHRENDE LITERATUR 21 1

6 1. Einführung Seit 1989 besteht an deutschen Universitäten die Möglichkeit, Public Health/ Gesundheitswissenschaften zu studieren. Im Jahre 2001 gab es neun postgraduale Studiengänge Gesundheitswissenschaften/Public Health an Universitäten. Diese zeigen sich vom Anspruch her berufsqualifizierend, multidisziplinär und praxisorientiert ausgerichtet. Besonders relevant in der Entstehungsphase von Public Health war die gleichzeitige Förderung von Forschungsverbünden und Studiengängen in Deutschland. Ein Transfer der Forschung in die Praxis durch die Studiengänge sollte dadurch vollzogen werden; d.h. dass die Absolventen befähigt werden sollten, auf der Basis gesundheitswissenschaftlichen Wissens die gesundheitsbezogene Praxis mitzugestalten und zu verändern. Die gesamte Ausbildungskapazität der neun universitären deutschen postgradualen Studiengänge Public Health lag hypothetisch bei rund 300 Absolventen pro Jahr. Eine solche Absolventenanzahl wurde jedoch niemals erreicht, da zahlreiche Abbrecher (auch Abbrecher, die eine anspruchsvolle Tätigkeit aufnehmen, die sich aber vom Zeitumfang als nicht kompatibel mit dem aufwändigen Studium erweist) sowie die Regelstudienzeit überschreitende Studierende diesen theoretischen Höchstwert reduzierten. Die postgradualen PH-Studiengänge hatten auch seit 1999 einen zunehmenden Bewerberrückgang zu verzeichnen, der sich u.a. aufgrund konkurrierender Aus- und Weiterbildungsangebote an Fachhochschulen, durch neue Fernstudienangebote und neue gestufte Bachelor- und Masterprogramme ergeben hatte (vgl. Kälble / von Troschke 2001). Der Berliner Public Health Studiengang, der 1992/93 den Studienbetrieb aufnahm, hatte die Entwicklung, Erprobung und Evaluierung eines viersemestrigen Aufbaustudiengangs Gesundheitswissenschaften/Public Health für Hochschulbsolventen unterschiedlicher Fachrichtungen zum Ziel. Schwerpunktmäßig sollten akademische Zusatzqualifikationen für eine qualifizierte und praxisnahe Tätigkeit in den Berufsfeldern Gesundheitsförderung in der Gemeinde und am Arbeitsplatz, Planung und Management im Gesundheitswesen und Epidemiologie und Methoden vermittelt werden. 2. Bisherige Untersuchungen / Verbleibsanalysen Untersuchungen in Form von Verbleibsanalysen können zur Klärung beitragen, unter welchen Bedingungen eine Professionalisierung und Kompetenzerweiterungen von Gesundheitswissenschaftlern durch ein postgraduales Ergänzungsstudium gelingt und gleichzeitig Belege zur Evaluation und zur Qualitätssicherung dieser aufwändigen Weiterbildungsmaßnahme liefern. Die bisherigen Untersuchungen, die zum (potenziellen) Arbeitsmarkt von Public Health Absolventen in Deutschland existieren, können in folgende Gruppen unterteilt werden: Bedarfsschätzungen, Analysen des Stellenmarktes und des Berufsbildes 2

7 von Gesundheitswissenschaftlern, Arbeitgeber- bzw. Institutionenbefragungen sowie Verbleibsanalysen von PH-Absolventen und Studierenden. Unsicherheiten existieren in der Multidisziplin Public Health hinsichtlich der konkret (in der Zukunft) benötigten Qualifikationen, der Chancen für einzelne Berufsgruppen und der Neuzuschneidungen von Berufsbildern. Dazu werden empirisch fundierte Studien benötigt. Im Jahr 1999/2000 wurden Berliner PH-Absolventen der ersten fünf Absolventenjahrgänge zu ihrem beruflichen Verbleib, ihrer aktuellen beruflichen Situation, ihrer rückblickenden Einschätzung des Studiums, ihrer Berufsrolle und den Gestaltungsmöglichkeiten im Rahmen ihrer Berufstätigkeiten befragt. Im Mittelpunkt dieser empirischen Analyse über Berufs- und Tätigkeitsfelder von PH-Absolventen stand zum einen eine Erhebung über den beruflichen Werdegang und deren aktuelle berufliche Situation anhand von 145 Telefoninterviews der insgesamt 154 Absolventen der ersten fünf Jahrgänge (= 94 % Responserate). Diese telefonische Befragung bezog sich auf alle Absolventen, die von 1994 bis 1998 ihr Studium mit dem MPH abgeschlossen haben. Damit lag zwischen dem Zeitpunkt der Befragung und dem PH-Abschluss beim jüngsten Jahrgang mindestens ein halbes Jahr, beim ersten Jahrgang maximal 4½ Jahre. Ergänzend und vertiefend wurden 14 PH- Absolventen unterschiedlicher Herkunftsdisziplinen in Bezug auf ihre professionelle Identität und ihre beruflichen Realisierungschancen als Gesundheitswissenschaftler mittels leitfadengestützter Interviews befragt. Auf diese Weise erfolgte eine umfassende Bestandsaufnahme zum Thema Beschäftigungsfelder und Tätigkeitsbereiche von Berliner Public Health Absolventen unter Einbeziehung der Haltungen und Einstellungen der Befragten zum Professionsfeld der Gesundheitswissenschaften und ihrer diesbezüglichen beruflichen Identität. Insgesamt ist ein höchst vielfältiger Bereich erforscht worden, da sich die heterogene Gruppe der Absolventen aus insgesamt 28 Erstqualifikationen / Berufen rekrutiert. 3. Ergebnisse der Telefoninterviews Bei der Zulassung zum Studium waren die befragten Studierenden im Mittel 34 Jahre alt und verfügten über durchschnittlich fünf Jahre praktischer Berufserfahrungen. Der Berliner Studiengang bildet deutlich mehr Frauen als Männer aus: Mehr als zwei Drittel (= 69 %) der befragten Absolventen sind Frauen. Insgesamt konnten 100 Frauen (von insgesamt 107) mit MPH und 45 Männer (von insgesamt 47) mit PH- Abschluss telefonisch befragt werden. Von den 145 befragten Absolventen gehörten 40 der Berufsgruppe der Mediziner an; das waren 28 % aller befragten Absolventen. 58 Absolventen hatten einen im weiteren Sinne sozial(wissenschaftlichen) 1 Abschluss (= 40 %) und 47 Absolventen (= 32 %) gehörten zu zur Gruppe der Sonstigen Berufe % der befragten PH- Absolventen (n = 32) verfügen über einen Fachhochschulabschluss, 78 % über einen Hochschulabschluss. Die Herkunftsdisziplinen der befragten Berliner Absolventen und deren Anteil zeigt die folgende Tabelle. 1 U.a. Politologen, Soziologen, Psychologen, Ethnologen, Pädagogen Sozialarbeiter/Sozialpädagogen 2 U.a. Ingenieure, Pharmazeuten, Biologen 3

