Hat die baden-württembergische Realschule noch eine Zukunft?

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1 Landtag von Baden-Württemberg 15. Wahlperiode Drucksache 15 / Antrag der Fraktion der CDU und Stellungnahme des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport Hat die baden-württembergische Realschule noch eine Zukunft? Antrag Der Landtag wolle beschließen, die Landesregierung zu ersuchen, I. zu berichten, 1. wie viele Schülerinnen und Schüler derzeit von wie vielen Lehrerinnen und Lehrern in wie vielen Klassen an den Realschulen in Baden-Württemberg unterrichtet werden; 2. welche Informationen ihr über die Bewertung der geleisteten Arbeit der Realschulen in Baden-Württemberg seitens der Eltern, Schüler, Lehrer, Wirtschaft und der Schulträger vorliegen (unter Angabe, welchen Stellenwert sie der Meinung und der Bewertung der genannten Gruppen beimisst); 3. wie das von Ministerpräsident Kretschmann sogenannte Zwei-Säulen-Modell in der baden-württembergischen Schullandschaft künftig aussehen soll; 4. in welcher Form die Realschulen in das sogenannte Zwei-Säulen-Modell aufgehen werden; 5. welche Rolle sie der Realschule zukünftig in der baden-württembergischen Schullandschaft zuweist, wenn diese nicht mehr als eigene Marke fortbestehen darf, sondern im Zwei-Säulen-Modell aufgehen soll; 6. wie sich die Übergangszahlen der Realschulabsolventen in eine duale Berufsausbildung bzw. in weiterführende berufliche Vollzeitschularten (v. a. beruf - liche Gymnasien und Berufskollegs) seit 2005 entwickelt haben (unter Angabe, wie viele Realschulabsolventen nach der Mittleren Reife in diesem Zeitraum pro Jahr die allgemeine Hochschulreife erlangten); 7. mit welcher Grundschulempfehlung die Schülerinnen und Schüler der 5. Klasse zum Schuljahr 2012/2013 an den Realschulen im Land angemeldet wurden; Eingegangen: / Ausgegeben: Drucksachen und Plenarprotokolle sind im Internet abrufbar unter: Der Landtag druckt auf Recyclingpapier, ausgezeichnet mit dem Umweltzeichen Der Blaue Engel. 1

2 8. in welchem Umfang Möglichkeiten der individuellen Förderung an den Realschulen im Land künftig aufgebaut werden (unter Angabe, wie sie die bereits vorhandenen Möglichkeiten zur individuellen Förderung an den Realschulen bewertet); 9. was mit den Erweiterungselementen eines Konzepts der allgemeinen indivi - duellen Förderung an Realschulen geschieht, wenn die Realschulen in der Schullandschaft eines Zwei-Säulen-Modells keinen Platz mehr finden; 10. wie sie die vielen hörbaren Stimmen Baden-Württembergs aufnimmt, die sich klar für den Erhalt der Realschulen aussprechen; II. der Realschule den Fortbestand als eigenständige Schulart ohne Fusion mit der Haupt- bzw. Werkrealschule zur Gemeinschaftsschule zu garantieren Hauk, Traub und Fraktion Begründung Ministerpräsident Kretschmann kündigte auf der Regierungspressekonferenz vom 13. November 2012 an, dass die grün-rote Landesregierung für die Schullandschaft in Baden-Württemberg künftig mit einem Zwei-Säulen-Modellˮ planen wird. Dabei soll eine Säule die Gemeinschaftsschule sein, die zweite das Gymnasium. Eine der wichtigsten Schularten unseres Landes scheint in diesem Modell keine Berücksichtigung mehr zu finden die Realschule. Mit dieser Ankündigung hat die grün-rote Landesregierung ein unmissverständliches Bekenntnis gegen die Realschule abgelegt. Für die CDU-Landtagsfraktion ist es unverständlich, weshalb und mit welcher Intensität die derzeitige Landesregierung die Zerschlagung der leistungsstarken Realschulen im Land vorantreibt. Die Realschule befindet sich mit ihren breiten Belegungszahlen und ihrem attraktiven Bildungsangebot in der Mitte unserer Gesellschaft. Auch der Abschluss der Mittleren Reife ist ein von Betrieben besonders geschätzter und angesehener Abschluss, der nicht nur eine große Bedeutung für die berufliche Zukunft der Realschulabsolventen hat, sondern auch für die Zukunft der Betriebe und der Wirtschaft in unserem Land. Diese gewinnen mit den Absolventen der Realschule lebenstüchtige und leistungsstarke künftige Fachkräfte. Die Realschulen im Land dürfen der aus politisch-ideologischen Gründen eingeführten Gemeinschaftsschule nicht preisgegeben werden, denn sie leisten eine hervorragende pädagogische Arbeit. Schüler werden dort in besonderer Weise realitätsbezogen gefördert, gefordert und gebildet. Dabei stehen Personale Kompetenz, Sozialkompetenz, Methodenkompetenz sowie Fachkompetenz im Fokus und bilden die Grundlage für den Erfolg in Beruf und Alltag. Die Realschulen schaffen somit die Grundlage für ein selbstbestimmtes Leben in Beruf und Gesellschaft. Für die Antragsteller ist es von besonderem Interesse zu erfahren, wie denn nun die tatsächliche Zukunft der Realschulen nach den Plänen der grün-roten Landesregierung aussehen wird. Aus der Sicht der CDU-Landtagsfraktion darf diese Schulart nicht zerschlagen, sondern muss in besonderem Maße gefördert werden. Denn die Realschule nimmt eine besondere Schlüsselstellung im durchlässigen Schulwesen Baden-Württembergs ein. Anscheinend ist der grün-roten Landes - regierung diese Bedeutung und diese Wichtigkeit der Realschule für Baden-Württemberg nicht bewusst. So droht der Realschule in der Schulpolitik der Landesre- 2

