Psychisch erkrankte Beschäftigte im Betrieb erkennen und Führungsverantwortung zeigen

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1 4. iga.expertendialog Psychisch erkrankte Beschäftigte im Betrieb erkennen und Führungsverantwortung zeigen Zusammenfassung

2 Psychische Erkrankungen sind über lange Zeit ein Tabuthema gewesen. Seit einigen Jahren sind die Aufmerksamkeit und die Bereitschaft aber stark gestiegen, sich mit solchen Erkrankungen gerade auch im Arbeitskontext auseinanderzusetzen. Ein wesentlicher Grund dafür dürften wissenschaftliche Erkenntnisse sein, aus denen deutlich wird, dass das psychische Wohlbefinden von arbeitstätigen Menschen auch durch Merkmale der Arbeitstätigkeit beeinflusst wird. Hier kommt gerade Führungskräften eine bedeutsame Rolle zu. Zum einen sind sie gefragt, in enger Abstimmung mit ihren Mitarbeitern arbeitsbedingte Risikofaktoren für die Entstehung psychischer Erkrankungen möglichst zu minimieren. Andererseits sollten sie Hinweise auf psychische Erkrankungen bei Mitarbeitern erkennen und sie gegebenenfalls dabei unterstützen, Wege aus einer solchen Erkrankung zu finden. Dabei soll die Führungskraft kein Expertenwissen akquirieren, sondern nur wesentliche Ansatzpunkte kennen, wie auf solche Situationen reagiert werden kann. iga hat zu diesem Thema zwei Experten des Centrums für Disease Management an der Technischen Universität München eingeladen. Dr. Werner Kissling und Dr. Rosmarie Mendel gaben ihre umfangreichen Erfahrungen aus ihren Schulungen von Führungskräften zum Thema psychische Erkrankungen weiter und diskutierten mit den anwesenden Experten der Unfall- und Krankenversicherung, wie das Thema in den Unternehmen möglichst weitreichend vermittelt werden kann. Häufigkeit psychischer Erkrankungen Wissenschaftliche Befunde zeigen, dass jeder dritte Berufstätige mindestens einmal im Leben von einer psychischen Erkrankung betroffen ist. Neuere Studien belegen außerdem, dass diese Erkrankungsformen auch für das Fehlzeitengeschehen eine sehr bedeutsame Rolle spielen. Der Anteil an Fehltagen, der auf psychische Erkrankungen entfällt, ist über das letzte Jahrzehnt um 80 Prozent gestiegen. Liegt eine psychische Erkrankung vor, fällt ein betroffener Arbeitnehmer im Durchschnitt für 33 Tage im Jahr aus. Diese Zahlen sind nicht nur auf einen realen Anstieg, sondern auch auf verbesserte Diagnoseinstrumente, die zunehmende Enttabuisierung des Themas und die abnehmende Bedeutung körperlich stark belastender Arbeitstätigkeiten zurückzuführen. Sie liefern einen deutlichen Hinweis darauf, dass psychische Erkrankungen in Unternehmen eine bedeutsame Rolle spielen und im betrieblichen Alltag nicht vernachlässigt werden sollten.

