GIS as a Service / Prozessoptimierung bei organisationsübergreifenden Arbeitsabläufen in Verwaltungen

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1 186 GIS as a Service / Prozessoptimierung bei organisationsübergreifenden Arbeitsabläufen in Verwaltungen Nikolaus GRÄSSLE 1 und Stefan ZIEGLER 2 Amt für Geoinformation des Kantons Bern 1 / Solothurn 2 Zusammenfassung Behördenverbindliche Datensätze (Geobasisdatensätze) gibt es wie Sand am Meer. Die Anzahl der beteiligten Stellen und der eingesetzten Werkzeuge zur Qualitätssicherung sind ebenfalls sehr groß. Unter diesen Voraussetzungen können kaum standardisierte und homogene Geobasisdatensätze entstehen. Dies behindert stark den Aufbau von nationalen Geobasisdateninfrastrukturen. Der nachfolgende Artikel beschreibt die Möglichkeiten zur Schaffung von einheitlichen visuellen Prüfinstrumenten für Geobasisdatensätzen in der Verwaltung. Am Beispiel einer Verifikationsfachschale für Daten der amtlichen Vermessung wird die konkrete Umsetzung dokumentiert. Hintergrund In der Verwaltung hat die Bedeutung von Geografischen Informationssystemen (GIS) in den letzten Jahrzehnten stetig zugenommen. Die Prozesse in den raumbezogenen Aufgabengebieten wie z. B. Raumplanung, Vermessungswesen, Klima und Meteorologie oder Naturschutz / Naturgefahren wurden durch den Einsatz dieser modernen Systeme starken Veränderungen unterzogen. Dieses Phänomen ist nicht nur auf den Geobereich beschränkt. Staatliche Leistungen entstehen häufig durch die Zusammenarbeit von mehreren Stellen und über Verwaltungsebenen bzw. Organisationsgrenzen hinweg. Die jeweiligen Geschäftsprozesse unterlagen in den letzten Jahrzehnten durch das Aufkommen der Informations- und Kommunikationstechnik großen Veränderungen. Die Informatikinfrastrukturen haben sich allerdings in den unterschiedlichen Organisationseinheiten heterogen entwickelt und erschweren dadurch die Zusammenarbeit der staatlichen Stellen bei der Leistungserbringung. Die E-Government-Strategie Schweiz (2007) hält dazu fest: In den letzten Jahren wurden in den Verwaltungen viele, auch teure Applikationen, mehrfach entwickelt, das Rad wurde wiederholt erfunden.... Da in den meisten Verwaltungsstellen dieselben oder ähnliche Prozesse zur Erbringung der Leistungen ablaufen, drängt sich beim Einsatz von Informatiklösungen ein Vorgehen nach dem Prinzip einmal entwickeln mehrmals anwenden auf. Durch Standardisierung und gemeinsame Lösungen lassen sich die Kosten erheblich reduzieren und erst noch die Benutzerfreundlichkeit verbessern. Strobl, J., Blaschke, T., Griesebner, G. & Zagel, B. (Hrsg.) (2014): Angewandte Geoinformatik Herbert Wichmann Verlag, VDE VERLAG GMBH, Berlin/Offenbach. ISBN Dieser Beitrag ist ein Open-Access-Beitrag, der unter den Bedingungen und unter den Auflagen der Creative Commons Attribution Lizenz verteilt wird (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/).

