Bildungsverläufe ins Erwerbsleben

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1 Pädagogische Hochschule Nordwestschweiz Prof. Dr. Markus P. Neuenschwander Bildungsverläufe ins Erwerbsleben 1. Einführung 2. Schwierigkeiten beim Übergang - Durchlässigkeit - Bildungsziele und Selektion - Zeitfaktor 3. Schlussfolgerungen 1. Einführung! Geringe Durchlässigkeit zwischen Schultypen in S-I, Motivationseinbruch im 9. Schuljahr, Lehrstellenknappheit, geringe Koordination zwischen Volksschule und Berufsbildung sind Herausforderungen an Jugendliche, Schulen und Bildungspolitik.! Jugendliche bereiten sich in der Sekundarstufe I auf die Berufsbildung vor, indem sie curriculares Wissen erwerben und ihre beruflichen Interessen in der Auseinandersetzung mit Fachinhalten differenzieren.! Eltern bilden die wichtigsten Bezugspersonen im Berufswahl- und Übergangsprozess. Sie initiieren und begleiten den Berufswahlprozess, beraten bei Berufswahlstrategien und unterstützen die Jugendlichen emotional vor und nach dem Übergang. 29. Januar 2009 Prof. Dr. Markus Neuenschwander 2 1

2 Bildungsverläufe! Bildungsinstitutionen in S-II sind offen und erlauben vielfältige Wege. Gleichwohl sind Bildungsverläufe früh determiniert.! Bildungsverläufe definieren die Startbedingungen der beruflichen Karriere. Viele Menschen wechseln in ihrem Leben den Beruf, wenige das Berufsfeld.! Bildungsverläufe werden durch aktiv gestaltende Jugendliche im Rahmen vorgegebener institutioneller Regulierungen bestimmt.! Eine misslungene berufliche Integration birgt die Risiken der Arbeitslosigkeit, des Suchtmittelkonsums, der Delinquenz sowie einer ungünstigen Selbstkonzept- und Motivationsentwicklung. 29. Januar 2009 Prof. Dr. Markus Neuenschwander 3 Unser Projekt Im Forschungsprojekt Familie-Schule-Beruf (FASE B) werden die Lernkontexte Jugendlicher beim Übergang von der Schule in den Beruf in der Schweiz und international vergleichend untersucht. 29. Januar 2009 Prof. Dr. Markus Neuenschwander 4 2

3 Schulzufriedenheit beim Übergang in die Sekundarstufe II 4 Schulzufriedenheit Übertritt in die Berufsbildung Übertritt ins Gymnasium Übertritt in Zj/Erwerb 1 Anfang 9. Sj Ende 9. Sj. Nach Übertritt 29. Januar 2009 Prof. Dr. Markus Neuenschwander 5 2. Schwierigkeiten beim Übergang in die S-II! Klagen der Lehrbetriebe über ungenügende Ausbildungsbereitschaft der Jugendlichen.! Belastungen beim Übergang für Jugendliche (Bewerbungsabsagen, Angst vor Veränderungen, höhere Leistungsanforderungen, neue Freundschaften)! Risikogruppen: Migrant/-innen, Schultyp mit Grundansprüchen/Kleinklassen, Unterschicht, Landbevölkerung " Drei Problemfelder 29. Januar 2009 Prof. Dr. Markus Neuenschwander 6 3

4 Problemfeld 1: Durchlässigkeit zwischen Schultypen Die Durchlässigkeit zwischen den Schulniveaus ist gering. Kanton Zürich Oberstufe: ca. 4% - 6%, je nach Oberstufenmodell, in beide Richtungen Kanton Zürich Gymnasium: Wechsel Gymnasium" Berufsschule: ca. 5% "Während Übergängen können Ausbildungsniveaus eher gewechselt werden. "Schultyp beeinflusst wesentlich Wahl der Anschlusslösung nach der Volksschule. 29. Januar 2009 Prof. Dr. Markus Neuenschwander 7 Sek-B Quote nach Kanton (2003) 29. Januar 2009 Prof. Dr. Markus Neuenschwander 8 4