8 Tabelle 1: Erstqualifikationen der befragten Berliner PH-Absolventen (Nges. = 145) Erstqualifikation Häufigkeit Prozent Medizin N=40 27,6 Sozialarbeit N=25 17,2 Psychologie N=10 6,9 Ingenieurwiss.(Informatik, Maschinenbau u.a.) N=10 6,9 Soziologie/Sozialwissenschaften N=9 6,2 Pharmazie N=9 6,2 Politologie N=7 4,8 BWL-VWL N=5 3,4 Biologie N=5 3,4 Ethnologie N=4 2,8 Ernährungswissenschaften / Ökotrophologie N=4 2,8 Pädagogen/Lehramt N=4 2,8 Pflegewissenschaften N=3 2,1 Erziehungswissenschaften / Dipl. Päd. N=3 2,1 Rechtswissenschaften N=2 1,4 Andere Qualifikationen N=5 3,4 Gesamt Nges.= ,0 3.1 Aktuelle Beschäftigung Von den 145 befragten Absolventen arbeiteten 113 (=78%) als Angestellte, 13 (= 9%) als Freiberufler und 4 (= 3%) als Beamte. 15 Absolventen waren zum Zeitpunkt der Befragung nicht beschäftigt, hiervon waren jeweils sechs arbeitssuchend bzw. im Erziehungsurlaub und drei in einer Weiter- oder Fortbildungsmaßnahme. Die Grafik 1 zeigt, in welchen Institutionen und Einrichtungen die Befragten beschäftigt waren. 4

9 Grafik 1: Institutionen der Beschäftigung in der aktuellen Berufstätigkeit 1999 Einrichtungen/Träger der Berufstätigkeit 1999 (n=130) Die vorwiegenden beruflichen Tätigkeitsfelder der PH-Absolventen sind in der folgenden Tabelle aufgeführt. Dabei sind mögliche Überschneidungen zu berücksichtigen. So können z.b. in der Versorgung auch forschungsbezogene oder managementbezogene Tätigkeitsfelder eine Rolle spielen. Tabelle 2: Tätigkeitsfelder von berufstätigen PH-Absolventen 1999 (nges.=130) Tätigkeitsfelder/Bereiche Häufigkeit Psychosoziale + sozialpsychiatrische Versorgung N=32 Bildungsbereich N=13 Epidemiologische Forschung N=9 (Neue) Versorgungsformen+ Versorgungsmanagement N=8 PH-Forschung allgemein N=8 Ambulante + stationäre Versorgung N=8 Pharmaindustrie N=7 Pflege(management) N=7 Apothekentätigkeit N=5 Öffentlichkeitsarbeit/Journalismus N=5 Krankenhausmanagement N=4 Beratung/Consulting N=4 Wiss. Mitarbeiter in Forschung und Lehre N=3 International Health N=2 Andere Felder/Bereiche N=15 Gesamt Nges. = 130 5

10 Hiernach überwiegen besonders bei Sozialarbeitern/Sozialpädagogen und Medizinern versorgungsnahe Tätigkeiten im psychosozialen und sozialpsychiatrischen Bereich. Es folgen Tätigkeiten in der Forschung und im Bildungsbereich. Die Bereiche Krankenhausmanagement und Beratung/Consulting (jeweils: n=4) waren 1999 noch wenig verbreitet; die wenigen Tätigkeiten in diesen Bereichen wurden bis auf eine erst nach Abschluss des Studiums neu aufgenommen. Auch Tätigkeiten im Bereich International Health sind nur selten vertreten, da dieser Bereich kein Schwerpunkt des Berliner PH-Studiengangs ist und seit dem Jahr 2000 an der Humboldt Universität zu Berlin als eigener Studiengang angeboten wird. In einem unbefristeten Beschäftigungsverhältnis befanden sich zum Zeitpunkt der Untersuchung 44 % aller Befragten (n=64). 21% der Absolventen (n=31) hatten eine befristete Vertragsdauer von 2-5 Jahren, bei 10% (n=6) waren es 1-2 Jahre und bei 2% (n=3) 6 Monate bis ein Jahr. Neun Absolventen (7 %) gaben an, freiberuflichen Tätigkeiten nachzugehen. Unbefristete Beschäftigungsverhältnisse finden sich besonders häufig in den Bereichen Psychosoziale und sozialpsychiatrische Versorgung (19 Absolventen, 66% der in diesem Berufsfeld Beschäftigten), Neue Versorgungsformen (6 Absolventen, 75% der in diesem Feld Beschäftigten) und bei fortgeführten klassischen Apothekentätigkeiten (5 Absolventen, 100% aller dort Beschäftigten). 3.2 Erzieltes Gehalt in der aktuellen Beschäftigung Ein Indikator für die ausbildungsadäquate Beschäftigung ist die Gehaltseinstufung in der gegenwärtigen Berufstätigkeit (siehe Grafik 2). Grafik 2: Gehalt in der aktuellen Berufstätigkeit 1999 Gehalt in der aktuellen Berufstätigkeit (n=130 beschäftigte Absolventen) Mehr als BAT I BAT I BAT II BAT III BAT IV BAT V Weniger als BAT V BAT Freiberuflich Angegeben wurde, in welcher Vergütungsgruppe nach BAT (bzw. analog hierzu) die Absolventen 1999/2000 in ihrer Berufstätigkeit eingestuft waren. Bemerkenswert ist, dass insgesamt 59% aller 145 befragten Absolventen ein der Ausbildung adäquates 6

