ICOM Deutschland Mitteilungen 2015

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1 ICOM Deutschland Mitteilungen 2015 ISSN Heft 37 (22. Jahrgang) Kulturgüterschutz ICOM Deutschland bezieht Stellung Das Museum für alle Wenn Grundrecht auf Ressourcenknappheit trifft Syrien und Irak ICOM ächtet kulturelle Säuberungen des IS

2 Vorstand Präsident: Dr. Michael Henker, Vorstandsmitglieder: Dr. Matthias Henkel, Katrin Hieke, Dr. Franziska Nentwig (bis ) Dr. Gabriele Pieke, Prof. Dr. Beate Reifenscheid-Ronnisch, Prof. Dr. Friederike Waentig, Impressum Herausgeber: Dr. Michael Henker, Johanna Westphal M. A. Geschäftsstelle ICOM Deutschland e. V.: Johanna Westphal M. A. Beate von Törne M. A. Juliana Ullmann M. A. In der Halde Berlin Tel.: Fax: Redaktion: Anke Ziemer Gestaltung: Claudia Bachmann, Berlin, Druck: Oktoberdruck AG Copyrights liegen bei den Autoren und Fotografen. Inhaber von Bildrechten, die wir nicht ermitteln konnten, bitten wir um Kontaktaufnahme. Namentlich gekennzeichnete Beiträge entsprechen nicht un bedingt der Meinung der Redaktion oder der Herausgeber. Großes Titelfoto: Innenansicht der Kathedrale Peter und Paul in Sankt Petersburg, ICOM Russland Kleine Fotos v.l.o.n.r.u.: K. Bostelmann, Landesamt für Archäologie Sachsen; flickr.com, Luka Hvalc; Historisches und Völkerkundemuseum St. Gallen; Matthias Kästner; David Iliff, License: CC-BY-SA 3.0; Gerhard Winter; ICOM Deutschland; Tuulia Tuomi; Historisches und Völkerkundemuseum St. Gallen; Mark Ahsmann, License: CC-BY- SA 3.0 Heft 37 (22. Jahrgang) Erscheinungsweise: seit 2004 einmal im Jahr Auflage: Gefördert durch die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien Berlin, Mai 2015 ISSN

3 Editorial Wie nicht anders zu erwarten, war die internationale Tagung Museen und Politik, die wir nach fast zweijähriger Vorbereitung gemeinsam mit ICOM Russland und ICOM USA vom 9. bis 12. September 2014 in Sankt Petersburg und mit einer Anschlusstagung vom 13. bis 14. September zum Thema Industrial Heritage and Regional Aspects of Museum Developement in Jekaterinburg und Umgebung abgehalten haben, ein Schwerpunkt der Tätigkeit für Präsident, Vorstand und Geschäftsstelle von ICOM Deutschland im Jahr Das vielfältige und qualitätsvolle Themenspektrum, das in den Plenarsitzungen und den thematischen Sektionen von einem zahlreichen, internationalen Publikum vorgestellt und diskutiert wurde, das anregende Begleitprogramm, das Ambiente der Veranstaltungsorte, die Begegnungen mit alten und neuen Kolleginnen und Freunden, machten die Tagung zu einem echten Erfolg. Davon konnte man angesichts der schwierigen politischen Entwicklungen vor und während der Tagung nicht unbedingt ausgehen. Im Rückblick dürfen wir uns in unserem Festhalten an der Planung auch gegenüber kritischen Äußerungen, die wir ernst genommen, diskutiert und gewürdigt haben, bestätigt fühlen. Wir haben gerade angesichts der internationalen Aspekte der Arbeit von ICOM durch die Tagung den wissenschaftlichen und professionellen Austausch aufrechterhalten und seine Fortsetzung ermöglicht. Mein besonderer Dank gilt allen deutschen ICOM-Mitgliedern, die als nach den russischen Kolleginnen größte Gruppe durch ihre Teilnahme an der Tagung uns in unserer Haltung bestärkt und unterstützt haben. Herzlich danken wir auch unseren Kooperationspartnern von ICOM Russland, der Staatlichen Eremitage in Sankt Petersburg, den Museen in Jekaterinburg und den jeweils zuständigen Verwaltungen, die die Hauptlast der Organisation zu tragen hatten und dies auf eine Weise bewältigt haben, die für eine angenehme, gleichwohl hoch professionelle Atmosphäre gesorgt und aus Teilnehmern und Besuchern Freunde gemacht hat. Die ganze Rubrik Rückblick des diesjährigen Heftes ist der Tagung, in deren Rahmen ja gleichzeitig unsere Mitgliederversammlung stattfand, gewidmet. Am besonderen Ertrag nämlich der Veröffentlichung der Tagungsbeiträge als E-Publikation arbeiten wir noch. Auch dabei laufen die Fäden bei Afanasi Gnedowski, dem Geschäftsführer von ICOM Russland, in Moskau zusammen. Hatten wir die Politik schon im Titel der letztjährigen Tagung, so war und ist unsere Arbeit auch im weiteren Verlauf sehr stark auf die politischen und spezifisch kulturpolitischen Entwicklungen in Deutschland, Europa und den aktuellen Krisenherden ausgerichtet. Hinsichtlich des generellen Themas Sicherung und Wahrung des kulturellen Erbes und speziell zum Kulturgutschutz geht die Arbeit schrittweise voran. Dazu, ebenso wie zu der durch die Verkäufe von Warhol-Arbeiten heiß diskutierten Frage nach dem Umgang mit Kulturgut in öffentlichem Besitz, ist ICOM Deutschland um Rat gefragt worden. Wir haben Stellungnahmen und Gutachten dazu verfasst und sind seitens der Bundesregierung als Ansprechpartner in die entsprechenden Vorhaben eingebunden. Foto: Garage Museum of Contemporary Art, Moskau Zusammen mit ICOM Schweiz und ICOM Österreich arbeiten wir seit Juni 2014 an der Vorbereitung des Bodensee-Symposiums, zu dem uns ICOM Schweiz ja mit einem interessanten Programmangebot zu einem hochaktuellen Thema vom 18. bis 20. Juni nach St. Gallen einlädt. Auch diesmal findet unsere Mitgliederversammlung im Rahmen dieser Tagung statt, so dass wir auch deshalb auf Ihre zahlreiche Teilnahme hoffen. Erneut hinweisen darf ich auf unseren als Band 5 in der Reihe Beiträge zur Museologie erschienenen Leitfaden Präventive Konservierung, der Ihnen zugesandt und von Fachkollegen im In- und Ausland positiv beurteilt und gerne aufgenommen wurde. Als einen für ICOM Deutschland naheliegenden Schwerpunkt meiner Arbeit habe ich seit langem die Provenienzforschung genannt, und zwar im weiteren Sinn des Begriffs, den ich nicht nur auf die Forschung nach durch NS-Unrecht entfremdetes Kulturgut eingeschränkt sehe. Wir hatten daher die Zweckmäßigkeit, aber auch die Möglichkeiten der schrittweisen Gründung eines Internationalen Komitees zur Provenienzrecherche sondiert und festgestellt, dass ein solcher Plan vielerorts als problematisch angesehen wird, zudem kaum zeitnah umzusetzen ist. Um Expertise, Kräfte und Mittel zu diesem Thema aber optimal sowie zielführend zu gewinnen und einsetzen zu können, planen wir die Erarbeitung und Herausgabe eines Leitfadens Provenienzrecherche. Eine solche Publikation wird ein allerseits als großes Desiderat angesehenes Hilfsmittel für die vielschichtige Arbeit auf diesem weiten Themengebiet endlich bieten. Auch bei der Erfüllung dieser Aufgabe, wie insgesamt der Arbeit von ICOM Deutschland, hoffe ich auf Ihre Unterstützung. Ich wünsche eine anregende Lektüre der Mitteilungen. Ihr Michael Henker Präsident ICOM Deutschland

4 Inhalt Foto: ICOM Deutschland Foto: Toffel, cc by-sa 3.0 Aktuelles Museen und Gesetzgebung ICOM Deutschland bezieht Stellung zum Schutz von Kulturgut...4 Wann wird Blue Shield Deutschland gegründet? Gastbeitrag von Birte Brugmann und Rolf Gundlach Internationaler Museumstag 2015 Museums for a Sustainable Society...10 Das Museum für alle Imperativ oder Illusion? Einladung zum Bodensee-Symposium und zur Mitgliederversammlung Rückblick Museum Macht Politik Macht Museum Höhepunkte der gemeinsamen Tagung von ICOM Russland, ICOM USA und ICOM Deutschland...14 Protokoll der Mitgliederversammlung Internationale Komitees Kulturgutschutz in Irak und Syrien UNESCO und ICOM leisten Hilfe gegen kulturelle Säuberungen des IS...24 Tagungsberichte Access and Understanding Networking in the Digital Era CIDOC International Committee for Documentation...29 Archaeological Sources and Resources in the Context of Museums CIPEG International Committee for Egyptology...30 Collecting and Collections in Times of War or Political and Social Change COMCOL International Committee for Collecting...31 Rumänien traditionelle Glasikonen und modernes Glas GLASS International Committee for Museums and Collections of Glass...32 Involving New Museums, New Partners and New Incentives in Exhibition Making and Exchange ICEE International Committee for Exhibition Exchanges...33 Museums and Innovations ICME International Committee for Museums of Ethnography...34 Memory and Learning in a Changing World IC MEMO International Committee of Memorial Museums in Remembrance of the Victims of Public Crimes ICOM Deutschland Mitteilungen 2015

