Die Goldenen Zwanziger

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1 McKinsey Deutschland Die Goldenen Zwanziger Wie Deutschland die Herausforderungen des nächsten Jahrzehnts meistern kann

2 Weltweit wird es in 1 Mrd. den nächsten Jahren zusätzlicher Konsumenten geben. Es gibt ein Szenario, in dem Irland, Portugal und Spanien mit den richtigen Hebeln % eine Schuldenquote von erreichen können. Um sich den EU-Zielen zu nähern, werden ab 2017 zusätzliche Investitionen von 140 Mrd. EUR p.a. über die aktuellen Prognosen hinaus in den Krisenländern benötigt. Das Haushaltsdefizit der Krisenländer ist von 2010 bis 2012 um 108 Mrd. EUR auf 152 Mrd. EUR gesenkt worden. Ein Pro-Kopf-Wachstum des deutschen BIP von 2,3% p.a. ist möglich. Industriekunden zahlen heute in Deutschland über 300% mehr für Gas als in den USA. Die Strompreise werden in Deutschland bis 2020 real um bis zu 34% ansteigen. Durch Energieeffizienzmaßnahmen sind Einsparungen von bis zu 53 Mrd. EUR p.a. möglich. Werden jetzt keine Gegenmaßnahmen ergriffen, geht das Erwerbspersonenpotenzial hierzulande bis 2025 um 4,2 Millionen zurück. Knapp 25% der Beschäftigten im öffentlichen Dienst scheiden altersbedingt in den nächsten zehn Jahren aus.

3 Die Goldenen Zwanziger Wie Deutschland die Herausforderungen des nächsten Jahrzehnts meistern kann

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5 Die Goldenen Zwanziger Wie Deutschland die Herausforderungen des nächsten Jahrzehnts meistern kann 5 Vorbemerkung Mit dieser Publikation möchten wir eine Faktenbasis anbieten für die Diskussion, wie sich Deutschland in den nächsten 15 Jahren weiterentwickeln kann. Schon bisher hat McKinsey & Company in verschiedenen Veröffentlichungen wie Deutschland 2020, Willkommen in der volatilen Welt und Future of the Euro analysiert, wie das makroökonomische Umfeld die deutsche Wirtschaft und die hiesigen Unternehmen beeinflusst. Hier knüpfen wir an. Die jüngsten gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen sowie zahlreiche Beobachtungen aus Klientenprojekten und -diskussionen verdeutlichen die zentralen Herausforderungen für Deutschland, für die Unternehmen und ihre Beschäftigten. Wie bereits der programmatische Titel Willkommen in der volatilen Welt unserer vorangegangenen Veröffentlichung signalisierte, sind wegen der immer enger verwobenen Märkte, der zahlreichen Schnittstellen zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft sowie der daraus resultierenden Entscheidungsunsicherheit heute stets mehr Szenarien realistisch als in früheren Analysen. Dennoch ist es nach unserer Einschätzung möglich und hilfreich, auf der Basis von Annahmen Optionen für die weitere Entwicklung zu analy sieren nicht zuletzt auch, weil die Politik in den vergangenen Jahren auf die wachsende Volatilität reagiert hat. Sie ist in weiten Teilen zu einem adaptiven und pragmatischen Stil gelangt, der die Fähigkeit zur Navigation und Intervention verbessert und gerade dadurch das Primat der Politik aufrechterhalten hat. Diese stabilisierende Wirkung ermöglicht es, den Lösungsraum möglicher Szenarien für die Analyse einzugrenzen. Auf dieser Basis entwerfen wir eine Perspektive für Deutschland mit einem Zeithorizont bis Mitte der 2020er Jahre. Mit dem Titel Die Goldenen Zwanziger spielen wir an auf die 20er Jahre des letzten Jahrhunderts, die geprägt waren von einem politisch-gesellschaftlich wie auch wirtschaftlich fragilen Boom ab 1924: größtenteils eine Scheinkonjunktur, finanziert vorwiegend durch kurzfristige internationale Kredite, ein Zufluss, der nach dem Börsencrash im Oktober 1929 abrupt zum Stillstand kam. Die Weltwirtschaftskrise setzte diesen Goldenen Zwanzigern ein plötzliches Ende. Die 1920er sind nur in der Erinnerung golden. Uns geht es darum, die Bedingungen zu nennen, wie die 2020er zu einem nachhaltig erfolgreichen Jahrzehnt werden können. Wirt schaft und Gesellschaft in Deutschland befinden sich heute an einem kritischen Punkt, an dem es gilt, die richtigen Weichen zu stellen. Ziel ist, die positive Entwicklung fort zu setzen und tatsächliche Goldene Zwanziger Jahre zu erreichen mit einer nachhaltigen und wirtschaftlich robusten Entwicklung. Wir skizzieren Wege, wie Deutsch land als Teil Europas einige der aktuellen Herausforderungen meistern und neue Chancen nutzen kann. Dabei ist uns bewusst, dass die beschriebenen Trends und die vorgeschlagenen Lösungsansätze selbst in ihrer Summe nicht vollständig die Aufgaben beschreiben, vor denen Deutschland steht.

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7 Die Goldenen Zwanziger Wie Deutschland die Herausforderungen des nächsten Jahrzehnts meistern kann 7 Inhaltsverzeichnis Zusammenfassung Die Ausgangslage. Ein Stabilitätsanker vor neuen Herausforderungen Die Eurokrise. Der Weg in eine Transformations- statt Transferunion 25 Fortbestehende Strukturprobleme der Eurozone 25 Ein Stabilisierungs- und Wachstumsprogramm 29 Erreichbare Defizitziele für Krisenländer 33 Die Rolle der deutschen Wirtschaft und Politik Die Industriestruktur. Neues Wachstum in Deutschland auf erfolgreicher Basis 47 Starker Export, leistungsfähige Unternehmen, begehrte Produkte 47 Neue Konkurrenz 50 Produktivität und junge Wachstumsbranchen 53 Export als Motor der Entwicklung Die Energiewende. Optionen für mehr Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit 63 Energiepreise als Schlüsselfaktor für Industrien und Volkswirtschaften 63 Konsequenzen für die wichtigsten deutschen Exportbranchen 66 Eine austarierte Energiepolitik Die Fachkräftelücke. Reserven für zukünftiges Wachstum 77 Kein Ausgleich der Arbeitsmärkte in Europa 77 Überalterung und Lohnzuwächse 80 Sechs Hebel für mehr Fachkräfte Die Perspektive. Ein Ausblick auf Deutschland

8 8 Literaturverzeichnis 99 Datenbankenverzeichnis 103 Stichwortverzeichnis 104 Ansprechpartner 106 Autoren 107

9 Die Goldenen Zwanziger Wie Deutschland die Herausforderungen des nächsten Jahrzehnts meistern kann 9 Textboxverzeichnis Textbox 1: Exkurs die verlorene Dekade in Japan: ein mahnendes Beispiel 20 Textbox 2: Staatsverschuldung institutionelle und strukturelle Voraussetzungen für die Schuldensenkung schaffen 29 Textbox 3: Inflationseffekt eine bewusste Inflationierung birgt, ebenso wie eine Tolerierung höherer Inflation, erhebliche Risiken 31 Textbox 4: Schuldenschnitt führte für Griechenland vorwiegend zu einer Veränderung der Gläubigerstruktur; weitere Schuldenschnitte werden demnach für öffent liche Gläubiger erhebliche Konsequenzen haben 32 Textbox 5: Fiskalmultiplikatoren Effekte und Maßnahmen 37 Textbox 6: Wirtschaftsindikatoren welche Ziele sollten als Maßstab für die Erholung gelten? 40 Textbox 7: Leistungsbilanzungleichgewicht Probleme für Defizit- und Überschuss länder, aber auch eine Lösung für die alternde Gesellschaft 52 Textbox 8: Transformationserfahrung Lehren aus der deutschen Wiedervereinigung 94

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11 Die Goldenen Zwanziger Wie Deutschland die Herausforderungen des nächsten Jahrzehnts meistern kann 11 Zusammenfassung Seit 2005 hat sich die deutsche Wirtschaft mit Wachstumsraten oberhalb Gesamteuropas und auch der USA entwickelt. Vier Faktoren waren ausschlaggebend für diesen Erfolg: Erstens verfügt Deutschland über eine diversifizierte Wirtschaftsstruktur mit einem hohen Anteil an innovativen, international ausgerichteten und flexiblen Industrieunternehmen. Zweitens zog Deutschland Vorteile aus einem starken Wachstum in Schwellen ländern, deren Nachfrage die deutsche Industrie mit einem passenden Angebot befriedigen konnte. Drittens profitierte Deutschland von einem großen Angebot gut ausgebildeter Arbeitskräfte, einem flexibleren Arbeitsmarkt seit der Agenda 2010 und einer wirksamen Abfederung des Nachfrageeinbruchs in der Finanzkrise 2008 und Viertens erhielten deutsche Unternehmen zusätzlichen Rückenwind durch die exportunterstützende Bewertung des Euro. Die deutsche Wirtschaft wird auch künftig auf diesen Faktoren aufbauen können. Ihre starke Wettbewerbsposition ist jedoch zunehmend gefährdet. In gemeinsamer Arbeit mit unseren Klienten und in eigenen Analysen kristallisieren sich vier große Herausforderungen für Deutschlands wirtschaftliche Rolle in Europa heraus: Die Lösung der Eurokrise und die Konsolidierung der Staatshaushalte in der Eurozone Die Weiterentwicklung der deutschen Industriestruktur und des Exportmodells Die Umsetzung der Energiewende und die sich daraus ergebenden Chancen und Risiken Die Abmilderung des auf Grund des demografischen Wandels absehbaren Fachkräftemangels. Werden die anstehenden Aufgaben konsequent angegangen, ist ein kräftiges Wachstum möglich: Deutschland kann bis 2025 eine Zunahme des BIP pro Kopf um bis zu 2,3% p.a., bzw. des gesamten BIP von 2,1% p.a., erreichen. 1 Dieses ambitionierte, aber erreichbare Szenario setzt eine deutliche Steigerung der Exporte und ein Schließen der Fachkräftelücke voraus. Gleichzeitig basiert dieser Wachstumspfad auf der Annahme einer stabilen wirtschaftlichen und politischen Entwicklung ohne Krisen größeren Ausmaßes. Er stellt daher keine Prognose dar, sondern ist einer von vielen möglichen Entwicklungspfaden, den wir bei Ergreifen der im Folgenden beschriebenen Maßnahmen für möglich halten. 1 Der Unterschied zwischen Pro-Kopf- und Gesamtwachstumsraten beruht auf einem angenommenen Rückgang der Gesamtbevölkerung um ca. 3 Mio. Menschen bis 2025.

12 12 Die Eurokrise Die Mitgliedsstaaten der Währungsunion haben mit ihrem Krisenmanagement der vergangenen Jahre in erster Linie Zeit erkauft und durch die Sicherung der Liquidität akut bedrohter Banken und Staaten die Eurozone stabilisiert. Eine nachhaltige Lösung zu Grunde liegender Probleme kann jedoch nicht durch monetäre Maßnahmen erreicht werden, sondern nur durch eine starke Realwirtschaft. Für fast alle Krisenländer 2 ist auf Basis unserer Berechnungen eine (deutliche) Senkung der Staatsschulden auf ein Niveau nahe 90% des BIP bis 2017 möglich. Um den Abbau des Verschuldungsgrads durch eine starke Realwirtschaft zu erreichen, ist für die Eurozone ein umfassendes Stabilisierungs- und Wachstumsprogramm notwendig. Die Grundlage dazu haben die Krisenländer bereits gelegt: Die eingeleiteten Reformen zur Konsolidierung der Staatshaushalte zeigen erste Erfolge. Diese müssen fortgesetzt werden, um das Vertrauen der Bürger und der Kapitalmärkte dauerhaft zu sichern und somit Stabilität im Währungsraum zu gewährleisten. Hierfür stehen drei Hebel zur Verfügung: selektiv die staatlichen Ausgaben kürzen, die staatlichen Einnahmen vor allem durch eine effizientere Steuerverwaltung steigern und über den Verkauf staatlicher Vermögenswerte wie Unternehmensbeteiligungen einmalig mehr als 100 Mrd. EUR erlösen. Auf nationaler Ebene erfordert eine Wachstumsagenda die deutliche Steigerung produktiver Investitionen, weitere Reformen zur Flexibilisierung des Arbeitsmarkts und eine gezielte Förderung von Innovationen. Ein EU-Investitionsprogramm in der Größenordnung von 20 Mrd. EUR p.a. kann als Anschubfinanzierung zu einer Steigerung der privaten Investitionen beitragen. Um das Ziel von 140 Mrd. EUR p.a. an zusätz lichen Gesamt investitionen im Jahr 2017 in den Krisenländern zu erreichen, wird Deutschland in den Jahren 2013 bis 2017 den größten Anteil der Kosten des EU-Programms tragen müssen. Bei angenommenen 50 bis 60% Finanzierungsanteil wären dies bis zu 12 Mrd. EUR p.a. (3 bis 4% des aktuellen Bundeshaushalts). Die Eurozone kann sich so statt zu einer Transferunion zu einer dynamischen Transformationsunion entwickeln. Die Industriestruktur Die deutsche Wirtschaft profitierte in den vergangenen Jahren vom starken Exportwachs tum insbesondere in den Schlüsselindustrien Chemie, Automobil- und Maschinenbau. Sie ist weltoffen und intensiv in die internationalen Wertschöpfungsketten integriert nicht zuletzt, weil die deutschen Unternehmen vieles richtig gemacht haben: Kon zen tration auf Premium- und Hightechsegmente, Komplementarität des Angebots der deutschen Industrie zur Nachfrage aus den Schwellenländern, weltweite Präsenz und inter national wettbewerbsfähige Lohnkosten. 2 Im Folgenden sind damit vereinfachend die fünf Euroländer Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien gemeint.

13 Die Goldenen Zwanziger Wie Deutschland die Herausforderungen des nächsten Jahrzehnts meistern kann 13 Gleichzeitig steht dieses exportbasierte Wirtschaftsmodell vor Herausforderungen: Technologisch leistungsfähige Wettbewerber aus Schwellenländern dringen in Marktsegmente vor, in denen traditionell deutsche Unternehmen stark sind; ein zuletzt relativ geringes Produktivitätswachstum gefährdet die deutsche Wettbewerbsfähigkeit; durch die Alterung der Gesellschaft sinkt die Zahl der Erwerbstätigen und schließlich stellen die Ungleichgewichte der Leistungsbilanzen in der Eurozone das exportbasierte Wirtschaftsmodell in Frage. Deutschland kann trotz dieser Risiken seine Wettbewerbsfähigkeit ausbauen, wenn es sein Erfolgsmodell nachhaltig weiterentwickelt. Dafür ist es nötig, die Produktivität in den wichtigsten Industrien zu steigern und ihre Innovationskraft zu erhalten, zugleich aber die Industriestruktur hin zu neuen Wachstumssegmenten mit deutlich höherer Pro- Kopf-Wertschöpfung weiterzuentwickeln. Eine solche Veränderung im Branchenmix wird sich mittel- bis langfristig in höheren Wachstumsraten widerspiegeln. Insgesamt lassen sich nach unserer Modellrechnung die deutschen Exporte bis 2025 um mehr als 80% steigern. Die Maximierung der Ausfuhren ist kein Selbstzweck der Export kann aber durch die starke Integration in die Weltwirtschaft ein zentraler Wachstumsmotor für die deutsche Wirtschaft bleiben. Dazu trägt auch die weiter wachsende Nachfrage der Schwellenländer nach den deutschen Exportschlagern aus den Branchen Automobil, Maschinenbau sowie Chemie und Pharma bei (Importwachstum im verarbeitenden Gewerbe der BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China bis %, weltweit +110%). Obwohl die Exporte nach unserer Modellrechnung deutlich steigen, dürfte der deutsche Leistungsbilanzüberschuss von 6% auf ein Niveau von 2 bis 4% des BIP zurückgehen. Dafür gibt es mehrere Gründe: Deutschland wird zunehmend Vorprodukte importieren infolge der steigenden Importintensität der deutschen Produktion; die Rohstoffpreise werden anziehen; die Modernisierung der Industrie wird erhebliche Investitionen erfordern und der Inlandskonsum wird auf der Basis von Lohnsteigerungen im Rahmen der Produktivitätszuwächse zunehmen. Weiterhin werden die deutschen Unternehmen direkt im Ausland investieren, insbesondere in den wichtigsten Wachstumsmärkten. Derartige Kapitalexporte ziehen die Ausfuhr deutscher Vorprodukte und Dienstleistungen nach sich. Langfristig kompensieren die Erträge aus diesen Kapitalexporten die zurückgehende Wertschöpfung im Inland und tragen damit zur Sicherung des Wohlstands bei. Die Energiewende Eine umweltverträgliche, wirtschaftliche und sichere Versorgung mit Energie ist für Deutschland mehr denn je eine zentrale Herausforderung ansonsten drohen die eben skizzierten Chancen zu verpuffen. Aktuell werden die Karten auf den Energie- und Rohstoffmärkten neu gemischt, etwa durch die boomende Nutzung von Schiefergas, die den USA einen erheblichen Gaspreisvorteil und damit Standortvorteile beschert. In diesem

14 14 neuen Spiel ist Deutschland doppelt gefordert, da gleichzeitig das ehrgeizige Vorhaben der deutschen Energiewende umzusetzen ist und dabei Umweltverträglichkeit, Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit bestmöglich auszubalancieren sind. Die Maßnahmen der Energiewende sind aus Gesamtsicht zu optimieren, um sowohl Kostensteigerungen zu begrenzen als auch die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Dazu sollten der Ausbau von Solar-Photovoltaik-Anlagen begrenzt, Energietransportnetze ausgebaut und konventionelle, steuerbare Kraftwerke mit ausreichender Kapazität erhalten werden. Auf längere Sicht setzt eine optimale Energiepolitik eine europaweit integrierte Perspektive voraus, damit erneuerbare Energie an den jeweils effektivsten Standorten gewonnen wird (z.b. Windkraft an der Atlantikküste, Solarkraft in Südeuropa) und über gut ausgebaute Transportnetze zu den Verbrauchsstellen gebracht werden kann. Der Energiekostennachteil der deutschen Industrie, vor allem in energieintensiven Branchen, sollte zudem etwa durch Nutzung kostengünstiger Energiequellen im Gesamtmix (einschließlich Erhalt von Braunkohle und möglicherweise Erschließung von Schiefergas) gemildert werden. Und nicht zuletzt sorgt mehr Energieeffizienz in privaten Haushalten und der Wirtschaft für eine Verringerung des Energiebedarfs, was gleichzeitig Einsparungen von bis zu 53 Mrd. EUR p.a ermöglicht. Für die deutschen Schlüsselsektoren Chemie, Automobil- und Maschinenbau ergeben sich aus der Veränderung der Energiemärkte Risiken, aber auch Chancen. In der Chemieindustrie machen Energiekosten 15% der Bruttowertschöpfung aus. Für sie geht es darum, die kostenbedingten Standortnachteile bestmöglich abzufedern, um inländische Wertschöpfung und Arbeitsplätze zu erhalten gegenüber den USA ist der Wettbewerbsnachteil auf Grund des Schiefergases besonders eklatant. Marktchancen ergeben sich bei neuen Materialien und Produkten im Bereich Energieeffizienz und erneuerbare Energien sowie bei der Förderung von Schiefergas. Der Automobil- und der Maschinenbau sind wegen geringerer Energieabhängigkeit der Wertschöpfung zwar weniger stark von unmittelbaren Energie preisrisiken betroffen, könnten wegen steigenden Drucks auf Zuliefer industrien und Abnehmersegmente jedoch Nachteile erleiden. Auf der anderen Seite ergeben sich für diese deutschen Vorzeigebranchen Wachstumschancen durch Entwicklung und Vermarktung neuer, energieeffizienter Produkte und Anlagen. Die Fachkräftelücke Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg der deutschen Schlüsselbranchen waren und sind gut ausgebildete Fachkräfte. Um bei einer deutlichen Produktivitätssteigerung (2,2% p.a.) ein Wachstum des BIP pro Kopf von 2,3% p.a. zu erreichen, ist bis 2025 eine demografisch bedingte Fachkräftelücke von rund 4 Mio. Vollzeitkräften zu schließen. Bei einem Produktivitätswachstum von nur 1,4% p.a. fehlen sogar rund 6,5 Mio. Mitarbeiter bis Somit ist die Erhöhung der Produktivität ein entscheidender Hebel, um dem drohenden Fachkräftemangel zu begegnen. Dies gilt insbesondere für den öffentlichen Sektor.

15 Die Goldenen Zwanziger Wie Deutschland die Herausforderungen des nächsten Jahrzehnts meistern kann 15 Aktivieren lassen sich zusätzliche Fachkräfte durch gezielte Migration, eine Steigerung der Partizipationsrate von Frauen, die Reintegration von Pensionären und gegebenenfalls auch die moderate (tarifliche oder freiwillige) Steigerung der Wochenarbeitszeit. Diese Maßnahmen zusammen erschließen ein Erwerbspersonenpotenzial von bis zu 4,5 Mio. Vollzeitkräften. Hinzu kommen 0,9 bis 3,0 Mio. durch eine bessere Qualifikation der Mitarbeiter, z.b. durch eine stärkere Ausrichtung der Schul- und Berufsausbildung am Arbeitsmarkt, eine nochmals verbesserte universitäre Bildung und einen höheren Anteil an MINT-Absolventen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik).

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17 Die Goldenen Zwanziger 1. Die Ausgangslage. Ein Stabilitätsanker vor neuen Herausforderungen Die Ausgangslage. Ein Stabilitätsanker vor neuen Herausforderungen Deutschland hat die wirtschaftliche Schwächephase der 1990er Jahre überwunden und seine ökonomische Leistungs- und Widerstandsfähigkeit in den vergangenen Jahren deutlich verbessert. Von vielen unbeachtet liegt der Wachstumspfad seit 2005 über dem von Gesamteuropa und auch dem der USA: In Deutschland wuchs das reale BIP im Schnitt um 1,6% p.a., in Gesamteuropa um 1,0% p.a. und in den USA um 0,9% p.a. Damit konnte Deutschland die Banken- und Finanzkrise trotz des Einbruchs 2008/2009 konjunkturell besser verkraften als die meisten anderen Länder. Diese grundlegend gute Verfassung wurde auch durch die 2008 ausbrechende Finanzmarkt-, die anschließende Staatsschulden- und die Eurokrise nicht verdeckt. Dies ist auf eine Reihe von Faktoren zurückzuführen, die in drei Gruppen eingeordnet werden können: strukturelle Vorteile, günstige politische Rahmenbedingungen und ein positives Umfeld. Strukturelle Vorteile Deutschland profitiert von seiner diversifizierten Wirtschaftsstruktur. Der Industrieanteil ist vergleichsweise hoch: Er umfasst Großunternehmen ebenso wie flexible Mittelständler, die zu einem wesentlichen Teil international ausgerichtet sind und damit Skalenvorteile nutzen können. Durch Deutschlands hohe Exportintensität bei Waren und damit verbundenen Dienstleistungen nimmt das Land intensiv an der globalen Wirtschaftsentwicklung teil, die dynamischer ist als die Europas, und diversifiziert gleichzeitig wirtschaftliche Risiken. Zudem demonstriert die deutsche Industrie eine hohe Innovationskraft im jüngsten IMD World Competitiveness Yearbook 2012 belegte Deutschland in der Kategorie Scientific Infrastructure, ein Indikator für die Innovationsfähigkeit eines Landes, Platz drei. 3 Die Marktchancen in den aufstrebenden Ländern haben sich durch deren wachsende Bevölkerung und steigenden Wohlstand zunehmend vergrößert. Die Nachfrage dieser stark wachsenden Märkte ist komplementär zum Angebot der deutschen Industrie mit ihren innovativen und fortschrittlichen Produkten; dies führte in den vergangenen zehn Jahren zu einem Wachstum der gesamten Güterexporte in die BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China von durchschnittlich 13,3% p.a. Für keine andere Absatzregion wuchs der Export derart schnell. Ein weiterer Erfolgsfaktor: Deutsche Arbeitskräfte sind hoch qualifiziert dank guter Ausbildung, etwa in effektiven, betriebsbezogenen Ausbildungssystemen, die firmenspezifisches und schulisches bzw. universitäres Wissen in dualen Ausbildungen miteinander kombinieren. Und nicht zuletzt sind die Beziehungen zwischen Unternehmen, Arbeitnehmern und den sie vertretenden Gewerkschaften in Deutschland überwiegend konstruktiv 3 Hinter den USA auf Platz eins und Japan auf Platz zwei; International Institute for Management Development (2012).

18 18 geprägt; dies hat gerade im vergangenen Jahrzehnt eine zurückhaltende, der Situation angemessene Lohnentwicklung ermöglicht. Politische Rahmenbedingungen Verstärkt wurden die strukturellen Erfolgsfaktoren durch politische Rahmenbedingungen. Dazu zählt die 2003 beschlossene Agenda 2010: Sie flexibilisierte die Arbeitsmärkte durch eine verbesserte Kurzarbeitsregelung und die Anhebung der Verdienstgrenze bei Minijobs. Gleichzeitig wurden die Lohnnebenkosten gesenkt. Die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zum Arbeitslosengeld II intensivierte die Anreize zur Arbeitsaufnahme und verringerte zugleich Ausgaben für Leistungen. Die beiden von der Bundesregierung in den Jahren 2008 und 2009 eingeführten Maßnahmenpakete zur Stützung der Konjunktur leisteten einen signifikanten Beitrag zur Bewältigung des Nachfrageeinbruchs. Steuerentlastungen stimulierten die Binnennachfrage und Schlüsselbranchen wurden durch Einzelmaßnahmen gefördert. Schließlich gelang es durch die Verlängerung der Kurzarbeitsregelung, einen Einbruch auf dem Arbeitsmarkt und damit den Verlust wertvollen Know-hows zu vermeiden. Positives Umfeld Deutschland erhielt in den vergangenen Jahren Rückenwind durch ein positives Umfeld. Zum einen begünstigte die Bewertung des Euro die preisliche Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen. 4 Im Vergleich zu anderen Ländern waren darüber hinaus die Auswirkungen der Finanzkrise 2007/2008 weniger ausgeprägt. Zwar war der unmittel bare Nachfrageeinbruch auf Grund der Wirtschaftsstruktur stärker als in anderen Ländern, doch gab es keine Preisblasen im Immobiliensektor oder bei anderen Vermögenswerten. Die Bankenkrise verlief glimpflicher, sie betraf direkt nur die vergleichsweise wenigen Institute, die stark in die fragil strukturierten Produkte investiert hatten. Die robuste realwirtschaftliche Grundkondition erlaubte es deshalb Deutschland, sich zügig von der Krise zu erholen. Neue Herausforderungen Deutschland wird auch zukünftig von den genannten Faktoren profitieren können. Eine Aufgabe wird allerdings deutlich anspruchsvoller. Nämlich die, die vorteilhafte Wettbewerbsposition der deutschen Wirtschaft zu sichern und damit auch die Rolle als Motor und zugleich Stabilitätsanker zu gewährleisten. Aus der Arbeit mit unseren Klienten kristallisieren sich vier große Herausforderungen für Deutschland in Europa heraus: 4 Da die Eurozone als Währungsraum gegenüber dem Rest der Welt eine ausgeglichene Leistungsbilanz hat, wird die Aufwertungstendenz, die der deutsche Leistungsbilanzüberschuss für sich genommen auslöste, durch die Handelsdefizite der Partnerländer ausgeglichen. Hinzu kommt, dass die Streuung des Wechselkurses tendenziell abgenommen hat. Das erhöht die Planungssicherheit.