3 Relevante psychische Erkrankungsbilder Die folgenden Erkrankungen sind für die Unternehmen besonders relevant, weil sie entweder häufig auftreten oder zu so starken Beeinträchtigungen führen, dass die Sicherheit der betroffenen Arbeitnehmer gefährdet sein kann (z. B. bei der Arbeit an Maschinen). Darüber hinaus kann dies auch die Sicherheit der Kollegen am Arbeitsplatz beeinflussen. Depression und Manie Burnout (nicht offiziell als Erkrankung klassifiziert) Angsterkrankungen Alkoholabhängigkeit Posttraumatische Belastungsstörungen Essstörungen Schizophrenie Einzelne Symptome dieser Erkrankungen können der Präsentation des Centrums für Disease Management entnommen werden. Die Ursachen für diese Erkrankungen können vielfältig sein. Genetische Veranlagung, traumatische Erlebnisse sowie private oder arbeitsbedingte Belastungen beeinflussen das Risiko einer Person, eine psychische Erkrankung auszubilden. Diese einzelnen möglichen Ursachen beeinflussen sich häufig gegenseitig, können dabei aber von unterschiedlicher Bedeutung sein. Bisher gibt es kaum Erkenntnisse dazu, wie häufig dem Aspekt Arbeit eine zentrale Rolle als Erkrankungsursache zukommt. Eine Befragung bei Psychiatern und Psychotherapeuten ergab, dass schätzungsweise 25 Prozent aller psychischen Erkrankungen vor allem auf Faktoren oder Erlebnisse bei der Arbeit zurückzuführen sind. Es sind aber weitere wissenschaftliche Studien nötig, um tatsächlich belastbare Zahlen zu gewinnen. Unabhängig von diesen Zahlen wurde in der Veranstaltung aber deutlich, dass psychische Erkrankungen nicht abgehoben vom Arbeitskontext diskutiert werden können. Wie können Unternehmen präventiv tätig werden? Bei der Prävention psychischer Erkrankungen können Unternehmen eine wichtige Funktion einnehmen und sollten die Möglichkeiten im Interesse ihrer Mitarbeiter auch nutzen. Soll psychischen Erkrankungen vorgebeugt werden, ist es wichtig, im Unternehmen die Belastungen zu identifizieren, die ein Risiko für die psychische Gesundheit darstellen. Gesundheitsberichte, die bei den Krankenkassen angefordert werden können, Mitarbeiterbefragungen, die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen sowie auch die betriebsmedizinische Begutachtung können hier Hinweise liefern. Wurden relevante Belastungen zusammengetragen, müssen Maßnahmen abgeleitet werden, wie diese Belastungen reduziert werden können.

4 Hinweise auf psychische Erkrankungen bei Mitarbeitern Keine der aufgeführten psychischen Erkrankungen verläuft zwingend chronisch. Deshalb ist es sehr wichtig, dass betroffene Mitarbeiter möglichst schnell Hilfe erhalten. Weisen Mitarbeiter erste Anzeichen einer psychischen Erkrankung auf, sollten Führungskräfte daher möglichst schnell reagieren. Dabei müssen sie nicht in der Lage sein, einzelne psychische Erkrankungen genau zu diagnostizieren. Vielmehr sollten sie Hinweise erkennen und wissen, an welche Experten sie betroffene Mitarbeiter verweisen können. Es hat sich dabei als hilfreich erwiesen, wenn Firmen über eine Sammlung relevanter Ansprechpartner verfügen, die sie dem Mitarbeiter an die Hand geben können. Einzelne Unternehmen haben auch Vereinbarungen mit lokalen Therapieeinrichtungen oder einzelnen Therapeuten getroffen, die den Betroffenen zeitnah Hilfe anbieten können. Zunehmend spielen für die Betreuung auch extern angebotene "Employee Assistance Programme (EAP)" eine Rolle. Die Anbieter solcher Programme unterstützen betroffene Mitarbeiter bei ihrer Suche nach einer adäquaten Behandlung. Diese Programme sollten aber nicht dazu führen, dass die psychische Belastungssituation im Unternehmen kein Thema mehr ist bzw. lediglich abgegeben wird. Für Führungskräfte ist es häufig sehr schwierig, den Verdacht auf eine psychische Erkrankung gegenüber einem Mitarbeiter anzusprechen. Es wird empfohlen, bei einem solchen Gespräch nicht über die mögliche Erkrankung zu sprechen, sondern vor allem Veränderungen in der Arbeitsleistung zu thematisieren. Die meisten psychischen Erkrankungen gehen mit einer verminderten Arbeitsleistung einher. Nur Manie und Burnout sind zumindest zeitweise mit einer Steigerung der Arbeitsleistung verbunden, die aber langfristig nicht aufrechterhalten werden kann. Darum sollte auch ein stark erhöhtes Arbeitsengagement von Führungskräften hinterfragt werden. Weitere Hinweise können Konzentrationsschwierigkeiten, eine plötzliche Distanzierung von Kollegen oder auch Gereiztheit sein. Im Gespräch sollte mit dem betroffenen Mitarbeiter vereinbart werden, wie mit diesen Veränderungen umgegangen werden kann. Die Führungskraft sollte dabei deutlich machen, dass sie vom Mitarbeiter auch eigene Anstrengungen einfordert.