5 Foto: Christine Müller-Radloff Foto: David Iliff, License: CC-BY-SA 3.0 Umschau Implementing and Maintaining Security and Safety at Cultural Institutions ICMS International Committee for Museum Security Military History Museums: Contemporary History and Social Relevance ICOMAM International Committee of Museums of Arms and Military History...38 Museum Collections Make Connections ICR International Committee for Regional Museums...39 Building Strong Culture through Conservation ICOM-CC International Committee for Conservation Ausbildungswege Ein Praxissemester in Australien...42 Forschen für das Kulturerbe Kulturerbe-Forschung in Zeiten begrenzter Fördermöglichkeiten...44 Museum International ICOM hat die Herausgeberschaft übernommen Jahre UNESCO Rückblick und Ausblick...46 Publikationen...47 Veranstaltungen...48 ICOM Deutschland Mitteilungen

6 AKTuelles Museen und Gesetzgebung Die überarbeitete PSI-Richtlinie soll in nationales Gesetz umgewandelt und das deutsche Kulturgüterschutzgesetz soll novelliert werden. ICOM Deutschland bezieht Position, damit die Vorhaben nicht durch wirtschaftliche Gewinninteressen bestimmt, sondern Kulturgut geschützt und Museen in ihrer Autonomie gesichert werden. Ein Zwischenbericht. Gabriele Pieke Als die internationale Organisation für Museen und Museumsfachleute ist ICOM nicht nur dem Erhalt, der Pflege und der Vermittlung des kulturellen und natürlichen Welterbes verpflichtet, sondern möchte auch einen grund le genden Beitrag zum öffentlichen Kulturdialog leisten. Zu den Zielen von ICOM gehört demzufolge auch die Teilnahme an gesellschaftlichen Diskursen wie auch die Stärkung der Position von Museen und Kulturgutschutz. ICOM ist in seiner Funktion als Fachverband in zwei aktuellen Fällen vom Bundesbeauftragen für Kultur und Medien (BKM) um Stellungnahme angefragt worden. 1. PSI-Richtlinie der Europäischen Union und nationale Gesetzesnovellierungen Seit 2003 besteht für die Europäische Union eine Public- Sector-Information-Richtlinie (PSI), die eine Weiterverwertung von Informationen des öffentlichen Sektors regelt. Daran knüpft die bis dato in Deutschland rechtsverbindliche Grundlage, ein 2006 in Kraft getretenes Gesetz über die Weiterverwendung von Informationen öffentli cher Stellen, das lnformationsweiterverwendungsgesetz (IWG), an. Im Juni 2013 wurde eine Revision der PSI-Richtlinie von der Europäischen Union verabschiedet und den Mitgliederstaaten eine Zweijahresfrist gewährt, um ihre nationalen Gesetzgebungen entsprechend anzupassen. Erklärte Zielsetzung der Novellierung ist die unentgeltliche Zurverfügungstellung von im öffentlichen Sektor erarbeiteten In for mationen, dies unter vornehmlich ökonomischen beziehungsweise gewinnorientierten Aspekten: It encourages the Member States to make as much information available for re-use as possible. It addresses material held by public sector bodies in the Member States, at national, regional and local levels, such as ministries, state agencies, municipalities, as well as organisations funded for the most part by or under the control of public authorities (e. g. meteorological institutes). The Directive covers written texts, databases, audio files and film fragments; it does not apply to the educational, scientific, broadcasting and cultural sectors. 1 Mit dieser, auf wirtschaftliche Gewinninteressen ausgerichteten Fokussierung stellt die EU-Richtlinie eine essentielle Bedrohung für die Autonomie von Museen mit all ihren wissenschaftlichen Arbeitsleistungen und Erkenntnissen zu Sammlungsbeständen dar. Urheberrechtsfragen sind ein ausgesprochen komplexes und für Museumsmitarbeiter immer wieder herausforderndes Thema, das durch die neue Richtlinie an Brisanz gewinnt. Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Aufweichung des Schutzes von geistigem Eigentum versucht ICOM derzeit, seine Position in der World Intellectual Property Organisation (WIPO) zu stärken, um die in Museen und Sammlungen erarbeiteten Leistungen stärker schützen zu können. Insbesondere der EU gilt es hier entgegenzuhalten, da sie keineswegs als Befürworter von intellectural property auftritt, sondern befeuert von zahlreichen Interessen der Wirtschaft eine weitgehende Freigabe jeglichen Urheberrechts anstrebt. So sind die vornehmlichen Beweggründe für die Novellierung der PSI-Richtlinie und für eine Open-Data-Politik folgender Passage zu entnehmen: 1 European legislation on reuse of public sector information. eu/digital-agenda/en/european-legislation-reuse-public-sector-information [ ] 4 ICOM Deutschland Mitteilungen 2015

7 Aktuelles Foto: Deutsches Hygiene-Museum, Sandra Neuhaus Deutsches Hygiene-Museum in Dresden, ständige Ausstellung: Öffentliche Museen erarbeiten und präsentieren Erkenntnisse zu ihren Sammlungsbeständen sie erbringen wissenschaftliche Leistungen. Über Eintrittspreise, Gebühren, Publikationen, Begleitveranstaltungen und Erteilung von Nutzungsrechten erwirtschaften sie einen Teil ihres jährlichen Budgets. Wenn sie durch die PSI-Richtlinie gezwungen werden, das erarbeitete Wissen kostenfrei an Dritte abzugeben, werden sie in ihrer Autonomie essentiell bedroht. Public Sector Information is one of the single largest sources of information in Europe. Its estimated market value is 32 billion. The re-use of public data could generate new business opportunities, jobs and open up choices for consumers. 2 Die von der EU beabsichtigte Copyright-Freigabe im großen Stil würde die bisherige Praxis der museumseigenen Verwertung von genuin durch die Sammlungen erbrachten wissenschaftlichen Informationsleistungen und Erkenntnissen zu Sammlungsobjekten, Dokumenten, Ausstellungen etc. nicht mehr erlauben und damit essentielle Fundamente der Museumsarbeit zunichte machen. Hingegen würden kommerzielle Anbieter zukünftig kostenlos auf Informationen und damit kulturelle Werte und Arbeitsleistungen von Museen des öffentlichen Sektors zugreifen können und diese für eigenen, wirtschaftlichen Nutzen weiterverwerten können. PSI: Teilerfolg für die Museen Auf Anfrage des Beauftragten der Bundesrepublik für Kultur und Medien hat ICOM Deutschland bereits 2012 eine Stellungnahme zur Novellierung dieser Richtlinie verfasst, die eindringlich auf die signifikanten Gefahren einer völligen Freigabe jeglicher Urheberrechtsansprüche verweist und mit folgendem Résumé schließt: Aus Sicht von ICOM Deutschland muss es den Museen selbst überlassen bleiben, welche Text- und Bildinformationen sie zum Zweck der Nutzung für Wissenschaft und Bildung für eine kostenfreie Weiterverwendung allgemein zugänglich machen, wobei die Maßgaben derjenigen zu berücksichtigen sind, die die Erstellung solcher Daten finanzieren. 3 Am 11. Februar 2015 ist die Änderung des Informationsweiterverwendungsetzes (IWG) durch das Bundeskabinett beschlossen worden und wird nun dem Parlament zur Verabschiedung vorgelegt. Es erscheint durchaus erfreulich für Museen, dass in diese Gesetzesvorlage ein neuer Unterparagraph eingearbeitet wurde, der ganz konkret verschiedene Kulturträger anspricht: Paragraph 2a, Grundsatz der Weiterverwendung: Informationen, die in den Anwendungsbereich dieses Gesetzes fallen, dürfen weiterverwendet werden. Für Informationen, an denen Bibliotheken, einschließlich Hochschulbibliotheken, Museen oder Archiven, Urheber- oder verwandte Schutzrechte oder gewerbliche Schutzrechte zustehen, gilt dies nur, soweit deren Nutzung nach den 2 Siehe Digital Agenda in the Europe 2020 Strategy: [ ] 3 Stellungnahme ICOM Deutschland vom , S land.de/client/media/447/stellungnahme_icom_d_zur_psirichtlinie.pdf [ ] ICOM Deutschland Mitteilungen