11 Gehalt von mindestens BAT II verdienten, 22 % aller Absolventen verdienen sogar BAT I oder mehr. Ein Gehalt auf BAT III- und BAT IV-Niveau erzielten 19%. Freiberuflich tätig und damit nicht kategorisierbar nach dem BAT waren 6 % der Absolventen. 5% der Absolventen mussten sich mit einem eindeutig nicht ausbildungsadäquaten Verdienst nach BAT V und weniger begnügen 3. Interessanterweise war das Gehaltsniveau bei den Public Health-Absolventen mit Erstabschluss FH keineswegs generell geringer als bei denjenigen, die über einen Universitätsabschluss verfügen. So verdienten 29% der Sozialarbeiter/ Sozialpädagogen mit MPH in ihrer aktuellen Berufstätigkeit mindestens BAT II. Ferner finden sich ausschließlich Befragte mit universitärer Erstausbildung in der Gruppe mit einem Gehalt von BAT V und weniger; darunter drei Politologen, die es in der Regel schwerer als andere Berufe haben, adäquate Beschäftigungspositionen im Gesundheitssektor zu erlangen. 3.3 Public Health Relevanz, Gehälter und Kontinuität der Berufstätigkeiten Einige der zentralen Fragen der Untersuchung waren: Lohnt sich die PH- Weiterbildung für die Studierenden und den PH-relevanten Arbeitsmarkt? Konkret: In welchem Maße sind die beruflichen Tätigkeiten tatsächlich PH-relevant? Werden diese Tätigkeiten ausbildungsadäquat entlohnt? Lassen sich PH-Ansätze in der beruflichen Praxis verwirklichen? Diesbezüglich ist zunächst einmal auf die hohe Zahl ausbildungsadäquat beschäftigter und bezahlter PH-Absolventen zu verweisen. Allerdings ist diese Tatsache auch darauf zurückzuführen, dass einige Absolventen bereits vor ihrem PH-Studium einer qualifikationsadäquaten Beschäftigung nachgegangen waren und diese im Anschluss an das PH-Studium (37% aller Absolventen) fortgeführt haben. Profitieren können PH-Absolventen von der Weiterqualifizierung auf vielfältige Weise. Entscheidend ist, mit welcher Motivation die Studierenden diese zweijährige Weiterbildung gewählt haben und mit welchen Erstqualifikationen und beruflichen Vorerfahrungen das Studium aufgenommen wurde. Zusammenfassend lassen sich hier folgende Aussagen treffen: Fortgesetzte Berufstätigkeiten finden sich besonders häufig in der Versorgungspraxis und im öffentlichen Gesundheitsdienst, vor allem in der psychosozialen und sozialpsychiatrischen Versorgung. Beschäftigte dieser Kategorie haben zu einem hohen Anteil (82%) unbefristete Arbeitsverträge und befinden sich zu 83% im Angestelltenverhältnis. 56% von ihnen verdienen mindestens BAT II, 30% BAT IV und BAT III (die meisten davon mit Fachhochschul-Erstqualifikation Sozialarbeit/Sozialpädagogik). Bei 60% aller fortgeführten Tätigkeiten hatten sich allerdings Veränderungen im Sinne von Erweiterungen der Verantwortungsbereiche und Entscheidungskompetenzen, eines Zuwachses PH-bezogener Aufgaben, einer höheren tariflichen Einstufung und eines Aufstiegs in der Hierarchieebene ergeben. Diese Veränderungen führen zu einer höheren Zufriedenheit in der ausgeübten Berufstätigkeit. 3 10% der Befragten (n=15) waren zum Zeitpunkt der Befragung nicht berufstätig. Für diese Absolventen liegen keine Angaben zum Gehaltsniveau vor. 7

12 Neu aufgenommene Berufstätigkeiten finden sich nicht nur in den klassischen Versorgungsbereichen, sondern gerade auch in jungen Berufsfeldern wie der PH-Forschung, den neuen Versorgungsformen, dem Krankenhausmanagement und dem Bereich Beratung/Consulting. Allerdings sind Tätigkeiten in der PH-Forschung in der Regel befristet. Die Aufnahme neuer PH-relevanter Tätigkeiten führt zu einer erhöhten beruflichen Zufriedenheit der betreffenden Personen. Diese betonen auch in besonderem Maße die Umsetzung von PH-Aspekten in der Berufspraxis. 73% der neu aufgenommenen Berufstätigkeiten werden mindestens gemäß BAT II und damit ausbildungsadäquat entlohnt. Gesundheitswissenschaftliche Qualifikationen werden zunehmend benötigt, da sich durch Umstrukturierungsmaßnahmen im Gesundheitswesen klassische Aufgabenbereiche in der Versorgung erweitern und zur gleichen Zeit neue Tätigkeitsfelder (etwa in den Bereichen Beratung/Consulting, Versorgungsmanagement, PH- Forschung) mit neuartigen Qualifikationsanforderungen entstehen. Betrachtet man die Beweggründe der PH-Absolventen für die Aufnahme neuer beruflicher Tätigkeiten, stehen besonders Wünsche nach mehr PH-Relevanz und nach verbesserten Verdienstmöglichkeiten sowie die Befristung der vorangegangenen Beschäftigung im Vordergrund. Ein Großteil der befragten PH-Absolventen übt berufliche Positionen aus, die direkt unterhalb der Führungsebene angesiedelt sind. Die Einkommensverhältnisse entsprechen überwiegend BAT I und II, bei Fachhochschul-Erstqualifikation im Bereich Sozialarbeit/Sozialpädagogik häufig BAT IV und BAT III und bewegen sich damit auch vielfach auf dem ausbildungsadäquaten Niveau der Erstqualifikation. Die besten Verdienstmöglichkeiten mit einer Entlohnung von mindestens BAT II bieten die Arbeitsfelder Neue Versorgungsformen (100%), Tätigkeiten in der Pharmaindustrie (100%), PH Forschung (88%) und Tätigkeiten in der ambulanten und stationären Versorgung (88%). Im Bereich Psychosoziale und sozialpsychiatrische Versorgung verdienen dagegen nur 52% der PH-Absolventen ein Gehalt, welches mindestens BAT II entspricht, da dieser Bereich zu einem hohen Anteil von Sozialarbeitern und Sozialpädagogen mit Gehältern von BAT IV besetzt wird. Unter denjenigen neuen Tätigkeitsfeldern, in denen relativ wenig verdient wird, sticht der Bereich Beratung/Consulting hervor: Hier werden besonders häufig Verdienste entsprechend BAT IV und BAT III genannt. Das mag daran liegen, dass sich diese Einrichtungen zum Zeitpunkt der Befragung überwiegend noch in der Gründungs- und Akquirierungsphase befanden. Auf die Entwicklung des Gesundheitswesens in Richtung Public Health haben die Absolventen nach eigenen Angaben vor allem durch Vernetzung und strukturbezogene Tätigkeiten, durch Evaluation und Qualitätssicherung, durch Gesundheitsförderung, zukunftsorientierte Planung und Management sowie durch Forschungstätigkeiten und Studien Einfluss genommen. Die größte Zustimmung wurde von Absolventen erzielt, die in den innovativen PH-Tätigkeitsfeldern der neuen Versorgungsformen, in der PH-Forschung, im Krankenhausmanagement, in der Öffentlichkeitsarbeit sowie in den Bereichen Consulting/Beratung und International Health beschäftigt waren. Eine eher geringe PH-Relevanz hatten Tätigkeiten in der Pharmaindustrie, in Apotheken und im Pflegebereich. Vor allem Befragte, die aufgrund ihrer Erstqualifikation über ein weniger klar profiliertes Berufsbild verfügen und deshalb bereits vor dem PH-Studium Probleme 8

