Bildaufbau. ciceri. veni vidi civi. Fotografie Bildaufbau

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1 Bildaufbau Mit dem Bildaufbau in der Fotografie sind vor allem die Proportionen und Verhältnisse der im Foto abgebildeten Objekte gemeint: die Grösse und der Stand von Motivteilen im Foto, die Aufteilung entstehender Flächen und die Platzierung strukturgebender Elemente. Verhältnisse können sich harmonisch oder kontrastierend zeigen. Goldener Schnitt Verhältniszahl und Vorkommen nicht unüberlegt anwenden Der «Goldene Schnitt» ist bekannt als harmonisierendes Proportionsgesetz und fand schon im Altertum seine Anwendung. Wer in einer Komposition Motivteile, Linienführungen, Flächen-/ Raumteilungen harmonisch setzen und ordnen will, kommt nicht umhin, sich mit dem «Goldenen Schnitt» näher zu befassen. Die Verhältniszahl des «Goldenen Schnitts» ist 1:1.6 und lässt sich in vielen Naturformen nachweisen: Harmonisch wirkende Pflanzen und Bäume lassen in ihren Dimensionen den «Goldenen Schnitt» erkennen. Räume, in denen wir uns wohl und «zu Hause» fühlen, sind in ihren Massen und Aufteilungen nach dem «Goldenen Schnitt». Menschen, die wir als schön und «wohlgeformt» empfinden, entsprechen vielfach den Proportionen des «Goldenen Schnitts», usw. Die Kunst verwendet die Verhältniszahl des «Goldenen Schnitts» immer dann, wenn in Bauten, Formgebungen, Gemälden, Drucksachen und selbstverständlich auch Fotos die Darstellung von Harmonie und Ausgewogenheit gewünscht ist. Gerade diese fast absolute Harmonie und Ausgewogenheit sind es aber, die Kompositionen im «Goldenen Schnitt» wenig Dynamik verleihen. Eine unüberlegte Anwendung des «Goldenen Schnitts» kann also spannungslose, langweilige Fotos geben. Verhältnispaare Rhythmik Fibonacci-Folge Verhältnispaare des «Goldenen Schnitts» sind: 3:5 / 5:8 / 8:13 / 13:21 / 21:34 usw. Erkennen Sie die Rhythmik? Zahlen des vorausgehenden Verhältnispaars bilden die Summe der zweiten Verhältniszahl im folgenden Verhältnispaar, welches mit der zweiten Zahl des vorherigen Verhältnispaars beginnt das tönt kompliziert, ist aber einfach. Die Fibonacci-Folge ist ein Ausgewogenheit bringendes Hilfsmittel. Sie ist mit dem «Goldenen Schnitt» verwandt 1 : 2 : 3 : 5 : 8 : 13 : 21 : 34 usw. übrigens: Der «Da-Vinci-Code» im Buch und Film «Sakrileg» entspricht der Fibonacci-Folge. die Verhältniszahlen 1:1.6 (m:m) des «Goldenen Schnitts» am Menschen 194

2 Theorie und Praxis Was heisst nun diese ganze Theorie des «Goldenen Schnitts» und der Fibonacci-Folge für uns in der praktischen, fotografischen Bildgestaltung? Eigentlich alles und eigentlich nichts. Sie können den Bildaufbau Ihrer Fotos mit diesen Verhältnissen gestalten oder auch nicht der Entscheid liegt bei Ihnen. Was Ihnen gefällt, ist für Sie richtig. Setzen Sie den «Goldenen Schnitt» und die Fibonacci-Folge ein, so erhalten Sie von den meisten Menschen als harmonisch empfundene Verhältnisse. Wollen Sie aber keine harmonische sondern ganz bewusst kontrastierende Verhältnisse, so wären der «Goldene Schnitt» und die Fibonacci-Folge wohl nicht die optimalen Hilfsmittel dazu. «automatisch» und wie fast selbstverständlich Überprüfen Sie von Ihnen bereits gemachte Fotos bezüglich ihrem Bildaufbau auf solche Verhältniszahlen. Sie werden mit grosser Wahrscheinlichkeit feststellen, dass Sie bei einigen bereits unbewusst «automatisch» mehr oder weniger diese Verhältnisse eingesetzt haben. Weil wir sie eben als schön empfinden, fotografieren wir auch wie fast selbstverständlich mit diesen Verhältnissen. Das Format und die Platzierung des bildwichtigen Motivteils sind bei nebenstehendem Foto nach dem Verhältnis des «Goldenen Schnitts» oder der Fibonacci-Folge. Das Format ist 5 : 8, die Platzierung ist horizontal 3 : 5 und vertikal 2 : 3. Die Verhältnisspanne ist demnach also 2 : 3 : 5 : 8. Motiv: Format und Bildaufbau nach «Goldenem Schnitt» oder Fibonacci-Folge

