Thema im Monat April 2014: Steuerhinterziehung: Kavaliersdelikt oder Sozialbetrug?

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1 Kostenloses Unterrichtsmaterial für die Sekundarstufe II Diese Arbeitsblätter sind ein kostenloser Service für die Oberstufe und erscheinen jeden ersten Donnerstag im Monat. Sie beleuchten ein aktuelles Thema aus der ZEIT, ergänzt durch passende Arbeitsanregungen zur praktischen Umsetzung im Unterricht. In Zusammenarbeit mit: Thema im Monat April 2014: Steuerhinterziehung: Kavaliersdelikt oder Sozialbetrug? Getrickst, gebunkert und gelogen: Die aktuellen Fälle von Steuerhinterziehung bei Prominenten haben das Bewusstsein für die Steuermoral geschärft. Neben politisch-juristischen Konsequenzen wie schärferen Kontrollen und höheren Strafen wird auch über die Verantwortung des demokratischen Staatsbürgers debattiert. Brauchen wir eine neue Ethik des Gemeinwohls, ein modernes»zoon politikon«? In dieser Unterrichtseinheit beschäftigen sich Ihre Schüler mit der grundlegenden Bedeutung von Steuern für einen modernen Sozialstaat. Sie erstellen Kriterien für die Legitimation und Akzeptanz von Steuern und Abgaben, reflektieren ihr eigenes Verhältnis zum Staat und erörtern das ethisch-juristische Dilemma, wenn Steuerbetrüger durch Selbstanzeigen straffrei ausgehen. Inhalt: 2 Einleitung: Thema und Lernziele 3 Arbeitsblatt 1: Steuerhinterziehung: Wer nicht zahlt, wird gehäutet 8 Arbeitsblatt 2: Grenzen der Moral 13 Internetseiten zum Thema

2 »ZEIT für die Schule«-Arbeitsblätter Steuerhinterziehung: Kavaliersdelikt oder Sozialbetrug? 2 Einleitung: Thema und Lernziele Schwarzgeld in der Schweiz gebunkert, bei der Steuererklärung getrickst: Steuerbetrug ist keineswegs nur ein Phänomen von EU-Krisenländern und Bananenrepubliken, sondern auch in Deutschland Alltag. Das ist nicht neu, und eigentlich weiß es auch jeder aber jahrzehntelang hat man erstaunlich wenig darüber gesprochen. Eher waren es Hartz-IV-Empfänger oder Asylbewerber, die öffentlich als Sozial-schmarotzer angeprangert wurden. Jetzt haben Steuerhinterziehungsfälle von Promis und Politikern die Öffentlichkeit alarmiert. Nach den Enthüllungen durch Daten-CDs und Offshore-Leaks und einer Welle von Selbstanzeigen wird immer deutlicher: Dem Gemeinwesen gehen Milliardeneinnahmen durch Betrug oder Steuervermeidung verloren. Inzwischen hat die Bundesregierung die Steuerfahndung verschärft und den Druck auf Länder erhöht, die sich in den vergangenen Jahren als Erfüllungsgehilfen der Steuerhinterzieher erwiesen haben. Auch soll es erschwert werden, sich mittels einer Selbstanzeige von einer Strafverfolgung freizukaufen. Die Gefahr, als Steuertrickser erwischt zu werden, ist somit in den vergangenen Jahren merklich gestiegen. 18 Milliarden zusätzliche Euro flossen nach Angaben des Bundesfinanzministeriums zwischen 2003 und 2012 den deutschen Steuerfahndern zu, Tendenz steigend. Doch wie viel Geld wird tatsächlich im Ausland versteckt oder am Finanzamt vorbeigeschleust? Die EU schätzt, dass ihr jedes Jahr etwa eine Billion Euro Steuergelder allein in Offshore-Steueroasen verloren gehen Länder wie die Schweiz oder Luxemburg sind hierbei nicht einmal eingerechnet. Der Verlustanteil für Deutschland soll bei 160 Milliarden Euro liegen, das ist mehr als die Hälfte des Bundeshaushaltes von Milliardenbeträge, die der Gemeinschaft fehlen, um Kitaplätze zu finanzieren, Lehrer einzustellen, die Lebensqualität in Pflegeheimen zu verbessern oder die Schuldenlast abzubauen. Ein enormer sozialer und finanzieller Schaden entsteht auf diese Weise. Und es wird nicht nur im großen Stil betrogen: Die Deutsche Steuer-Gewerkschaft schätzt, dass etwa 50 Prozent der Deutschen weniger Steuern zahlen, als sie eigentlich müssten. Offenbar nehmen viele die eigenen Verstöße gegen die Steuerehrlichkeit weit weniger wahr als die der Prominenten. Dabei ist Steuernzahlen womöglich weit mehr als eine Zwangsabgabe. Es kann auch als Beleg für das demokratische Bewusstsein eines Staatsbürgers gewertet werden, der als»zoon politikon«seinen Beitrag für das Gemeinwohl bewusst leistet. Doch