2 Prozessoptimierung bei organisationsübergreifenden Arbeitsabläufen in Verwaltungen 187 In den letzten Jahren wurden in der Schweiz zahlreiche Projekte lanciert, die primär Erleichterungen im Geschäftsverkehr von Bürgern / Unternehmen zu den Behörden im Fokus haben. Konkrete Vorhaben zur Umsetzung werden von einem Steuerungsausschuss verabschiedet und in den Katalog der priorisierten Vorhaben aufgenommen. Kriterien für die Aufnahme in den Katalog sind unter anderem: Zur Erarbeitung bzw. Umsetzung der Leistung ist eine übergeordnete Koordination nötig. Die Leistung ist nicht nur für eine spezifische Branche/Personengruppe relevant (Anzahl potenzieller Nutzer) und die Leistung wird häufig in Anspruch genommen. In der Periode 2011 bis 2016 werden insgesamt 20 Projekte umgesetzt, die mehrheitlich den Geschäftsverkehr zwischen Bürgern bzw. Unternehmen zu den Behörden erleichtern sollen (z. B. elektronischer Grundbuchauszug, elektronische Steuererklärung oder Zugang zu Geobasisdaten und interaktive Kartenanwendungen). Um diese Projekte überhaupt umsetzen zu können, müssen noch einige Voraussetzungen geschaffen werden. Eine dieser Voraussetzungen ist die Cloud-Computing-Strategie Schweiz (Cloud-Computing-Strategie der Schweizer Behörden 2012), die ab Mitte 2014 umgesetzt werden soll. În Deutschland trat im Sommer 2013 das E-Government-Gesetz in Kraft (Gesetz zur Förderung der elektronischen Verwaltung 2013). Auch dabei steht hauptsächlich der Geschäftsverkehr mit den Behörden im Fokus (D -Zugang, elektronische Publikation, Open Data,...) In Österreich wurde bereits 2004 das E-Government-Gesetz erlassen (Bundesgesetz über Regelungen zur Erleichterung des elektronischen Verkehrs mit öffentlichen Stellen). Der Fokus dieses Gesetzes liegt hauptsächlich auf der elektronischen Kommunikation. Die darauf aufbauende Strategie hält in der Zielsetzung (Zielsetzung der E-Government- Strategie Österreich) des 2. Teiles (Verfahren und Methoden in der Verwaltung) fest: Die enge Kooperation zwischen den Behörden auf allen Ebenen führt zu wertvollen Synergien auf allen Ebenen. Infrastrukturen können gemeinsam genutzt und anfallende Arbeit und Kosten aufgeteilt werden. Ein koordiniertes Vorgehen bei der Entwicklung von einzelnen Verfahrensschritten trägt dazu bei, Doppelgleisigkeiten und Insellösungen zu vermeiden. Das Bundesvorgehensmodell zur Modellierung von IT gestützten Verwaltungsverfahren (IT-BVM) ist dafür ein geeignetes, qualitätssicherndes Werkzeug. Mit wurde ein gemeinsames Geodatenportal der Länder geschaffen. Über Aktivitäten im Bereich Qualitätssicherung von Geodaten im Rahmen von E-Government konnte nichts in Erfahrung gebracht werden. Rückblickend auf den Zeitraum 2007 bis 2013 lässt sich festhalten: 1. Die Projekte im Bereich E-Government zielen zunächst auf den größten Nutzen für möglichst viele Betroffene (z. B. elektronische Steuererklärungen). 2. Erleichterungen bei verwaltungsinternen Prozessen werden parallel geschaffen, wenn diese einem Hauptziel aus dem vorhergehenden Punkt dienen (z. B. Open Government Data als Grundlage für den elektronischen Grundbuchauszug). 3. Alle Projekteingaben werden zentral beurteilt. Das System folgt einem strikten Topdown-Ansatz.

3 188 N. Grässle und S. Ziegler Problemanalyse In den meisten europäischen Ländern existieren Hunderte von Geodaten, die auf Gesetzen, Verordnungen oder anderen Vorschriften beruhen. Bei einem föderalen Staatsaufbau sind die Zuständigkeiten zu diesen sogenannten Geobasisdaten auf die verschiedenen Verwaltungsebenen (z. B. Bund, Länder und Gemeinden) aufgeteilt. Aufgrund der Vorgaben in den zugrunde liegenden Rechtsnormen (Datenmodelle, Erfassungsrichtlinien,...) ist die Struktur der Geodaten für den Geltungsbereich der Rechtsnormen nahezu identisch. Geografische Informationssysteme kommen dabei sowohl bei der Erfassung, Bearbeitung, Verwaltung bzw. Qualitätskontrolle als auch bei der Prüfung/Abnahme der Geodaten zum Einsatz. Die verschiedenen Verwaltungseinheiten sind häufig unabhängig voneinander, sodass die Geoinformationssysteme unterschiedlichster Hersteller mit themenbezogenen Fachschalen für identische Aufgaben zum Einsatz kommen. Die Nutzung von Synergieeffekten auf der gleichen Verwaltungsebene (z. B. Datenerfassung) oder zwischen zwei Verwaltungsebenen (z. B. Datenprüfung und Qualitätskontrolle) wird dadurch erschwert. Abb. 1: Mögliche Aufteilung der Datenerfassung und Kontrolle eines Geobasisdatensatzes auf sechs Organisationseinheiten / Verwaltungsstellen Die Analyse der Geobasisdaten im Kanton Zürich (ZH) verdeutlicht diese Problematik. Dort existieren aufgrund der verschiedenen Rechtsvorschriften mindestens 350 Geobasisdatensätze. Die Datenprüfungen teilen sich ca. 25 Stellen in den Verwaltungen des Bundes bzw. des Kantons Zürich. Über 100 Behörden bzw. beauftragte Stellen sind für die Erfassung und Nachführung der Geodaten verantwortlich. Abb. 2: Statistischer Auszug aus dem Geobasisdatenkatalog des Kantons Zürich (Quelle:

4 Prozessoptimierung bei organisationsübergreifenden Arbeitsabläufen in Verwaltungen 189 Bei Nachführungen von Geobasisdatensätzen muss immer eine Qualitätskontrolle stattfinden. Bei umfangreichen Änderungen findet zusätzlich eine Prüfung und Abnahme der Aufsichtsbehörde statt. Standardisierte Datenmodelle erleichtern den Einsatz von automatisierten, über das Internet zugänglichen Prüfroutinen (Ein Beispiel ist der CheckService der Firma infogrips). Pro Geobasisdatensatz müssen solche Automaten nur einmal entwickelt und zur Verfügung gestellt werden. Für bestimmte Fragestellungen und Plausibilitätsprüfungen müssen die Daten visualisiert und von einer Fachperson begutachtet werden. Für komplexe Geobasisdatensätze werden dazu eigene Verifikationsfachschalen zur Datenprüfung entwickelt. Dies führt zu folgenden Nachteilen: Hohe Kosten für den Staat (Steuerzahler), da pro eingesetztes GIS eigene Verifikationsfachschalen entwickelt und gepflegt werden müssen. Die unterschiedlichen Verifikationsfachschalen liefern unterschiedliche Ergebnisse. Dies kann zu Diskussionen, Projektverzögerungen und (im schlimmsten Fall) zu einer Beeinträchtigung der Zusammenarbeit führen. Die Datenhomogenität kann aufgrund der unterschiedlichen Ergebnisse nicht gewährleistet werden. Lösungsansatz Eine gemeinsame Verifikationsfachschale pro Geobasisdatensatz wäre im Sinne der E- Government-Strategie der Schweiz. Leider ist die Anzahl der Nutzer zu gering, als dass dies in den nächsten Jahren in den Katalog der priorisierten Vorhaben aufgenommen werden könnte. Behörden, die diese Entwicklung in Eigeninitiative vorantrieben wollen, müssen folgende Aspekte berücksichtigen: Geografische Informationssysteme sind innerhalb der einzelnen Behörden häufig eine Konzernapplikation. Der Betrieb eines zusätzlichen GIS innerhalb der IT-Infrastruktur ist aus Gründen der Administration, Lizenzierung und Wartung in der Regel ausgeschlossen. Die Administration, Weiterentwicklung, Wartung und Pflege der Verifikationsfachschale muss zentral erfolgen. Die Nutzer sollen sich ausschließlich auf ihre Prüftätigkeit konzentrieren. Die Prüfungen der Verifikationsfachschale müssen den jeweiligen gesetzlichen Anforderungen genügen und von den beteiligten Stellen akzeptiert sein. Dies setzt voraus, dass die Prüfungen transparent und für Fachpersonen zugänglich programmiert bzw. konfiguriert sind. Es muss ein einfaches und der Nutzung entsprechendes Verrechnungsmodell der Leistung Verifikationsfachschale entwickelt werden. Diese Vorgaben lassen sich mit einer Cloud-Computing-Lösung umsetzen. Diese muss zusätzliche Anforderungen (Cloud-Computing-Strategie der Schweizer Behörden 2012) erfüllen: Pflichtenheft für Betrieb der Cloud-Computing-Lösung Gewährleistung von Datenschutz und Datensicherheit Wahrung der Nationale Souveränität (Vertragsrecht, Gerichtsstand,...)

