PISA. Thema: Wissen 01/11. FORUM Junge Anwaltschaft im DeutschenAnwaltverein

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1 G Anwalt der Anwälte 01/11 FORUM Junge Anwaltschaft im DeutschenAnwaltverein Thema: Wissen PISA F Ü R A N W Ä L T E Schlau klickt gut Juristische Datenbanken Mythos NJW Olymp der Liebe - Superlover Jurist Anwalt kippt Gesetz forum Junge Anwaltschaft w w w. d a v f o r u m. d e

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3 Editorial Preis des Wissens Ach, Du bist Anwalt!? Dieser Frage hat sich sicherlich schon jeder von uns in geselliger Run - de ausgesetzt gesehen. Die Bejahung dieser Frage ist zwar keinesfalls ehrenrührig, die wei tere Ein - lassung sollte aber wohlüberlegt sein. Sag mal, da könntest Du mir doch sicher mal kurz eine Frage beantworten, heißt es dann nämlich meistens weiter. Und im Regelfall könnten wir auch. Aber wollen wir auch? Oder richtiger gefragt: Sollten wir auch? Zwar will das Gegenüber nach eigenem Bekunden ja nur eine kleine Frage beantwortet ha - ben. Die Sache hat aber einen Haken. Zum einen gibt es weder kleine Fragen noch kurze Antworten darauf. Und dann kommt auch noch erschwerend hinzu, dass wir als Anwälte auch für die kurzen Antworten und selbst im Bereich der Gefälligkeits - dienstleistung im privaten Umfeld voll haften. Aber das ist gar nicht mal das Hauptproblem. Schlim mer ist, dass die Beantwortung rechtlicher Fragen unsere berufliche Hauptdienstleistung dar - stellt, aus der wir schwerpunktmäßig unseren Um - satz und damit unser Einkommen generieren und wir gerade aufgefordert werden, diese zu ver schen - ken. Betrachten wir es mal bildlicher: Wissen ist unsere Ware, die wir verarbeiten und mit der wir handeln. Ob wir diese jedoch komplett als Freebie verschenken wollen, sollten wir uns gut überlegen. Ein Beispiel: Dienstagabend gegen 20 Uhr. Ich bin gerade zu Hause angekommen und höre meine Freundin bereits beim Betreten der Wohnung am Telefon mit einer ihrer Bekannten reden. Kaum habe ich die Jacke ausgezogen, höre ich schon die Worte warte mal, er ist gerade da. Ich frage ihn mal kurz. Mir wird das Telefon mit den Worten: Sabine hat da ein Problem. Kann sie Dich da mal kurz was fragen? übergeben. Aus Erfahrung weiß ich zwar sofort, dass das, was nun folgt, weder kurz, noch ein kleines rechtliches Problem sein wird. Klar, ant - worte ich dennoch, denn eigentlich bittet mich ja nicht Sabine, sondern meine Freundin und da ist Nein nun mal keine Option. Also höre ich mir erst mal zehn Minuten einen langatmigen Sachverhalt an um dann am Ende der Erzählung mit einem bun - ten Strauß an Fragen konfrontiert zu werden. Warum werde ausgerechnet ich gefragt? Nun, die Antwort darauf ist meistens recht einfach, da ich im Regelfall gerade nicht die unausgesprochene Kory - phäe auf dem betreffenden Rechtsgebiet bin. Zum einen weiß Sabine nicht so genau, ob sie überhaupt Anspruch auf Beratungshilfe hätte (wenngleich sie bei Besoldungsgruppe A13 und keinen Unterhalts - verpflichtungen außer der Katze schon so ein Gefühl hat, dass es eng werden könnte) und dann ist es ja auch gemeinhin bekannt, dass Anwälte viel Geld für ihre Beratung nehmen. Und letzteres könnte natür - lich schon zum Problem werden, da A13 bekann ter - maßen das staatlich verordnete Armutsgelübte dar - stellt und die Erbschaft, um die es in dem langatmigen Sachverhalt geht, wahrscheinlich auch nicht so hoch ausfällt wie erhofft. Zu guter Letzt will Sa - bine ja auch nur ganz grob wissen, wie die Rechts - lage in ihrem Fall ist. Sie will also erst einmal wissen, ob sich eine rechtliche Vertretung in dieser Sache überhaupt lohnt (sprich: rechnet). Erfolgshonorar lässt grüßen. Dies alles geht weit über eine Schnupperleistung hinaus. Tatsächlich verschenkt man so seine Dienst - leistung, als würde man bares Geld verschenken. Man sollte sich also gut überlegen, wer einem ein solch teures Geschenk überhaupt wert ist. Denn eines ist klar: Wir haben unser Wissen selbst teuer eingekauft (Literatur, Fortbildungen, Recherche diens te etc.) und hart im Studium erarbeitet. Wissen hat damit einen monetären Wert und folglich auch einen Preis. Und da auch wir ein finanzielles Auskommen haben müs - sen, sollten wir uns die pro bono -Tätigkeiten für wirklich bedürftige Personen aufbewahren. Wenn Sabine (von Beruf Lehrerin) nämlich nach der Schule von einem ihrer Schüler gefragt wird, ob sie ihm nicht kostenlos Nachhilfe erteilen könnte, was meint ihr wohl antwortet sie da? Ich habe es mir vor diesem Hintergrund angewöhnt, in Situationen wie der o. g. sinngemäß folgendes zu sagen: Hi Sabine, ich hab zwar gerade Feierabend, aber ich kann mir für Dich morgen oder übermorgen gerne noch einen Termin bei mir in der Kanzlei frei - schau feln, damit wir Dein Problem in aller Ruhe und Sorgfalt besprechen können. Wann passt es Dir denn? Die Antwort ist dann nämlich eigentlich egal, denn ich gewinne in jedem Fall. Entweder meinen Feierabend oder einen zahlenden Mandanten. Euer Helge Heiner RA und Mitglied des Geschäftsführenden Ausschusses des FORUM Junge Anwaltschaft AdVoice Redaktionsteam Tobias Sommer, Berlin Rechtsanwalt Chefredakteur Anke Schiller-Mönch, Weimar Rechtsanwältin Redaktion und Autorin Patrick Ruppert, Köln Rechtsanwalt Redaktion und Autor Volker Loeschner, Berlin Rechtsanwalt Redaktion und Autor Stefanie Salzmann, Eschwege Journalistin Zentralredaktion Jens Jenau Rechtsanwalt Schloß Holte-Stukenbrock Bücherforum Andrea Vollmer, Berlin Fotografin und Bildredaktion ADVOICE 01/11 1

4 Inhalt Thema: Wissen Magazin 6 Schlau per Mausklick Wissen erlangen über das Internet 20 Bildungshunger und Wissensdurst Anwaltliche Weiterbildung 30 Nicht Recht, sondern Gerechtigkeit Lange Nacht des Menschenrechtsfilms Gewusst wissen Know-how-Management Spionen das Handwerk legen Know-how-Schutz + Checkliste Bei Anruf Hilfe Die Gebührenhotline des DAV Der große Bluff Der Anwalt als Fallensteller Mythos NJW Muss man die gelesen haben? Eigenes Wissensmangement Online-News und Excel Juristische Datenbanken Online Anbieter im Überblick Genau mein Thema! Fortbildung zum Datenschutz ein Bericht Lehrer fallen nicht vom Himmel Effektive Wissensvermittlung Mandanten als Entdecker Schätze heben wie Indiana-Jones Gegenseitig fortbilden Muss Bildung teuer sein? Pisa-Test für Anwälte 18 Fragen 18 Antworten Berliner Bibliotheken Bücher und Bilder Kampf um Elternrechte Berliner Anwalt kippt Gesetz Schmäh und Lügen sind tabu BAG-Urteil zu Anwaltsworten Im Olymp der Liebe Superlover Jurist Klagen ohne Geld Prozessfinanzierung Nicht ohne meine Assistentin Unersetzlich und doch mit schwerem Stand Kollegen abwatschen Wie weit darf Kritik gehen? Leserbrief 48 Verkehrsrechtler Juniormitgliedschaft 49 News 2 ADVOICE 01/11 Fotos Inhaltsverzeichnis v.l.n.r.: S.-Hofschlaeger, Ralph-Thomas-Kuḧnle, Thomas-Siepmann_pixelio.de / Andrea Vollmer / S. Hainz_pixelio.de

