High Frequency Trading aus organisationssoziologischer

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1 12/2014 Fakultät für Soziologie Arbeitsbereich: Organisationen Working Paper Reihe Organisationssoziologische Analysen High Frequency Trading aus organisationssoziologischer Perspektive Eine Grenzstellen-Verortung Rena Schwarting Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld und Doktorandin an der Bielefeld Graduate School in History and Sociology (BGHS) Abstract Mit der Einführung technologischer Verbreitungsmedien an Finanzbörsen ist nicht nur die Geschwindigkeit der Informationsbeschaffung, sondern auch die ihrer Weiterverarbeitung zahlungsentscheidend geworden. Wie stellen sich moderne Finanzorganisationen auf diese zeitlichen Gefährdungen ein? Der Paper widmet sich dieser abgewandelten Frage Niklas Luhmanns (2004) anhand einer organisationssoziologischen Spezifizierung der Strukturbedingungen von High Frequency Trading (HFT). Die These ist, dass HFT eine konditionale Kopplung von drei interorganisatorischen Grenzstel-len namentlich der Nachrichtengenese in den Massenmedien, der Ordererzeugung in Finanzorganisationen und der Orderausführung an den Handelsplattformen ermöglicht. Diese Kopplung ist Ausdruck zunehmender Ausdifferenzierung an modernen Finanzmärkten. Als konditionale Programmform erlaubt HFT Zahlungsentscheidungen in einer für organisierte und technische Marktumwelten besonders sensitiven Weise anzupassen. Insgesamt werden durch den Einsatz von HFT Zahlungen in sachlicher Hinsicht auf bestimmte Auslöse-Ereignisse beschränkt, zeitlich beschleunigt und sozial entpersonalisiert.

2 Universität Bielefeld Fakultät für Soziologie Arbeitsbereich: Organisationen 2 Working Paper Reihe Organisationssoziologische Analysen Die Working Paper Reihe Organisationssoziologische Analysen wird vom Arbeitsbereich Organisationen an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld herausgegeben. Die Reihe vereint Arbeiten, die sich mindestens zwei Herausforderungen stellen. Erstens sind dies Beiträge, die sich inhaltlich riskanten, weil weitgehend unerschlossenen Themen widmen und damit Fragen jenseits des soziologischen Mainstreams aufwerfen. Zweitens suchen die AutorInnen gemäß Niklas Luhmanns kontra-intuitiver Manier Thesen vorzubringen, die neue Sichtweisen auf organisationssoziologische Probleme vorstellen.

3 Universität Bielefeld Fakultät für Soziologie Arbeitsbereich: Organisationen 3 1. EINLEITUNG 1 Die Verwendung technologischer Verbreitungsmedien an Finanzmärkten ist erst in den letzten Jahren auf ein sozialwissenschaftliches Forschungsinteresse gestoßen. Zu den bekanntesten Promotoren der Enträumlichung von Finanzkommunikation zählen Telegrafie, Telefonie, Börsenticker und Taschenrechner sowie schließlich die Einführung des Computers, welcher die face-to-face -Welt in eine face-to-screen -Welt transformierte (Stäheli 2004; Knorr Cetina/Preda 2007). Während der Vorteil des Börsentickers Mitte des 19. Jahrhunderts darin bestand, erstmalig aktuelle Wertpapierpreise für einen anonymen und von physischer Präsenz entkoppelten Adressatenkreis zugänglich zu machen, ermöglichen heute computergestützte Handelsplattformen darüber hinaus eine kontinuierliche Echtzeitübertragung von Kauf- und Verkaufspreisen. Erst seitdem der Einsatz von Technologien weitgehend standardisiert wurde, richtet sich der Unsicherheitsblick der Marktteilnehmer weniger auf die Bereitstellung einheitlicher Preisinformationen, als vielmehr darauf, Preisdifferenzen an unterschiedlichen Märkten auszunutzen. Für diese Arbitrage-Geschäfte (Beunza/Stark 2004) ist es umso wichtiger, kleinste Zeitunterschiede beobachten und direkt in Zahlungsdifferenzen ummünzen zu können. Zahlungsentscheidend ist dann nicht nur die Geschwindigkeit der Informationsbeschaffung, sondern auch die ihrer Verarbeitung. Die Zeit selbst wird dabei zum Gegenstand von Quantifizierungen. Ihre optimale Ausnutzung wird ständig hinterfragt. Wie stellt sich die moderne Finanzwirtschaft auf diese Unsicherheit ein? Um sich dieser Frage zu nähern, greife ich beispielhaft den in Politik und Massenmedien kontrovers diskutierten Einsatz von High Frequency Trading (HFT) auf, und versuche zu beschreiben, welche Rolle HFT für das Treffen von Zahlungsentscheidungen an elektronischen Finanzplattformen spielt. Eine einheitliche Definition von HFT gibt es weder in der wirtschafts- und finanzwissenschaftlichen Literatur noch seitens der Börsenorganisationen selbst. 2 Je nach Teildisziplin werden unterschiedliche Definitionen und Funktionen von HFT betont. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht wird dabei die Frage behandelt, ob HFT die Allokation an Börsen behindere oder fördere. Anhand finanzökonometrischer Analysen wird untersucht, welchen Einfluss HFT auf Transaktionskosten, Liquidität, Marktungleichgewichte, die Stabilität der Preisgenerierung oder die Volatilität elektronischer Wertpapiermärkte hat (vgl. Lattemann et al. 2012; Hautsch 2008, 2012). Die Beurteilungen fallen dabei auch innerhalb der Disziplinen sehr heterogen aus schon deshalb, weil auch in der Finanzwirtschaft unterschiedliche Modellannahmen über Liquidität, Stabilität und Volatilität verwendet werden. Als typisch für das Phänomen HFT gilt die computergestützte Vermittlung von formalen Kaufs- und Verkaufsaufträgen ( Order ), die innerhalb von Millisekunden mit vergleichsweise kleinen Summen, bei einer Haltedauer der Wertpapiere von wenigen Sekunden oder Minuten, stattfindet. Dem Einsatz von HFT werden dabei bestimmte Handelsstrategien wie market making, arbitrage oder trend following zugeordnet, die dem Aufbau, der Glattstellung, der Deckung oder der Absicherung offener Positionen in Handels- oder Anlagebüchern dienen. Als organisationssoziologisches Bezugsproblem bei der Untersuchung von HFT sollen hier jedoch weniger die retrospektiven Motive hinter den jeweiligen Handelsstrategien untersucht werden zumal der Motivverdacht dahinter kommunikationstheoretisch nicht aufgelöst werden kann (Luhmann 2004: 103, 152; Japp 2010: 290) als vielmehr die übergreifende Frage, welchen Beitrag HFT zur Verarbeitung von insbesondere zeitlicher Erwartungsunsicherheit in Finanzmarktorganisationen leisten kann. 1 Mein besonderer Dank gilt Stefanie Büchner für konstruktive Anregungen und die kritische Kommentierung einer vorangegangenen Fassung dieses Textes. 2 Im Eigenhandel tätige Finanzorganisationen veröffentlichen nur wenige Informationen über eigene HFT- Praktiken. Als einen weiteren Grund, der den Feldzugang erschwert, nennt Gomolka das frühe Entwicklungsstadium dieser Industrie (2011: 26).

4 Universität Bielefeld Fakultät für Soziologie Arbeitsbereich: Organisationen 4 Um diesen Beitrag zur Unsicherheitsabsorption genauer zu spezifizieren, möchte ich die Unterscheidung von Orderausführung und Ordererzeugung einführen. Beide Auftragsvorgänge sind Teil von Zahlungsentscheidungen an elektronischen Handelsplattformen, bezeichnen jedoch unterschiedliche organisatorische und technische Grenzstellen 3. Für den Einsatz von HFT möchte ich den Begriff der Ordererzeugung reservieren. Die zentrale Ausgangsbeobachtung ist, dass die Ordererzeugung der Orderausführung operativ vorgelagert ist. Meine These ist, dass HFT eine Algorithmisierung der Ordererzeugung und damit eine reine Form der konditionalen Programmierung von Zahlungensentscheidungen darstellt. Diese algorithmische Form der Ordererzeugung stellt wiederum eine algorithmische Entscheidungsverknüpfung mit den technisch wie organisatorisch abgrenzbaren Schnittstellen der vorgelagerten Nachrichtengenese sowie der nachgelagerten Orderausführung her. Diese These baut auf dem Argument auf, dass bei der computergestützten Orderausführung 4 bis zur Einführung von HFT noch keine Algorithmisierung der Herstellung der Zahlungsentscheidung selbst vorgenommen wurde. Durch die Computerprogrammierung der Ordererzeugung kann dagegen nun mit dem Einsatz von HFT bereits vor der Orderausführung über das Webtrading und der Weiterleitung der Transaktion durch einen broker 5 oder ein elektronisches broker-system quantitativ errechnet bzw. konditioniert, ob und wie eine Kauf- oder Verkaufsorder generiert werden soll. Aufbauend auf der genannten These behaupte ich, dass der Einsatz von HFT an Computerbörsen erst die Möglichkeit schafft, Zahlungsentscheidungen zeitlich genauso schnell 6, entpersonalisiert und sachlich flexibel zu generieren, wie sie als Nachrichten erzeugt und vermittelt sowie als Order ausgeführt werden. Die Ausnutzung dieser Möglichkeit durch HFT stellt eine organisatorische Adaptionsleistung dar, und zwar einerseits an die bereits vollzogene Algorithmisierung der Orderausführung seitens der elektronischen Handelssysteme und andererseits an die Nachrichtengenerierung der massenmedialen Informationsdienste. Diese so erstellten und weitergeleiteten Orderentscheidungen sind dabei immer unsicher, weil es kybernetisch gesprochen keine Beobachtung der Gegenwart gibt, die so viele Informationen aus der Vergangenheit umfassen könnte, dass daraus zukünftige Preisentwicklungen ablesbar wären. Auch wenn alle verfügbaren Marktdaten gesammelt und Anpassungsmaßnahmen getroffen würden, kann nicht kontrolliert werden, wie die eigene aktuelle Entscheidung die Preissituation verändert (vgl. Wiener 1961, zitiert nach Esposito 1997: 95f.). 3 Eine Grenzstelle bezeichnet ein Set von Mitgliedschaftserwartungen, dem die Inhaber dieser Stelle im Rahmen des Außenkontakts mit einem bestimmten Organisationsumfeld ausgesetzt sind. Wie Systemgrenzen trennen damit auch Grenzstellen Erwartungen; sie sind Erwartungsgrenzen (vgl. Luhmann 1964: 221; Tacke 1997: 3). Als technisch verstehe ich im breiteren Sinne die feste Kopplung von kausalen Elementen (Luhmann 2006: 370) und hier im engeren Sinne die algorithmische, das heißt die über universell programmierte Digitalrechner erzeugte, Informationsverarbeitung. 4 Die Orderausführung ist im Online-Brokerage auch für Privatanleger zugänglich. In Bezug auf Verkaufsaufträge besteht beispielsweise die Wahl zwischen bestens (Orderausführung zum höchsten Kurs) oder stop loss (Orderausführung sobald ein gewünschter Kurs unterschritten wird). 5 Larry Harris (2003, zitiert nach Gomolka 2011: 9-11) unterscheidet auf der sell-side der hier genannten Orderausführung zwischen zwei Schnittstellen: dem Vermittler einer Transaktion ( broker ), der ausschließlich auf Auftrag handelt und dem Vertragspartner in einer Transaktion ( dealer ). Während dealer versuchen eine Order an einer Börse zu platzieren, ohne starke Kursschwankungen ( market impact ) zu verursachen, suchen broker ihren Kunden einen Vertragspartner. Entsprechend finanzieren sich dealer aus dem Differenzbetrag der gestellten Kauf- und Verkaufskurse ( spread ), während broker dagegen auf Kommissionsbasis arbeiten. 6 Schnell heißt nach dem gegenwärtigen Stand der Technik eine Geschwindigkeit von wenigen Millisekunden. Allein einfache Bewegungen wie der Augenaufschlag erfordern mehr als 140 Millisekunden (vgl. MacKenzie 2011).