8 Aktuelles für diese Schutzrechte geltenden Vorschriften zulässig ist oder die Einrichtung die Nutzung zugelassen hat; die Bedingungen der Nutzung müssen den Vorschriften dieses Gesetzes entsprechen. 4 Dem Gesetzesentwurf ist zudem in Paragraph 5 (2.3) zu entnehmen, dass Bibliotheken, Museen und Archive von der Regelung ausgenommen sind, Entgelte für die Weiterverwendung von Informationen auf die Kosten zu beschränken, die durch die Reproduktion, Bereitstellung und Weiterverbreitung verursacht werden. Einige der zentralen Einwände, vor allem die unkontrollierte Freigabe aller erbrachten Leistungen von Museen und Sammlungen, wurden somit von der Politik zunächst einmal berücksichtigt, was ICOM mit großer Erleichterung zur Kenntnis nimmt. Gemeinsam mit anderen Interessenvertretungen beabsichtigt ICOM Deutschland, seinen Mitgliedern nach der Verabschiedung des Gesetzes Informations material zum Umgang mit dem veränderten Gesetz bereitzustellen. 2. Novellierung des Kulturgüterschutzgesetzes Einem aktuellen Bericht der Bundesregierung zufolge bedürfen das Gesetz zum Schutz deutschen Kulturgutes (KultgSchG), das auf das Jahr 1955 zurückgeht, sowie das Kulturgüterrückgabegesetz (KultGüRückG) von 2007 einer Überarbeitung und gleichzeitigen Anpassung an internationale und EU-Standards (siehe Mitteilungen 2013, S. 16). Die angestrebte Novellierung der zentralen Gesetzgebung für Kulturgutschutz in Deutschland soll gleichzeitig mit der Umsetzung der Neufassung der EU-Richtlinie 93/7/EWG zur Kulturgüterrückgabe im europäischen Binnenmarkt verbunden werden. Nach der Verabschiedung der Richtlinie 2014/60/EU über die Rückgabe von unrechtmäßig aus dem Hoheitsgebiet eines Mitgliedstaats verbrachten Kulturgütern und zur Änderung der Verordnung (EU) Nr. 1024/2012 (Neufassung) im Mai 2014 haben die Mitgliedstaaten der Europäischen Union achtzehn Monate Zeit, diese in nationales Recht umzusetzen. Das BKM hat Fachverbänden wie ICOM Deutschland die Möglichkeit gegeben, schriftlich Stellung zu nehmen, und in diesem Zusammenhang mitgeteilt, dass die Bundesregierung beabsichtigt, ein für den Kulturgutschutz kohärentes Gesetz zu schaffen, um sowohl illegal ausgeführtes Kulturgut anderer Staaten effektiv an diese zurückzugeben als auch deutsches Kulturgut besser vor Abwanderung ins Ausland zu schützen. 5 Der angestrebte Gesetzesentwurf soll gleichzeitig die EU- und völkerrechtlichen Verpflichtungen der Bundesrepublik aus der EU-Richtlinie und UNESCO-Kulturgüterrück gabe- Konvention von 1970 berücksichtigen, die Regelun gen des Kulturgutschutzes vereinfachen und auch vereinheit lichen. 4 Entwurf eines Ersten Gesetzes zur Änderung des Informationsweiterverwendungsgesetzes, S html [ ] 5 Siehe auch Regierungspressekonferenz vom rung.de/content/de/mitschrift/pressekonferenzen/2014/10/ regpk. html [ ] Die Büste der Nofretete ist rechtmäßig nach Europa gekommen, dennoch wurde sie von einzelnen Vertretern der ägyptischen Behörden in der Vergangenheit medienwirksam zurückgefordert. ICOM Deutschland plädiert dafür, rückfordernden Parteien angemessene Nachweise für die Berechtigung ihrer Forderungen abzuverlangen. ICOM Deutschland unterstützt Novellierung Im August 2014 hat ICOM Deutschland seine schriftliche Stellungnahme abgegeben, in der diese Bestrebung grundsätzlich begrüßt wird. Ebenso befürwortet ICOM Deutschland das Ziel, bestehende Schutzlücken zu schließen. Denn derzeit fällt nur Kulturgut unter die Richtlinie, das als national wertvoll eingetragen ist. Zukünftig soll der Schutz an Umfang gewinnen und auf öffentliche Sammlungen und denkmalrechtlich geschützte Einrichtungen erweitert werden. Die bisher erforderliche Eintragung als national wertvoll würde künftig entbehrlich sein. In diesem Rahmen soll auch die Verjährungsfrist des Rückgabeanspruches für Kulturgut aus öffentlichen Sammlungen auf 75 Jahre festgeschrieben werden. Dieses Ansinnen und eine damit verbundene generelle Aufwertung von Museen und Sammlungen werden von ICOM ausdrücklich befürwortet. Die Museumslandschaft beklagt eine zunehmende Verschlechterung der finanziellen Ressourcen öffentlicher Sammlungen, wie sie 2013 in der von ICOM verfassten Lisbon Declaration to Support Culture and Museums to Face the Global Crisis and Build the Future festgehalten ist und auch im Kontext von Abwanderung und dem Schutz von Kulturgut eine Rolle spielt. Museen und Sammlungen der öffentlichen Hand verfügen meist nicht mehr über aus Foto: Philip Pikart, Wikimedia 6 ICOM Deutschland Mitteilungen 2015

