Interview mit dem Schriftsteller Klaus Kordon. zu seinem Buch Krokodil im Nacken

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1 Interview mit dem Schriftsteller Klaus Kordon zu seinem Buch Krokodil im Nacken In diesem Interview geht es um den bekannten Autor Klaus Kordon. Wir, Jule Hansen und Katharina Stender, haben vor seiner Lesung von Krokodil im Nacken an der GSB ein Interview mit ihm geführt. Katharina: Wie sind Sie zum Schreiben gekommen? Klaus Kordon : Man kann ja nicht einfach sagen ich will schreiben und dann geht einem ein Licht auf. Es ging los in der Schule. Ich war nicht das große Ass in Mathematik, Physik und Chemie können wir ganz vergessen, aber ich war der Aufsatzschreiber in der Klasse. Ich habe viel gelesen, und bei so einem konnte man schon vermuten, dass der vielleicht auch schreiben will. Ich habe dann als junger Bursche angefangen mit Gedichten für Freunde so mit Herz und Schmerz und Liebe und Trieb - Hauptsache es reimte sich. Die Gedichte wurden immer besser. Es wurde auch das eine oder andere in der Zeitung abgedruckt, aber so richtig schreiben, wie ich dachte, konnte ich nicht, weil ich damals ja in der DDR gelebt habe, in der das gedankenfreie Schreiben schwierig war.

2 Ich habe später Volkswirtschaft studiert und wurde Exportkaufmann, bin also viel in der Weltgeschichte herumgereist und habe dort das verkauft, was bei uns in Deutschland hergestellt wurde. Ich war in Jakarta, in Indonesien, dort habe ich einen Jungen kennen gelernt, einen 13jährigen Bettler, ganz lumpig angezogen, ganz schmutzig, ganz lange, verfilzte Haare, auf seinem Kopf saß ein Affe. Und wenn der Junge gebettelt hat, hat der Affe sein Pfötchen ausgestreckt. Der Junge hatte einen ganz besonderen Bettelspruch: no mama, no papa, no television. Also: keine Mutter, keinen Vater, keinen Fernseher. Das war ein besonderer Spruch, weil natürlich die meisten Bettler gesagt haben: Ich hab Hunger, bitte gebt mir was. Und man kann nicht jedem etwas geben, sonst wird man selbst arm. Aber dann kommt ein Junge mit einem solchen Spruch. Da muss man schmunzeln und gibt etwas. Ich habe diesen Jungen gefragt, wie er so lebt. Er erzählte mir von der kleinen Schwester, die an Unterernährung gestorben ist und von seinem großem Bruder, der aus Armut zum Verbrecher wurde. Da habe ich zum ersten Mal gedacht, das muss man aufschreiben. Und da reicht kein Gedicht oder eine Kurzgeschichte. Da musste mehr entstehen, eine Erzählung oder ein Roman. Das war mein allererstes Buch. Und beim Schreiben habe ich gemerkt, dass das in der Schule mit den Aufsätzen wohl doch kein Zufall war, dass ich immer noch gerne schreibe. Danach folgte noch eins und noch eins. Eines Tages habe ich gemerkt, dass das mein wahrer Beruf ist, dass das Schreiben doch das ist, was ich wirklich machen möchte. Ich gab meinen Beruf auf, das ist über 30 Jahre her und seitdem schreibe ich nur noch. Das ist eine lange Antwort auf eine so kurze Frage, aber das kann man nicht mit einem Satz beantworten. Katharina: Das ist ja sehr spannend, dass Ihnen so etwas passiert ist. Klaus Kordon: Ja, ich sage immer: Wenn mir das nicht passiert wäre, dann hätte ich etwas anderes erlebt, das mich zum Schreiben gebracht hätte. Wenn einer dazu

3 veranlagt ist, seinen Senf dazu zu geben, was in der Welt geschieht, dann macht er das irgendwann. Und wenn er schreiben möchte, dann macht er es irgendwie. Man muss nur einen Anstoß haben. Bei mir war der Junge der Anstoß dafür, etwas Längeres zu probieren und es hat geklappt. Katharina: Dichten Sie zu ihren Büchern irgendwas hinzu? Klaus Kordon: Natürlich. Ich schreibe ja Romane, keine Dokumentarberichte und selbst wenn ich über meine eigene Zeit schreibe, z.b was ich als 30jähriger erlebt habe, wie in Krokodil im Nacken, sind auch Erfindungen dabei. Immer so, dass es realistisch ist. Ich vergleiche es immer, und das ist ein hoher Vergleich, mit Thomas Mann. Wenn man einen Roman schreibt, muss man sich nicht sklavisch an die Wirklichkeit halten, die man selbst erlebt hat. Man muss Sachen weglassen, wenn es für den Leser nicht so interessant ist. Man muss kürzen, man muss manchmal Figuren verändern, damit bestimmte Personen nicht wiedererkannt werden. Sonst könnten diese verlangen, dass das Buch eingestampft wird, weil sie sich durch den Kakao gezogen" fühlen. Man hat eine gewisse Verantwortung dabei, möchte aber auch ein bisschen Freiraum haben und nicht jedes Mal gefragt werden: Warst du so mutig? oder Warst du so feige?.