5 Problemfeld 2: Bildungsziele! Ziele der Volksschule sind breit und nur teilweise berufsbezogen. Ziele der Volksschule und Ansprüche der Berufsbildung korrespondieren nur teilweise.! Volksschullehrpersonen verfolgen curriculare, schulimmanente Bildungsziele. Jugendliche möchten in der Volksschule primär auf das Erwerbsleben vorbereitet werden. 29. Januar 2009 Prof. Dr. Markus Neuenschwander 9 Beispiel: Lehrlingsselektion! Welches sind Selektionskriterien von Berufsbildenden in den Branchen Handel, Wirtschaft und Verwaltung, Baugewerbe?! Lizentiatsarbeit von Nathalie Wismer: Befragung von 273 Berufsbildenden in den Kantonen Bern und Luzern (Winter 2008). 29. Januar 2009 Prof. Dr. Markus Neuenschwander 10 5

6 Ergebnis! Überfachliche Kompetenzen sind in der Lehrlingsselektion wichtiger als fachliche Kompetenzen (gilt v.a. für KMU)!! Schulische Leistungen erlauben aber Prognosen, ob die Anforderungen der Berufsfachschulen erfüllt werden können. 29. Januar 2009 Prof. Dr. Markus Neuenschwander 11 Problemfeld 3: Zeitfaktor! Im internationalen Vergleich muss die Berufswahl in der Schweiz sehr früh erfolgen.! Verzögerungen im Berufswahlprozess führen zu erheblichen Benachteiligungen bei Lehrstellensuche.! Es entsteht ein Bedarf nach Brückenangebote. 29. Januar 2009 Prof. Dr. Markus Neuenschwander 12 6

7 Risikosituation 86% der Jugendlichen ohne Anschlusslösung und ohne berufliche Perspektive 2-3 Monate vor Ende der Volksschule (9. Sj) setzen ihre Ausbildung nicht oder nur verzögert fort. " Risikosituation 29. Januar 2009 Prof. Dr. Markus Neuenschwander 13 Früherkennung I von gefährdeten Jugendlichen (Checkliste) 1. Entscheidungsstand - diffuse berufliche Vorstellungen - noch keine Entscheidung für ein Berufsfeld, eine Branche oder einen Beruf 2. Familiärer Hintergrund - übermässiger Zusammenhalt in der Familie - geringe Unterstützung durch die Eltern 29. Januar 2009 Prof. Dr. Markus Neuenschwander 14 7

8 Früherkennung II 3. Schulische Leistungen - Schulabschluss auf Niveau Grundansprüche - knapp genügende schulische Noten 4. Bewältigungsverhalten - Problemen wird ausgewichen - auf Belastungen wird emotional reagiert 29. Januar 2009 Prof. Dr. Markus Neuenschwander 15 Früherkennung III 5. Berufswahlstrategien - Berufe aus sehr unterschiedlichen Branchen und Berufsfeldern werden noch immer in Betracht gezogen - Berufe mit sehr unterschiedlichen Anforderungsprofilen werden noch immer ernsthaft geprüft 6. Strategien bei Lehrstellensuche - Fehlende Flexibilität bei der Lehrstellensuche - Fixierung auf einen Beruf trotz wiederholter Absagen 29. Januar 2009 Prof. Dr. Markus Neuenschwander 16 8

9 Fazit! Kernproblem bildet die Rigidität des institutionell festgelegten Übertrittszeitpunkts, welcher individuellen Abweichungen kaum Raum lässt und zu Motivationsproblemen im 9. Sj. führt. " Reorganisation 9. Sj., Brückenangebote, Flexibilität des Lehreintritts/Mittelschulbeginns. 29. Januar 2009 Prof. Dr. Markus Neuenschwander Reguläre und riskante Bildungsverläufe Bereits vor dem Übergang in die Sek I wird der Berufswahlprozess in der Familie vorbereitet. Günstig für Kompetenzen und Bildungsverläufe sind: - hohe Bildungsaspirationen der Eltern - kognitive Stimulation - Autonomie in der Familie - autoritativer Erziehungsstil 29. Januar 2009 Prof. Dr. Markus Neuenschwander 18 9