5 Inhalt Euer FORUM Bücherforum Info + Service 50 Vorteile der FORUMs-Mitgliedschaft 58 Einführung in die VOB/B Basiswissen 63 Autorenverzeichnis 51 Anwälte ohne Grenzen 62. DAT in Straßburg Münchener Handbuch Gesellschaftsrecht Unternehmensumstrukturierung aus arbeitsrechtlicher Sicht 63 Wahlaufruf Satzungsversammlung Die Kandidaten 53 Start in den Anwaltsberuf Für Einsteiger und Fortgeschrittene Gestaltung von Arbeitsverträgen Antragslexikon Arbeitsrecht 64 Pisa-Test für Anwälte Auswertung, Auflösung und Trostpflaster FORUM regional Neue Regionalbeauftragte für _LG Fulda _LG Potsdam FORUM international Länderbeauftragte stellen sich vor _Schweiz _Portugal _Brasilien _Dänemark _Polen _Finnland Anwaltskommentar StGB AnwaltFormulare Bau- und Architektenrecht Jugendgerichtsgesetz Handbuch des Fachanwalts Erbrecht BGB Gesamtkommentar Erbrecht Handbuch des Arztrechtes Praxishandbuch Know-how-Schutz Strafprozessordnung Beratungshilfe PKO und VKH Kleine Rhetorikschule für Juristen 64 Impressum PISA F Ü R A N W Ä L T E Jetzt mitdenken auf Seite 27! Fotos Folgeseite oben v.l.n.r.: A. Rausch_pixelio.de / Andrea Vollmer / Daniel-Rennen, Steffen-Luik, Klicker_pixelio.de / Andrea Vollmer Fotos Folgeseite unten v.l.n.r.: tokamuwi, Holger-Bach, Gabi-Schoenemann, tokamuwi_pixelio.de ADVOICE 01/11 3

6 Thema WISSEN PHANTASIE IST WICHTIGER ALS WIS BEWEIS GEWISSEN WISSENSCHAFTICH W BESSERWISSER WISSENSLÜCKE MIT DEM WISSEN WÄCHST DER ZWEIFEL HALBWISSEN MAN MUSS SCHON ETWAS WI WISSENSDURST WISSENSDRANG BASISWISSEN DASS MAN NICHTS WEIS UNWISSEN WISSBEGIER DAS EINZIGE MITTEL, DEN IRRTUM ZU VER UM SICHER RECHT ZU TUN, BR 4 ADVOICE 01/11

7 Thema SEN, DENN WISSEN IST BEGRENZT. EISS, DASS ICH NICHTS WEISS. SOKRATES. WEISHEIT WISSEN IST MACHT! GUT ZU WISSEN! ABENTEUER WISSEN ALLWISSEN WILLI WILL S WISSEN SSEN, UM VERBERGEN ZU KÖNNEN, S. MEIDEN, IST DIE UNWISSENHEIT. AUCHT MAN SEHR WENIG VOM RECHT ZU WISSEN. ALLEIN UM SICHER UNRECHT ZU TUN, MUSS MAN DIE RECHTE STUDIERT HABEN. ADVOICE 01/11 5

8 Thema Schlau per Mausklick Wissen erlangen über das Internet Der Erwerb von Wissen erforderte früher körperliche Präsenz. Heute genügen im besten Fall einige Mausklicks. Foto: Andrea Vollmer Der Physiker Albert Einstein ( ) soll einmal folgenden Ausspruch getan haben: Wissen heißt, wissen, wo es geschrieben steht. Dieses Kurzzitat ist nicht nur Ausweis der Einsteinschen Genialität. Es ist auch beliebte vorsichtig formuliert ausredenverwandte Äu - ßerung vieler Schüler und Studenten, die lästige Hausaufgaben lieber gegen Ausflüge an Seen und ausgedehnte Partys eintauschen, um Lehrer oder Dozenten schließlich mit der Wahr heit zu konfrontieren, sich nicht für den Unter richt vorbereitet zu haben. Einstein haftete als Schüler ein faules Wesen an, Lehrer bezeichneten ihn gar als dumm. Seine Zen - suren waren eher durchschnittlich und auch sonst fiel er nicht durch Genialität auf. Hätten seine Pauker seinerzeit erkannt, wel ches Potential in ihm steckte, hätten sie sich gewiss nicht zu derartigen Urteilen hinreißen lassen. Zu seinen Lebzeiten kannte der Nobelpreisträger aus schließlich die Wissens ver mitt - lung unmittelbar durch Personen oder Literatur. Umfassende wis senschaftliche Werke wa ren norma - ler weise nur in Bibliotheken behei matet, was unbe - dingt der physischen Präsenz be durfte, wollte man Wissen erlangen.»wie also der Masse an Information Herr werden? Und wie wird daraus vor allem Wissen, das nicht als redundant, bezeichnet werden darf?«nur ein halbes Jahrhundert nach Einsteins Tod ist die körperliche Anwesenheit als zwingende Vor - aussetzung zur Wissensaufnahme Geschichte. Mit der Entwicklung des Internets und daran an knüpfend, der Einführung einer grafischen Benutzer - oberfläche (Browser) ist es spielend leicht, In for mation jedweder Art von jedem Platz der Erde 24 Stunden am Tag abrufbar, sofern die Hardware dies zulässt. Ob Einstein den modernen Möglichkeiten des World Wide Web offen gegenüber getreten wäre, bleibt reine Spekulation. Fest steht, dass nicht alle Menschen von den technischen Errungenschaften des 21. Jahr hun - derts profitieren können oder auch wollen. Nicht selten ist es die Flut an Informationen, die auf der Suche nach gewünschten Inhalten erschlagend wirkt. Medienkompetenz titulieren gern Kultus - minister den rechten Umgang mit dem Internet, obschon sie nicht selten selbst an die eigene Grenze des für sie Verstehbaren gelangen. Wie also der Masse an Information Herr werden? Und wie wird daraus vor allem Wissen, das nicht als redundant, also überflüssig bezeichnet werden darf? Die Beantwortung dieser Fragen bewegt mehr und mehr auch juristische Kreise, zumal die ver gleichs - weise konservative Jurisprudenz auch bemerkt hat, welches Potenzial in der elektronischen Vernetzung liegen kann. Für Rechtsanwälte relevantes Wissen aufzuspüren, ist zunächst auch aus Laiensicht wenig problematisch. Hierzu versetze man sich in die Lage eines Ratsuchenenden, der, um ein Bei - spiel zu nennen, mit 30 km/h über dem Tempolimit 6 ADVOICE 01/11

