Kanzelgruß: Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

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1 Kirchengemeinde Hegensberg-Liebersbronn Gottesdienst am 13. November 2016, vorletzter Sonntag des Kirchenjahres Predigt: Pfarrer Siegbert Ammann Text: Römer 8,18-25 eingespielt am 13. November.2016 Kanzelgruß: Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen. Liebe Gemeinde, da haben sich alle die Augen gerieben am frühen Mittwochmorgen. Was? kann das sein? Donald Trump hat gewonnen, nach all dem, was wir in den letzten Tage und Wochen über ihn gehört haben? Kann das sein, dass ein Volk so danebenliegt? All das Erreichte der vergangenen Jahre einfach so über den Haufen wirft? Ein Seufzen ging um die Welt, wie ich es noch selten nach einer Wahl irgendeines Politikers erlebt habe. Auf der einen Seite ausgelassen jubelnde Fans im frenetischen Freudentaumel, auf der anderen Seite tiefe Depression, Endzeitstimmung. Und das, nachdem sich so viele Helferinnen und Helfer in den Wahlkampf reingeschmissen haben mit ihrer ganzer Energie und ihr Leben ganz auf das große Ziel ausgerichtet haben: An diesem einen Morgen mit Siegesmiene da zu stehen, die Arme nach oben gereckt, zum Jubel. Und jetzt: Eine Woche Katerstimmung, mindestens. Unzählige vorbereitete Dossiers und Zeitungsartikel alles für die Tonne. Talkrunden mit fragend Verunsicherten und durchweg Ahnungslosen, Schuldvorwürfe an die Demoskopen und Wahlforscher. Schmierentheater und Besserwisserei bis zum Abwinken. Mal ehrlich, so langsam bekomm ich genug davon. Jedenfalls so genug davon, dass ich nicht auch noch am Sonntagmorgen in der Predigt mit dieser vermaledeiten Politik-Weichenstellung belästigt werden möchte. Ein Wahlkampf als Schlammschlacht, die spürbare Ratlosigkeit der Politiktreibenden in Europa und anderswo auf der Welt. Sind wir wirklich auf Taumelkurs in Richtung Abgrund, jetzt plötzlich mehr denn je? Alles seufzt. Das ist für mich heute Morgen die Überleitung zum Predigttext, den ich auszulegen habe. In dem wird nämlich auch geseufzt. Paulus, der unermüdliche Missionar für die Sache Jesu Christi schreibt einen Brief an die Römer. Der einzige von ihm erhaltene gebliebene Brief an eine Gemeinde, die er nicht oder nur vom Hörensagen kennt, übrigens. Und er schreibt den Römern Dinge, wodurch sie ihn kennenlernen sollen. Er kennt das Zentrum der Macht, Rom, die große Weltstadt noch nicht. Er kennt sie nur aus Berichten von Christinnen und Christen, die dort wohnen. Ein paar seiner Freunde leben inzwischen dort und haben den Kontakt zu ihm gehalten, all die Jahre. (Priska und Aquila, Röm 16, 3f.) Und vermutlich haben sie ihm berichtet von Dingen, die sie da mitbekamen in der großen Stadt und Metropole. Nicht alles, was sie dort erlebten war förderlich für den Aufbau einer christlichen Gemeinde. Es gab unzählige Kulte und Religionen und jeder konnte etwas finden, was seinem Glauben entsprach. Hunderte Tempel für allerlei Götter zierten Straßen und Plätze. Überall Altäre, auf denen Opfergaben dargebracht wurden um hier zu besänftigen und sich dort ins rechte Licht zu rücken. Und genau dort soll er arbeiten; Nachhaltig wirken. Er, Paulus, mit seiner Botschaft von Jesus Christus. Mit dem Evangelium, das Gottes Gnade und Barmherzigkeit zur Sprache bringt. Alles seufzt. Alle streben nach Erlösung. Sind froh, irgendwie mit dem Leben zu Recht zu kommen. Suchen ihr Heil im kleinen Glück. Leben mehr recht als schlecht von Tag zu Tag. Und jetzt soll alles anders werden.