19 Die Goldenen Zwanziger 1. Die Ausgangslage. Ein Stabilitätsanker vor neuen Herausforderungen 19 Die Eurokrise ist offenkundig die drängendste Herausforderung. Deutsche Unternehmen leiden nicht nur unter rezessiven Aussichten in einer Reihe von Abnehmerländern in der Eurozone, sondern auch unter der generellen Unsicherheit als Folge der Krise. Beides birgt Gefahren für die Entwicklung von Unternehmen und lässt vielfach das Abwarten attraktiver erscheinen als das Investieren. Die Eurokrise legt die institutionellen Schwächen der Währungsunion offen. Niedrige Zinsen haben zur Bildung von Blasen geführt, die ein nachhaltiges Wachstum nur vorgetäuscht haben einige Länder und private Haushalte haben über ihre Verhältnisse gelebt. Mit den angestoßenen Rettungsaktionen konnten ein Auseinanderbrechen der Eurozone verhindert und die akuten Liquiditätsengpässe der betroffenen Länder behoben werden. Zur Wohlstandssicherung muss die Staatsschuldenquote auf ein durchhaltbares Niveau zurückgeführt werden. Die deutsche Industriestruktur und ihr Exportmodell brauchen eine Erneuerung. Technologisch leistungsfähige Wettbewerber aus Schwellenländern dringen in Marktsegmente vor, in denen traditionell deutsche Unternehmen stark sind; insbesondere China baut verstärkt eigene Industrien auf. Hinzu kommt, dass in Deutschland die Produktivität schwächer wächst als in wichtigen Wettbewerberländern. Eine weitere Herausforderung ist, dass der Erhalt der Konkurrenzfähigkeit permanente Spitzenleistung in Forschung und Umsetzung erfordert. Die Entwicklungen auf den globalen Energiemärkten mit deutlichen Verschiebungen auf der Angebots- und Nachfrageseite (z.b. durch den Schiefergas- und möglicherweise auch Schieferölboom in den USA) werden die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Unternehmen insbesondere gegenüber den USA gefährden. Darüber hinaus wird die politisch gewollte Energiewende die Verbraucher und Unternehmen in den kommenden Jahren mit weiteren Kosten belasten. Zukünftige Investitionen werden in ihrer Wirtschaftlichkeit gefährdet. Besonders betroffen ist die Chemieindustrie, die der doppelten Wirkung von steigenden Rohstoffpreisen (Erdgas) und Strompreisen ausgesetzt ist. Auch die Versorgungssicherheit wird wegen der zunehmend erschwerten Balance zwischen Erzeugung und Abnahme mehr und mehr zu einem Schlüsselfaktor für die deutsche Wirtschaft. Die demografische Entwicklung in Deutschland wird zu einem gravierenden Fachkräftemangel führen. Die Situation ist seit Langem bekannt, doch bisher wurde nicht aktiv genug gegengesteuert. Der Fachkräftemangel wird zum Wachstumshemmnis. Wenn den Herausforderungen nicht entschlossen begegnet wird, droht möglicherweise ein verlorenes Jahrzehnt für Deutschland und Europa insgesamt, ähnlich wie es Japan seit über zwei Jahrzehnten erlebt (siehe dazu Textbox 1).

20 20 Textbox 1 Exkurs die verlorene Dekade in Japan: ein mahnendes Beispiel Bis 1990 war Japan eine dynamisch aufholende Wirtschaft mit hohen Handelsüberschüssen. Seit Mitte der 1950er wies es ein anhaltend hohes Wachstum (durchschnittliches reales BIP-Wachstum von 6,7% p.a. zwischen 1956 und 1990) und, damit verbunden, eine sehr niedrige Arbeitslosigkeit (zwischen 2 und 3%) auf. Gleichzeitig wurden die anhaltenden Leistungsbilanzüberschüsse aber auch immer stärker kritisiert: als Folge einer Wechselkursmanipulation, die auf eine Abwertung des Yen zielte. Auf internationalen Druck hin (Yen-Dollar-Abkommen von 1984) liberalisierte Japan den Finanzmarkt, akzeptierte eine Aufwertung des Yen 5 und stimulierte die Binnennachfrage, vor allem durch eine sehr expansive Geldpolitik. Dies begünstigte einen Kreditvergabeboom, der dann zu einer Immobilien- und Aktienblase in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre führte und 1990 setzte die Bank of Japan den Leitzins wieder herauf, um der überhitzten Entwicklung der Vermögenspreise und steigender Inflation entgegen zuwirken und die Immobilien- und Börsenblasen platzten. Die Aufwärtsdynamik der japanischen Wirtschaft war damit gebrochen und durch eine im Trend weiter steigende Produktivität bei stagnierender Nachfrage entstand eine Lücke zwischen Potenzial und tatsächlicher Produktion, die ab 1995 zur Deflation führte. In den zwei Jahrzehnten nach dem Platzen der Vermögensblase wurden drei Hebel genutzt, um die wirtschaftlichen Probleme zu bekämpfen: Maßnahmen zur Bankenrestrukturierung sowie geld- und fiskalpolitische Maßnahmen. Der im Rückblick wohl gravierendste Fehler war die äußerst zögerliche Sanierung des Bankensektors. Nach dem Platzen der Vermögensblase 1990/1991 bereiteten notleidende Kredite dem Bankensektor große Probleme. Die Rechnungslegungsvorschriften erlaubten eine zögerliche Offenlegung und führten deshalb zu einer nur zögerlichen Wertberichtigung der notleidenden Kredite. Die notwendige Bankenrestrukturierung kam daher nur sehr schleppend in Gang. Rekapitalisierungen und Auslagerungen in Bad Banks wurden erstmals 1995 und in großem Umfang 1998 durchgeführt. Darüber hinaus kam es durch Übernahmen notleidender Banken zu einer starken Konsolidierung im Bankensektor und damit einer Kostensenkung. Erst 2005 wurde das Problem der notleidenden Kredite offiziell für überstanden erklärt. Die geldpolitischen Maßnahmen waren reaktiv und langsam. So wurde zunächst der Leitzins über fünf Jahre auf 0,5% gesenkt führte die Bank of Japan die offizielle Nullzinspolitik und 2001 die quantitative Lockerung der Geldpolitik ( Quantitative Easing Policy ) ein. Die gelockerte Geldpolitik wirkte jedoch nur in geringem Umfang expansiv auf die Realwirtschaft. Denn zunächst kompensierte die zusätzliche Notenbankliquidität nur den auf Grund gestörten Vertrauens stark geschrumpften Interbankenmarkt. Angesichts der hohen Überkapazitäten und gedämpfter 5 Aufwertung des Yen auf Grund des Plaza-Abkommens von 1985 zwischen Frankreich, Deutschland, Japan, Großbritannien und den USA mit dem Ziel, den US-Dollar gegenüber den anderen nationalen Währungen abzuwerten.

21 Die Goldenen Zwanziger 1. Die Ausgangslage. Ein Stabilitätsanker vor neuen Herausforderungen 21 Absatzaussichten fehlten vor allem attraktive Kredit- bzw. Investitionsvorhaben. Schließlich führten die unsicheren Aussichten und der Entschuldungsbedarf bei Unternehmen und privaten Haushalten zu einem Anstieg der Sparquote. Die Unterauslastung der Wirtschaft und damit die Deflation wurden chronisch. Seit 1992 versucht die japanische Regierung mit fast jährlich neuen fiskalpolitischen Maßnahmen die heimische Wirtschaft anzukurbeln, teilweise jedoch begleitet von konterkarierenden Schritten. Zwar wäre die Entwicklung ohne diese Maß nahmen sicher noch schwächer gewesen, dauerhaftes Wachstum blieb jedoch aus nicht zuletzt wegen erheblicher Defizite und Starrheiten der Wirtschaftsstruktur wurden zwei weitere milliardenschwere Konjunkturpakete beschlossen. Das Verhältnis der Schulden zum BIP war durch vergleichbare Maßnahmen und wegen stagnierender Steuereinnahmen bereits 2011 auf über 230% gestiegen; aus Sicht der Kapital märkte ist sie nur wegen des hohen Anteils inländisch gehaltener Schuldscheine tolerierbar (Schaubild 1). Seit dem Platzen der japanischen der japanischen Vermögenspreisblase steigt die Staatsverschuldung steigt die an und Staatsverschuldung die Wirtschaft stagniert an und die Wirtschaft stagniert Reales BIP-Wachstum in Prozent Schuldenquote 1 in Prozent Verhältnis von Staatsschulden zu BIP QUELLE: IHS Global Insight; McKinsey Schaubild 1 Das Beispiel zeigt, dass eine zögerliche Geld- und Fiskalpolitik keine Stabilisierung und nachhaltige Trendwende zu schaffen vermag. Diese sind aber unabdingbar, um die Voraussetzungen für langfristiges realwirtschaftliches Wachstum zu schaffen, das vom privaten Sektor getragen wird. Dafür müssen erstens die Stabilisierungsmaßnahmen zügig ergriffen werden, substanziell (also von effektiver Größenordnung) sein und mit strukturellen Reformen einher gehen. Zweitens ist im Krisenfall eine schnelle und aktive Bankenrestrukturierung mit Unterstützung der Regierung nötig, um das monetäre System funktionsfähig zu halten und die Bremswirkungen auf die Realwirtschaft zu begrenzen.

22 22 Krise in der Eurozone, Industriestruktur, Energiewende und Fachkräftelücke diese Stichwörter umreißen das Aufgabenpaket, das es in den kommenden Jahren zu bewältigen gilt. Dabei müssen die Wechselwirkungen im Blick bleiben, denn die Elemente fügen sich zu einer Strategie: Die im Folgenden skizzierte europäische Transformationsunion flankiert ein weltoffenes, exportorientiertes Geschäftsmodell nicht nur in Deutschland. Eine europaweit angelegte Energiepolitik ist ein wesentlicher Bestandteil. Schließlich gelingt die Abstimmung zwischen Arbeits angebot und Arbeitsnachfrage weit effektiver in der europäischen Dimension. Entschlossenes und abgestimmtes Handeln aller Beteiligten ist gefragt: Wirtschaft, Politik und Gesellschaft können gemeinsam Deutschland die Chance eröffnen, die kommenden Jahre zu einem erfolgreichen, goldenen Jahrzehnt zu machen.

23 Die Goldenen Zwanziger 1. Die Ausgangslage. Ein Stabilitätsanker vor neuen Herausforderungen 23

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25 Die Goldenen Zwanziger 2. Die Eurokrise. Der Weg in eine Transformations- statt Transferunion Die Eurokrise. Der Weg in eine Transformationsstatt Transferunion Deutschland hat seine wirtschaftliche Perspektive mit denen der europäischen Nachbarn verknüpft nur miteinander kann Europa auf globaler Ebene seine Position behaupten und langfristig Wohlstand garantieren. Die politische und wirtschaftliche Entwicklung der Eurozone ist daher von vitalem Interesse für Deutschland. Dieses Kapitel widmet sich den Problemen der Eurozone und stellt mögliche Lösungsansätze vor. Die Krise ist noch nicht vorüber. Zwar konnte die Liquidität aller Euroländer sichergestellt werden, aber die strukturellen Herausforderungen für die Mitgliedsstaaten bleiben. Deshalb sind weitere Anstrengungen nötig: weg vom bloßen Krisenmanagement hin zu einem Wachstums programm. Fortbestehende Strukturprobleme der Eurozone In den ersten zehn Jahren der Währungsunion, von 1999 bis 2010, hat jedes Mitgliedsland vom Euro profitiert: 6 durch den intensivierten Handel in der Eurozone, die hier zu erzielenden Größen- und Verbundvorteile oder die ungewöhnlich niedrigen Zinsen. Allerdings war das Europrojekt von Anbeginn mit Konstruktionsmängeln behaftet. Da der nominale Wechselkurs als Anpassungsmechanismus wegfiel, hätte es angesichts unterschiedlicher Konjunkturzyklen und struktureller Ungleichgewichte in den Regionen eigentlich flexiblerer Löhne und Preise, größerer Arbeitsmobilität und/oder vorübergehender Transferzahlungen innerhalb der Eurozone bedurft. Tatsächlich jedoch stiegen die Löhne in den Krisenländern 7 ohne eine entsprechende Produktivitätssteigerung. Man hoffte darauf, dass eine disziplinierte Haushalts- und Wirtschaftspolitik die Ungleichgewichte abbauen und die Volkswirtschaften angleichen würde. Doch die notwendige Disziplin wurde bekanntlich nicht eingehalten. In den europäischen Krisenländern trug dazu auch die Verlockung niedriger Zinsen bei. Investoren verzichteten zudem auf länderspezifische Risikoprämien, auch weil die Nichtbeistandsklausel des Maastrichtvertrags vielen unglaubwürdig erschien. Ihre strikte Umsetzung hätte zu erheblichen Schäden in den Gläubigerländern geführt. So kam es zu einer Illusion des billigen Geldes: Das Zinstief nahm den Druck, die Staatsfinanzen nachhaltig zu gestalten, und blähte in einigen Ländern überdies den Immobilien- und Finanzmarkt auf. Infolgedessen drifteten Produktivität und damit Leistungsbilanzen auseinander. Das Platzen der Blase führte zu wirtschaftlichen Einbrüchen und einem hohen Rekapitalisierungsbedarf vieler Banken, den die Staaten um den Preis einer sprunghaft steigenden Verschuldung auffingen. Durch höhere Zinsaufwendungen, niedrigere Steuereinnahmen, höhere Sozial ausgaben und diverse Konjunkturprogramme stiegen die Schulden weiter 6 McKinsey & Company (2012g). 7 Im Folgenden sind damit vereinfachend die fünf Euroländer Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien gemeint.

26 26 an. Schließlich überschritt die Staatsverschuldung aus Sicht des Kapitalmarkts kritische Größen, so dass es 2011/2012 zu einer Liquiditäts- und teilweise Solvenzkrise an der Peripherie der Eurozone kam. Es gibt deutliche Fortschritte Die Sicherung der Liquidität, also der Anschlussfinanzierung, der Krisenländer und die Vermeidung eines unkontrollierten Auseinanderbrechens der Eurozone wurden damit zunächst zur Hauptaufgabe der europäischen Institutionen, der nationalen Regierungen und des IWF. Mit nationalen Konsolidierungsprogrammen, internationalen Rettungsschirmen 8 und vor allem durch tatsächliche und angekündigte massive Interventionen der EZB 9 wird seither versucht, die Krise einzudämmen und die Eurozone zu stabilisieren. Mit ersten Erfolgen: Obwohl der Finanzsektor in Zypern, Griechenland, Irland, Slowenien und Spanien weiterhin instabil ist, wächst das Vertrauen in den Zusammenhalt der Eurozone wieder. Die Symptome sind zunächst einmal verschwunden, aber die Probleme bleiben bestehen. Es gibt erste Anzeichen einer ökonomischen Anpassung, einer Erholung der Staatsfinanzen und Reformen für die Eurozone. Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien drückten ihr Gesamtdefizit von 260 Mrd. EUR im Jahr 2010 auf ca. 150 Mrd. EUR im Jahr 2012 und eine weitere Verringerung ist zu erwarten (Schaubild 2). Dies gelang zum größten Teil mit drastischen Kürzungen der Ausgaben um 106 Mrd. EUR und darüber hinaus zusätzlichen Steuereinnahmen von 39 Mrd. EUR, die die negativen Effekte von 37 Mrd. EUR aus dem laufenden Defizit, höheren Zinsen und dem BIP-Rückgang überkompensierten. Gleichwohl ist es noch ein weiter Weg hin zu nachhaltig stabilen öffentlichen Haushalten. Ein vergleichbarer Defizitabbau ist in anderen Euroländern bislang nicht zu beobachten. Die Unterschiede zwischen den regionalen Leistungsbilanzsalden innerhalb der Eurozone wurden kleiner: Krisenländer haben ihre Defizite reduziert und Kern länder geringere Überschüsse verzeichnet. Das Leistungsbilanzdefizit Spaniens beispielsweise verringerte sich zwischen 2010 und 2012 von 4,5 auf 2,0%, während der Leistungs bilanz überschuss in Deutschland von 6,0 auf 5,4% sank. In Frankreich hingegen erhöhte sich das Leistungsbilanzdefizit weiter, so dass hier zusätzlicher struktureller Anpassungsbedarf entsteht. Als Folge haben sich die Risikoaufschläge (Spreads) zwischen den verschiedenen Anleiherenditen in der Eurozone wieder deutlich verringert und Kapital fließt erneut in die Krisenländer. Die Renditen auf spanische und italienische zehnjährige Staats anleihen fielen von ihren Höchstständen 6,8% (Spanien, August 2012) bzw. 7,1% (Italien, Dezember 2011) auf 5,1% in Spanien und 4,2% in Italien (vs. 1,6% in Deutschland) im Januar Zunächst in vorübergehender Form durch den European Financial Stability Facility (EFSF), dann durch den dauerhaften European Stability Mechanism (ESM). 9 Bereitstellung langfristiger Liquidität gegen Sicherheiten (LTROs, Vollzuteilung zu fixem Zins) und Möglichkeit konditionierter länderspezifischer, bislang aber noch nicht durchgeführter geldpolitischer Operationen.

27 Die Goldenen Zwanziger 2. Die Eurokrise. Der Weg in eine Transformations- statt Transferunion 27 Seit 2010 konnten die Krisenländer ihr Haushaltsdefizit um 108 Mrd. EUR senken ausgeglichene Haushaltssalden liegen aber noch in weiter Ferne Seit 2010 konnten die Krisenländer ihr Haushaltsdefizit um 108 Mrd. EUR senken ausgeglichene Haushaltssalden liegen aber noch in weiter Ferne Summierter Haushaltssaldo der Krisenländer (nominal) in Mrd. EUR Gesamtstaatlicher Haushaltssaldo Steuereinnahmen Anstieg der Steuer- und Abgabenquote von 41,6 auf 42,7% des BIP +39 Rückgang nominales BIP um 0,1% p.a. -4 Staatsausgaben Rückgang der gesamten Staatsausgaben (ohne Zinsen) um 3,3% p.a. Anstieg der durchschnittlichen Zinsen für Staatsschulden von 3,7 auf 3,9% Anstieg der Gesamtverschuldung der Krisenländer um 3,8% p.a. -20 Gesamtstaatlicher Haushaltssaldo QUELLE: IWF; McKinsey -108 Schaubild 2 Schließlich liegen zur Stärkung der Institutionen in der Eurozone konkrete Vorschläge von Europäischem Rat, Europäischer Kommission, Eurogruppe und EZB die so genannten Quadriga-Pläne auf dem Tisch. 10 Auf dem Weg zu einer politischen Union fordern diese mehr legislative und exekutive Entscheidungskompetenz auf europäischer Ebene. Die Fiskalunion, die mit dem Fiskalpakt bereits in ihren Grundzügen angelegt ist, soll u.a. durch einen fiskalischen Ausgleich zwischen den Eurostaaten flankiert werden. Und auch die Bankenunion wurde mit dem Single Supervisory Mechanism (SSM), der Capital Requirements Regulation and Directive und der Möglichkeit einer direkten Bankenrekapitalisierung durch den ESM auf den Weg gebracht. 11 Obwohl die ergriffenen Maßnahmen und die beginnende ökonomische Anpassung die Märkte fürs Erste beruhigt haben, wurde damit bislang nur Zeit erkauft. Die einzelnen Mitgliedsstaaten wie auch die europäischen Institutionen werden weitere Anstrengungen unternehmen müssen, um nicht nur die Symptome, sondern auch die Ursachen der aktuellen Krise zu beseitigen. Wenn die momentane Stabilisierung nicht als Chance zu nachhaltigen Reformen genutzt wird, drohen weitere Krisen in den nächsten Jahren. 10 Van Rompuy (2012). 11 McKinsey & Company (2012b).

28 28 aber noch keine nachhaltige Besserung Die eigentliche Aufgabe liegt in der Umgestaltung der Eurozone in eine funktionierende Währungsunion. Denn trotz kurzfristiger Verbesserung mangelt es weiterhin sowohl an einer Anpassung der Realwirtschaft in den Mitgliedsstaaten als auch an Vertrauen in die wirtschaftliche Verlässlichkeit Europas und folglich an Investitionen. Eine einfache Rückkehr zu den starken Vorkrisenjahren ist in vielen Ländern nicht möglich, weil die wesentlichen Wachstumstreiber der Jahre 2000 bis 2007 wegfallen: Der Wachstumsschub, den insbesondere Spanien, Irland und Griechenland in früheren Jahren verzeichneten, war von besonderen einmaligen Umständen begünstigt, z.b. vom kräftigen Rückgang der Zinsen nach Einführung der Europäischen Währungsunion (EWU). Für das starke Wachstum bis 2008 waren vor allem der Bau- und Immobiliensektor sowie Finanzdienstleistungen und der öffentliche Sektor verantwortlich. Alle drei Sektoren weisen durch vergangene Fehlallokationen Überkapazitäten auf und werden vorerst keine Wachstumsmotoren mehr sein: Die Finanzbranche wird Jahre brauchen, um die Belastungen der Kreditausfälle und die Anpassung an die dadurch ausgelöste neue Regulierung zu bewältigen, bei Immobilien gibt es große Leerstände und die Infrastruktur ist gebaut. Der öffent liche Sektor muss sparen (Schaubild 3). Vor der Krise waren nur wenige Branchen die Wachstumsmotoren Vor der Krise waren nur wenige Branchen die Wachstumsmotoren Durchschnittlicher Anteil am jährlichen realen BIP-Wachstum ( ) in Prozent Irland Spanien Griechenland Italien Portugal Gesamt 3,7 3,1 3,2 0,8 0,7 Bau-/Immobilienbranche 0,8 0,5 1,0 0,5 0,1 Finanz-/Versicherungsbranche 0,6 0,2 0,2 0,1 0,3 Öffentlicher Sektor 1 1,1 0,7 0,7 0,2 0,3 Andere Branchen 1,2 1,7 1,3 0 0 Schaubild 3 1 Definiert nach der Systematik der Wirtschaftszweige (Nace Rev. 2): allgemeine öffentliche Verwaltung, Gesundheitswesen, Bildung, Kultur und Sozialwesen sowie Wirtschaftsförderung, -ordnung und -aufsicht QUELLE: IWF; Eurostat; McKinsey

29 Die Goldenen Zwanziger 2. Die Eurokrise. Der Weg in eine Transformations- statt Transferunion 29 Die besonderen Umstände des Booms der Krisenländer von 2001 bis 2008 lassen sich nicht wieder herstellen. Ohne strukturelle Veränderungen werden sie auch 2017 die Wirtschaftsleistung der Jahre vor der Krise nicht wieder erreichen; im Vergleich zu 2007 würden die Länder mehr als eine Dekade verlieren (siehe auch Textbox 1 zu Japan in Kapitel 1). Infolge der bestehenden Probleme und der enormen Unsicherheit hinsichtlich des weite ren Verlaufs ist die wirtschaftliche Entwicklung in fast allen Euroländern derzeit gebremst. Die Investitionen in den Krisenländern sind 2012 auf ein Allzeittief gesunken. 12 Die Warte option ist für Unter nehmen zu attraktiv, zudem fehlt häufig der Zugang zu externen Finanzierungs mitteln. Vom privaten Konsum, der auf Grund hoher Arbeitslosig keit und sinkender Einkommen lahmt, sind keine Impulse zu erwarten. Vielmehr ver größern die diversen Sparprogramme die Gefahr eines weiteren Rückgangs. Der Staats konsum schließlich ist ebenfalls unter Druck: In den Krisenländern stieg die Verschuldung zwischen 2010 und 2012 insgesamt von knapp unter 100% auf über 115% des BIP und trotz optimistischer Wachstumsszenarien des IWF droht in vier der fünf Länder sogar ein weiterer Anstieg bis Ein Stabilisierungs- und Wachstumsprogramm Die Rückführung der Staatsverschuldung bewegt sich im Spannungsfeld ökonomischer Zwänge (siehe Textbox 2). In unseren Augen kann deshalb allein eine Kombination aus weiterer Konsolidierung und insbesondere wachstumsfördernden Reformen für eine Stabilisierung der Währungsunion und die Rückkehr zu Wachstum und Wohlstandsmehrung sorgen. Sparprogramme wurden bereits aufgelegt, müssen aber umgesetzt und teilweise ausgebaut werden; wachstumsfördernde Reformen wurden demgegenüber bislang weitgehend vernachlässigt hier liegt also in den nächsten Jahren das größte Potenzial. Eine Verringerung der realen Schuldenlast durch höhere Inflationsraten (siehe Textbox 3), generelle Schuldenumstrukturierungen oder die Vergemeinschaftung der Schulden halten wir hingegen nicht für sinnvoll. Staatsverschuldung institutionelle und strukturelle Voraussetzungen für die Schuldensenkung schaffen Textbox 2 Die Staatsverschuldung in der Eurozone bleibt auch nach Überwindung der Liquiditätskrise in den Krisenländern ein gravierendes Problem. Ein hoher Schuldenstand engt den künftigen Handlungsspielraum ein, behindert Wachstum und belastet künftige Generationen. Deshalb ist die Verringerung der Staatsverschuldung auf ein tragbares Niveau ein wichtiges politisches Ziel. Der viel diskutierte Ausweg einer kontrollierten Inflation ist implausibel (siehe Textbox 3). Der Versuch, die Schuldenquote mittels höherer Staatseinnahmen bzw. verringerter 12 McKinsey & Company (2012d).

30 30 Staatsausgaben zu senken, bremst andererseits kurzfristig immer das Wirtschaftswachstum (siehe Textbox 5) und ist somit in Ländern mit schwacher Wachstums dynamik potenziell kontraproduktiv. Jede Regierung muss in ihrer fiskalischen Verantwortung einen Weg zwischen potenzieller Inflation und Deflation finden. Die europäischen Institutionen können dies durch Vorgaben beeinflussen und Staaten temporär unterstützen. Die Vergemeinschaftung von Schulden, also die gegenseitige Haftung, ist unter den aktuellen Bedingungen von weiterhin nationalen Ausgaben- und Einnahmenkompetenzen keine Lösung denn sie erfordert ein Gleichgewicht zwischen Haftung und Verantwortung, das erst weit reichen de Fiskalreformen oder sogar ein europäischer Bundesstaat schaffen würden. Wir konzentrieren uns in diesem Bericht auf die Reduzierung der Staatsschuldenquote, da diese für die Lösung der Eurokrise die größte Relevanz hat. Neben der Entschuldung der öffentlichen Hand spielt aber auch der Abbau privater Schulden eine große Rolle für die Rückkehr zu nachhaltigem Wachstum. Eine detaillierte Analyse der Entwicklung des Verschuldungsgrads von Staat, privaten Haushalten und Unternehmen wird in der Publikation Debt and deleveraging: Uneven progress on the path to growth vorgenommen. 13 Haushaltskonsolidierung Um die Eurozone wieder auf einen stabilen Pfad zurückzubringen und das Vertrauen der Bürger und Kapitalmärkte dauerhaft zu sichern, muss die Konsolidierung der Staatshaushalte fortgesetzt werden. Dafür sehen wir drei Hebel: 14 Reduzierung der Staatsausgaben. Dies gilt vor allem für Länder, in denen der öffentliche Sektor unverhältnismäßig groß ist. Sinnvoll sind hier insbesondere ein Überdenken des Umfangs der öffentlichen Aufgaben und Maßnahmen zur Steigerung der Effizienz der öffentlichen Verwaltung. Erhöhung der Staatseinnahmen. Dabei sollten Maßnahmen gegen Steuerhinterziehung und somit zur Durchsetzung bestehender Steuern im Fokus stehen. Aber auch ein effektiveres Steuersystem, etwa mit einer breiteren Bemessungsgrundlage und weniger Ausnahmen, kann die Einnahmen spürbar erhöhen. Verkauf von Staatsvermögen. Der Verkauf von Unternehmensbeteiligungen verringert nicht nur einmalig die Staatsschulden, sondern kann auch zu Effizienzgewinnen führen. Viele Beispiele, etwa im Bereich Post oder Telekommunikation, zeigen, 13 McKinsey Global Institute (2012). 14 In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass der Einfluss von Konsolidierungsmaßnahmen auf die Verringerung des Schuldenstands abhängig vom Fiskalmultiplikator ist, der je nach Land und konkreter Situation unterschiedlich sein kann (siehe Textbox 5).

31 Die Goldenen Zwanziger 2. Die Eurokrise. Der Weg in eine Transformations- statt Transferunion 31 dass privatisierte Staatsunternehmen günstigere und kundenfreundlichere Services anbieten und die Marktöffnung Innovationsschübe auslöst. Inflationseffekt eine bewusste Inflationierung birgt, ebenso wie eine Tolerierung höherer Inflation, erhebliche Risiken Textbox 3 Höhere Inflation in der Eurozone gilt vielen als möglicher Ausweg aus der Schuldenkrise. Auf den ersten Blick scheint die Tolerierung einer höheren Inflationsrate über mehrere Jahre hinweg tatsächlich die realen Schuldenquoten deutlich verringern zu können. Die Bedingungen für ein Gelingen eines inflationsbasierten Schuldenabbaus in der Eurozone sind allerdings nicht gegeben. Tatsächlich zeigt Inflationierung nur dann Wirkung, wenn sie überraschend kommt. Und selbst dann wirkt sie nur einmalig auf den ausstehenden Bestand, wobei der Effekt entscheidend von der durchschnittlichen Laufzeit der Staatsanleihen abhängt. Höhere Inflation hat aber erhebliche negative Auswirkungen auf Realwirtschaft und zukünftige Geldpolitik. Regierungen sollten daher nicht versuchen, ihre Notenbanken zur Inflationierung anzuhalten. Höhere Inflation schürt Inflationserwartungen, so dass einerseits Anleger für neue Schulden einen Risikoaufschlag in Form höherer Zinsen verlangen und andererseits die Rückkehr zu niedrigeren Inflationsraten schwierig und teuer wird, weil dies eine stark restriktive Geldpolitik mit allen negativen Wachstumsfolgen erfordert (wie Anfang der 1980er Jahre in den USA zu beobachten). Inflation führt zu Umverteilungseffekten, indem sie jene belastet, die nominal feste Ansprüche haben. Sie schadet den meisten Bürgern, insbesondere der Mittelschicht, weil Ersparnisse und regelmäßige Einkünfte wie Renten an Wert verlieren. Auf Grund dieser Umverteilungseffekte kann eine hohe Inflation zu einem enormen gesellschaftlichen Ungleichgewicht führen. Unsicherheit über den Realwert der Erträge lässt tendenziell die Sparquote sinken. Damit steht den Unternehmen weniger bzw. teureres Investitionskapital zur Verfügung. Mit dem Inflationsniveau steigt auch dessen Volatilität. Diese Unsicherheit erschwert Planungen. Schließlich büßen die Währungshüter an Reputation und Glaubwürdigkeit ein dem wichtigsten Kapital der Zentralbanken. Eine beschädigte Glaubwürdigkeit bedeutet, dass die geldpolitischen Ziele künftig teurer zu erreichen sind.