5 Universität Bielefeld Fakultät für Soziologie Arbeitsbereich: Organisationen 5 Entgegen Behauptungen, dass der Gebrauch von HFT zu einer als hyperkomplex, von Gier gesteuerten oder chaotisch beschriebenen Auflösung sozialer Erwartungsgrenzen zwischen Technik und Mensch oder Wirtschaft und Gesellschaft beitrage (Schimank 2011; Neckel 2011), verstehe ich den Einsatz von HFT als Ausdruck einer sich insbesondere organisatorisch weiter ausdifferenzierenden Bearbeitung von Zahlungsunsicherheiten an elektronischen Handelsplattformen, namentlich zwischen programmierten Zahlungsentscheidungen (Entscheidungsautomation) und programmierenden Zahlungsentscheidungen (Entscheidungsautonomie). Diese Trennung von Entscheidungsabläufen vollzieht sich vorwiegend an den Grenzstellen des Eigenhandels von Finanzorganisationen. Den Einsatz von HFT dagegen allein anhand gesellschaftlicher Professions- und Interessenskonflikte 7 zu beschreiben, würde einen differenzierten Blick auf diese spezifischen Bedingungen und Folgen verstellen und nicht zuletzt die so oft vernachlässigte, faktische Organisiertheit von Zahlungsentscheidungen an Finanzmärkten außer Acht lassen. Insgesamt löst dabei der Einsatz von HFT Entscheidungsunsicherheiten über Zahlungen an elektronischen Finanzbörsen nicht auf, sondern verteilt diese neu auf weitere, insbesondere organisatorische Systemebenen und Grenzstellen. Meine These stelle ich in drei Argumentationsschritten vor. Erstens begründe ich die Wahl einer organisationssoziologischen Perspektive (Abschnitt 2), um auf dieser Grundlage zwischen Finanzorganisationen und Börsenorganisationen unterscheiden und ihre Interdependenzen aufzeigen zu können (Abschnitt 3). Zudem skizziere ich die Nachrichtengenerierung und die Orderausführung als die zwei zentralen technischen Grenzstellen der Ordererzeugung, welche die organisatorische Systemdifferenzierung des Einsatzes von HFT markieren (Abschnitt 4). Auf einer entscheidungstheoretischen Analyseebene beziehe ich drittens Luhmanns Programmbegriff (1972, 2006) auf die elektronische Algorithmisierung der Ordererzeugung. Abschließend benenne ich wesentliche organisatorische Funktionsvorteile dieser spezifischen Form von Konditionalprogrammierung an elektronischen Handelsplattformen (Abschnitt 5) und diskutiere drei ausgewählte Perspektiven für weiterführende Forschungsarbeiten (Abschnitt 6). 2. Problemverortung und Abgrenzung von Systemebenen Über das Phänomen HFT finden sich in den Sozialwissenschaften allgemein vor allem normative und gesellschaftstheoretische Beiträge. Dabei wird beispielsweise kritisiert, dass HFT eine krisenverstärkende Wirkung auf die Realwirtschaft habe und zu einer Finanzialisierung sowie Entmenschlichung von Arbeit führe. In der hiesigen Wirtschaftssoziologie finden sich (ausgenommen der mir bekannten Forschungen von Marc Lenglet (2011) und Donald MacKenzie (2012, et al. 2012)) ausschließlich Beiträge, die Aussagen über HFT als Randbemerkungen führen. Das Hauptthema dieser Texte bezieht sich auf die Finanzmärkte im Allgemeinen. Der Zugang ist entsprechend gesellschaftstheoretisch angelegt. Mein Eindruck ist, die Diskussion über HFT in der deutschsprachigen Wirtschafts- und Finanzmarktsoziologie von zwei Dichotomien beherrscht wird. Die erste Dichotomie bezeichne ich als das Verhältnis von technischer Automation und menschlicher Autonomie. Die zweite bezieht sich auf das Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft. Gemeinsam ist beiden Begriffspaaren, so die hier vorgestellte Kritik, dass dabei empirisch wie theoretisch einseitige Hierarchisierungen und Asymmetrisierungen entweder impliziert oder expliziert mitgeführt werden. Die Verortung von HFT anhand von Dichotomien erschwert deshalb einen differenzierten Blick auf die spezifischen Bedingungen, Funktionsweisen und Implikationen des Einsatzes von HFT an elektronischen Handelsplattformen. 7 Bei der Legitimation des Einsatzes von HFT, insbesondere gegenüber Regulierungsbehörden, stehen sich traditionelle Parketthändler und Meta-Organisationen wie die FIA Principal Traders Group (FIA) oder der European Principal Traders Association (EPTA) gegenüber.

6 Universität Bielefeld Fakultät für Soziologie Arbeitsbereich: Organisationen 6 a) Verhältnis von technischer Automation und menschlicher Autonomie Eine Schwierigkeit zur Beschreibung von HFT ist die Bestimmung des Verhältnisses von Mensch und Technik. Verkürzt formuliert lautet eine massenmedial gängige Vorstellung, dass technische Automation die professionelle Entscheidungsautonomie des Menschen einschränke. In der soziologischen Literatur findet man dazu vielfältig nuancierte Entdifferenzierungsannahmen. Beispielsweise habe nach Sighard Neckel die Steigerungslogik der Rendite-Gier zu einer Handlungsstruktur gemacht, welche die Systemgrenzen zwischen Banken gegenüber den Finanzmärkten auflöse (vgl. 2011: 49-52). Zugespitzt formuliert würde der Einsatz von HFT realwirtschaftliche Werte zerstören und moralische Werte gefährden. Zugleich seien die zunehmende Technologisierung und Diversifizierung der Produkte sowie der Märkte allgemein zu komplex geworden. Uwe Schimank (2011a/b) kontrastiert dazu die Hilflosigkeit der Organisationsgesellschaft mit der organisationsfreien Hilflosigkeit von Kleinanlegern. Der dabei allgemein gehaltene Analysefokus auf die Hyperkomplexität aus sachlich unüberschaubarer, überbordender Informationslast, sozialer Konkurrenz und Zeitdruck (Schimank 2011a: 504) trägt jedoch wenig zur Spezifizierung der sozialen Ordnungsmuster auf Aktienmärkten bei. Derartige Zugänge vernachlässigen zudem die Frage, inwiefern sich nicht auch Kleinanleger organisieren, und inwiefern ihre Umwelt organisiert ist. 8 Bei einer solchen Gegenüberstellung werden Mensch und Technik ganz unabhängig von ihrer gesellschaftlichen Kontextualisierung als unsicher, unbeherrschbar, chaotisch und dysfunktional in Bezug auf die vermeintlich rationalere Autonomie des Menschen beurteilt. Bemerkenswert ist das Vorbringen moralischer und moralisierender Thesen in den Sozialwissenschaften vor allem deshalb, weil die generalisierenden und damit oft auch empirisch unscharfen Aussagen über Finanzmärkte den Anschluss an neuere soziologische Theorieentwicklungen und Forschungen über Technik und Informatisierung einerseits und über Märkte und Organisationen andererseits vermissen lassen. Aufgrund der hier gebotenen Kürze sollen an dieser Stelle nur drei alternative Argumente benannt werden, die vermögen, den Mensch-Technik-Dualismus auch für den Bereich der Finanzwirtschaft zu reformulieren: Zunächst muss bei einer wissenschaftlichen Annäherung an die Bedingungen für den Einsatz von HFT auffallen, dass ethnografische wie praxeologische Arbeiten über das Verhältnis von Struktur und Agenten die asymmetrische Fassung von Technologiegewinn als Autonomieverlust gegen differenziertere Konzepte gradualisierter Handlungsträgerschaften bereits ersetzt haben (Latour 1998, 2005; Orlikowski 1992; Rammert/Schulz-Schaeffer 2002; Bongaerts 2007; Weyer/Schulz-Schaeffer 2009). Den netzwerktheoretischen angelegten Studien ist nicht nur wie oben erwähnt das empirische Forschungsinteresse an Finanzmärkten allgemein zu verdanken, sondern auch der Blick auf marktspezifische boundary objects (Ancona/Caldwell 1992). 8 Dass sich auch Kleinanleger von einem dealer und einem broker unterscheiden, aber ebenso einer hochgradig organisierten Umwelt gegenüber verhalten, lässt bereits die empirische (wenn auch hier nicht weiter verfolgte) Beobachtung erkennen, dass die meisten Kaufentscheidungen über börsengehandelte Produkte in Deutschland insbesondere über Banken, (selbständige) Finanzberater und Finanzdienstleistungsgesellschaften sowie Versicherungen vermittelt bzw. transferiert werden. Die von Schimank (2011a: 505f.) angeführten Beispiele der Investition in private Alterssicherungsprodukte oder des Kaufs einer Telekom-Aktie lassen den Organisationskontext der Kaufentscheidung selbst und der vor- wie nachgelagerten organisierten Kontaktstellen der Transaktionsausführung unberücksichtigt. Ökonomisch formuliert: Die unterschiedlichen Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodelle geraten erst gar nicht in Blick.