2 2 Leben dein Leben mit Perspektive Ewigkeit ist das Motto, das Paulus den Seinen gepredigt hat. Es gibt mehr als das Seufzen aller Kreatur. Doch: Gar nicht so einfach, den Menschen die Augen dafür zu öffnen. Wir Menschen sind Profis im Seufzen, haben diese Stimmung jahrelang eingeübt. Wir bringen es fertig volle Konten und warme Stuben zu haben und dennoch lauter zu seufzen als Menschen die unter Brücken schlafen und nicht wissen, wie sie über den vor ihnen liegenden Tag kommen sollen, wer ihnen etwas zu Essen abgibt oder ein paar Euro für einen heißen Tee oder Kaffee. Kennen sie die kurze Geschichte von der Großmutter, die mit ihrem kleinen Enkelkind am Strand unterwegs war? Nicht? Dann will ich sie ihnen gern erzählen. Eines Tages läuft eine ältere Dame, fein gekleidet mit ihrem kleinen Enkelkind am Strand entlang. Die Kleine jauchzt vor Freude, weil ihr der Sand und das Meerwasser die Zehen in den Sandalen umspült. Die Großmutter lässt sich von der Freude anstecken. Sie bücken sich und sammeln kleine Muscheln. Und während sie das tun sind sie so vertieft ins Geschehen, dass die Oma gar nicht registriert, dass ein riesen Brecher auf sie zuläuft. So eine hohe Brandungswelle, ein Riesen-Kavenzmann, wie die Seeleute sagen. Kurzum, als das Wasser zurückweicht ist das Kleinkind nicht mehr da. Die Oma dreht sich einmal im Kreis sucht die Kleine und wird kreidebleich. Soweit sie sehen kann kein Kind. Panik steigt in ihr hoch. Der Puls steigt, Adrenalin pur pulst durch ihre Adern. Ein markerschütternder Schrei: Mein Gott, das Kind! Stille. Die Frau ist völlig außer sich vor Angst. Gott, gib mir die Kleine wieder schreit sie, rauft sich die Haare, und rennt verzweifelt am Strand hin und her. Ihr Rufen verhallt. Und es passiert nichts. Da kommt die nächste Welle herangebraust. Ähnlich hoch wie die erste. Nur mit Mühe kann sich die Frau auf den Beinen halten. Als sie sich wieder stabilisiert hat, spürt sie die Hand der Kleinen an ihrem Fußgelenk. Die sitzt völlig durchnässt auf dem Hosenboden und gluckst und prustet vor Freude und Spaß. Danke, murmelt die Oma, Danke Gott, aber vorhin hatte Madeleine noch ein Hütchen auf. Irrational, finden sie nicht? Aber genau so sind wir Menschen. Da kann uns in einem Moment der Boden unter den Füßen wegbrechen und im nächsten Moment alles wieder in Ordnung sein wir finden immer einen Grund, unzufrieden zu sein. Wir sind eben Weltmeister im Seufzen und Vorhaltungen machen. Gott, da gibt es aber noch ein paar Dinge, die du hättest besser machen können. Ich hab da so meine Vorstellungen und wenn du dir mal Zeit nehmen würdest, mir ein Weilchen zuzuhören, könnt ich dir gern verraten, was ich - gerne anders hätte. Na prima! Auf dieses Angebot hat Gott bestimmt lange schon gewartet. Liebe Gemeinde, früher wurde der Kirche oft vorgehalten, sie male das hier und jetzt der Menschen, also das Diesseits, bewusst düster und schwarz, um dann das Jenseits, also die Ewigkeit, umso strahlender anpreisen zu können. Stimmt das? In der zurückliegenden Woche waren die Pessimisten und Weltuntergangspropheten aber nicht allesamt aus