3 ja, aber... Einfühlung und Auge Sie haben es vielleicht bereits schon bemerkt: für mich sind nach Verhältnissen konstruierte und «stur» nach deren Zahlen aufgebaute Fotos eher suspekt. Auch wenn diese Verhältnisse noch so berühmte Namen tragen, ein Foto wird für mich immer von Einfühlung und Auge bestimmt Ihr Foto von Ihrer Einfühlung und Ihrem Auge, mein Foto von meiner Einfühlung und meinem Auge. Wenn mir ein Foto gefällt, dann gefällt es mir, ob es nun bestimmten Verhältniszahlen entspricht oder nicht. Ich benötige solche Verhältniszahlen auch nicht, um nachträglich begründen zu können, warum mir ein Foto gefallen hat. ein Drittel zwei Drittel Empfinden statt Proportionsgesetz Drittel- und Fünftel-Regel Ich sehe auch nicht ein, warum solche Verhältniszahlen von manchen sogar zu unbedingt einzuhaltenden «Proportionsgesetzen» statuiert werden. «Jetzt habe ich alle Proportionsgesetze strikt eingehalten und trotzdem ist mein Foto ausgeschieden.» klagte mir einmal ein enttäuschter Foto-Wettbewerbsteilnehmer. Als ich ihn fragte, ob denn das von ihm Empfundene in seinem Foto auch zum Ausdruck gekommen sei, schaute er mich erstaunt an und sagte nichts. Fotografische Bildgestaltung braucht keine Proportionsgesetze, sie braucht vor allem Empfinden und hat Struktur. Als Hilfe für diese Struktur können die Drittel- und die Fünftel-Regel dienen. Diese Regeln werden nicht mathematisch sondern optisch, nach Gefühl und Gespür eingesetzt. ein Drittel zwei Drittel ein nach der Drittel-Regel strukturiertes Foto Motiv: Raphaël Diener, Artist und Schauspieler 196

4 zwei Fünftel (zwei Bäume) drei Fünftel (drei Bäume) das mit den zwei und drei Bäumen ist natürlich ein von mir erst nach der Aufnahme festgestellter, glücklicher Zufall ;-) vier Fünftel ein Fünftel Motiv: Bäume bei der B89 nach Apolda zwei Fünftel drei Fünftel gefühlt statt mathematisch Weil Drittel- und Fünftel-Regel nicht mathematische sondern gefühlte Strukturen sind und weil man sich diese Struktur gut vorstellen kann, sind die Drittel- und Fünftel-Regel eine oft willkommene Hilfe um während der Aufnahme Fotos gut gestalten zu können. Auch weil jede und jeder etwas anders fühlt, wird dasselbe Motiv, von mehreren Fotografinnen und Fotografen fotografiert, immer wieder etwas anders aussehen. Genau das ist ja, was wir zum Ziel haben: das andere Foto. ein Drittel zwei Drittel Motiv: Flamingos, Namibia 197

5 Horizont Hat Ihr Motiv einen sichtbaren, bildprägenden Horizont, so entscheidet dieser über die Erdverbundenheit. Welche Stimmung Sie bei der Aufnahme sahen, empfunden haben und in Ihrem Foto zum Ausdruck bringen möchten, liegt bei Ihnen. hoch tief Der eher hohe Horizont betont das Hier, suggeriert Mächtigkeit, kann schwerer wirken. Der eher tiefe Horizont betont das Dort, suggeriert Weite, kann leichter wirken. Für mich stimmt beim Kornfeld in Thüringen der tiefe Horizont er zeigt die Weite und beim Schafberg in Wildhaus der hohe Horizont er zeigt die Mächtigkeit. 199

6 Die von uns als mittig empfundene Mitte, die optische Mitte, liegt etwas höher als die mathematische Mitte. optische Mitte Wenn Sie das Gefühl haben, Spirit schaue Sie aus der Mitte des Fotos an, so stimmt Ihr Gefühl. Obwohl konstruiert man mit den Diagonalen die Mitte des Fotos, so erkennt man, dass der Kopf von Spirit nicht auf, sondern etwas über der Mitte steht. Würde der Kopf exakt in der mathematischen Mitte sein, so hätten wir das Gefühl, er stehe zu tief. Diese «Korrektur», die optische Mitte, ist in der fotografischen Bildgestaltung immer wieder zu beachten und zu berücksichtigen. Eine weitere Tatsache also die zeigt, dass fotografische Bildgestaltung nicht auf Mathematischem sondern auf Gefühltem beruht. 202

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