9 Aktuelles reichende Mittel zum Erwerb von hochrangigen Objekten, was in Konsequenz bedeutet, dass wertvolle Kulturgüter zunehmend in nicht öffentlich zugänglichen Privatsammlungen verschwinden. Eine Novellierung des Kulturgutschutzgesetzes sollte daher auch die Bedeutung öffentlicher Sammlungen für die Gesellschaft betonen und ihre Position stärken, indem die Kernaufgaben Sammeln, Bewahren, Er forschen, Ausstellen und Vermitteln gesetzlich verankert werden. Die angedachte Zusammenführung verschiedener Gesetze ist ausdrücklich zu befürworten, da sie die rechtliche Lage im Umgang mit Objekten überschaubarer gestaltet. Im Kontext des weltweiten Schutzes von kulturellem Erbe hat ICOM Deutschland darauf verwiesen, dass neben der UNESCO-Konvention von 1970 die Einbeziehung anderer zentraler Abkommen sinnvoll erscheint, so etwa: UNESCO Convention concerning the Protection of the World Cultural and Natural Heritage (1972), ICOMOS Charter for Archaeological Heritage Management (1990), UNIDROIT Convention on the International Return of Stolen or Illegally Exported Cultural Objects (1995), UNESCO Convention on the Protection of the Underwater Cultural Heritage (2001), UNESCO Declaration concerning the Intentional Destruction of Cultural Heritage (2003). Auch die Bewahrung und eine generelle Sorgfaltspflicht im Umgang mit Kulturgut sollte gesetzlich besser verankert werden. Hier sei vor allem auf die im Jahre 2000 verabschiedete Charta of Krakow on Principles of Conservation and Restoration of Heritage hingewiesen. Da die Umsetzung der UNESCO-Konvention von 1970 bis dato in weiten Teilen nicht praktikabel war, sollen durch die verbesserte Gesetzgebung die Ein- und Ausfuhrregelungen grundlegend anders gehandhabt werden. So stellt das BKM fest: Notwendig ist eine Regelung, nach der Kulturgut, das nach dem Inkrafttreten der Konvention für Deutschland im Jahre 2008 unrechtmäßig aus einem anderen Vertragsstaat der UNESCO-Konvention ausgeführt wurde, als unrechtmäßig nach Deutschland eingeführt gilt. Dies kann durch die Vorlage gültiger Ausfuhrgenehmigungen oder sonstiger Belege für die rechtmäßige Ausfuhr nachgewiesen werden. 6 Zudem ist beabsichtigt, die Ausfuhr von Kulturgut aus Deutschland zukünftig an EU-Standards anzupassen, wobei bereits derzeit eine Genehmigungspflicht besteht (Verordnung (EG) 116/2009). Die Novellierung des Gesetzes wird auch einzelne Bereiche des Leihverkehrs im Rahmen von Ausstellungen betreffen. Bisher konnte auf Grundlage des Paragraphen 20 KultgSchG die für das jeweilige Museum zuständige Landesbehörde eine rechtsverbindliche Rückgabezusage für aus dem Ausland entliehenes Kulturgut ausstellen. Diese Zusage wird zukünftig nur eingeschränkt möglich sein, da sich hierfür bei den Verhandlungen über die neue Richtlinie keine Mehrheit im EU-Parlament gefunden hat. Rückgabeforderungen von Kulturgut betreffend plädiert ICOM Deutschland dafür, den gegebenenfalls rück 6 Bericht der Bundesregierung zum Kulturgutschutz in Deutschland. digung-spk-tagung.html [ ] fordernden Parteien angemessene Nachweise für die Berechtigung der Forderung abzuverlangen. Verschiedene Beispiele der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass weltweit bekannte Artefakte genutzt werden, um durch Rückforderung eigene politische Interessen zu verfolgen, die an dem legalen Status der Objekte vorbeigehen und nicht automatisch mit dem anzustrebenden Schutz von Kulturgut von nationaler oder überregionaler Bedeutung einhergehen. Um die Geschichte von Objekten transparenter zu machen und diese auf Dauer festzuhalten, wird nach wie vor die Einführung einer international standardisierten Objekt-ID diskutiert. Theoretisch erscheint dieser Ansatz als durchaus sinnvoll und wird in ähnlicher Form für gefährdete Objekte seit 1993 von ICOM, UNESCO und auch verschiedenen Behörden propagiert. Die Ausweitung auf weite Objektbereiche erscheint jedoch in der Praxis schon allein aus logistischen Gründen nicht umsetzbar. Angesichts der Tatsache, dass in großen Sammlungen die Aufarbeitung von Altbeständen bei zunehmend engen Personaldecken sehr schwierig ist, rückt eine weltweit abgestimmte Auflistung von Kulturgut in weite Ferne. Millionen von nur provi sorisch registrierten Sammlungsstücken sowie eine unüberschaubare Stückzahl von jährlich weltweit anfallenden archäologischen Neufunden lassen eine vollständige Registrierung in abgestimmten Datenbanken eine reine Fiktion bleiben. Zudem dürften auch Privatsammlungen wenig Interesse an solchen internationalen Kennzeichnungen und Datenbankeinträgen haben. Insgesamt erscheint die Novellierung des Kulturgutschutzes als ein richtiger Schritt im Umgang mit kulturellem Erbe und ICOM Deutschland begrüßt es ausdrücklich, wenn Interessenverbände frühzeitig in die Entscheidungsfindung mit einbezogen werden. Es bleibt zu hoffen, dass mit einer Umformulierung des Gesetztes besser verhindert werden kann, dass illegal aus den Herkunftsländern ausgeführtes Kulturgut nach Deutschland gelangt. In diesem Sinne wird sich ICOM Deutschland auch in der mündli chen Anhörung aussprechen. In Zeiten von Zerstörungen, Vandalismus seitens radikalisierter Gruppen und Plünderungen von Kulturerbe im großen Stil erscheint der internationale Kampf gegen Kunstraub und illegalen Handel unkontrollierbarer denn je (siehe auch S. 24 ff.). Die gesetzliche Verankerung des Schutzes von öffentlichen Sammlungen ist jedoch in jedem Fall ein wichtiger Schritt, um die fundamentale Bedeutung von Museen zur Bewahrung von Kulturgut zu untermauern. Dr. Gabriele Pieke ist wissenschaftliche Sammlungsleiterin der Sammlung Altägypten in den Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim. Seit 2011 ist sie Mitglied im Vorstand von ICOM Deutschland; Weitere Informationen: Stellungnahme von ICOM Deutschland zur PSI-Richtlinie (2012): Gesetzesentwurf zur Änderung des Informationsweiterverwendungs gesetzes (IWG): EU-Richtlinie zur Kulturgutrückgabe (2014/60/EU): europa.eu/legal-content/en/txt/?uri=celex:32014l0060 ICOM Deutschland Mitteilungen

10 Aktuelles Foto: ullstein bild - CARO / Andree Kaiser Alte Brücke in Mostar kurz vor der vollständigen Zerstörung im November 1993: Die Vernichtung von Kulturgütern während des Bürgerkrieges in Jugoslawien zu Beginn der 1990er Jahre war der wichtigste Anlass zur Gründung des International Committee of the Blue Shield. Wann wird Blue Shield Deutschland gegründet? Seit der Gründung von Blue Shield im Jahre 1996 haben sich 19 nationale Komitees etabliert nicht so in Deutschland. Der Wille der Kulturgutschutz-Institutionen ist zwar vorhanden, aber gibt es auch die politische Unterstützung sowie die strukturellen und personellen Ressourcen? Die Deutsche Gesellschaft für Kulturgutschutz möchte die vorhandenen Kräfte bündeln und mit Gleichgesinnten und Unterstützern einen neuen Anlauf nehmen. Gastbeitrag von Birte Brugmann und Rolf Gundlach Kulturgutschutz findet auf vielen Ebenen statt, von der Bürgerinitiative zum Erhalt eines historischen Gebäudes in der Nachbarschaft bis zur Tätigkeit der UNESCO, die den Titel Weltkulturerbe verleihen kann. Aus historischen Gründen variieren in den einzelnen Mitgliedsländern die staatlichen Rahmenbedingungen für den Kulturgutschutz ebenso wie das zivilgesellschaftliche Engagement. Die Bundesrepublik ist für ihren dezentralen Ansatz, die Kulturhoheit der Länder bekannt, die es selbst Fachleuten schwer machen kann, sich in diesem Gebiet zurechtzufinden. Im Jahre 1998 wurde das Amt der Beauftragten für Kultur und Medien (BKM) geschaffen, um die kultur- und medienpolitischen Aktivitäten des Bundes in einer Regierungsbehörde zu bündeln 1. 1 Die Bundesregierung, Staatsministerin für Kultur und Medien Monika Grütters; gierung.de/webs/breg/de/bundesregierung/be auftragtefuerkulturundmedien/staatsminister Amt/aufgaben/_node.html [ ]. Zahlreiche Nationalkomitees Zwei Jahre zuvor war das International Committee of the Blue Shield (ICBS) von den vier großen internationalen Verbänden für Archive (ICA), Bibliotheken (IFLA), Denkmalschutz (ICOMOS) und Museen (ICOM) gegründet worden als eine Vereinigung, deren Ziel die Verbesserung des Schutzes von Kulturgut vor Raub und Zerstörungen ist, vor allem durch die Auswirkungen von bewaffneten Konflikten, 8 ICOM Deutschland Mitteilungen 2015