7 Universität Bielefeld Fakultät für Soziologie Arbeitsbereich: Organisationen 7 Und auch bei der Wahl eines nicht technik-soziologischen Fokus kann mithilfe von klassischen Theorien funktionaler Differenzierung der Blick für die Kontingenz von Komplexität geschärft werden (Simmel 1992; Luhmann 1972: 31-39). Soziale, sachliche und zeitliche Komplexität ist demnach in modernen Gesellschaften Bedingung und Folge sozialer Ordnungsbildungen zugleich. Unsicherheit auf Finanzmärkten wird durch den Einsatz von Technik nicht nur gesteigert, sondern auch verarbeitet. Die Reduktion von Komplexität ist dabei stets vom Aufbau neuer Unsicherheiten und Risiken begleitet. Entscheidungsunsicherheit wird dabei gerade zur Voraussetzung für das Treffen von Entscheidungen selbst (Luhmann 2006: 183f.). Mehr oder schnellere Informationen zu erhalten, ist dann zunächst eine Leistung der Verbreitungsmedien, die noch offen lässt, wie diese von anderen technischen und sozialen Systemen absorbiert und genutzt werden (Luhmann 1972: 31-39). Anhand von Organisationstheorien kann beispielsweise die Einbettung von Informatisierung (Tacke/Borchers 1999) im Zusammenspiel formalisierter und informalisierter Organisationsordnungen ins Forschungsinteresse gerückt werden. Als Risiko geraten dann nicht die Technik per se, sondern die je organisationsspezifische Bearbeitung von Mehrdeutigkeiten und Entscheidungsunsicherheiten in den Blick (Weingart 1989; Weißbach/Poy 1993; Funken/Schulz-Schaeffer 2008). b) Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft Eine ähnlich begriffliche Asymmetrisierung wie in Bezug auf das Verhältnis von Technik und Mensch findet sich in polit-ökonomischen und konflikttheoretischen Arbeiten, die anhand der Ausflaggung einer Wirtschaftssoziologie als Gesellschaftstheorie (Schimank 2008; Schimank/Volkmann 2008; Beckert 2009) eine integrierte Perspektive auf beide Bereiche vorschlagen. Seitens der Beiträge zum Finanzmarktkapitalismus (Beyer 2006; Windolf 2005; Deutschmann 2005, 2006) und zum Primat der Finanzmarktorientierung wird beispielsweise von Jürgen Beyer (2007) in Anlehnung an Neil Fligstein (2001) ein gesteigerter Aktionärsbezug der deutschen, korporatistischen Modells der Unternehmenskontrolle festgestellt. Begründet wird dieser Bezugswechsel mit dem Verweis auf einen institutionellen Wandel von wirtschaftlichen Leitvorstellungen. Die Abkehr vom Entwicklungspfad des Rheinischen Kapitalismus sei auch in Deutschland durch ein vergleichsweise einfaches, hinreichend plausibles und hoch instruktives Handlungsskript (Beyer 2007: 58) begünstigt worden, das u.a. die Maximierung des Shareholder Value, den Austausch des Managements bei ungenügender Kursentwicklung und den Aufkauf eigener Aktien zur Kurspflege beinhalte. Als neue soziale Definition der Realität (Beyer 2007: 63) sei die finanzmarktorientierte Leitvorstellung auf die zunehmende Deutungshoheit von Investmentbankern und Finanzmanagern zurückführbar. 9 9 Bei derartig orientierten Erklärungen wird unterlaufen, dass der Verweis auf Aktionärsinteressen erst mal nur eine Kommunikation ist, die noch nicht alle formalen Entscheidungen in Organisationen determinieren muss. Die Untersuchung von Martin Schröder (2010, 2011) verdeutlicht dagegen, dass auch Arbeitnehmerinteressen resonanzfähig werden können (Luhmann 2004; Schwarting 2011a) von Arbeitnehmerinteressen. Schröder zeigt auf, wie moralische Rechtfertigungen in der Diskussion um Produktionsverlagerungen (man könnte neoinstitutionalistisch auch sagen: zur formalen Legitimitätserzeugung gegenüber der Umwelt) einen argumentativen Zwang entfalten können, und wie es Gewerkschaften und Betriebsräten gelingen kann, die Geschäftsleitung an das zu binden, was sie als pro forma geäußert habe (2011: 334)

8 Universität Bielefeld Fakultät für Soziologie Arbeitsbereich: Organisationen 8 Den Einsatz von HFT anhand einer auf gesellschaftliche Konflikte und auf Akteursinteressen 10 fokussierte Analyse würde jedoch nur erneut erklären, dass hier ein weiterer Fall von Profitmaximierung vorliegt. 11 Die Asymmetrisierung der Wirtschaft und Gesellschaft zeigt dabei zentrale erkenntnistheoretische Schwierigkeiten auf. Einerseits ist die Primatvorstellung der Wirtschaft gesellschaftstheoretisch problematisch, wie jüngst Torsten Strulik (2012) überzeugend repliziert hat, weil damit die Sensibilität für die dynamischen Ermöglichungsund Steigerungsverhältnisse wirtschaftlicher und nicht wirtschaftlicher Kommunikation aufgegeben wird, die nicht nur in neueren wirtschaftssoziologische Theorieentwicklungen, sondern auch in den Bindestrich-Soziologien erkannt wird (2012: 22). Die für diesen Beitrag relevante Risikosoziologie erlaubt beispielsweise die Ambivalenz von Unsicherheitsabbau und Risikoproduktion aufzuzeigen (Luhmann 1991, 2006; Japp 1996, 1997, 2000; Krohn/Krücken 1993; Krücken 1997a, 1997b; Holzer/Millo 2005; Strulik 2004, 2007; Schwarting 2010, 2011b). Zugleich kann zweitens die Organisationsperspektive ein differenzierteres Licht auf das Profitmaximierungs- bzw. Shareholder-Value-Argument werfen: eine gewinnorientierte Wertkommunikation dient der bekanntlich heuchlerischen Legitimitätserzeugung gegenüber organisatorischen Umwelten sprich gegenüber Aktionären oder Organisationsmitgliedern (Luhmann 1964: 110; Meyer/Rowan 1977; Brunsson 1985, 2007). Ebenso ist bekannt, dass weder für die Geschäftsleitung noch abteilungsübergreifend Werte-Bekundungen zur Handlungsanleitung ausreichend sind, da sich aus Werten noch keine konkreten Mittel (wie der Einsatz von Zeit, Materialitäten, Personal, Kommunikationswegen) für eine Entscheidungsfindung ableiten lässt (Luhmann 1971: 94). Bezeichnend für berufsmäßige Organisationen ist vielmehr die Trennung zwischen Organisationszweck und Mitgliedschaftsmotivation (Luhmann 1964: 102f.; 2006: 81ff.). Entsprechend wird beim Blick auf die interne Differenzierung von Organisationen sichtbar, dass weder ihre Subeinheiten noch ihre Elemente, also ihre Entscheidungskommunikationen, sich nach rein ökonomischen Kriterien oder einem einzigen Wert in ein widerspruchsfreies Rationalitätskontinuum bringen lassen. Hierarchien dienen dagegen insbesondere der Herstellung von Legitimität gegenüber ihrer außerorganisatorischen Umwelt (Luhmann 1977, 1997: 834; Kühl 2004: 95). Über die Zweckformel wird der Organisation eine funktionsbezogene Primärorientierung zugeschrieben (vgl. Tacke 2001: 158). Drittens übernehmen wirtschaftliche Primatvorstellungen die Selbstbeschreibungen der Wirtschaft bzw. der in ihr tätigen professionellen Berufsrollen. Der Ökonomisierungsbegriff dient Gesellschaftsdiagnosen nicht zuletzt als Kampfbegriff in der massenmedialen und politischen Diskussion über gesellschaftlichen Wandel. 12 Die Unterscheidungen sind damit auch forschungspraktisch problematisch. Nicht zuletzt unterliegen Primat-Thesen damit einem ähnlich erkenntnistheoretischen Dilemma wie einseitige All-Aussagen in der Sozialforschung. 10 Cui bono? zu fragen war in vormodernen Zeiten, als Entscheidungsfolgen dem gottgewollten Schicksal bzw. einer außergesellschaftlichen Umwelt zugerechnet wurden, nicht üblich (Luhmann 1991; Japp 1996). Dabei wird aber immer öfter vergessen, dass die Frage cui bono? keine eingebaute Erkenntnisgarantie hat. Dass jemandem etwas nützt, ist noch lange keine Garantie für die Täterschaft (Lotter 2012: 43-44). 11 Massenmediale Formeln, wie die dass Kurseinbrüche mit Wertvernichtungen einher gingen, ignorieren nicht zuletzt auch das Knappheitsparadox. Denn die Beseitigung von Knappheit durch Zugriff auf knappe Güter vermehrt die Knappheit (vgl. Luhmann 2004: 118). Auch auf Finanzmärkten bzw. an elektronischen Handelsbörsen kann dieses Nullsummenspiel nicht ausgehebelt werden (Schwarting 2011). Kursverluste von Finanztiteln sind (noch) keine realwirtschaftlichen Wertschöpfungsverluste. In der Finanzbranche selbst ist bekannt: Das Geld ist nicht weg es hat jetzt nur ein anderer. 12 Entsprechende Untersuchungen tendieren dazu, die Sprache der Medien unreflektiert zu übernehmen und sich dem Thema HFT ähnlich wie die Beschreibungen zur Finanzkrise allgemein anhand von militärischen und medizinisch-psychologischen Semantiken zu nähern, die weniger zur Spezifizierung als vielmehr zur Skandalisierung und Moralisierung der Kommunikation über HFT beitragen. Soziologisch interessant sind sie, weil sie aufzeigen, dass an die auf Finanzmärkten tätigen und HFT einsetzenden Personen und Organisationen unterschiedliche normative Erwartungen seitens der Gesellschaft herangetragen werden. Ihre Erwartungen werden nicht zuletzt an die Politik adressiert, kollektiv bindende Reformentscheidungen zu treffen, die normativ bestimmen, welche Verfahren für die Festlegung Preis- und Zahlungsentscheidungen aktuell als rechtlich legitim gelten.