dies setzt ein Vertrauen voraus, dass das gemeinschaftliche Vermögen den Bürgern wieder zugutekommt und nicht verschleudert wird oder in dunkle Kanäle fließt. Insofern ist der moderne Sozial- und Steuerstaat ein austariertes System von Leistungen und Gegenleistungen, das ohne Transparenz und Mitbestimmung nicht funktionieren kann. Arbeitsblatt 1 setzt einen Schwerpunkt auf die Bedeutung des Steuersystems für einen modernen Sozialstaat. Anhand eines Artikels über die Kulturgeschichte der Steuern ziehen die Schüler historische Vergleiche und erörtern die Legitimität von steuerlichen Zwangsabgaben. In Arbeitsblatt 2 analysieren die Schüler ethische, rechtliche und politische Aspekte des Steuerbetrugs. Sie wägen Argumente für und gegen die Steuerbefreiung bei Selbstanzeigen ab und diskutieren die eigentümliche Doppelmoral, wenn es um Prominentenfälle oder den eigenen Steuerbetrug geht.

3 »ZEIT für die Schule«-Arbeitsblätter Steuerhinterziehung: Kavaliersdelikt oder Sozialbetrug? 3 Arbeitsblatt 1 Steuerhinterziehung: Wer nicht zahlt, wird gehäutet Jeder weiß: Ein Staat ohne Steuern kann nicht existieren. Und doch zahlt kaum einer gern. Versuch einer kulturhistorischen Steuererklärung. 5 Kurz nach Anbeginn der Zeit, irgendwo an den Ufern des Nils: Menschen in kleinen Gruppen, spärlich bekleidet, begreifen mühsam, dass sie der staubigen Erde noch mehr Essbares entlocken können, wenn sie ihr Wasser geben. Nur, wie soll das gehen: gleichzeitig Äcker pflügen und Kanäle graben? Die Bauern legen zusammen, jeder ein paar Körner Getreide, dafür, dass einer von ihnen die Wassergräben ausschaufelt. Welch ein Moment im Lauf der Dinge! Die Menschheit erfindet im Schweiße ihres Angesichts den Steuerstaat und mit ihm die Zivilisation. Das Rudel beginnt, die Beute zu teilen, aus der wilden Gemeinschaft erwächst eine Gesellschaft. Was vor Jahren den frühen Hochkulturen Ägyptens und Mesopotamiens entsprang, brachte uns nach langer Evolution Errungenschaften wie: die Pendlerpauschale Max Weber, der Übervater der Soziologie, erkannte in diesem Prozess die Genese des Staatswesens, die»vergesellschaftung«. Aus der Tierwelt wissen wir aber: Nicht jedes Wildschwein fügt sich freiwillig der Ordnung des Rudels. Manches Exemplar empfindet die Unterwerfung in der Gemeinschaft durchaus als Zwang ein Verhalten, bekannt auch unter Menschen. Viele hadern mit ihrem Beitrag zum System, selbst solche, die sich anerkanntermaßen verdienstvoll für das Ganze engagiert haben, wie der FC-Bayern-Präsident Uli Hoeneß. Sein Widerwille aber, sich der gesetzlichen Ordnung zu fügen, endet nun vor Gericht. Wie viele Steuerhinterzieher führte womöglich auch ihn in die Illegalität, dass er das System als ungerecht empfunden haben mag und er sich zu stark beansprucht fühlte. Zitat:»Ich weiß, dass es doof ist, aber ich zahle volle Steuern.«20 25 Ein Problem, das uns von Anfang an begleitet. Auf die Geburt des Steuerstaates folgte sogleich die Ernüchterung. Ich zahle für etwas, wofür es keine direkte Gegenleistung gibt: Statt Brot für mein Geld bekomme ich ein Versprechen von gemeinsamer Wohlfahrt. Eine Verheißung, an der schon früh mancher zweifelt. Berichte brutaler Bestrafungen von Steuerhinterziehern sind reichlich überliefert, etwa von einem assyrischen Herrscher aus dem 9. Jahrhundert vor Christus:»Ich ließ gegenüber dem Stadttor einen Turm bauen, alle Hauptmeuterer schinden und überzog das Gerüst mit ihren Häuten. Einige mauerte ich in den Turm ein.«30 Tugendhaftigkeit endet beim Geld Es darf wohl auch als zivilisatorische Leistung gelten, dass Uli Hoeneß höchstens mit einer Haftstrafe zu rechnen hat. Dennoch ist klar: Wer sich der Steuerpflicht entzieht, untergräbt die Fundamente eines Staates. Der gute und edle Bürger handelt so nicht, schon gar nicht das Zoon politikon, wie Aristoteles den idealisierten Menschen im Staate nennt. Der ist sich seiner Verantwortung für die Allgemeinheit bewusst, gleichermaßen als Herrscher wie als Beherrschter. Dieses Gleichgewicht zu halten aber gelang den Menschen selten. Bei Geld findet Tugendhaftigkeit eben schnell ein Ende.