11 Aktuelles politischen Unruhen und Naturkatastrophen. Die acht internationalen Verbände der audiovisuellen Archive über ihren Dachverband (CCAAA) schlossen sich 2005 an. Seitdem wurden in 19 Ländern nationale Komitees gegründet; in weiteren 18 Ländern sind sie in Vorbereitung. Deutschland ist zurzeit der einzige größere EU-Staat, der über kein Nationalkomitee verfügt. Deutschland hinkt hinterher Die Bundesrepublik hat sich bisher nicht als eine Vorreiterin im Bereich des Kulturgutschutzes hervorgetan. Die Haager Konvention zum Schutz von Kulturgut bei bewaffneten Konflikten, die 1956 in Kraft trat, ratifizier te sie Das UNESCO- Überein kommen von 1970 über Maß nahmen zum Verbot und zur Verhütung der rechtswidrigen Einfuhr, Aus fuhr und Übereignung von Kulturgut wurde 2007 ratifiziert, ohne dass dies grundlegende Probleme gelöst hätte. Der Bericht der Bundesregierung zum Kulturgutschutz in Deutschland von 2013 empfiehlt eine umfassende Novellierung des Kulturgutschutzrechts in Deutschland in der kommenden Legislaturperiode 2. Das Amt der BKM und die Länder konzentrieren sich in ihrer Zusammenarbeit im Bereich des Kulturgutschutzes auf die Abwanderung von Kulturgut. 3 Das Bundesministerium des Inneren (BMI) dagegen stuft Kulturgüter in seiner Nationalen Strategie zum Schutz kritischer Infrastrukturen als Teil einer unverzichtbaren sozioökonomischen Dienstleistungsinfrastruktur ein und zeichnet ein wesentlich umfassenderes Bild möglicher Gefahren für Kulturgut. 4 Auf Einladung der FDP-Bundestagsfraktion fand 2013 in Berlin ein Fachgespräch zum Thema Notfallplan für Kulturgüter Wie gehen wir mit Katastrophen um? statt, an dem mehr als siebzig Vertreter von Museen, Archiven und ähnlichen Einrichtungen 2 Deutscher Bundestag, 17. Wahlperiode , Drucksache 17/13378, S Siehe Deutsches Zentrum Kulturgutverluste: Kulturgutschutz Deutschland; [ ]. 4 Bundesministerium des Inneren: Nationale Strategie zum Schutz kritischer Infrastrukturen ( ); loads/de/ Broschueren/2009/kritis.html [ ]. teilnahmen. Dies führte zu dem Antrag Kulturgüterschutz stärken Neuausrichtung des Kulturgüterschutzes in Deutschland jetzt beginnen, der vom Bundestag angenommen wurde. Er fordert die Bundesregierung unter anderem dazu auf, im Benehmen mit den Ländern und Kommunen zu überprüfen, wie der rechtliche Rahmen angepasst werden kann, damit der Kulturgüterschutz gestärkt und bessere Schutzmaßnahmen für Not- und Katastrophenfälle ergriffen werden können, in Abstimmung mit den Ländern die Notwendigkeit der Einsetzung eines Verantwortlichen auf Bundesebene zu prüfen, der die zur Verbesserung des Kulturgüterschutzes notwendigen Maßnahmen unter Einbeziehung relevanter Einrichtungen und öffentlicher Stellen koordiniert und moderiert, und sich auf europäischer Ebene für einen besseren Notund Katastrophenfallschutz auch über Ländergrenzen hinweg einzusetzen 5. Ein für Ende 2014 angekündigter Bericht der BKM, des BMI und des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe zum Kulturgüterschutz im Katastrophenfalle als Reaktion auf den Antrag 6 wurde bisher nicht veröffentlicht. Vereint neue Wege gehen In einer Demokratie spiegeln Gesetze und politische Debatten in der Regel das Interesse einer Gesellschaft an bestimmten Themen wider. Ein ganzheitlicher Ansatz für den Kulturgutschutz wie beispielsweise in der Schweiz benötigt eine Debatte über ein umfas sendes Verständnis von Kulturgutschutz nicht nur in Fachkreisen, sondern auch in der Öffentlichkeit. Kulturgutschutz lässt sich weder auf Bundesebene thematisch auf die Umsetzung internationaler Vereinbarungen begrenzen noch auf Länderebene mit dem Denkmalschutz gleichsetzen. Als ein gemeinnütziger Verein, der sich dem Schutz von Kulturgut in seiner Gesamtheit in Krisen- und Notsituationen verschrieben hat und sowohl Fachleuten als auch Interessierten offensteht, setzt sich die Deutsche Ge 5 Deutscher Bundestag, Wahlperiode , Drucksache 17/ Kulturgutschutznachrichten 6, September 2014; _Sep2014.pdf, S. 2 [ ]. sellschaft für Kulturgutschutz e. V. (DGKS) für ein Konzept ein, das bereits artikulierte Initiativen zusammenführt und um zusätzliche Maßnahmen ergänzt. Die DGKS engagiert sich nicht nur in Fachkreisen für dieses Thema, sondern betreibt auch Öffentlichkeitsarbeit. Sie befürwortet eine zentrale Koordinationsstelle für staatliche und nicht-staatliche Bemühungen um den Kulturgutschutz. Auf staatlicher Seite könnte dies die Form der oder des Beauftragten der Bundesregierung oder des Bundestages für Kulturgutschutz annehmen. Auf nicht-staatlicher Seite könnte ein deutsches Nationalkomitee Blue Shield nach dem Vorbild anderer Länder als Rotes Kreuz für Kulturgut tätig werden. Diesbezügliche Gespräche haben bereits stattgefunden. 7 Je breiter die Unterstützung für die Gründung eines solchen Komitees, desto wahrscheinlicher wird der Erfolg. Dr. Birte Brugmann ist Präsidentin und Rolf Gundlach ist erster Stellvertreter im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kulturgutschutz e.v.; Weitere Informationen: Deutsche Gesellschaft für Kulturgutschutz e. V.: Blue Shield: 7 Kulturgutschutznachrichten 3, September 2013; blatt03september2013.pdf, S. 1 [ ]. ICOM Deutschland Mitteilungen

12 Aktuelles 38. Internationaler Museumstag 2015 Unter dem Motto Museums for a Sustainable Society begehen die Museen weltweit im Mai 2015 den diesjährigen Internationalen Museumstag. Deutschlands Museen präsentieren sich aus diesem Anlass am 17. Mai unter der deutschen Mottoversion Museum. Gesellschaft. Zukunft. Der Tag steht jährlich unter einem wechseln den Motto, das die unterschiedli chen Schwer punkte der Museumsarbeit beleuch tet, aktuelle Themen aufgreift und auf die thematische Vielfalt der reichen Museumslandschaft weltweit verweist. Das Motto des 38. Internationalen Museumstages 2015 Museums for a Sustainable Society rückt in diesem Jahr die Rolle der Museen in der Gesellschaft und damit ihren Anteil an der Mitgestaltung der Zukunft in den Fokus. Die häufige Annahme, Museen seien nur auf die Vergangenheit gerichtet und würden rückwärtsgewandt arbeiten, ist nicht zutreffend im Gegenteil. Viele Ausstellungen verknüpfen die historische Rückschau mit gesellschaftlichen Themen der Gegenwart und stellen gleichfalls Fragen an die Zukunft. Migration, Klimawandel, Stadtentwicklung, Leben im ländlichen Raum, technischer Fortschritt und der Wandel des Arbeitslebens, aber auch aktuelle künstlerische Ausdrucksformen und der Einsatz der sozialen Medien stehen auf ihrem Programm. Museen führen damit die Besucher an aktuelle Themen und Fragestellungen heran, sensibilisieren für Probleme, Widersprüche und Konflikte und regen zum Nachdenken an, ohne zwingend Ergebnisse oder Lösungen zu präsentieren. Museen begleiten dadurch gesellschaftliche Entwicklun gen mit innovativen Ideen, kreativen Angeboten für Besucher, neuen Ausstellungsformen und dem Einsatz moderner Techniken. Damit bewegen sie sich am Puls der Zeit. Als Orte der Vermittlung und Begegnung sind Museen auch Orte des Austausches und der Auseinandersetzung. Sie bieten Partizipation für alle und schaffen barrierefreie Zugänge. Wie erfolgreich sie dies umsetzten, belegen die weltweit steigenden Besucherzahlen und das große Interesse an ihren Ausstellungen und Angeboten. In Malaysia findet am 17. Mai zum Beispiel der International- Museum-Day-Marathon statt, zu dem etwa Läuferinnen und Läufer aus der Museumsbranche erwartet werden. In zeitlicher Nähe zum Internationalen Museumstag verleiht das European Museum Forum jährlich seinen Preis European Museum of the Year. In diesem Jahr wird die Veranstaltung am 16. Mai im Riverside Museum in Glasgow stattfinden. Museum. Gesellschaft. Zukunft. In Deutschland beteiligten sich im vergangenen Jahr über Museen mit mehr als Aktionen und Angeboten am Internationalen Museumstag. Auch in diesem Jahr werden die Museen mit großem Engagement und einem ideenreichen Programm diesen einzigen bundeswei 10 ICOM Deutschland Mitteilungen 2015

13 Aktuelles ten Museumsaktionstag gestalten. Der Internationale Museumstag bietet in den Metropolen wie in den Regionen die hervorragende Chance, das reiche kulturelle Erbe unseres Landes, das von den Museen bewahrt und vermittelt wird, einer breiten Öffentlichkeit zu erschließen. Daher freuen wir uns auf ein weiteres erfolgreiches Jahr. Die Schirmherrschaft des diesjährigen Internationalen Museumstages übernimmt der Hessische Ministerpräsident Volker Bouffier. Gastgeber der Auftaktveranstaltung ist das Hessische Landesmuseum in Darmstadt. Die Umsetzung des Internationalen Museumstages erfolgt in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit den regionalen Museumsverbänden und den Stiftungen und Instituten der Sparkassen-Finanzgruppe. Viele Aktionen auf lokaler Ebene werden in Kooperation mit den regionalen Sparkassen umgesetzt. Dank des ungebrochenen Einsatzes und des Ideenreichtums der Museen erwartet uns in Deutschland mit der deutschen Mottoversion Museum. Gesellschaft. Zukunft. auch in diesem Jahr ein vielfältiges Programm mit zahlreichen Aktionen: Das Stadtmuseum und Handwerksmuseum Deggendorf zum Beispiel eröffnet am Vorabend des Internatio nalen Museumstages die Papier Global III, die Internationale Papierkunsttriennale. Im Rahmen der Ausstellung werden nicht nur Werke aus aller Welt gezeigt, am Museumstag wird auch ein Papierfest gefeiert und es finden ein Papiermarkt und Workshops statt. Im 2014 eröffneten Hoffmann-von-Fallersleben-Museum in Wolfsburg können große und kleine Besucherinnen und Besucher sich an einer Karaoke- und Spielstation aktiv mit den Werken des Dichters beschäftigen. Das Hessische Braunkohle- Bergbau-Museum in Borken lädt zur kostenlosen Besichtigung des Themenparks und Besucherstollens sowie zu Rundfahrten mit der Besucherbahn ein. Auf der Webseite können die Programmangebote zum Internationalen Museumstag in einer Datenbank recherchiert werden. Seit März läuft die Social- Media-Aktion #MuseumSound. Mit der Aktion soll die deutsche Mottoversion Museum. Gesellschaft. Zukunft. akustisch erlebbar gemacht werden. Unter dem Hashtag #MuseumSound stehen dabei Fragen wie Wie klingt Museum? Welche Geräusche machen die Exponate? Was haben die Museen und Museumsmitarbeiter sowie die Museumsbesucher zu sagen? im Fokus. Die Möglichkeiten sind vielfältig und Plattformen wie Soundcloud, Vimeo, Youtube oder Vine sowie passende Apps für Smartphones machen eine einfache technische Umsetzung und damit eine breite Partizipation möglich. Aber auch auf Facebook und Twitter können Sie ganzjährig die Aktivitäten der Museen begleiten. Besuchen Sie uns! Der Internationale Museumstag wurde 1977 vom Internationalen Museumsrat ICOM ins Leben gerufen und wird weltweit um den 18. Mai gefeiert. Seit 1992 wird der Tag von einem jährlich wechselnden Motto begleitet. In Deutschland wird der Internationale Museumstag stets an einem dem 18. Mai nahe gelegenen Sonntag gefeiert. Johanna Westphal Geschäftsführerin ICOM Deutschland Weitere Informationen: International: National: Nächste Termine des Internationalen Museumstags in Deutschland: 22. Mai Mai Mai 2018 Die Resonanz in den sozialen Medien war beeindruckend: Im Jahre 2014 beteiligten sich deutschlandweit zahlreiche Besucher an der Mitmach-Aktion #mycollection14. In diesem Jahr geht der Internationale Museumstag in Deutschland mit #MuseumSound an den Start. Quelle der Bildcollage: Deutscher Museumsbund ICOM Deutschland Mitteilungen