9 Thema zu schnell fuhr. Dieser gäbe unter einer der Stan - dardsuchmaschinen wie Google oder Bing eine Suchanfrage mit den Begriffen Tempolimit, Ge - schwindigkeitsüberschreitung o. Ä. ein. Sofort er - hielte er als Ergebnisse der Suche zig Verweise auf Ratgeberseiten, Diskussionsforen, aber auch auf professionelle Rechtsberatungsangebote.»Idealerweise hätte der versierte Surfer eine handvoll Seiten in sogenannten Tabs (Fenster innerhalb eines Browser-Fensters) geöffnet, um die Inhalte zum Vergleich blitzschnell hin- und herklicken zu können.«erfahrene Rechercheure wären sich an dieser Stelle bereits darüber im Klaren, dass es bei der Ergeb - nislage davon abhängt, welchen Suchbegriff man eingesetzt hat und dass es in den allermeisten Fällen sinnvoll wäre, parallel nach weiteren Syno nymen suchen zu lassen. Die eigentliche Arbeit käme auf den Suchenden erst im zweiten Schritt bei der Auswertung der Information zu. Ein sehr wichtiger Hinweis bildete zunächst der Domain name. Pla - kative Namen wie zu-schnell-gefah ren.de oder tempo limit.de führen nicht immer unmittelbar zum gewünschten Ziel, an verwertbare Informa tio nen zu der oben beispielhaft genannten Geschwindigkeits - übertretung zu gelangen. (An dieser Stelle sei den AdVoice-Lesern die Eingabe jener Domainnamen zur Nachvollziehbarkeit dringend empfohlen.) Der erfahrene Googler wird solche Angebote be - reits vor dem Anklicken kritisch beäugen und dürf - te kaum Zeit mit ihnen verschwenden. Täte er es dennoch, folgte ein kurzes Anklicken, Hoch-und- Runterscrollen und schließlich Wegklicken der Bearbeitungsalgorithmus der Wahl. Nach einer kur - zen Weile wären passende Seiten gefunden, die einer genaueren Betrachtung würdig wären. Idealer weise hätte der versierte Surfer eine handvoll Seiten in sogenannten Tabs (Fenster innerhalb eines Browser- Fensters) geöffnet, um die Inhalte zum Vergleich blitzschnell hin- und herklicken zu können.»unvollständige Anbieterkennungen, die bei Fragen zum Inhalt keine Kontaktaufnahme zum Webseiten - betreiber ermöglichten, sind ernster Grund zur Skepsis.«In der zweiten Phase würden sowohl die Anbie ter - kennung als auch die Webseitengestaltung unter die Lupe genommen. In diesem Prüfungsschritt würden Entscheidungen darüber getroffen, ob den Inhalten vertraut werden könnte. Dieser Schritt gilt als unerlässlich, wollte man nicht Gefahr laufen, falsche Informationen in sein Wissen aufzuneh men. Ein schmuddeliges Webseitenlayout stört nicht nur das Verweilen auf der Seite. Es macht auch miss trauisch, ob nicht gleichsam der textliche Inhalt mit ähnlich reduzierter Sorgfalt erstellt sein würde. Unvollständige Anbieterkennungen, die bei Fragen zum Inhalt keine Kontaktaufnahme zum Web seiten - betreiber ermöglichten, sind ernster Grund zur Skepsis. Wäre dieser zweite Schritt gemacht, folgte im dritten die Überprüfung des eigentlichen Inhalts. Spätestens an dieser Stelle sollte der internetaffine Juraprofi den Laien überholen, weil er mit seinem amtlich attestierten Wissen die Inhaltsangebote vergleichen und ergänzen kann. Bei der täglichen, ja selbstverständlichen Nutzung des Internets gerät oftmals in Vergessenheit, wie mühselig manche Erkenntnisgewinnung im Studium oder Referen - dariat war. Umso leichter erschließt sich ein un be - kanntes Rechtsgebiet nach der für viele als sehr stressig empfundenen Ausbildungssituation. Der ratsuchende Laie verfügt in aller Regel nicht über ein solches Wissen, so gesehen sich seine Er - kenntnisfindung in den ungezählten Foren und Blogs verirren kann. Wer sich daran erinnert, wird im Beratungsgespräch locker und entspannt blei ben, wenn sein Mandant sagt, er habe eine bestimm te Information aus dem Internet entnommen, ohne sich noch an die Quelle und die genaue Kernaussage erinnern zu können. Was im WWW lange Zeit wie eine Wüstenei für juristische Inhalte aussah, kann heute beinah als paradiesischer Garten der nütz - lichen Informationen gelten.»was im WWW lange Zeit wie eine Wüstenei für juristische Inhalte aussah, kann heute beinah als paradiesischer Garten der nützlichen Informationen gelten.«urteile der höchsten deutschen Gerichte, Bundes - tags drucksachen, Referentenentwürfe von Minis te - rien, nahezu alle Gesetze, Blogs von Rechtsanwälten, Buchrezensionen, die Berichterstattung über laufende Gerichtsverfahren und vieles mehr an Informationen helfen enorm bei der Ver meh rung des eigenen Wissens. Man fühlt sich nicht nur schlauer per Mausklick, man wird es auch - ent - gegen der Meinung von Frank Schirrmacher, dem Mitherausgeber der FAZ. Doch ein Grundsatz sollte den Profi in jedem Fall vom Laien unterscheiden: Trust, but test, um es mit den Worten des Sozio - logen Udo Thiedeke zu sagen. Das Internet bietet Informationen in Hülle und Fülle, die grundsätzlich einen offenen und aufgeschlossenen Umgang ver - dienen. Aber dieser vertrauenden Offenheit sollte stets eine vernünftige Prüfung der Inhalte folgen. Dies sorgt dafür, dass Wissen ge sichert wird, aber auch neues Wissen durch Erkennt niszuwachs ent - stehen kann. Mandanten werden genau das schätzen. RA Patrick Ruppert, Köln Richtig checken Bei Rechtsinformationen aus dem Internet ist Vorsicht geboten. Es geht um Aktualität, Gegen - recherchen und Quellen. Websites werden in zwi - schen suchmaschinenoptimiert ins Netz gestellt, nur um abseitige Lobbyarbeit zu unterstützen. Schnelle Häppcheninformation ohne Gegenre - cherche kann zu nachhaltigen Fehlern führen. Bestes Beispiel: Von der Titelseite der Bild - zeitung über die Süddeutsche Zeitung und TAZ bis Spiegel.de haben alle vom falschen Wiki - pedia-eintrag zu Karl-Theoder von Guttenberg ab geschrieben, und schon hatte der angehende Mi nis ter den zusätzlichen Vornamen Wilhelm. In dem Beitrag des anonymen Gastautors heißt es: Weil Journalisten ungeprüft von Wikipedia ab - schreiben und Wikipedia journalistische Texte als glaubwürdige Quelle betrachtet, wurde der er - fundene Vorname schnell zur medialen Wirklich - keit. (http://www.bildblog.de/5704/wie-ichfreiherr-von- guttenberg-zu-wilhelm-machte). Fazit: An den richtigen Fragen und an ein biss - chen Gegenrecherche kommt man bei Infor ma - tionen, insbesondere bei Rechtsin formationen, aus dem Internet nicht vorbei. Ist das Gesetz aktuell? Das kann man bei prüfen. Ob es Gesetzesänderungen gibt, steht im Aktualitätendienst oder im Bun - des gesetzblatt. Gibt es andere Entscheidungen oder wider sprüch - liche Informationen? Hier sollte eine Recher che in einschlägigen Datenbanken wie bun des ge - richts hof.de erfolgen. Nicht zuletzt gilt es, die entscheidende Frage zur Quelle der In formation zu stellen: Wer ist für die Information verant wort - lich und welchen Grund hat er, sein Wissen zu ver - schenken? Bei Wikipedia gibt es eine His torie, die die Änderungen dokumentiert. Das ist transpa rent. Doch viele Internetseiten aktu ali sie ren das Datum automatisch. Immer dann, wenn das aktuelle Datum angezeigt wird, ist Vorsicht geboten! Und hier kommen die Fragen, die Checkliste, die Handlungsanweisung in Sachen Rechtsin - for ma tion im Internet : Von wem stammt die Information? Ist die Information aktuell? Gibt es weitere Informationen zu dem Thema? Warum ist die Information kostenlos im Netz? Könnte es eine bessere Quelle geben? RA Tobias Sommer, Berlin ADVOICE 01/11 7

10 Thema Gewusst wissen Know-how-Manager organisieren Wissen effizient Mitarbeiter profitieren enorm Besonders große Rechtsanwaltskanzleien stehen nicht selten vor der Frage, wie mit der Masse an täglichen Informationen juristischer aber auch nicht-juristischer Art umgegangen werden soll. Die enorme Spezialisierung und maximale Fo - kus sierung auf die Anliegen meist großer Un - ter nehmensmandate machen es in Zeiten hohen Ef fizienzdrucks erforderlich, neue Wege in der Wissensaufnahme und -verwaltung zu be schrei - ten. Im angelsächsischen Raum ist es längst gelebte Tradition in der Rechtsberatung, was sich auch in Deutschland immer stärker in gro - ßen Beratungsfirmen durchsetzt, das Know - ledge Ma na gement. Was nach einer hippen und neu deutsch formulierten Arbeitsplatzauf wer - tung klingt, ist tatsächlich arbeitserleichterndes Werkzeug im Zusammenwirken verschiedener Fachabteilungen innerhalb einer auf klare Ar - beitsteilung ausgerichteten Kanzleistruktur. Dr. Stefanie Klein-Jahns ist Rechtsanwältin in der überörtlichen Sozietät CMS Hasche Sigle und kennt als Know-how-Managerin die Anforde - run gen an die Verarbeitung von geballtem Wis - sen. Im Gespräch mit AdVoice gewährt sie Ein - blicke in ein noch junges Aufgabenfeld. A: Wie müssen wir Ihren Aufgabenbereich ver - stehen? KJ: Know-how-Manager erfüllen in der Kanzlei eine sehr wichtige Funktion. Wir sind bei CMS Hasche Sigle ein Team von derzeit sechs Juristen, die verschiedenen Fachabteilungen zugeordnet sind. Alle Kolleginnen und Kollegen sind als Rechts - anwälte zugelassen und haben neben Dr. oder LL.M. auch einschlägige Berufserfahrung. Ich selbst bin im Fachbereich Arbeitsrecht tätig. Zu unseren Aufgaben gehört es, von unserer Kanzlei verwendete Muster wie etwa Verträge und Ver - trags bedingungen zu sichten und auf dem aktu - ellen Stand des Rechts zu halten. Wir stimmen uns mit den jeweiligen Partnern inhaltlich ab und sor - gen für die Übersetzung in die relevanten Spra - chen. Die Endprodukte pflegen wir anschließend in das Intranet ein. A: Erschöpft sich die Tätigkeit hierin? KJ: Was sich banal anhört, ist bei genauer Betrach - tung eine sehr verantwortungsvolle und komplexe Tätigkeit. Wir müssen nicht nur auf dem neusten Stand der Rechtsprechung und der Literatur sein. Wir müssen auch mit den Bedürfnissen unserer Mandanten sehr vertraut sein. Nur so können wir sicherstellen, dass die Dokumente den hohen Qualitätsmaßstäben genügen, die unsere Man dan - t en von uns erwarten. Daneben sind wir auch für die Dokumentation sämtlicher Vorgänge zwischen uns und den Mandanten verantwortlich. So er - stellen wir Textbausteine und Formulierungs hilfen, die wiederum die Grundlage der Korrespondenz sind. Darüber hinaus organisieren wir Fortbil dungs - veranstaltungen, mit denen wir aktualisiertes Wis - sen für alle Kanzleimitarbeiter gewährleisten. A: Die Arbeit mutet wenig anwaltlich im klas - sischen Sinne an? KJ: Wer in einer Großkanzlei wie CMS Hasche Sigle im Bereich Knowledge Management beschäftigt ist, der wird kaum noch die Zeit dafür haben, als Anwalt im Mandat zu arbeiten. Dafür sind wir zu sehr Spe - zialisten und setzen bewusst auf eine klare Aufga - benverteilung, von der allerdings alle Fach bereiche sehr profitieren. Unsere Experten sind so stets auf dem allerneusten Stand des Rechts, was sie in die Lage versetzt, gerade in großen Verfahren wie Un ter - nehmensfusionen und grenzüberschrei tenden Man - daten präzise und just in time agieren zu können. Dr. Stefanie Klein-Jahns ist Rechtsanwältin bei CMS Hasche Sigle und verarbeitet dort als Know-how-Managerin geballtes Wissen. Foto: Patrick Ruppert 8 ADVOICE 01/11