3 gierung eine von oben diktierte Fusion mit den Haupt- und Werkrealschulen. Die Existenz einer hervorragend arbeitenden und leistungsstarken Schulart wird somit massiv gefährdet. Auch der Realschullehrerverband hat seine Bedenken in einem Hilferuf Mitte November kundgetan. Dies ist ein weiterer trauriger und deut - licher Beleg für das Taktieren der Landesregierung. Vom grün-roten Paradigma der Politik des Gehörtwerdens ist auch hier leider nichts zu spüren. Stellungnahme*) Mit Schreiben vom 26. Februar 2013 Nr /161/1 nimmt das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport zu dem Antrag wie folgt Stellung: Der Landtag wolle beschließen, die Landesregierung zu ersuchen, I. zu berichten, 1. wie viele Schülerinnen und Schüler derzeit von wie vielen Lehrerinnen und Lehrern in wie vielen Klassen an den Realschulen in Baden-Württemberg unterrichtet werden; Nach den vorläufigen Ergebnissen der amtlichen Schulstatistik werden im Schuljahr 2012/2013 an den öffentlichen und privaten Realschulen insgesamt Schülerinnen und Schüler in Klassen unterrichtet. Auswertungen zu den Lehrkräften bzw. den berechneten Vollzeitlehrereinheiten liegen noch nicht vor. 2. welche Informationen ihr über die Bewertung der geleisteten Arbeit der Realschulen in Baden-Württemberg seitens der Eltern, Schüler, Lehrer, Wirtschaft und der Schulträger vorliegen (unter Angabe, welchen Stellenwert sie der Meinung und der Bewertung der genannten Gruppen beimisst); Die Entwicklung der Schülerzahlen und die dem Ministerium für Kultus, Jugend und Sport bekannten Rückmeldungen zeigen, dass die Realschulen erfolgreich arbeiten und den ihnen zugewiesenen Aufgaben gerecht werden sowie gute Anschlussmöglichkeiten zu weiterführenden Bildungsgängen anbieten. Betriebe und Verbände aus dem Bereich von Industrie, Handel und Dienstleistungen nehmen gerne Realschulabgänger als Auszubildende auf, was auch auf die konsequente Berufsorientierung in dieser Schulart zurückzuführen ist. Berichtet wird aber von den in der Fragestellung genannten Organisationen auch, dass die Heterogenität in der Schülerschaft der Realschulen deutlich zugenommen hat und dass deshalb Weiterentwicklungen der pädagogischen Konzeptionen erforderlich sind. Die Bewertungen der Leistungen der Schulart Realschule durch Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, Schulträger, Betriebe und Verbände von Industrie, Handel und Dienstleis - tungen werden vom Kultusministerium aufmerksam zur Kenntnis genommen und bei der notwendigen Weiterentwicklung des baden-württembergischen Schul - systems angemessen berücksichtigt. *) Nach Ablauf der Drei-Wochen-Frist eingegangen. 3

