Staatsverschuldung ohne Ende? Ende des Sozialstaats?

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1 Raiffeisen Sommergespräche Bruneck, Staatsverschuldung ohne Ende? Ende des Sozialstaats? Konsequenzen für den Euro und unseren Wohlstand - Fünfzehn Thesen - Wolfgang Wiegard Universität Regensburg und Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung

2 GLIEDERUNG Staatsverschuldung ohne Ende? Ende des Sozialstaats? I. Der Blick zurück: Warum die Staatsverschuldung ansteigen musste und der Sozialstaat geholfen hat II. Der Blick nach vorn: Für die Stabilität des Euro und zur Sicherung des Wohlstands - Vorrang für die Haushaltskonsolidierung III. Schlussbemerkung

3 I. Konjunkturelle Lage These 1 Italien und Deutschland waren 2009 von der Wirt- schafts- und Finanzkrise besonders stark betroffen. Für 2010 und 2011 zeichnet sich für Italien eine mode- rate und für Deutschland eine recht stürmische wirt- schaftliche Erholung ab, die überwiegend von den Exporten getragen wird. Allerdings sind die Niveaus von Produktion und Auf- tragseingängen zum Teil noch weit unter dem Vor- Krisen-Stand.

4 Schaubild zu These 1 Wachstumsraten ,2 1,2 1,0 0,0 0,5 2,0 0,9 1,8 0,8 0,0 0,3 2,0 Finnland Irland Italien Deutschland Slowakische Republik 3,0 1,3 5,1 5,0 4,7 Luxemburg Euro Raum Niederlande Spanien Österreich Belgien Portugal Frankreich Griechenland 2,0 3,4 2,7 2,5 3,0 3,6 3,4 4,1 4,0 7,8 7,1 Quelle: OECD, Economic Outlook, May 2010

5 Schaubild zu These 1 Wachstumsraten ,9 3,6 1,7 2,5 3,0 1,1 1,5 2,1 1,9 2,7 3,1 1,8 1,2 1,2 2,0 0,9 2,3 1,4 1,4 1,9 1,0 0,8 1,7 2,1 Finnland Irland Italien Deutschland Slowakische Republik 0,7 Luxemburg Euro Raum Niederlande Spanien Österreich Belgien Portugal Frankreich Griechenland 0,2 Prognose der Banca D Italia: 1,0 % für 2010 und ,5 3,7 Quelle: OECD, Economic Outlook, May 2010

6 Schaubild zu These 1 Industrieländer Wachstumsraten weltweit ,1 Schwellenländer Welt 9,7 8,3 8,5 6,5 5,5 5,1 5,0 4,1 3,2 3,2 3,0 3,5 1,1 1,5 1,9 2,1 2,0 Italien Deutschland USA Japan Russland China Indien Brasilien Weltwirtschaft Quelle: OECD, Economic Outlook, May 2010

7 I. Massive Interventionen in der Krise These 2 Massive geldpolitische Interventionen der Notenban- ken und fiskalpolitische Eingriffe der europäischen Regierungen haben (noch) Schlimmeres verhindert. Italien, Griechenland und Irland haben auf eine antizyklische Finanzpolitik verzichtet.

8 I. Geldpolitische Reaktionen: Leitzinsen der Zentralbanken % 7 Tageswerte % Vereinigtes Königreich Euro-Raum Vereinigte Staaten Japan Stand: Quelle: Thomson Financial Datastream 0