5 190 N. Grässle und S. Ziegler Umsetzungsbeispiel VeriSO, eine Verifikationsfachschale für Daten der amtlichen Vermessung, wurde im Jahr 2010 als Wochenendprojekt von Stefan Ziegler (Kantonsgeometer Kanton Solothurn) entwickelt. Auf Grundlage einer QGIS/PostGIS-Umgebung wurde ein Plug-in für über 100 Datenprüfungen erstellt. Die Lösung, die zunächst nur auf einem Desktop mittels Virtualisierung verfügbar war, erregte das Interesse der Vermessungsaufsicht des Kantons Bern. Zusammen wurden die Prüfungen ausgebaut. Einen Einblick in den Funktionsumfang erhalten Sie unter (Funktionsumfang, Benutzeranleitung für VeriSO sowie Installationsanleitung GIS as a Service). Seit Frühjahr 2014 stellt der Kanton Bern den 20 Vermessungsbüros sowie fünf Mitarbeitenden der Vermessungsaufsicht VeriSO-BE mit einer Cloud-Computing-Lösung zur Verfügung. Auf die Hostserver, die von der privaten ALPGIS AG in Thun betrieben werden, greifen die Nutzer mittels einer Clientsoftware (X2GO) über das Internet zu. Die Vermessungsaufsicht gibt fünf Lizenzen einer kommerziellen GIS-Software zurück. Mit den eingesparten Lizenzkosten kann der Betrieb und zusätzlich ein Teile der Weiterentwicklung finanziert werden. Abb. 3: Betrieb von VeriSO-BE im Kanton Bern Die Weiterentwicklungen werden von der Vermessungsaufsicht Kanton Bern in einer Testumgebung vorgenommen und überprüft. Anschließend wird die angepasste Software auf die virtuellen Server (VServer) der einzelnen Nutzer übertragen. Den Nutzern stehen ein vollwertiges GIS inklusive Zusatzdaten (z. B. Orthofotos, digitale Landeskarten,...) und natürlich die Prüfungen zur Verfügung. Parallel zur Datenprüfung kann halb automatisch ein technischer Bericht zur Dokumentation der Arbeiten erstellt werden. Abb. 4: Softwarekomponenten und Leistung der Hostserver

6 Prozessoptimierung bei organisationsübergreifenden Arbeitsabläufen in Verwaltungen 191 Das System ist so ausgelegt, dass 5 Nutzer gleichzeitig ohne Einschränkung der Performance auf einem Host arbeiten können. Durch die Virtualisierung können weitere Nutzer einfach Zugang zur Verifikationsfachschale erhalten. Gleichzeitig kann bei Zunahme der Nachfrage die Hardware einfach erweitert werden. Die Verifikationsfachschale baut ausschließlich auf quelloffene Software auf. Dadurch kann das Konzept problemlos auf die Verifikation von anderen Geobasisdatensätzen übertragen werden. Allein die Prüfungen müssen noch spezifisch konfiguriert bzw. angepasst werden. Für den Aufbau und die Installation dieser Cloud-Computing-Lösung steht unter (Zielsetzung der E-Government-Strategie Österreich ) eine Anleitung bereit. Wir würden uns über jeden Nachahmer sehr freuen. Ein tolles Geschenk erwartet jeden, der diese Lösung umsetzt bitte melden! Grenzenlos: 14 Kurzgeschichten aus der amtlichen Vermessung Kontaktadresse: Amt für Geoinformation des Kantons Bern Nikolaus Grässle Reiterstrasse 11 CH-3011 Bern Literatur Webseiten Bundesgesetz über Regelungen zur Erleichterung des elektronischen Verkehrs mit öffentlichen Stellen. https://www.ris.bka.gv.at/dokumente/bgblauth/bgbla_2004_i_10/bgbla_2004_i_ 10.pdf. Cloud Computing Strategie der Schweizer Behörden vom E-Government-Strategie Schweiz, Vom Bundesrat verabschiedet am 24. Januar 2007, Auflage Juni 2013, Seite 3, Kapitel 1.2 Mit abgestimmten Prozessen Synergien nutzen, unter: Ein Beispiel ist der CheckService der Firma infogrips, Zürich. Funktionsumfang, Benutzeranleitung für VeriSO sowie Installationsanleitung GIS as a Service. Gesetz zur Förderung der elektronischen Verwaltung sowie zur Änderung weiterer Vorschriften (EGovG) vom 25. Juli Zielsetzung der E-Government-Strategie Österreich 2. Teil.

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