9 Universität Bielefeld Fakultät für Soziologie Arbeitsbereich: Organisationen 9 Aber auch die Organisationssoziologie hat sich bislang wenig mit Börsenorganisationen beschäftigt. Anschlussfähig für die Beschreibung von Finanzmärkten sind vor allem Studien über Auktionen (Garcia-Parpet 2007) und die Einführung von neuen Technologien. Die Forschung von Fabian Muniesa (2000) ist vermutlich eine der ersten, die verdeutlicht, wie voraussetzungsvoll die Automatisierung einer interaktionsbasierten Finanzbörse ist: Handelsprotokolle, Orderarten, Produktqualitäten, Überwachungsregeln und Händleridentifikation müssen für alle Teilnehmer formalisiert und standardisiert werden, bevor Preise elektronisch errechnet, übersetzt und materialisiert werden können, und die Teilnehmer sie beobachten, bewerten und vergleichen können. Mit den genannten Arbeiten über den Wandel von Verbreitungstechnologien in unterschiedlichen Finanzmärkten, haben insbesondere market devices (Muniesa/Callon/MacKenzie 2007; Muniesa 2007, 2008, 2011) kognitive Techniken der Marktbeobachtung und Marktlegitimation bei diversen Handelspraktiken wie Arbitrage (Beunza/Stark 2004; Beunza/MacKenzie/Hardie 2006), Derivate-Handel (MacKenzie/Millo 2003; Holzer/Millo 2005) oder credit scorecards (Poon 2007, 2009) das Repertoire an empirischen Arbeiten erweitert. An der ethnografischen Beschreibung der unterschiedlichen Objekte und Kontexte einer massenhaften Mobilisierung von Kennzahlen und Kalkulationen (Mennicken/Vollmer 2007; Vollmer/Mennicken/Preda 2009) wurde insbesondere in den in den 1990er Jahren aufkommenden Social Studies of Finance (SSF) die Vernachlässigung von institutionellen und politischen Machtfaktoren bemängelt. Letztlich lassen sich die empirisch fruchtbaren, jedoch theoretisch recht verkürzten Zugänge (zu HFT siehe Lenglet 2011; MacKenzie 2011, MacKenzie et al. 2012) auf ein Argument zuspitzen die Herausstellung kontrollmächtiger Performativität. Was fehlt sind Untersuchungen, die unterschiedliche market engines wie Marktpraktiken vergleichen und dabei ihre jeweiligen performativen Spezifika und Eigenlogiken beschreiben können. Es verwundert deshalb wenig, dass trotz der massenmedialen Präsenz des Themas, der Einsatz HFT im Allgemeinen geschweige denn seine Organisiertheit im Besonderen bislang auf kein systematisches Forschungsinteresse gestoßen ist. Ohne einer gesellschaftstheoretischen oder praxeologischen Analyse ihr Potential absprechen zu wollen, wird hier eine mittlere Untersuchungsebene gewählt. Wie eingangs genannt stellt dieser Beitrag einen organisationssoziologischen Zugang zur Beschreibung des Einsatzes von HFT an elektronischen Handelsplattformen vor. Der Vorteil der systemtheoretischen Organisationssoziologie besteht für diesen Zugang darin, aufzeigen zu können, dass es einen Unterschied macht, ob Zahlungsentscheidungen auf börsenorganisierten Märkten getroffen oder auf einem Basar zwischen einzelnen Personen koordiniert werden. Die Wahl einer mittleren Untersuchungsebene bietet zweitens die Möglichkeit, den Einsatz von HFT in Finanzorganisationen zu verorten, und damit zu fragen, was es bedeutet, wenn bestimmte Handelsentscheidungen in so die These rein konditional programmierter Form erzeugt werden. Die Systemtheorie erlaubt drittens, anhand des Entscheidungsprämissenkonzeptes programmierte (hier verstanden als Entscheidungsautomation) und programmierende Zahlungsentscheidungen (als Entscheidungsautonomie) analytisch zu trennen und dabei auch in Bezug auf organisierte Interaktionen, d.h. als Wirtschaftskommunikation von und zwischen Organisationen und ihren Umwelten zu beschreiben. Unter Organisationen verstehe ich soziale Systeme, die ihre Umweltgrenzen durch formalisierte Verhaltenserwartungen konstituieren. Formalisierte Verhaltenserwartungen sind Erwartungen, über die von der Organisation entschieden wurde, an Organisationsrollen adressiert werden können und deren Einhaltung im Konfliktfall an den Entzug der Mitgliedschaft geknüpft werden kann (vgl. Luhmann 1964, 2006). Eine Handlung ist dabei immer dann als Entscheidung anzusehen, wenn sie auf eine an sie gerichtete Erwartung reagiert (vgl. Luhmann 1994: 278). Zahlungsentscheidungen umfassen damit alle Kommunikationen, die sich an Preiserwartungen orientieren.

10 Universität Bielefeld Fakultät für Soziologie Arbeitsbereich: Organisationen 10 Auf der operativen Ebene reproduzieren sich Organisationen über den Anschluss von Entscheidungskommunikationen. Dies gilt insbesondere für Wirtschaftsorganisationen, denn sie sind dies qua eigener Entscheidung. Nicht in ihrer wirtschaftlichen Funktion, sondern in ihrer Ausbildung einer distinkten Identität im Rahmen von organisatorischen Leistungsbeziehungen liegt ihre Leistung für die Wirtschaft und in diesem Sinne für die funktional differenzierte Gesellschaft (vgl. Luhmann 2006: 436; Tacke 1999: 74). Eine an gesellschaftlichen Funktionen typologisierte Simplifikation von Organisationen im Rechtssystem begrenzt dabei eine beliebige Vermischung funktionsspezifischer Orientierungen. In der Entscheidung über die Rechtsform die zugleich eine Gründungsentscheidung ist liegt damit die zentrale Prämisse für den Grad organisatorischer Entscheidungsautonomie (vgl. Tacke 2001: 148ff.). Gerade in der Kapitalisierung dieses Entscheidungsrisikos und der damit auf Finanzmärkten verbunden Risikotransformation 13 (zur Risikotransformation über Zinsänderungsrisiken siehe Nollmann 1997; im Bereich politischer Regulierung siehe Krücken 1997a/b; sowie für Kreditentscheidungen in Finanzorganisationen siehe Schwarting 2010, 2011b) liegt die für diesen Beitrag relevante Entscheidungsautonomie von Wirtschaftsorganisationen: Sie können entscheiden, an welchen funktionsinternen oder funktionsübergreifenden Umwelterwartungen sie sich orientieren, und wie sie den damit verbundenen Widersprüchen formal und informal begegnen. Ihre Entscheidungskapazität basiert damit nicht nur darauf, die Auswahl der Zwecke selbst zu bestimmen, sondern ebenso wie diese programmiert, von welchem Personal und über welche Kommunikationswege diese entschieden werden sollen (vgl. Luhmann 1997b: 841f., 2006: 224f.; Tacke 1997: 8, 1999: 64) Organisatorische Differenzierung von Finanzmärkten Organisiert sind Finanzmärkte in zweierlei Hinsicht. Einerseits wird der Zugang zu ihnen über Börsenorganisationen geregelt. Andererseits sind es Finanzorganisationen (einschließlich börsennotierter Organisationen wie auch Börsenorganisationen selbst), die an Finanzmärkten für den Handel mit Zahlungsversprechungen (Baecker 1991) befugt sind. Die Teilnehmer bzw. Mitglieder dieser organisierten Börsenmärkte treffen ihre Zahlungsentscheidungen dabei ganz unabhängig davon, ob sie selbst der kapitalmarktorientierten Refinanzierung bedürfen und dazu Anleihen (Fremdkapital) begeben oder Aktien (Eigenkapitel) emittieren. Voraussetzung für die Refinanzierung am Kapitalmarkt ist die Rechtsform der (europäischen) Aktiengesellschaft (AG und SE). Durch den Handel von Refinanzierungstiteln an diesem sogenannten Sekundärmarkt ermöglichen Börsenorganisationen einen flexiblen Zugriff auf die Leistungen und Potentiale anderer Finanz- und Wirtschaftsorganisationen. Und dies, ohne dass dadurch neue Umweltgrenzen justiert und formale Umstrukturierungen vorgenommen werden müssten, wie z.b. im Fall von Fusionen ganzer Organisationen, bei der Ein- und Ausgliederung bestimmter Subeinheiten (vgl. Tacke 1997: 18f.; 1999: 64f.) oder der klassischen konditionierten Kreditvergabe über Banken. 13 Wie unten gezeigt wird, ist neben der Formalisierung des Handels durch die Börsenmitgliedschaft für den Umgang mit Zahlungsunsicherheit an modernen Finanzmärkten spezifisch, dass Finanzorganisationen gerade durch ihre Entscheidungen über den Anschluss und die Zurechnung von eigenen und fremden Zahlungsentscheidungen externe Gefahren über Preisänderungen in eigene Entscheidungsrisiken transformieren. Dies geschieht beim Einsatz von HFT, so die hier vertretene These, durch das autonome Entscheiden über die automatisierte Programmierung der Ordererzeugung). 14 Das schließt ein, dass Finanzorganisationen als Wirtschaftsorganisationen in ihren Forschungs-, Rechts-, oder Presseabteilungen laufend in anderen Funktionssystemen Anschlüsse erzeugen (vgl. Tacke 1999: 72).

11 Universität Bielefeld Fakultät für Soziologie Arbeitsbereich: Organisationen 11 Die sich an Börsen beobachtenden Marktteilnehmer erwarten, dass sich Preise nicht zuletzt aufgrund vorangegangener Zahlungen rasant ändern können. Gerade diese Instabilität von Preisen wird eingerechnet, und zwar als zeitlich begrenzte Erwartungsstabilität, die es zu kapitalisieren gilt (vgl. Luhmann 1994: 272ff.). Käufer und Verkäufer seien beispielsweise die Organisation A und B. Erwartungserwartungen (Luhmann 1972) bilden sich dann auf Märkte übertragen nach folgendem Schema: A unterstellt, dass B erwartet, dass A zu einem bestimmten Kurs kauft und B unterstellt umgekehrt, dass A erwartet, dass B zu einem bestimmten Kurs verkauft. Nach diesem Schema beobachten und orientieren sich Marktmitglieder wechselseitig. Marktordnungen beruhen also auf fremd- und selbstverunsichernden Zahlungserwartungen, die bei unterschiedlichen Zeit- und Preisdifferenzen die Wahl zwischen unterschiedlichen Kauf- und Verkaufsoptionen haben (Schwarting 2011). Begreift man Finanzmärkte entsprechend als Ausdruck doppelt kontingenter System-Umwelt-Asymmetrien (Luhmann 2006: 30-38; Schwarting 2011b), wird es möglich die Strukturbedingungen, unter denen HFT für das Treffen von Zahlungsentscheidungen an elektronischen Handelsplattformen verwendet wird, genauer zu bestimmen. Auch wenn die genauen Handelsstrategien Geschäftsgeheimnis bleiben und rechtlich bislang keine elektronische Kennung der einzelnen Algorithmen der Ordererzeugung vorgeschrieben ist, stellen Börsen bereits an die Nutzung von Ausführungs-Algorithmen eigene Bedingungen: A broker willing to use algorithms to trade on the Irish Stock Exchange [...] or the Swiss market will need to go through a validation process requiring the filing of forms, detailing with precision what the algorithm is intended for, how it works, the different levels of controls or monitoring systems that can stop it [...] (Lenglet 2011: 56). Für die Nichtbeachtung solcher Mitgliedschaftsregeln werden rechtliche Strafen verhängt. Die Investmentbank Goldman Sachs hat sich im Oktober 2012 verpflichtet, 6,75 Millionen US-Dollar an acht USamerikanische Börsen zu zahlen, um Vorwürfe im Zusammenhang mit der Abwicklung von Optionsgeschäften zwischen Januar 2004 und Mai 2010 beizulegen. Die Bank habe bestimmte Optionen-Orders als von Kunden stammend dargestellt, obwohl sie von Brokern oder Marktmachern kamen. Damit hätten die Orders potentiell bevorzugte Behandlung genießen können (FAZ 2012f). Als Wirtschaftsorganisationen stehen Börsen in einem internationalen Leistungsvergleich um günstige Transaktionstarife, Handelsordnungen, Plattformarchitekturen, Mitgliedschaftsgebühren und Technologien. Die Börsenorganisationen sind jeweils spezialisiert auf den Handel bestimmter Titel. So unterhält z.b. die Chicago Mercantile Exchange Group (CME) auch die Chicago Board of Trade (CBOT), welche das Geschäft mit Terminkontrakten wie futures und options sowohl elektronisch als auch durch Parketthandel abwickelt. Wie die zweitgrößte Aktienbörse NASDAQ Stock Market (NASDAQ) haben sich auch die jüngst gegründeten und 2013 fusionierten Handelsplattformen Direct Edge und BATS Exchange vollständig vom Parketthandel verabschiedet. Die weltweit rund 50 technisch vollintegrierten Computerbörsen erlauben neben der elektronischen Orderausführung, Kauf- und Verkaufsaufträge automatisch bzw. ohne Vermittlung durch eine broker - oder dealer -Person zu platzieren und damit die für den Einsatz von HFT relevante Ordererzeugung. Während die Ordererzeugung Folge der Entscheidung ist, wie Zahlungsentscheidungen generiert werden sollen, umfasst die Orderausführung dagegen Entscheidungen darüber, wie die dabei generierte Order in der anschließenden Transaktion von einem broker oder einem broker system an der Börse ausgeführt werden soll. Erst der Einsatz von HFT ermöglicht es also die Entscheidung, ob, wann und wie eine Order eingestellt werden soll, algorithmisch fest an die Programme der Orderausführung der jeweiligen Handelsplattformen zu koppeln und so auch wiederholbar ausführen zu lassen Eine feste Kopplung ist abstrakt gesprochen eine Einschränkung kontingenter Anschlussbedingungen (Weick 1985: 163ff.; Luhmann 2006: 374ff.), wie sie sich nicht zuletzt in jeder faktisch vollzogenen Zahlungskommunikation äußert.