dem kirchlichen Lager. Ich habe den Eindruck gewonnen, die Verunsicherung hat ganz ohne unser Zutun einen neuen Höhepunkt erreicht. Nach den Anschlägen auf das Bataclan vor einem Jahr und den vielen chaosstiftenden Aktionen die hier im Land und anderswo folgten nach so zähem Ringen in der nicht lösbaren Syrien- und Irakfrage. Nach so viel vergeblichen Mühen um Verhandlungslösungen, jetzt auch noch so ein Regierungswechsel in den USA mit x unbekannten Variablen. Alles schreit mordio nichts sei

3 3 mehr wie es war. Zur diffusen Bedrohungslage, die wir seit ein paar Jahren wittern, ohne sie näher beschreiben zu können, kommt jetzt ein neuer Faktor mit dazu: Plötzlich wird in den angesagten Talkshows diskutiert, ob unsere Bündnisse noch verlässlich sind. Ob wohl andere bereit sind, für uns den Kopf hinzuhalten. Oder werden die Amis mehr Geld für die erkaufte Sicherheit verlangen? Wer verteidigt unsere Freiheit? Die NATO, wir selber? Liebe Gemeinde, alles seufzt. Wollen wir mal reinhören, was Paulus den Römern zu schrieben weiß? Ich lese uns einmal den Abschnitt aus Römer 8,18 25: (18) Denn ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. (19) Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. (20) Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat, doch auf Hoffnung; (21) denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. (22) Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet. (23) Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. (24) Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? (25) Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld. Ein Stück paulinische Theologie, rausgerissen aus einem spannenden Zusammenhang. Ein Fragment, wenn sie es nur so als kleine Textpassage betrachten. Paulus ist dabei zu argumentieren, was es bedeutet, Gottes Kind zu sein. Da gibt es trotzdem Leiden. Auch Kinder Gottes sind da nicht außen vor. Aber wir dürfen wissen, dass nicht alles der Vergänglichkeit unterworfen ist. Das ist ein ganz wichtiger Begriff für Paulus in diesem Text. Alles ist im Fluss πάντα ῥεῖ (panta rei) hat Heraklit gesagt, der große griechische Philosoph. Das mag sein. Immer wieder kommt uns das so vor in der Welt, dass alles im Fluss ist. Und an Tagen wie dem letzten Mittwoch kam es manchen von uns vielleicht sogar so vor, als ob nicht nur alles im Fluss sei, sondern, jetzt schwäbisch gesprochen den Bach na gehe. Paulus vertritt eine ganz andere Philosophie, einen ganz anderen Glauben. Das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden schreibt er (V.19). Alle hoffen darauf, dass ihr so lebt, wie Gott euch haben möchte. Dass ihr Dinge tut, die sich deutlich von dem abheben, was die Pessimisten und Endzeitpropheten prophezeien. Alles ist schlecht und alles zieht nach unten. Wirklich? Liebe Gemeinde, die Schöpfung ächzt, nicht weil Gott was vergessen hat in seinem Siebentagewerk. Sondern weil wir uns mit der Vergänglichkeit diese Welt abgefunden haben. Das sei eben die Normativität des Faktischen, sagen heute manche. Die Paradieshoffnung sei nur was für Träumer. Doch das Paradies ist längst verloren.