13 hatten, sich beruflich zu verwirklichen, gaben an, arbeitssuchend zu sein. Zu dieser Gruppe gehören Politologen und Ethnologen, aber auch ein Teil der Soziologen bzw. Sozialwissenschaftler. Eine Reihe von Absolventen mit diesen Erstqualifikationen nimmt Berufstätigkeiten auf, die zwar fachlich irgendwie mit dem Studium zusammenhängen, aber nicht die erwünschte qualifikationsadäquate Position als PH-Professional bringen. Fachhochschulabsolventen dagegen weisen zumeist schon in der ihrer Erstqualifikation folgenden Tätigkeit ein Einkommen von mindestens BAT IV auf und erreichen im Anschluss an die PH-Ausbildung (und teilweise durch weitere Fort- und Weiterbildungen) in 39% aller Fälle eine Beschäftigungspositionen mit einer Entlohnung von mindestens BAT II. 3.4 Positiv- und Negativerfahrungen im Studium Im Rückblick auf die Erfahrungen im Studium betonen PH-Absolventen besonders die Strukturqualität des Studiengangs (u.a. die Multidisziplinarität, die Theorie-Praxis- Integration, Kontaktmöglichkeiten). Kritisiert werden lediglich Bestandteile bzw. Aspekte des Ausbildungsprogramms. Dazu gehören insbesondere einzelne Lehrveranstaltungen und Dozenten sowie die unzureichende Motivation einzelner Kommilitonen in den ersten beiden Jahrgängen. Insbesondere von Frauen wurde auch die hohe zeitliche Beanspruchung durch das PH-Studium angemerkt. Zur strukturellen Qualität des Studiums trug nach Meinung der PH-Absolventen die Betreuung seitens der im Studiengang lehrenden Dozenten sowie der Studiengangskoordination maßgeblich bei. Als besonders positiv hervorgehoben wurden außerdem die Lehrveranstaltungen, in denen die managementbezogenen Qualifikationen (Organisationsentwicklung, Krankenhausmanagement, Rhetorik, Moderations- und Präsentationstechniken) Berücksichtigung fanden. Ebenso positiv wurden die methodisch orientierten Studienfächer (u.a. Epidemiologie, quantitative und qualitative Methoden, Forschungsmethoden) bewertet. 3.5 Besondere Merkmale der Berufsgruppen Die Zulassung erfolgte im Berliner PH-Studiengang quotiert nach drei Berufsgruppen (1. Mediziner, 2. Sozialwissenschaftliche Berufe, 3. Sonstige Berufe), welche unterschiedliche berufliche Realisierungschancen in den Gesundheitswissenschaften aufweisen. Die Untersuchungsergebnisse zeigen charakteristische Unterschiede dieser Berufsgruppen auf. Einige ausgewählte Unterschiede werden im folgenden vorgestellt Besondere Merkmale der Mediziner Hauptmotiv für die Aufnahme des PH-Studiums ist bei den Medizinern der Wunsch nach einer nichtklinischen Berufstätigkeit. Obwohl ein immer größerer Anteil von Medizinern bereits bei der Bewerbung über eine abgeschlossene Facharztausbildung verfügt, besteht der Wunsch nach weitreichenderen, übergreifenden PH-Forschungs- und/oder Managementtätigkeiten. Mediziner (n=40) weisen große Variationen von Tätigkeitsfeldern auf. Häufigste Tätigkeitsfelder sind in der PH-Forschung (n=9), in der psychosozialen und sozialpsychiatrischen Versorgung (n=6) und in der ambulanten und stationären Versorgung (n=7) zu finden. Unter den weiteren neuen PH-bezogenen Tätigkeitsfeldern sind die neuen Versorgungsformen 9