12 Universität Bielefeld Fakultät für Soziologie Arbeitsbereich: Organisationen 12 Diese Automatisierung der Zahlungsentscheidung verdeckt im Vollzug des Börsenhandels die jeweils involvierten Grenzstellen in den Finanzorganisationen. HFT gilt es deshalb auch räumlich zu unterscheiden. Im Gegensatz zum Telefonhandel (Over-the-Counter (OTC)) 16, der über bank- oder börseneigene Handelsräume abgewickelt wird, findet beispielsweise das HFT der an der New York Stock Exchange (NYSE) gelisteten Titel in Rechenzentren am Stadtrand von New Jersey statt. 17 Der Einsatz schnellster Technologien als Mittel der Beobachtung von Zeit- und Preisdifferenzen und deren Ummünzung in direkte Zahlungen wird hier zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Die HFT einsetzenden Finanzorganisationen versuchten dabei ihre Server in der kürzester Distanz zu den Großrechnern der Computerbörsen zu positionieren, um die Geschwindigkeit der Datenübertragung so hoch wie möglich zu halten sei es über Glasfaserkabel, Mikrowellen, Millimeterwellen oder Laser. Die Geschwindigkeit der Datenübertragung sei es um den Preis einer Aktie zu erfahren, sei es um eine Order auszuführen oder diese erst für das Orderbuch zu generieren hat ihre physikalische Grenze jedoch zwangsläufig in der Lichtgeschwindigkeit. Während bei Glasfaserkabeln die Gefahr (Luhmann 2008) besteht, dass es stark regnet oder Bauern diese beim Pflügen durchtrennen, wird die Übertragungsgeschwindigkeit beim Einsatz von Lasern durch dichten Nebel beeinflusst (MacKenzie 2014; FAZ 2014). Denn während bei OTC-Geschäften kleinste Zeitdifferenzen relativ unbedeutend sind, entscheiden sie bei der Preisvermittlung, Orderausführung sowie Ordergenerierung an Computerbörsen über Zahlungsrisiken. An diesen Börsen handelnde Finanzorganisationen verfügen damit nicht nur aufgrund der Selektionsunterschiede ihrer kognitiven und organisatorischen Strukturen über unterschiedliche Möglichkeiten der Informationsaufnahme, -verarbeitung und -weitervermittlung, sondern auch aufgrund ihrer knappen Verfügbarkeit und der Einbettung in technische Grenzstellen. 4. Grenzstellen-Differenzierung von Zahlungsentscheidungen: Die Ordererzeugung zwischen Nachrichtengenerierung und Orderausführung Nicht alle Finanzorganisationen verwenden HFT. Im Allgemeinen sind dies Investmentbanken, Hedgefonds oder quantitative Modelle nutzende Anlagefonds ( Quantfonds ), die im Rahmen ihres Eigenhandels als dealer und market maker (siehe FN5) auftreten, d.h. über geeignetes Personal sowie entsprechend kostenintensive technische Infrastrukturen (z.b. Log-In zu elektronischen Handelssystemen) verfügen. Der Einsatz von HFT findet i.d.r. im Eigenhandel ( buy side ) dieser Finanzorganisationen statt, der im Unterschied zum Auftragshandel mit der steten Verbesserung der Gewinnerzielung bzw. Profitmaximierung außerhalb des Kundengeschäfts beauftragt ist. Beim Eigenhandel tritt die Organisation ihren Kunden nicht als Kommissionär, sondern direkt als Käufer oder Verkäufer gegenüber. Operative Eigenhandelsaktivitäten sind der (Ver-)Kauf von börsengehandelten Wertpapieren. Je nach Definition schwanken die Schätzungen über den Einsatz von HFT. 16 Nicht alle Wertpapiere werden börslich gehandelt. Bei europäischen Aktien liegt der Anteil am Gesamthandelsvolumen laut dem CFA Institut, das den Titel Chartered Financial Analyst (CFA) vergibt, bei etwa 50 Prozent (vgl. Mattke 2011). Insbesondere forwards und Kreditderivate, die weniger standardisiert sind als beispielsweise börsengehandelte futures und options, erlauben sehr individuelle Vertragskonditionen und werden OTC gehandelt. 17 Obwohl es kaum noch Handelsbanken auf dem Frankfurter Parkett gibt, wird dieses in der Medienberichterstattung oft abgebildet. Der Handelssaal der Commerzbank in Frankfurt ist mit seinen 125 mal 25 Metern jedoch größer als das Parkett der Deutschen Börse (vgl. FAZ 2013a).

13 Universität Bielefeld Fakultät für Soziologie Arbeitsbereich: Organisationen 13 In der Regel werden zwischen 30 und 70 Prozent des täglichen Handelsvolumens 18 auf HFT zurückgeführt, wobei dieser Anteil von 2 bis 10 Prozent der an Börsen handelnden Finanzorganisationen ausgelöst werden sollen. Die Deutsche Börse hat für das Jahr 2011 dazu beispielhaft die Orderbücher der drei hektischsten Handelstage ausgewertet. Am 25. August 2011 sank der Dax innerhalb weniger Minuten um rund 4 Prozent von knapp 5700 auf rund 5450 Punkte. Statt 300 Dax-Kontrakten je Minute gingen an der Terminbörse Eurex 1700 Stück ein. Der Leiter der Abteilung Geschäftsentwicklung der Eurex, Randolf Roth, stellte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) fest, dass das der Einsatz von Handelsalgorithmen in der kritischen Phase deutlich erhöht wurde (vgl. FAZ 2013a). Die Marktteilnehmer hätten sich also nicht vom Handel entfernt, und nicht nur verkauft, sondern waren im Gegenteil rund um den Kurstiefpunkt besonders auf der Käuferseite aktiv. Ungeachtet des Geschäfts mit anderen Wertpapieren wie dem Optionshandel, konzentriert sich das HFT im Aktienhandel auf wenige liquide Titel. Nach einem Bericht des Deutschen Aktieninstituts findet in Anteilsscheinen von 5 Prozent der hiesigen börsennotierten Aktiengesellschaften mehr als 84 Prozent der Handelsumsätze statt (vgl. FAZ 2013c). Die computerprogrammierte Ordererzeugung läuft schematisch nach Wenn/Dann-Regeln ab. Der Einsatz von HFT bedarf deshalb der Formulierung preisänderungsrelevanter Ereignisse, die als Wenn-Komponenten strukturiert werden, wie beispielsweise die Bekanntgabe von Konjunkturdaten oder ein bestimmter Anleihekurs. Kommunikativ werden Informationen über diese Ereignisse jeweils in unterschiedlichen Umwelten der ordergenerierenden Stellen erzeugt, nämlich durch die elektronische Nachrichtenverbreitung von Informationsdienstleistern. Die dadurch bereitgestellten Informationen bilden die Grundlage der wechselseitigen Beobachtung der Marktmitglieder an Computerbörsen. Die am Markt teilnehmenden Organisationen stellen sich strukturell auf diese Form der Beobachtung ein. Dabei greifen sie nicht mehr nur bei der Orderausführung, sondern auch wie auch bei der Ordererzeugung auf Computertechnik zurück. Mithilfe von Computerprogrammen der Orderausführung werden beispielsweise große Aufträge gestückelt, um hohe Preisänderungen zu begrenzen. Denn steigende Preise werden von Marktbeobachtern als Nachricht dafür gedeutet, dass weitere Kaufaufträge anstehen. Sie können eine erhöhte Nachfrage nach sich ziehen bzw. diese als selbsterfüllende Prophezeiung erst hervorrufen (vgl. Schwarting 2011a). Neben der Vermeidung von market impact (siehe FN5) dient die Sequenzierung ( split decisions, Weick 1985) von Ordern auch dem Kleinhalten von Handelsrisiken eigener (Ver-)Kaufentscheidungen, die mit großen Aufträgen verbunden sind. 19 Schätzungsweise 50 Prozent aller Ausführungsalgorithmen werden an den durchschnittlichen Ausführungskurs, dem Volume Weighted Average Price (VWAP), geknüpft, der das Verhältnis aus dem Gesamthandelsvolumen zum selbst gehandelten Volumen definiert. Insgesamt ist die für die Orderausführung eingesetzte Software relativ weit standardisiert und verfügt über einen Pool von mehreren vorgefertigten Algorithmen, die dazu dienen, den optimalen Transaktionszeitpunkt, die Ordergröße und den Orderpreis festzulegen (vgl. MacKenzie 2011; Gomolka 2011: 126f.). Im Gegensatz zur Orderausführung kann hier kein empirisch belegtes Beispiel für eine Ordererzeugung geliefert werden Bei diesen Schätzungen werden alle Aufträge gezählt, die elektronisch in den Orderbüchern der jeweiligen Börse erfasst werden. Welcher Anteil des orderflows dabei auf eine automatisierte Ordererzeugung oder auf private (oder angestellte) Händlerpersonen entfällt, lässt sich allein auf Basis von Orderbuchdaten nicht ausreichend beurteilen. Erst mithilfe elektronischer Kennungen ist es möglich, Orderbuchdaten in manuelle und automatisch übermittelte Orders zu trennen (z.b. mit dem ATP-Stempel in XETRA) (vgl. Gomolka 2011: 171). Diese geben dann jedoch lediglich Auskunft über das Automatisierungsvolumen der Orderausführung. Für die Algorithmen der Ordererzeugung besteht bislang keine Kennzeichnungspflicht (s.o.). 19 In a field of complex electronic interactions, it may be hard to distinguish between a program that is successfully identifying and exploiting patterns of orders that result from the splitting of one big order, and a program whose success is based on less specific order-book patterns (MacKenzie 2014). 20 De facto wird nur ein Bruchteil der eingestellten Aufträge tatsächlich ausgeführt. Daten der amerikanischen Wertpapieraufsicht SEC zeigen, dass z.b. durchschnittlich nur 3,2 Prozent aller Aktienaufträge ausgeführt bzw.