11 Thema A: Vermissen Sie denn den Kontakt zu Man dan - ten und die Atmosphäre im Gerichtssaal? KJ: Wäre ich mit meiner Aufgabe unzufrieden, dann könnte ich diese nicht glaubwürdig erfüllen. Ich bin deshalb besonders zufrieden, weil wir im hohen Maße eigenständig und flexibel arbeiten können, dies sogar in Teilzeit und von zu Hause aus, was gerade für Mütter sehr reizvoll ist. A: Wie laufen die Vorgänge organisatorisch rund um die Wissensverwaltung ab? KJ: Bei CMS Hasche Sigle sind wir Know-how- Manager in ständigem Austausch miteinander über das, was sich aktuell in rechtlich relevanten The men sowie in technischer Hinsicht verändert. Damit wir selbst jedoch den Überblick behalten, hat einer, ge - nauer gesagt eine von uns auch eine Ko ordi nie rungsfunktion. Diese gewichtet und ver teilt die Aufgaben und Themen, sofern das nicht bereits durch die fach liche Ausrichtung deutlich wird. Sie koordiniert auch die regelmäßigen Treffen und Telefonkon fe - renzen aller Know-how-Manager der Kanzlei. Das ganze darf man aber nicht hierarchisch verstehen. Wir sind ein auf Eigenständigkeit geeichtes Team. Der uns aus dem Kreise der Partnerschaft zur Seite gestellte Mentor unterstützt uns bei allen Anliegen in der Partnerschaft. A: Wie sehen ältere Sozien Ihre besondere Rolle? KJ: Die junge Generation der Rechtsanwälte hat unsere Arbeit von Anfang an wie selbstverständlich genutzt und die Ergebnisse online abgerufen. Bei den älteren Kolleginnen und Kollegen hat es nur anfangs ein wenig gedauert, bis sie den Nutzen und die Vorteile des Knowledge Managements für sich entdeckt haben. Sie haben inzwischen unisono fest - gestellt, dass wir ihnen erheblich zusätzliche Arbeit ersparen, die vor noch nicht allzu langer Zeit von ihnen selbst erledigt werden musste. Aber natürlich haben auch etliche der älteren Partner sich von An - fang an für die Einrichtung eines Know-how-Mana - gements stark gemacht und dies somit überhaupt erst ermöglicht. A: Gibt es Austausch mit Kollegen aus anderen Rechtsanwaltskanzleien? KJ: Zweimal im Jahr findet in Frankfurt ein Round - table Knowledge Management statt. Bei dieser Veranstaltung kommen die Know-how-Manager der wichtigen großen Kanzleifirmen zu sammen und berichten von ihren Erkenntnissen aus dem Sektor. Das geschieht ohne übertriebene Nabelschau und ohne Preisgabe innerbetrieblicher Geheimnisse in jedem Fall eine sinnvolle Einrichtung. A: Haben wir etwas vergessen zu fragen, was Ihre Jobbeschreibung ausmacht? KJ: Erwähnenswert wäre noch, dass meine Tätig - keit auch in meiner zusätzlichen Aufgabe als Redak teurin eines arbeitsrechtlichen Mandaten magazins mündet, das von der Kanzlei regelmäßig herausgegeben wird. Insofern verstehe ich sehr gut die Anforderungen an die Arbeit der AdVoice. Alles dies macht meinen Beruf anspruchsvoll und sehr abwechslungsreich. Wer also weniger foren sisch arbeiten, dafür aber die Geschicke eines großen Unternehmens maßgeblich mitgestalten möchte, der sollte das Knowledge Management keinesfalls als spannendes Tätigkeitsgebiet außer Acht lassen. Das Gespräch führte AdVoice-Redakteur Patrick Ruppert, Köln Know-how-Manager Know-how-Manager sind als Rechtsanwälte das Bindeglied zwischen den Sozien. Sie sorgen da - für, dass die Kanzlei als Einheit auf dem neusten Stand des Rechts bleibt. Konkret optimieren sie die Qualität von Vertrags - bedingungen und Vertragsmustern, sorgen für deren Übersetzung in alle relevanten Sprachen, wachen über die Fort- und Weiterbil dungspro - gramme der Mitarbeiter und aktualisieren sowohl den Bibliotheksbestand als auch die elektro ni schen Datenbanken. Als Korrespondenzgrundlage er stel - len sie Textbausteine und Formulierungs hilfen. In großen Rechtsanwaltsbüros gehören Knowhow-Ma nager daher inzwischen zu unverzicht - baren Be ra tern, die effektiv im Hintergrund die juris tische Logistik organisieren. Wissen grafisch Um in großen Unternehmensgeflechten den Überblick zu behalten, wird das Wissen in all seinen Verästelungen grafisch aufbereitet. Dies geschieht in sogenannten Wissenslandkarten, welche etwa das Experten- und Teamwissen, Entwicklungen des Wissens, Abläufe und Fähigkeiten abbilden. Wissenslandkarten sorgen für Transparenz in Unternehmen und fördern die Effizienz. ADVOICE 01/11 9

12 Thema Spionen das Handwerk legen Know-how-Schutz in Unternehmen gewinnt an Bedeutung Gewusst wie, spart Energie so hieß die Mitmach-Zauberformel, mit der DDR-Bürger zum Stromsparen erzogen werden sollten. Gewusst wie, das ist die große Kunst für viele Unter - nehmen, wenn es darum geht, ihr ganz spezielles Know-how zu schützen. Das Spar- vor allem aber das Drohpotenzial zeigt sich bei einem ver nünf - tigen Schutz immer dann, wenn ein Verletzungs - fall droht oder eingetreten ist. Der Google-Algorithmus und die Coca-Cola-Formel, das sind die großen Mythen erfolgreichen Wissens - schutzes. GEHEIM-Haltung wird hier groß ge schrie - ben. Fest steht: Immaterialgüterrechte wie Patente, Urheberrechte, Muster oder Marken sind meist nur ein Teil einer umfassenden Schutzstrategie in einem Unternehmen. Der Know-how-Schutz ist ein ver - gleichsweise neues Rechtsgebiet, am ehesten ist es dem Immaterialgüter- und Wettbewerbsrecht zuzu - ordnen. Feste Regeln gibt es nicht, doch die Experten sind sich scheinbar einig, die Bedeutung kann nicht unterschätzt werden und fast überall klaffen Lücken im Know-how-Schutz von Unternehmen. Ein typisches Problem am Know-how: Während eine Erfindung oder ein Markenname fast immer als solches auch erkannt werden, muss das spezielle Know-how in vielen Unternehmen erst noch iden - tifiziert werden. Kundenlisten oder ein besondere Marktkenntnis können über Schutzrechtsanmel - dungen nicht geschützt werden, manch eine Tech - no logie soll gerade nicht an die Öffentlichkeit gelangen, genauso wie ein Vertragswerk oder be - stimmte Kalkulationen. Im Fall von Erfindungen ist die Sache noch relativ klar, der notwendigen Offen - legung von Patenten und der begrenzte Schutzfrist, ggfl. auch den Kosten, stehen die Vorteile aus einem Monopol aufgrund eines Schutzrechts gegenüber. Einen goldenen Weg gibt es in solchen Fällen nicht, eine individuelle Lösung gibt es immer.»straftatbestände mit so schön klingenden Namen wie Vorlagen - freibeuterei«der rechtliche Rahmen und das zur Verfügung ste - hende Instrumentarium für den Know-how-Schutz sollten klar sein, wenn es um eine Beratung in Sachen Wissenschutz geht. Hier lauert ein juris ti - sches Minenfeld, da viele Rechtsgebiete, vom Ar - beits recht über das Datenschutz- und Immaterial - güterrecht bis hin zum Wettbewerbs-, Straf- und dem Vertragsrecht, ineinander spielen. Der urheberechtliche Schutz für Datenbanken kann genauso schnell eine Rolle spielen, wie nach ver - tragliche Wettbewerbsverbote, die ihre Anknüpfung in den 74 ff HGB finden oder Straftatbestände mit so schön klingenden Namen wie Vorlagen frei beu - terei, etwas versteckt geregelt in 18 UWG. Ist das schützenswerte Know-how einer Firma erst einmal identifiziert und ist ein Maßnahmekatalog für den Know-how-Schutz erarbeitet, kann die in halt - liche juristische Arbeit beginnen. Ein Schwerpunkt der anwaltlichen Arbeit liegt dabei in der Ver trags - gestaltung. Egal ob Mitarbeiter, Kunden oder Lizenz - nehmer, überall lauert die Gefahr, dass Wissen nicht nur abhanden kommt, sondern auch in die falschen Hände gerät. Dabei sind wirksame Mechanismen, vgl. die schon erwähnten Wettbewerbsverbote, aber auch Geheimhaltungsvereinbarungen, Belehrungen, Ver - trags strafen usw. durchaus vorhanden.»etwa Laienspione allein in Deutschland.«Etwa Laienspione im Auftrag Chinas soll es laut Bundesamt für Verfassungsschutz in Auftrag allein in Deutschland geben. Mit separaten Zugriffs - rechten und einem vernünftigen IT-System ist da schon ein Mindestmaß an Schutz zu erreichen. Manchmal ist es regelrecht erstaunlich, wie blau - äugig Unternehmen mit ihrem Wissen umgehen. Sei es nun die chinesisches Praktikantin in einem Raumfahrtsunternehmen, die zufällig einen Blick in geheime Dokumente wagt, der Hackerangriff auf einen Automobilzulieferer oder auch der mit satter Prämie abgeworbene Mitarbeiter, ist das Wissen erst einmal geteilt (um es wohlwollend zu formulieren) kann ein Wettbewerbsvorsprung ganz schnell schwinden. Dennoch nehmen viele Unternehmen den Schutz selbst in die Hand, sei es nun, um Geld zu sparen oder auch nur aus Unwissenheit. Sie beauftragen dann einen Patentanwalt mit einer Patent an mel - dung, die aber nur ein Ausschnitt aus den schüt - zens werten Gütern im Unternehmen ist. Das Um - denken hat hier gerade erst begonnen, gerade die deutschen Mittel ständler sind gefährdet, vor allem dann, wen sie in ihrem Bereich Weltmarktführer sind. Wie weit man es mit der richtigen Schutz stra - tegie bringen kann, haben Google und Coca Cola jedenfalls vorgemacht. RA Tobias Sommer, Berlin Checkliste Angriffe auf das Wissen in Unternehmen 1. Menschliche Quellen langjährige Mitarbeiter, wissentlich oder unwissentlich Externe wie Kunden, Zulieferer, Dienstleister oder Besucher zeitweilig Beschäftigte wie Leiharbeiter, Praktikanten, Werkstudenten Organmitglieder Mitinhaber, Anteilseigner 2. Einsatz technischer Mittel Angriffe über das Internet, z. B. Trojaner Angriffe auf das Netzwerk, einschließlich WLAN-Nutzung Missbrauch von Benutzungsrechten Abhören, auch über Endgeräte wie Rechner oder Smartphones Verkehrsflussanlaysen Foto- und Filmaufnahmen 3. Straftaten Einbrüche Diebstähle auf Reisen Drohungen und Nötigung 10 ADVOICE 01/11