32 32 Wachstumsimpulse Die Konsolidierung der Staatsfinanzen allein wird jedoch nicht ausreichen. Für eine dauerhafte Überwindung der Krise ist ein Wachstums- und Investitionsprogramm erforderlich. Im Mittelpunkt dieses Programms sollten drei Maßnahmen stehen: Investitionen. Künftiges Wachstum in der Eurozone basiert auf heutigen Investitionen. Diese sollten primär aus dem Privatsektor kommen. Dabei kann ein gezielter öffentlicher Impuls sinnvoll sein. Dies illustrieren positive Erfahrungen mit KfW- und EIB-Programmen. Arbeitsmarktreformen. Die Krise ist überwunden, wenn die Arbeitslosigkeit auf einem vertretbaren Niveau ist. Die Reform der Arbeitsmärkte ist hierfür unabdingbar. Es geht um eine größere Anpassungsfähigkeit sowie die Beseitigung von Barrieren zur Einstellung neuer Mitarbeiter. Zudem dürfen Lohnzuwächse nur im Rahmen der Produktivitätssteigerungen erfolgen, damit die Länder nicht an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Innovationen. Europa wird sein Wohlstandsniveau nur als Innovationsstandort halten und ausbauen können. Darum sind Förderungen von Forschung und Entwicklung, aber auch von Aus- und Weiterbildung besonders wichtig. Im Gegensatz zu Wachstum und Konsolidierung sind Schuldenschnitte und die Vergemeinschaftung der Schulden keine Lösung struktureller Probleme. Schuldenschnitte zur Senkung der öffentlichen Schuldenlast untergraben das Vertrauen privater Kapitalgeber in die Eurozone insgesamt. Die betroffenen Staaten könnten so zwar die Tragfähigkeit der (verbliebenen) Schulden vorläufig sicherstellen, würden sich damit aber den zukünftigen Zugang zu den Kapitalmärkten versperren. Restrukturierung ist deshalb nur ein allerletztes Mittel und kommt nur in Frage, wenn die Fähigkeit der Schuldenbedienung nicht mehr vorliegt (siehe Textbox 4). Textbox 4 Schuldenschnitt führte für Griechenland vorwiegend zu einer Veränderung der Gläubigerstruktur; weitere Schuldenschnitte werden demnach für öffentliche Gläubiger erhebliche Konsequenzen haben Im März 2012 stimmten private Gläubiger zu, einen Großteil ihrer griechischen Staatsanleihen gegen kurzfristige EFSF-Papiere und neue langfristige griechische Staatsanleihen zu tauschen und damit auf 53,5% ihrer Forderungen zu verzichten. Zu einem deutlichen Abbau der Schuldenquote ist es dadurch allerdings nicht gekommen. Tatsächlich wird sie laut IWF sogar von 165,4% (2011) auf 170,7% (2012e) steigen.

33 Die Goldenen Zwanziger 2. Die Eurokrise. Der Weg in eine Transformations- statt Transferunion 33 Der Anleihetausch bedeutete für die Schuldenquote lediglich eine Verbesserung um ca. 50% des BIP, weil 42% der Anleihen bereits von öffentlichen Institutionen wie der EZB oder dem EFSF gehalten wurden und diese sich nicht an der Schuldenumstrukturierung beteiligten. Bereits 2012 stieg die Schuldenquote zusätzlich wieder um ca. 30 Prozentpunkte an, denn ein Großteil der privat gehaltenen Anleihen war im Besitz griechischer Sozialversicherungsfonds und Banken, die nach dem Tauschprogramm mit öffentlichen Mitteln (von EU und IWF) rekapitalisiert werden mussten. Hinzu kamen neue Schulden in Höhe von 25% des BIP, die zur Finanzierung des hohen Primärdefizits bei EFSF und IWF aufgenommen werden mussten. Letztlich gingen die Schulden lediglich von privaten auf öffentliche Gläubiger über, die Ende 2012 rund 75% aller griechischen Staatsanleihen hielten. Sollte ein weiterer Schuldennachlass notwendig werden, muss der öffentliche Sektor also die Hauptlast tragen sei es durch einen nominalen Schuldenschnitt, sei es durch niedrigere Zinsen. Die Vergemeinschaftung von Schulden (Stichwort Eurobonds) würde die Kapitalmärkte als Korrektiv für unsolide Haushaltspolitik ausschalten und Reformdruck von den Krisenstaaten nehmen. Sie wäre vor allem für die Zukunft problematisch, da die gebotene Verbindung von Entscheidungskompetenz und Verantwortung untergraben würde. Kurzum: Nach unserer Ansicht wird nur eine Kombination aus Haushaltskonsolidierung und wachstumsfördernden Maßnahmen die Krise dauerhaft bewältigen. Beides sollte so schnell wie möglich eingeleitet werden und bedarf weiterer Anstrengungen der betroffenen Staaten. Es gibt in Europa mehrere Beispiele für erfolgreiche strukturelle Transformationen nach einer gravierenden Wirtschaftskrise. Zum Beispiel gelang es Finnland Anfang der 1990er Jahre nach der Bankenkrise und dem Wegbrechen der Sowjetunion als Exportmarkt, seine Wirtschaft wieder zu stabilisieren und gleichzeitig strukturelle Reformen durchzuführen. 15 Erreichbare Defizitziele für Krisenländer Auf der Grundlage von Arbeiten nationaler Expertenkommissionen 16 und multilateraler Institutionen 17 sowie unserer Analyse 18 entwerfen wir eine ehrgeizige Agenda für die Entwicklung der krisengeschüttelten Länder Europas. Wir zeigen im Folgenden, was die ein 15 Finnische Zentralbank (1993); Finnisches Finanzministerium (1998). 16 U.a. Gallois (2012). 17 OECD (2012a); Europäische Kommission (2010a, 2010b); Monti (2010); Van Rompuy (2012). 18 McKinsey & Company (2012c; 2011a; 2011b; 2010a).

34 34 Das Potenzial zur Schuldensenkung ist in den Krisenländern beträchtlich Das Potenzial zur Schuldensenkung ist in den Krisenländern beträchtlich Schuldenquote (Staatsschulden im Verhältnis zum BIP) in Prozent Griechenland Irland Italien Portugal Spanien Ende Gesamtpotenzial XX Prozentpunkte Schaubild 4 QUELLE: IWF; McKinsey 60% 4 90% 3 1 Laut Prognose des IWF 2 Summe aus Potenzialberechnung von IWF und Berechnung von McKinsey 3 Schwelle, ab der in der Regel das Wirtschaftswachstum gehemmt wird (nach Reinhart/Rogoff, 2009) 4 Ziel gemäß Europäischem Stabilitäts- und Wachstumspakt (Maastricht-Kriterien) zelnen Länder in den nächsten fünf Jahren erreichen können, wenn sie die Haushaltskonsolidierung und wachstumsfördernden Reformen konsequent vorantreiben. Dazu haben wir die Potenziale dieser beiden Maßnahmenbündel für Griechenland, Irland, Italien, Portugal und Spanien anhand von Vergleichen mit anderen Euroländern und historischen Beispielen berechnet. Unsere Modellierung zeigt, dass das vorgeschlagene Reformpaket die Schuldenquote in Irland, Portugal und Spanien bis 2017 unter 90% des BIP 19 senken könnte (Schaubild 4). Zur Berechnung der Konsolidierungs- und Wachstumspotenziale verwenden wir einen Top-down-Ansatz. Ausgangspunkt sind die aktuellen IWF-Szenarien für die Wirtschaftsentwicklung bis 2017 und die dabei angenommenen Sparmaßnahmen und Wachstumsreformen. 20 Diese Szenarien ergänzen wir um Sparmaßnahmen und Reformen auf der Basis erfolgreicher Vorbilder aus ganz Europa: Wir unterscheiden dabei zwischen zusätzlicher Konsolidierung durch Ausgabensenkungen bzw. Einnahmensteigerungen, Beteiligungsverkäufen, Erhöhung des Investitionsanteils am BIP, Reform der Arbeitsmärkte und Erhöhung der Investitionen in Forschung und Entwicklung. Schließlich errechnen wir die Auswirkungen dieser Maßnahmen auf BIP-Wachstum und Staatshaushalt im Jahr 2017 unter Einbeziehung von Sekundäreffekten. 19 Nach Reinhart/Rogoff (2009) markiert dieser Verschuldungsgrad die Schwelle, ab der die Schulden das Wirtschaftswachstum negativ beeinflussen. 20 Internationaler Währungsfonds (2012a).

35 Die Goldenen Zwanziger 2. Die Eurokrise. Der Weg in eine Transformations- statt Transferunion 35 Unsere Analyse zeigt, dass es grundsätzlich möglich ist, einen strukturell ausgeglichenen Haushalt zu erreichen und gleichzeitig neue Wachstumsimpulse für die Wirtschaft zu setzen. Die Krisenländer können ihre Staatsschulden in den nächsten fünf Jahren um gut 235 Mrd. EUR verringern dies entspricht 7,5% ihrer gemeinsamen Wirtschaftsleistung im Jahr Damit dürften die Ausfallrisiken geringer eingeschätzt werden und die Zinsaufschläge zurückgehen. Gleichzeitig können die Länder ihre Wirtschaft nachhaltig stimulieren. Ihr BIP-Wachstumspotenzial erreicht bei Umsetzung der Reformen nach unseren Berechnungen rund 370 Mrd. EUR zwischen 2012 und 2017 und liegt damit über den aktuellen Szenarien des IWF. Die von uns nachfolgend vorgeschlagenen Maßnahmen bringen den einzelnen Ländern erhebliche Verbesserungen: Griechenland beispielsweise, für das der IWF bis 2017 einen Schuldenabbau von lediglich 18 Prozentpunkten erwartet, kann seine Schulden um bis zu 33 Prozentpunkte verringern. Auch in Portugal, Irland und Italien ist das Konsolidierungspotenzial mit 33, 30 bzw. 22 Prozentpunkten erheblich. In Spanien beträgt es hingegen nur 8 Prozentpunkte, bedingt durch das von Anbeginn hohe Haushaltsdefizit, das die Verschuldung in den nächsten Jahren noch weiter ansteigen lassen dürfte. Sofern diese Potenziale ausgeschöpft werden, erreichen die genannten Länder bis 2017 zumindest das im Vertrag über die Arbeitsweise der EU formulierte Defizitziel von 3% 21. Das hier vorgestellte Maßnahmenpaket wird den Krisenländern nicht nur finanzielle Stabilität, sondern auch Wachstum ermöglichen. Das ist ein ausschlaggebender Unterschied zu bisherigen Programmen. In Irland könnte die Wirtschaft bis 2017 nominal um 4,5% p.a. wachsen, in Griechenland, Portugal und Spanien um 2,5 bis 2,7% und in Italien um 1,7%. Diese Raten liegen über den aktuellen IWF-Szenarien, weil wachstums fördernde Reformen den Großteil der zusätzlich vorgeschlagenen Maßnahmen ausmachen (ausgenommen Italien, wo wir das größte Potenzial für weitere Sparmaßnahmen sehen). Natürlich sind diese Werte nicht mühelos zu erreichen. Voraussetzung ist ein entschlossenes Handeln von Politik und Bürgern in den Krisenländern und auch die wirtschaftliche Lage in den potenziellen Absatzmärkten wird erfolgsentscheidend sein. Gleichwohl geben diese Daten einen Eindruck davon, was mit einer ehrgeizigen Wachstumsagenda möglich ist. Sparmaßnahmen: notwendig, aber mit Augenmaß Um das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen, müssen die Staatshaushalte durch Sparmaßnahmen und/oder Steuererhöhungen saniert werden. Die Investoren müssen erkennen, dass die Länder im Rahmen ihrer Möglichkeiten bleiben. Die Schulden müssen 21 Europäische Union (2010).

36 36 Laut IWF-Szenarien werden die Krisenländer die wesentlichen Stabilitätsziele durch Haushaltskonsolidierung allein nicht erreichen Laut IWF-Szenarien werden die Krisenländer die wesentlichen Stabilitätsziele durch Haushaltskonsolidierung allein nicht erreichen Status Stabilitätsziele 2017 Können nicht erreicht werden Können u.u. erreicht werden 1 Können erreicht werden 20xx Jahr, in dem Ziel erreicht wird Maastricht-Kriterien Fiskalpakt Schuldenquote von max. 60% Verringerung der Schuldenquote Staatsdefizit von max. 3% Strukturell ausgeglichener Haushalt 2 Griechenland Irland Italien Portugal Spanien Schaubild 5 1 Voraussetzung: Entweder liegt die Schuldenquote 10 Prozentpunkte oder das Defizit 1 Prozentpunkt unter der Prognose 2 Der strukturelle Haushaltssaldo ist definiert als konjunkturbereinigter Haushalt und enthält keine einmaligen oder befristeten Maßnahmen QUELLE: IWF; Europäische Kommission; Eurostat; Presse; McKinsey bedienbar sein. Dies sichert den Kapitalmarktzugang. Da bereits umfangreiche Maßnahmen beschlossen wurden und diese kurzfristig negative Effekte auf die Gesamtwertschöpfung haben, gibt es neben der stringenten Umsetzung dieser Maßnahmen nur begrenzten Spielraum für eine weitere Konsolidierung. Die strukturellen Probleme der Krisenländer lassen sich mit diesem Hebel allein nicht lösen. Tatsächlich zeigen die erheblichen Konsolidierungsanstrengungen der Krisenländer bereits Wirkung bei der Sanierung der Staatsfinanzen. Laut den aktuellen IWF-Szenarien wird die geplante Konsolidierung aber nicht in allen Krisenländern ausreichen, um das im Fiskalpakt 22 formulierte Ziel einen strukturell ausgeglichenen Haushalt bis 2017 zu erreichen (Schaubild 5). Entscheidend wird daher sein, die Umsetzung der beschlossenen Maßnahmen mit einzelnen neuen Maßnahmen zu ergänzen. In einzelnen Ländern sind die Konsolidierungsmaßnahmen bereits recht drastisch und weitere Maßnahmen könnten zu Konflikten führen, die die Reformbemühungen insgesamt untergraben würden. Im Vergleich zum Durchschnitt früherer umfangreicher Konsoli dierungs programme (Einsparungen von 9,2% des potenziellen BIP über einen Zeitraum von acht Jahren) sticht vor allem das geplante griechische Programm mit einem Einsparziel von 11,6% zwischen 2009 und 2017 heraus (Schaubild 6). Aus diesem Grund sehen wir auch in Griechenland über die bereits geplanten Bemühungen hinaus kein weiteres Potenzial. 22 Europäische Union (2012).

37 Die Goldenen Zwanziger 2. Die Eurokrise. Der Weg in eine Transformations- statt Transferunion 37 Das griechische Konsolidierungsprogramm zählt zu den ambitioniertesten der vergangenen 20 Jahre in Industrieländern Das griechische Konsolidierungsprogramm zählt zu den ambitioniertesten der vergangenen 20 Jahre in Industrieländern Rückgang des strukturellen Haushaltssaldos 1 in Prozent des potenziellen BIP 2 Historische Haushaltskonsolidierungen Geplante Haushaltskonsolidierungen in Krisenländern Russland Schweden Griechenland Griechenland Türkei Argentinien Finnland Italien Kanada Großbritannien Slowakei Island Ungarn Belgien Belgien Irland Portugal Spanien Italien ,8 9,5 9,4 8,7 8,7 8,5 8,5 8,5 8,4 8,4 8,2 Ø 9,2 12,8 11,6 11,0 1 Der strukturelle Haushaltssaldo ist konjunkturbereinigt; Veränderungen resultieren aus diskretionären staatlichen Maßnahmen 2 Das potenzielle BIP ergibt sich aus dem langfristigen BIP-Trend (ebenfalls konjunkturbereinigt) QUELLE: IWF; McKinsey 3,3 5,0 7,2 7,2 20,9 Schaubild 6 Je nach Sozialstaatsmodell und Zuschnitt des öffentlichen Sektors erkennen wir auch in den übrigen Ländern nur noch begrenzte Möglichkeiten für weitere Maßnahmen zur Senkung der Staatsausgaben oder Erhöhung der Abgabenquote. Unsere Potenzialschätzung beruht auf historischen Beispielen; sie berücksichtigt bereits geplante Sparmaßnahmen und unterstellt, dass Staaten wegen der negativen Effekte solcher Maßnahmen auf die Realwirtschaft (abhängig vom Fiskalmultiplikator, siehe Textbox 5) und administrativen Beschränkungen ihren Haushaltssaldo um maximal 1,5 bis 2,5% p.a. des BIP verbessern können. Fiskalmultiplikatoren Effekte und Maßnahmen Textbox 5 Ein Fiskalmultiplikator gibt an, wie stark die Veränderung der Staatsausgaben die gesamtwirtschaftliche Produktion beeinflusst, und misst damit den Effekt fiskalpolitischer Maßnahmen auf die Realwirtschaft. 23 Ein Multiplikator von 1 bedeutet, dass eine Kürzung der Staatsausgaben um 1 EUR das BIP ebenfalls um 1 EUR senkt. Negative Auswirkungen einer Sparpolitik (Steuererhöhungen, Ausgabenkürzungen) auf das BIP sind mithin umso weniger zu erwarten, je niedriger der Multiplikator ist. 23 Für unsere Zwecke unterscheiden wir hierbei nicht zwischen den Multiplikatoren verschiedener Sparmaßnahmen, da die Wissenschaft bei der Frage, ob Steuererhöhungen oder Ausgabenkürzungen das Wachstum stärker bremsen, gespalten ist. Alesina et al. sind z.b. der Auffassung, dass Staatsausgaben in der Regel wenig effizient sind und Kürzungen somit keinen großen Schaden anrichten; vgl. Alesina/Perotti (1995), Alesina/Carlo/ Giavazzi (2012). Der IWF hingegen kommt zu dem Schluss, dass Steuererhöhungen zum Teil zu Lasten der privaten Ersparnisse gehen und somit keinen großen Einfluss auf die Konsumausgaben haben; vgl. Spilimbergo/Symansky/Schindler (2009).

38 38 Nach Angaben der EU-Kommission liegen die Multiplikatoren für dauerhafte Haushaltskonsolidierungen in Europa (Griechenland ausgenommen) in normalen Zeiten zwischen 0,0 und 0,7. Angesichts des Ausmaßes der aktuellen Krise und der umfangreichen Sparmaßnahmen, die die Krisenländer bereits ergriffen haben, setzen wir für Ausgabenkürzungen wie für Steuererhöhungen in unserem Modell einen Fiskalmultiplikator von 1,0 an. Unter den aktuellen Bedingungen ist das eine plausible und dennoch vorsichtige Annahme. Ein Grund ist, dass die Zentralbanken die Folgen der Sparpolitik nicht geldpolitisch abfedern können. Unsere Schätzung von 1,0 ist konservativ. Sie drückt aus, dass höhere Sparanstrengungen kontraproduktiv sein dürften. Darin stimmen wir mit anderen aktuellen Untersuchungen überein. Beispielsweise kommt der IWF in seinem aktuellen World Economic Outlook zu dem Schluss, dass der Multiplikator derzeit deutlich über dem historischen Mittel liegt (d.h. bei 0,9 oder mehr), und hat seine Wachstumserwartungen folglich nach unten korrigiert. 24 Insgesamt rechnen wir in unserem Modell mit begrenzter und zielgerichteter weiterer Konsolidierung in Bereichen, in denen Sparmaßnahmen eine geringe Bremswirkung haben, also private Investitionen und privaten Konsum kaum verringern. Verkauf von Staatsvermögen: Chance auf einmalige Schuldensenkung Während Sparmaßnahmen und Wachstumsreformen den Haushalt sanieren und die Schuldenquote Schritt für Schritt senken, kann ein fokussierter Verkauf von Staatsvermögen die Quote einmalig verringern (um 1,1% in Italien und bis zu 12,6% in Portugal). Allerdings werden manche Vermögenswerte derzeit kaum nachgefragt (vor allem wenn zu befürchten ist, dass das Land die Eurozone verlassen könnte) oder würden keinen angemessenen Preis erzielen, so dass diese Werte erst nach einer wirtschaftlichen Erholung verkauft werden sollten. Über ausreichende Liquidität für eine rasche Veräußerung dürften vorwiegend finanzielle Vermögenswerte verfügen. Insgesamt ist das Volumen dieser öffent lichen finanziellen Vermögenswerte enorm; es liegt zwischen 26% des BIP in Italien und 43% in Portugal. Unternehmensbeteiligungen sind ein besonders großer Teil dieses Vermögens (29 bis 46%). Bei schrittweisen Privatisierungen dieser Beteiligungen bis zu einer Quote des Finanzvermögens von 25% des BIP also in etwa dem Niveau Italiens heute können die Krisenländer bis 2017 mehr als 100 Mrd. EUR erlösen (Schaubild 7). Der Verkauf von Unternehmensbeteiligungen zeigt auch, dass es der Politik ernst ist, Waren und Dienstleistungen so weit wie möglich in einem wettbewerblichen Umfeld 24 Internationaler Währungsfonds (2012a).

39 Die Goldenen Zwanziger 2. Die Eurokrise. Der Weg in eine Transformations- statt Transferunion 39 In den Krisenländern besitzt die öffentliche Hand erhebliches Finanzvermögen, das insbesondere aus Unternehmensbeteiligungen besteht In den Krisenländern besitzt die öffentliche Hand erhebliches Finanzvermögen insbesondere bestehend aus Unternehmensbeteiligungen Zusammensetzung des staatlichen Finanzvermögens 1, 2011 in Prozent Aktien und sonstige Beteiligungen Griechenland 45 Sonstiges Finanzvermögen 2 55 Gesamt in Mrd. EUR 76 in Prozent des BIP 35,4 Irland ,9 Italien ,9 Portugal ,4 Spanien ,7 1 Nicht finanzielle Vermögenswerte (z.b. Immobilien) werden nicht systematisch erfasst, können aber zusätzlich von Bedeutung sein 2 Beinhaltet Reserven in eigener Währung, Fremdwährungsreserven, Kredite und Wertpapiere, Gold QUELLE: IWF; Eurostat; McKinsey Schaubild 7 anzu bieten ein wichtiges Signal an Investoren. Viele erfolgreiche Privatisierungen in ganz Europa belegen zudem, dass diese ein möglicher Weg sind, die Produktivität zu steigern und Unternehmen zu Wachstum zu verhelfen mit dem Effekt, dass die Kunden von besseren Preisen und Services profitieren. Zwar kann der Verkauf von Staatsvermögen die grundlegenden strukturellen Probleme dieser Länder nicht lösen, weil es sich um Einmaleffekte handelt. Doch zumindest ließen sich die Schuldenquote und zukünftige Zinsbelastungen durch den Verkauf von Staatsvermögen trotz der genannten Restriktionen in einigen Ländern deutlich senken. Wachstumsprogramme: zentraler Hebel für Stabilisierung und Aufschwung Bei der Bewältigung der Eurokrise spielten Wachstumsprogramme gegenüber den massiven Konsolidierungsmaßnahmen bislang nur eine untergeordnete Rolle. EU-Kommission, IWF und nationale Regierungen haben die Notwendigkeit solcher Programme erst spät erkannt stellte die EU-Kommission immerhin das Konzept für eine übergreifende Industriepolitik vor, um die Weichen für eine starke und diversifizierte industrielle Basis in Europa zu stellen Europäische Kommission (2012).

40 40 Angebotsorientierte Reformen könnten durch eine verbesserte Wettbewerbsfähigkeit der Krisenländer maßgeblich dazu beitragen, die Schuldenkrise durch Wachstum in den Griff zu bekommen. Ausgehend von Erfolgsbeispielen verschiedener europäischer Länder ergibt sich über die nächsten fünf Jahre ein erhebliches Potenzial zur Senkung der Schuldenquote durch wachstumssteigernde Reformen zwischen 9,0% (Irland) und 15,5% (Griechenland). Angesichts der tief greifenden Probleme in den Krisenländern dürfte die Rückkehr zu solidem Wachstum allerdings keine leichte Aufgabe werden zumal von den finanziell angespannten öffentlichen und privaten Haushalten, also der Nachfrageseite, nur schwache Impulse zu erwarten sind. Pauschale Investitionen der öffentlichen Hand in Infrastrukturprojekte allein zur Nachfragestimulation scheinen mit Blick auf die bereits erreichten Standards ohnehin nicht sinnvoll. Um die Bedingungen auf der Angebotsseite zu verbessern, können Regierungen auf drei weithin anerkannte Wachstums treiber setzen: die Verbesserung des Investitionsumfelds für private Unternehmen, eine Reform der Arbeitsmärkte und höhere Investitionen in Forschung und Entwicklung. Einige Länder in Europa haben gezeigt, wie man vorgehen kann, um private Investitionen zu fördern (z.b. attraktive Rahmenbedingungen für Unternehmen in Irland und der Slowa kei), Arbeitsmärkte zu reformieren (z.b. Agenda 2010 in Deutschland) und Innovationen anzustoßen (z.b. konstant hohe F&E-Ausgaben in Finnland und Estland). Von diesen Erfolgsbeispielen haben wir Ansatzpunkte für Regierungen abgeleitet. Sinnvolle Zielwerte für diese drei Aufgaben lassen sich Vorschlägen der EU-Kommission entnehmen (siehe Textbox 6). Textbox 6 Wirtschaftsindikatoren welche Ziele sollten als Maßstab für die Erholung gelten? Beim Europäischen Stabilitäts- und Wachstumspakt sowie beim Fiskalpakt werden die Fortschritte der Länder auf dem Weg zu dauerhafter Stabilität anhand fester Schuldenund Defizitziele beurteilt. Die Staatsverschuldung soll maximal 60% betragen, mittelfristig sollten die Länder einen strukturell (also im Mittel des Zyklus) ausgeglichenen Haushalt erreichen (Fiskalpakt). Angesichts der aktuellen Schuldensituation in der Eurozone ist eine Schuldenquote von 60% mittelfristig für einige Länder implausibel. Die Trag fähigkeit der Verschuldung hängt vom Verhältnis von Zinszahlungen zu Primärüberschüssen ab, also von den öffentlichen Mitteln, die für Zinsendienst und Schuldentilgung zur Verfügung stehen. Daher konzentrieren wir uns auf drei Ziele: die Reduzierung der Schuldenquote, sofern diese über 60% liegt, ein Haushaltsdefizit von maximal 3% und strukturell ausgeglichene Haushalte als mittelfristiges Ziel bis Um auch die Fortschritte in der Realwirtschaft im Auge zu behalten, die für die Bürger häufig relevanter sind, verwenden wir analog zur Europäischen Kommission mehrere realwirtschaftliche Indikatoren, mit denen die Wachstumswirkungen staatlichen Handelns beurteilt werden können. Diese Indikatoren sollten wie Haushaltsziele überwacht und ausgewiesen werden. Die verwendeten Kriterien sind jeweils einem Wachstumstreiber zugeordnet und werden von uns unter dem Begriff EHCI-Ziele zusammengefasst (Economy Health Control Indicators).