14 bzw. das Versorgungsmanagement (n=3) und das Krankenhausmanagement (n=2) hervorzuheben. 92 % der Mediziner verdienen im gegenwärtigen Beschäftigungsverhältnis ein Gehalt von mindestens BAT II, 45 % sogar mindestens nach BAT I. Damit gehört diese Berufsgruppe zur bestverdienendsten Disziplin mit PH- Abschluss. Der Stellenmarkt für die eigenen Qualifikationen wird von 46 % der Mediziner als Günstig beurteilt, Ungünstig wird dieser hingegen von der Mehrheit der Mediziner (54 %) beurteilt. Dessen ungeachtet bestätigen 88 % der Mediziner, dass sie sich auf mehr Stellen bewerben können als ohne PH-Abschluss und 78 % meinen, bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt durch den zusätzlichen PH-Abschluss zu haben. Mediziner weisen in der Realität die besten Berufschancen nicht nur in den traditionellen Berufsfeldern der Versorgung auf, sondern insbesondere auch in innovativen PH-Tätigkeitsfeldern der Planung, Forschung und Versorgung, in denen sie zum Zeitpunkt der Untersuchung bereits stark vertreten sind. Ein großer Anteil von Medizinern arbeitet in der (epidemiologischen) PH- Forschung und in neuen Feldern des Versorgungsmanagements. Dieser größten homogenen Berufsgruppe mit MPH gelingt es vergleichsweise häufiger und schneller, neue Berufsfelder im Management und in der (epidemiologischen) PH-Forschung zu erlangen. Zunehmend PH-Relevanz erlangen aber auch die klassischen Versorgungsfelder, in denen ärztliche Tätigkeitsfelder sich mit den neu erworbenen PH-Qualifikationen verbinden lassen. Es ist davon auszugehen, dass dieser Berufsgruppe von vorneherein ein bedeutenderes Wissen und das Gewusst wie bei der Umsetzung von PH im Gesundheitswesen von den Institutionen zugeschrieben wird. Darüber hinaus weist diese Berufsgruppe den höchsten sozialen Status und das höchste Ausmaß an Professionalisierungselementen im Gesundheitswesen auf Besondere Merkmale der sozialwissenschaftlichen Berufe Die Berufsgruppe der Sozialwissenschafter (n=58) setzt sich aus vielfältigen Erstqualifikationen zusammen. Die größte Berufsuntergruppe mit 25 Absolventen stellen die Sozialarbeiter bzw. Sozialpädagogen mit Fachhochschulabschluss. Die meisten Hochschulabsolventen in dieser Berufsgruppe sind Psychologen (n=10) und Soziologen bzw. Sozialwissenschaftler (n=9), dicht gefolgt von den Politologen (n=7) sowie den Ethnologen (n=4) und den Erziehungswissenschaftlern (n=3). Hauptmotiv für die Aufnahme des PH-Studiums bei den FH-Absolventen der Sozialarbeit und Sozialpädagogik ist ein beruflicher Aufstieg, für den eine wissenschaftliche Weiterqualifikation wie PH verlangt wird, welche gleichzeitig der formalen Qualifikation eines Hochschulabschlusses entspricht. Sozialwissenschaftliche PH-Absolventen mit HS-Abschluss benötigen in der Regel längere Zeiten der beruflichen Orientierung und haben sich für das Public Health Studium entschieden, um ihren Primärqualifikationen eine eindeutigere und vermittelbare Richtung zur Verbesserung ihrer Berufschancen zu geben. 10

15 Ein rares Tätigkeitsfeld für sozialwissenschaftliche Berufe stellt die unmittelbare PH-bezogene Forschung (n=2) dar. Dagegen ist die psychosoziale und sozialpsychiatrische Versorgung mit 24 Nennungen häufig vertreten. Unter den neuen PH-bezogenen Tätigkeitsfeldern sind die neuen Versorgungsformen bzw. das Versorgungsmanagement (n=2) und das Krankenhausmanagement (n=1) nur vereinzelt vorzufinden. Die Häufigkeit sogenannter anderer, wenig PH-relevanter Tätigkeiten (n=8) lässt vermuten, dass viele PH-Absolventen dieser Berufsgruppe Schwierigkeiten haben, eine PH-adäquate Beschäftigung zu finden oder aber längere Zeiträume zur beruflichen Verwirklichung der erworbenen Qualifikationen benötigen und deshalb vorübergehend andere Jobs ausüben. Lediglich 42 % dieser Berufsgruppe verdienen im gegenwärtigen Beschäftigungsverhältnis ein Gehalt von mindestens BAT II; 31 % verdienen hingegen ein Gehalt analog zu BAT IV. Damit gehört diese Berufsgruppe zur geringer verdienenden Statusgruppe mit PH-Abschluss. Die sozialwissenschaftlichen Berufe mit Erstqualifikationen in Psychologie und Soziologie haben einen höheren Anteil an den BAT-Gruppen I, mehr als BAT I und BAT II, während der hohe Anteil von Absolventen der Sozialarbeit/ Sozialpädagogik vornehmlich in der Gehaltsgruppe BAT IV zu finden sind. Allerdings gelingt es sechs Sozialpädagogen, Positionen mit mindestens BAT II zu erobern. 88 % aller Befragten dieser Berufsgruppe bestätigen, dass sie sich durch den PH-Abschluss auf mehr Stellen bewerben können und 86 % meinen, nun bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben Besondere Merkmale der sonstigen Berufe Hauptmotiv für die Aufnahme des PH-Studiums dieser inhomogensten Berufsgruppe ist der Wunsch nach neuen Tätigkeitsfeldern im Gesundheitswesen, der von einem bedeutenden Teil der Absolventen in der Verbindung zur bisherigen Erstqualifikation vollzogen werden soll. Hier finden sich aber auch Berufe (z.b. Erstqualifikation Nachrichtentechnik) mit dem Wunsch nach einer grundlegenden beruflichen Neuorientierung. Unter diesen 47 PH-Absolventen befindet sich der größte Frauenanteil (81 %). Erstqualifikationen mit ingenieurwissenschaftlichen Abschlüssen (n=10) sowie Pharmazeuten (n=9) sind häufiger vertreten. Es folgen mit jeweils fünf Absolventen Erstqualifikationen der Biologie und der wirtschaftswissenschaftlichen Qualifikationen sowie Lehramtpädagogen (n=4), Ernährungswissenschaftler (n=4) und der Pflegewissenschaften (n=4), Juristen (n=2) und weitere Qualifikationen, unter denen die Hochschulabschlüsse Lateinamerikanistik, Chemie, Theologie, Publizistik, Logopädie (NL) zu finden sind. Häufigste aktuelle Tätigkeitsfelder sind die PH-Forschung (n=6), der Bildungsbereich (n=6), Apothekentätigkeiten (n=5) sowie weitere Tätigkeitsfelder, die nicht eindeutig dem PH-Bereich zuortbar sind (n=6). Unmittelbare Versorgungsaspekte in der ambulanten und stationären Versorgung spielen gegenüber den anderen beiden Berufsgruppen eine untergeordnete Rolle (n=3). Der Tätigkeitsbereich des Versorgungsmanagements ist gleichermaßen relevant (n=3) wie bei den anderen beiden Berufsgruppen. 11