4 4 Liebe Gemeinde, ein Mann wie Paulus weiß um das Seufzen aller Kreatur. Aber er hat dem was entgegenzusetzen. Finden wir uns doch nicht ab mit der Stumpfsinnigkeit und Vergänglichkeit. Finden wir uns doch nicht ab mit Unrecht, Hass und Sünde, die in die Welt eingebrochen ist und Menschen von dem abhält, wozu sie Gott eigentlich geschaffen hat. Vor drei Tagen war St. Martin. In manchen Kindergärten gibt es einen Laternenlauf aus diesem Anlass. Die Geschichte von St. Martin passt gut zum heutigen Sonntag. Martin war Soldat. Er musste die Grenzen Roms verteidigen. Die Tat, die ihn berühmt machte, war, dass er den Mantel teilte mit dem Bettler. Noch heute wird von seiner selbstlosen Tat erzählt, gilt er als leuchtendes Beispiel. Aber wissen sie was? Seine Kollegen haben ihn damals ausgelacht. Auf Christen hat man damals herabgesehen. Die waren verrufen als verrückte Spinner und Sektierer. Sie wurden verfolgt und nach Möglichkeit von öffentlichen Ämtern ferngehalten, wegen ihrer Religion. Und Paulus schreibt hier an die Christen in Rom. Denen es genau so ging. Menschen, die das Unerwartete taten, oder soll ich sagen das Unvernünftige? Wissen sie, was mich beim Rückblick auf die Geschichte der ersten Christen so fasziniert? Erst neulich war im Fernsehen ein Bericht über eine große neu freigelegt und erschlossene Katakombe in Rom zu sehen, in der Forscher aus Frankreich in jahrelanger Kleinarbeit einem besonderen Menschheitsrätsel nachgegangen sind. Man hat in dieser Katakombe unzählige Gebeine gefunden. Gebeine von Menschen, die allesamt innerhalb kurzer Zeit gestorben sein müssen. Vermutlich durch eine Seuche dahingerafft. Den Forschern ist bei ihren Untersuchungen aufgefallen, dass die dort bestatteten Menschen ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten angehört haben. Und doch hat sich jemand Zeit genommen, alle gleichermaßen für eine würdige Beerdigung vorzubereiten und dort in dieser Katakombe beizusetzen. Als viele Heiden vor der Seuche aus der Stadt geflohen sind, waren es die Christen, die standgehalten haben, mitten in den Leiden, unter denen diese Welt ächzt und schreit. Die Christen sind damals hingegangen und haben die Kranken gepflegt und wenn sie gestorben sind, beerdigt. Warum haben sie das getan? Weil sie Hoffnung hatten. Von dieser Hoffnung schreibt Paulus den Römern. Es wartet eine ganz neue Welt auf uns. Da ist Freiheit! Da ist Herrlichkeit! Da ist Erlösung, nicht nur für die Seele, nein für den ganzen Menschen! Habt ihr, heut im Jahr 2016, ein klares Ziel vor Augen, so wie Paulus? Habt ihr Augen für die Realität der Kinder Gottes, die nicht allesamt den Bach runter treiben? Hier ist Hoffnung! Hier, bei Jesus Christus, unserem Herrn. Der uns von unserem Recht als Gotteskinder erzählt hat. Wer realisiert, dass Gott mit mir und dir noch etwas vorhat, kann nicht ins Lied der Pessimisten einstimmen und sich für den Winterschlaf einigeln und zurückziehen. Nehmt den Tod ernst. Er ist schlimm. Und vor allem sinnloser Tod durch Krieg und menschlichen Unverstand. Das darf man am Volkstrauertag predigen. Aber wir Christen haben eine Perspektive für das Leben. Jesus hat den Tod und alles Lebensverneinende besiegt und überwunden. Er ist da, wo Freiheit ist, Herrlichkeit, Erlösung. Mit ihm verbunden, atmen wir im hier und jetzt schon den frischen Geruch des Lebens. Wir sehnen uns danach, dort zu sein, wo er schon ist. Das ist das Seufzen, von dem Paulus hier spricht.

5 5 Nicht das Seufzen der ewig Unzufriedenen, die immer was zu meckern haben. Vielmehr ein seliges Seufzen: Ich weiß, wozu ich da bin. Und ich weiß wohin ich unterwegs bin. Ich wünsche Ihnen heute Morgen dass Sie sich wieder neu darüber klar werden. Gott schenke Ihnen diese besondere Sehnsucht in ihr Herz. Ihr Lieben, das Schönste kommt noch., ruft uns Paulus heut Morgen zu, und wir dürfen es schauen. Lassen wir uns von Jesus zeigen, an welchem Platz er uns haben möchte. Wir leben als befreite und erlöste Gotteskinder, egal, wie die Welt ächzt und eiert. Wir dürfen eine Hoffnung haben für Gottes schöne Welt und alles, was darauf lebt. Amen.