14 Aktuelles Historisches und Völkerkundemuseum in St. Gallen: Mit rund Objekten ist es das historische Ding-Gedächtnis der Stadt St. Gallen. Das Museum für alle Imperativ oder Illusion? Jeder Mensch hat das Recht, am kulturellen Leben der Gemeinschaft teilzunehmen. Darauf hat sich die Völkergemeinschaft 1948 geeinigt. Wie aber können Museen dieses Grundrecht kostengünstig und zeitnah umsetzen? Experten der deutschsprachigen Museumswelt diskutieren auf dem Bodensee-Symposium 2015 in St. Gallen Möglichkeiten und Grenzen dieses individuellen Freiheitsrechtes. Das traditionelle Bodensee-Symposium, das im Turnus von drei Jahren als gemeinsame Tagung der ICOM-Nationalkomitees von Deutschland, Österreich und der Schweiz ausgerichtet wird, findet in diesem Jahr vom 18. bis 20. Juni in St. Gallen, Schweiz, statt. Der Hauptveranstaltungsort ist das Historische und Völkerkundemuseum, das Tagungsthema lautet Das Museum für alle Imperativ oder Illusion?. ICOM Deutschland wird in diesem Rahmen am 20. Juni seine Mitgliederversammlung 2015 durchführen. Das Museum für alle gibt es das? Wollen Museen alle oder zumindest viele Bevölkerungsgruppen erreichen, so müssen sie ihre Arbeit danach ausrichten, möglichst viele Menschen anzusprechen. Barrieren, die bestimmten Menschen den Zugang erschweren, gilt es abzubauen und zukünftig zu vermeiden. Die Tagung wirft anhand von Fallbeispielen einen realistischen und gleichzeitig kritischen Blick auf die aktuelle Praxis mit dem Ziel, aus Erfolgen und Misserfolgen zu lernen. Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen gesellschaftlichen Interessensverbände, u. a. aus den Bereichen Politik, Soziales und Pädagogik, gewähren einen vertiefenden Einblick in die Thematik. Mit Referaten zur Ideengeschichte wird die aktuelle Praxis theoretisch und historisch verortet. Die Referate lenken dabei den Fokus auf audience development, Partizipation und Nachhaltigkeit im Museum und betrachten die Museumslandschaft hinsichtlich ihrer Multilingualität. Das Rahmenprogramm soll den Teilnehmern Einblicke in die Museen der Region gewähren. Geplant sind daher Exkursionen zum Archäologischen Landesmuseum Baden- Württemberg in Konstanz und in die Inatura nach Dornbirn, Österreich. Seit 1973 gehören die Internationalen Bodensee-Symposien der drei ICOM-Nationalkomitees von Österreich, der Schweiz und Deutschland zu den Höhepunkten im museologischen Gedankenaustausch zwischen unseren benachbarten Ländern. Die Federführung liegt in diesem Jahr in den Händen der Schweizer Kolleginnen und Kollegen. Mitgliederversammlung: Nachwahl eines Vorstandsmitgliedes ICOM Deutschland wird seine Mitgliederversammlung 2015 im Rahmen des Internationalen Bodensee-Symposiums am 20. Juni 2015 im Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen veranstalten. Frau Dr. Franziska Nentwig hat zum 31. Dezember 2014 den Vorstand von ICOM Deutschland verlassen. Nachdem Frau Nentwig nach acht Jahren ihren Posten als Generaldirektorin der Stiftung Stadtmuseum Berlin aufgegeben hat und seit März 2015 als Geschäftsführerin beim Kulturkreis der deutschen Wirtschaft tätig ist, musste sie satzungsgemäß aus dem Verband ausscheiden. Nach den Bestimmungen der Satzung von ICOM Deutschland tritt beim vorzeitigen Ausscheiden eines Vorstandsmitgliedes an dessen Stelle und für die restliche Amtsdauer ein von der nächsten Mitgliederversammlung zu wählendes Mitglied. 12 ICOM Deutschland Mitteilungen 2015

15 Aktuelles Es ist wünschenswert, dass sich im Vorstand des Verbandes die Verschiedenartigkeit der Museumslandschaft in Deutschland spiegelt. Als nachzuwählendes Vorstandsmitglied für den Rest der laufenden Amtszeit schlägt der Vorstand deshalb Frau Professor Dr. Elisabeth Tietmeyer, Direktorin des Museums Europäischer Kulturen der Staatlichen Museen zu Berlin, vor. Dennoch kann sich jedes individuelle Mitglied von ICOM Deutschland, das die Mitgliedskriterien nach 4 Ziffer 1 a) aa) der Satzung erfüllt und im aktiven Dienst ist, um dieses Amt bewerben. Wir bitten daher alle Bewerberinnen und Bewerber, ihre Kandidatur bis spätestens 31. Mai 2015 der Geschäftsstelle von ICOM Deutschland schriftlich mitzuteilen. Wir stützen uns dabei auf den bei ICOM Deutschland bisher beachteten Wahlmodus, aber auch auf die Wahlregularien des Internationalen Museumsrats ICOM. Bitte beachten Sie, dass Mitglieder bei Nichtanwesenheit auf der Mitgliederversammlung ihr Stimmrecht auf andere stimmberechtigte Mitglieder schriftlich übertragen können, wobei jedes Mitglied zur Vertretung von höchstens zwei abwesenden Mitgliedern bevollmächtigt werden kann. Eine Vorlage zur Übertragung des Stimmrechts erhalten Sie in der Geschäftsstelle. Nachwuchsförderung durch Reisestipendien Um dem Museumsnachwuchs möglichst zahlreich eine Teilnahme an unserer Jahrestagung zu ermöglichen, können deutsche ICOM-Mitglieder mit dem Status Student einen Antrag auf Reisekostenzuschuss stellen. Insgesamt gewährt ICOM Deutschland fünfzehn Reisebeihilfen in Höhe von bis zu 150 Euro. Interessierte wenden sich bis spätestens 31. Mai 2015 per Mail an die Geschäftsstelle. Für die Bewilligung der Reisebeihilfen ist der Zeitpunkt der Antragstellung ausschlaggebend. Wir laden Sie herzlich zur Jahrestagung und zur Mitgliederversammlung 2015 nach St. Gallen ein und freuen uns auf die Begegnung und den gemeinsamen Austausch mit Ihnen. Save the date: ICOM-Generalkonferenz 2016 ICOM lädt vom 3. bis 9. Juli 2016 zu seiner 24. Generalkonferenz nach Mailand, Italien, ein. Das Konferenzthema lautet Museums and Cultural Landscapes. Die Generalkonferenz findet alle drei Jahre statt, letztmalig 2013 in Rio de Janeiro, Brasilien, und 2010 in Shanghai, China. Rund dreitausend Museumsprofis aus aller Welt werden erwartet. Der internationale fachliche Austausch steht dabei im Vordergrund. Neben zahlreichen Workshops bieten vor allem die Treffen der interna tionalen Komitees die Gelegenheit für eine breite Kommuni kation unter den Museumskolleginnen und -kollegen und für eine Vertiefung des Tagungsthemas. Die Generalkonferenz wird durch eine Museumsmesse und durch Exkursionen in die Region (Turin, Verona, Padua, Venedig, Genua, Bologna, Florenz, Rom etc.) abgerundet. Einen wichtigen Punkt auf der Konferenzagenda stellt die Verabschiedung der Declaration of ICOM on Museums and Cultural Landscapes dar. ICOM hofft, mit dieser Deklaration strategische Ziele zur Bewahrung des kulturellen Erbes für die Museen der Gegenwart zu setzen. Gremienwahlen stehen an 2016 endet die ICOM-Präsidentschaft von Hans-Martin Hinz. Die im Rahmen der Konferenz stattfindende 30. Generalversammlung von ICOM wählt einen neuen Präsidenten, zwei Stellvertreter, einen Schatzmeister sowie die weiteren Mitglieder des Executive Council. ICOM Deutschland fördert, wie auch bei früheren Generalkonferenzen, die Teilnahme deutscher Mitglieder mit Reisekostenzuschüssen. Für eine bestimmte Anzahl von Interessierten stehen Reisebeihilfen in Höhe von bis zu 400 Euro (vorbehaltlich) zur Verfügung. Voraussetzung für die Bezuschussung ist ein wissenschaftlicher Beitrag zur Konferenz (z. B. das Halten eines Vortrags), eine besondere Funktion in der Gremienarbeit (z. B. die Tätigkeit als Vorstandsmitglied oder Sekretär) oder oder das Mitwirken an der Vorbereitung und Durchführung der Konferenz und der Fachtagungen. Daneben wird die Anfertigung eines Berichts für die Veröffentlichung in den Mitteilungen von ICOM Deutschland erwartet. Weitere Auskünfte erteilt Ihnen gern die Ge schäfts stelle, Seien Sie dabei, wenn es diese wichtigen Themen zu erörtern und entscheiden gilt wir freuen uns darauf, Sie 2016 in Mailand zu treffen! Der Vorstand ICOM Deutschland Fotos: Historisches und Völkerkundemuseum St. Gallen Weitere Informationen: Bodensee-Symposium und Mitgliederversammlung 2015 von ICOM Deutschland: 18. bis 20. Juni in St. Gallen, Titel: Das Museum für alle Imperativ oder Illusion? Programm und Anmeldung: Reisebeihilfen: Geschäftsstelle von ICOM Deutschland, 24. ICOM-Generalkonferenz: 3. bis 9. Juli 2016 in Mailand, Titel: Museums and Cultural Landscapes Programm und Anmeldung: ICOM Deutschland Mitteilungen