13 Thema Bei Anruf Hilfe Die Gebührenhotline des DAV ein Erfahrungsbericht Es war ein ganz normaler Kanzleitag. Ich schau - te in meine Mails und las den Aufruf der AdVoice-Redaktion. Ein Erfahrungsbericht zur Gebühren hotline des Deutschen Anwaltsvereins (DAV) wurde gesucht. Dort hatte ich noch nie angerufen, weil ich irgendwie vergessen hatte, dass es so eine Möglichkeit überhaupt gibt. Allerdings war ich seit Tagen mit zwei gebühren - rechtlichen Problemen schwanger gegangen, die mir wirklich Kopfzerbrechen bereiteten. Es ging zum einen um eine Auseinandersetzung im Rah men eines Erbscheinverfahrens (freiwillige Ge richts - barkeit) und zum anderen um eine nicht alltägliche familienrechtliche Angelegenheit, bei der ich den Gegenstandswert irgendwie nicht so recht zu bestimmen vermochte. Ich wollte keine Gebühren verschenken, aber auf jeden Fall auch nicht ver - sehentlich zu hoch greifen. Ferner musste in der Erbrechtsangelegenheit die Frage der Anwend barkeit des 1008 VV RVG geklärt werden. Normalerweise ist mein sehr erfahrener Kollege, der schon 30 Berufsjahre auf dem Buckel hat und in unserer Bürogemeinschaft das Notariat betraut, immer eine sichere Bank für Fragen nach Gegen - stands- oder Streitwerten. Nach noch vielen Jahren entwickelt man hierfür einfach ein sehr gutes Ge - spür. Auch das RVG hat er in seiner beruflichen Laufbahn noch kennenlernen dürfen, so dass er mir gerade in meiner Anfangszeit auch diesbezüglich beratend zur Seite stand. Aber bei meinen zwei Fällen war auch er mit seinem Latein am Ende. Er äußerte eine Einschätzung, die sich mit meiner deckte. Aber das war mir bei den nicht gerade niedrigen Gegenstandswerten nicht sicher genug. Ich habe es mir zum Prinzip gemacht, mich nicht für die Gebührenhöhe bei Mandanten zu rechtfertigen, aber gerade bei hohen Gegenstands - wer ten erläutere ich ihnen die Abrechnung in kurzen Zügen. Ich finde, darauf hat jeder Mandant ein Anrecht. So stellte ich die Erbrechtsfrage über die Mailingliste des Forums. Nach drei Tagen gab es noch immer keine Antwort. Kein gutes Zeichen. Die Listenteil - nehmer sind ja wirklich immer nach Kräften bemüht, so schnell wie möglich mit fundiertem Rat zu helfen. Also gab es einen zweiten Versuch, der allerdings ebenfalls kein Ergebnis brachte. Da kam der Aufruf der AdVoice wie gerufen. Warum hatte ich diese Hotline vergessen! Schnell war die Seite des DAV geöffnet. Der Sozius weiß keinen Rat, die Mailingliste schweigt - Hilfe gibt die Gebührenhotline des DAV. Ich suchte die Nummer raus und wählte schnell. Denn es war bereits zehn Minuten vor zwölf und die Hotline ist vormittags nur bis 12 Uhr ge schaltet. Es meldetet sich ein sympathische Dame, die mir sofort weiterhelfen konnte. Ich schilderte kurz den anonymisierten Sachverhalt in der Erbrechtssache und meine persönliche Einschätzung. Ich verwies auf die aus meiner Sicht widersprüchlichen Fund - stellen im Gerold/Schmidt zur Frage der Anwend - barkeit des 1008 VV RVG in Erbrechtsan gelegen - heiten. Sie kannte diese Problematik und schickte mir wenig später noch eine Passage aus einem wei - teren RVG Kommentar des Deutschen Anwaltver - lages. Sie sagte mir, dass mein Problem tatsächlich in der gebühren recht lichen Literatur unterschiedlich bewertet würde, versorgte mich aber mit weiterer Literatur, die für meine Ansicht sprach. Nachdem das erbrechtliche Problem abgearbeitet war, es war bereits nach 12, schob ich die zweite Angelegenheit nach. Obwohl die Dame der Hotline auf die Öffnungszeiten hätte verweisen können, nahm sie sich auch dieser Angelegenheit an. Auch hier kamen wir in einem gemeinsamen Gespräch schnell zu einem Ergebnis. Auch hier hatte ich richtig gelegen. Jetzt gab es aber Gewissheit und gleich noch eine Fundstelle per Mail. Foto: Greitschus_pixelio.de Nach meiner Mittags pause begab ich mich ans Rech - nung schreiben und bekam die beiden Akten, die ich bereits seit Tagen liegen hatte, endlich vom Tisch. Ich bin von der Gebührenhotline begeistert und werde sie bei kniffligen Fragen sicherlich wieder in Anspruch nehmen. RAin Christina Münder, Northeim DAV-Hotline Gebührenrecht Unter der Telefonnummer gibt es Hilfe in RVG-Fragen. Die Telefonnummer ist ge bührenfrei. Genutzt werden kann sie von Mit - gliedern der örtlichen Anwaltvereine und des FORUMs Junge Anwaltschaft. Erreichbar ist die Nummer montags bis donnerstags von 10 Uhr bis 12 Uhr und von 13 Uhr bis 15 Uhr sowie freitags 10 Uhr bis 12 Uhr. Wer den Service in Anspruch nehme möchte, sollte seine Mitgliedsnummer parat haben. ADVOICE 01/11 11