9 I. Konjunkturprogramme im Euro-Raum Staatliche Konjunkturprogramme im Euro-Raum 1) (ohne Wachstumsbeschleunigungsgesetz in DE) Gesamtvolumen Ausgabenseitige Maßnahmen Gesamtvolumen Ausgabenseitige Maßnahmen Land Mrd Euro in Relation zum Bruttoinlandsprodukt 2) (vh) Belgien... 1,3 1,2 0,9 0,8 0,36 0,33 0,27 0,24 Deutschland... 35,9 48,4 18,0 13,6 1,44 1,93 0,72 0,54 Finnland... 2,4 2,4 0,4 0,4 1,25 1,25 0,23 0,23 Frankreich... 17,0 4,0 16,3 4,0 0,87 0,20 0,83 0,20 Griechenland... 0,0 0,0 0,0 0,0 0,00 0,00 0,00 0,00 Irland... 0,0 0,0 0,0 0,0 0,00 0,00 0,00 0,00 Italien... 0,3 0,8 3,1 0,2 0,02 0,05 0,19 0,01 Niederlande... 3,1 2,9 0,2 0,0 0,53 0,49 0,03 0,00 Österreich... 4,9 4,6 1,4 1,0 1,71 1,63 0,48 0,36 Portugal... 1,0 0,3 0,9 0,3 0,60 0,18 0,54 0,18 Spanien... 26,8 14,7 12,1 0,0 2,44 1,34 1,10 0,00 Eur o-raum... 92,0 77,6 53,2 20,4 1,01 0,85 0,58 0,22 1) Zu den Einzelheiten siehe Cw ik und Wieland (2009). 2) In jew eiligen Preisen.

10 I. Die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt These 3 Durch den Einsatz sozial- und arbeitsmarktpolitischer Instrumente waren die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise auf die Arbeitsmärkte in Italien und Deutschland moderat. In Deutschland hat vor allem das Kurzarbeitergeld, in Italien die Cassa Integrazione Guadagni (CIG) zur günstigen Arbeitsmarktentwicklung beigetragen.

11 Schaubild zu These 3 20,0 18,0 16,0 vh Entwicklung der Arbeitslosenquoten in ausgewählten Ländern (ILO) Deutschland Frankreich Spanien Italien 18,0 14,0 12,0 10,0 8,0 6,0 10,7 9,8 9,3 9,2 8,4 8,4 7,5 7,8 7,3 9,5 9,2 8,5 8,3 11,3 7,7 6,8 6,1 6,7 7,8 4,0 2,0 0, Quelle: SVR

12 Schaubild zu These 3 vh Entwicklung der Arbeitslosenquoten in ausgewählten Ländern (ILO) 20,0 18,0 16,0 Euro-Raum UK Türkei USA 14,0 12,5 12,0 10,0 8,0 8,9 8,3 7,4 7,5 9,4 7,6 9,2 8,7 8,8 9,7 9,3 6,0 4,6 5,4 5,3 5,6 5,1 4,6 4,6 5,8 4,0 2,0 0, Quelle: SVR

13 II. Kommt nach der Finanzkrise eine Schuldenkrise? These 4 Konsequenz der krisenbedingten staatlichen Eingriffe ist eine erhebliche Ausweitung der Staatsverschuldung. Ohne wirtschaftspolitische Gegenmaßnahmen kommt es in den meisten Ländern zu einem dramatischen Anstieg der staatlichen Schuldenstandsquoten. Die Gefahr besteht, dass auf die Finanzkrise eine weltweite Schuldenkrise folgt. Durch den Verzicht auf defizitfinanzierte Konjunktur- programme steigt die Schuldenstandsquote in Italien im Gegensatz zu den übrigen Ländern der EU nicht an.

14 Schaubild zu These 4 vh Status quo Projektionen der Staatsverschuldung Schuldenstand in Relation zum Bruttoinlandsprodukt in jeweiligen Preisen vh Deutschland Frankreich Italien Spanien Irland Vereinigtes Königreich Quelle: Europäische Kommission (2009): Sustainability Report 2009, S. EU 27 0

15 II. Wirkungen der Staatsverschuldung These 5 Kurzfristig stabilisiert eine höhere staatliche Ver- schuldung die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Langfristig bewirkt ein Anstieg der staatlichen Verschuldung einen Anstieg der langfristigen Zinsen und eine Beeinträchtigung des Wirtschaftswachstums eine Einengung der öffentlichen Handlungs- spielräume eine Verminderung des Wohlstands zukünftiger Generationen. schädlich für die Wirtschaft

