DGPPN Hauptstadtsymposium Berlin

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1 Verhaltenssüchte DGPPN Hauptstadtsymposium p Berlin Prof. Dr. med. Karl Mann Lehrstuhl für Suchtforschung Zentralinstitut tit t für Seelische Gesundheit Mannheim

2 Fallvignette Spielsucht Herr L., 38 Jahre alt. Mittlere Reife, Versicherungskaufmann, Außendienst. Seit 5,5 Jahren gleiche Firma. Seit 13 Jahren verheiratet, zwei Kinder (Söhne 11 und 9 Jahre alt), Familie lebt zur Miete in einer kleinen Wohnung. Spielen von Geldspielautomaten seit 7 Jahren. Bisher habe er keine Schulden machen müssen, sein Dispokredit sei jedoch meist überzogen gewesen ( ). Wennesnötig gewesen sei hätten auch seine Eltern oder Schwiegereltern das Konto immer wieder ausgeglichen. Herr L. habe während der Arbeit immer größere Pausen eingeplant, habe eigentlich nur von Montag bis Freitag während der Arbeitszeit gespielt. Er habe am Wochenende nicht gespielt, sei jedoch während er mit seinen Kindern gespielt habe, gedanklich häufig abgelenkt gewesen und habe an den "blinkenden Automaten" gedacht. Die hohen Kontoabbuchungen habe er seiner Frau mit Spesen und Geschäftsessen erklärt. Insgesamt etwa in den letzten Jahren verspielt, zuletzt monatlich Das Geld habe dank der Hilfe der Eltern immer ausgereicht, um die notwendigen Dinge zu bezahlen.

3 Fallvignette Spielsucht Verzicht auf viele Anschaffungen. Urlaube seien nicht möglich gewesen und auch ein Eigenheim, was ihr Traum gewesen sei, sei nicht realisierbar gewesen. Die Familie lebe nun sehr beengt in einer zu kleinen Wohnung. In den letzten Monaten habe er mehrfach Geld von seiner Frau, seinen Kindern und seiner Mutter entwendet (jeweils ). Seine Frau habe dabei den ältesten Sohn verdächtigt. Beide Elternteile hätten sich Gedanken gemacht, ob der Sohn möglicherweise in der Schule erpresst werde oder ob er Geld für Drogen ausgebe. Es wurden zunächst Konsequenzen gegenüber dem Sohn vereinbart und Gespräche mit den Lehrern geführt. Drei Wochen vor Kontaktaufnahme zur Ambulanz habe er sich seiner Frau offenbart. Es sei sehr entlastend für ihn, dass er nun seine Frau und auch seine Mutter informiert i habe. Andererseits habe ernunoft ein schlechtes ht Gewissen, wenn es darüber nachdenke, was sich die Familie mit dem verlorenen Geld hätte leisten könne. Seither kontrolliere seine Frau die Finanzen, er habe keine EC-Karte mehr, sie zähle das Geld ab, das er mitnehme.

4 Diagnostische Kriterien für Spielsucht (DSM 5 geplant) gp 1. oft mit dem Spielen beschäftigt 2. muss mit steigendem Einsatz spielen um die gewünschte Erregung zu erzielen 3. wiederholt erfolglose Versuche zu reduzieren oder auf zu hören 4. unruhig und reizbar beim Versuch zu reduzieren oder auf zu hören 5. spielt um Probleme zu verdrängen oder dysphorische Stimmung zu beseitigen (Hilflosigkeit, Schuldgefühl, Angst, Depression) 6. nach Verlusten vermehrtes Spielen, um Geld zurück zu holen ( chasing ) 7. belügt die Umgebung über den Grad der Verstrickung und um kriminelle Akte zur Geldbeschaffung zu verbergen 8. hat Beziehungen, Arbeit, Berufschancen aufs Spiel gesetzt 9. braucht häufig andere, um ihn/sie aus finanziellen Schwierigkeiten zu befreien Diagnose wird ab vier Kriterien gestellt

5 Diagnostische Merkmale für Pathologisches Spielen und Substanzabhängigkeit

6 Fallvignette Spielsucht: Befunde und Therapie Im Verlauf regelmäßiger Kontakt zu unserer Ambulanz mit 30minütigen Terminen alle 2 Wochen sowie regelmäßige Teilnahme an einer ärztlich und psychologisch geleiteten Gruppe für Pathologische Spieler (8-12 Til Teilnehmer). Reduktion der drängenden spiel-assoziierten Gedanken, Besserung der zu Beginn leichten depressiven Symptomatik sowie langsamer Aufbau alternativer Aktivitäten (Joggen, Freizeitgestaltung mit Kindern). Bei einem Paargespräch wird der Ehefrau die Erkrankung erklärt. Die Beziehung erscheint supportiv, jedoch zeigt es sich, dass die Frau durch die große Belastung (v.a. der Vertrauensverlust nach 10 Jahren Verheimlichung) an einer mittelgradigen depressiven Episode leidet. Der Patient hat aufgrund seines großen Zeitaufwandes beim Spielen nicht die geforderte Leistung am Arbeitsplatz bringen können.