14 Thema Der große Bluff Der Anwalt als Fallensteller Show, Täuschungsmanöver, Tarnung, So-tun-alsob sind Fertigkeiten, mit denen Aufmerk sam - keiten gelenkt, Reviere abgesteckt und Terri torien er wei tert werden. Bluffen gehört zu unserem grundlegendem Handwerkszeug. Es ist schlicht fürs Überleben notwendig. Deshalb ist Bluffen eine Verhaltensweise, die wir im pri va ten und beruflichen Alltag permanent praktizieren. Be - wusst, aber auch unbewusst. Gerade als Anwalt soll und muss man eine mög lichst breite Palette an Bluffs beherrschen und sich dieser virtuos und je nach Situation und Fakten- und Ak - ten lage bedienen können. Zaubert in der münd lichen Verhandlung ein Richter eine Ent schei dung aus dem Hut, von der man noch nie gehört hat, gilt es diese Situation gekonnt zu überstehen, so dass alle den Eindruck haben müssen, man selbst habe einen guten Plan. Dann heißt es, das Gespräch auf ein anderes Thema lenken oder sich auf Allge mein plätze zurückziehen, die erstmal sicheres Terrain bedeuten. Gegnerischen Kollegen gegenüber zündet man zu - weilen Nebelkerzen, etwa in Schriftsätzen, und lenkt so hoffnungslose Fälle erstmal auf andere Pro - blem felder. Der Anwalt ist so gesehen ein Fallen steller, der kleine, feine Gruben für Kollegen gräbt und darauf hofft, dass sie reinfallen und Kerze samt Rauch fressen. Dann wäre da noch die Mimik, die sich ver selbst - stän digt und Spiegel unserer Gefühle und Em pfin - dungen ist. Beim Nebelkerzenwerfen nicht rot zu werden, ist die erste Regel, stattdessen eine ge wisse Abgebrühtheit raushängen lassen, äußerst wich tig. Das bedeutet Fassade und Contenance wahren, auch wenn einem nach Schreien und Haareraufen ist. Ausschließlich auf Pokerface zu setzen ist wiede - rum zu eindimensional. Ausgesuchte Höflichkeit, gefeilte Rhetorik und Verbindlichkeit im Ausdruck können an anderer Stelle Türen öffnen. Hingegen bewusst aus der zu Haut fahren, sich zu echauffieren und zu provozieren, kann ein ebenso effektives Mittel sein, entweder ein Ablenkungs - manöver zu fahren und damit ein paar bis dahin bedeutungslose Nebenkriegsschauplätze zu eröff - nen oder einfach nur frischen Wind in den Ge - richtssaal zu bringen. Letzteres tut nicht selten not. Journalistin Stefanie Salzmann, Eschwege Der Prüfungs-Bluff Nachdem die Ergebnisse der Klausuren des zweiten Staatsexamens scheibchenweise ins Haus getrudelt waren, war klar, dass ich bestanden hatte. Ebenso klar war jedoch auch, dass es nicht mehr weit nach oben gehen würde. Nun hieß es also den Aufwand der Vorbereitung für die mündliche Prüfung zu minimieren und gezielte Vorkehrungen zu treffen, um auch diese Hürde noch gekonnt zu nehmen. Ich organisierte mir die einschlägigen Protokolle. Der Prüfer des öffentlichen Rechts war ein Richter vom VGH. Er wurde als sehr protokollfest be schrie - ben. In erster Linie würden Fälle geprüft, welche in letzter Zeit vor seiner Kammer verhandelt wurden. Und er würde die Fragen gemeinsam mit den Prüf - lingen entwickeln. Da konnte ich doch ansetzen. Die Kammer konnte ich der Ladung entnehmen. Also musste ich nur noch rausfinden, welche Sachen in letzter Zeit vor ihr verhandelt wurden. Über die Pressemitteilungen des Gerichts hatte ich schnell einen heißen Kandidaten. Es war ein Bebauungs - plan für unwirksam erklärt worden und nun stan - den einige Neubauten vor dem Abriss. Obwohl der Begriff Bluff vom Pokern stammt, reicht das berühmte Pokerface allein nicht aus, um damit alle Spielarten des Bluffens zu bewältigen. 12 ADVOICE 01/11

15 Thema Das öffentliche Recht wurde ganz am Ende ge - prüft. Nach der Eingangsfrage an einen Mitprüf - ling wusste ich: Bingo Ingo Volltreffer! Dann war ich dran. Ich räusperte mich und sah dem Prüfer fest in die Augen. Entschuldigen Sie bitte, nur ob ich den Sachverhalt richtig erfasst habe. Im Fall des Bebauungsplans Künstlerviertel in Wiesbaden war es doch so Nicht, dass ich hier die Sachverhalte durcheinander werfe. Der Prüfer guckte sehr verdutzt und fragte, Ken - nen Sie den Fall? Ich nahm eine souveräne Hal - tung ein, legte einen gut einstudierten Kennerblick in meine Gesichtszüge und antwortete ohne zu zögern: Also wenn sich der Fall auf das Akten - reichen XYZ bezieht, dann sind mir die Ur teils - gründe durchaus geläufig. Das war so halb gelogen. Die Urteilsgründe waren noch nicht ver - öffentlicht. Aber mein perfider Plan ging auf. Wie ich beabsichtigt hatte, war ich damit erstmal aus dem Rennen. Es wurde keine weiteren Fragen mehr an mich gestellt. Der Rest der mündlichen Prüfung spielte sich nur noch zwischen zwei Mitprüflingen ab, welche jeweils zwischen zwölf und 14 Punkten standen. Darüber war ich auch sehr froh, da ich kaum eine Frage hätte beantworten können. Ich frage mich bis heute, warum ich für diesen Prü fungabschnitt neun Punkte bekommen habe. Das war mein größter juristischer Bluff. Zumindest der, den ich erzählen möchte. RA Christian Löffelmacher, Berlin Wir sagen besser nichts! Selbstmord eines Wallachs mit Silage hintergrund Tatort: Pferdestall. Tatzeit: morgens, in aller Herr - gottsfrühe. Todesopfer: ein Pferd. Es wurde eines Mor gens vom Stallbetreiber tot in sei ner Box auf - gefunden, mit dem Kopf zwischen zwei konisch (vförmig) zusammenlaufenden Bal ken feststeckend. Todesursache: möglicherweise Er sticken oder Ge - nickbruch. Während die Haft pflicht versicherung des Stallbetreibers von einem Suizid ausging ( hat Ihre Ehefrau uns telefonisch mit geteilt, dass sich ein Pensionspferd in seiner Box erhängt hat. ), han - delte es sich wohl vielmehr um einen tragischen Unfall. Die trauernde Pferdebesitzerin verklagte den Stall - betreiber, meinen Mandanten, auf Schadenersatz in Höhe von Euro. Sie trug vor, der dreijährige Wallach sei so angetan von der rossigen Stute in der Nachbarbox gewesen, dass er versucht habe, die Dame seines Herzens durch die Balken zu be - schnup pern. Diese Stute sei, so der klägerische Vor - trag, die Ursache für das Unglück gewesen. Ja auch Wallache finden Stuten toll. Nur: Pferdemänner, egal ob Hengst oder Wallach, imponieren ihrer Auserwählten mit stolz ge schwell - ter Brust und gerecktem Hals. Die Trennwand zwi - schen den beiden Boxen war gerade so hoch, dass das verstorbene Tier zwar nicht hätte darüber springen, aber entspannt die Nase in die Nach bar box halten können. Warum also hätte der Wallach sich nach unten beugen und zwischen zwei Holz balken durch zwängen sollen, wenn er einfach nur bequem den Kopf über die Trennwand hätte halten müssen? Nein, das war es nicht. Vielmehr ging die Liebe des Wallachs wohl durch den Magen. Denn in der Nach - barbox, die von der rassigen, rossigen Stute bewohnt wurde, hing ein Futternetz, in dem sich nicht einfach nur Heu befand, sondern Silage, und die ist ja tau - send mal leckerer. Die Reste dieses Netzes baumelten in Höhe der Trennwandbalken in riechbarer Reich - weite, was zu dem verzweifelten Versuch des Lecker - mauls führte, durch die Quer balken hindurch diese Köstlichkeit zu erreichen. Die Gegenseite wusste das nicht. Wir unterließen es auch tunlichst, sie davon in Kenntnis zu setzen. Der Stallbetreiber hatte ohnehin schon wegen der konischen (v-förmigen) Bauweise der Trennwand balken den schwarzen Peter hinsicht - lich der Frage der Verkehrssicherungspflichten ge - zo gen. Jedoch kannte die Klägerin diese Kons truktion und hatte ihr Pferd trotzdem in dieser Box eingestellt, beanstandungslos. Wäre sie allerdings auch noch auf die Idee ge kom men, dass das Silonetz die Wurzel allen Übels hätte sein können, glaube ich nicht, dass wir uns am Ende auf etwas mehr als die Hälfte der Klagesumme verglichen hätten. Frei nach dem Motto Was der Gegner nicht weiß führt zu einer Einigungsgebühr, habe ich mehr oder weniger pfeifend das Gerichtsgebäude ver - lassen und mit einem fröhlichen Lied auf den Lip - pen meine Rechnung geschrieben. RAin Ilka Spriestersbach, Koblenz Mimiken wie die der gespielten Überraschung, der Skepsis oder der Ausdruck bedingungsloser Offenheit gehören ebenso zum Handwerkszeug eines versierten Bluffers. Fotos: Andrea Vollmer ADVOICE 01/11 13