5 Möglichkeiten der Therapie Viele psychische Erkrankungen gelten heute als gut therapierbar. Dabei können medikamentöse Ansätze ebenso erfolgreich sein wie Psychotherapie oder auch sonstige Therapien (Lichttherapie, Schlafentzug, Psychoedukation). Als problematisch erweist sich aber, dass nach wissenschaftlichen Studien nur 25 Prozent aller Betroffenen eine Behandlung erhalten und häufig auch lange auf den Beginn warten müssen. Eine Kooperation von Unternehmen mit lokalen Dienstleistern kann solche Wartezeiten verkürzen und ermöglicht es den betroffenen Mitarbeitern bei erfolgreichem Therapieverlauf relativ schnell wieder an den Arbeitsplatz zurückzukehren. Aus Sicht der Experten wird das Thema Arbeit bisher zu wenig in den jeweiligen Therapiekonzepten mit den Erkrankten thematisiert und bearbeitet. Auch hier gibt es noch Verbesserungsbedarf. Wiedereingliederung psychisch erkrankter Mitarbeiter Fallen Mitarbeiter wegen Krankheit für mehr als sechs Wochen aus, ist jedes Unternehmen verpflichtet, ein Wiedereingliederungsprogramm aufzulegen. Das gilt auch bei psychischen Erkrankungen. Häufig erfolgt eine solche Wiedereingliederung aber ohne eine ausreichende Abstimmung mit dem Betroffenen oder seinem behandelnden Arzt bzw. Therapeuten und berücksichtigt nicht die individuellen Bedürfnisse des Mitarbeiters. Dadurch steigt das Risiko für einen erneuten Ausfall. Führungskräfte sollten in ihrem Unternehmen daher ein Vorgehen zur Wiedereingliederung erarbeiten. Von zentraler Bedeutung ist es dabei, dem Mitarbeiter zu signalisieren, dass man sich freut, dass er wieder bei der Arbeit ist und regelmäßig in Kontakt mit ihm zu treten, um die Fortschritte bei der Eingliederung zu prüfen. Die Dauer einer solchen Maßnahme liegt im Mittel bei zwei bis drei Monaten, sollte aber ebenfalls individuell abgestimmt werden. Die individuellen Bedürfnisse bei der Wiedereingliederung wurden den Teilnehmern des Expertendialogs durch ein Gedankenexperiment vor Augen geführt. Dabei sollten sie überlegen, welche Veränderungen an einem Arbeitsplatz ihnen günstig erscheinen würden, wenn sie von Konzentrationsproblemen betroffen wären. Während einige Teilnehmer eine Arbeitszeitverkürzung oder -flexibilisierung für die wichtigste Maßnahme hielten, meinten andere, dass vor allem die Aufgabeninhalte angepasst werden sollten.

6 Führungskräfte dürfen die eigene Gesundheit nicht vernachlässigen Häufig stellen Führungskräfte an sich selbst sehr hohe Ansprüche, die sie nur unter großem persönlichem Einsatz erfüllen können. Dadurch können sie selbst gefährdet sein, psychisch zu erkranken. Eine aktive Auseinandersetzung mit dem Thema psychische Erkrankungen im Unternehmen sollte deshalb auch eine intensive Selbstreflexion der Führungskräfte umfassen. Diese kann, muss aber nicht im Kreis mit anderen Führungskräften oder Mitarbeitern erfolgen. Die Experten vom Centrum für Disease Management wiesen aber darauf hin, dass sich viele Führungskräfte mit einer solchen Selbstreflexion schwer tun und entsprechende Veranstaltungen eher selten besuchen. Es hat sich deshalb als günstiger erwiesen, das Thema in eine generelle Betrachtung zum Umgang mit psychischer Erkrankung im Unternehmen einzustreuen. Angebote für Unternehmen In einem ersten von zwei Workshops bei der Veranstaltung fanden sich die Experten der Kranken- und Unfallversicherungsträger in kleinen Gruppen zusammen, um bestehende Angebote zu diskutieren, auf die Unternehmen bereits zurückgreifen können, wenn sie Risikofaktoren für psychische Erkrankungen reduzieren oder Hinweise zum Umgang mit psychischen Erkrankungen gewinnen wollen. Hier eine Auswahl der Aktivitäten von Krankenkassen und Unfallversicherungsträger im Themenfeld: Information und Sensibilisierung (Broschüren, Internet, Video, Vorträge, Seminare etc.), Handlungshilfen und Leitfäden (z.b. für Betriebsärzte) Erfassen und Einschätzung psychischer Belastungen (über Mitarbeiterbefragungen, Gesundheitszirkel, Workshops, etwa mit Führungskräften, Interviews etc.) Beratung (bspw. auf Anfrage, per Telefon, vor Ort im Betrieb, bereits präventiv bei Konflikten im Team, aber auch zu spezifischen Themen wie Burnout, zum Betrieblichen Eingliederungsmanagement, Notfallpsychologie o.ä.) Coaching (per Telefon und vor Ort) Organisationsentwicklung (z.b. Führungskräftetrainings, Seminare, Gesundheitszirkel) Gesundheitsförderungsangebote (Kurse, Stressmanagement, Kommunikation) Qualifizierung von Ansprechpartnern bei den Krankenkassen und Unfallversicherungsträgern und in den Betrieben (Seminare) Vernetzung und Vermittlung von Ansprechpartnern (auch externen) oder Referenten Normungsarbeit