7 Fallvignette Spielsucht: Verlauf Nach 6 Monaten Spielfreiheit konnte der Patient seine Leistungen auf das Doppelte des vorherigen Quartals steigern, die Anstellung erscheint zumindest mittelfristig sicher. Die Beziehung und die Kinder profitieren von der Ausgeglichenheit des Vaters. Die EC-Karte wird immer noch von der Frau kontrolliert, t ebenso werden die Finanzen gemeinsam besprochen. Bisher einmalig starkes Spielverlangen bei einem Kundenbesuch und direkter Konfrontation mit einem Spielautomaten. Nach Verlassen der Situation sei dieses Verlangen jedoch schnell wieder abgeklungen. Geplant ist weiter ein regelmäßiger ambulanter Kontakt für einige Wochen, danach eine Fortführung mit größeren Abständen. Der Patient beabsichtigt, weiter an der ambulante Spieler-Gruppe g p pp teilzunehmen.

8 Kandidaten für Verhaltenssüchte Pathologisches Glücksspiel Pathologischer Computer- und Internetgebrauch Pathologisches Kaufen Exzessives Sexualverhalten Aspekte der Adipositas

9 ICD 11 Working Group: Substance related and Addictive Disorders Afrika: Neo Morojele, Asien: Sawitri Assanangkornchai, Rajat Ray (Chair), Wei Hao Afarin Rahimi-Movaghar Australien: John Saunders Europa: Miguel Casas, Karl Mann Nord-Amerika: Thomas Babor Süd-Amerika: Marina Piazza

10

11 Prävalenzschätzungen (international) Exzessives Sexualverhalten: ca. 3-6% Pathologisches Kaufen: ca. 5-8 %

12 Pathologisches Kaufen: pro Verhaltenssucht Unwiderstehlicher Kaufdrang im Sinne eines Cravings Kontrollverlust über den Warenkonsum Fortführung der Kaufexzesse trotz weitreichender negativer Folgen (psychische, h berufliche, soziale Probleme, Verschuldung, Straffälligkeit) it) Zu Beginn stehen positive Verstärkungsprozesse im Vordergrund, während im Krankheitsverlauf negative Verstärkungsprozesse eine bedeutende Rolle spielen

13 Pathologisches Kaufen: kontra Verhaltenssucht Gefahr der Pathologisierung g von unangemessenen Kaufgewohnheiten Unangemessenes Kaufen als Folge eines defizitären Umgangs mit Geld Kaufverhalten wird auch von Konsummöglichkeiten und Marketingstimuli bestimmt Inflationäre Verwendung des Suchtbegriffs

14 Exzessives Sexualverhalten: Pro Argumente Sexsucht beschreibt das Selbsterleben vieler Betroffener und wird von diesen auch selbst verwendet Hohe Komorbiditätsrate zu den Suchtstörungen Modell spiegelt sich in therapeutischen wie auch in Selbsthilfekonzepten als theoretische Grundlage

15 Exzessives Sexualverhalten: Kontra Argumente Signifikanter Anteil der Betroffenen zeigt keine sucht- oder suchtähnlichen Verhaltensweisen Entzugssymptome oder Toleranzentwicklung fraglich Gefahr der übermäßigen Ausweitung eines pauschal verwendeten Suchtbegriffs Der Begriff der dysregulierten Sexualität beschreibt exzessives Verhalten und entspricht damit dem Kern des Phänomens und dem Erleben der meisten Betroffenen Nähe zu den Paraphilien wird durch das Modell nicht abgebildet

16 Exzessives Sexualverhalten: Fazit Derzeit lässt sich keine eindeutige Entscheidung pro oder kontra Zuordnung zum Suchtmodell treffen. Sowohl in klinischen wie in Bevölkerungsstichproben zeigen einige, aber nicht alle der Betroffenen Suchtaspekte. Sind Suchtaspekte vorhanden, scheint es sich um einen besonderen Schweregrad der Symptomatik, einen hohen Leidensdruck und einen ungünstigen Verlauf zu handeln.

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