16 Die weiteren PH-bezogenen Tätigkeitsfelder streuen sehr breit. Hervorzuheben sind außerdem die Tätigkeiten im Bereich International Health (n=2) und im Bereich Beratung/Consulting (n=2). 70 % der Sonstigen Berufe verdienen im gegenwärtigen Beschäftigungsverhältnis ein Gehalt von mindestens BAT II, 26 % sogar mindestens gemäß BAT I. Damit bewegt sich diese Berufsgruppe im Mittelfeld der drei beruflichen Qualifikationsgruppen mit PH-Abschluss. Der Stellenmarkt für die eigenen Qualifikationen wird von 47 % der Absolventen dieser nicht homogenen Berufsgruppe als Günstig eingeschätzt. 88 % bestätigen, dass sie sich auf mehr Stellen bewerben können als ohne PH und 77 % meinen, bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt durch den PH-Abschluss zu haben. Vorrangig werden die Schwerpunktbereiche Planung und Management (53 %) und Epidemiologie und Methoden (24 %) belegt, in denen primär die neuen Berufsfelder dieser Absolventengruppe zu finden sind. 4. Kurzergebnisse der Intensivinterviews Im Rahmen der Verbleibsuntersuchung wurden ergänzende leitfadengestützte Interviews mit 14 PH-Absolventen durchgeführt, die unterschiedliche Erstqualifikationen aufweisen und alle in PH-relevanten Berufsfeldern tätig waren. Die Interviews wurden inhaltsanalytisch ausgewertet. Ziel dieses Teils der Untersuchung war unter anderem, ein differenzierteres Bild von der Berufsrollenidentität, dem beruflichen Selbstverständnis und der Zufriedenheit der Absolventen zu gewinnen sowie deren Sicht auf die spezifische Qualität PH-bezogenen Wissens zu erhalten. 4.1 Berufsrollenidentität, berufliches Selbstverständnis und Zufriedenheit der Absolventen Die Berufsrolle selbst hat starke Auswirkungen auf das berufliche Selbstverständnis des Einzelnen. Zur Identifikation der Berufsrolle werden Funktionen der aktuell ausgeübten Berufstätigkeiten herangezogen, auch wenn diese im eigentlichen Sinne nicht zum klassischen Berufsfeld der Erstqualifikation gehören müssen. Public Health Qualifikation und Erstqualifikation führen in der Ausübung der Berufstätigkeit zu einer neuen beruflichen Identität, wie die Stellungnahme eines befragten Psychologen zeigt. Für mich waren die Möglichkeiten als Psychologin ohne klinischen Abschluss zu arbeiten und ohne irgendwelche Zusatzausbildungen zu haben, denkbar schlecht(...). Mir fehlte eigentlich so ein Profil (...). Von daher war die Möglichkeit mit dem Public Health-Studium so etwas wie ein Rettungsanker. Ich wollte meiner Qualifikation eine Richtung geben und es auf den Punkt zu bringen (...). Eines ist schon wahr, dass jetzt die Identifikation mit einem bestimmten Beruf oder mit einem bestimmten Image eines Berufes durch diese Qualifikation schon ein bisschen verwässert wurde. Also, dass die Qualifikation so breit angelegt ist, ist ein Vorteil. (...) Dass es eigentlich nicht mehr darauf ankommt, was ist man, oder welchen Beruf hat man, sondern viel stärker, welche Funktion übt man aus. Und das ist bei mir extrem so, also dass ich mich über die Funktion definiere, die ich ausübe und dass das Berufsbild, das eigentliche Image, weitgehend auf der Strecke bleibt. 12

17 Die Qualifikationen der Herkunftsdisziplin sind im allgemeinen besser identifizierbar, allgemein bekannter, und haben mehr Tradition als die des multidisziplinär orientierten Gesundheitswissenschaftlers. Die berufliche Tätigkeit selber wird zur Identifikation der Berufsrolle herangezogen, auch wenn diese nicht zum klassischen Berufsfeld der Erstqualifikation gehören muss. Public Health Qualifikation und Erstqualifikation gehen auf diese Weise eine Verbindung zu einer neuen beruflichen Identität ein. Eine Auseinandersetzung zwischen der von außen zugeschriebenen Berufsrolle nach der Erstqualifikation und der Identifikation mit der PH-Qualifikation findet besonders bei den Absolventen der Sozialarbeit/Sozialpädagogik statt, wenn die ausgeübte Position nicht adäquat zum ausbildungsgemäßen Status und professionellen Selbstverständnis entlohnt wird. Sozialarbeiter und Sozialpädagogen erwarten durch das PH-Studium einen beruflichen Aufstieg sowie erweiterte Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten im Beruf, wie das folgende Zitat veranschaulicht: Mein berufliches Selbstverständnis hat sich schon sehr geändert. Es ist ja auch so, dass ich für viele Gremien, wo sonst Sozialarbeiter nicht drinsitzen, eben auch verlangt werde. Da habe ich natürlich schon ein anderes Selbstverständnis, mit dem PH-Gedanken, schätze ich mich auch anders ein. Aber mir doch schon manchmal die Gratifikation für das, was ich tue, tatsächlich einfach fehlt. Und da entsteht auch Unzufriedenheit. Und dass es ungemein schwer ist, von unteren Hierarchieebenen ausgehend etwas zu verändern (...). Dieses Gesundheitswissenschaftler geht mir immer noch schwer über die Lippen, weil ich finde, wenn man sagt, ich bin Gesundheitswissenschaftler wird ja eigentlich auch erwartet, dass man jetzt auch wissenschaftlich arbeitet. Ich arbeite aber praktisch und nicht wissenschaftlich. Ich arbeite in der Versorgungssteuerung (...). Doch ich denke schon, dass Public Health für mich eine riesengroße Rolle spielt, dass ich mich jetzt einfach an viele Bereiche heranwage, an die ich mich früher nicht getraut habe, und dass ich in der Praxis eine ganze Menge bewirke und bewirkt habe. An diesem Beispiel wird die Integration von Public Health in übergeordneten Aspekten der Planung und des Managements von Versorgungsstrukturen in den beruflichen Anforderungen deutlich. Zufriedenheit in den beruflichen Tätigkeiten entsteht dann, wenn diese sich im Einklang mit den im PH-Studium erfahrenen, interdisziplinären Denkweisen, den Handlungsmöglichkeiten sowie dem gesundheitswissenschaftlichen Bevölkerungsansatz befinden und diese adäquat entlohnt werden. Das professionelle Selbstverständnis der befragten Mediziner wird durch Public Health erweitert und gestärkt. Die Vertreter dieser Berufsgruppe unterstreichen, dass sie durch die Erfahrungen der multidisziplinären Zusammenarbeit im Studium nun umsichtiger und sorgfältiger, aber auch offener mit unterschiedlichen Meinungen umgehen können. Die Vermittlung der eigenen Qualifikation als Gesundheitswissenschaftler nach außen fällt auch dieser traditionell mit einem hohen Status versehenen Berufsgruppe immer wieder schwer. Durch Erweiterung und Verinnerlichung der multidisziplinären Betrachtungsweisen von PH verändert sich ihr eigenes Rollenbild weg vom traditionellen Bild der Ursprungsdisziplin, wie ein Zahnmediziner berichtet, der zum Zeitpunkt der Befragung in der epidemiologischen Forschung tätig ist: 13