41 Die Goldenen Zwanziger 2. Die Eurokrise. Der Weg in eine Transformations- statt Transferunion 41 Kapital: Anteil der Investitionen von 23% des BIP (wie in der neuen Industriepolitik der EU-Kommission spezifiziert) 26 Arbeitsmärkte: Beschäftigungsquote von 75% bei den 20- bis 64-Jährigen (wie in den Europa-2020-Indikatoren 27 veranschlagt) Innovation: Gesamtanteil der öffentlichen und privaten F&E-Investitionen am BIP von 3% (wie in den Europa-2020-Indikatoren angestrebt). In ihrem Konzept zu einer neuen Industriepolitik fordert die Kommission eine Erhöhung der Investitionsquote auf 23% des BIP. Diese Zielmarke basiert auf einer Abschätzung der Aufwendungen, die zur nachhaltigen Steigerung der Produktivität notwendig sind, und liegt leicht über dem Vorkrisenniveau. Fördern lassen sich solche (privaten) Investitionen z.b. durch erleichterten Kapitalzugang und gezielte regulatorische Vereinfachungen für produzierende Unternehmen. Infolge der zurzeit unterschiedlichen Investitionsquoten variiert die Investitionslücke und damit das Wachstumspotenzial von Land zu Land erheblich. Für die Krisenländer sehen wir erhebliches zusätzliches Investitionspotenzial, das über die Jahre ansteigt und 2017 um ca. 140 Mrd. EUR über den bisherigen Schätzungen des IWF liegt (Schaubild 8). Um die Investitionsquoten näher an das 23%-Ziel der Kommission zu bringen, sind 2017 zusätzliche Investitionen von 140 Mrd. EUR erforderlich Um die Investitionsquoten näher an das 23%-Ziel der Kommission zu bringen, sind 2017 zusätzliche Investitionen von 140 Mrd. EUR erforderlich Nominale Investitionen p.a., 2017 in Mrd. EUR Vom IWF prognostizierte Investitionen Zusätzliche Investitionen Investitionsquote 2017 in Prozent Italien ,0 Spanien ,0 Portugal ,8 Griechenland ,3 Irland ,6 QUELLE: IWF; EU-Kommission; McKinsey Zusätzliche Wachstumsinvestitionen 2017 von insgesamt ca. 140 Mrd. EUR p.a. Schaubild 8 26 Europäische Kommission (2010a). 27 Europäische Kommission (2010b).

42 42 Diese Investitionen können prinzipiell aus vier Quellen kommen: dem Staat, privaten Haushalten, ausländischen Direktinvestitionen und Unternehmen. Staatliche Investitionen dürften in Zeiten von Budgetkürzungen aber kaum spürbar steigen, dasselbe gilt für den privaten Wohnungsbau in den Krisenländern. Der Löwenanteil der Investitionen muss demnach von den Unternehmen kommen, die angesichts herrschender Ungewissheit und fehlender Absatzperspektiven auch erhebliche Barreserven angehäuft haben. Nach unseren Berechnungen sollten zumindest Italien und Spanien die von der EU-Kommission vorgegebene Investitionsquote von 23% des BIP bis 2017 erreichen. Für Portugal (20,8%), Griechenland (19,3%) und Irland (14,6%) sind die Zielquoten niedriger, weil diese Länder von einer deutlich niedrigeren Ausgangsbasis starten. Die Investitionen erhöhen das BIP in den Krisenstaaten erheblich und senken somit auch die Schuldenbelastung. So ließe sich die Staatsschuldenquote in Griechenland bis 2017 durch Schließen der Investitionslücke um mehr als 7 Prozentpunkte reduzieren, während Spanien die Quote vor allem mit Investitionen in lokale und unternehmensnahe Dienstleistungen sogar um 8 Prozentpunkte senken könnte. Um das Umfeld für private Investitionen zu verbessern, schlagen wir eine Anschubfinanzierung im Rahmen eines EU-Investitionsprogramms vor (aufgelegt von der Europäischen Investitionsbank). Das Programm dürfte nach unseren Berechnungen zwischen 2013 und 2017 einen öffentlichen Anteil von 20 Mrd. EUR p.a. erfordern. Dieses Geld sollte z.b. dazu eingesetzt werden, Investitionsvorhaben kleiner und mittlerer Unternehmen sowie öffentlich-private Partnerschaften (also die Teilübernahme von Risiken durch die öffentliche Hand) zu unterstützen. Ein entscheidender Hebel zur Verbesserung der Beschäftigungslage ist die Reformierung der Arbeitsmärkte etwa durch Aufhebung der stark unterschiedlichen Behandlung von befristeten und unbefristeten Verträgen (duale Arbeitsmärkte etwa in Spanien), Förderung der Selbstständigkeit durch Gründerzentren oder Kleinkreditprogramme, flexiblere Beschäftigungsschutzregelungen sowie gezielte Anwerbung erfahrener Arbeitskräfte aus dem Ausland. Als Basis für den geschätzten Effekt von Arbeitsmarktreformen dienen verschiedenste von der OECD zusammengestellte und analysierte Reformen 28 sowie zwei vielfach diskutierte Beispiele: Flexicurity 29 und die Agenda 2010 in Deutschland. Auch die EU hat sich mit der Agenda Europa 2020 das Ziel gesetzt, bei den 20- bis 64-Jährigen eine Beschäftigungsquote von 75% zu erreichen. 30 Da es eine gewisse Zeit dauert, bis Arbeitsmarktreformen greifen, und die Beschäftigungsquote heute in einigen Ländern sehr gering ist (58,2% in Griechenland, 61,8% in Spanien), werden die meisten Krisenländer dieses Ziel bis 2017 nicht erreichen. Dennoch ist eine deutliche Senkung der Schuldenquote mit Hilfe von Arbeitsmarktreformen möglich in Griechenland um bis zu 6,6 Prozentpunkte bis Auch andere Länder könnten stark profitieren; nur Irlands Arbeitsmarkt ist bereits so flexibel, dass wenig Raum für Verbesserungen bleibt. 28 OECD (2012a). 29 Dänische Arbeitsmarktreform in den 1990er Jahren zur Steigerung der Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt bei gleichzeitig größerer Arbeitsplatzsicherheit. 30 Europäische Kommission (2010b).

43 Die Goldenen Zwanziger 2. Die Eurokrise. Der Weg in eine Transformations- statt Transferunion 43 Ebenfalls Teil der Europa-2020-Ziele sind höhere Ausgaben für Forschung und Entwicklung, um die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Das hier definierte Ziel von 3% des BIP scheint sinnvoll, liegt jedoch deutlich über dem aktuell erreichten Wert, z.b. in Griechenland (0,6%, Stand 2007) oder Irland (1,8%, Stand 2010). Laut entsprechen den Analysen scheint eine Verbesserung um gut 0,2 Prozentpunkte p.a. möglich. 31 Allerdings ist dieser Anstieg zu langsam, als dass die meisten Krisenländer das 3%-Ziel bis 2017 erreichen könnten. Auch die resultierenden Wachstumseffekte dürften sich erst all mäh lich einstellen. Höhere Investitionen in Forschung und Entwicklung könnten die Schulden quote in Griechenland bis 2017 um mehr als 1 Prozentpunkt senken, während sie in anderen Ländern die Schuldenquote kurzfristig kaum reduzieren dürften. Trotz dieses kurz- und mittelfristig geringen Potenzials ist die verbesserte Innovations kraft von ent schei dender langfristiger Bedeutung, um die Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder zu steigern. Mit Hilfe umfangreicher Reformprogramme Sparmaßnahmen, Privatisierungen und vor allem wachstums- und innovationsfördernde Reformen könnten 2017 alle Krisenländer die Defizitziele des Stabilitäts- und Wachstumspakts sowie des Fiskalpakts erreichen. Die Schuldenquoten ließen sich deutlich stärker senken als vom IWF für 2017 prognostiziert: um 29,3 Prozentpunkte in Portugal, 21,0 in Irland, 18,5 in Spanien, 15,6 in Italien und 15,5 in Griechenland (Schaubild 9). Alle Krisenländer könnten ihre Schuldenquote deutlich stärker senken als vom IWF prognostiziert Alle Krisenländer könnten ihre Schuldenquote deutlich stärker senken als vom IWF prognostiziert Schuldenabbau Senkung der Schuldenquote bis 2017 über die IWF-Prognose hinaus 1 in Prozentpunkten Griechenland Irland Italien Portugal Spanien Geringere Staatsausgaben ,1 1,6 2,1 Höhere Abgabenquote 0 2 2,8 0 1,8 2,3 Verkauf von Staatsvermögen ,2 1,1 12,6 2,3 Wachstumsimpulse Höhere Investitionen 7,7 7,6 6,4 9,0 8,0 Arbeitsmarktreformen 6,6 1,2 3,2 3,7 3,6 Höhere F&E-Aufwendungen 4 1,2 0,2 0,8 0,6 0,2 Gesamtpotenzial 15,5 21,0 15,6 29,3 18,5 1 Die beiden Hebel mit dem größten Potenzial pro Land sind fett markiert 2 Maßnahme nicht ergriffen, weil der Effekt wegen der enormen Schuldenquote Griechenlands bei einem Multiplikator von 1,0 negativ ist 3 Privatisierung von Aktien und sonstigen Unternehmensbeteiligungen 4 Stärkere Wirkung erst nach 5 Jahren QUELLE: IWF; Eurostat; McKinsey Schaubild 9 31 Bayoumi et al. (1999).

44 44 Diese Erfolge fußen jedoch im Rahmen der beschriebenen Maßnahmen auf unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen in den einzelnen Ländern. Wir sehen zwar in allen Ländern mehr Potenzial in Wachstumsimpulsen als in direkten Maßnahmen zum Schuldenabbau, es gibt aber Unterschiede im Detail. In Irland mit seinem flexiblen Arbeitsmarkt beispielsweise hat eine Stimulierung von Investitionen das größte Potenzial. In puncto Schuldenabbau könnten Spanien und Italien mit weiteren Sparmaßnahmen viel bewirken, während Portugal und Irland ihre Schuldenquote vor allem durch den Verkauf von Staatsvermögen senken könnten. Ein Sonderfall ist Griechenland: Hier sehen wir weder bei der Haushaltskonsolidierung noch bei Vermögensverkäufen weiteren Spielraum. Griechenland ist auch das einzige Land, das bis 2017 keine nachhaltige Schuldenquote erreichen wird selbst mit tief greifenden Reformen dürfte die Quote auf höchstens ca. 138% sinken. Das Land wird bis 2017 also kaum auf die Finanzmärkte zurückkehren können. Öffentliche Gläubiger (die ca. 75% der Schulden halten) werden wohl entweder die Laufzeit der Kredite zu einem niedrigen Zinssatz verlängern oder einen Teil ihrer Positionen abschreiben müssen. Dieser Schuldenschnitt scheint derzeit die einzige Möglichkeit zu sein, um das Schuldenniveau Griechenlands bald auf ein akzeptables Maß zu drücken immer vorausgesetzt, das Land setzt gleichzeitig die Maßnahmen zur Haushaltskonsolidierung konsequent um. Die Rolle der deutschen Wirtschaft und Politik Die Eurozone kann die gegenwärtige Krise nur überwinden, wenn Deutschland als größte europäische Volkswirtschaft eine zentrale Rolle bei der Entwicklung und Finanzierung einer kohärenten Wachstumsstrategie übernimmt. Deutschland sollte insbesondere bei der Wachstumssicherung mit gutem Beispiel vorangehen und weitere angebotsorientierte Reformen im eigenen Land umsetzen. Darüber hinaus sollte sich Deutschland darauf einstellen, finanziell insbesondere mit Investitionen zur Erholung der Europeripherie beizutragen: Deutsche Unternehmen könnten einen Teil der Wachstumspotenziale nutzen, die sich derzeit in den krisengeschüttelten Ländern bieten. Damit würden sie die Stabi lisierung in den Krisenländern unterstützen und könnten zudem von steigender Nachfrage profitieren. Trotz umfangreicher Reformen in der Vergangenheit gilt es, die Produkt- und Arbeitsmärkte in Deutschland weiter zu reformieren, um Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Dies ist vor allem notwendig, da einige Faktoren, die den aktuellen Erfolg begünstigt haben, mittelfristig wegfallen werden: Mit einsetzender Erholung der Krisenländer wird der Euro vermutlich weiter an Wert gewinnen. Folglich dürfte die deutsche Wirtschaft negative Wechselkurseffekte zu spüren bekommen und sollte sie keine weiteren Reformen einleiten gegenüber Ländern außerhalb der Eurozone an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. Die deutsche Exportindustrie war in den vergangenen Jahren hervorragend aufgestellt, um die Nachfrage aus Schwellenländern, vor allem China, zu befriedigen. Diese

45 Die Goldenen Zwanziger 2. Die Eurokrise. Der Weg in eine Transformations- statt Transferunion 45 Position muss jedoch fortlaufend neu erarbeitet werden (siehe Kapitel 3 Die Industriestruktur ). Eine gute Infrastruktur hat in der Vergangenheit maßgeblich zum wirtschaftlichen Erfolg beigetragen. Derzeit vernachlässigt Deutschland aber seine Infrastruktur und investiert weniger in Stromleitungen, Straßen und Schienen, als für deren Erhalt notwendig wäre. 32 Dies wird die Position im Wettbewerb mittelfristig schwächen. Ein echtes Stabilisierungs- und Wachstumsprogramm umfasst daher nicht nur Maßnahmen für die Krisenländer, sondern hat auch drei wichtige Reformimplikationen für Deutschland: 1. Weitere Strukturreformen und ein verbessertes Investitionsklima sind erforderlich, um die Produktivität und die Wertschöpfungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu sichern und Innovationen zu ermöglichen. Ein Anhaltspunkt für weitere Reformbemühungen sind die beschriebenen Maßnahmen für die Krisenländer. Durch entsprechende Anstrengungen bei der Haushaltskonsolidierung, bei Privatisierungen und Investitionen, Arbeitsmarktreformen und F&E-Ausgaben ließe sich die Staatsschuldenquote Deutschlands bis 2017 deutlich reduzieren. In den IWF-Szenarien für Deutschland verringert sich die Schuldenquote auf 73,7% des BIP; wir halten sogar eine darüber hinausgehende Reduktion der Schuldenquote für erreichbar. Besonders wirksam wären nach unserer Berechnung zusätzliche Investitionen, Privatisierungen und Ausgabenkürzungen. Zwar sollte die Bundesregierung kurzfristig keine drastischen Einsparungen vornehmen, um die Eurozone nicht in eine tiefe Rezession zu stürzen dennoch besteht großes Potenzial, das Deutschland mittelfristig erschließen könnte und sollte. 2. Deutschland ist außerdem gefordert, neben dem Austausch von Expertise auch finanzielle Unterstützung zu leisten, damit sich die Wirtschafts- und Beschäftigungssituation in Griechenland, Italien, Irland, Portugal und Spanien verbessert. Um das Ziel von 140 Mrd. EUR p.a. an zusätzlichen Gesamtinvestitionen in den Krisenländern zu erreichen, wird Deutschland angesichts der schwierigen Lage in anderen Ländern einen Großteil der erforderlichen Anschubfinanzierung von 20 Mrd. EUR in den Jahren 2013 bis 2017 übernehmen müssen. Bei einem angenommenen Finanzierungsanteil von 50 bis 60% würde Deutschland dann bis zu 12 Mrd. EUR p.a. (3 bis 4% des aktuellen Bundes haushalts) tragen müssen. 3. Die deutsche Politik kann durch den Anstoß von Reformen auf europäischer Ebene (anhand der beschriebenen Maßnahmen) aus der Defensive kommen. Nicht zuletzt mit Blick auf die europäischen Institutionen und die Krisenländer, die derzeit die Diskussion dominieren, sollte Deutschland eine greifbare Vision für die künftige Entwicklung der Eurozone formulieren. Auf diese Weise kann Deutschland aktiv dazu beitragen, dass die Eurozone dauerhaft auf einen Wachstumspfad zurückkehrt. 32 McKinsey & Company (2012d).

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47 Die Goldenen Zwanziger 3. Die Industriestruktur. Neues Wachstum in Deutschland auf erfolgreicher Basis Die Industriestruktur. Neues Wachstum in Deutschland auf erfolgreicher Basis Im vergangenen Jahrzehnt profitierte Deutschland von der starken Nachfrage nach deutschen Gütern im Ausland und konnte so seine Position einer weltoffenen, integrierten Volkswirtschaft unterstreichen. Die wachsenden Schwellenländer haben dazu beigetragen sie werden künftig für Deutschland noch wichtiger werden: Die Importe in die BRIC-Staaten werden bis 2025 um 220% wachsen, begünstigt durch eine weitere Milliarde zahlungsfähiger Konsumenten. Doch diese Chancen wollen erst erarbeitet sein: Um sie zu nutzen, muss die deutsche Industrie ihre Produktivität steigern, sich auf neue, stark wachsende Branchen konzentrieren und trotz des demografischen Wandels ausreichend Fachkräfte gewinnen. Starker Export, leistungsfähige Unternehmen, begehrte Produkte Ohne starken Export wäre der heutige wirtschaftliche Erfolg in Deutschland undenkbar. So sind etwa 40% des Wirtschaftswachstums der vergangenen zehn Jahre auf den Export zurückzuführen (Schaubild 10). Zugleich stieg die Zahl der Arbeitsplätze, die direkt oder indirekt vom Export abhängen, von 8 Mio. auf rund 10 Mio. Damit verdankt inzwischen jeder vierte Beschäftigte in Deutschland seinen Arbeitsplatz direkt oder indirekt dem Deutsche Nettoexporte machten im vergangenen Jahrzehnt deutlich mehr als 40% des BIP- Wachstums aus Deutsche Nettoexporte machten im vergangenen Jahrzehnt deutlich mehr als 40% des BIP-Wachstums aus Beitrag zum realen BIP-Wachstum in Deutschland, in Prozentpunkten Gesamtes BIP- Wachstum 0,0-0,4 1,2 0,7 3,7 3,3 1,1-5,1 4,2 3,0 11,8 43% des Wachstums 5,1 Nettoexporte Privater Verbrauch, öffentlicher Verbrauch, Investitionen 1,9-1,9 0,4-0,8 1,2 0,9 0-0,2 1,1 2,6 1,5 1,8 0 1,1-2,8 1,7 0,6 2,5 2,4 6,7-2, Gesamt QUELLE: Statistisches Bundesamt Deutschland; McKinsey Schaubild 10

48 48 Export. Auch im internationalen Vergleich ragt Deutschland heraus. So liegen die deutschen Exporte in absoluten Zahlen nach den US-amerikanischen und chinesischen auf dem dritten Platz. Misst man die Exporte pro Kopf, so liegt Deutschland mit EUR deutlich vor anderen großen Exportnationen (z.b. Großbritannien mit EUR). Die wichtigsten deutschen Exportgüter sind Fahrzeuge/Fahrzeugteile, Maschinen sowie Chemie-/Pharmaprodukte. Sie tragen jeweils zwischen 13 und 15% zu Deutschlands Exporten bei. Hauptabsatzziele sind die EU-15-Länder (48% der deutschen Exporte 2011), gefolgt von der restlichen EU (12%), den BRIC-Ländern (11%) sowie Japan und den USA (zusammen 8%). Allerdings weichen die Zahlen in einzelnen Branchen deutlich von diesen Durchschnittswerten ab so beträgt der Anteil der deutschen Maschinenbauexporte in die BRIC-Länder 21%, weil dort verstärkt Produktionskapazitäten aufgebaut werden. Zudem werden die BRIC-Länder als Kunden für Deutschland immer wichtiger der Export dorthin wuchs mit 13% p.a. von 2001 bis 2011 deutlich schneller als der Export in andere Staaten. Nur schwach stiegen hingegen die Exporte in die EU-15-Länder (+3,7% p.a.) sowie nach Japan und in die USA (zusammen +0,9% p.a.) (Schaubild 11). Die deutschen Exporterfolge lassen sich vor allem auf vier Faktoren zurückführen: überzeugende Premiumprodukte, passende Angebotsstruktur, weltweite Präsenz und wettbewerbsfähige Lohnkosten. Über alle Branchen sind die EU-15-Länder wichtigstes Exportziel das stärkste Wachstum wurde jedoch beim Güterexport in die BRIC-Länder erzielt Über alle Branchen sind die EU-15-Länder wichtigstes Exportziel das stärkste Wachstum wurde jedoch beim Güterexport in die BRIC-Länder erzielt Regionale Aufteilung der Güterexporte für ausgewählte Branchen CAGR , nominal, in Prozent EU-15 EU-27 ohne EU-15 BRIC Japan, USA 100% Rest der Welt Automobilindustrie 2,5 6,7 20,1-1,3 7,8 Maschinenbau 2,7 7,9 14,6 1,8 6,7 Chemie (inkl. Pharma) 6,1 9,8 11,9 2,1 6,5 Sonstige 4,7 7,6 8,7 1,7 6,0 Gesamte Güterexporte 3,7 8,4 13,3 0,9 6,7 Schaubild 11 QUELLE: Statistisches Bundesamt Deutschland; McKinsey

49 Die Goldenen Zwanziger 3. Die Industriestruktur. Neues Wachstum in Deutschland auf erfolgreicher Basis 49 Überzeugende Premiumprodukte Deutsche Exporte sind häufig im Premiumsegment angesiedelt; sie bestechen durch herausragende Qualität, technische Perfektion und überlegene Gesamtkosten über den gesamten Lebenszyklus (Total Cost of Ownership). Daraus resultieren nicht nur hohe Absatzzahlen, sondern auch eine starke Kundenbindung: Chinesische Autokäufer beispielsweise sind deutschen Automarken besonders treu. Im McKinsey Premium Car Survey 2012 gaben 71% der chinesischen Käufer von Autos deutscher Marken an, sich beim nächsten Kauf wieder für eine deutsche Marke zu entscheiden. 33 Zum Vergleich: Bei japanischen Marken waren es nur 21%, bei amerikanischen Marken 6%. Zudem hat die deutsche Stärke im Premiumsegment den Vorteil, dass der Wettbewerb hier über das Produkt geführt wird und nicht nur über den Preis. Dadurch lassen sich die vergleichsweise hohen Lohnkosten in Deutschland besser tragen; außerdem können mögliche Konkurrenten wegen des erforderlichen Know-hows in Entwicklung und Produktion nicht so schnell in den Markt einsteigen. Diese Premiumorientierung setzt eine starke Forschungs- und Entwicklungsarbeit (F&E) voraus. So gaben deutsche Firmen und staatliche Stellen 2011 rund 2,8% des BIP für F&E aus. Das ist mehr als bei den europäischen Wettbewerbern (Eurozone insgesamt 2,1%), allerdings weniger als in innovationsstarken Ländern wie Südkorea (4,0%), Japan (3,4%) und den USA (2,9%). Passende Angebotsstruktur Die deutschen Stärken in Automobilindustrie, Maschinenbau sowie Chemie- und Pharmaindustrie passen besonders gut zur Nachfragestruktur stark wachsender Märkte. So stiegen in diesen Industrien die deutschen Exporte in die BRIC-Länder von 2001 bis 2011 ungefähr so stark wie die Importe dieser Länder (Maschinenbau: deutsche Exporte +15%/ BRIC-Importe +16%; Automobil: +21%/+24%; Chemie/Pharma: +12%/+15%). Auch künftig wird die Nachfrage nach Gütern dieser Industrien in den BRIC-Ländern weiter zunehmen davon können die deutschen Exporteure profitieren. Weltweite Präsenz Viele deutsche Unternehmen haben Niederlassungen und/oder starke Partner im Ausland, insbesondere in Schwellenländern. Oft investieren sie auch direkt vor Ort (Foreign Direct Investments, FDI). Der Gesamtwert dieser deutschen FDI 34 erhöhte sich von 2002 bis 2011 um 7% p.a. Besonders stark wuchsen die deutschen FDI in China (20% p.a.) und Indien (22% p.a.). Folglich stieg auch die Zahl der Jobs im Ausland: Während 1995 nur 8% der Gesamtbeschäftigten deutscher Unternehmen im Ausland arbeiteten, waren es 2010 schon 14%; im verarbeitenden Gewerbe stieg die Zahl im gleichen Zeitraum sogar von 20 auf 31%. Ein Beispiel für die weltweite Präsenz ist die chinesische Stadt Taicang nordwestlich von Shanghai. Dort haben sich mehr als 180 deutsche Unternehmen ver 33 McKinsey & Company (2012f). 34 D.h. die bestehenden Gesamtinvestitionen, nicht aber die Neuinvestitionen eines Jahres.

50 50 schiedener Branchen angesiedelt und arbeiten eng zusammen bis hin zum Aufbau von Infrastruktur mit deutschen Schulen und Ärzten. Solche Investitionen im Ausland wirken sich positiv auf die Exporte und die Wertschöpfung in Deutschland aus, weil Vorprodukte (z.b. Maschinen zur Fabrikeinrichtung oder Bauteile für Produkte) und Dienstleistungen aus Deutschland in den Fabriken deutscher Unternehmen im Ausland eingesetzt werden. Beispielsweise stieg die Ausfuhr von Automobilkomponenten nach China von 2002 bis 2011 um 23% p.a. Zusätzlich verbessert sich durch FDI die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, da sie von den niedrigeren Durchschnittskosten der globalen Wertschöpfungskette profitieren. Wettbewerbsfähige Lohnkosten Löhne und Lohnnebenkosten sind in Deutschland auf einem wettbewerbsfähigen Niveau, insbesondere gemessen an anderen EU-Ländern. Dies ist vor allem auf die Lohndisziplin der vergangenen Jahre zurückzuführen: Von 2000 bis 2010 stiegen die Lohnkosten im ver ar beitenden Gewerbe je Mitarbeiter in Deutschland um 17% in Großbritannien dagegen um 66%, in Frankreich um 34% und in Italien um 26%. Das spiegelt sich auch in den wettbewerbsrelevanteren Lohnstückkosten wider, die auch Produktivitätsänderungen berücksichtigen. Sie stiegen im verarbeitenden Gewerbe von 2000 bis 2010 in Deutsch land um 2%, in Großbritannien um 22%, in Frankreich um 11% und in Italien um 37%. Neue Konkurrenz Deutschland hat also vieles richtig gemacht und kann in den kommenden Jahren auf seinen Stärken aufbauen. Das allein wird aber nicht reichen, damit der Export nachhaltig weiter einen so großen Beitrag zum Wachstum in Deutschland leistet wie bisher. Denn gleich mehrere Entwicklungen stellen das deutsche Exportmodell vor eine Bewährungsprobe: verstärkter globaler Wettbewerb durch neue Konkurrenten aus den Schwellenländern, abnehmende Wirksamkeit der bisher zum Erhalt der deutschen Wettbewerbsfähigkeit genutzten Hebel, die kontinuierlich sinkende Zahl der Erwerbstätigen und Leistungs bilanzungleichgewichte in der Eurozone. Neu ist hierbei vor allem, dass die Konkurrenten aus den Schwellenländern nicht nur günstig produzieren, sondern auch hinsichtlich Technologie und Qualität zu den etablierten Unternehmen aus den Industrieländern aufschließen. Das nötige Know-how bauen sie derzeit mit Hilfe von drei Ansätzen auf: Technologien durch Übernahmen akquirieren. So kaufte etwa das chinesische Unternehmen Sany den deutschen Betonpumpenhersteller Putzmeister. Nach demselben Muster wurde Volvo von Geely aus China und Jaguar von Tata aus Indien übernommen. In Joint Ventures oder Partnerschaften lernen. Durch gemeinsames Arbeiten mit etablierten Unternehmen bietet sich Unternehmen aus Schwellenländern die Chance,

