Das deutsche Gesundheitssystem im internationalen Vergleich: 7 Thesen

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1 Das deutsche Gesundheitssystem im internationalen Vergleich: 7 Thesen Koreferat zum Thema Erfolge und Misserfolge anderer europäischer Länder bei der Umorganisation des Gesundheitssystems während der Tagung Gerechtigkeit im Gesundheitswesen der Konrad-Adenauer-Stiftung, 27. September 2011, Mülheim/Ruhr Dr. Martin Schölkopf

2 Ausgangspunkt Vergleiche können zeigen, welche Reformvorschläge andernorts bereits gemacht worden sind Sie können darüber informieren, wie ausgabenträchtig, wie patientenfreundlich, wie effizient, wie gerecht ein Gesundheitssystem ist Und sie liefern oft überraschende Ergebnisse, die womöglich die enge deutsche Perspektive relativieren

3 These 1: Deutschlands Gesundheitssystem ist nicht übermäßig teuer, die Kosten explodieren nicht Das deutsche Gesundheitswesen gehört ausgabenmäßig nur dann zur Spitzengruppe in der OECD, wenn man die Gesundheitsausgabenquote betrachtet (Ausgaben/BIP) Wechselt man aber den Vergleichsmaßstab und betrachtet die Gesundheitsausgaben pro Kopf, liegt Deutschland im oberen Mittelfeld Der Ausgabenanstieg ist in Deutschland in den letzten Jahren deutlich schwächer ausgefallen als in den meisten anderen OECD-Mitgliedstaaten

4 Gesundheitsausgaben im internationalen Vergleich 2007 (pro Kopf, US-$ KKP) USA Norwegen Schweiz Luxemburg Kanada Niederlande Österreich Frankreich Belgien Deutschland Dänemark Irland Schweden Australien Großbritannien Finnland Griechenland Italien Spanien Japan Neuseeland Portugal

5 Durchschnittliches jährliches Wachstum der realen Gesundheitsausgaben pro Kopf in % 8 7 6,7 6, ,3 4,9 4, ,8 3,7 3,6 3,5 3,5 3,4 3 3,2 2,9 2,7 2,6 2,5 2,5 2,4 2,4 2,3 2 1,7 1 0 Irland Griechenland Luxemburg Großbritannien Neuseeland Finnland Kanada Schweden Belgien Niederlande Australien USA Dänemark Portugal Spanien Österreich Japan Frankreich Italien Norwegen Schweiz Deutschland

6 These 2: Im deutschen Gesundheitswesen sind die Zuzahlungen jedenfalls im internationalen Vergleich nicht besonders hoch Zwar gehört Deutschland zu der kleineren Gruppe von Ländern, in denen die Zuzahlungen ( out-ofpocket-spending ) im letzten Jahrzehnt zugenommen haben Dennoch machen private Zuzahlungen in Deutschland nach wie vor einen relativ geringen Anteil an den gesamten Gesundheitsausgaben aus (rd. 13 Prozent) der Anteil ist kleiner als in den meisten anderen OECD-Ländern

7 Anteil der privaten Ausgaben 2007 (Zuzahlungen, private Krankenversicherung) an den gesamten Gesundheitsausgaben 60,0 50,0 54,6 private Krankenversicherung Zuzahlungen, Privatbeschaffung anderes 40,0 30,0 20,0 10,0 0,0 35,2 12,2 USA Schweiz 40,7 39,7 9,2 30,6 Griechenland 39,7 Australien 32, 3 30,0 7,5 18,2 Kanada 12,8 14,9 Portugal 28,5 28,2 25,4 4,1 5,9 2,1 22,9 21,1 18,9 Spanien Finnland Belgien 23,8 23,6 23, 0,9 5 5,4 4,6 18,3 Österreich 15,4 20,2 Italien Deutschland 23,1 9,3 13,1 Frankreich 21,0 19,3 19, 18,7 18,3 18,3 13,4 6,8 Irland 8,1 9,9 Neuseeland 5 14 Japan 2,6 0,2 1,1 15,9 15,5 1,6 15,1 15,9 11,4 15,1 13,8 Schweden Großbritannien Norwegen Dänemark Niederlande 11,2 5,7 1,7 5,5 Luxemburg 9,1 6,5

8 These 3: Im deutschen Gesundheitswesen bezahlt man keineswegs für einen Mercedes und erhält nur einen Golf Vergleichende Daten und Studien zeigen: Das deutsche Gesundheitssystem stellt einen der umfassendsten Leistungskataloge und eines der quantitativ höchsten Versorgungsniveaus bereit Deutschland stellt zudem einen vergleichsweise guten Zugang zur Gesundheitsversorgung sicher (manifestiert z.b. durch geringe Wartezeiten oder einen einfachen Zugang zur fachärztlichen Versorgung)