16 Rückblick Museum Macht Politik Macht Museum Mehr als 350 Fachleute haben vom 9. bis 14. September 2014 an der gemeinsamen Tagung von ICOM Russland, ICOM USA und ICOM Deutschland teilgenommen, die sich unter mehreren Aspekten als ein spannendes, trilaterales Experiment erwiesen hat. Klaus Weschenfelder berichtet im ersten Teil, warum es gut und richtig war, sich in Sankt Petersburg zu treffen, und was dabei herausgekommen ist. Kristiane Janeke schildert im zweiten Teil ihre Erfahrungen in Jekaterinburg, der Hauptstadt des Bezirks Schwerdlowsk, wo Provinzstädte mehr als eine Millionen Einwohner haben, die Wiege der russischen Industrialisierung steht und man viel über interkulturelle Kommunikation lernen kann. Klaus Weschenfelder, Kristiane Janeke Fotos: ICOM Russland 14 ICOM Deutschland Mitteilungen 2015

17 Rückblick Es gäbe unter russischen Museumskollegen den fröhlichen Trinkspruch: Alle Macht den Museen!, erzählte augenzwinkernd Vladimir Tolstoy, Präsident von ICOM Russland und Berater des russischen Präsidenten in kulturellen Angelegenheiten, den etwa 350 zur Eröffnung der Tagung Museum and Politics im Generalstabsgebäude in Sankt Petersburg versammelten, aus aller Welt angereisten Museumsexperten. Die von ICOM Russland mit Музеи и Власть als treffend erachtete Übersetzung des Tagungsthemas aus dem Englischen ins Russische offenbarte eine nicht uninteressante Feinheit, denn das Wort wlast bedeutet Macht. Mit kulturell bedingten semantischen Differenzen ist bei internationalen Be gegnungen eben zu rechnen. Mehr als das. Der seit dem Majdan im Winter 2013/2014 aufgebrochene Konflikt zwischen Russland und der Ukraine und die von Russland stets bestrittene Aggression gegen das Nachbarland ließen die beiden westlichen Mitveranstalter, ICOM USA und ICOM Deutschland, im Vorfeld der seit 2011 gemeinsam mit ICOM Russ land geplanten Tagung darüber nachdenken, ob es nicht besser sei, das Projekt abzusagen. Schließlich haben sich die Verbandsvorstände aber doch mit Entschiedenheit für das Treffen in Sankt Petersburg ausgesprochen, um, wie ICOM-Präsident Hans-Martin Hinz und ICOM- Deutschland-Präsident Michael Henker bei der Eröffnung nachdrücklich hervorhoben, den Gesprächsfaden in schwierigen Zeiten nicht abreißen zu lassen. Hinz er in ner te ferner daran, dass ICOM schließlich in der schwierigen Zeit der Nachkriegs jahre gegründet wurde, um ver lo re nes Vertrauen wieder aufzubauen und den internationalen Austausch zwischen den Museen zu fördern. Daran weiterzuarbeiten, sei not wen dig und verdienstvoll, bekräftigte auch Alexander Sayn-Wittgenstein-Sayn, Vizepräsident von Europa Nostra, anlässlich der Übergabe eines Denkmalpreises an das Museum Zarskoje Selo, die im Rahmen der ICOM-Konferenz feierlich vorgenommen wurde. Als Veranstaltungsort in Sankt Petersburg wählten die russischen Organisatoren die Eremitage, in deren Feierlichkeiten zum 250jährigen Bestehen die gemeinsame Tagung eingebettet wurde. We share the same problems. Allerhand Gemeinsamkeiten för der ten die Eröffnungsvorträge in der Beschreibung des Verhältnisses von Museum und Politik zutage. Sich klar und deutlich gegenüber der Macht zu positionieren, riet Vladimir Tolstoy, ausführlich aus zwei seiner sehr resoluten Reden aus den 1990er Jahren zur Lage der Museen zitierend. Die Situation ha be sich seither verbessert, doch müsse Politik mehr tun, um die Museumsarbeit von zunehmend sich auftürmen den bürokratischen Hürden zu entlas ten. Auch die Problematik der immer schwieriger werdenden Umstände für Fundraising in der Privatwirtschaft müs se die Museen weiterhin zu entschlossenem Auftreten gegenüber der Macht veranlassen. In die gleiche Kerbe schlug Hermann Schäfer, Gründungsdirektor des Hau ses der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland und ehemaliger Stellvertreter des Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien mit seinem klar strukturierten, erfahrungsgesättigten Vortrag: Museen müssen sich kreativ und couragiert verhalten, dürfen keinesfalls die Lobbyarbeit vernachlässigen. Um ihre Interessen gegenüber der Politik zu vertreten und um ihre Ziele zu erreichen, sollten sie gegebenenfalls auch über die Bande spielen. Museumsspezifische, aus dem russisch-ukrainischen Konflikt resultierende Probleme wurden nur knapp angesprochen. Auf die Frage nach dem Verbleib der Skytenschätze aus dem Museum in Sewastopol auf der Krim verwies ICOM Deutschland Mitteilungen