4 3. wie das von Ministerpräsident Kretschmann sogenannte Zwei-Säulen-Modell in der baden-württembergischen Schullandschaft künftig aussehen soll; 4. in welcher Form die Realschulen in das sogenannte Zwei-Säulen-Modell aufgehen werden; 5. welche Rolle sie der Realschule zukünftig in der baden-württembergischen Schullandschaft zuweist, wenn diese nicht mehr als eigene Marke fortbestehen darf, sondern im Zwei-Säulen-Modell aufgehen soll; 9. was mit den Erweiterungselementen eines Konzepts der allgemeinen indivi - duellen Förderung an Realschulen geschieht, wenn die Realschulen in der Schullandschaft eines Zwei-Säulen-Modells keinen Platz mehr finden; Nicht nur die demografische Entwicklung in Baden-Württemberg, sondern auch das sich verändernde Schulwahlverhalten der Eltern machen eine in den verschiedenen Regionen des Landes gemeinsam getragene regionale Schulentwicklung erforderlich. Die Landesregierung stellt sich dieser seit Jahrzehnten bestehenden Herausforderung. Ziel einer regionalen Schulentwicklung ist es, allen Schülerinnen und Schülern in zumutbarer Entfernung von ihrem Wohnort die Erlangung des von ihnen gewünschten Schulabschlusses zu ermöglichen. Die konkrete Ausgestaltung der regionalen Schulentwicklung bedarf derzeit noch weiterer Abstimmungen und politischer Entscheidungen, auch in Bezug auf die Realschulen. Derzeit finden hierzu entsprechende Gespräche statt. Die Ergebnisse dieser Gespräche und die daraus resultierenden politischen Entscheidungen sind abzuwarten. Über die zukünftige Struktur des baden-württembergischen Schul - sys tems und über die dafür notwendigen Entwicklungsschritte ist noch nicht entschieden. 6. wie sich die Übergangszahlen der Realschulabsolventen in eine duale Berufsausbildung bzw. in weiterführende berufliche Vollzeitschularten (v. a. beruf - liche Gymnasien und Berufskollegs) seit 2005 entwickelt haben (unter Angabe, wie viele Realschulabsolventen nach der Mittleren Reife in diesem Zeitraum pro Jahr die allgemeine Hochschulreife erlangten); Da in der amtlichen Schulstatistik Baden-Württemberg noch keine Individualdaten erhoben werden, können keine Verlaufsstatistiken zu den Bildungsverläufen von Schülerinnen und Schülern erstellt werden. Deshalb können keine Angaben dazu gemacht werden, wie viele Realschulabsolventen nach der mittleren Reife die allgemeine Hochschulreife erlangten. Auch hinsichtlich des Übergangs in das berufliche Schulwesen liegen keine Bildungsverläufe vor. Allerdings werden an den beruflichen Schulen die Neueintritte nach Qualifikation erhoben. In der Anlage sind die Neueintritte mit Realschulabschluss an Realschulen in ausgewählte Bildungsgänge/Schularten im beruflichen Bereich dargestellt. Entsprechende Auswertungen zum Schuljahr 2012/2013 liegen noch nicht vor. 7. mit welcher Grundschulempfehlung die Schülerinnen und Schüler der 5. Klasse zum Schuljahr 2012/2013 an den Realschulen im Land angemeldet wurden; Im Rahmen der amtlichen Schulstatistik werden an den Grundschulen die Grundschulempfehlungen und die Übergänge auf die weiterführenden Schulen erhoben. Die von den öffentlichen und privaten Grundschulen gemeldeten Übergänge auf die Realschulen zum Schuljahr 2012/2013 in Verbindung mit der Grundschulempfehlung sind in der folgenden Tabelle dargestellt. Übergänge auf davon mit Grundschulempfehlung Realschulen Werkreal-/Hauptschule oder Gemeinschaftsschule Realschule oder Gemeinschaftsschule Gymnasium oder Gemeinschaftsschule Anzahl Anzahl Anteil Anzahl Anteil Anzahl Anteil ,3 % ,8 % ,9 % Quelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg. 4