18 Na, mein Selbstverständnis hat sich verändert. Ich war nie der typische Zahnarzt, der Klischee-Zahnarzt. Aber das, was ich an Klischees erfüllt habe, denke ich, ist noch weiter abgebaut worden. Also, ich bin schon bestrebt, mir auch Informationen zu verschaffen, andere Meinungen, andere Tendenzen aufzunehmen und nicht gleich zu bewerten, oder vielleicht sogar ablehnend zu bewerten. Da sich die Breite des Tätigkeitsfeldes gegenüber klassischen medizinischen Aufgaben erweitert hat und es gegenüber herkömmlichen Tätigkeiten in der Medizin eher diffus erscheint, fällt es auch den Medizinern schwer, PH-Qualifikationen für andere verstehbar zu kommunizieren. Aus diesem Grund wählt diese Gruppe wiederholt die bekannte und besser identifizierbare Berufsrollenbezeichnung Mediziner und ergänzt diese mit der Zusatzqualifikation des Gesundheitswissenschaftlers, um ihre Grundprofession nicht aus dem Auge zu verlieren: Ich höre am liebsten Gesundheitswissenschaftlerin. Das wäre mein Traum. Aber ich bin eine Medizinerin mit Qualifikationen in Richtung Public Health, das muss man realistischerweise sagen. PH-Absolventen identifizieren sich in ihrer Berufsrolle vorrangig als Angehörige ihrer Erstqualifikation mit der Zusatzqualifikation Public Health. Die PH-Zusatzqualifikation wird zwar als bedeutend für die Berufstätigkeit bezeichnet, entscheidend für die berufliche Positionierung und die möglichen Tätigkeitsfelder erweist sich jedoch die Erstqualifikation. In der Reflexion der beruflichen Aufgaben und Tätigkeiten gewinnt die Erstqualifikation auch deshalb eine dominierende Bedeutung, weil auf dem Stellenmarkt kaum universelle Gesundheitswissenschaftler gesucht werden und keiner der Absolventen originär als Gesundheitswissenschaftler seine berufliche Tätigkeit gefunden hat. Ein Problem der Gesundheitswissenschaften als Multidisziplin besteht sicherlich in einer gewissen Unschärfe ihres Profils nach außen hin. Dies führt dazu, dass die Absolventen ihre Rolle als Gesundheitswissenschaftler in ihrem beruflichen Umfeld immer wieder definieren und erklären müssen. Von vielen Absolventen wird hervorgehoben, dass sie zuweilen in Rollenkonflikte geraten, die ihren Ursprung in der Breite und Komplexität des von ihnen vertretenen PH-Ansatzes haben. Die komplexe Orientierung von PH scheint für die beruflichen Kooperationspartner der Absolventen oftmals schwer handhabbar zu sein. Die ursprünglichen Herkunftsdisziplinen sind auch weil sie über eine längere Tradition verfügen im allgemeinen besser bekannt und leichter einzuordnen. Die PH-Absolventen sind von daher mit einem doppelten Problem konfrontiert: Einerseits lässt sich eine berufliche Rollenidentität als Gesundheitswissenschaftler nicht umstandslos durch den Bezug auf einen festgefügten und allgemein akzeptierten Kanon professionellen Wissens und Handelns herstellen. Andererseits kann sich ihre berufliche Rollenidentität auch nicht mehr ausschließlich aus Elementen des in der Erstqualifikation angeeigneten Berufsbildes speisen die PH- Absolventen sind (auch vom subjektivem Anspruch her) eben mehr (bzw. etwas anderes ) als Mediziner, Sozialarbeiter usw. Vor diesem Hintergrund gewinnen die Problembezüge und Funktionen der realen Berufspraxis für die Identifikation der eigenen Berufsrolle eine zentrale Bedeutung. Die Erstausbildung und die zusätzlich erworbene PH-Qualifikation sind somit zwar wichtige Voraussetzungen für das berufliche Handeln. Eine neue berufliche Identität bildet sich aber wesentlich über die Verarbeitung von Erfahrungen in der konkret ausgeübten Tätigkeit heraus. 14