16 II. Wege aus der Schuldenkrise These 6 Grundsätzlich kann die staatliche Schuldenlast durch unterschiedliche Maßnahmen reduziert werden: 1. eine entschlossene Haushaltskonsolidierung 2. eine höhere Wachstumsrate 3. einen bailout durch andere Länder (etwa über Transfers oder Garantien) 4. einen Staatsbankrott 5. eine höhere Inflation

17 II. Wege aus der Schuldenkrise These 7 In Italien und Deutschland führt kein Weg an einer entschlossenen und mühsamen Haushaltskonsoli- dierung vorbei. Über ein höheres Wachstum allein lassen sich die öffentlichen Haushalte nicht konsolidieren.

18 II. Endlich in der Realität angekommen These 8 Die europäischen Konsolidierungspakete werden kurzfristig dämpfende Effekte haben, aber langfristig zur Sicherung von Wachstum und Wohlstand bei- tragen. Die Sparpakete in Italien und Deutschland bestehen zu je einem Drittel aus Steuererhöhungen und zu zwei Dritteln aus Ausgabenkürzungen. Sie sind insgesamt positiv zu beurteilen.

19 II. Die Sparpakete im Überblick Steuer- erhöhungen Ausgaben- kürzungen Mrd Euro Deutschland 4,8 7,3 7,3 7,3 6,9 11,8 16,4 20,3 Summe 11,2 19,1 23,7 27,6 Steuer- erhöhungen Ausgaben- kürzungen Italien 4,1 10,1 8, ,0 14,9 17,0 --- Summe 12,1 25,0 25,0 --- Quelle: Bundesfinanzministerium für Deutschland; Banca D Italia für Italien

20 II. Was wird aus dem Euro? These 9 ( bailout ) Mit dem zeitlich begrenzten Rettungspaket für Griechenland (02.05), dem Europäischen Stabili- sierungsmechanismus ( ) und dem Wertpa- piermarktprogramm der EZB (11.05.) dürfte der Euro für die nächste Zeit gerettet sein und die Zahlungs- unfähigkeit eines Euro-Landes vermieden werden. Die Alternative ein haircut für griechische Staats- anleihen hätte (unmittelbar) zu einer erheblichen Belastung der Steuerzahler geführt.

21 II. Details zum griechischen Rettungspaket Rettungsschirm für Griechenland BE DE IE EL ES FR IT CY 0.2 LU Mrd Euro MT NL AT 2.86 PT Mrd bilaterale Kredite 30 Mrd IMF SI SK FI Anteile am EZB Kapital (ohne Anteil Griechenland)

22 II. Verstößt das Rettungspaket gegen die no-bail-out -Klausel des AEUV?

23 II. Details zum Europäischen Stabilisierungsmechanismus Europäischer Stabilisierungsmechanismus: ein noch größerer Schutzschirm 750 Mrd Euro 60 Mrd Kredite der EU Kommission 440 Mrd Kredite der Euro- Staaten über SPV 250 Mrd IMF

24 II. Ist der ESM mit dem AEUV vereinbar?

25 II. Was wird aus der Währungsunion? These 10 Die europäischen Rettungspakete wirken. Portugal, Spanien und Irland können sich an den Kapitalmärkten refinanzieren, Italien sowieso. Die Renditedifferenzen zu deutschen Staatsanleihen (Risikoprämien) sind gesunken. Aktuell liegen sie für 10-jährige Anleihen bei (in BP): Griechenland 760 ; Portugal 246; Irland 242; Spanien 153; Italien 125.