4 »ZEIT für die Schule«-Arbeitsblätter Steuerhinterziehung: Kavaliersdelikt oder Sozialbetrug? Wir kämpfen also mit einem inneren Konflikt: Wie viel ist zu viel des Guten? Das rechte Maß verloren gerade die Mächtigen im Mittelalter allzu leichtfertig. Dabei wissen wir doch, dass sie lediglich den Zehnten, also zehn Prozent der Ernte verlangten. Viel weniger als heute! Gemeint waren aber zehn Prozent der gesamten Ernte, ohne Kosten für Saat, Anbau und Löhne. Das machte schnell mehr als die Hälfte des Nettoertrags aus. Je nach Lage kamen noch allerhand Kriegs- oder Konsumsteuern dazu. Dass dies ungerecht sein könnte, selbst wenn ein König von Gottes Gnaden darauf besteht, auf die Idee kamen auch Kirchenlehrer wie Thomas von Aquin:»Wenn Fürsten etwas, was ihnen nicht geschuldet ist, mit Gewalt erpressen, so ist das Raub, genau wie jede andere Räuberei.«45 50 Nur blieb den Geknechteten nicht viel mehr, als ihre Mistgabel zu erheben. Wir dagegen haben heute den Bund der Steuerzahler, der genau weiß, was gerecht ist und was nicht. Hilfe bietet überdies die moderne Psychologie: Wäre der Nutzen unserer Steuer offensichtlicher, würde die Zahlungsmoral steigen. Weiß ich also, dass der Staat mit Betrag X aus meiner Einkommensteuer die Straße Y baut, zahle ich lieber. Je größer die Distanz zwischen Steuerzahler und Staat, desto höher die Fragilität des Systems. Wir wollen darüber entscheiden können, was mit unserem Geld geschieht. Aus einem solchen Missverhältnis sind übrigens die Vereinigten Staaten von Amerika hervorgegangen. 55 Gründungsmythos des libertären Steuerstaates Wir erinnern uns: Die britischen Kolonien auf dem neuen Kontinent gewinnen mehr und mehr an wirtschaftlicher Stärke und Selbstständigkeit. Die Regierung im fernen London beäugt dies argwöhnisch und versucht mit immer neuen Steuern, von dem Erfolg zu profitieren. Als schließlich auch eine Abgabe auf Tee gezahlt werden soll, verkleiden sich in Boston einige Männer als Indianer, entern ein britisches Handelsschiff und werfen Teekisten ins Wasser. Die Aktion geht als Boston Tea Party in die Annalen ein, ist der Ausgangspunkt des Unabhängigkeitskrieges und Gründungsmythos des libertären amerikanischen Steuerstaates Nun haben wir in der Regierungszeit von Angela Merkel nicht gerade einen Vormärz in Deutschland erlebt. Abgesehen von den prominenten und weniger bekannten Steuerhinterziehern, steht es um die Zahlungsmoral im internationalen Vergleich gar recht gut. Um genau zu sein: Die Deutschen liegen nach Angaben der OECD im Mittelfeld. Das Finanzministerium begründet dies eigenen Erkundungen zufolge damit, dass die Bürger ein verhältnismäßig großes Vertrauen in den Deutschen Bundestag haben, der maßgeblich über die Verwendung des Steuergeldes entscheidet. 70 Hier findet die Evolution des Steuerstaates ihre vorläufige Vollendung. Der Mensch entscheidet zumindest indirekt darüber, was mit seinem Zehnten geschieht: Wir nennen dies Demokratie. Warum sucht trotzdem so mancher für sein Geld das Weite? Vielleicht fühlen wir uns im kleinen Rudel wohler als im großen Staate. Jeder rangelt selbst um den größten Teil der Beute. Gemeinschaftssinn ja, aber bitte nicht zu viel davon. Gründet nicht auch der moderne Kapitalismus auf diesem Prinzip? Egoismus ist der Trieb zur Selbsterhaltung, und Steuerhinterziehung folglich nur das Ergebnis einer natürlichen Veranlagung. Ein Urkonflikt der Menschheit also, den selbst Alice Schwarzer nicht lösen kann: Freiwillig zahlt eben keiner gern. Zacharias Zacharakis, ZEIT ONLINE, ,