14 Universität Bielefeld Fakultät für Soziologie Arbeitsbereich: Organisationen 14 Weder Finanzorganisationen noch Börsen geben bislang öffentliche Auskunft über ihre Handelsdaten, denn darauf basiert ihr Geschäftsmodell. 21 Der VWAP kann beispielweise auch als Parameter zur Programmierung der vorgelagerten Ordererzeugung herangezogen werden. Der VWAP hätte dann einen Nachrichtenwert für die Auslösung des Programms, welches die Zahlungsentscheidung modelliert. Ebenso können auch andere Ereignisse als Auslöseparameter in das Orderprogramm eingeschrieben werden. Ein bestimmter Ölpreis hat dann nicht nur Relevanz für die Käufer von Öl, sondern kann sich auf unzählige Zahlungsprogrammierungen auswirken, die zuvor an diesen Ölkurs algorithmisch gekoppelt wurden. Werden die gleichen Parameter in mehreren Programmen abgebildet, verknüpfen sich eine Fülle von Relevanzen, so dass selbstverstärkende Kettenreaktionen auftreten können. Für die Schematisierung der Abläufe (Skripte) von Zahlungsentscheidungen sind von Finanzorganisationen besondere Stellen eingerichtet, die insbesondere mit Physikern, Mathematikern, Linguisten und Programmierern besetzt werden. Diese Spezialisten widmen sich der Definition preisänderungsrelevanter Parameter, deren quantitativer Modellierung sowie der Auswahl der jeweils zu filternden Nachrichten. Die dabei erstellte HFT-Software lässt sich grob vereinfacht nach folgendem Muster skizzieren: Abbildung I: Schematische Darstellung der vor- und nachgelagerte Grenzstellen softwarebasierter Ordererzeugung 22 Als Informationsquellen für relevante Auslöseereignisse dienen vor allem die Orderbücher der Handelsplattformen. Um einen raw data feed von der Servern der Handelsplattformen zu erhalten, zahlen HFT einsetzende Finanzorganisationen oft mehr als $ monatlich (MacKenzie 2014: 27-30). Die Skripte der Ordererzeugung können aber auch qualitative Ereignisse verwenden, wie z.b. Textnachrichten. Programmierungen dieser Art geht die Erwartung voraus, dass ein Zusammenhang zwischen Ereignis und Wertpapierpreis besteht. nicht storniert werden. Die Deutsche Börse hatte im Februar 2012 die Marktteilnehmer dazu verpflichtet, bei Dax- Aktien wenigstens einen von 1800 eingestellten Aufträgen auszuführen (FAZ 2013d). Dieser quantitative Zuwachs an Ordererzeugung wird von traditionellen (Privat-)Anlegern als Indiz für massive Preismanipulationen angesehen. Es lässt sich zugleich als Indiz für eine zunehmen algorithmisierte Nachrichtengenerierung deuten und eine zeitlich weniger schnelle Orderausführung. 21 Außer (monatlichen) Renditen von Hedgefonds und Marktdaten sind praktisch keine Informationsquellen verfügbar (Gomolka 2011: 26). 22 In seinem jüngsten Artikel erwähnt MacKenzie (2014) eine weitere Art HFT zu nutzen, und zwar über Field Programmable Gate Arrays (FPGA), die für sogenannte fast codes versucht, den Einsatz von Software zu externalisieren: the basic idea is to shift as much computing as possible off the microprocessor chips that make up the heart of a computer system, and to do that computing not by software but in fast FPGA hardware (MacKenzie 2014). Dabei gelte unter Programmierern die Regel: Don t touch the kernel. Don t touch main memory... Don t branch. (That third commandment means don t fill your program with if statements ones with the generic form if A then do B else do C because they get in the way of a modern microprocessor s capacity to do several things in parallel.) (MacKenzie 2014). Die Regeln von FPGA sind jedoch schwer zu identifizieren: we don t know ahead of time what those rules are because every piece of code comes with a different rule book. Aus diesem Grund steht hier der Fokus auf den in Mikroprozessoren verwendeten HFT-Programmen.

15 Universität Bielefeld Fakultät für Soziologie Arbeitsbereich: Organisationen 15 Finanzorganisationen sind dabei in besonderer Weise Gegenstand und Nachfrager von Vergleichskommunikationen (Heintz 2010): Sie orientieren und framen ihre Zahlungsentscheidungen nicht nur auf der Grundlage eigens erzeugter und integrierter Daten (z.b. risk management oder research ), sondern ebenso anhand entpersonalisierter und standardisierter Beobachtungen anderer Organisationen. Als Nachrichtenwerte können Finanzorganisationen also neben eigenen Beobachtungen auch die Beobachtungen Dritter 23 selektieren (vgl. Zuckerman 1999; Schwarting 2010, 2011b). Wenn sich diese Werte dann ereignen und systemintern erzeugt werden, entfalten sie organisationsinterne Resonanz (Luhmann 2004) in den entsprechend ausgerichteten Orderprogrammen. Durch die Einschreibung in organisationsinterne Programme erhält eine Nachricht dann die Funktion eines Grenzwertes (Luhmann 1997a; Schwarting 2010, 2011b), der als Anwendungsdatum bzw. Änderungsbedingung eines ordererzeugenden Algorithmus formuliert werden kann. Auch die Nachrichtengenerierung ist mittels algorithmischer Informationsverarbeitung möglich. Wirtschaftsberichte lassen sich z.b. aus den von spezialisierten Informationsdienstleistern bereitgestellten und in standardisierten Formaten zur Verfügung gestellten Daten generieren, sei es über politische Beschlüsse oder Handelsverläufe an Börsen. Dienstleister wie Bloomberg, Reuters aber auch Nischenanbieter wie Markit, Opra oder Nanex nutzen ihre Datenbanken zur Herstellung von preisrelevanten Nachrichten. Deren Nachrichten werden wiederum von anderen Anbietern wie Google News oder Rivva zu einem sprachlich kohärenten Narrativ zusammengefügt. Aus diesen automatisch erstellten Meldungen (wie weiterhin auch aus nicht-automatisierten Nachrichten) können dann umgekehrt Daten zur algorithmischen Ordererzeugung extrahiert werden, so dass Algorithmen dann für ein organisiertes Publikum der Algorithmen schreiben (vgl. Lenglet 2011; Rieger 2012). Die Algorithmen für die Ordererzeugung können dabei von bestimmten Finanzorganisationen je nach Personal selbst erstellt werden ( insourcing ), wie dies insbesondere bei Hedgefonds und größeren Banken der Fall ist. Die Mehrheit der HFT einsetzenden Finanzorganisationen ist weniger bekannt und läuft unter Adressen wie Getco oder Tradeworx. Darüber hinaus gibt es Unternehmen, die Dienste anbieten, die HFT-Programme für Finanzorganisationen zu individualisieren ( outsourcing ). Letztlich können über die Ausgestaltung der Informationsverknüpfungen innerhalb einer ordererzeugenden Grenzstelle wie auch zwischen den Grenzstellen der Ordererzeugung nicht nur einfache Algorithmen, sondern auch sogenannte Multiagentensysteme je nach Komplexität ihrer elektronischen Vorprogrammierung wiederum relativ begrenzt autonom über die Automation von Zahlungsentscheidungen entscheiden. 24 Denn bei Multiagentensystemen besteht die Besonderheit, dass sie relativ eigenständig Daten extrahieren und verknüpfen, ohne dass Programmierer Rohdaten vorher explizit strukturieren müssen. Die Kunst besteht darin, einerseits möglichst viele Daten zu sammeln und zu analysieren und andererseits die Parameter für die Ordererzeugung genau zu bestimmen. Sind die Entscheidungsregeln zu eng gefasst, könnten sie sich als blind gegenüber möglichen (weiteren) Hinweisen bzw. Erwartungen auf Preisänderungen erweisen. Umgekehrt können zu breit formulierte Regeln unnütze Zahlungen zur Folge haben. 23 In Relation zu Signal-Heuristiken (Spence 2002) und Wertigkeitsordnungen (Boltanski/Thévenot 2007), bei denen ungeklärt bleibt, welchem Kommunikationsbegriff diese folgen und wie Informationen zwischen System- Umwelt-Grenzen absorbiert werden, erlaubt der Begriff Dritte (Luhmann 1972; Lindemann 2010) hier verstanden als standardisierte Beobachtungen zweiter Ordnung eine differenziertere Bestimmung von organisierten Vergleichspraktiken. 24 Differenztheoretisch könnte man beim HFT mittels Multiagentensystemen auch von einem Wiedereintritt bzw. einem re-entry (Luhmann 2006: 72) der Unterscheidung von Automation und Autonomie auf Seiten der Automation sprechen.