5 8. in welchem Umfang Möglichkeiten der individuellen Förderung an den Realschulen im Land künftig aufgebaut werden (unter Angabe, wie sie die bereits vorhandenen Möglichkeiten zur individuellen Förderung an den Realschulen bewertet); Der Bedarf an individueller Förderung hat an den Realschulen aufgrund der gestiegenen Heterogenität in der Schülerschaft zugenommen. Zur individuellen Förderung werden wie an allen Schularten Differenzierungsmaßnahmen innerhalb der einzelnen Klassen, Arbeitsgemeinschaften und themenorientierte Projekte angeboten. Die Landesregierung hat zum Schuljahr 2012/2013 erstmalig überhaupt den Realschulen einen Pool von 1,5 Lehrerwochenstunden je Zug zur individuellen Förderung und Differenzierung zugewiesen. Mit dem Schuljahr 2011/2012 wurde die Kompetenzanalyse Profil AC an Realschulen eingeführt. Zur Durchführung des Verfahrens gehört die individuelle Förderung der überfachlichen Kompetenzen auf der Grundlage der Ergebnisse der Analyse. Vom Kultusministerium wurde eine Konzeption Individuelle Förderung für den überfachlichen, berufsrelevanten Bereich erarbeitet. 10. wie sie die vielen hörbaren Stimmen Baden-Württembergs aufnimmt, die sich klar für den Erhalt der Realschulen aussprechen; Alle im öffentlichen Diskurs zur notwendigen Weiterentwicklung des badenwürttembergischen Schulsystems gemachten Empfehlungen und Aussagen werden von der Landesregierung aufmerksam zur Kenntnis genommen und ausgewertet. II. der Realschule den Fortbestand als eigenständige Schulart ohne Fusion mit der Haupt- bzw. Werkrealschule zur Gemeinschaftsschule zu garantieren. Die Landesregierung will sicherstellen, dass alle Schülerinnen und Schüler in für sie erreichbarer Nähe den von ihnen jeweils angestrebten Bildungsabschluss erreichen können. Daran werden sich die regionale Schulentwicklung und die künftige Weiterentwicklung der Schullandschaft in Baden-Württemberg orientieren. Stoch Minister für Kultus, Jugend und Sport 5

6 Neueintritte aus Realschulen mit Realschulabschluss in ausgewählte Schularten bzw. Bildungsgänge der beruflichen Schulen in Baden-Württemberg seit dem Jahr 2005 Öffentliche und private Schulen zusammen Schulart Bildungsgang Berufsschule Teilzeit (incl. SBS) 1) Berufliches Gymnasium Berufskolleg Gesundheit und Pflege I Technisches Berufskolleg I Kaufmännisches Berufskolleg I Berufskolleg für Praktikanten/ Praktikantinnen (Sozialpädagogik) Kaufmännisches Berufskolleg Fremdsprachen ) Bis einschließlich 2009 wurden Neueintritte in Teilzeit-Berufsschulen (incl. Sonderberufsschulen) nur nach Abschlussart allerdings nicht nach der Schulart, an der der Abschluss erworben wurde, erhoben; daher beziehen sich in der Tabelle die Angaben zu den Neueintritten an Teilzeit-Berufsschulen (incl. SBS) bis einschließlich 2009 auf Neueintritte mit Realschulabschluss bzw. gleichwertigem Abschluss aus allgemein bildenden Schulen insgesamt, d. h. auch z. B. aus Hauptschulen oder allg. bild. Gymnasien. (Nachrichtlich: die Zahl der Neueintritte mit Realschulabschluss bzw. gleichwertigem Abschluss aus allgemein bildenden Schulen insgesamt lag 2010 bei und 2011 bei ) Quelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg. Anlage 6

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