5 »ZEIT für die Schule«-Arbeitsblätter Steuerhinterziehung: Kavaliersdelikt oder Sozialbetrug? 5 Aufgaben 1. Das Textverständnis klären: Historische Bezüge recherchieren Der Artikel kommentiert die aktuelle Steuerdebatte anhand verschiedener kulturhistorischer Bezüge. Recherchieren Sie in Kleingruppen je einen der unten stehenden Vergleiche. Erschließen Sie den historischen, theoretischen oder auch biologischen Sachverhalt, fassen Sie diesen in zwei bis drei Sätzen zusammen, und setzen Sie ihn in Bezug zur aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussion. Erklären Sie auf diese Weise die im Text angedeuteten Zusammenhänge. a. Bewässerungssystem antiker Hochkulturen Pendlerpauschale b. Max Weber Vergesellschaftung c. Wildschweinrudel Uli Hoeneß d. Codex Hammurapi (anstelle des zitierten assyrischen Herrschers) Haftstrafen für Steuersünder e. Mittelalterlicher Zehnt Bund der Steuerzahler f. Boston Tea Party libertärer amerikanischer Steuerstaat g. Revolutionäre Stimmung des Vormärzes Regierung Angela Merkels 2. Die Argumentationsstruktur des Textes analysieren Erläutern Sie, welche Funktion evolutionsbiologische Vergleiche bei der Aufbereitung des gesellschaftspolitischen Themas»Steuerhinterziehung«in dem Artikel von Zacharias Zacharakis spielen. Stellen Sie Thesen auf, warum der Autor dieses Stilmittel wählte. 3. Einen Bezug zum Alltagsgeschehen herstellen Tragen Sie im Plenum zusammen, wo Sie persönlich an einem normalen Werktag indirekt oder direkt von Steuerzahlungen profitieren. Kategorisieren Sie Ihre Funde in Form einer Mind-Map. 4. Staatstheoretische Theorie- und Modellbildung a. Arbeiten Sie grundlegende Unterschiede und Gemeinsamkeiten im Steuersystem moderner, demokratischer Staaten und in den vorgestellten historischen Vorgängern heraus. b. Erläutern Sie, wie steuerliche Zwangsabgaben ethisch oder politisch legitimiert werden können. Entwerfen Sie hierfür einen Kriterienkatalog, der geeignet ist, eine höchstmögliche Akzeptanz bei den steuerpflichtigen Bürgern zu erzielen. Stellen Sie hierfür die Leistungen der Bürger den Gegenleistungen des Staates bzw. der Gemeinschaft gegenüber. 5. Selbstreflexion und Entwicklung einer politischen Ethik a. Skizzieren Sie Ihre persönliches Verhältnis zum Staat: Welche Pflichten sind Sie bereit zu erfüllen, welche Gegenleistungen erwarten sie? b. Der Artikel zitiert die antike Vorstellung des»zoon politikon«als Ideal des verantwortungsvollen Staatsbürgers. Recherchieren Sie zu diesem Begriff eine Definition, und erörtern Sie, inwiefern sich dieses Menschenbild auf die heutige Zeit und den modernen Steuerstaat anwenden lässt. c. Erstellen Sie Thesen für eine moderne Interpretation von staatsbürgerlicher Ethik.