9 Versorgungsniveaus der Gesundheitssysteme von 14 Vergleichsländern in Indices (Durchschnitt = 100) Fritz Beske-Institut Versorgungsindex Gesundheitsleistungen Versorgungsindex Geldleistungen Versorgungsindex Gesundheits- und Geldleistungen insgesamt Deutschland 119 Niederlande 121 Deutschland 116 Österreich 116 Schweden 121 Österreich 112 Belgien 112 Deutschland 109 Niederlande 109 Schweiz 108 Frankreich 109 Belgien 108 Niederlande 104 Japan 109 Schweden 105 Japan 102 Österreich 105 Frankreich 104 Frankreich 102 Dänemark 105 Japan 104 Dänemark 100 Italien 105 Schweiz 104 Schweden 98 Belgien 101 Dänemark 101 Kanada 96 Schweiz 97 Italien 98 Italien 94 Kanada 93 Kanada 95 Großbritannien 89 Großbritannien 80 Großbritannien 86 Australien 85 Australien 76 Australien 82 USA 77 USA 72 USA 76

10 Vergleichsstudien des Commonwealth Fund zur Nutzerorientierung und zur Qualität von Gesundheitssystemen Zugang zur medizinischen Versorgung: Anteil der Befragten, die einen Arzttermin am Tag der Erkrankung erhielten (Angaben in %) Deutschland Neuseeland Niederlande Australien Großbritannien USA Kanada

11 These 4: Dennoch weist das deutsche Gesundheitssystem Nachholbedarf auf in der Versorgungsqualität Das HCQI-Projekt der OECD zeigt: Bei ausgewählten Diagnosen/Behandlungen hinkt Deutschland in der Qualität hinterher Die Zufriedenheit von Patienten hierzulande mit der Qualität der Versorgung ist im internationalen Vergleich eher bescheiden

12 Health Care Quality Indicators-Projekt der OECD Todesfälle innerhalb von 30 Tagen nach akutem Myokardinfarkt (Sterblichkeitsrate bei stationärer Behandlung; in % aller Fälle) 14,0 12,0 12,0 11,9 11,8 11,8 11,1 10,7 10,5 10,3 10,0 9,3 9,2 8,0 8,4 8,3 8,1 8,0 7,6 6,0 6,4 6,4 5,4 4,0 2,0 0,0 Österreich (2004) Deutschland (1999) Portugal (2005) Großbritannien ( ) Finnland (2005) Irland (2003) Japan (2005) Spanien (2004) Kanada (2005) Italien (2004) Niederlande (2005) Schweden (2005) Schweiz (2005) Norwegen (2005) Frankreich (2005) Dänemark (2005) Australien (2005) Neuseeland (2006)

13 Befragungen der EU-Kommission Anteil der Befragten, die die Qualität der Krankenhausversorgung als gut bewerten (in %) Belgien Österreich Schweden Finnland Niederlande Dänemark Frankreich Spanien Luxemburg Deutschland Großbritannien Irland Italien Portugal Griechenland

14 These 5: Die niedergelassenen Ärzte in Deutschland klagen zu Recht aber über das Falsche Deutschlands Ärzte werden im internationalen Vergleich ordentlich bezahlt Sie versorgen mehr Patienten als in anderen Ländern in jeweils deutlich kürzerer Zeit und verbringen mehr Zeit mit Bürokratie Aber sie verfügen auch mit über die schlechteste EDV-Ausstattung, die wenigsten Mitarbeiter und sind selten in Gemeinschaftspraxen tätig

15 Ambulante Versorgung Vergütung von Hausärzten im internationalen Vergleich in US-$ KKP, selbständig angestellt Irland Großbritannien USA Luxemburg Niederlande Deutschland Kanada Schweiz Österreich Frankreich Australien Belgien Schweden Finnland

16 Ambulante Versorgung Vergütung von Fachärzten im internationalen Vergleich in US-$ KKP, selbständig angestellt Niederlande Belgien Luxemburg USA Australien Österreich Kanada Irland Frankreich Großbritannien Deutschland Schweiz Dänemark Neuseeland Finnland Norwegen Schweden Griechenland Portugal

17 Ambulante Versorgung Arbeitsbelastung und Zahl der Patientenkontakte ambulant tätiger Ärzte laut eigener Angabe (2006) Deutsc hland Australien Kanada Niederl ande Neuseel and Großbri tannien USA Durchschnittliche Wochenarbeitszeit in Stunden, davon für: 50,6 39,9 44,9 48,1 41,5 45,1 45,9 persönlichen Kontakt 31,4 31,2 32,5 31,1 29,4 28,6 32,5 Tätigkeit für Patienten ohne Kontakt 6,0 4,1 5,8 6,0 6,5 7,8 6,8 Qualitätsverbesserung 5,4 2,0 2,6 3,1 2,3 3,3 2,4 Verwaltung, Dokumentation, Rechnungen, Finanzen 6,8 1,5 2,0 4,8 1,9 3,4 2,3 andere Praxistätigkeiten 1,2 1,1 2,1 2,9 1,5 2,0 2,0 Zahl der Patientenkontakte pro Woche Durchschnittliche Zeit pro Patientenkontakt (Minuten) ,8 14,6 16,0 13,2 15,8 11,1 19,1