51 Die Goldenen Zwanziger 3. Die Industriestruktur. Neues Wachstum in Deutschland auf erfolgreicher Basis 51 von deren Prozessen und Know-how zu lernen. Besonders gut gelang China der Knowhow-Transfer beispielsweise bei Hochgeschwindigkeitszügen wie schon in den ersten Importverträgen vorgesehen. Zwischen 2004 und 2010 stieg dann der Anteil chinesischer Hochgeschwindigkeitszüge am heimischen Markt von 0 auf nahezu 100%. Das bedeutet allerdings nicht, dass der Westen komplett aus dem Geschäft wäre, denn in den chinesischen Zügen werden weiterhin zahlreiche Komponenten westlicher Hersteller verbaut. Mit Hilfe westlicher Dienstleister Know-how aufbauen. Der chinesische Automobilhersteller Great Wall setzte beispielsweise auf die Unterstützung durch ausländische Engineering-Firmen, um kostengünstige Prozesse und Standards zu entwickeln. Auf diese Weise konnte er bald der großen Nachfrage nach preiswerten Fahrzeugen mit attraktiven Modellen begegnen. Der zunehmende globale Wettbewerb schlägt sich teilweise schon in den Importen der BRIC-Länder nieder. Dort erzielen deutsche Unternehmen zwar generell weiter Erfolge (siehe oben), doch in Branchen wie IT/Elektronik/medizinische Geräte gingen von 2001 bis 2011 auch Marktanteile verloren die Importe der BRIC-Länder (+20% p.a.) stiegen doppelt so stark wie die deutschen Exporte in diese Länder (+10% p.a.). Hierbei gibt es jedoch starke Unterschiede zwischen den Branchen: Während sich die deutschen Exporte medizinischer Geräte in die BRIC-Länder noch recht gut hielten (deutsche Exporte +17% p.a./bric-importe +27% p.a.), ging die Schere bei Büromaschinen/IT (deutsche Exporte +2% p.a./bric-importe +18% p.a.) und bei Unterhaltungselektronik (deutsche Exporte -2% p.a./bric-importe +25% p.a.) deutlich auseinander. Dieses differenzierte Bild spiegelt auch die relative Stärke Deutschlands in diesen Branchen wider. Bisher haben deutsche Unternehmen die Wettbewerbsfähigkeit auf der Kostenseite vor allem durch geringe Lohnabschlüsse und den Aufbau von Kapazitäten im preiswerteren Ausland erhalten. Beide Hebel werden aber künftig nur noch eingeschränkt angewendet werden können. Denn die Nutzung des ersten Hebels (Lohnzurückhaltung) wird auf dem sich verknappenden Arbeitsmarkt zunehmend schwieriger und hemmt außerdem das Binnenwachstum. Künftige Lohnzuwächse sollten sich an den Produktivitätssteigerungen orientieren, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit nicht zu gefährden. Der zweite Hebel (Aufbau von Kapazitäten im Ausland) wird weniger Lohnkostenpotenziale erschließen, weil auch in den BRIC-Ländern die Löhne deutlich steigen. So will die neue chinesische Regierung den Wohlstand innerhalb von zehn Jahren verdoppeln das dürfte mit erheblichen Lohnsteigerungen einhergehen. Die beträchtlichen Exportüberschüsse Deutschlands, die mit entsprechenden Salden in den Leistungsbilanzen innerhalb der Eurozone, aber auch weltweit, einhergehen, werden international oft kritisch kommentiert. Sie sind folglich mit finanziellen und politischen Spannungen verbunden (siehe Textbox 7). Tatsächlich ist die Maximierung der Ausfuhrerlöse kein Selbstzweck. Vielmehr geht es darum, die erwirtschaftete Wertschöpfung und somit das Einkommen zu maximieren durch Verkäufe im Inland ebenso wie im Ausland. Im Unterschied zur volkswirtschaftlichen Perspektive, aus der Überschüsse jenseits einer bestimmten Höhe auf Dauer problematisch sind, macht es aus Sicht des einzelnen

52 52 Unternehmens keinen Unterschied, ob Waren und Dienstleistungen im In- oder Ausland verkauft werden; für Unternehmen sind Grenzen wenig relevant. Unsere Analyse zeigt, dass durch weitere Exportsteigerungen auch die binnenwirtschaftlichen Komponenten zulegen und somit sogar zu einer Verringerung des Leistungsbilanzüberschusses führen (siehe hierzu auch im Abschnitt Export als Motor der Entwicklung ). Ein weiterer Einflussfaktor setzt die Wertschöpfung zusätzlich unter Druck: Demografisch bedingt wird das Erwerbspersonenpotenzial (EPP) bis 2025 um 9,4% zurückgehen, wenn keine Gegenmaßen ergriffen werden (siehe Kapitel 5 Die Fachkräfte lücke ). Textbox 7 Leistungsbilanzungleichgewicht Probleme für Defizit- und Überschussländer, aber auch eine Lösung für die alternde Gesellschaft Innerhalb der Eurozone fallen die nationalen Leistungsbilanzen sehr unterschiedlich aus. Während Deutschland seit Jahren einen nahezu konstanten Überschuss von 6% des BIP aufweist, befinden sich wichtige südeuropäische Länder schon seit Einführung des Euro im Defizit (Zahlen für 2011: Griechenland -12%, Portugal -7%, Spanien -4%). Was bedeutet das? Vereinfacht gesagt entsteht ein Leistungsbilanzüberschuss, wenn ein Land mehr Waren und Dienstleistungen ins Ausland exportiert, als es einführt. 35 Dabei werden im Wert des Leistungsbilanzüberschusses Guthabenpositionen im Ausland aufgebaut und im gleichen Umfang wird Kapital exportiert. Ist das dauerhaft so, steigen jedes Jahr die Guthabenpositionen im Ausland. Die gleiche Logik gilt für ein Land mit einem Defizit in der Leistungsbilanz das Land baut Verschuldung im Ausland auf. Aus diesen Leistungsbilanzsalden können über die Zeit, insbesondere wenn das Korrektiv eines Wechselkurses 36 fehlt, Nettoschulden- oder Nettovermögenspositionen entstehen, die nicht nachhaltig sind. Sie stellen sowohl Defizit- als auch Überschussländer vor Herausforderungen: Für Defizitländer verstärkt der mit den Leistungsbilanzdefiziten einhergehende Kapitalimport die Verschuldung im Ausland. Damit werden diese Länder abhängiger davon, inwieweit die Investoren ihnen vertrauen. Zudem kann es durch den Kapitalimport zu einer Inflation bei Anlagegütern (z.b. auf dem Immobilienmarkt) kommen dies wiederum begünstigt eine problematische Ausdehnung des Bankensystems (z.b. durch umfangreiche Vergabe von Immobilienkrediten). Sollte auf Grund der zunehmenden Verschuldung in Frage gestellt sein, dass das Land die Schulden zurück zahlen kann, drohen kräftige Zinssteigerungen oder Finanzierungsengpässe. 35 Zusätzlich sind auch noch der Saldo der ausländischen Erwerbs- und Vermögenseinkommen und der Saldo der laufenden Übertragungen in der Leistungsbilanz zu berücksichtigen. 36 Anpassungsfähige Wechselkurse können das Entstehen nicht durchhaltbarer Schuldenpositionen verhindern. Handelsüberschüsse gehen grundsätzlich mit einem Aufwertungsdruck einher, der die preisliche Wettbewerbsfähgikeit bremst und damit die Überschüsse reduziert. Auf den Wechselkurs wirkt allerdings eine Vielfalt von weiteren Faktoren, so dass Ungleichgewichte prinzipiell kaum verhindert werden können.

53 Die Goldenen Zwanziger 3. Die Industriestruktur. Neues Wachstum in Deutschland auf erfolgreicher Basis 53 Für Überschussländer können Probleme entstehen, wenn in Frage steht, dass die Zielländer ihrer Kapitalexporte die Schulden bedienen können. Dann sind Zahlungsverzögerungen, Abschreibungen und Kreditausfälle möglich mit allen Dominoeffekten, die dies auslösen kann. Außerdem stehen die Mittel, die als Kapitalexporte ins Ausland gehen, nicht für die inländische Konsum- und Investitionsnachfrage zur Verfügung. Innerhalb des politischen und finanziellen Systems Europas können die Ungleichgewichte zudem Spannungen verursachen, beispielsweise wenn Mitglieder der Eurozone über Transfers und Interventionen der EZB diskutieren. Laufende Kapitalexporte in einer nachhaltigen Größenordnung sind aus nationaler Sicht aber durchaus erwünscht. Vielmehr hat eine Gesellschaft wie die deutsche, die altert, ein Interesse, durch den Erwerb von Ansprüchen angemessene Zukunftsvorsorge zu betreiben (intertemporale Konsumglättung). Denn die heutigen Kapitalexporte können helfen, die auf Grund des sinkenden EPP zurückgehende Wertschöpfung zu kompensieren: Wird die Alterung der Gesellschaft kritisch, können die Deutschen entweder ihre Geldanlagen im Ausland abrufen oder Kapitalerträge von dort beziehen. Das Risiko anhaltend zu hoher Leistungsbilanzüberschüsse bzw. Kapitalexporte besteht also darin, dass derartige Forderungen neben den üblichen Risiken auch der Gefährdung ihrer künftigen Kaufkraft in heimischer Währung ausgesetzt sind. Deshalb hat ein Land ein Interesse an einer über die Zeit ausgeglichenen außenwirtschaftlichen Position. Produktivität und junge Wachstumsbranchen Deutschland hat es im vergangenen Jahrzehnt geschafft, seine Wettbewerbs fähigkeit durch hoch qualitative Produkte, Technologieführerschaft und eine Lohnpolitik mit Augenmaß zu sichern. Exzellente Produkte und Spitzentechnologie müssen auch im nächs ten Jahrzehnt wichtige Stützen unseres Wachstums bleiben. Um bis 2025 die skizzier ten Heraus forderungen zu meistern, gilt es, vier Aufgaben anzugehen: die Pro duk tivität erhöhen, sich auf wachstumsstarke Branchen konzentrieren, den demografischen Wandel meistern und die Rahmenbedingungen verbessern. Jede dieser Auf gaben trägt ihren Teil zu Deutschlands zukünftigem Wachstum bei. Produktivität erhöhen Die bisherigen Schlüsselbranchen werden auch im nächsten Jahrzehnt der Hauptantrieb der Wirtschaft sein, denn neue Branchen tragen erst mittel- bis langfristig signifikant zum Wirtschaftswachstum bei. In den Schlüsselbranchen müssen die Unter nehmen die Innovationskraft erhalten und die Produktivität steigern, denn der internationale Wettbewerb wird sich weiter intensivieren und hinsichtlich der

54 54 Produktivitätssteigerung liegt Deutschland hinter Wettbewerbern wie den USA und Japan. Die notwendigen Produktivitätssteigerungen 37 lassen sich in drei Gruppen zusammenfassen: Systemproduktivität erhöhen und Prozessinnovationen vorantreiben Auf hoch wertschöpfende Funktionen konzentrieren Premium- und Technologiesegmente entwickeln und ausbauen. Setzt Deutschland die entsprechenden Maßnahmen um, kann dies 1,9 Prozentpunkte zum BIP-pro-Kopf-Wachstum bis 2025 beitragen. Systemproduktivität erhöhen und Prozessinnovationen vorantreiben. Die Systemproduktivität ist eine Stärke Deutschlands bei ihr kommt es vor allem darauf an, dass Unternehmen, industrielle Kunden, Lieferanten und Forschungseinrichtungen noch intensiver zusammenarbeiten, um Netzwerkeffekte zu erzielen. Gemeint sind einerseits Entwicklungen innerhalb von Industrieclustern in Deutschland. Andererseits sollten Unternehmen ihre global vernetzten Wertschöpfungsketten noch stärker für Produktivitätseffekte nutzen, beispielsweise indem sie ihre Standorte noch rigoroser auf regionale Stärken spezialisieren und das Wissen aus ihren Auslandsstandorten noch intensiver für Deutschland nutzen. Darüber hinaus sollten die deutschen Unternehmen noch mehr in eigentliche Prozessinnovationen investieren, also beispielsweise Abläufe in Fertigung, Logistik und Entwicklung stärker digitalisieren. So lassen sich etwa in der Lagerhaltung bis zu 30% einsparen. 38 Sind alle diese Anstrengungen erfolgreich, könnte Deutschland das bisherige durchschnittliche Produktivitätswachstum (und damit auch das BIP-pro- Kopf-Wachstum) steigern: von 1,4 auf 1,7% p.a. Auf hoch wertschöpfende Funktionen konzentrieren. Die Produktivität steigt zudem, wenn mehr Beschäftigte Aufgaben mit höherer Wertschöpfung übernehmen. So sollte im verarbeitenden Gewerbe der Anteil derer, die hoch qualifizierten Tätigkeiten nachgehen, von 60% (2011) auf fast 70% (2025) steigen. Das könnte bedeuten, dass weniger Mitarbeiter in der Produktion, aber mehr in fertigungsnahen Dienstleistungen (Wartung, Instandhaltung und Service, F&E, Einkauf, Vertrieb und Marketing, Aftersales) eingesetzt werden. Dazu braucht Deutschland allerdings erstklassige Rahmenbedingungen für Investitionen in hoch wertschöpfende Funktionen (z.b. ein ausreichendes Fachkräfte angebot). Die deutsche Pharmaindustrie hat es vorgemacht: 2011 beschäftigte sie Arbeiter weniger als Gleichzeitig stieg die Zahl der Angestellten von auf Durch Konzentration auf hoch wertschöpfende Funktionen kann die Produktivität und das BIP-pro-Kopf-Wachstum in der Modellrechnung um 0,1 Prozentpunkte steigen. 37 In Kapitel 5 Die Fachkräftelücke wird auf eine mögliche Gesamtproduktivitätssteigerung von 2,2% hingewiesen. Die ergibt sich, wenn zu den hier beschriebenen 1,9% auch noch die 0,3% aus der Weiterentwicklung der Industriestruktur hinzugezählt werden. Diese Weiterentwicklung wirkt sich über die höhere Wertschöpfung je Beschäftigten in den Branchen, zu deren Gunsten umgeschichtet wird, auf das BIP-Wachstum aus und ist somit eine indirekte Steigerung der Produktivität. 38 McKinsey & Company (2011c).

55 Die Goldenen Zwanziger 3. Die Industriestruktur. Neues Wachstum in Deutschland auf erfolgreicher Basis 55 Premium- und Technologiesegmente entwickeln und ausbauen. Deutschland ist bei Premium- und Technologieprodukten stark, dennoch gibt es auch hier Potenzial insbesondere bei Angeboten für die wachstumsstarken Märkte in den Schwellenländern. Wenn die Unternehmen also die Anstrengungen in Forschung und Entwicklung nochmals verstärken, kann der Anteil der Mitarbeiter im Premium- und Technologiesegment im verarbeitenden Gewerbe in Deutschland um bis zu 10 Prozentpunkte wachsen. Da Premium- und Technologieprodukte für eine sehr hohe Wertschöpfung je Mitarbeiter sorgen, würde das die Produktivität steigern und das BIP-pro-Kopf-Wachstum in der Modellrechnung um 0,1 Prozentpunkte erhöhen. Die Wertschöpfung liegt beispielsweise bei Automobil-Premiumanbietern um fast 70% Prozent höher als im Volumensegment. Diese Produktivitätssteigerungen eröffnen auch Spielräume für Lohnerhöhungen solange die internationale Wettbewerbsentwicklung berücksichtigt wird. Nimmt die Produktivität also deutlich zu, sind Lohnsteigerungen gesamtwirtschaftlich sinnvoll, weil sie die Binnennachfrage stärken und sich positiv auf den Abbau der Leistungsbilanzungleichgewichte auswirken. Auf wachstumsstarke Branchen konzentrieren Die zweite Aufgabe ist die Weiterentwicklung der Industriestruktur in Richtung wachstumsstarker Branchen mit hoher Pro-Kopf-Wertschöpfung. Dies kann ein zusätzliches BIPpro-Kopf-Wachstum von bis zu 0,3 Prozentpunkten ermöglichen (Schaubild 12). Chancen hierfür bieten sowohl das verarbeitende Gewerbe als auch der Dienstleistungssektor. 39 Verarbeitendes Gewerbe. Hier sollte sich Deutschland vor allem auf Bereiche mit hoher Wertschöpfung konzentrieren und zwar mittels gezielter F&E-Investitionen in Hauptwachstumsfelder. So kann das BIP-pro-Kopf-Wachstum um 0,2 Prozentpunkte in der Modellrechnung erhöht werden. Im Einzelnen bedeutet das: In den Sektoren IT/Elektronik/medizinische Geräte könnte die Zahl der Beschäftigten um ein Drittel gesteigert werden: von 0,9 auf 1,2 Mio. Voraussetzung sind u.a. Fortschritte in der Medizintechnik und der instrumentellen Biotechnologie. Ein stärkeres Engagement ist hier auch deshalb wichtig, weil Deutschland in diesen Sektoren in den BRIC-Ländern Marktanteile verloren hat. Können die deutschen Maschinenbauer an die Erfolge der Vergangenheit anknüpfen und am Importwachstum der Schwellenländer partizipieren, wird der Maschinenbau die Zahl seiner Beschäftigten leicht steigern können (von 1,06 auf 1,14 Mio.). So wird die Nachfrage nach hochwertiger Automatisierungstechnik dort wegen steigender Personalkosten und durch die weitere Entwicklung der Industrie deutlich zunehmen. Mehr Nachfrage nach deutschen Produkten kann auch entstehen, wenn die Unternehmen branchenübergreifende Technologietrends wie beispielsweise Big Data 39 Vgl. hierzu auch die 50 identifizierten Wachstumsfelder in McKinsey & Company (2010c).

56 56 Der Ausbau zukünftiger Wachstumsbranchen und hoch wertschöpfender Dienstleistungssektoren steigert das BIP-pro-Kopf-Wachstum um 0,3% p.a. Ausbau zukünftiger Wachstumsbranchen und äußerst Wert schöpfender Dienstleistungssektoren steigert BIP-pro-Kopf-Wachstum um 0,3% p.a. Sektor Verarbeitendes Gewerbe Dienstleistungssektor Effekt BIP pro Kopf p.a. in Prozent Auswirkung auf Beschäftigungsstruktur Erwerbstätige, Anzahl in Mio. 7,2 0,5 0,8 0,9 0,2 0,1 7,4 0,5 0,9 1,2 Chemie (inkl. Pharma) Automobilindustrie IT/Elektronik/ med. Geräte 1,1 1,1 Maschinenbau 3,9 3,7 Sonstiges verarbeitendes Gewerbe 2,0 0,8 1,2 2,9 1,5 1,4 IT- und Informationsdienstleistungen 1 Finanz- und Versicherungsbranche Schaubild 12 1 Inkl. Telekommunikationsbranche 2 Nur Subsektoren mit Beschäftigungsanstieg dargestellt QUELLE: Statistisches Bundesamt Deutschland; McKinsey und RFID verstärkt nutzen und sich so gegenüber dem Wettbewerb auszeichnen. Die Ausgangslage hierfür ist gut, da Deutschland über viele Technologieführer in den verschiedensten Branchen verfügt. Auch die Automobilindustrie kann die Zahl ihrer Beschäftigten leicht erhöhen (von 0,84 auf 0,90 Mio.) u.a. durch starke Nachfrage im Premiumsegment in den Schwellenländern sowie durch technologischen Fortschritt bei optimierten Verbrennungsmotoren, durch Elektrifizierung des Antriebsstrangs, durch aktive Sicherheitsausstattungen und durch Systeme zum aktiven bzw. passiven Datenaustausch. Die hier angenommene Entwicklung setzt allerdings voraus, dass deutsche Hersteller auch in den neuen Technologiesegmenten ihre Premiumpositionierung halten und ausbauen können. Dieses Wachstum wird auch dadurch unterstützt, dass die deutschen Hersteller angesichts weltweit immer anspruchsvollerer Emissionsrichtlinien und hoher Benzinpreise ihre Stärken bei Verbrauch und Emissionen ausspielen können. Außerdem sind die deutschen Hersteller auf Grund ihrer Premiumpositionierung von Überkapazitäten im europäischen Markt nicht so stark betroffen. Dennoch bleibt es eine echte Herausforderung für die deutsche Automobilindustrie, die Potenziale auch tatsächlich zu realisieren. In der Chemie- und Pharmaindustrie wird die Zahl der Beschäftigten bei rund 0,5 Mio. verharren als Resultat gegenläufiger Trends. Denn einerseits bieten sich große Chancen: Alterung der Gesellschaft und Fortschritte in der Forschung bergen Potenzial für die Pharmaindustrie, die Chemieindustrie kann in Teilen von der Energie wende profitieren, beispielsweise im Bereich Dämmstoffe, Speichertechnolo

57 Die Goldenen Zwanziger 3. Die Industriestruktur. Neues Wachstum in Deutschland auf erfolgreicher Basis 57 gien für Elektrofahrzeuge und Karbonfaser für Leichtbau und Windkraft. Andererseits werden sich die hohen Energiekosten in Deutschland negativ auf die energie intensive Chemieindustrie auswirken und eher einen beschäftigungsdämpfenden Effekt haben (siehe Kapitel 4 Die Energiewende ). Insgesamt erhöhen die Beschäftigungseffekte den Anteil der Beschäftigten im deutschen verarbeitenden Gewerbe von 17,3 auf 18,1% der deutschen Gesamtbeschäftigung. Dienstleistungssektor. Auch hier ist eine Veränderung des deutschen Branchenmix erstrebenswert hin zu Teilsektoren mit hoher Wertschöpfung. Anreize dafür sind bessere Rahmenbedingungen und aktives Management von branchen- und themenfokussierten Clustern. Auch eine rasche Entwicklung wichtiger Wachstumsbereiche (z.b. E-Health, E-Governance und IT-Netzinfrastruktur) kann dies unterstützen. Die Gründerszene insbesondere im Bereich IT und Internet kann durch neue Arbeitsplätze und Wertschöpfung zur Weiterentwicklung der Branchenstruktur beitragen umso mehr, je besser die Gründungsförderung gestaltet und der erleichterte Zugang zu Kapital ermöglicht wird (z.b. durch Business Angels). Dann könnte die Zahl der Beschäftigten in den IT- und Informationsdienstleistungen um mehr als 80% steigen: von 0,8 auf 1,5 Mio. Voraussetzung ist allerdings, dass deutsche Unternehmen und Start-ups in diesem Wachstumsfeld verstärkt Fuß fassen und die Größe der Industrie fast verdoppeln. Um dieses ambitionierte Ziel zu erreichen, bedarf es der richtigen Rahmenbedingungen von staatlicher Seite, aber auch hoch qualifizierter IT-Entwickler und einer guten Portion Unternehmergeist. Die hier unterstellte Entwicklung erhöht das BIP-pro-Kopf-Wachstum in der Modellrechnung um 0,1 Prozentpunkte. Demografischen Wandel meistern Als dritte Aufgabe kommt es darauf an, den erwarteten Rückgang des EPP bis 2025 um 4,2 Mio. zu kompensieren, da dieser das BIP-pro-Kopf-Wachstum um 0,8 Prozentpunkte p.a. verringern würde. Dieser Rückgang wird durch die insgesamt sinkende Bevölkerungszahl nur teilweise ausgeglichen (+0,2 Prozentpunkte BIP pro Kopf p.a.). In Kapitel 5 Die Fachkräftelücke werden Empfehlungen detailliert diskutiert, wie das EPP erhöht werden kann, was sich insgesamt mit bis zu 0,7 Prozentpunkten BIP-pro-Kopf-Wachstum p.a. positiv auswirken würde. Diese Zahl beruht auf dem Szenario, in dem die Maßnahmen das EPP um rund 4 Mio. erhöhen. Somit ergibt sich als Gesamteffekt aus der Arbeitskräfte- und Bevölkerungsentwicklung ein BIP-pro-Kopf-Wachstum von +0,1 Prozentpunkten p.a. Rahmenbedingungen verbessern Von allen genannten Aufgaben erfordert vor allem die Konzentration auf neue Wachs tumssegmente mit hoher Wertschöpfung einen langen Atem: Einerseits kann dies den Export und das BIP deutlich voranbringen, andererseits sind signifikante BIP-Effekte erst nach fünf bis zehn Jahren zu erwarten. Deshalb sollte die Politik hier unterstützend tätig werden:

58 58 nicht durch ein industriepolitisches Eingreifen in die Wirtschaftsstruktur, sondern durch Verbesserung der Rahmenbedingungen. Beispielsweise können folgende Maßnahmen (in Anlehnung an bisherige Veröffentlichungen von McKinsey) ergriffen werden: Spitzenforschung muss zunehmend gefördert werden. Der Wohlstand Deutschlands beruht im Wesentlichen auf der Leistung seiner gut ausgebildeten Fachkräfte im letzten Jahrhundert, insbesondere der Naturwissenschaftler und Ingenieure. Da Deutschland keine strukturellen Vorteile (Bodenschätze, privilegierte geografische Lage etc.) besitzt, ist die alleinige Quelle weiteren Wachstums die Innovationskraft: Deutschland sollte daher alles unternehmen, um weiter an der Spitze des technologischen Fortschritts und auch dessen Kommerzialisierung zu stehen. Schulen, Betriebe und Hochschulen müssen in ausreichendem Umfang Absolventen mit den für den Wandel benötigten Qualifikationsprofilen ausbilden (siehe Kapitel 5 Die Fachkräftelücke ). Das Umfeld für Innovation und Unternehmertum muss sich weiter verbessern: Deutschland braucht starke Wachstumscluster, erleichterten Zugang zu Kapital für Start-ups sowie mehr Mittel für die Forschung im Bereich der branchenrelevanten Trends (z.b. digitalisierte Wertschöpfungsketten und Big Data). Die Infrastruktur (vor allem Verkehr, Energie und Glasfasernetz) muss weiter ausgebaut werden. Derzeit sind in Deutschland nur 2% der Haushalte mit dem Glasfasernetz verbunden; in den USA sind es immerhin 6% und in Südkorea mehr als 50%. Durch Produktivitätssteigerung und Weiterentwicklung der Industriestruktur könnte das BIP-pro-Kopf-Wachstum auf 2,3% p.a. bis 2025 steigen Durch Produktivitätssteigerung und Weiterentwicklung der Industriestruktur könnte das BIP-pro-Kopf-Wachstum auf 2,3% p.a. bis 2025 steigen BIP-pro-Kopf- Wachstum p.a., in Prozent Detailliert in Kapitel 5 Die Fachkräftelücke Demografischer Wandel: Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials (EPP) um 4,2 Mio. Rückgang der Gesamtbevölkerung um ca. 3 Mio. Menschen -0,8 0,2 Vergrößerung des EPP um ca. 4 Mio. Arbeitskräfte 0,7 Produktivität erhöhen Fortführung historischer Produktivitätssteigerungen (v.a. in Prozessen) Erhöhung der Systemproduktivität (0,3%), Fokussierung auf hoch wertschöpfende Funktionen (0,1%), Ausbau des Premium- und Technologiesegments (0,1%) Weiterentwicklung Industriestruktur hin zu wachstumsstarken Branchen mit hoher Wertschöpfung Wachstum des BIP pro Kopf von durchschnittlichen 2,3% p.a. bis 2025 durch Bündelung der Maßnahmen 1,4 0,5 0,3 2,3 Schaubild 13 QUELLE: McKinsey

59 Die Goldenen Zwanziger 3. Die Industriestruktur. Neues Wachstum in Deutschland auf erfolgreicher Basis 59 Auch die administrativen Rahmenbedingungen sind weiterzuentwickeln, um die Attraktivität des Standorts Deutschland zu steigern (z.b. durch effiziente Verwaltungs prozesse und fairen internationalen Wettbewerb). Export als Motor der Entwicklung Werden die Potenziale aus den vier beschriebenen Aufgabenfeldern voll ausgeschöpft, kann Deutschland in Summe gemäß unserer Modellrechnung bis 2025 ein BIP-pro-Kopf- Wachstum von 2,3% p.a. bzw. 2,1% p.a. des gesamten BIP erreichen (Schaubild 13). Diese Steigerungsrate läge 0,5 Prozentpunkte über den Werten in den Jahren 1999 bis 2008 (also ohne den Einfluss der Finanzkrise) und etwa gleichauf mit der BIP-Entwicklung in den USA während der erfolgreichen Jahre 1995 bis Dieser Wachstumspfad re präsentiert den oberen Rand der Entwicklungsmöglichkeiten ohne Berück sichtigung even tueller makroökonomischer Diskontinuitäten größeren Ausmaßes und stellt daher keine Prognose dar. Für die Festlegung des Handlungsbedarfs ist diese Perspek tive jedoch korrekt. Bei der Gestaltung des Maßnahmenprogramms sollten auch Vor kehrungen getroffen werden, die bei möglichen Störungen die Widerstandsfähigkeit stärken. Laut unserer Modellrechnung werden bei erfolgreicher Umsetzung der genannten Aufgaben die Exporte um über 80% steigen, im verarbeitenden Gewerbe sogar um über 90%. Sie bleiben somit ein zentraler Wachstumsmotor für Deutschland als weltoffene, intensiv in die internationalen Wertschöpfungsketten integrierte Volkswirtschaft. Deutsche Bruttoexporte steigen in der Modellrechnung um 83% bis 2025 Deutsche Bruttoexporte steigen in der Modellrechnung um 83% bis 2025 Deutsche Bruttoexporte nach Sektor in Billionen EUR (real zu Preisen 2005) Wertschöpfung der Industrien steigt durch forcierte Produktivitätssteigerung und Industriemixeffekte (Steigerungseffekt: 61 Prozentpunkte von 2011 bis 2025) Exportintensität (Export/Wertschöpfung) 1 steigt durch zunehmende Vernetzung der Wertschöpfungsketten in einer globalisierten Welt (zusätzlicher Steigerungseffekt: 22 Prozentpunkte von 2011 bis 2025) +83% 1,3 2 0,2 0,2 0,2 2,3 0,3 0,4 0,4 0,5 0,6 2 0,2 0,1 Sonstiges verarbeitendes Gewerbe 0,1 0,5 0,1 0,4 0,1 0,2 0,1 0,2 0,2 Andere Sektoren Chemie (inkl. Pharma) Maschinenbau Automobilindustrie IT/Elektronik/medizinische Geräte 1 Industriespezifischer Indikator für die Außenhandelsverflechtung einer Volkswirtschaft 2 Wegen Rundungsdifferenzen entspricht dieser Wert nicht der Summe der Einzelwerte 3 Exporte von Dienstleistungen, landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Energie QUELLE: IHS Global Insight; McKinsey Schaubild 14