6 »ZEIT für die Schule«-Arbeitsblätter Steuerhinterziehung: Kavaliersdelikt oder Sozialbetrug? 6 6. Einen journalistischen Text verfassen Schreiben Sie einen Kommentar, der Thesen aus den unten stehenden Zitaten aufnimmt, gedanklich weiterführt und bewertet.»ich bin kein Sozialschmarotzer.«Bayern-München-Präsident Uli Hoeneß während seines Prozesses wegen Steuerbetrug in Höhe von 27 Millionen Euro. Hoeneß verwies auf den Betrag von rund fünf Millionen Euro, die er für soziale Zwecke gespendet, und den Betrag von mehr als 50 Millionen Euro, die er in den vergangenen Jahren in Deutschland an Steuern gezahlt habe. b.»nüchtern betrachtet ist Hoeneß Blick auf die Welt ein gefährlich gestriger, vordemokratischer: Im Leben des einstigen Spitzensportlers [ ] ist das Geben keine demokratisch vereinbarte, austarierte Pflicht, sondern eine patriarchalisch zu gewährende Gunst. Arme und Kranke (haben) keine Rechtsansprüche, sondern müssen auf die Gnade der Wohlhabenden und Gesunden hoffen.am Ende der Selbstgefälligkeit«, Der Spiegel 12/2014, S. 101 c.»es ist weitgehend akzeptiert, dass der Staat Steuern auch deshalb erhebt, damit er soziale Ziele realisieren kann. Das funktioniert grundlegend durch Umverteilung, das heißt: Bessergestellte finanzieren Leistungen für Schlechtergestellte. Dadurch entsteht ein soziales Netz und im Idealfall Chancengleichheit, zum Beispiel bei der Bildung. [ ] Man muss unterscheiden zwischen moralischer Schuld und sozialem Schaden. [ ] Für dieses Geld (27 Millionen Euro) hätte der Staat etliche Kitas einrichten und viele Erzieher einstellen können. Hoeneß hat sich gegenüber denjenigen schuldig gemacht, die auf die staatlichen Dienste, die mit seinem Geld hätten finanziert werden können, verzichten mussten.«julius Schälike, Professor für Ethik am Philosophischen Seminar der Universität Mannheim, ZEIT ONLINE, ,

7 »ZEIT für die Schule«-Arbeitsblätter Steuerhinterziehung: Kavaliersdelikt oder Sozialbetrug? 7 Arbeitsblatt 2 Grenzen der Moral Steuerhinterziehern sollten wir weniger mit Empörung als mit juristischem und politischem Druck begegnen. Was ist nur mit der Elite los? Die bekannteste Frauenrechtlerin, der wichtigste Fußballmanager, ein ehemaliger Herausgeber der ZEIT sie alle haben in mehr oder weniger großem Stil Steuern hinterzogen. Sie haben damit dem Gemeinwesen Schaden zugefügt, und deshalb ist die Empörung mehr als berechtigt. Empörung, gerade berechtigte, kann aber auch zu einer Lust werden, zu einer Art Breitensport Gewiss, jeder Staat hat mit seinen Bürgern einen unausgesprochenen Vertrag abgeschlossen: Ihr entrichtet Steuern, im Gegenzug sorge ich für Sicherheit, Straßen und Gerechtigkeit. Teil des Deals ist schließlich auch, dass, wer viel hat, auch viel geben muss. Die Gesellschaft akzeptiert in der Regel, dass einige über mehr Geld oder Einfluss verfügen als andere aber nur, wenn auch die Reichen und Mächtigen die Grundregeln des Zusammenlebens einhalten. Von den weniger Begüterten wird das wie selbstverständlich erwartet: Wer bei Hartz IV betrügt, der kann nicht auf Milde hoffen. Die Sanktionen beim Missbrauch von staatlichen Sozialleistungen sind in den vergangenen Jahren immer weiter verschärft worden. Und nicht selten haben diejenigen, die jetzt die Steuerfahndung fürchten müssen, einer solchen Verschärfung das Wort geredet Die Schweiz und andere Steueroasen geraten immer mehr unter Druck Schlimmer als die Steuerhinterziehungen sind oft die Ausreden. Da wird allen Ernstes die eigene Steuerflucht zum Akt des zivilen Ungehorsams stilisiert, mit dem Argument: Der Staat verschwendet das Geld doch sowieso nur, also behalte ich es besser. Selbstjustiz gegenüber dem Staat also. Nein, auch für die Reichen gilt: Der Weg hin zu einem anderen Steuersystem führt in einer Demokratie über die Wahlurne. Wer weniger Steuern zahlen will, der kann die FDP wählen, aber nicht die Schweiz. 