Interkulturelles Mentoring-Programm der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) Berlin. Isolde Drosch. 1. Einführung

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1 Interkulturelles Mentoring-Programm der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) Berlin Isolde Drosch 1. Einführung Studierende mit Migrationshintergrund sind qualifiziert und leistungsbereit. Sie haben interkulturelle Kompetenzen und beherrschen meist mehrere Sprachen. Dennoch zeigen Statistiken und Studien, dass diese Studierendengruppe trotz dieser großen Ressourcen, die jedoch bislang nicht ausreichend wahrgenommen wurden, bei gleicher Qualifizierung nach wie vor schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt hat und in der beruflichen Ein- und Aufstiegsphase oftmals mit zahlreichen Barrieren konfrontiert ist. Deshalb hat das Interkulturelle Mentoring-Programm der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) Berlin, das im April 2008 mit seinem ersten Durchgang startete, zum Ziel, Studierende mit Migrationshintergrund bei ihrer beruflichen und persönlichen Weiterentwicklung zu fördern und gleichzeitig einen Beitrag zur Integrationsdebatte zu leisten. Gesellschaftliche Integration setzt eine wechselseitige Anerkennung und Toleranz zwischen den unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen voraus. Kulturelle Unterschiede müssen nicht immer gravierend sein, auch Kleinigkeiten können zu Missverständnissen oder Verstimmungen führen. Kontakte, positive Leitbilder und direkte Förderung durch Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft bieten effiziente Möglichkeiten, den eigenen beruflichen und persönlichen Erfolg bereits im Studium vorzubereiten und zur kulturell-emotionalen Integration beizutragen. Mentoring gewinnt als Instrument der Personalentwicklung und zur Nachwuchsförderung auch in Deutschland immer mehr an Bedeutung. Aber was ist Mentoring und wie wird das Interkulturelle Mentoring-Konzept an der HWR Berlin umgesetzt? 1

2 2. Das Mentoring-Konzept Mentoring ist das Transfermanagement informeller Wissensbestände, bei dem eine zeitlich begrenzte, professionelle Beziehung zwischen der/dem Mentee und einer/einem Mentorin/Mentor initiiert wird. Eine berufserfahrene Person (Mentor/in) begleitet und fördert eine weniger berufserfahrene Person (Mentee) in ihrer individuellen Karriereplanung und persönlichen Weiterentwicklung. Die Mentor/innen nutzen ihre persönlichen und fachlichen Kompetenzen, um die Mentees zu beraten und sie in ihrer individuellen Weiterentwicklung zu unterstützen. Das regelmäßige gemeinsame Gespräch birgt für die Mentees die Chance, Veränderungen, realistische Ziele und die Wege dorthin mit einer erfahrenen Partner/in zu diskutieren. Hier können sich Perspektiven eröffnen, die für einen jungen Menschen allein nicht so leicht erkennbar wären. Hierbei sollte keine Abhängigkeit durch ein Dienst- bzw. Arbeitsverhältnis zwischen der/dem Mentee und der Mentorin/dem Mentor bestehen. Dieses strukturell hierarchiefreie Verhältnis begünstigt die wechselseitige Wertschätzung. Beide können voneinander lernen und gewinnen. In Abgrenzung zum Coaching, welches als einseitige bezahlte Beratungsdienstleistung wirkt, ist Mentoring eine Austauschbeziehung zwischen Mentor/in und Mentee (Tandem). Das Interkulturelle Mentoring-Programm der HWR Berlin hat zusätzlich zu den klassischen Mentoring-Zielen wie persönliche und berufliche Weiterentwicklung eine gleichberechtigte zweite Säule: Den interkulturellen Austausch, die gegenseitige Sensibilisierung für kulturspezifische Unterschiede sowie einen Beitrag der Hochschule zur kulturell-emotionalen Integration und Integrationsdebatte Die erfolgreiche Mentoring-Beziehung In der Mentoring-Beziehung sollte der Aufbau gegenseitigen Vertrauens im Vordergrund stehen. Hierfür sind Voraussetzung: Offenheit und Vertraulichkeit Gegenseitiger Respekt, Anerkennung und Wohlwollen Solidarität keine Über-/Unterordnung 2