19 4.2 Wissensbezüge / Problemlösungswissen durch Public Health Die PH-Absolventen stellen die Bezüge auf problemlösungsorientiertes Wissen und die Fähigkeiten, dieses praxisorientiert anzuwenden und umzusetzen, in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen. Public Health Qualifikationen zeichnen sich besonders durch eine hohe Integrationskompetenz der vielfältigen beteiligten Disziplinen aus. Gleichzeitig wird auf die Vielgestaltigkeit von möglichen Lösungsansätzen für PH-Probleme hingewiesen, welche aufgrund der unterschiedlichen Problemlagen differenzierte Lösungsansätze verlangen. Ein für die Multidisziplin PH übergreifendes Theorie- und Problemlösungswissen wird aufgrund der Vielfalt von möglichen Handlungs- und Problemfeldern nicht identifiziert. Es wird bezweifelt, ob diese Vielschichtigkeit durch eine systematische Theorie bzw. ein systematisches Theorieverständnis auf einen Nenner zu bringen sei. Zudem wird ausgesagt, dass eine Synthese hin zur Problemlösung immer wieder aufs Neue stattfinden muss und direkt von den Studierenden und Absolventen geleistet werden muss. Wir haben unheimlich viel Wissen erworben. Wir haben uns auch viele Methoden, viele Instrumente angeeignet und davon ist, glaube ich, wenig bis gar nichts systematisiert. Also es ist bei mir nicht so angekommen und ich arbeite auch nicht so, ich muss es mir ja auch immer wieder neu zusammenholen. Also, das würde ich zurückgeben. Ich glaube, dazu tragen Studierende und Absolventen der unterschiedlichen Disziplinen direkt bei, dass es umfassend und vielleicht auch systematisch wird. Davon lebt Public Health ja. Mit dieser Aussage wird bestätigt, dass die Umsetzung dieses Wissens in die Berufspraxis von PH-Absolventen erfolgt, indem diese nach Lösungen für handlungspraktische Probleme im unmittelbaren Berufsvollzug suchen. Das Studium bietet Anschluss an die wissenschaftliche Diskussion. Es erleichtert, die eigene Berufspraxis kritisch zu reflektieren und sich auf diesem Weg auch mit der eigenen Berufsrolle und Persönlichkeit auseinanderzusetzen und trägt damit zu einem professionelleren Handeln im Berufsalltag bei. Die folgende Aussage bestätigt die Problemorientierung des PH-Studiums: Also so eine Systematik, wie man Probleme angehen kann und mit dem Wissen über Public Health zu lösen, so etwas muss man genau herausfiltern. (...). Ich denke, dass das einer der Knackpunkte überhaupt ist, ein Problem zu erkennen, zu benennen und zu überlegen, wie kann ich es lösen, was brauche ich für Methoden, Instrumente, wen muss ich einbinden. Das ist eigentlich das, was man von Leuten, die Public Health studieren oder die nachher in dem Feld arbeiten, verlangt, weil die Probleme im Gesundheitswesen bei weitem alles andere überlagern: Z. B. Versorgungs- oder Finanzierungsprobleme, ein doch zunehmend defizitärer Bereich. Deswegen erwartet auch die Praxis von den Absolventen genau diese Fähigkeiten. Allgemeine Kritiken von Studierenden und Absolventen verdichten sich häufig auf das Verhältnis von Studium und Praxis. Die mit dem PH-Abschluss befragte Teilnehmergruppe sieht das PH-Studium überwiegend als theoretische Ergänzung zur beruflichen Praxis an. Sie unterstreichen, dass die oft beklagte Kluft zwischen Theorie und Praxis im PH-Studium nicht bestätigt werden kann, wie die folgende Stellungnahme verdeutlicht: Durch den Kontakt in die Praxis, also diese Vermittlung Uni und Praxis, die ja normalerweise bei anderen langen Studiengängen nicht so stark ausgeprägt ist, 15

20 wurde Wissen vermittelt, was ich jetzt anwende. Dadurch wachsen eigentlich die Chancen, jemanden für den Arbeitsmarkt zu befähigen und ihm dann auch eine Perspektive zu eröffnen, Veränderungen durchzumachen und erfolgreich eine Karriere anzustreben. 4.3 Charakterisierung des Studiums aus der Sicht der Absolventen Die befragten Absolventen charakterisieren das PH-Studium als empfehlenswert und bereichernd für die Berufspraxis und heben hervor, dass es die Ursprungsqualifikationen sinnvoll ergänzt hat. Bei der rückblickenden Beschreibung des PH- Studiums betonen die Mediziner, dass sich die Beschäftigung mit den gesellschaftlichen, ökonomischen und Managementaspekten der Gesundheit und Krankheit als spannender und erfolgversprechender erweist als die Beschäftigung in herkömmlicher biomedizinischer Forschung oder Krankenbehandlung. Von daher wird das PH-Studium besonders Medizinern empfohlen, die sich alternative Berufsfelder erschließen wollen. Ich würde es empfehlen, sowohl für die berufliche wissenschaftliche Weiterentwicklung, als auch für die persönliche Weiterentwicklung.(...) Ich würde immer darauf abheben, dass es eigentlich nur für solche Leute in Frage kommt, die eben nicht scheuklappenmäßig ihren Bereich versuchen abzustecken und zu verteidigen gegenüber anderen, sondern im Gegenteil auch Althergebrachtes zur Diskussion bringen. Und eben die Dinge von verschiedenen Seiten zu beleuchten und auch die anderen maßgeblichen Beweggründe derer, die sonst im Bereich des Gesundheitswesen eine Rolle spielen, kennen zu lernen und in die eigenen Entscheidungen und einzelnen Ansichten mit einzubauen. Die sozialwissenschaftlich ausgebildeten PH-Absolventen geben zu bedenken, dass aufgrund des breiten Fächerangebotes genaue Zielvorstellungen vorhanden sein sollten, um sich im Studium zu orientieren und ihren eher breit angelegten Erstqualifikationen ein beruflich verwertbares Profil zu geben: Man versucht sich etwas Gemeinsames zu erarbeiten, man braucht dafür ein bisschen Geduld und man sollte dieses Studium eigentlich nicht wählen, wenn man völlig orientierungslos ist, nur um die Zeit zu überbrücken, zu parken oder was auch immer. Ja, ich würde das Studium vor allen Dingen auch so charakterisieren, dass es absolut Interessen ausbilden muss.(...) Vier Semester sind sehr schnell vorbei, wenn man in der Zeit nicht irgendwie einen roten Faden gefunden hat und sich um etwas Besonderes gekümmert hat, dann ist das verschenkte Zeit. Es ist so ein großer bunter Blumenstrauß, den man angeboten bekommt, aber er ist noch nicht so richtig gebunden. 4.4 Bekanntheitsgrad von PH-Qualifikationen Den Erfahrungen der interviewten PH-Absolventen zufolge, die alle über langjährige PH-relevante Berufserfahrungen verfügen, ist Public Health vor allem bei den Leistungsträgern und Leistungserbringern der Gesundheitsversorgung in Deutschland nicht hinreichend bekannt. Es wird zwar erwähnt, dass die Gesundheitswissenschaften an Hochschulen und einigen Institutionen der Gesundheitsversorgung als Begriff geläufig seien. Problematisch sind aber die wiederholt geäußerten Erfahrungen, dass etliche Entscheidungsträger im Versorgungsmanagement 16

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