60 60 Rund 60 Prozentpunkte des Exportanstiegs sind in unserem Modell allein auf Produktivitätssteigerung und die Entwicklung der Branchenstruktur zurückzuführen. Die verbleibenden 20 Prozentpunkte basieren auf zunehmender Exportintensität: Je Euro Wertschöpfung in Deutschland wird immer mehr exportiert werden. Dies ist ein Resultat der steigenden weltweiten Vernetzung und weiteren globalen Differenzierung der Wertschöpfungsketten (Schaubild 14). Infolge der skizzierten Entwicklungen wird sich das Verhältnis der Exporte zum BIP in Deutschland von 50% (2011) auf 68% (2025) erhöhen. Die Exporte werden also nicht nur in absoluten Zahlen immer wichtiger sondern auch relativ zum BIP. Der Anstieg auf 68% bedeutet zwar eine ungewöhnlich starke außenwirtschaftliche Verflechtung für ein Land dieser Größe. Deutschland ist aber bereits heute eine Ausnahmeerscheinung, nicht zuletzt durch die enge Integration in die EU. Ein weiterer Anstieg würde den global zu erwartenden Trend weiter zunehmender Verflechtung widerspiegeln. Die zunehmenden deutschen Exporte werden insbesondere in den stark wachsenden Schwellenländern Abnehmer finden. So ist im verarbeitenden Gewerbe weltweit bis 2025 mit einem Importwachstum von 110% zu rechnen, in den BRIC-Ländern sind es sogar 220%. Hierbei verschafft allein der steigende Wohlstand in China den Unternehmen Zugang zu mehr als 1 Mrd. potenzieller neuer Kunden darunter auf Grund zunehmender Urbanisierung rund 350 Mio. Stadtbewohner. Besonders diese Gruppe bietet Chancen durch direkte Nachfrage (z.b. nach Autos, IT und Elektronik), aber auch durch indirekte Nachfrage effekte (z.b. Maschinen, Chemie- und Pharmaprodukte sowie medizinische Geräte). Europäische Märkte werden als Importeure an Bedeutung verlieren BRIC-Märkte werden immer wichtiger Europäische Märkte werden als Importeure an Bedeutung verlieren BRIC-Märkte werden immer wichtiger Importe weltweit im verarbeitenden Gewerbe (ohne Deutschland) in Billionen EUR (real zu Preisen 2005) Automobilindustrie Maschinenbau Chemie (inkl. Pharma) IT/Elektronik/ med. Geräte Andere 100% = 0,8 1,6 0,9 1,8 1,2 2,4 2,1 5,8 4,2 8,0 Restliche Welt Japan/ USA BRIC Europa Schaubild 15 1 Ohne Deutschland. Westeuropa: Belgien, Dänemark, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Irland, Italien, Luxemburg, Niederlande, Norwegen, Österreich, Portugal, Schweden, Spanien, Schweiz, Türkei; Osteuropa: Bulgarien, Polen, Rumänien, Slowakei, Tschechien, Ukraine, Ungarn QUELLE: IHS Global Insight; McKinsey

61 Die Goldenen Zwanziger 3. Die Industriestruktur. Neues Wachstum in Deutschland auf erfolgreicher Basis 61 Wie stark diese Wachstumsdynamik in den Schwellenländern ist, zeigt sich an den Prognosen für die Wertschöpfung im verarbeitenden Gewerbe: Sie wird in den BRIC-Ländern von 2011 bis 2025 um rund 7,1% p.a. wachsen in Europa (ohne Deutschland) dagegen nur um 1,9% p.a., in Japan und den USA zusammen um 2,5% p.a. und im Rest der Welt um 4,0% p.a. Am wachstumsstärksten sind hierbei die Sektoren IT/Elektronik/medizinische Geräte (+8,9% p.a.) und Maschinenbau (+8,0% p.a.). Folglich wird sich der Anteil der BRIC-Länder an den weltweiten Importen erhöhen im Maschinenbau beispielsweise wird der Anteil der BRIC-Länder von 19 auf 23% steigen, während der Importanteil Europas (ohne Deutschland) von 31 auf 26% fällt. Besonders deutlich verändern sich die Zahlen wiederum in den Sektoren IT/Elektronik/medizinische Geräte, wo der Anteil der BRIC- Länder an den Importen von 19 auf 31% zulegt, während der Anteil von Europa von 26 auf 20% zurückfällt (Schaubild 15). Der aufgezeigte Wachstumspfad basiert auf der Annahme eines weiterhin starken Wachstums in Deutschlands Schlüsselbranchen. Durch technologische Entwicklungen ge triebene Nachfrageeinbrüche können jedoch ganze Industrien in ihren Grundfesten er schüttern. So kam die Druckmaschinenbranche in Deutschland mit ihren hiesigen Welt marktführern in den vergangenen Jahren durch die Digitalisierung erheblich unter Druck. Träfen derartige Trends in ähnlicher Weise die Automobilindustrie, etwa ausgelöst durch Umweltschutzerwägungen in wichtigen Absatzmärkten (z.b. Smog in Peking im Winter 2012/2013) oder die zunehmende Verstopfung des Straßennetzes in Ballungszentren, würde dies dem Erreichen eines starken Wachstums auf lange Zeit entgegenstehen.

62 62

63 Die Goldenen Zwanziger 4. Die Energiewende. Optionen für mehr Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit Die Energiewende. Optionen für mehr Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit Lange Zeit waren die Energiekosten für die Staaten und ihre Industrien nur eine von vielen Komponenten in der Gesamtheit der Faktorkosten. Heute beeinflussen die globalen Energiemärkte maßgeblich die Wettbewerbsfähigkeit von Industrien, Staaten und Regionen. Als vergleichsweise rohstoffarmes, aber industriell starkes Land ist Deutschland von den Entwicklungen auf dem Energiemarkt in besonderer Weise gefordert und mit der Energiewende hat Deutschland ein einzigartiges, komplexes Vorhaben auf den Weg gebracht, das dem Land eine Vorreiterrolle und vielfältige neue Perspektiven eröffnet, zugleich aber die Wirkung möglicher Verwerfungen im Markt noch verstärken kann. Das im Kapitel 3 Die Industriestruktur beschriebene Wachstumsszenario setzt u.a. auf eine wirtschaftliche und sichere Energieversorgung für die deutschen Schlüsselbranchen. Diese Voraussetzung mittel- und langfristig zu erfüllen, erfordert noch erhebliche Anstrengungen im Spannungsfeld des energiewirtschaftlichen Dreiecks zwischen Umweltverträglichkeit, Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit. Der Fokus der deutschen Energiewende lag bisher auf dem Kriterium der Umweltverträglichkeit: Die erneuerbaren Energien erhalten hohe Priorität, der Brückenschlag zu einer CO 2 -freien Stromerzeugung ist auf den Weg gebracht. Dies zeigt sich an einem sehr starken Ausbau der erneuerbaren Energien, der zu einer Steigerung ihres Anteils an der Bruttostromerzeugung von 14,5% im Jahr 2008 auf 21,9% im Jahr 2012 führte. 40 Die beiden anderen Aspekte, Wirtschaftlichkeit (und damit Wettbewerbsfähigkeit) sowie Versorgungssicherheit, brauchen mehr Aufmerksamkeit als bisher, damit die Energiewende eine Erfolgsgeschichte werden und der deutschen Industrie neue Chancen erschließen kann. Energiepreise als Schlüsselfaktor für Industrien und Volkswirtschaften Je nach Energieform wirken sich die Entwicklungen der Weltmarktpreise in den verschiedenen Wirtschaftsregionen sehr unterschiedlich aus. Während Steinkohle, Öl und Gas (über Flüssiggastransport) globale Commodities sind und ihre Preise damit von wenigen Ausnahmen wie dem Nahen Osten abgesehen kaum differieren, sind die Märkte für CO 2 -Emissionen-Berechtigungen und Strom regional unterschiedlich. Ein Preissystem für CO 2 -Emissionen beispielsweise existiert zurzeit fast nur in Europa, für den Rest der Welt sind CO 2 -Emissionen nicht mit Zusatzkosten verbunden. 41 Die Gaspreise sind in Europa mit über 10 USD/mmbtu 42 derzeit mehr als doppelt so hoch wie in den USA, wo Gas aktuell für weniger als 4 USD/mmbtu gehandelt wird. 43 Flüssiggas wird künftig noch mehr als bereits heute eine Rolle als Bindeglied übernehmen. Die Transportkosten für 40 AG Energiebilanzen (2012). 41 Weitere kleinere CO 2 -Emissionen-Märkte existieren bzw. sind in Planung, z.b. in Australien, Neuseeland, Kalifornien und Tokio. 42 Million British Thermal Units; 1 mmbtu 293 kwh, 10 USD/mmbtu 3,4 Cent/kWh. 43 Preise basierend auf Großhandelspreisen, z.b. Title Transfer Facility (TTF) für Europa und Henry Hub für die USA.

64 64 Flüssiggas zwischen den USA und Deutschland belaufen sich auf ca. 4 USD/mmbtu. Die regionalen Preisunterschiede bei Gas, Kohle und CO 2 -Emissionen beeinflussen auch die Kosten und damit die Preise des erzeugten Stroms, wenngleich dafür auch andere Faktoren eine Rolle spielen, wie regional verfügbare Braunkohle und erneuerbare Energien. Zukünftig bleiben die Energiepreise tendenziell hoch oder werden sogar weiter steigen, denn die globale Energienachfrage wächst deutlich und das Energieangebot bleibt eng. Bis 2030 ist mit einer Nachfragezunahme um etwa 30% zu rechnen, bis 2050 um mehr als 50%. Die Gründe dafür sind zum einen das Wachstum der Weltbevölkerung um 30% bis 2050, zum anderen die Wohlstandsmehrung mit einem Zuwachs des durchschnittlichen BIP je Einwohner um rund 160% bis Selbst deutliche Fortschritte bei der Energieeffizienz wie in der Vergangenheit können nur einen kleinen Teil dieser Steigerung kompensieren (Schaubild 16). 44 Der globale Energiebedarf steigt stark Der globale Energiebedarf steigt stark Weltweite Energienachfrage in Mrd. British Thermal Units (BTU) 1 Nachfragetreiber 595 Weltbevölkerung Anzahl in Mrd % BIP pro Kopf in Tsd. USD, real in Preisen von 2005 Energienachfrage in Folge gesteigerter Energieeffizienz in Prozent % +158% -40% 2050 Schaubild 16 1 BTU ist eine Einheit der Energie und entspricht rund Joule QUELLE: McKinsey Das Nachfragewachstum betrifft alle Energiearten, allerdings mit unterschiedlichen Zuwachsraten. Der Strombedarf steigt auf Grund der Elektrifizierung der Volkswirtschaften besonders stark; bis 2050 ist eine Verdopplung zu erwarten. Die Ölnachfrage hingegen wächst langsamer als das BIP der Volkswirtschaften, doch zu einer Entkopplung wird es voraussichtlich nicht kommen. 44 McKinsey & Company (2012e).

65 Die Goldenen Zwanziger 4. Die Energiewende. Optionen für mehr Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit 65 Gedämpft wird der Anstieg der Energiepreise durch den Ausbau unkonventioneller Ölund Gasförderung, insbesondere in den USA. Der so genannte Schiefergasboom kann zudem eventuelle Engpässe abfedern. Die technisch förderbaren Vorräte an Schiefergas werden in den USA auf über 24 Billionen Kubikmeter geschätzt, weltweit sogar auf über 180 Billionen Kubikmeter. 45 Seit 2002 nimmt die Schiefergasproduktion in den USA massiv zu: Bis Ende 2007 etwa um den Faktor 8 auf ca. 800 kboed 46, bis Ende 2011 sogar um den Faktor 30 auf kboed. 47 Diese so genannte Schiefergasrevolution hat den Gaspreis in den USA in den vergangenen fünf Jahren um die Hälfte fallen lassen. Ein vergleichbarer technologisch-wirtschaftlicher Durchbruch bei der Förderung von Öl aus Schiefer und Schiefersanden ist möglich, allerdings im Hinblick auf die Förderkosten und -mengen noch unsicher, da bisher noch nicht genug Erfahrung mit Schieferöl vorliegt. Dennoch ist auch beim Schieferöl bereits ein starkes Wachstum erkennbar: Zwischen 2006 und 2012 stieg die Förderung in den USA um den Faktor 12 und erreichte ca kboed (zum Vergleich: der tägliche Ölverbrauch der USA im Jahr 2011 betrug kboed) 48. Aktuelle Ölpreisannahmen der Internationalen Energieagentur gehen von über 100 USD/ bbl bis 2020 aus; Schiefergas- und Schieferölrevolution in Kombination mit einem weiteren Ausbau von Tiefseebohrungen als Preis senkende Faktoren könnten zu Ölpreisszenarien von unter 80 USD/bbl führen. 49 Global sinkende Ölpreise hätten auch einen Preis dämpfenden Effekt auf die Gaspreise insbesondere in Europa, wo sie teilweise an den Ölpreis gekoppelt sind. Wenngleich die Schieferrevolutionen den Preissteigerungen auf den Öl- und Gasmärkten weltweit entgegenwirken, profitieren die USA besonders stark. Sie haben die Aussicht, von Gasimporten unabhängig zu werden und es mindestens bis 2030 zu bleiben. Die Gaspreise der USA könnten langfristig niedrig bleiben bei ca. 4 bis 5 USD/mmbtu mit entsprechenden Effekten auf die Stromkosten für die US-Industrie und -Haushalte. Die Schiefergasnutzung und die Abwesenheit einer Bepreisung von CO 2 -Emissionen summieren sich für die USA zu einem bedeutenden Vorteil gegenüber Europa: Die Strompreise für europäische Industriekunden liegen bereits heute um ca. 125% über den Preisen in den USA. Beim Gas sind es aktuell sogar mehr als 300%. 50 In Deutschland und im übrigen Europa spielt die Förderung von Schiefergas noch keine große Rolle. Entsprechende Schiefergasvorkommen existieren zwar, doch die geologischen und geografischen Voraussetzungen sind ungünstiger als in den USA und würden eine Förderung kostspieliger machen. Zudem ist bereits die Erkundung von Schiefergasvorkommen in Politik und Öffentlichkeit umstritten. 45 Energy Information Administration (2011). 46 Kilo Barrel Oil Equivalent per Day. 47 HPDI (2013). 48 Energy Information Agency (2012). 49 Internationale Energieagentur (2012). 50 Enerdata (2012).

66 66 Konsequenzen für die wichtigsten deutschen Exportbranchen Die Energiepreise (inklusive Steuern) in Deutschland sind selbst im europäischen Vergleich hoch. Der Gaspreis für Industriekunden lag im Jahr 2012 um ca. 5 bis 10%, der Strom preis um ca. 10% über EU-Niveau. 51 Für Strom zahlten Industriekunden lange Zeit geringere Preise als der EU-Durchschnitt; seit 2010 liegen die Strompreise in Deutschland darüber. Noch deutlicher ist der Preisunterschied gegenüber den USA: Dort zahlen Industrie kunden nur halb so viel für den Strom wie in Deutschland (Schaubild 17). Industriekunden haben in Deutschland und Europa durch höhere Energiekosten Wettbewerbsnachteile gegenüber Unternehmen in den USA Industriekunden haben in Deutschland und Europa durch höhere Energiekosten Wettbewerbsnachteile gegenüber Unternehmen in den USA Durchschnittliche Industriepreise inkl. Steuern in Eurocent/kWh Strompreis % % Deutschland EU 1 USA +125% Gaspreis % +6% Deutschland EU % 1 USA Schaubild 17 1 Werte für Europa 2012 noch nicht veröffentlicht, daher basierend auf Abschätzung QUELLE: Enerdata; McKinsey Die deutsche Energiewende steigert noch die Komplexität der anstehenden Aufgaben, da der Ausbau der erneuerbaren Energien bisher ungebremst voranschreitet mit Herausforderungen bezüglich Kosten und Versorgungssicherheit. Dies erfordert ein neues Abwägen im Spannungs feld von Umweltverträglichkeit, Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit, um keines der Elemente zu stark zu gewichten. Die Umsetzung der Energiewende verläuft bislang zu kostspielig und zu wenig koordiniert; abgesehen von bestehenden Ausnahmeregelungen für einige energieintensive Industrien werden Unternehmen und Haushalte stärker belastet nicht nur durch höhere Großhandelspreise, sondern auch einen hohen Anteil von Steuern und Abgaben, etwa im 51 Enerdata (2013).

67 Die Goldenen Zwanziger 4. Die Energiewende. Optionen für mehr Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit 67 Vergleich mit den USA. Dadurch entstehen wirtschaftliche Risiken. Strukturelle Veränderungen bei Erzeugung, Verteilung und Verbrauch von Energie bringen darüber hinaus Risiken für die sichere Stromversorgung mit sich. Wirtschaftlichkeit. Höhere Energiepreise im europäischen und erst recht im weltweiten Vergleich gefährden das Wachstum am Wirtschaftsstandort Deutschland und mindern die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie. Eine Strompreissenkung ist derzeit in Deutschland nicht absehbar im Gegenteil: Zusätzliche Kosten für erneuerbare Energien von rund 160 Mrd. EUR bis 2020 und 345 Mrd. EUR bis 2030 sind heute schon klar absehbar, sofern für bereits bestehende Anlagen Bestandsschutz gilt. Diese Kosten müssen von den Verbrauchern geschultert werden. Die Kosten der Energiewende werden sich bis 2020 gegenüber 2011 voraussichtlich mehr als verdoppeln von ca. 13,5 Mrd. EUR auf ca. 29 Mrd. EUR p.a., vor allem bedingt durch Zusatzkosten für erneuerbare Energien (Solar-Photovoltaik, Offshore-Wind) und Netze. Die Kosten der Energiewende führen zu steigenden Strompreisen für sämtliche Stromabnehmer Die Kosten der Energiewende führen zu steigenden Strompreisen für sämtliche Stromabnehmer Die Kosten der Energiewende 1 in Mrd. EUR p.a., real in Preisen von 2011 führen zu steigenden Strompreisen Eurocent/kWh, real in Preisen von % 13,5 Gesamtkosten 2020 entsprechen 1,0% des BIP 29,2 4,5 24,7 Netzentgelte 2 Private Haushalte tragen die Hauptlast der Energiewende; nach den jüngsten Preiserhöhungen im Januar 2013 zahlen sie rund 40 bis 50% mehr für ihren Strom als der EU- Durchschnitt. Bis 2020 ist gegenüber 2011 für alle Endkundensegmente ein weiterer Strompreisanstieg (real) zu erwarten: für private Haushalte +23%, für Gewerbe +24%, für normale Industriekunden +34% und für energieintensive Industrien bei Beibehaltung der aktuellen Regulierung +18% (Schaubild 18). EEG- Differenzkosten 3 Gewerbe, Handel, Dienstleistungen Stromintensive Industrie 7,7 0,1 7,6 18% 12,7 9,1 3,5 0,7 8,4 Sonstige Industrie 9,2 34% 19,2 17,1 3,5 7,1 10,0 15,7 24% 23,9 7,3 16,6 Haushalte 4 25,9 4,2 21,7 23% 31,8 8,9 22,9 Energiewende Sonstige e e e e e 1 Betrachtung beschränkt sich auf Zusatzkosten durch Umbau Stromerzeugungssektor (Ausbau erneuerbare Energien und Netze) 2 Anstieg Netzentgelte vor 2011 auf Grund Energiewende nicht berücksichtigt 3 Differenz zwischen EEG-Vergütung und Wert des EEG-Stroms im Großhandel 4 Inkl. Mehrwertsteuer QUELLE: Bundesumweltministerium; McKinsey Schaubild 18

68 68 Die oft geforderte Ausweitung der EEG-Umlage auch auf stromintensive Industrien wäre allerdings ökonomisch wenig sinnvoll, denn die Nachteile für diese wichtigen Wirtschaftszweige wären immens: Der Strompreis für Haushalte, Gewerbekunden und nicht privilegierte Industriekunden würde zwar jeweils um 7, 8 und 11% sinken, für die energieintensiven Unternehmen jedoch um 50% steigen. Die im internationalen Wettbewerb stehenden Industrien, die derartige Kostensteigerungen nicht an die Kunden weitergeben können, würden dadurch Ergebniseinbußen (EBIT) von durchschnittlich 60% erleiden für viele Unternehmen eine existenzbedrohende Situation. Die USA sind in den vergangenen zwei bis drei Jahren insbesondere durch den Boom bei Schiefergas deutlich wettbewerbsfähiger geworden. Die niedrigen Energiekosten in Verbindung mit einem wirtschaftsfreundlichen Klima führen dazu, dass immer mehr auch deutsche energie intensive Unternehmen (z.b. in der Chemieindustrie) in den USA investieren. Häufig erweitern sie eher bestehende Standorte als z.b. neue Dependancen in China aufzubauen. Unter den deutschen Industriezweigen ist die Chemieindustrie, bei der die Energiekosten einen Anteil von 15% an der Bruttowertschöpfung haben, besonders stark von der Preisentwicklung betroffen nicht nur auf Grund sehr energieintensiver Hochtemperatur- und Hochdruckprozesse, sondern auch, weil Öl und Gas als Rohstoffe in der Produktion benötigt werden (Schaubild 19). Dieser so genannte Feedstock lässt sich nur sehr schwer durch Effizienzmaßnahmen reduzieren und bisher auch nur sehr begrenzt durch nachwachsende Rohstoffe substituieren. Die Wettbewerbsfähigkeit der Chemie und Metallerzeugung ist in besonderem Maß von den Energiekosten abhängig Die Wettbewerbsfähigkeit der Chemie und Metallerzeugung ist in besonderem Maß von den Energiekosten abhängig 2010 Industriezweige 1 Produktionswert (PW) in Mrd. EUR Bruttowertschöpfung (BWS) in Mrd. EUR Anteil Energiekosten an in Prozent, Schätzung PW BWS Automobil Maschinenbau Nahrungsmittel und Getränke, Tabakverarb Chemie Metallerzeugnisse Elektrische Ausrüstung Metallerzeugung und -bearbeitung Schaubild 19 1 Auswahl Industriezweige des verarbeitenden Gewerbes: gezeigt sind die 7 Zweige mit dem größten Produktionswert. Es existieren weitere Industriezweige (wie Glas, Keramik oder Papier, Pappe) mit hohem Energiekostenanteil, jedoch relativ kleinem Produktionswert in Deutschland 2 Eine der 3 Schlüsselindustrien in Deutschland: Automobil, Maschinenbau, Chemie 3 Schlüsselindustrie mit höchstem Anteil an Energiekosten QUELLE: Statistisches Bundesamt Deutschland; McKinsey

69 Die Goldenen Zwanziger 4. Die Energiewende. Optionen für mehr Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit 69 Bereits heute liegen die Vollkosten für Neuinvestitionen in der Petrochemie z.b. im Nahen Osten und in den USA teilweise unter den operativen Kosten deutscher Werke. Die Kosten für typische petrochemische Produkte wie Methylmethacrylat liegen bis zu 40% und für Grundchemikalien wie Ethylen sogar bis zu 60% über denen der USA. Gegenüber dem Nahen Osten sind die Preisunterschiede sogar noch größer (Schaubild 20). 52 Der Aufbau von Chemieproduktion im Nahen Osten, in den USA und in China ist heute schon günstiger als deren laufende Kosten in Europa Aufbau von Chemieproduktion im Nahen Osten, in den USA und in China ist heute schon günstiger als laufende Kosten in Europa Durchschnittliche Kostenposition verschiedener Regionen bei der Herstellung organischer Moleküle, 2013; Beispiel: Nischenprodukt Petrochemie 1 in Tsd. USD/t Naher Osten USA China Europa INDIKATIV Anteil Betriebsmittelkosten in Prozent Benötigte Marge für Kapitalproduktivität ,6 1,4 Inkl. Kapitalkosten günstiger als Europa 3,2 0,8 3,9 0,5 4,4 0,6 Produktionskosten 2,2 2,4 3,4 3,8 Begründung für Preisunterschiede Sehr günstige Gasund Feedstock-Preise durch Schiefergas Günstige Gaspreise (~ 1 USD/mmbtu) (~ 4 USD/mmbtu) 1 Beinhaltet Rohstoff-, Energie-, Betriebsmittel-, Fixkosten QUELLE: CMAI (2012); SRI (2012); ICIS (2012); McKinsey Fixkostenvorteile teilw. ausgeglichen durch kleine Anlagen Hohe Arbeitskosten Hohe Energiekosten Keine Rohstoffvorteile Schaubild 20 Der Kostenvorteil durch den Schiefergasboom in den USA führt zu einem Anstieg der Investitionen: Nachdem die petrochemische Industrie der USA zwischen 2000 und 2010 überhaupt kein Wachstum vorweisen konnte, kommt es nun zu einer Renaissance der Chemie industrie, mit einem Wachstumsschub auch für nachfolgende Wirtschaftszweige. Dadurch bedingt sind laut American Chemistry Council bis 2015 allein 12 Mrd. EUR an zusätzlichen Investitionen in der US-Chemieindustrie zu erwarten, bis 2020 noch deutlich mehr. Die Kapazitäten für gängige Petrochemikalien werden in den USA zwischen 2010 und 2020 um 1,3% p.a. wachsen, während sie in Deutschland stagnieren oder sogar sinken. 53 Bedingt durch die hohen Energiepreise sind in der deutschen Chemieindustrie weitere Investitionen im Inland deutlich weniger attraktiv. Zahlreiche Unternehmen denken bereits über eine Produktionsverlagerung ins Ausland nach. Neben den Energie- und 52 CMAI (2012); SRI (2012); ICIS (2012); McKinsey & Company (2012h). 53 Tecnon (2012).