16 Universität Bielefeld Fakultät für Soziologie Arbeitsbereich: Organisationen 16 Es liegt auf der Hand, dass sich die Relativität der Preisänderungen nicht in einfache pauschale oder kausale Regeln einfangen lässt. Vielmehr wird an den jeweiligen Stellen beobachtet, welche Zahlungen unter bestimmten Bedingungen als normal angesehen werden, und auf Basis dieser normalen Mustererkennung werden auffällige Abweichungen identifiziert. Je nach beobachtenden HFT-Programm und der ausgewählten Datenumwelt können dann auch ungewöhnliche Kursbewegungen als normal beobachtet werden und vermeintlich normale wiederum als zahlungsrelevant bzw. riskant. Die sozialen Implikationen der algorithmischen Konditionalisierung unsicherer Zahlungsentscheidungen mittels HFT resultieren insgesamt deshalb weniger daraus, welche Daten von den jeweiligen Stellen als Parameter definiert werden, noch daraus, was diese überhaupt über Preisänderungen aussagen. Wie im letzten Abschnitt gezeigt werden soll, ergibt sich die Wirkmächtigkeit vielmehr aus der abgeleiteten, nichthierarchischen Autorität bzw. dadurch, dass sie als Entscheidungsprämisse (Luhmann 1964: 98f., 1972: 233) behandelt werden. Das heißt, beim Einsatz von HFT ist es folgenschwerer, welche zukünftigen Zahlungsmöglichkeiten gegenwärtig an die jeweilige Datenauswahl und die Anwendung der assoziierten Entscheidungsregel angeschlossen werden. Denn ähnlich wie aus den Preisbeobachtungen eines Finanzderivats (unvollständige) Informationen über mögliche Preiserwartungen des Basiswerts (bspw. eines Rohstoffs oder Kreditkontrakts) abgeleitet werden, ohne diesen gekauft zu haben, werden aus den isolierten Preisänderungsdaten Normen zur Herstellung von assoziierbaren Zahlungsentscheidungen aktualisiert und reproduziert und dies unabhängig vom Auftreten der in die Zahlungsregeln eingeschriebenen erwarteten Ereignisse bzw. Daten (Schwarting 2010, 2011b; Amoore 2011: 33). 5. Konditionale Programmierung von Zahlungsentscheidungen: Die algorithmische Modellierung der Ordererzeugung als Gewinn von Entscheidungsautonomie Versteht man HFT als entpersonalisierte und bedingungsgeleitete Entscheidungsregel, das heißt als Konditionalprogrammierung (Luhmann 1964: 98f., 1972: 227ff., 2006: 261) geraten auch die organisationsinternen Strukturbedingungen und Folgen dieser spezifischen Form der Herstellung von Zahlungsentscheidungen in den Blick. Mit einem organisationssoziologischen Programmbegriff werden so unterschiedliche Entscheidungsabläufe unabhängig von ihrer Ausgestaltung vergleichbar. Die gleiche Zahlung kann beispielsweise durch unterschiedliche Ordererzeugungsprogramme ausgelöst worden sein. Abstrakt gesprochen ist allen Konditionalprogrammen der Ordererzeugung gemein, dass durch ihren Einsatz die Kontingenz der erwarteten Zahlungsereignisse einerseits und die Kontingenz der Zahlungsentscheidung andererseits in eine selektive Wenn/Dann-Relation gesetzt wird, die zugleich den Handel an Computerbörsen für die Marktbeobachter erwartbar macht. Die Funktion dieser Handelsstrukturierung liegt weniger in der Beseitigung von Unsicherheit in Bezug auf faktische Entscheidungsverläufe bzw. Skripte (etwa durch motivationsmäßige Verhaltensdetermination) als im Aufbau neuer Unsicherheiten hinsichtlich zukünftiger Zahlungen. Die zu kapitalisierende Unsicherheit beim Einsatz von HFT bezieht sich damit insbesondere darauf, wie Beobachtungsparameter in die Ordererzeugung eingeschrieben werden und welche Folgen die an die jeweilige Ordererzeugung gekoppelten Zahlungsausführungen haben. Unsicherheitsabsorption besteht dann im weitesten Sinne darin, dass preisrelevante Informationen als Prämisse für die Auslösung von Zahlungsentscheidungen unhinterfragt verwendet werden, z.b. wenn der Verkauf von Staatsanleihen an eine bestimmte Umsatzhöhe geknüpft wird. Aufgrund dieser Unsicherheit vergleichen HFT-Programme ständig ihre Beobachtungen mit den vorab für die Rezeption dieser Beobachtungen ausgewählten Nachrichtenwerten über Preisänderungen.

17 Universität Bielefeld Fakultät für Soziologie Arbeitsbereich: Organisationen 17 Der Umweltkontakt zu Nichtmitgliedern wie Brokern oder anderen Dritten an organisierten Computerbörsen fällt durch den Einsatz vom HFT hochgradig anonymisiert aus. Für Finanzorganisationen fallen deshalb die Nachteile der konditionalen Programmierung des Grenzverkehrs, nämlich dass Routinehandeln eigentlich ein Musterfall taktlosen Verhaltens ist und somit neue Spannungen zwischen System und Umwelt erzeugen kann, kaum zu Buche. Der Vorteil der Algorithmisierung der Zahlungsentscheidung besteht vielmehr darin, Spannungen infolge der Ausblendung von Mehrdeutigkeiten 25 dadurch zu verringern, dass die Programmierung relativ schnell neu angepasst werden kann. Die Entscheidungsalternativen, die das Programm in seiner binären Vereinseitigung ausblendet, können in einem veränderten Programm neu eingebaut werden. Die Erwartungsstrukturen in Bezug auf Zahlungsentscheidungen können so immer wieder neu aufgelöst werden. Luhmann begreift diese Entstabilisierung von Strukturen als Herabsetzen der Änderungsschwelle des sozialen Systems (Luhmann 1972: 243). Die jeweiligen Programme der Ordererzeugung, ihre Ausgestaltung und damit auch Zeitbindung sind durch den vielfältigen Einsatz unterschiedlicher Parameter dabei enorm variabel. Die Erhöhung der strukturellen Variabilität ermöglicht ein Vorverlegen und Verkleinern von Änderungsschwellen und damit einen Gewinn an Zeit und an Chancen der Entscheidungsreaktion. Dabei kann nicht zuletzt auch das Umschreiben eines Programms algorithmisch konditioniert sein, wenn z.b. ein Programm, das innerhalb eines Handelstages keine oder zu wenig Ordererzeugungen auslöst, wiederum als Parameter zur Umschreibung oder Löschung eines Algorithmus formuliert ist. Die Trennung von unterschiedlichen Schnittstellen für die Programmgestaltung und Programmausführung verweist damit auch auf die Umverteilung von normativen und kognitiven Bestandteilen des Erwartens (Luhmann 1972: 227ff.). Das Ordererzeugungsprogramm dient dabei als normative Erwartungsstruktur, die solange gilt, bis sie verändert wird sei es durch Stellen, welche über die algorithmische Zahlungsprogrammierung entschieden haben oder durch Stellen, welche wiederum über die programmierenden Stellen entscheiden, wie die des Chief Investment Officer (CIO). Das schließt nicht aus, dass man bei der Programmierung von Zahlungsentscheidungen und der Ausgestaltung über die Programme dieselben Motive verfolgt. Es zeigt vielmehr auf, dass Übergänge zwischen verschiedenen Horizonten organisatorischer Selektivität von Zahlungsentscheidungen in und zwischen HFT einsetzenden Finanzorganisationen über automatisierte Verschachtelungen von Konditionalprogrammen vermittelt sind. Die Verantwortung für die Folgen von Konditionalprogrammierung obliegt dabei typisch nicht den programmausführenden Stellen, sondern den Positionen, die die Auslösebedingungen z.b. die Bindung an Ratings oder an Index-Werte im jeweiligen Programm formuliert bzw. zur Formulierung in Auftrag gegeben haben. Für ihre Entscheidungen sind i.d.r. die überwachenden Programmierungsstellen wie letztlich der CIO formal verantwortlich. Im Gegenzug sind die programmausführenden Stellen von der Erlebnisverarbeitung des Mitvollzugs ihrer entschiedenen Zahlungsanschlüsse entlastet. Was Amoore (2011) für die algorithmische Datenintegration bei polizeilichen Sicherheitsüberwachungen formuliert, lässt sich strukturell auch auf den Einsatz von HFT übertragen: The real time decision is simply read off from the data derivative replacing the agonism and radical uncertainty of decision and placing responsibility in the realm of response. A responsible decision would have to decide without it, independently from knowledge, acknowledging the absolute contingency and uncertainty of all relations, all associations (Amoore 2011: 38). 25 Tacke/Borchers (1993) zeigen am Beispiel der Verwendung elektronischer Informationsprozesse in öffentlichen Verwaltungen, dass Mehrdeutigkeiten nur in der Interaktion kommuniziert werden können. In ähnlicher Weise stellt Lenglet für die Regulierung des Einsatzes von HFT-Software fest: it is far easier for those who are in charge of the regulation to interact with a human being than with a machine (2011: 55).

18 Universität Bielefeld Fakultät für Soziologie Arbeitsbereich: Organisationen 18 Der Vergleich von eingehenden Daten mit dem für die Rezeption dieser Daten bestimmten Parametern erzeugt eine systeminterne Differenzierung. Nicht Preisänderungen werden auf Computerbörsen kontrolliert, sondern die selektive Einwirkung derartiger Preisänderungen auf Finanzorganisationen. Beim Einsatz von HFT zeigt sich also, dass Zahlungsunsicherheiten nicht verringert, sondern verlagert werden. Finanzorganisationen können durch den Einsatz von HFT also selektiv und immer wieder neu darüber entscheiden, welche Nachrichten die Ordererzeugung konditionieren sollen und an welche Orderausführungsprogramme die dadurch erzeugten Zahlungsentscheidungen geknüpft werden sollen. Entscheidungsunsicherheit, die zunächst als unbestimmbar erscheint, wird dabei durch die Auswahl und Spezifikation der für die Zahlungsentscheidung relevanten Parameter in eine bestimmbare und damit tragbare Zahlungsunsicherheit transformiert. Die Unsicherheit der Märkte wird dann zu einer intern erzeugten Unsicherheit (Esposito 1997: 97, 105). Insgesamt kann HFT in diesem Sinne als Anpassungsleistung an die Strukturbedingungen seiner Marktumwelten beschrieben werden, die eine enorme Beschleunigung sinnhaft koordinierter Zahlungsanschlüsse erlaubt. Die algorithmisch programmierte Ordererzeugung ermöglicht dabei Zahlungsentscheidungen in sachlicher Hinsicht auf bestimmte Auslösungsereignisse zu beschränken, zeitlich zu beschleunigen und sozial zu entpersonalisieren. HFT stellt damit einen besonders variablen Modus wechselseitiger Beobachtung auf Finanzmärkten dar: Finanzorganisationen versorgen sich über den Einsatz von HFT einerseits mit temporärer Erwartungssicherheit hinsichtlich der Orderausführung und der Nachrichtengenerierung (nämlich wann, wie, welche Zahlungsentscheidungen getroffen werden sollen), indem sie so den Kontakt zu diesen Marktumwelten bzw. technischen Grenzstellen nach festgelegten Erwartungen konditionieren. Anderseits gewährleistet HFT eine hohe Sensibilität der Grenzstellen auf Veränderungen in diesen Umwelten, da durch die Möglichkeit der äußerst flexiblen Programmänderungen schnell auf beobachtete Preisdifferenzen reagiert werden kann (nämlich wann, wie, welche Ordererzeugungsprogramme modifiziert oder gelöscht werden sollen). Finanzorganisationen können damit nicht zuletzt wieder qua Entscheidung auf intern selegierte Preisänderungen (notwendig selektiv) reagieren. Als algorithmisch programmierte Zahlungsentscheidungen nimmt die Selektivität der Ordererzeugung dabei eine ähnliche Form der Verarbeitung von zeitlicher, sachlicher und sozialer Komplexität an wie die vor- und nachgelagerten Stellen der Nachrichtengenerierung und der Orderausgabe. Gerade durch die flexible und lenkbare Variation von Algorithmen drückt sich der Gewinn an Entscheidungsautonomie in Bezug auf die Herstellung von Zahlungsentscheidungen bzw. der Ordergenerierung durch HFT aus. Entscheidungsprozesse über Zahlungen können in Finanzorganisationen damit unter verschiedene und insbesondere stellenmäßig (neu) entscheidbare Anforderungen gestellt werden. Es liegt auf der Hand, dass dabei ein komplexes Zusammenspiel zwischen unterschiedlichen Umwelten und ihren (Grenz-)Stellen entstanden ist, das empirischer Untersuchung verdient. Dies gilt nicht zuletzt, weil sich in den zweiseitig aufgebauten Wenn-Dann-Regeln der HFT-Software vielfältige Variationen und Verknüpfungen einbauen lassen, dessen Folgeprobleme wiederum untereinander selbstverstärkende Situationsdefinitionen, Kauf- und Verkaufserwartungen und entsprechende Preisbewegungen bewirken können. Eine derart institutionalisierte kognitive Erwartungsbereitschaft ist dann mehrfach verschachtelt mit den Beobachtungen die A gegenüber B tätigt, und B gegenüber A oder auch C anstellt, d.h. der Beobachtungen Dritter (vgl. Schwarting 2010, 2011b). Nicht selten können die Nutzer von HFT-Software wie auch die Konkurrenten von unerwarteten Ordererzeugungen dessen Folgen erst anhand der Ausführungen sichtbar sind überrascht werden, so dass eine Rückmeldung von Störungen und Krisen erforderlich wird.