7 Es zeigte sich, dass sowohl die Kranken- wie auch die Unfallversicherungsträger vielfältige Schulungsmaßnahmen für betriebliche Vertreter anbieten. Diese beinhalten Ansätze zur Belastungsanalyse, zum Umgang mit Stress oder zu konkreten Symptombildern, vor allem zu Burnout oder zur posttraumatischen Belastungsstörung. Darüber hinaus können Informationsmaterialien und Veröffentlichungen in Fachmagazinen zum Arbeits- bzw. Gesundheitsschutz und auch individuelle Beratungen durch die Experten der Träger angefordert werden. Auch im Internet stehen zunehmend Informationen zum Thema zur Verfügung. Dazu gehören Tools zur Erhebung der psychischen Belastungen und Ressourcen oder auch ein Online-Coach zum Thema Burnout. Vertreter der Unfallversicherungsträger sind außerdem an der Beratung zur Überarbeitung der Norm zur psychischen Belastung und Beanspruchung (DIN EN ISO 10075) beteiligt. Unter anderem soll dort die Darstellung zum Belastungs-Beanspruchungsmodell um neue wissenschaftliche Erkenntnisse ergänzt werden und die Gestaltungsgrundsätze an neue Begrifflichkeiten angepasst werden. In einem zweiten Workshop wurden dann Möglichkeiten diskutiert, wie die Angebote zum Thema psychische Erkrankungen für die Unternehmen weiter verbessert werden können. Ein wichtiger Punkt war dabei der Wunsch, dass vorhandene Maßnahmen stärker bezüglich ihrer Wirksamkeit bewertet werden sollten. Vor diesem Hintergrund wurde nicht zuletzt auch über Kriterien diskutiert, die Unternehmen bei der Auswahl externer Beratungsanbieter unterstützen können. Mögliche Qualitätskriterien für Employee Assistance Programme (EAP) sind: Expertise, Referenzen des EAP-Anbieters Qualifikation der Berater (Ausbildungsstand; liegen eigene Erfahrung mit psychisch Kranken vor) Umfang des Angebotes, Methodenrepertoire in der Beratung bundesweites versus lokales Angebot Erreichbarkeit der Berater Berücksichtigung der Arbeitsproblematiken und -einflüsse in die Beratung Evaluation/Qualitätssiegel Zusammenarbeit zwischen Auftraggeber und EAP-Anbieter

8 Weiterhin wurde angeregt, den Umgang mit psychisch erkrankten Mitarbeitern als einen Teil des Betrieblichen Gesundheitsmanagements aufzufassen und dort stärker zu integrieren. Letztlich sollten psychische Erkrankungen aber nicht nur eine Aufgabe der Führungskräfte sein. Auch andere betriebliche Akteure wie Betriebsärzte, Sicherheitsfachkräfte, Arbeitskreis Gesundheit oder der Betriebsrat können wichtige Impulse liefern und die Situation für psychisch erkrankte Mitarbeiter verbessern.

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