70 70 Rohstoffkosten spielen weitere Faktoren eine Rolle, etwa ein generell niedrigeres Kostenniveau in den Wachstumsregionen und insbesondere geringere Kapitalintensität sowie Marktnähe in China. Auch die deutsche Stahlindustrie ist direkt durch steigende Energiepreise gefährdet. Zwar kann die benötigte Energie für die integrierte Rohstahlerzeugung zum größten Teil aus dem Gichtgas der Hochöfen gewonnen werden, doch für die weiterverarbeitenden Schritte wie Walzen und Beschichten sowie für die Stahlproduktion mit Elektro licht bogenöfen zeichnen sich Risiken ab. Dort würde eine Beendigung der aktuellen Ausnahmeregelungen für energieintensive Unternehmen, z.b. Reduzierung/Ausnahme bei EEG, Stromsteuer und Netznutzungsentgelten, zu starken Wettbewerbsnach teilen führen. Bei vollständigem Entfall der Vergünstigungen könnten nach ersten Modell rechnungen einige Unternehmen stark an Ertragskraft einbüßen und sogar in die Verlustzone rutschen. Die deutschen Vorzeigeindustrien Automobil- und Maschinenbau, nach Produktionswert und Beschäftigtenzahl an erster und zweiter Stelle der deutschen Industriezweige, sind von den hohen Energiekosten weniger direkt betroffen Letztere machen nur 3 bzw. 2 % der Bruttowertschöpfung aus. Dennoch sind die beiden Vorzeigeindustrien einigen Risiken ausgesetzt: Der hohe Kostendruck auf die teilweise energieintensiven Zulieferindustrien (insbesondere Metall erzeugung) könnte dort Abwanderungen auslösen Ähnliches gilt für bisherige Kunden, vor allem im Maschinenbau. Die Wertschöpfungsketten in beiden Industrien sind stark integriert würden Komponenten dieser Ketten energiepreisbedingt in ande re Geografien verlagert, könnte dies eine Bedrohung für bisherige Geschäftsmodelle bedeuten. Für die drei in Kapitel 3 Die Industriestruktur betrachteten Schlüsselbranchen Chemie, Automobil- und Maschinenbau ergeben sich aus den Veränderungen in der Energie landschaft jedoch auch neue Chancen. So kann die Chemieindustrie durch die Ent wicklung neuer Materialien und Produkte Absatzchancen erschließen, etwa bei Leicht bau materialien, Dämmstoffen und Batterietechnologien. Im Automobil- und Maschinen bau bieten sich insbesondere Chancen bei der Entwicklung neuer, hoch energie effizienter Fahrzeuge und Anlagen (siehe dazu auch den Abschnitt Eine austarierte Energiepolitik in diesem Kapitel). Versorgungssicherheit. Die Sicherheit der Stromversorgung erreichte jahrzehntelang in Deutschland Spitzenniveaus im internationalen Vergleich; sie galt und gilt als Vorteil im Standortwettbewerb. Die neuesten öffentlich verfügbaren Zahlen von April 2010 zeigen Deutschland in der europäischen Spitzengruppe mit durchschnittlich nur 15 Minuten p.a. ungeplanter Unterbrechungen, während die Ausfallzeiten in anderen europäischen Ländern wie Frankreich, Großbritannien, Italien oder Spanien mit 60 bis 90 Minuten p.a. vier- bis sechsmal so hoch sind. Mittlerweile zeichnen sich jedoch Risiken ab; sie ergeben sich hauptsächlich aus dem Umstieg von konventioneller, relativ kurzfristig steuerbarer Stromerzeugung auf erneuerbare Energien (z.b. Wind, Solar), deren Verfügbarkeit schwankt und bislang nicht zumindest nicht volkswirtschaftlich sinnvoll durch Speichertechnologien verstetigt werden kann. Im Zuge der Energiewende in Deutschland wurden Kernkraftwerke abgeschaltet und konventionelle Kraftwerke sind zum Teil

71 Die Goldenen Zwanziger 4. Die Energiewende. Optionen für mehr Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit 71 nicht mehr profitabel: 10 bis 20 Gigawatt des konventionellen Kraftwerksparks operieren bereits heute an der Ertragsgrenze. 54 In einer aktuellen Umfrage des Verbands der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft äußerten sich 80% der Industriekunden zufrieden mit der Qualität der Stromversorgung. Jedoch erwarten 40% der Unternehmen eine Verschlechterung für die nächsten fünf Jahre, mit entsprechendem Einfluss auf ihre Investitionsbereitschaft. 55 Auch der Verband der europäischen Übertragungsnetzbetreiber (ENTSO-E) sieht eine Verschlechterung der Versorgungssicherheit. 56 Für den Winter 2012/13 hat er eine Reservemarge von -0,2% bestimmt. Dies bedeutet, dass die Stromspitzennachfrage kurzfristig höher sein könnte als die in Deutschland zum gleichen Zeitpunkt verfügbare Kraftwerksleistung. Im Extremfall könnte es in Deutschland zu kritischen Situationen und damit Importbedarf kommen, beispielsweise an einem kalten, bewölkten und windarmen Winter tag, an dem Energie aus Wind und Sonne nur beschränkt erzeugt werden kann. Eine Kaltreserve in Form vertraglich gebundener konventioneller Kraftwerke in Süddeutschland und Österreich wurde 2011 eingeführt, um die Versorgungssicherheit zu stärken; im Winter 2011/12 wurde an zehn Tagen darauf zurückgegriffen. Inzwischen ist die Kaltreserve, deren Preis sich in den Stromrechnungen der Verbraucher niederschlägt, auf 2,5 Gigawatt aufgestockt. 57 Neben einer gesicherten Erzeugung spielen die Transport- und Verteilnetze eine entscheidende Rolle für die Versorgungssicherheit, gerade angesichts der verstärkten Nutzung erneuerbarer Energien denn Erzeugungs- und Verbrauchsregionen liegen teils weit auseinander. Der Netzausbau verläuft allerdings bisher zu langsam. Zum Jahresende 2012 waren nur 249 km der bis zu diesem Zeitpunkt geplanten 345 km fertiggestellt. Von den 24 im Energieleitungsausbaugesetz aufgeführten Netzprojekten haben laut Bundesnetzagentur momentan 16 einen Zeitverzug von bis zu sieben Jahren. Der zügige Ausbau vor allem kritischer Netzprojekte ohne weitere Verzögerungen ist neben der Sicherung bestehender steuerbarer Kraftwerke ein wichtiger Hebel zur kurzfristigen Vermeidung von Versorgungsstörungen. Aber auch mittelfristig bleibt der Netzausbau eine Herausforderung: Es gilt, die volatile Erzeugung erneuerbarer Energien deutschlandweit besser auszugleichen und die geografische Entfernung zwischen deren Erzeugung und Verbrauch zu überbrücken. Zugleich sollten steuerbare Erzeugungskapazitäten nicht vorschnell aufgegeben und die im Bau befindlichen steuerbaren Kraftwerke ans Netz gebracht werden. Fortschritte bei Nachfragemanagement und Speichertechnologie können ebenfalls eine stabilisierende Rolle spielen. 54 Entsprach im Jahr 2011 rund 10 bis 20% der Kraftwerkskapazität aus Kohle, Öl und Kernkraft; vgl. Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (2013b). 55 Bier (2012). 56 European Network of Transmission System Operators for Electricity (2012). 57 Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (2013a).

72 72 Eine austarierte Energiepolitik Im energiewirtschaftlichen Dreieck von Umweltverträglichkeit, Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit der Energieversorgung gilt es, in den kommenden Jahren wieder ein Gleichgewicht zu erreichen und die jeweils geplanten Maßnahmen stärker zu koordinieren. Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit benötigen mehr Aufmerksamkeit, damit aus den absehbaren Risiken keine tatsächlichen Nachteile resultieren und die Energie wende zu einer Erfolgsstory für Deutschland wird. Was zu tun ist: Kostensteigerung eindämmen. Dies bedeutet zum einen eine Anpassung bei den Erzeugungsschwerpunkten, um weitere Strompreissteigerungen zu vermeiden: Das Wachstum der Solar-Photovoltaik ist auf die gesetzten Ziele zu begrenzen, die bestehenden Offshore-Windparks müssen ans Netz angeschlossen und weitere Investitionen auf Energieeffizienz und Onshore-Wind konzentriert werden. In diesen beiden Bereichen sind Investitionen besonders vorteilhaft: Im Vergleich zu anderen Maßnahmen sind die Kosten für die Reduzierung von CO 2 -Emissionen vergleichsweise günstig und die lokale Wertschöpfung ist relativ hoch, weil entsprechende Anlagen in Deutschland hergestellt und die Arbeiten zur Energieeffizienzsteigerung in Haushalten und Gewerbe von lokalen Handwerkern ausgeführt werden können. Darüber hinaus ist eine europaweite Koordination dringend notwendig, damit die Anlagen zur Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien an den jeweils optimalen Standorten gebaut werden (z.b. Wind an den Atlantikküsten, Solar in Südeuropa) und der europaweite abgestimmte Netzausbau vorankommt. Falls dies auf europäischer Gesamtebene nicht oder zu langsam erfolgt, sind auch bilaterale Vereinbarungen und Aktionspläne geeig net, beispielsweise zwischen Deutschland und Spanien, Großbritannien, der Schweiz oder Norwegen. Langfristig könnten derartige Vereinbarungen auch in eine gesamt europäische Lösung unter Koordination der EU münden. Eine solche gesamteuropäische Lösung könnte allein in Deutschland bis 2050 Einsparungen von rund 360 Mrd. EUR gegenüber der Fortsetzung des heutigen Ausbaupfads ermöglichen. 58 Netzstabilität und Versorgungssicherheit erhöhen. Zum einen ist ein schneller und effizienter Ausbau der Netzinfrastruktur erforderlich, insbesondere die vorrangige Umsetzung wichtiger Projekte. Dazu gehört z.b. die Thüringer Strombrücke, die Windstrom aus dem Norden in die Verbrauchszentren im Süden Deutschlands bringen soll. Dies ist eine besonders wichtige Verbindung, damit das Kernkraftwerk Grafenrheinfeld 2015 abgeschaltet werden kann. Die erforderlichen Gesamtinvestitionen für den Ausbau der Netze bis 2022 dürften nach groben Schätzungen 30 bis 50 Mrd. EUR betragen. 59 Zum anderen bedarf es Anpassungen bei der Strommarktregulierung. Angesichts der volatilen Einspeisung durch Erzeuger erneuerbarer Energien stellen flexible und sicher 58 McKinsey & Company (2010b). 59 Bundesnetzagentur (2012); Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft e.v. (2011); Deutsche Energie-Agentur (2010).

73 Die Goldenen Zwanziger 4. Die Energiewende. Optionen für mehr Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit 73 verfügbare Erzeugungskapazitäten für das System einen hohen Wert dar. Um den Erhalt oder Zubau solcher Kapazitäten zu ermöglichen, muss die Marktregulierung derart ergänzt werden, dass verlässliche Preissignale als Basis für robuste Investitionsentscheidungen entstehen. Dies könnte beispielsweise durch eine Stärkung des Regelenergiemarkts, einen Kapazitätsmarkt zur gezielten Vergütung flexibler Kapazitäten außerhalb des bestehenden Großhandelsmarkts oder eine von der Bundesnetzagentur kontrahierte strategische Reserve erreicht werden. Außerdem ist eine Weiterentwicklung der aktuellen Förderung erneuerbarer Energien denkbar als weiterer Baustein für ein zukünftig tragfähiges Strommarktdesign. Die Beteiligung der Erzeuger erneuerbarer Energien an den Kosten des durch sie verursachten Regelenergiebedarfs würde z.b. eine Verbesserung der Einspeiseprognosen fördern. Damit könnten auch weniger flexible Kraftwerke (d.h. solche mit längeren Startzeiten) zu Regelzwecken eingesetzt werden. Eine ergänzende Option wäre, Anbietern von flexiblen Nachfragemanagement-Lösungen (z.b. Smart-Meter-basierte Lösungen) die Teilnahme an allen Teilen des Strommarkts zu ermöglichen, um so den Bedarf an flexiblen Kraftwerken insgesamt zu reduzieren. Weitere Eingriffe in Kraftwerksparks dosieren. Das Zurückdrehen des Kernkraftausstiegs ist keine Option. Ein überhasteter Abschied von heimischen Brennstoffen, etwa der Braunkohle, würde den Effekt des Kernkraftausstiegs jedoch verschärfen, das deutsche Stromnetz vor gravierende technische Probleme stellen und den Strompreis weiter erhöhen. Bei einem Verzicht auf Braunkohlekraftwerke würden die Börsenstrompreise nach oben getrieben um weitere ca. 5% bei Abschaltung der 300-Megawatt-Blöcke und um mehr als 10% bei Abschaltung der 600-Megawatt-Blöcke. Zudem würde sich die Import-Export-Bilanz um ca. 45 Terawattstunden (TWh) verschlechtern. Chancen einer erfolgreichen Energiewende für den Standort Deutschland erschließen. Gelingt die Energiewende in einer Balance von Umweltverträglichkeit, Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit, so erwachsen Deutschland daraus erhebliche Chancen. Erstens: Das Land wäre weniger stark abhängig von Brennstoffimporten durch Steigerung der Energieeffizienz und Ausbau der erneuerbaren Energien könnten die Importe um 24% zurückgehen, von 0,98 kwh/eur BIP 60 im Jahr 2010 auf 0,75 kwh/ EUR BIP im Jahr Zweitens: Eine weitere Vernetzung und Integration der deutschen Unternehmen und ihrer Wertschöpfungsketten im Bereich der Energieeffizienz und der erneuerbaren Energien sollte helfen, in diesen Bereichen die Technologieführerschaft zu halten oder sogar noch auszubauen im Sinne des Innovationsstandorts Deutschland. Dann könnten bis 2020 in Deutschland neue Arbeitsplätze in der Energieeffizienzbranche entstehen. 61 Drittens ergäben sich durch Energieeffizienzmaßnahmen ab 2020 Potenziale für Kosteneinsparungen in den Haushalten und in der Industrie von 53 Mrd. EUR p.a. (Schaubild 21), die sich auch in erhöhter Wettbewerbsfähigkeit niederschlagen könnten z.b. in der Chemieindustrie: Sie kann in vielen Bereichen am Erreichen der Treibhausgasziele 60 Verhältnis von fossilen Primärenergieimporten in kwh zum BIP in Euro. 61 McKinsey & Company (2009).

74 74 und der Erschließung neuer Rohstoffvorkommen mitwirken und sich dadurch neue Märkte erschließen, etwa im Bereich Dämmstoffe, Speichertechnologien für Elektrofahrzeuge sowie Karbonfaser für Leichtbau und Windkraft. Der Schiefergasboom in den USA und potenziell weiteren Ländern, etwa China, bietet der Chemieindustrie zusätzliche Chancen als Zulieferer von Explorationschemikalien ein Markt, der bei Wachstumsraten von 10% p.a. im Jahr 2015 ein Volumen von mehr als 5 Mrd. EUR erreichen wird. 62 Durch Energieeffizienzsteigerungen könnten Unternehmen und Haushalte im Jahr 2020 ihre Energiekosten um 53 Mrd. EUR p.a. reduzieren Durch Energieeffizienzsteigerungen könnten Unternehmen und Haushalte im Jahr 2020 ihre Energiekosten um 53 Mrd. EUR p.a. reduzieren Energieverbrauch in Deutschland in TWh p.a. Verkehr % Gebäude Industrielle Produktion Verkehr Gebäude Industrielle Produktion Energiekosteneinsparungen in Mrd. EUR p.a. Zusätzliche Einsparungen deutscher Unternehmen im Ausland in Mrd. EUR p.a Gesamteinsparpotenzial 2020: 53 Mrd. EUR Schaubild 21 1 Zur besseren Veranschaulichung der Einsparpotenziale wurden das gleiche Nutzungsverhalten und die gleiche Wirtschaftsleistung wie 2007 zu Grunde gelegt QUELLE: McKinsey (2009) Die Energiewende in Deutschland ist eine Pionierleistung. Sie bedarf nicht nur großer Entschlossenheit, sondern auch eines langen Atems. Sie erfordert vor allem Sorgfalt und optimale Koordination in der Umsetzung, um Wechselwirkungen zwischen den vielen Handlungsfeldern der Energiewende im Blick zu behalten und die Ziele Umweltverträglichkeit, Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit gesamthaft zu erreichen, d.h. ohne eines der Ziele zu priorisieren. Die Energiewende sollte nicht zu einer großen volkswirtschaftlichen Belastung mit Nachteilen für den Standort werden sondern zu einer Erfolgsstory, die Deutschland, seinen Unternehmen und deren Beschäftigten neue Perspektiven eröffnet. 62 Freedonia (2011).

75 Die Goldenen Zwanziger 4. Die Energiewende. Optionen für mehr Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit 75

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77 Die Goldenen Zwanziger 5. Die Fachkräftelücke. Reserven für zukünftiges Wachstum Die Fachkräftelücke. Reserven für zukünftiges Wachstum Das Problem ist seit Langem bekannt: In Deutschland sinkt das Angebot an Erwerbspersonen und insbesondere an gut ausgebildeten Fachkräften in den kommenden Jahren merklich nicht zuletzt auf Grund der demografischen Entwicklung. Damit droht die Gefahr einer Wachstumsbremse für die deutsche Wirtschaft und somit das Verfehlen des angepeilten Pro-Kopf-Wachstumspfads von rund 2,3% p.a. 63 Die Bandbreite der Möglich keiten zur Deckung des künftigen Fachkräftebedarfs reicht von der stärkeren Einbeziehung von Frauen ins Erwerbsleben bis hin zur Gewinnung von mehr qualifizierten Zuwanderern durch engere Verzahnung der europäischen Arbeitsmärkte. Nur wenn alle Akteure zusammenwirken, wird sich die Angebotslücke schließen lassen. Trotz Eintrübung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in Europa zeigt sich der deutsche Arbeitsmarkt zurzeit in robuster Verfassung. Im Dezember 2012 meldete die Bundesagentur für Arbeit rund 2,84 Mio. Arbeitslose; das sind lediglich mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig stieg die Zahl der Beschäftigten gegenüber dem Vorjahr nochmals an, um 0,4 Mio. auf jetzt 29,4 Mio. Personen. Kein Ausgleich der Arbeitsmärkte in Europa Weniger positiv fällt die Bilanz der nationalen Arbeitsmärkte in Europa insgesamt aus: Neben Deutschland können nur wenige andere Länder wie Norwegen, die Niederlande oder Luxemburg eine vergleichsweise niedrige Arbeitslosenquote verbuchen. Diese Länder weisen gleichzeitig eine hohe Anzahl freier Stellen auf, insbesondere für Fachkräfte. In Südeuropa hingegen, etwa in Griechenland, Italien und Spanien, hat die Wirtschaftsund Finanzkrise voll auf den Arbeitsmarkt durchgeschlagen. Freie Stellen sind rar. Spanien kämpft mit einer Arbeitslosenquote von 26,6% und einer Jugendarbeitslosigkeit von über 50% (Stand November 2012) damit ist das Land in der OECD derzeit Schlusslicht (Schaubild 22). Die zum Teil großen Unterschiede zwischen den europäischen Ländern bei Arbeitslosenquote und Vakanzrate zeigen: Ein grenzübergreifender Ausgleich zwischen den nationa len Arbeitsmärkten findet nicht statt. In einem funktionierenden europäischen Arbeits markt und als Ersatz für die fehlende Ausgleichsfunktion durch Veränderung des Wechsel kurses müssten Unterschiede in der Wirtschaftskraft zumindest teilweise durch Flexi bi lität und Mobilität von Arbeitnehmern zwischen den einzelnen Staaten kom pensiert werden. Doch während die Binnenmigration etwa in den USA bei 2,8% liegt, beträgt sie in der EU gerade einmal 0,18%. 63 Siehe Kapitel 3 Die Industriestruktur.

78 78 Der europäische Arbeitsmarkt gleicht sich nicht aus trotz teils hoher Arbeitslosigkeit und zahlreicher freier Stellen Der europäische Arbeitsmarkt gleicht sich nicht aus trotz teils hoher Arbeitslosigkeit und zahlreicher freier Stellen Arbeitsmarkt in EU-Ländern Arbeitslosigkeit in Prozent Fachkräftemangel Vakanzrate 2 Beides 2,8 2,6 Norwegen Deutschland 2,4 2,2 Finnland 2,0 Österreich 1,8 Belgien 3 Großbritannien 1,6 1,4 Niederlande Schweden Ungarn Estland Dänemark 3 1,2 Zypern Spanien 1,0 Tschechische Republik Slowenien Bulgarien Slowakei Litauen 0,8 Luxemburg Italien 3 Irland Griechenland 0,6 Polen Rumänien 0,4 Frankreich 3 Portugal Lettland 0, Arbeitslosenquote Schaubild 22 1 Relative Position der meisten Länder weitgehend konstant 2 Vakanzrate = Anzahl offener Stellen Anzahl Stellen gesamt 3 Daten von 2010 QUELLE: Eurostat; McKinsey Durch das Ungleichgewicht zwischen den nationalen Arbeitsmärkten fielen allein in der EU volkswirtschaftliche Kosten in Höhe von ca. 674 Mrd. EUR an: 273 Mrd. EUR ergeben sich aus direkten Kosten der Arbeitslosigkeit, also den Kosten für die Arbeitsmarktverwaltung und ihre Leistungen. 310 Mrd. EUR sind indirekte Kosten, die durch ausbleibende Sozialbeiträge und Steuern entstehen. Die restlichen 91 Mrd. EUR sind auf entgangene Wirtschaftsleistungen durch nicht besetzte Stellen zurückzuführen. Deutschland liegt mit einer Kostenbelastung in Höhe von insgesamt rund 4,7% des nationalen BIP europaweit im Mittelfeld. Schaubild 23 zeigt die Verteilung auf die einzelnen Länder, gemessen in Prozent am BIP. Während die Kosten der Arbeitslosigkeit besonders in Spanien, aber auch in Irland und Frankreich anfallen, betreffen die Kosten des Fachkräftemangels vor allem Belgien, Deutschland, Finnland und Großbritannien. 64 D.h. EU-27 ohne Luxemburg, Malta und Zypern.

79 Die Goldenen Zwanziger 5. Die Fachkräftelücke. Reserven für zukünftiges Wachstum 79 Das Ungleichgewicht am europäischen Arbeitsmarkt verursacht hohe volkswirtschaftliche Kosten Das Ungleichgewicht am Arbeitsmarkt verursacht hohe volkswirtschaftliche Kosten in Prozent des BIP Kosten nach Komponenten 10,7 Ausgaben Arbeitsmarktpolitik Verlorene Steuern/ Sozialbeiträge Entgangenes BIP durch nicht besetzte Stellen 5,9 5,9 5,5 5,5 5,4 4,9 4,9 4,8 4,7 4,6 4,6 4,3 4,3 4,3 4,1 4,0 3,4 Ø Gesamtbelastung ca. 4,4% 3,4 2,7 2,4 2,2 1,4 1,4 E IRL BE DK FIN F PT NL S D I EST GR A UNG SVK LAT LIT GB PL CZ SVN ROM BUL Top-5-Länder bei den Kosten der Arbeitslosigkeit 1 Kosten des Fachkräftemangels 2 10,4 5,5 5,2 4,9 4,7 1,3 1,2 1,1 1,1 0,8 E IRL F DK PT BE D A GB FIN 1 Summe der Ausgaben für Arbeitsmarktpolitik sowie für verlorene Steuern und Sozialbeiträge 2 Entgangenes BIP durch nicht besetzte Stellen QUELLE: Eurostat; IHS Global Insight; Prognos; McKinsey Schaubild 23 Deutschland schneidet bei den Arbeitslosenzahlen im europäischen Vergleich also gut ab, die hohe Vakanzrate gibt jedoch Anlass zur Besorgnis. Bereits heute liegt die Wirtschaftsleistung in Deutschland auf Grund eines Mangels an Fachkräften um 1% niedriger als möglich, wenn das Potenzial voll ausgeschöpft würde. Und das Problem wird sich weiter verschärfen. Im Zuge des demografischen Wandels wird das Potenzial an Erwerbspersonen bis 2025 deutlich zurückgehen. Vom Mangel an Fachkräften sind bestimmte Branchen, Regionen oder auch Berufe besonders stark bedroht. So werden Fachkräfte künftig insbesondere im Maschinen- und Fahrzeugbau sowie in der Chemie und Elektrotechnik fehlen. Auch im Gesundheits- und Sozialwesen, wo heute schon ein Arbeitskräftemangel herrscht, wird sich die Situation weiter zuspitzen. Im öffentlichen Dienst sind ganze Berufsgruppen von Überalterung bedroht, z.b. Berufsschullehrer, Stadtplaner und Hochbauingenieure. Wie stark der Fachkräftemangel tatsächlich sein wird, hängt vor allem vom künftigen Wachstum und von der Steigerung der Produktivität ab. Kann Deutschland sein BIP pro Kopf wie im Zielszenario vorgesehen um 2,3% p.a. steigern, was ca. 2,1% des gesamten BIP-Wachstums entspricht, fehlen bis 2025 ca. 6,5 Mio. Erwerbskräfte, sofern die Produktivität wie im langjährigen Mittel in der Vergangenheit um 1,4% p.a. zunimmt (Schaubild 24). Dieser Mangel wäre durch höhere Produktivitätssteigerung nur partiell zu kompensieren: Gelingt es, die Produktivität um ca. 2,2% p.a. zu erhöhen, würden bis 2025 immer noch ca. 4 Mio. Fachkräfte fehlen.

80 80 Für ein Pro-Kopf-Wachstum des BIP von 2,3% p.a. fehlen bis 2025 ca. 6,5 Mio. Erwerbstätige Für ein Pro-Kopf-Wachstum des BIP um 2,3% p.a. fehlen bis 2025 ca. 6,5 Mio. Erwerbstätige Reales BIP pro Kopf 1 in Tsd. EUR Produktivität in Tsd. EUR +1,4% p.a ,3% p.a ,4 44,8 Drohende reale EPP-Lücke 2 in Mio. Erwerbspersonen (FTE) ,8 47,9 6,5 41, Schaubild 24 1 Annahme eines konstanten BIP-pro-Kopf-Wachstums von 2,3% p.a. 2 EPP = Erwerbspersonenpotenzial, d.h. Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter, die effektiv dem Arbeitsmarkt zur Verfügung steht; unter Berücksichtigung des Szenarios 1 des Statistischen Bundesamts zur Bevölkerungsentwicklung (Geburtenrate von 1,4 Kindern pro Frau und Menschen Zuwanderungssaldo ab 2014), Erwerbsalter Jahre sowie eine stille Reserve von 17% QUELLE: Statistisches Bundesamt Deutschland; McKinsey Lässt sich die Fachkräftelücke nicht schließen, drohen erhebliche Wohlstandsverluste. Das BIP 2030 würde dann bei einem Produktivitätswachstum von 1,4% p.a. um ca. 517 Mrd. EUR niedriger ausfallen als dies möglich wäre, wenn die Fachkräftelücke geschlossen werden könnte. Überalterung und Lohnzuwächse Die Auswirkungen des demografischen Wandels auf den Arbeitsmarkt sind seit Langem bekannt. Auf Grund der Langfristigkeit des Trends lassen sich auch künftige Entwicklungs linien gut prognostizieren. Der Bedarf an Fachkräften in den kommenden Jahren könnte durch einen Sonderfaktor noch einmal ansteigen: Der öffentliche Sektor muss in den kommenden zehn Jahren rund 1 Mio. Beschäftigte ersetzen, die aus Alters gründen ausscheiden. Auftretende Engpässe durch eine höhere Bezahlung aus zugleichen, wie heute in einigen Branchen praktiziert, kann dabei keine nachhaltige Lösung sein. Überalterung im öffentlichen Dienst Im öffentlichen Sektor 65 arbeiten heute 4,6 Mio. Personen, was rund 11,5% aller Erwerbstätigen in Deutschland entspricht. In den kommen den zehn Jahren wird der öffentliche 65 Kernverwaltungen von Bund, Ländern und Gemeinden.