19 Universität Bielefeld Fakultät für Soziologie Arbeitsbereich: Organisationen 19 Bei Störungen, wie dem flash crash im Mai 2010 an der CME, oder dem gescheiterten Börsengang der drittgrößten US-Handelsplattform BATS Exchange im März 2012, haben Börsenorganisationen den Handel jeweils ausgesetzt. Für den Einbau solcher Stoppregeln der Informationsverarbeitung nutzen Börsenorganisationen wie HFT einsetzende Finanzorganisationen selbst wiederum auch Algorithmen, sogenannte circuit-breaker. Das heißt, sie reagieren auf Handelsstörungen wiederum mit Störungen. Der flash crash veranlasste beispielsweise die Securities and Exchange Commission (SEC) zu einer Verschärfung ihrer circuit-breaker -Regeln, wonach Kurseinbrüche von über 10 Prozent den Handel mit dem entsprechenden Titel automatisch unterbrechen. Während dieser minütigen Volatilitätsunterbrechungen haben die Marktteilnehmer Gelegenheit, ihre Orderbücher auf Fehler zu untersuchen. Bei wiederholten Unterbrechungen versucht die Börse, den Auslöser zu identifizieren (vgl. FAZ 2012). Risikosoziologisch gesprochen machte die SEC jüngst gegenüber der Finanzfirma Knight Capital (die selbst HFT-Software anbietet und die wie ein Großteil ihrer Kunden und Mitglieder am 1. August 2012 an der NYSE von der unkontrollierten Orderausführung eines ihrer Handelsprogramme betroffen war) deutlich, dass alle Marktteilnehmer derartige Störungen nicht als externe Gefahr, sondern als eigenes Entscheidungsrisiko (Luhmann 1991) zu behandeln hätten: By refusing to cancel the vast majority of Knight's erroneous trades, the SEC sent a powerful message to everyone involved: You will be financially accountable for the errors your systems make (Walsky/Moeller 2012). 26 Der Einsatz von HFT sowie der Umgang mit seinen Folgen stellt damit eine Form von Risikotransformation (Krücken 1997) dar, wie sie charakteristisch für die Erwartungsbildung und die daran orientierten Zahlungsentscheidungen auf modernen Finanzmärkten ist (Nollmann 1997; Schwarting 2010, 2011b). Bei diesem riskanten Wettlauf um die schnellsten Zahlungsentscheidungen sei kein absoluter Gewinner auszumachen. Neben den hier vorgestellten organisationssoziologischen Unterschieden lasse sich der Einsatz von HFT aufgrund seiner hohen Eintrittskosten mit der Einführung einer Art technologischer Eintrittsbarriere bzw. eines gatekeeper (Lewin 1943) bezeichnen. Nobody s making extra money because of them: they re a net expense... All they ve done is impose a gigantic tax on the industry and catalyse a new arms race. The chief economic characteristic of an arms race is that all the participants have to spend more money, and none of them ends up any better off because of it (MacKenzie 2014: 30). MacKenzie beendet seinen jüngsten Aufsatz denn auch mit einem Vorschlag zu einer regulierten Form der Entschleunigung. The Securities and Exchange Commission (SEC) [...] should rule that matching engines couldn t search for matches all the time, but only every hundred milliseconds. That would turn what is in effect a continuous auction conducted by the matching engines into a series of what economists call batch auctions (MacKenzie 2014: 30). 6. Fazit und Ausblick Was bedeutet es zusammengefasst, wenn der Einsatz von HFT als konditionalprogrammierte Form der Herstellung und Darstellung 27 von Zahlungsentscheidungen an Computerbörsen eine weitere Differenzierung sowie zugleich auch feste Kopplung mit den Grenzstellen der Orderausführung und Nachrichtengenerierung ermöglicht? 26 Bei einer übermäßigen Inanspruchnahme der Handelssysteme durch häufiges Einstellen, Ändern oder Löschen von Aufträgen sollen an der Deutschen Börse beispielsweise in Zukunft besondere Kosten anfallen. Auch das Verhältnis von Orderanfragen und tatsächlichen Handelsabschlüssen ist der Teil derzeitiger Regulierungsbemühungen (vgl. FAZ 2013b). 27 Japp/Kusche (2004) veranschaulichen die Differenz zwischen Herstellung und Darstellung am Beispiel politischer Kommunikation.

20 Universität Bielefeld Fakultät für Soziologie Arbeitsbereich: Organisationen 20 Auch wenn hier keine konkreten empirischen Nachweise geliefert werden konnten, so hat die organisationssoziologische Spezifizierung der Strukturbedingungen von HFT versucht aufzuzeigen, dass die unsicheren Erwartungsgrenzen zwischen programmierten und programmierenden Zahlungsentscheidungen nicht aufgelöst, sondern stärker ausdifferenziert werden. Über jede Entscheidungsautomation von Zahlungsentscheidungen muss in den jeweiligen Finanzorganisationen entschieden werden, und gerade in dieser organisatorischen Entscheidungsautonomie liegt der Vorteil des Einsatzes von HFT. Angesichts zunehmender sachlicher (z.b. Markt- und Produktdiversifizierung), sozialer (z.b. wechselnde Marktakteure, kürzere Kommunikationswege) und zeitlicher Unsicherheiten (z.b. Einsatz neuester Datenverarbeitungs- und Verbreitungstechnologien), erlaubt die algorithmische Ordererzeugung in Finanzorganisationen Zahlungsentscheidungen noch stärker zu entpersonalisieren, elastisch zu formalisieren sowie höchstmöglich zu beschleunigen. HFT trägt damit der hohen Komplexität von Preisänderungen an Computerbörsen in besonders umweltsensibler Weise Rechnung. Denn mit dem Einsatz von HFT bedient sich der Eigenhandel zur Auslösung von Zahlungsentscheidungen der gleichen Entscheidungsprämissen-Form wie seine organisatorischen Umwelten. HFT einsetzende Finanzorganisationen können damit die Unsicherheit, der sie sich selbst durch die permanente Echt-Zeit- Beobachtung rasanter und kleinster Zeit- und Preisdifferenzen ausgesetzt haben, auf einem vergleichbaren Selektivitätsniveau, sprich algorithmisch, verarbeiten wie dies für die nachgelagerte Orderausführung seitens der elektronischen broker-systeme und die Nachrichtengenerierung seitens entsprechender Datendienstleister möglich ist. Die Herstellung wie Darstellung von Zahlungsentscheidungen an Computerbörsen wird damit an das Tempo der sie orientierenden Preisänderungserwartungen angepasst. Die Entscheidungsautonomie über die Schematisierung der Zahlungen trägt für die Stelleninhaber in Finanzorganisationen zu einer enormen Entlastung von Aufmerksamkeit, Informationsverarbeitung und Verantwortlichkeit bei. Entscheidungsrisiken werden damit nicht einfach beseitigt, sondern zugleich erzeugt und auf andere (Sub-)Systemebenen und (Grenz-)Stellen neu verteilt. Unsicherheit wird in diesem Sinne als Entscheidungsressource und Entscheidungsfolge zugleich kapitalisiert vermutlich nirgendwo anders so schnell wie durch die organisatorisch gekoppelte Algorithmisierung von Zahlungsentscheidungen bedingender Nachrichtengenese, Ordererzeugung und Orderausführung. Die Grenzen dieses Beitrags liegen in seiner analytisch fokussierten Organisationsperspektive auf die Spezifizierung und Verortung der Strukturbedingungen des Einsatzes von HFT. Seine Chance ist das Aufzeigen einer organisationssoziologischen Forschungsrichtung sowie die Anregung zu empirischen Untersuchungen über die Entscheidungsstrukturen an elektronischen Finanz-Handelsplattformen. Die gewonnenen Einsichten über eine autonome Automation von Zahlungsentscheidungen werden sich dann als weiterführend erweisen, wenn sie innerhalb der Wirtschafts- und Finanzsoziologie zu differenzierteren und spezifischeren Beschreibungen den Einsatz von HFT anregen. Abschließend sollen drei Forschungsperspektiven aufgezeigt werden, die in organisationssoziologische Betrachtung über den Einsatz von HFT integriert werden können. Empirisch eng an diesen Beitrag anschließbare Fragen sind insbesondere solche, die vertiefende Grenzprobleme innerhalb des Versuchs, HFT inter- und intraorganisatorisch zu untersuchen, aufgreifen. Konkret wären dies beispielsweise Unterschiede zwischen verschiedenen Börsenorganisationen, die Hybridisierung von Mensch-Maschine-Kommunikationen an elektronischen Handelsplätzen, organisationsspezifische Materialitäten beim Einsatz von HFT oder die Identifizierung von Akzeptanzbedingungen seitens der Börsenorganisationen und Marktteilnehmer bei der Einführung von HFT.

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