16 Thema Mythos NJW Muss man die gelesen haben? Vier bis sechs Wochen nach Veröffentlichung sollte man wissen, was drinsteht Haftungsfalle Fachzeitschrift? Foto: Rainer-Sturm_pixelio.de Jeder Anwalt schuldet seinem Mandanten eine umfassende Beratungspflicht, sofern der Man - dant nicht eindeutig zu erkennen gibt, dass er des Rats nur in einer bestimmten Richtung be - darf. Um diese Hauptleistungspflicht erfüllen zu können, muss sich der Anwalt über die aktu - elle Rechtsprechung informieren. Hierbei ist auf die höchstrichterliche Rechtsprechung abzu - stel len, da diese richtungweisende Bedeutung für die Entwicklung und Anwendung des Rechts hat und von ihr nur in Ausnahmefällen abge - wichen wird. Die frühere Rechtsprechung (BGH MDR 1958, 496; NJW 1982, 1866) verlangte, dass der Rechtsanwalt lückenlos jedes Gesetz und jede höchstrichterliche Entscheidung zu kennen hatte. Da es aber heut - zutage fast unmöglich ist, im laufenden Geschäfts - betrieb den Überblick über ständige neue Gesetze und die Vielfalt an höchstrichterlichen Entschei - dungen zu behalten, sind die Anforderungen mitt - lerweile gelockert. Gefordert wird eine mandatsbezogene Rechtskenntnis, die mit der Erwartung verbunden ist, dass der Anwalt jede in seinen Ar - beitsbereich fallende höchstrichterliche Entschei - dung kennt (BGH, Urt. v IX ZR 26/09). Recherchepflicht Die Rechtsprechung hat schon frühzeitig aus der Notwendigkeit für eine ordnungsgemäße Bera - tung, die aktuelle Rechtsprechung zu kennen und zu verfolgen, eine allgemeine Beobachtungs- und Recherchepflicht hergeleitet. Diese mündet in der konkreten Pflicht des Anwalts, sich über die Ent - wicklung der höchstrichterlichen Rechts pre chung nicht nur anhand der amtlichen Samm lungen, sondern auch anhand der einschlägigen Fach zeit - schriften zu unterrichten (BGH WM 2000, 2431). Angesichts der nur schwer überblickbaren Fülle der Entscheidungen der obersten Gerichte überneh men Fachzeitschriften eine Filterfunktion, indem sie die für die Praxis bedeutsamen Entscheidungen ab - drucken, einzelne Entscheidungen zeitlich bevor - zugt veröffentlichen oder auch zusätzlich mit einer Anmerkung oder einem Besprechungsaufsatz ver - sehen und auf den Abdruck weniger bedeutsamer Entscheidungen verzichten. Gesteigerte Sorgfaltspflicht Eine Pflicht des Anwalts, darüber hinaus die ver - öffentlichte Instanzrechtsprechung und das Schrift - tum heranzuziehen, besteht grundsätzlich nicht. Etwas anderes gilt jedoch dann, wenn höchst rich - terliche Rechtsprechung fehlt oder wenn ein Mandat ein Rechtsgebiet berührt, welches noch ersichtlich in der Entwicklung begriffen und auf dem weitere höchstrichterliche Rechtsprechung zu er - warten ist. Dann sind auch Spezialzeitschriften in angemessener Zeit durchzusehen. Aber nicht nur Spezialzeitschriften, sondern auch allgemein zugängliche Quellen können für den Rechts berater Grundlage einer gesteigerten Re cher - che oder Kontrolle sein. Dies ist z. B. bei einer Ge - setzesänderung angenommen worden, die das Ziel eines Mandatsauftrages vereitelt hätte. Hier war ein Steuerberater gehalten, sich aus allgemein zugäng - lichen Quellen über den näheren Inhalt und den Ver - fahrensstand der Einführung eines belas ten den Steuer - gesetzes zu unterrichten (BGH NJW 2004, 3487). Medium Internet Das Netz gewinnt auch für die Beobachtungs- und Recherchepflicht immer stärker an Bedeutung. Viele höchstrichterliche Entscheidungen werden heute fast standardmäßig auf von den jeweiligen Gerich ten betriebenen Homepages eingestellt. Eine generelle Entscheidung, die sich mit der Pflicht, die Ent wick - lung höchstrichterlicher Rechtsprechung im Netz zu beobachten, beschäftigt, gibt es je doch noch nicht. Der BGH hat sich gleichwohl bereits in einzelnen Fällen mit der Frage auseinandergesetzt, wie weit die Beobachtungs- und Recherchepflicht via Inter net geht. So hat er sich beispielsweise mit der Frage be - schäftigt, ob ein Rechtsanwalt öffentliche Be kannt - machungen im Internet zu beobachten hat (BGH, Urt. v IX ZR126/08; ZInsO 2009, 1507). Für den Rechtsanwalt, der ein entsprechendes Man dat bear - beitete, ist eine regelmäßige Kontrollpflicht der Seite machungen.de bejaht worden. Karenzzeit Der Mandant darf an die allgemeine wie auch besondere Beobachtungs- und Recherchepflicht seines Rechtsberaters keine überspannten Anfor - de rungen stellen. Es ist der Umstand angemessen zu berücksichtigen, dass der Rechtsanwalt ange - sichts seines täglichen Arbeitspensums regelmäßig kaum in der Lage ist, sich unverzüglich mit den Fach zeitschriften und allen darin veröffentlichten Entscheidungen auseinanderzusetzen. Es ist nicht zu beanstanden, dass Fachzeitschriften wegen des Andrangs der zu erledigenden Tagesgeschäfte nur daraufhin durchgesehen werden, ob sie Ent schei - dungen oder sonstige Informationen enthalten, die für die aktuell zur Bearbeitung anstehenden Fragen von Bedeutung sind, während der übrige Inhalt erst zu einem späteren Zeitpunkt durchgearbeitet wer - den kann (OLG Köln, Urt. v U 82/96). Dem Anwalt wird vor diesem Hintergrund in der Regel eine gewisse Karenzzeit von vier bis sechs Wochen für das Studium der Fachzeitschriften zu ge billigt. Innerhalb dieses Zeitraums ist es ihm nicht als Ver - schulden anzurechnen, wenn ihm Ent schei dungen noch nicht zur Kenntnis gelangt sind (OLG Köln, b.b). Von diesem Grundsatz gibt es jedoch Ausnahmen, nämlich dann, wenn erkennbar ist, dass das Ziel eines Mandatsauftrages durch eine geplante Ände - rung eines belastenden Steuergesetzes gefährdet wird, kann der Rechtsberater zu einem sofortigen Han deln gezwungen sein (so BGH, Urt. v in NJW 2004, 3487 für einen StB). Steffen Eube, HDI Gerling, Hannover 14 ADVOICE 01/11

17 So können Sie überraschend günstig und einfach EINSTEIGEN mit dem Startpaket für Rechtsanwälte: Alles, was Sie für den Erfolg Ihrer Kanzlei benötigen. Als Berufseinsteiger bekommen Sie für Ihre Kanzleiorganisation ein umfassendes Paket zum kleinen Preis: Software, Seminarangebote und Beratungsleistungen zu Sonderkonditionen sowie spezielle Services für Kanzleigründer. Denn bei DATEV sind Sie gut aufgehoben von Anfang an. Informieren Sie sich unter der Telefonnummer