4 Wenn ich ein Buch schreibe, welches über viele Jahre spielt, stimmen die Fakten zwar, aber die Menschen sind alle erfunden und das Haus, in dem sie wohnen und so weiter alles ist erfunden. Das macht ja auch den Spaß am Schreiben aus, dass man im Kopf Welten entstehen lässt, die man in Wirklichkeit gar nicht kennen gelernt hat. Katharina: Wie sind Sie auf die Titel ihrer Bücher gekommen? Klaus Kordon: Ja, das ist eine schwierige Sache. Oftmals habe ich einen Titel, den der Verlag sofort akzeptiert. Das Krokodil sollte von mir aus eigentlich Der Zug steht heißen, weil da einer ein Jahr im Gefängnis sitzt. Er berichtet, was er erlebt hat als Kind und als Jugendlicher und so weiter. Denn während er im Gefängnis saß, fährt der Zug ja nicht weiter, der Lebens-Zug steht und dieser Mann, der in diesem Zug sitzt, steht auf dem Gleis, guckt mal aus dem Fenster und wartet ungeduldig darauf, wann es weiter geht. Dem Verlag war der Titel zu langweilig. Das war natürlich schwierig, denn ich hatte 20 Jahre den Titel im Kopf. Schließlich habe ich beim letzten Überarbeiten immer aufgeschrieben was so ein bisschen nach Titel klingt Das waren so Ideen unter anderem auch Krokodil im Nacken. Ich war erst ein bisschen unsicher, weil das eher dramatisch klingt, aber inzwischen sehe ich es als eine Metapher für das schlechte Gewissen, das einer hat und dafür, was uns zu einer Tat treibt. Ich habe schon, bevor ich das Buch schreibe, den Titel im Kopf. Im Herbst gibt es ein neues Buch, das heißt Das Karussell, das hat der Verlag gleich akzeptiert. Katharina: Hat ihre Familie eigentlich ihre eigenen Bücher gelesen? Klaus Kordon: Sie mussten. Meine Tochter ist Buchhändlerin geworden und zeigt damit, dass ich es ihr nicht verdorben habe. Mein Sohn arbeitet mit behinderten

5 Kindern. Ich habe vier Enkelkinder und von denen lesen zwei, die anderen nicht. Bei denen hat sich das nicht weiter vererbt. Katharina: Sie schreiben über sehr ernste Themen. Wie fühlen Sie sich dabei? Klaus Kordon: Es ist ja so, wenn ich über den Krieg geschrieben habe. Der erste Frühling beispielsweise, das erzählt von Bombenangriffen und dem Elend. Trotzdem gibt es Stellen, an denen man lachen kann, weil die Menschen in solchen Situation einen Galgenhumor haben. Da gibt es z.b. eine Figur, den Dieter, er hat immer lustige Sprüche drauf, er kann über alles Sprüche machen. Der Leser weiß, wie ernst das alles ist, trotzdem lacht er, wenn er so einen ulkigen Spruch von ihm hört. Ich schreibe manchmal auch Bücher, die eher heiter sind, obwohl sie einen ernsten Hintergrund haben. Denn nur Unterhaltung, dass bringt mir keinen Spaß. Vor allem muss man ein Thema haben, welches man auch für sich aufarbeiten möchte und Zeiten, in denen etwas Ernstes passiert - im Krieg oder in der DDR-Zeit. Ich versuche das Leben an Stellen zu packen, wo es für die Figuren in meinen Büchern dramatisch wird. Der Schriftsteller Erich Kästner beispielsweise hat im 2. Weltkrieg in Berlin gelebt. Es war nachts, Bomben fielen auf die Stadt und er musste auch in den Schutzkeller fliehen. Als der Angriff vorbei war, steht er mit anderen Leuten vor der Tür eines lichterloh brennenden Hauses, alles drum herum ist kaputt. Und da berichtet Kästner von einem kleinen, dicken Berliner, der neben ihm steht und zu ihm sagt: Wenn die Amis das nächste Mal kommen, müssen sie selber Häuser mitbringen, wir haben nämlich keine mehr. In so einer Situation so ein Spruch... Ich verharmlose nichts, aber ich zeige auch, dass die Menschen fast immer die Kraft hatten, damit fertig zu werden. Das ist ganz wichtig. Gerade, wenn man so jung ist und sich die Hoffnung macht, dass man mit so einem Problem auch fertig werden kann. Vielen Dank für das Interview! Katharina Stender und Jule Hansen,

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