81 Die Goldenen Zwanziger 5. Die Fachkräftelücke. Reserven für zukünftiges Wachstum 81 Sektor ca. 1 Mio. Beschäftigte altersbedingt verlieren d.h., knapp ein Viertel der Arbeitskräfte wird ausgetauscht werden müssen. Besonders betroffen sind der höhere und der gehobene Dienst. In den Bundesländern z.b. stehen bis 2021 die Stellen von ca Beschäftigten (24%) zur Wiederbesetzung an. Davon entfallen je ca auf den höheren und den gehobenen Dienst (oder jeweils vergleichbare Tarifstufen). Im mittleren oder einfachen Dienst (oder in vergleichbaren Tarifstufen) sind es ca Beschäftigte. Damit benötigen allein die Länder bis 2021 ca Arbeitskräfte mit Hochschulabschluss sowie weitere ca Beschäftigte mit Fachhochschulabschluss sofern sie ihre Strukturen und Prozesse nicht deutlich effizienter gestalten (Schaubild 25). Im öffentlichen Dienst der Länder gibt es vor allem bei Führungs- und Fachkräften einen Altersüberhang Im öffentlichen Dienst der Länder gibt es vor allem bei Führungs- und Fachkräften einen Altersüberhang Landesbeschäftigte im öffentlichen Dienst Beamte und Angestellte in FTE, in Prozent, nach Alter (Stand 2011) < 30 Jahre Jahre > 55 Jahre Fachkräftemangel tritt nicht von heute auf morgen ein, er entwickelt sich schleichend. Das verführt dazu, nach Ad-hoc-Lösungen zu suchen statt eine ganzheitliche Strategie zu ent Nachbesetzungsbedarf bis 2021 Höherer Dienst Gehobener Dienst Mittlerer Dienst Summe QUELLE: Statistisches Bundesamt Deutschland; McKinsey Schaubild 25 Tatsächlich wird sich die Umwälzung bei den Beschäftigten nicht allein durch Nachbesetzungen lösen lassen. Dafür ist der finanzielle Spielraum der Länder zu eng die Personalkostenquote beträgt im Mittel bereits 41% der laufenden Haushalte. Zudem wird die im Grundgesetz festgelegte Schuldenbremse zu einer deutlich spürbaren Restriktion für die Länder. Wenig hilfreiche Ad-hoc-Lösungen

82 82 wickeln. Einige Branchen wie die Auto mobil- oder die Chemieindustrie sind dazu übergegangen, die Vergütung zu erhöhen, um sich Fachkräfte in Schlüsselberufen zu sichern. So lag die mittlere Lohnsteigerung in den Branchen, die für das Exportmodell der deutschen Industrie wichtig sind, zwischen 2008 und 2012 deutlich über dem Durchschnitt: Während der Zuwachs im Mittel aller Branchen 2,7% p.a. betrug, gingen Chemie und Verfahrens technik mit 3,7% p.a., die Medizintechnik mit 3,5% p.a. und die Automobilindustrie mit 3,3% p.a. deutlich darüber hinaus. Einzelne Funktionen schnitten besonders gut ab: IT-Führungskräfte etwa konnten z.b. in der Chemie und Verfahrenstechnik Steigerungen von 4,7% p.a. und in der Medizintechnik von sogar 4,9% p.a. erzielen ( Schaubild 26). Der bisherige Ansatz der Kompensation des Fachkräftemangels durch Gehaltssteigerung ist nicht zukunftsfähig Der bisherige Ansatz der Kompensation des Fachkräftemangels durch Gehaltssteigerung ist nicht zukunftsfähig Jährliche Gehaltssteigerung je Berufsgruppe in Prozent Branche Berufsgruppe Produktion F&E IT Konsum- und Gebrauchsgüter Medizintechnik Chemie, Verfahrenstechnik Automobilindustrie Durchschnitt prod. Gewerbe 1 Leiter 2,3 3,2 4,0 3,2 2,6 Ingenieur 2,9 3,0 1,9 2,6 2,6 Techniker 2,4 3,5 3,3 3,7 2,9 Leiter 2,8 2,7 3,7 3,6 2,4 Mitarbeiter 2,9 2,8 2,9 3,7 2,0 Leiter 3,1 4,5 3,1 4,9 2,9 Entwickler 3,3 2,8 3,6 2,9 2,3 Systemadministrator 2,0 2,5 1,4 3,0 2,1 Durchschnitt 2 3,3 3,7 3,0 3,5 2,7 Überdurchschnittliche Gehaltsentwicklung in Kernbranchen des Exportmodells Überdurchschnittliche Steigerungen vor allem bei Führungskräften insgesamt und IT Vergütungsmodell schwächt die Wettbewerbsfähigkeit Schaubild 26 1 Durchschnitt über 10 Branchen aus dem produzierenden Gewerbe (zusätzlich Pharma, Maschinenbau, Anlagenbau, Luftfahrt, Energie und E-Technik) 2 Durchschnitt aller Berufsgruppen außer der Geschäftsführung (umfasst zusätzlich Vertrieb/Marketing, Finanzen und Personal) QUELLE: Wirtschaftswoche (2008); Wirtschaftswoche (2012); McKinsey Die Gefahren dieser Entwicklung liegen auf der Hand: Fällt der Anstieg bei den Faktorkosten höher aus als die erzielten Produktivitätssteigerungen, schwächt dies die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Die Erarbeitung einer nachhaltigen Strategie zur Bekämpfung des Fachkräftemangels mit Lohnsteigerungen im Rahmen der Produktivitätszuwächse bleibt aus. Sechs Hebel für mehr Fachkräfte Fachkräftemangel ist kein unabwendbares Schicksal. Noch ist es früh genug, gegenzusteuern. Was also muss Deutschland tun, um den steigenden Bedarf an zusätzlichen Fachkräften decken zu können? Zum einen gilt es, alle nationalen und transnationalen Mög

83 Die Goldenen Zwanziger 5. Die Fachkräftelücke. Reserven für zukünftiges Wachstum 83 lichkeiten zu nutzen, um die Zahl der zur Verfügung stehenden Fachkräfte zu erhöhen. Zum anderen sollte der öffentliche Sektor durch grundlegende Modernisierung für eine spürbare Reduzierung des eigenen Fachkräftebedarfs sorgen. Fachkräfteangebot erhöhen Noch hat Deutschland nicht alle eigenen Reserven aktiviert. Auch die Einwanderung von Fachkräften bietet noch Potenzial. Insgesamt stehen folgende Hebel zur Verfügung: Stärkung der Erwerbsneigung von Frauen. Die intensivere Einbindung von Frauen in das Erwerbsleben birgt ein Potenzial von insgesamt ca. 0,7 bis 2,1 Mio. FTE (Full- Time Equivalents, Vollzeitkräfte) bis Damit mehr Frauen erwerbstätig werden bzw. Vollzeit arbeiten können, sind u.a. Maßnahmen zur Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie lebensphasenorientierte Arbeitszeitmodelle umzusetzen. Aktivierung älterer Arbeitnehmer. Über eine Reintegration von (Früh-)Pensionären in den Arbeitsmarkt bzw. Steigerung der Erwerbsquote der Über-55-Jährigen ließe sich bis 2025 ein Fachkräftepotenzial von 0,5 bis 1,2 Mio. FTE erschließen. Voraussetzung hierfür ist u.a., dass der Beitrag älterer Arbeitnehmer stärker wertgeschätzt wird. Auch müssen Anreize für ein längeres Verbleiben im Beruf geschaffen werden, etwa ein flexiblerer Übergang in die Rente. Aktivierung Langzeitarbeitsloser. In Deutschland gibt es derzeit ca. 2 Mio. Langzeitarbeitslose. Das Fachkräftepotenzial dürfte sich allerdings auf ca. 0,1 bis 0,2 Mio. FTE beschränken. Die Anstrengungen in diesem Bereich sollten sich eher darauf konzentrieren, die Anzahl der Neuzugänge in die Langzeitarbeitslosigkeit zu verringern. Fachkräftemigration. Durch gesteuerte Migration von Fachkräften lassen sich weitere 0,4 bis 1,0 Mio. FTE gewinnen. So ist z.b. die Anwerbung ausländischer Hochschulabsolventen zu intensivieren. Aber auch die Rahmenbedingungen sollten ver bessert werden; Deutschland muss attraktiver für die besten Köpfe werden, etwa durch die Förderung und Entwicklung einer echten Willkommenskultur. Steigerung der Qualifikation. Gelingt es, die Anzahl der Abbrecher in Schule, Berufsausbildung und Studium zu reduzieren, lässt sich der Anteil der Fachkräfte an den Erwerbspersonen steigern. Das Potenzial beläuft sich auf ca. 0,5 bis 1,9 Mio. FTE. Steigerung der Wochenarbeitszeit. Eine um zwei Stunden (freiwillig oder tariflich) erhöhte tatsächliche Wochenarbeitszeit von Vollzeitarbeitskräften würde einem zusätzlichen Potenzial an Fachkräften von ca. 0,4 bis 1,1 Mio. FTE entsprechen. Die Vielzahl und Verschiedenartigkeit der Handlungsfelder machen deutlich, dass der Fachkräftemangel nur durch einen breiten Ansatz und die Mitwirkung aller bewältigt werden kann. Um die Lücke von ca. 6,5 Mio. Erwerbstätigen bei gleich bleibender Produktivitätssteigerung bis 2025 schließen zu können, müssten alle Potenziale vollständig ausgeschöpft

84 84 werden. Das bedeutet z.b., die Vollerwerbsquote von Frauen und Älteren in Deutschland auf europäische Bestmarken zu steigern. Doch selbst das weniger ambitionierte Ziel, 4 Mio. Fachkräfte zu gewinnen, lässt sich nur unter großen Anstrengungen erreichen. Die Bundesagentur für Arbeit hat 2011 in ihrer Veröffentlichung Perspektive 2025 Fachkräfte für Deutschland einen konkreten Handlungsplan skizziert. Dieser zeigt auf, was sowohl der Staat Bund, Länder und Kommunen als auch Arbeitgeber, Arbeitnehmer und weitere Akteure tun müssen, um die vorhandenen Potenziale zu erschließen. Erste Weichen sind bereits gestellt: Initiativen wie der Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung, die Förderung lebenslanger Arbeitszeitkonten und der flexiblere Einstieg in die Rente oder auch die erleichterte Anerkennung ausländischer Bildungsabschlüsse sind bereits umgesetzt oder zumindest legislativ angestoßen. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales engagiert sich im Rahmen seiner Initiative Fachkräfte für die Regionen durch sein Innovationsbüro Fachkräfte zusätzlich zur Gesetzesarbeit aktiv für dieses Thema und vernetzt derzeit 456 regionale und lokale Netzwerke aus Kammern, Gewerkschaften, regionalen und lokalen Behörden sowie der Bundesagentur für Arbeit. Zusätzlicher Handlungsbedarf ergibt sich aus heutiger Sicht insbesondere bei zwei Hebeln: der Steigerung der grenzüberschreitenden Migration und der Verbesserung der Qualifikation. Steigerung der grenzüberschreitenden Migration Zusammenführung der nationalen Arbeitsmärkte in der EU Per Saldo sind seit 1991 rund Personen p.a. nach Deutschland eingewandert, bei allerdings starken Schwankungen über die Zeit. Die Zuwanderung erfolgte zuletzt typischerweise aus Osteuropa, eine gezielte Fachkräfteauswahl findet bislang kaum statt (Schaubild 27) und 2012 hat sich die Zuwanderung netto auf ca Personen p.a. erhöht; dabei kommen immer mehr Menschen aus den besonders von der Eurokrise betroffenen Ländern. Ziel muss es sein, diesen aktuell erhöhten Zustrom an qualifizierten Arbeitskräften nach Deutschland zu verstetigen und vorhandene Potenziale transnational zu nutzen. Die dafür notwendige Angleichung der nationalen Arbeitsmärkte in der EU setzt neben gesetzlichen Anpassungen voraus, dass sich die Vorgehensweisen in den verschiedenen Arbeitsmarktverwaltungen angleichen. Für mehr Mobilität von Mitarbeitern können zudem insbesondere große Unternehmen sorgen. Vorgehensweisen in den Arbeitsmarktverwaltungen angleichen. Ausgangspunkt eines grenzüberschreitend funktionsfähigen europäischen Arbeitsmarkts ist zunächst Transparenz: Arbeitsuchende müssen wissen, welche offenen Stellen es in welchen Ländern gibt; Arbeitgebern muss ersichtlich sein, welche Bewerber dem Markt zur Ver fügung stehen. Ein europäisches Arbeitsmarktportal könnte die Informationen in verschiedenen Sprachen verfügbar machen, ergänzt z.b. durch Angaben zu erforderlichen Qualifikationen. Mit dem EURES-Portal der EU-Kommission, Generaldirektion Beschäftigung, Soziales und Integration, ist hier bereits ein Anfang gemacht.

85 Die Goldenen Zwanziger 5. Die Fachkräftelücke. Reserven für zukünftiges Wachstum 85 Deutschland verzeichnete in den letzten 20 Jahren eine Nettozuwanderung von über Personen p.a., derzeit insbesondere aus Osteuropa Deutschland verzeichnete in den letzten 20 Jahren eine Zuwanderung von über Personen p.a., derzeit insbesondere aus Osteuropa Wanderungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Ausland Anzahl in Tsd. Top-5-Länder beim Wanderungssaldo nach Herkunfts-/Zielgebieten, 2010 Anzahl in Tsd Zuzüge Ø Fortzüge Rumänien 26 Polen 23 Bulgarien 16 Ungarn 9 Afghanistan 6 2 Kanada -1 Österreich -2 USA -3 Türkei Schweiz Durchschnittliche jährliche Nettomigration 2 Umfasst vorwiegend Asylbewerber QUELLE: Statistisches Bundesamt Deutschland; McKinsey Schaubild 27 Im nächsten Schritt gilt es, das Selbstverständnis der nationalen Agenturen weiterzuentwickeln: Sie müssen die grenzübergreifende Vermittlung als ihre ureigene Aufgabe ver stehen. Dazu sind nicht nur die Geschäftsprozesse im Bereich der Vermittlung auf eine grenzüberschreitende Kooperation auszurichten. Auch die Zielvereinbarungs- und Anreiz systeme der Beschäftigten müssen entsprechend angepasst werden. Außerdem sind Instrumente der aktiven und passiven Arbeitsmarktförderung so zu gestal ten, dass sie die Arbeitssuchenden dazu motivieren, ins Ausland zu wechseln. So könnten z.b. Sprachkurse gefördert, die Kosten für Flüge übernommen oder Zuschüsse zur doppelten Haushaltsführung gezahlt werden. Auch die steuerliche Anerkennung derartiger Aufwendungen als absetzfähige Werbungskosten würde die Mobilität erhöhen. Lang fristiges Ziel sollte die grenzübergreifende Transferierbarkeit von Ansprüchen aus der sozialen Absicherung sein. Mobilität durch große Unternehmen fördern. Große multinationale Unternehmen sind in der besonderen Lage, auf verschiedene nationale Arbeitsmärkte zugreifen zu können. Sie profitieren damit nicht nur von besseren Möglichkeiten zur Rekrutierung von Fachkräften, sondern können auch einen Beitrag zur Angleichung unterschiedlicher Quali fikationssysteme leisten. So baut z.b. VW in Spanien Ausbildungskapazitäten analog zum dualen System auf. Damit exportiert VW die Qualität der deutschen Berufsausbildung nach Spanien. Das erhöht die Beschäftigungsfähigkeit in Spanien, wo ca. 48% der Erwerbspersonen lediglich über

86 86 eine elementare Schulbildung verfügen (OECD-Schnitt: 27%). Parallel schafft VW ein Reservoir an Fachkräften für den eigenen Konzern. Mit ähnlicher Zielsetzung betreiben 27 deutsche Großunternehmen bereits seit 1982 eine gemeinsame Berufsschule in Madrid (ASET). Die bisher ca Absolventen nehmen heute in den Unternehmen vielfach Führungspositionen ein. Derartige Modelle der Kooperation sind auch für international tätige Mittelständler denkbar und sinnvoll. Verbesserung der Qualifikation Ausbildung und Qualifizierung gehören zu den wirk sams ten Vorkehrungen gegen den Fachkräftemangel. Der Rückgang des Erwerbspersonen potenzials in Deutschland ist un aus weichlich. Umso wichtiger ist es daher, die verbleibenden Arbeitskräfte durch eine erst klassige Ausbildung und Qualifizierung auf die Anforderungen des Arbeitsmarkts vorzubereiten entlang des gesamten Bildungswegs. Anteil der Jugendlichen ohne Schulabschluss verringern. In einer von Wissen geprägten Gesellschaft geht die Nachfrage nach Arbeitskraft ohne Ausbildung zwangsläufig zurück. Lag der Bedarf in Deutschland 2010 noch bei ca. 7,1 Mio. Stunden oder rund 12,5% der Gesamtnachfrage, dürfte er bis 2030 auf ca. 5,7 Mio. Stunden oder ca. 10% der Gesamtnachfrage sinken. 66 So überrascht es nicht, dass jeder zweite Langzeitarbeitslose keine berufliche Qualifikation hat. Die Weichen werden dabei oft schon in der Schule gestellt. Besonders zwei Gruppen bleiben heute häufig ohne Schulabschluss: zum einen Kinder nicht deutscher Herkunft, insbesondere aus den ehemaligen Anwerberstaaten für Gastarbeiter ; zum anderen Förderschüler, von denen rund die Hälfte keinen Schulabschluss macht. Für diese Gruppen sind gezielte Angebote zu entwickeln. Dazu können etwa ein verbesserter Förderunterricht und intensivere Hausaufgabenbetreuung für Kinder mit Migrationshintergrund zählen. Auch die Rückführung von Förderschulen durch Integration in das Schulsystem ist ein wichtiges Ziel. Ein weiterer Schwerpunkt der Maßnahmen sollte zudem auf den neuen Bundesländern liegen. Dort verlassen deutlich mehr Schüler die Schule ohne Hauptschulabschluss (2011: 9,7%) als in den alten Bundesländern (5,0%). Duale Ausbildung weiterentwickeln und in das System investieren. Die berufliche Ausbildung in Deutschland ist ein Erfolgsmodell. Wie eine aktuelle McKinsey-Studie zeigt, finden Jugendliche hierzulande schneller und häufiger eine Arbeit als in anderen Ländern. 67 So können 70% der Jugendlichen schon während der Ausbildung oder maximal drei Monate nach deren Abschluss in ein festes Arbeitsverhältnis wechseln. Die Quote ist damit höher als in allen anderen betrachteten Ländern (Schaubild 28). 68 Mit 8% liegt die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland zudem deutlich unter dem OECD-Durchschnitt von ca. 19%. 66 Helmrich et al. (2012); Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2010). 67 McKinsey & Company (2012a). 68 D.h. Großbritannien, USA, Türkei, Brasilien, Mexiko, Indien, Marokko, Saudi-Arabien.

87 Die Goldenen Zwanziger 5. Die Fachkräftelücke. Reserven für zukünftiges Wachstum 87 70% der deutschen Berufsanfänger finden innerhalb der ersten 3 Monate nach Ausbildungsabschluss Arbeit 70% der deutschen Berufsanfänger finden innerhalb der ersten 3 Monate nach Ausbildungsabschluss Arbeit Umfrage: Zeit bis zur 1. Festanstellung in Prozent der Antworten Vor Abschluss/bis zu 3 Monate danach 3 Monate bis 1 Jahr Über 1 Jahr Deutschland Brasilien Großbritannien Indien 60 USA Mexiko Türkei Saudi-Arabien 31 Marokko QUELLE: McKinsey-Umfrage, August - September 2012 Schaubild 28 Dennoch besteht auch hierzulande Handlungsbedarf, denn trotz der institutionellen Kooperation zwischen Arbeitgebern und Bildungsanbietern gerade im dualen System leben beide in verschiedenen Welten: So sehen nur 43% der Arbeitgeber die Ausbildung der Berufsanfänger als geeignet für den Arbeitsmarkt an; dieser Wert entspricht in etwa dem in den Vergleichsländern. Dagegen fällt die Einschätzung der Bildungsanbieter deutlich positiver aus: Sie meinen, dass rund 82% der Abgänger für den Arbeitsmarkt geeignet sind. Diese Diskrepanz in der Bewertung der Zukunftschancen junger Leute ist in Deutschland größer als in allen Vergleichsländern (Schaubild 29). Ein weiteres Problem ist die zunehmende Überalterung der Berufsschulkollegien: Fast jeder dritte Lehrer ist älter als 55, nur 3% sind jünger als 30. Aufgabe ist es daher, das bestehende System weiter zu stärken und seine Qualität auszubauen: Dazu gehört u.a., die Interaktion zwischen Arbeitgebern zu fördern und die Berufsschulen personell zu verjüngen. Zudem gilt es, die angebotenen Berufsbilder stetig weiterzuentwickeln, um den Anforderungen der Arbeitswelt etwa eine stärkere Durchdringung der Arbeitsplätze mit neuen Technologien und zunehmende Internationalisierung besser zu entsprechen. Dies kann z.b. durch weiteren Ausbau dualer Studiengänge erreicht werden (Abitur/Fachabitur plus Berufsausbildung als Bachelor, Zugangsmöglichkeit zum Master). Hochschulabsolventen besser auf das Berufsleben vorbereiten. In Deutschland gibt es deutlich weniger Akademiker als in den meisten anderen OECD-Län dern. Die Akademikerquote beläuft sich hierzulande auf ca. 25,7%. Während der Akade mi keranteil in Deutschland zwischen 1959 und 2009 um lediglich 7,3% gestiegen ist, nahm er in Süd

88 88 Arbeitgeber beurteilen die Beschäftigungsfähigkeit von Berufsanfängern im Gegensatz zu Bildungsanbietern besonders skeptisch Arbeitgeber beurteilen die Beschäftigungsfähigkeit von Berufsanfängern im Gegensatz zu Bildungsanbietern besonders skeptisch Prozentsatz der Befragten, die die Beschäftigungsfähigkeit positiv beurteilen Bildungsanbieter Arbeitgeber Differenz USA Indien Deutschland Mexiko Saudi-Arabien Türkei Brasilien Großbritannien Marokko Schaubild 29 QUELLE: McKinsey korea um 56,6% und in Japan um 42,0% zu. Aber auch Frankreich mit 32,7% und Spanien mit 30,6% verzeichneten in den zurückliegenden 50 Jahren deutlich höhere Steigerungs raten. 69 Ein Hebel, mehr Akademiker zu gewinnen, ohne dabei die duale Berufsbildung zurückzudrängen, ist die Senkung der Studienabbrecherquote; sie lag in Deutschland traditionell zwischen 20 und 30% und hat sich im Zuge des Bologna-Prozesses zunächst noch weiter erhöht. In Bachelorstudiengängen an Universitäten lag sie sogar bei 35% (Fachhochschulen: 19%). 70 Hauptursachen sind nach Untersuchungen des HIS (Hochschulinformationssystems) zu je ca. 20% Leistungsprobleme, finanzielle Probleme und mangelnde Motivation. Eine Fokussierung der Lerninhalte gerade im Bachelorstudium und eine Steigerung der Motivation durch Aufzeigen der Bildungsrendite scheinen hier wesentliche Ansatzpunkte zu sein. Darüber hinaus gilt es dringend, den Anteil der Studierenden in den MINT-Fächern Mathematik, Ingenieurwesen, Naturwissenschaften, Technik zu erhöhen. Denn in diesem Bereich zeichnet sich schon jetzt ein struktureller Fachkräftemangel ab. Allein um das Ausscheiden der geburtenstarken Jahrgänge zu kompensieren, müsste die so genannte Demografieersatzrate der MINT-Akademiker, also das Verhältnis der bis zu 36-Jährigen zu den 56- bis 65-Jährigen, deutlich ansteigen. Insbesondere im Bereich der Ingenieure lag die Ersatzrate in Deutschland bei Messung durch die OECD zuletzt zwischen ca. 0,77 im Maschinenbau und ca. 0,88 im Bereich der Elektroingenieure. Um 69 OECD (2009). 70 Bundesagentur für Arbeit (2011).

89 Die Goldenen Zwanziger 5. Die Fachkräftelücke. Reserven für zukünftiges Wachstum 89 Die Zahl der MINT-Absolventen sollte bis 2020 auf ca p.a. gesteigert werden Die Zahl der MINT-Absolventen sollte bis 2020 auf ca p.a. gesteigert werden Bedarf an MINT-Absolventen 2020 in Tsd. Ersatzbedarf % der jetzigen Beschäftigten sind über 55 Jahre; je MINT-Kategorie von den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten 2011 Demografiebedingter Ersatzbedarf Expansionsbedarf Ersatzbedarf Ingenieure bis zu ; weiterer Bedarf MIN-Absolventen bis zu MINT-Bedarf 2020 ~ Bedarf 2020 an MINT-Berufen und MINT-Qualifikationen Nur 50-60% der MINT-Absolventen arbeiten in ihrem erlernten Berufshauptfeld Bedarf beim Zielwert der Initiative MINT Zukunft schaffen : 40% MINT-Anteil an den Absolventen (ca in 2020) 1 Laut Bundesagentur für Arbeit besteht bei Fortschreibung der Entwicklung des MINT-Bedarfs bis 2020 ein MINT-Bedarf von ; BIBB sieht bis 2020 keine Bedarfslücke QUELLE: Bundesagentur für Arbeit (2011); IW Köln; Helmrich et al. (2012); MINT Zukunft schaffen; McKinsey Schaubild 30 die damit einhergegangene Netto-Verringerung der MINT-Kräfte in den letzten Jahren auszugleichen, müsste die Ersatzrate mittelfristig auf ca. 1,30 steigen. 71 Darüber hinaus muss die Zahl der MINT-Absolventen bis 2020 auf ca p.a. zunehmen, um eine Steigerung der Gesamtproduktivität der Arbeit zu erzielen und damit die skizzierten Wachstumspfade erreichen zu können (Schaubild 30). Dazu gilt es, die Anfängerzahlen in den MINT-Studiengängen weiter zu steigern und die Abschlussquote von MINT-Studenten zu verbessern. Potenzial bei der Zahl der Studierenden besteht insbesondere bei Frauen, wie der Hochschulbildungsreport 2020 ausweist, den der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft und McKinsey jüngst vorgestellt haben. Demnach sollte der Anteil von Frauen an den Studierenden in den MIN-Fächern von derzeit 37 auf 41% und in den Technikwissenschaften von 21 auf 26% gesteigert wer den, um den Bedarf 2020 zu decken. Hierzu sollte das Interesse an MINT-Themen bereits in der Schule geweckt werden. Ein weiteres Ziel sollte sein, die derzeit niedrigen Abschluss quoten von 66% (MIN) bzw. 73% (T) auf 80% zu steigern. Fachkräftebedarf reduzieren, die Verwaltung modernisieren Der demografische Wandel stellt auch die öffentliche Verwaltung in Deutschland vor enorme Herausforderungen. Gerade auf der Führungs- und Fachkräfteebene gehen zahl 71 Erdmann/Koppel (2010).

90 90 reiche Mitarbeiter in den kommenden Jahren in Pension und müssen ersetzt werden. Beson ders betroffen sind bestimmte Aufgabenbereiche wie Berufsschulen, Raumordnung und Hochbau sowie die Arbeitsbereiche der politischen Führung. Gleichzeitig fehlt in vielen Bundesländern der Nachwuchs. Die Konsequenz: Schon in wenigen Jahren könnten viele Behörden und Einrichtungen ihre Handlungsfähigkeit einbüßen es sei denn, sie begreifen die demografische Herausforderung als Chance, ihre Strukturen von Grund auf zu überarbeiten. Die kommenden personellen Veränderungen sollte der öffentliche Sektor daher nutzen, eine umfassende Strategie zur Modernisierung zu entwickeln, die zugleich zu einer spürba ren Erhöhung der Effizienz führt. So kann die Verwaltung nicht zuletzt dazu beitragen, den Wettbewerb um das schrumpfende Reservoir an qualifizierten Fach kräften zu ver ringern. Zur Modernisierung der Verwaltung haben sich insbesondere drei Ansätze im In- und Ausland bewährt: Fokussierung. Shared Services sind ein vielfach erprobtes Instrument zur Senkung des Personalbedarfs. Wenn Verwaltungen bestimmte Aufgaben zusammenlegen, können sie Effizienzvorteile nutzen. In Dänemark etwa hat die Regierung mit ihrer Shared-Service-Strategie Einsparungen beim Personalbedarf von rund 20% erzielt. In Deutschland zeigt das Beispiel dataport der Dienstleister für Informations- und Kommunikations technik, wie in der öffentlichen Verwaltung wichtige Funktionen gemeinsam wahrgenommen werden können. Seit der Gründung 2004 ist der dataport- Kundenkreis auf über politisch eigenständige Körperschaften angewachsen. Ein durchgängig hoher Qualitätsanspruch, Transparenz und sorgfältige politische Steuerung gelten als wesentliche Erfolgsfaktoren dieser Initiative. Digitalisierung. In der Verlagerung von Verwaltungsprozessen auf Onlinekanäle liegt ein weiteres großes Effizienz- und Einsparpotenzial. Gerade Deutschland hat hier noch Nachholbedarf. Während sich hierzulande z.b. nur etwa 1,5% aller Arbeitssuchen den online melden, sind es in Finnland bereits 85%. Der Ausbau digitaler Services setzt zunächst eine umfassende Information der Bürger voraus. Darüber hinaus gilt es, die Angebote konsequent an den Bedürfnissen der Nutzer auszurichten und für niedrige Zugangsschwellen durch einfache und verfügbare Bedienungstools zu sorgen. Optimierung. Nachhaltige Leistungssteigerungen lassen sich nur erzielen, wenn alle Elemente einer Organisation auf den Prüfstand kommen. Gemeinsam mit den Mitarbeitern wird z.b. überprüft, welche Abläufe sich aus Sicht der Bürger bzw. Kunden bewährt haben und wo es Möglichkeiten zur Optimierung gibt. Was eine solche Runderneuerung bringt, zeigt ein Beispiel aus Schweden: Dort konnte die Migrationsbehörde die Dauer von Asylantragsverfahren um 75% verkürzen und zugleich die Produktivität der Beschäftigten um 30% steigern bei besserer Bestandskraft der Bescheide und gesteigerter Mitarbeiterzufriedenheit.

91 Die Goldenen Zwanziger 5. Die Fachkräftelücke. Reserven für zukünftiges Wachstum 91 Eine solche umfassende Modernisierung sollte durch ein aktives Personalmanagement begleitet werden. Beschäftigungssicherheit, gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie Aufgaben für das Gemeinwohl damit kann der öffentliche Dienst schon heute punk ten. Kombiniert mit neuen Ansätzen wie Karrierepfade über Ressortgrenzen hinweg, frühe Führungserfahrung oder auch flexible Lebensarbeitszeitkonten kann die Verwaltung für junge Fach- und Führungskräfte noch attraktiver werden. Als Fazit aus Diagnose und Lösungsansätzen bleibt festzuhalten: Für den Staat und die Arbeitgeber resultieren aus der strukturellen demografischen Verschiebung auf dem Arbeitsmarkt hin zu einem Arbeitnehmermarkt große Herausforderungen. Sie erfordern ein gemeinsames, koordiniertes Vorgehen entlang der hier skizzierten Eckpunkte. Für die Arbeitnehmer bietet die veränderte Lage am Arbeitsmarkt erhebliche Chancen. Um die zentralen Entscheidungen insbesondere an den Übergängen zwischen Schule, weiterführender Bildung und Beruf informiert treffen zu können, brauchen sie Transparenz darüber, welche Möglichkeiten sich mit welchen Qualifikationen bieten, z.b. durch Auswertung von Arbeitsmarktdaten über Einstiegsgehälter und Karrierechancen in Abhängigkeit von der Qualifikation. Dass es sich lohnt, die eigenen Fähigkeiten konsequent zu entwickeln, zeigen die erzielbaren Bildungsrenditen: So erhöht ein zusätzliches Schuljahr das erzielbare Einkommen um ca. 9,6%. Wer eine Ausbildung macht, verdient rund 60% mehr als ein Schulabgänger ohne Ausbildung, und mit einem Hochschulabschluss sind es sogar mehr als 80%.

92 92

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