25 Dann schon lieber Vergesslichkeit vorschützen, möchte man fast sagen. Nur: Niemand vergisst einfach, dass er ein paar Millionen in der Schweiz liegen hat, es sei denn, er hat ein paar Milliarden. Das ist eben das Problem bei den Ausreden, sie verkaufen die Betrogenen auch noch für dumm. Tatsache ist hingegen: Der Steuerbetrug entspringt in den allermeisten Fällen dem schlichten Kalkül, es werde schon keiner etwas bemerken. So war es auch viele Jahre lang. Die Kosten-Nutzen-Rechnung hat sich mittlerweile allerdings verändert, weil der Staat genauer hinschaut. Wer sich also heute selbst anzeigt, der beweist damit nicht Einsicht in seine Fehler, sondern in die veränderte Gefahrenlage. Nicht so nobel Insofern ist die ganze Steuerhinterzieherei moralisch wie juristisch ein Vergehen. Es gibt jedoch gerade im ethisch hyperventilierenden Deutschland einen entscheidenden Unterschied zwischen Recht und Moral. Die Richter verurteilen und setzen das Strafmaß fest, die Moralisten verurteilen und werden dabei oft selbst maßlos, sie können einfach nicht mehr satt werden in ihrem Gerechtigkeitshunger. Der vergangene Woche zurückgetretene CDU-Schatzmeister Helmut Linssen etwa hat recht viel Geld von den Bahamas nach Panama verschoben, aber bislang hat ihm niemand nachweisen können, Steuern hinterzogen zu haben. Eigentlich sollte hier die Unschuldsvermutung gelten die Medien aber sind über ihn hergefallen, seine

8 »ZEIT für die Schule«-Arbeitsblätter Steuerhinterziehung: Kavaliersdelikt oder Sozialbetrug? 8 40 Partei hat ihn schnell entsorgt. Die Botschaft, die von dieser moralisch-politischen Vorverurteilung ausgeht, ist ebenso klar wie falsch: Es kommt nicht mehr darauf an, wofür ein Politiker steht, sondern darauf, was für ein Mensch er ist. Die weiße Weste ersetzt die inhaltliche Auseinandersetzung. In den Augen einer etwas zu selbstgerechten Öffentlichkeit spaltet sich die Welt in die Guten, die anklagen, und die Bösen, die schon bei Anklageerhebung von dannen ziehen sollen So besteht die Gefahr, dass an die Stelle der Herrschaft des Rechts ein moralischer Rigorismus tritt, der die halbe Republik unter Generalverdacht stellt, aber in der Sache wenig bewirkt. Denn dem Staat wäre damit nicht gedient. In Deutschland gehen Steuerhinterzieher straffrei aus, wenn sie sich selbst anzeigen. Das mag unter moralischen Gesichtspunkten problematisch sein, denn wer dem Staat nichts anzubieten hat, kommt nicht in den Genuss einer solchen Sonderbehandlung Doch mit den zusätzlichen Staatseinnahmen, die infolge dieser halben Amnestie in die Staatskassen fließen, lassen sich viele Schulen und Straßen bauen. Davon profitieren auch diejenigen, die auf staatliche Leistungen angewiesen sind. Denn trotz immer ausgereifterer Fahndungsmethoden bliebe ohne die Selbstanzeige viel altes Geld unentdeckt. Eine gute Ergänzung für das Recht wäre darum nicht die Moral, sondern der Pragmatismus Deshalb muss die Konsequenz aus den jüngsten Steuerdelikten lauten, die bestehenden Schlupflöcher mit gesetzlichen Mitteln besonnen zu beseitigen. Vieles wurde schon auf den Weg gebracht. Die Schweiz und andere sogenannte Steueroasen geraten unter immer stärkeren internationalen Druck. Die Finanzämter arbeiten heute viel enger zusammen als früher, es gibt immer weniger Verstecke für schwarzes Geld. Moral hingegen taugt als politische Kategorie nur bedingt. Die Steuerfahndung braucht nicht mehr Moral, sondern mehr Personal. Mark Schieritz, DIE ZEIT Nr. 8/2014, de/2014/08/steuerhinterziehung-steuerpolitik-justiz