18 These 6: Der Krankenhaussektor ist nicht der Kostentreiber des deutschen Gesundheitssystems Deutschland verfügt zwar im internationalen Vergleich mit über die höchsten Bettenkapazitäten und die höchste Verweildauer Die stationäre Akutversorgung ist zwar der größte Ausgabenblock, aber Deutschland gibt im internationalen Vergleich relativ wenig für die stationäre Versorgung aus Ein Vergleich von Fallzahlen und Kosten zeigt: Die Kliniken sind relativ effizient Das ist auch das Ergebnis einer im internationalen Vergleich geringen Personalausstattung

19 Stationäre Versorgung Akutbetten in der stationären Versorgung je Einwohner, 1990 und ,0 12,0 12,3 10,0 8,0 8,2 7,5 7, ,0 6,1 5,7 5,2 5,2 6,5 6,2 4,0 4,4 4,3 3,9 4,1 4,3 4,4 3,7 3,6 3,5 3,5 4,3 4,1 3,8 3,4 4 3,2 3,7 3,6 3,1 3,0 2,9 2,9 2,8 2,7 2,7 2,7 2,6 2,5 4,1 2,0 2,1 0,0 Japan Österreich Deutschland Luxemburg Belgien Griechenland Finnland Frankreich Australien Schweiz Italien Niederlande Dänemark Norwegen Portugal Kanada Irland USA Großbritannien Spanien Schweden

20 Stationäre Versorgung Ausgaben für stationäre Behandlung in % der gesamten Gesundheitsausgaben, ,0 50,0 48,2 46,8 46,2 40,0 40,1 39,3 39,0 38,9 38,2 37,5 37,2 35,9 35,5 35,4 33,4 33,2 30,0 29,9 29,7 28,8 20,0 10,0 0,0 Japan Schweden Dänemark Australien Neuseeland Spanien Österreich Norwegen Portugal Niederlande Finnland Frankreich Schweiz Luxemburg USA Belgien Deutschland Kanada

21 Stationäre Versorgung Krankenhausausgaben je Fall in US-$ KKP (2006) USA Niederlande Kanada Japan Luxemburg Schweiz Schweden Norwegen Spanien Dänemark Australien Portugal Neuseeland Belgien Deutschland Finnland Österreich Frankreich

22 Stationäre Versorgung Personal in der stationären Akutversorgung pro Bett 6 5,4 5 4,86 4 4,3 3,9 3,85 3,81 3,75 Personal ingesamt Pflegekräfte 3,49 3,17 3 2,9 2,57 2,47 2,22 2,1 2, ,56 1,75 1,5 1,39 1,3 1,74 1,6 0,94 0,87 0,82 0,92 0,77 1,81 1,12 1,73 0,58 0 USA Norwegen Kanada Irland Schweiz Dänemark Spanien Niederlande Italien Australien Griechenland Luxemburg Österreich Belgien Deutschland Portugal Frankreich

23 These 7: Die Deutschen schätzen ihr Gesundheitssystem nur, wenn man sie richtig fragt Vergleichende Umfragen zeigen: Die Deutschen beurteilen ihr Gesundheitssystem kritischer als die meisten anderen EU-Bürger ABER: Wenn man anders fragt, erhält man andere Ergebnisse

24 8 Befragungen der EU-Kommission Bewertung des eigenen Gesundheitssystems (Mittelwert auf einer Skala von 0 = "äußerst schlecht" bis 10 = "äußerst gut") 7 7,2 7,1 6,9 6,5 6,4 6 5,8 5,8 5,6 5,4 5,2 5,1 5 4,8 4,7 4 4,1 3, Belgien Luxemburg Finnland Österreich Dänemark Frankreich Spanien Niederlande Großbritannien Schweden Italien Griechenland Deutschland Irland Portugal

25 Befragungen der EU-Kommission Grad der Zufriedenheit mit der Gesundheitsversorgung im eigenen Land (Anteil der Zufriedenen in % aller Befragten) Frankreich Österreich Belgien Deutschland Finnland Niederlande Schweden Spanien Großbritannien Dänemark Luxemburg Irland Italien Portugal Griechenland Frage: Aus welchem der folgenden Gründe würden Sie nicht ins Ausland reisen, um eine medizinische Behandlung zu erhalten? Antwortmöglichkeit: Ich bin mit der Gesundheitsversorgung zufrieden, die ich hierzulande erhalten kann.

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