18 Thema Das eigene Wissensmanagement Online-News Ideenfindung in der richtigen Gruppe Alles in Excel Kanzleiinterne Datenbank News is what s different! lautet ein bekannter Leitspruch. Für mich ist es wichtig up to date zu sein. Ich will schneller aktuelle Informationen erhalten, insbesondere die Informationen aus meinem Arbeitsgebiet Medizinrecht. Der Man - dant hat in der Zeitung gelesen, dass es ein neues Patientenrechtegesetz geben soll. Er will wissen, wer regelt da was? Am 1. Januar 2011 trat die nächste Stufe des Ge - set zes zur Neuordnung des Arzneimittelmarktes in Kraft: Der Arzt verschreibt nur noch den Wirk stoff und nicht mehr das Medikament, was ändert sich für mich? Unabhängig vom individuellen Fall ist der Gesprächsstoff rund um den ganzen The men - bereich gefragt und zwar aus Mandantensicht. Daher schaue ich bewusst, dass ich Informa tio nen aus Sicht der Patienten erhalte. Ich nutze kosten - lose Newsletter, die zum Teil fachspezi fisch, aber auch fachübergreifend im Internet zahlreich ange - boten werden. Der Versand erfolgt in der Regel einmal die Woche, teilweise auch in größeren Ab - ständen. Dann kann ich mir Wis sens wertes aus - drucken oder den Link auf einen Artikel speichern und habe weniger ungelesene Fachzeitschriften zum Abheften, deren Inhalt sich schon vor Wochen überholt hat. In den entsprechenden Gruppen des XING-Netz wer - kes habe ich zuerst mit einer kostenlosen Mitglied - schaft lesend Informationen und News erhalten. Mit einer kostenpflichtigen Mitgliedschaft habe ich nun die Möglichkeit, neue und alte Kontakte zu finden und zu erneuern und auch auf diesem Wege News selbst zu veröffentlichen oder fachspezifische Fragen zu stellen. In den unterschiedlichsten Gruppen, z. B. Berater im Gesundheitswesen (orts bezogen, fach - spe zifisch, u. a.) kann man sich hier organisieren. Ein weiteres Netzwerk ist Marktplatz-Recht.de. Es funktioniert genauso wie XING: In unterschiedlichen Gruppen kann man sich mit einer kostenlosen bzw. -pflichtigen Mitgliedschaft austauschen. Da ich mich erst kürzlich angemeldet habe, kann ich noch nicht viele über Erfahrungswerte berichten. Das Por - tal erscheint aber gegenüber XING noch sehr frisch am Markt zu sein und hat weniger Mitglieder. Über die kostenpflichtige Mitgliedschaft im FORUM Junge Anwaltschaft erhalte ich auch über die Mailingliste zahlreiche (kostenlose) Informationen nach dem Prinzip Jeder kann fragen, Jeder kann antworten. Hier geht es um fachübergreifende Information an einem praktischen Beispiel: Ich kann bei fachfremden Problemen andere Kollegen nach Ihrer Vorgehensweise und Taktik fragen, wie sie die - ses oder jenes Problem am besten angehen. Das Basiswissen aus der Praxis, verbunden mit den aktuellen Entwicklungen, kann natürlich nur ein Baustein dessen sein, was man in entsprechenden Fortbildungen und beim Nachlesen aktueller Ge - richts entscheidungen vertiefen muss. RA Volker Loeschner, Berlin Unter folgenden Internetadressen kann ich kostenlose Newsletter empfehlen: Fachübergreifend ZID (=Zeitschrifteninhaltsdienst) > Marktplatz-Recht.de > Newsletter der Rechtsanwaltskammer Mailingliste des FORUMs Junge Anwaltschaft > Legal Tribune online > Fachspezifisch Medizinrecht Ärzte Zeitung > Medizinrecht.de > IQB-Lutz Barth > Newsletter Verlag Versicherungswirtschaft > Newsletter der AG Medizinrecht im Deutschen AnwaltVerein > Da saßen wir nun in unseren neuen Kanzlei räu - men. Alles war geregelt. Nur in den Bücher - rega len und Ordnern herrschte das blanke Chaos. Jeder von uns hatte ungeordnet haufen weise Ur teile, Zeitschriften, Hinweise und Mus ter - blätter aus Studium und früheren Tätig keiten. Wert volles Wissen, das auf diese Weise kaum nutzbar war. Meine fleißige Kollegin fing also an, ihren Stapel mittels einer Excel-Tabelle zu katalogisieren und ich griff die Idee auf. Es entstand die Idee einer ge - meinsamen Excel-Tabelle als Datenbank mit Such - funktion. Die Tabelle wurde auf unserem Server gespeichert, wuchs und wurde ausgebaut. Inzwi - schen umfasst die Datenbank knapp Einträge und zusätzlich eine Schmerzensgeldtabelle sowie eine Tabelle mit Verkehrsrechtsquoten. Sie ist für uns ein wertvoller Teil unserer Arbeit ge - worden. Als Quellen bei unseren täglichen Recher - chen dienen uns beispielsweise der Newsletter des ADAC und diverse Zeitschriften, die wir bei verschie - denen Anlässen einsammeln. Auf diese Weise sparen wir Zeit und Geld und schonen nicht zuletzt die Umwelt, weil wir Urteile aufgrund der leichten Auf - findbarkeit nicht mehrfach ausdrucken müssen. Die Suchfunktion ist in Excel enthalten, und eine abgestufte Sortierungsfunktion lässt sich leicht integrieren. Es ist also möglich, sich die Daten zum Beispiel nach Rechtsgebiet, Gericht, Paragraphen oder Datum geordnet anzeigen zu lassen. Selbst - verständlich kann man auch einzelne Aktenzeichen suchen und digital gespeicherte Urteile mit dem Ein - trag verlinken. Beispielurteile für Schmerzensgeld oder Verkehrsrechtsquoten werden bei uns in ge son - derte Tabellenblätter ausgelagert. So entsteht nach und nach ein kleiner Wissenspool, der wertvolle Er - gänzungen zu anderen Datenquellen enthält. Eine solche Datenbank kann nicht die kommerziellen Datenbanken ersetzen. Bei entsprechender Pflege entsteht aber eine kleine Datenbank, mit der ein erster Einstieg in die meisten Fragestellungen gelingt. Gleichzeitig ist es eine nützliche Ergänzung zu den großen Daten banken. Jeder kennt doch die Situa - tionen, in denen man denkt: Das hatte ich doch schon mal, aber wo hab ich das gefunden? Genau in diesen Fällen ist die kanzleiinterne Minidatenbank wirklich hilfreich. Der Zeitaufwand der Datenpflege ist mit wöchentlich einer Stunde über schaubar. RAin Theresa Nentwig, Erfurt 16 ADVOICE 01/11

19 Thema Bücher auf dem Kopf zu tragen, ist unkonventionell, gilt aber als sichere Methode der Wissenverwaltung. Es gehen auch Internetdatenbanken und Excel-Tabellen. Fotos: Andrea Vollmer ADVOICE 01/11 17

20 Thema Juristische Datenbanken Online-Recherche-Anbieter im Überblick Nutzern als hervorragend bezeichnet. Man kann zwischen verschiedenen Abonnements mit unter - schied lichen Inhalten und Recherchemöglichkeiten, z. B. ZivilrechtPremium, Fachmodulen oder Zeit schrif - ten modulen, wählen. Kostenlose 4-Wochen-Tests werden in verschiedenen Abonnements an ge boten. LEGIOS > kostenpflichtig LEGIOS ist das gemeinsame Angebot von juris und dem Verlag Dr. Otto Schmidt zum Wirtschafts- und Steuerrecht. Es verknüpft die renommierten Kom - mentare, Zeitschriften und Handbücher des Verlages mit den hochwertig aufbereiteten Entscheidungen und Gesetzen von juris. Je nach Fachmodul, z. B. Steuerrecht, erhält man entsprechende Zugriffs - rech te. Kostenlose 4-Wochen-Tests werden in ver - schiedenen Abonnements angeboten. Rechtsportale unterscheiden sich stark in Qualität, Aktualität und Nutzungsumfang. Foto: Gerd-Altmann_pixelio.de LexisNexis Deutschland Aus der praktischen Arbeit im Alltag sind juristische Datenbanken im Internet nicht mehr wegzudenken. Neben Zeitersparnis bei der Recherche ebenso wie bei der Ablage von Er - gän zungsbänden ist die Qualität der Aus - künfte entscheidend. Jedoch bestimmt in der Praxis das Preisniveau häufig über die Nutzung. Deshalb sollte der Anwalt genau wissen, welche Informationen benötigt werden. Ein Anbie - tervergleich lohnt sich. Vollständigkeit, Aktua - li tät und Qualität sind je nach Anbieter und Nut zungsumfang bzw. Abonnement unter - schied lich. Im Folgenden werden die wich tigs - ten, themenübergreifenden Rechtsportale kurz dar gestellt. Juris > kostenpflichtig Juris ist eines der bekanntesten deutschen Rechts - portale. Es bietet die umfangreichste Sammlung relevanter Rechtsprechung zu allen Rechtsgebieten, dokumentiert Bundesrecht, Europarecht, zum Teil auch Landesrecht und sogar Verwaltungsvor schrif - ten sowie Literaturnachweise, veröffentlicht den BGB-Kommentar, wertet 600 Fachzeitschriften aus und erstellt acht Praxis-Reporte. Die Recherche - mög lichkeiten sind vielseitig und werden von Nut - zern als hervorragend bezeichnet. Man kann zwi - schen verschiedenen Abonnements, z. B. Stan dard, Gesetz oder Fachmodule wählen und hat somit auf entsprechende Inhalte- und Recherche möglich - keiten Zugriff. Beck-online > kostenpflichtig beck-online ist das Rechtsportal des Verlages C.H. Beck, des Markführers für rechtswissenschaftliche Literatur. Beck-online bietet nahezu alle Beck schen Zeitschriften, wie NJW, NStZ, NVwZ und NZA, Rechtsprechung, Handbücher, Kommentare und Lexika, Bundes- und Landesrecht, EU- und Völker - recht, Online-Kommentare, Formulare und die beck-fachdienste, die aktuelle Rechtsprechungs - überblicke mit Urteilsanmerkungen, Nachrichten und einen Aufsatzüberblick liefern. Die Recher - chemöglichkeiten sind vielseitig und werden von > kostenpflichtig Das bekannte Rechtsportal LexisNexisRecht ist seit dem 1. Januar 2011 unter dieser Internetadresse er - reichbar. Die LexisNexis Deutschland GmbH wurde mit Wirkung zum 1. Januar 2011 an die Wolters Kluwer Germany Holding GmbH verkauft. Das eigentliche bekannte Rechtsportal ist unter nicht mehr zu finden. Unter der Adresse finden sich vorüberge - hend sowohl die Angebote der LexisNexis GmbH als auch die Inhalte der LexisNexis Deutschland GmbH (Legal & Regulatory). Die Internationale LexisNexis Gruppe konzentriert sich mit der LexisNexis GmbH auf ihr Kerngeschäft mit Wirtschafts-, Patent- und internationalen Rechtsdatenbanken in Deutschland. Unter der URL werden umfassende, rechtsgebietsübergreifende Online-Datenbanken mit Urteilen, Gesetzen, fachspezifischen Kommen - taren, Arbeitshilfen sowie Formularen und - Newsletter mit juristischer Fachpresseauswertung angeboten. Auch hier können wieder fachspezi fi - sche Abonnements mit entsprechenden Zugriffsrechten abgeschlossen werden. Kostenlose 4-Wochen- Tests werden in verschiedenen Abonnements ange boten. 18 ADVOICE 01/11

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