26 II. Renditedifferenzen vor und nach dem ESM Renditedifferenzen der 10-jährigen Staatsanleihen Basispunkte Basispunkte EU-IWF-Schutzschirm Stand: Dubai-Schock EU-Nothilfeplan Sparprogramm veröffentlicht Fitch: BBB- EU-Rettungspaket S&P: BB+ Neues Sparprogramm für EU-Rettungspaket Bail-Out Andeutungen EU-Kommission misstraut Zahlen Moody's: A3 => Ba Griechenland Vereinigtes Königreich Frankreich Portugal Irland Spanie Italien Jan Feb Mrz Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez Jan Feb Mrz Apr Mai Jun Jul Aug Sep Okt Nov Dez Quelle: Thomson Financial Datastream

27 II. Was wird aus der Währungsunion? These 11 Die Währungsunion ist in der Krise, wird aber nicht auseinanderbrechen. Ein Mitgliedstaat kann aus der EU, nicht aber aus dem Euro-Raum austreten. Aber warum sollte er? Eine Gefahr für den Euro-Raum bestünde nur dann, wenn Deutschland oder Frankreich aus der EU aus- treten würden. Das ist eine absurde Vorstellung.

28 II. Europäischer Konsolidierungspakt These 12 Wichtig ist, dass die Rettungspakete mit entschlosse- nen Konsolidierungsprogrammen in Griechenland und Europa sowie einem verbesserten Überwachungs- und Sanktionsmechanismus auf europäischer Ebene ein- hergehen; das geht letztlich nicht ohne eine Änderung oder Ergänzung des Europäischen Stabilitäts- und Wachstumpakts. Der Sachverständigenrat hat dazu Vorschläge für einen Europäischen Konsolidierungspakt vorgelegt.

29 II. Gibt es eine Inflation? These 13 Der Euro ist keine Weichwährung, und er ist auch nicht gefährdet. Aktuell (11.08.) liegt der Wechselkurs des Euro mit 1,30 US-$/ über der entsprechenden OECD-Kaufkraftparität von 1,14.

30 II. Wechselkurs des Euro USD bzw GBP 1,8 1,7 Bilaterale Wechselkurse Tageswerte JPY ,6 1,5 Yen je Euro , ,3 1,2 Dollar je Euro , ,0 0,9 Britisches Pfund je Euro ,8 80 0,7 70 0,6 Stand: Quelle: Datastream 60

31 II. Abbau der Leistungsbilanzungleichgewichte These 14 Neben dem überwiegend krisenbedingten Anstieg der staatlichen Verschuldung stellen die Leistungsbilanz- ungleichgewichte ein strukturelles Problem des Währungsraums dar. Die Defizitländer müssen durch Strukturreformen und Lohnmoderation, die Überschussländer allen voran Deutschland durch Stärkung der Inlandsinvestitionen zu einem Abbau der Ungleichgewichtige beitragen.

32 II. Europäische Leistungsbilanzungleichgewichte 2010 (in % des BIP) 10,2 8,9 4,1 3,6 1,9 Leistungsbilanzüberschüsse Nettokapitalexporte Luxemburg Deutschland Niederlande Österreich Finnland Portugal Griechen -land Spanien Italien Frankreich Leistungsbilanzdefizite Nettokapitalimporte 3,0 2,4 6,3 6,0 5,3 Quelle: OECD Wirtschaftsausblick, Mai 2010

33 II. Gibt es eine Inflation? These 15 Trotz des Aufkaufs von Staatsanleihen, der von geld- politischen Sterilisierungsmaßnahmen begleitet wird, ist auf absehbare Zeit nicht von einer inflationären Entwicklung im Euro-Raum sowie in Italien und Deutschland auszugehen.

34 II. Entwicklung der Geldmengenaggregate vh 14 Saisonbereinigt vh Buchkredite an Nicht MFIs Geldmenge M Gleitender 3-Monatsdurchschnitt Referenzwert M Geldmenge M1 0-2 Stand: Quelle: EZB

35 II. Moderate langfristige Inflationserwartungen Source: ECB, Monthly Bulletin, May 2010

36 III. Schlussbemerkung Das war in 30 Minuten: Wirtschaftspolitik im Schnelldurchlauf Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

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