9 »ZEIT für die Schule«-Arbeitsblätter Steuerhinterziehung: Kavaliersdelikt oder Sozialbetrug? 9 Aufgaben 1. Das Textverständnis klären Mark Schieritz unterscheidet in seinem Artikel zwischen einer moralisch-ethischen und einer juristischen Reaktion auf Steuervergehen. Geben Sie wieder, welchen Unterschied der Autor zwischen einer rechtlichen und einer moralischen Beurteilung zieht und welche Chancen und welche Gefahren er bei den unterschiedlichen Herangehensweisen wahrnimmt. Ergänzen Sie die Liste durch eigene Überlegungen. 2. Informationsgewinnung und Bewertung der Ergebnisse Der Autor des Artikels kritisiert die Rechtfertigungen vieler Steuerbetrüger und deren Tendenz, ihre Tat als zivilen Ungehorsam darzustellen. Recherchieren Sie anhand der Medienberichterstattung Beispiele hierfür, und beurteilen Sie, wie überzeugend und glaubwürdig die Aussagen der Beschuldigten in Ihren Augen erscheinen. 3. Internetrecherche und Präsentation a. Analysieren Sie Internetkommentare zum Thema Steuerhinterziehung hinsichtlich der ethischmoralischen Einstellung bei den Lesern. Welche Werte werden besonders hervorgehoben? Worüber empören sich die Leser am meisten, wofür wird Verständnis gezeigt? Untersuchen Sie hierfür in Gruppenarbeit verschiedene Onlinemedien (auch lokale Presse oder Boulevardmedien, Blogs oder Twitter). b. Präsentieren Sie Ihre Arbeitsergebnisse, vergleichen Sie sie untereinander, und ermitteln Sie, ob Sie unterschiedliche ethische Normen bei den verschiedenen Zielgruppen der Medien ausmachen können. 4. Eine Pro-und-Kontra-Diskussion abhalten Sollten Steuerhinterzieher straffrei ausgehen, wenn sie sich selbst anzeigen? Erstellen Sie zu dieser Frage eine Gliederung für eine dialektische Erörterung mit einer Einleitung, einem Hauptteil mit Thesen und Antithesen sowie einer Synthese in zwei bis drei Sätzen. Diskutieren Sie im Anschluss die Fragestellung im Plenum. 5. Zu einem Zitat Stellung beziehen Erörtern Sie die aktuelle Diskussion um Steuerbetrug anhand des folgenden Zitates:»Weshalb sollten gerade sie (Politiker, Manager und Prominente) stets vorbildlich Steuern auf ihre Geldanlagen zahlen, wenn doch Steuervermeidung alljährlicher Volkssport ist und Schummelei in der Steuererklärung als normal empfunden wird? Wo liegt der grundlegende Unterschied zwischen Schwarzarbeit und einem Schwarzgeldkonto?«Ludwig Greven, ZEIT ONLINE, ,

10 »ZEIT für die Schule«-Arbeitsblätter Steuerhinterziehung: Kavaliersdelikt oder Sozialbetrug? 10 Internetseiten zum Thema: Steuerhinterziehung: Kavaliersdelikt oder Sozialbetrug? ZEIT ONLINE: Täter, die sich für Opfer halten ZEIT ONLINE: Steuerhinterziehung: Zankerei um die Selbstanzeige ZEIT ONLINE: Keine Privilegien mehr für Steuerbetrüger! ZEIT ONLINE:»Man kann Hoeneß als Sozialschmarotzer sehen«http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/ /hoeness-interview-moralphilosophie Bundesfinanzministerium: Bundeshaushalts-Info Bundeszentrale für politische Bildung: Unser Steuersystem Bundeszentrale für politische Bildung: Der Zehnte ein Streifzug durch die Steuergeschichte Das kostenlose ZEIT-Angebot für Schulen Die aktualisierten Unterrichtsmaterialien»Medienkunde«und»Abitur, und was dann?«können Sie kostenfrei bestellen. Lesen Sie auch drei Wochen lang kostenlos DIE ZEIT im Klassensatz! Alle Informationen unter IMPRESSUM Projektleitung: Annika Theuerkauff, Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG, Projektassistenz: Wiebke Prigge, Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG, didaktisches Konzept und Arbeitsaufträge: Susanne Patzelt, Wissen beflügelt

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