10 Ergebnisse 1. Bildungsaspirationen von Eltern (6. Sj) beeinflussen die Entscheidung Gymnasium vs. Berufsbildung noch stärker als schulische Leistungen (Trefferquote: 77%). 2. Lehrpersonen können insbesondere Kinder mit Migrantenbiografie im Berufswahlprozess unterstützen! 3. Die langfristig bedeutsamen Determinanten von Bildungsverläufen konnten in USA repliziert werden " Universalität. 29. Januar 2009 Prof. Dr. Markus Neuenschwander 19 Erwartungswidrige Übergänge! Erwartungswidrige Übergänge (Abstieg) nach Volksschulabschluss führen zu Drop-out! Hauptgründe sind individueller Art: geringe schulische Selbstwirksamkeitserwartung und ausserschulische Interessen der Jugendlichen 29. Januar 2009 Prof. Dr. Markus Neuenschwander 20 10

11 Fazit! Neben berufswahlorientierten Unterstützungsangeboten für alle braucht es spezifische Angebote für Jugendliche, deren berufliche Integration gefährdet ist. " Früherkennung und intensive Intervention ab 7. Schuljahr (psychotherapeutisch, Einbezug der Eltern, Schulsozialarbeiter, Lehrpersonen, Berufsberater). 29. Januar 2009 Prof. Dr. Markus Neuenschwander 21 Schlussfolgerungen: Was hilft gefährdeten Jugendlichen?! Risikogruppen (ca. 5-10%) haben multiple Belastungen (vgl. Checkliste) und benötigen früh intensive persönliche Unterstützung (ab 7. Sj., Case management Berufsbildung, aber kein negatives labeling!).! Persönliche Bezugspersonen von Jugendlichen mit hohem Engagement (Eltern, Lehrpersonen, Berufsbildner, private Bezugsperson) helfen wirksam.! Schlüsselqualifikationen sind neben schulischen/beruflichen Kompetenzen für einen S-II-Abschluss zentral. 29. Januar 2009 Prof. Dr. Markus Neuenschwander 22 11

12 Vielen Dank! Literatur zum Projekt FASE B Herzog, W., Neuenschwander, M. P., & Wannack, E. (2006). Berufswahlprozess. Wie sich Jugendliche auf ihren Beruf vorbereiten. Bern: Haupt. Neuenschwander, M. P., Gasser, L., & Frey, M. (2007). Übergang in die Sekundarstufe II und Wirkungen der Berufsbildung. Zürcher Ergänzungsstudie Berufsbildung - Schlussbericht. Zürich: Jacobs Center for Productive Youth Development, Universität Zürich. Neuenschwander, M. P. (2007). Bedingungen und Anpassungsprozesse bei erwartungswidrigen Bildungsverläufen. In T. Eckert (Ed.), Übergänge im Bildungswesen (pp ). Münster: Waxmann. Neuenschwander, M. P. (2007). Übergang in die Sekundarstufe II: Probleme, Befunde, Massnahmen. Retrieved Neuenschwander, M. P. (2007). Wie Schule und Familie die Berufswahl beeinflussen. Panorama(4), Neuenschwander, M. P. (2008). Elternunterstützung im Berufswahlprozess. In D. Läge & A. Hirschi (Eds.), Berufliche Übergänge: Psychologische Grundlagen der Berufs-, Studien- und Laufbahnberatung (pp ). Zürich: LIT- Verlag. 29. Januar 2009 Prof. Dr. Markus Neuenschwander 24 12

13 Literatur zum Projekt FASE B Neuenschwander, M.P. (2005). Unterrichtssystem und Unterrichtsqualität. Bern: Haupt. Neuenschwander, M. P., et al. (2005). Schule und Familie - was sie zum Schulerfolg beitragen. Bern: Haupt. Neuenschwander, M. P., Vida, M., Garrett, J., & Eccles, J. S. (2007). Parents' expectations and students' achievement in two western nations. International Journal of Behavioral Development, 31(5), Neuenschwander, M. P. & Goltz, S. (2008). Familiäre Bedingungen von Schülerleistungen: Ein typologischer Ansatz. Psychologie in Erziehung und Unterricht, 55, Neuenschwander, M. P., Lanfranchi, A. & Ermert, C. (2008). Spannungsfeld Schule - Familie. In: Eidgenössische Kommission für Familienfragen (Ed.), Familie, Erziehung und Bildung. Bern: EDMZ. 29. Januar 2009 Prof. Dr. Markus Neuenschwander 25 13

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