18 Rückblick Museums, Politics and Power Der Blog zur Konferenz Katrin Hieke Wie lassen sich ICOM-Konferenzen nachhaltiger gestalten? Wie können Kollegen am Wissens- und Ideenaustausch teilhaben, wenn ein Besuch der Tagung nicht möglich ist? Wie können sie dabei unterstützt werden, internationale Kontakte zu knüpfen und Projekte zu initiieren? Und wie kann die Arbeit von ICOM sichtbarer werden? Diese Fragen führten unser Team Kristiane Janeke (Deutschland), Linda Norris (USA), Irina Chuvilova (Russland) und die Autorin dazu, die Möglichkeiten des social web auszuloten und die Konferenz Museum and Politics auf verschiedenen Kanä len vorzubereiten und zu dokumentieren. The accompanying social media project is a good way for the conference in preparation and for ICOM in the future. Im Zentrum stand der in den drei Konferenzsprachen geführte Blog Das Team publizierte allgemeine Informationen zur Tagung, Impulsbeiträge, Interviews und Statements der Organisatoren sowie wöchentlich die wichtigsten Meldungen zum Thema Museum und Politik. Hauptsächlich waren aber international Gastautoren aufgerufen, den Blog zu nutzen. 27 Autoren aus acht Ländern sandten Berichte und Beiträge ein. Viele weitere beteiligten sich vor allem auf Facebook und Twitter an den Diskussionen. Rund vierhundert Leser besuchten den Blog pro Tag. Einzelne Beiträge, u. a. über die Rolle der ukrainischen Museen während der Proteste auf dem Majdan, dem Museum als Forum oder das Pro und Contra von Eintrittsgeldern, wurden über Mal aufgerufen. Aus Russ land berichteten wir live auf Twitter und fassten allabendlich den Tag auf dem Blog zusammen. Auf der Konferenz präsentierten wir die Themen, die im Vorfeld zwar diskutiert wurden, aber im Konferenzprogramm keine Berücksichtigung fanden. Überhaupt machte es das Projekt möglich, umgehend Zeitereignisse anzusprechen, die im Zusammenhang mit der Tagung standen. Nicht nur die Frage der Sicherheit von homosexuellen Teilnehmern wurde damit öffentlich aufgeworfen und in einem Statement von ICOM Russland kommentiert. What we have learned Viele Ideen konnten wir in diesem Pilotprojekt noch nicht umsetzen. Gelernt haben wir in diesem knappen Jahr allerdings viel: von der Organisation eines Projekts in drei Sprachen und Zeitzonen bis zu einer realistischeren Einschätzung der Vorund Nachteile der einzelnen Plattformen. Wir waren zu optimistisch, was die Zahl der Gastautoren angeht für viele interessierte Kollegen scheiterte es schlicht an fehlender Zeit. Unterschätzt haben wir allerdings die Zahl der Leser und Diskutanten. Diese große Resonanz zeigt uns, dass ein breites Interesse am Austausch existiert und die anhaltend hohen Nut zerzahlen noch Monate nach der Konferenz bestätigen das. Wir glauben, dass die sozialen Medien gewinnbringend genutzt werden können, um über Fach- und Ländergrenzen hinweg hochaktuelle Fragen und Probleme rund um die Museumsarbeit zu diskutieren und voneinander zu lernen. Die hohe Sichtbarkeit und ihre leichte Zugänglichkeit stärkt die Rolle von ICOM als weltweites Netzwerk. Immer mehr ICOM-Komitees nutzen diese Möglichkeiten bringen Sie sich ein und nehmen Sie teil! Ein ausführlicher Projektbericht erscheint im Tagungsband. Katrin Hieke, Doktorandin an der Universität Tübingen, arbeitet als freiberufliche Kulturwissenschaftlerin und Kulturmanagerin. Seit 2014 ist sie Mitglied im Vorstand von ICOM Deutschland. Zusammen mit Irina Chuvilova, Kristiane Janeke und Linda Norris bildet sie das Team des Tagungsblogs; Weitere Informationen: 16 ICOM Deutschland Mitteilungen 2015

19 Rückblick Vladimir Tolstoy auf die Notwendigkeit einer juristischen Klärung. Die Meinung der Gegenseite hierzu zu hören, war nicht möglich, weil ukrainische Museumskollegen nicht zur Tagung an gereist waren, ebenso wenig waren Museums experten aus dem Baltikum oder aus Polen vertreten, Länder, die in deutlicher Distanz zur russischen Regierung stehen. Tagungsteilnehmer beim Rundgang durch die Eremitage There is still a lot to learn about each other, Was ICOM in der Vergangenheit zum Verhältnis von Museum und Politik beizutragen hatte, reflektierte Wim de Vos (ICOM Executive Council) anhand der Resolutionen des Verbandes seit Sally Yerkovich betonte die Notwendigkeit der museumsethischen Reflexion des Themas und berichtete von einer am Institut für Museums ethik der Seton Hall University (USA) erarbeiteten Einschätzung künftiger Konfliktfelder. Museen müssten transparent und berechenbar handeln und sich klare Regeln geben, um Interessenkonflikten, wie sie beispiels weise aus dem Engagement von Sponsoren resultieren, begegnen zu können. Als Gastredner war der russische Regisseur Alexander Sokurow eingeladen, ein Hauptvertreter des experimen tellen Films, der in den vergangenen Jahrzehnten stets auch als Oppositioneller wahrgenommen wurde. Sein Film Russian Ark fand international große Anerkennung. Er war 2003 in der Eremitage produziert worden, wo seit Sergej Eisenstein (1927) kein Filmemacher mehr eine Drehgenehmigung erhalten hatte. Sokurows Beitrag gab sich kulturpessimistisch grundiert. Millionen von Menschen würden der Kultur den Rücken zuwenden und es gälte, die zerstörerischen Kräfte des Kinos mit all seinen Gewaltexzessen zu bändigen. Sokurows Betonung der Notwendigkeit, traditionelle Werte zu bewahren, und die Hervorhebung der Besonderheit der ICOM Deutschland Mitteilungen

20 Rückblick Michael Henker, Kathy Southern (ICOM USA), Vladimir Tolstoy, Irina Antonowa und Michail Piotrowski (v.l.n.r.). Während der Vorbereitung der gemeinsamen Tagung und auch während der Pressekonferenz am Eröffnungstag stand die Frage im Raum, ob die Tagung vor dem Hintergrund der aktuellen politischen und militärischen Krise stattfinden soll. Dass sie stattgefunden hat, kann gleichsam als politischer Erfolg der Zusammenarbeit der Nichtregierungsorganisationen ICOM Russland, ICOM USA und ICOM Deutschland sowie aller anderen Beteiligten gelten. Wim de Vos (ICOM Executive Council) russischen Kultur in der Entwicklung eines eigenen Weges zwischen Ost und West, wie sie Vladimir Tolstoy anklingen ließ, ließen wohl nicht zufällig Aspekte des Grundlagenplans staatlicher Kulturpolitik durchschimmern. Der begeisterte Applaus, insbesondere des russischen Au ditoriums, zeigte vielleicht auch, wie sehr diese Gedanken in breiten Kreisen der intellektuellen Zivilgesellschaft angekommen sind, ein Eindruck, den der Berichterstatter auch in persönli chen Gesprächen mit russischen Kollegen gewinnen konnte. We must remember museums are a place for something interesting, really intriguing. In vorzüglicher Weise vertieften nach den Einführungsvorträgen etwa sech zig Referenten in den vier Sektionen Museen in internationalen politischen Zusammenhängen, Museen und Geschichte, Museen und Innenpolitik und Museen und die Entwicklung der Gesellschaft das Thema der Tagung. Die vom Programmkomitee klug kombinierten Beiträge waren aus etwa 160 Vorschlägen mit Bedacht ausgewählt worden und boten, soweit der Berichterstatter das aus eigener Anschauung beurteilen kann oder ihm aus entsprechenden Berichten aus anderen Sektionen übermittelt wurde, allesamt interessante Fallbeispiele, Thesen oder Reflexionen von guter Qualität. Beispielhaft sei die Sektion Museen und Außenpolitik kurz charakterisiert. Einige Beiträge waren deutsch-russischen Kooperationen gewidmet, die sich sowohl auf die beratende Unterstützung beim Ausbau qualifizierter Museumsstrukturen bezogen (Manfred Nawroth) als auch auf den deutsch-russischen Museumsdialog und die Erforschung der Geschichte russischer Museen im Zweiten Weltkrieg im Zusammenhang von Kulturgutverlusten (Anna Aponasenko, Kristiane Janeke, Britta Kaiser-Schuster, Ulrike Schmiegelt). Weitere Beiträge fokus sier ten die nationalsozialistisch beding te Enteignung von jüdischem Kunstbesitz und dessen Restitution (Wesley Fischer) sowie daraus resultierende ju ristische Probleme im internationalen Leihverkehr von Kunstwerken in den USA (Elizabeth Varner). Betrachtun gen transnationaler Kulturbeziehun gen im Ausstellungs- und Museumswesen in der Vergangenheit (Gregor H. Lersch) und deren proaktive Behandlung in der Gegenwart (Da Kong, Natalia Grincheva, Markus Möhring) bilde ten einen weiteren Themenschwerpunkt. Karen Exell erarbeitete anhand einiger aktueller Museumsplanungen in den Golfstaaten (Louvre Abu Dhabi und drei Projekte in Katar), dass der einheimischen arabischen Bevölkerung westliche Museumskonzepte übergestülpt werden, die nicht auf deren Bedürfnisse eingehen und von dieser auch nicht verstanden werden. Dies geschieht aus politischen und wirtschaftlichen Gründen im Interesse der Regierun gen ein Beispiel kultureller Kolonisierung auf Einladung sozusagen. It is great to end up with questions, not answers. Die Diskussionen waren fruchtbar, durchaus kontrovers, geprägt von gu ter Sachkenntnis und immer respektvoll und fair. Das spannungsvolle Verhältnis zwischen Russland und Europa wurde regelmäßig thematisiert, beson ders, wenn es um die Frage ging, ob russische Kultur und Geschichte in eu ropäischen 18 ICOM Deutschland Mitteilungen 2015

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