3 Freiwilligkeit, Verbindlichkeit und Regelmäßigkeit Matching bedeutet: Das Zusammenstellen eines passenden Tandems. Die Koordinationsstelle führt zu diesem Zweck vorab Einzelgespräche mit den Mentoren/innen und Mentees. Nach dem Matching erfolgt ein Erstgespräch des potenziellen Tandems, um sich gegenseitig kennen zu lernen. Beim ersten Treffen werden der mögliche inhaltliche und zeitliche Rahmen der Kooperation besprochen. Wenn sich beide Seiten für eine Zusammenarbeit entscheiden, trifft das Tandem eine Vereinbarung für die Gestaltung der Tandembeziehung, in der u.a. die Ziele und Themen der/des Mentee, die regelmäßigen Termine sowie die Vertraulichkeitsregeln fest gehalten werden. Die Programmkoordinatorin gibt in diesem Prozess Unterstützungshilfe. Die Zielerreichungsverantwortung liegt jedoch bei den Mentees. Die Zusammenarbeit sollte grundsätzlich als Lernfeld angesehen werden, das über fachliche Themen hinausgeht. Die von der Koordinationsstelle begleitete Mentoring-Beziehung dauert offiziell zwölf Monate. Ob ein Tandem danach auf einer informellen Ebene weitergeführt wird, hängt von der persönlichen Vereinbarung ab. Es wird empfohlen, sich einmal im Monat persönlich zu treffen. Grundsätzlich ist es aber jedem Tandem überlassen, wie es die Kooperation gestaltet. Damit diese Treffen ertragreich sind und die gemeinsame Zeit effizient genutzt werden kann, sollten sie vorbereitet werden. Diese Aufgabe fällt in erster Linie der/dem Mentee zu: Was möchte ich konkret fragen? Welche Themen sollen besprochen werden? Diese Leitfragen helfen, die Inhalte der Gespräche festzulegen. Die Koordinatorin unterstützt die Mentees hierbei. Diese Aufgabenverteilung soll zudem die Arbeitsbelastung der Mentor/innen möglichst gering halten. Es könnte auch sinnvoll sein, vorab eine Tagesordnung per Fax oder zu übermitteln, damit beide Seiten die Möglichkeit haben, sich entsprechend auf die anstehenden Themen vorzubereiten. Grundsätzlich bietet die Mentoring-Beziehung einen vertrauensvollen Raum, in dem auch experimentiert werden kann. Zwei Partner/innen mit klaren Rollen, die beide profitieren. In diesem Prozess ist vieles möglich - ohne negative Konsequenzen. Mögliche Inhalte der Kooperation sind: Austausch zu interkulturellen Aspekten Migrationsspezifische Fragestellungen Austausch über kulturelle Unterschiede bzw. Differenzen 3

4 Unterstützung bei der beruflichen Zielfindung und beim Entdecken eigener Stärken Erfahrungsaustausch Beratung zum Studienverlauf Unterstützung bei Entscheidungsfindungsprozessen Gemeinsame strategische Planung von Karriereschritten und Berufszielen Tipps zum Berufseinstieg Begleitung zu Veranstaltungen Kennen lernen von Berufsfeldern 2.2. Chancen durch Mentoring Das Programm bietet Mentoren/innen die Möglichkeit sich bürgerschaftlich zu engagieren und an einem innovativen Modell der Integrationspolitik mitzuwirken. Gleichzeitig können die Mentor/innen ihre eigenen interkulturellen Kompetenzen weiterentwickeln, differenzierte Kenntnis migrationspezifischer Fragestellungen und Probleme erlangen und Einblicke in aktuelle Forschungsergebnisse auf diesem Gebiet gewinnen. Durch die Förderung des Potenzials der Studierenden mit Migrationshintergrund leisten die Mentor/innen einen Beitrag zu deren kulturell-emotionaler Integration und erhalten gleichzeitig Informationen über Studierende mit Migrationshintergrund, die ihrer eigenen Einstellungsbildung förderlich sein können. Den Mentees bietet sich im Gegenzug die Chance, durch berufserfahrene Mentor/innen aus der Wirtschaft bei der Karriereplanung und beim Erreichen ihrer persönlichen Ziele unterstützt und bei fachlichen und persönlichen Fragestellungen individuell beraten zu werden. Dabei lernen die Mentees nicht nur Verhaltensweisen und Regeln in Unternehmen kennen, die ihnen dabei helfen, Kontakte herzustellen und Netzwerke zu entwickeln, sondern sie erfahren ggf. kulturelle Gemeinsamkeiten oder Unterschiede, die ihnen aus ihrem bisherigen Umfeld noch nicht bekannt waren. Die erfahrenen Mentor/innen helfen den Studierenden, ihre Potenziale und Fähigkeiten zu entdecken und weiter zu entwickeln und so ihr Selbstmarketing zu verbessern. Damit tragen sie zur Förderung des Selbstwertgefühls, der Anerkennung und der psychosozialen Entwicklung der Mentees bei. Schließlich wird durch die Erkenntnis, dass die Mehrheitsgesellschaft die Vielfalt unterschiedlicher Kulturen als Bereicherung ansieht, die kulturell-emotionale Integration der Mentees gefördert und der Grundstein für eine gegenseitige positive Wahrnehmung und Einstellung gelegt. 4

5 Innerhalb des Rahmenprogramms bietet das Programm zur weiteren Kompetenzvermittlung Seminare und Trainings für die Mentees wie Interkulturelles Training, Selbstpräsentation und Interkulturelles Konfliktmanagement sowie ein Einführungsseminar Meine Rolle als Mentor/in für die Mentoren an. Einmal jährlich findet eine Veranstaltung zu migrationsspezifischen Themen statt. Die Mentees veranstalten eigeninitiativ einen Stammtisch zum Netzwerken. Die HWR Berlin ist Mitglied des Forum Mentoring e.v., dem bundesweiten Dachverband von Mentoring-Programmen an Hochschulen und orientiert sich an dessen Qualitätskriterien und Standards, die auch die finanziellen, personellen und institutionellen Ressourcen berücksichtigen. 5

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