Leibniz Universität Hannover Institut für Soziologie Professur für Makrosoziologie und Sozialstrukturanalyse Schneiderberg Hannover

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2 Leibniz Universität Hannover Institut für Soziologie Professur für Makrosoziologie und Sozialstrukturanalyse Schneiderberg Hannover Tel.: 0511 / Fax: 0511 / Gestaltung: Dreigang Kommunikationsdesign August 2012

3 Dicksein Über die gesellschaftliche Erfahrung dick zu sein Eva Barlösius Alexandra von Garmissen Grit Voigtmann

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5 Inhaltsverzeichnis 1. Vorwort: Was diese Schrift möchte 6 2. Einleitung: Dick sein weit mehr als ein Gewichtsproblem Dazugehören wollen zum ganz normalen Leben Die Allgegenwärtigkeit der Erfahrung, als dick wahrgenommen zu werden Leistungsbereitschaft und Leistungsvermögen Gleichberechtigung und Gleichbehandlung Ohne eigene Worte die Übernahme der Expertensprache Erfahrung von Ungleichheiten Mehrfach benachteiligt aber nur der Körper zählt Die kleineren Ungleichheiten: Geschlecht und Herkunft Anders als erwartet Gesunde Ernährung alles bekannt Essen nach Plan Sich bewegen und Sport treiben Abnehmen wollen Essalltag in der Familie Gemeinsam zu Tisch Was es zu essen gibt und geben sollte Wer sorgt für das Essen? Gründe und Verantwortlichkeiten die Sicht der Eltern Klick machen es muss bei den Kindern beginnen Frust, Langeweile, Wut Gefühle als Ursachen des Übergewichts Selbstbewusstsein stärken Professionell und extern Wünsche türkischer Eltern zur Ernährungsumstellung ihrer Kinder Anders als vorausgesetzt eine Anhäufung von Knappheiten Finanzielle Knappheit Knappe Zeit und Energie Knappe Kontrollkompetenzen Konklusion: Was diese Schrift verdeutlicht 78 Endnoten 82 5

6 1.

7 VORWORT: WAS DIESE SCHRIFT MÖCHTE 1. Vorwort: Was diese Schrift möchte Übergewicht und Adipositas sind omnipräsent: Sie werden wissenschaftlich beforscht, im Alltag penibel beobachtet, von vielen Institutionen Kindergärten, Schulen, Ämtern sorgsam kontrolliert, gesundheitspolitisch debattiert, mittels Präventions- und Interventionsprogrammen bekämpft, medial skandalisiert, in eigenen TV-Formaten zur Unterhaltung präsentiert und vieles mehr. Diese Thematisierungen und Umgangsformen teilen miteinander viele Gewissheiten: Unstrittig ist, dass Übergewicht nicht nur ein Gesundheits-, sondern ebenso ein Kostenrisiko ist, es auf lange Sicht die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft gefährdet und die gesellschaftliche Solidarität strapaziert. Sie münden in die Überzeugung: Übergewicht und Adipositas sind bereits jetzt ein enormes Problem und wachsen sich zukünftig zu einem noch größeren aus, gegen welches unbedingt etwas zu unternehmen ist. Was das sein kann, auch darüber besteht weitgehend Einigkeit: Übergewichtige müssen abnehmen. Dazu haben sie ihr Ernährungs- und Bewegungsverhalten dauerhaft zu verändern. Gegen diese Erörterungen und Behandlungen sowie deren praktische Folgen formieren sich in den letzten Jahren zunehmend andere wissenschaftliche Analysen und Initiativgruppen, die im Englischen unter dem Schlagwort Fat Studies 1 zusammengefasst werden. Sie kritisieren die sozialen Ausgrenzungen, Stigmatisierungen und Benachteiligungen, die aus den oben aufgezählten Thematisierungen und Umgangsformen für Übergewichtige und Adipöse entstehen. Die Fat Studies berufen sich vorwiegend auf sozialwissenschaftliche Deutungen und Erklärungen. 2 Obwohl sie beanspruchen, stellvertretend für Übergewichtige und Adipöse zu streiten, fällt auf, dass sogar in diesen Studien die Betroffenen mit ihren Erfahrungen, Reaktionen und Stellungnahmen selbst kaum zu Wort kommen. Stattdessen werden sie mit sozialwissenschaftlichen Konzepten erfasst und analysiert, denen immanent ist, für Übergewichtige und Adipöse die Kategorie der Außenseiter zu verwenden, sie als stigmatisiert zu kennzeichnen und ihre soziale Lage als benachteiligt zu bestimmen. Diese Analysen treffen weitgehend zu, und wir wollen ihnen nicht widersprechen. Aber sie sind so abstrakt und verallgemeinernd formuliert, dass sie das Phäno men die gesellschaftliche Erfahrung, zu dick zu sein, über das sie Bericht erstatten wollen, in seiner Eigenart und Allgegenwärtigkeit kaum zu fassen bekommen. 7

8 VORWORT: WAS DIESE SCHRIFT MÖCHTE Die tagtägliche Erfahrung, als zu dick wahrgenommen und behandelt zu werden, die sozialen Interaktionen, denen Dicke ausgesetzt sind, wie sie ihr gesellschaftliches Verhältnis durch ihren Körper bestimmt sehen, dieses und vieles weitere, was ihr Leben ausmacht, bleibt vielfach unbetrachtet. Die formelhafte Analyse ausgegrenzt, stigmatisiert und benachteiligt tendiert dazu, davon mehr zu verdecken als freizulegen. Diese soziale Position und gesellschaftlichen Erfahrungen teilen Dicke mit vielen anderen: Armen, Kranken, Migranten, Alleinerziehenden, Behinderten und religiösen Minderheiten. Was sie unterscheidet, insbesondere aber was dies in der Alltagspraxis heißt, erschließt sich daraus nur wenig. Zudem entfalten diese Analysen eine eigene soziale Wirksamkeit. Sie weisen eine soziale Position und gesellschaftliche Erfahrungswelt zu, verstricken sich damit selbst in das Phänomen. So formulieren sie geradezu vor, wie Dicke sich zu fühlen haben, wie sie soziale Interaktionen zu erleben und welche soziale Lage sie einzunehmen haben. Diese kleine Schrift möchte etwas anderes. Sie rückt die Menschen mit ihren Erfahrungen, Reaktionen und Stellungnahmen ins Zentrum. Die Grundlage unserer Studie ist ein Forschungsprojekt über dickere Jugendliche. 3 Im Rahmen des Projekts haben wir vielfältige empirische Untersuchungen durchgeführt: mit den Jugendlichen selbst, mit ihren Eltern, ExpertInnen der Prävention und Intervention. 4 Wir haben dieses Material wissenschaftlich hauptsächlich soziologisch analysiert und die Ergebnisse publiziert. 5 Unsere Ergebnisse sollen jedoch nicht allein im fachwissenschaftlichen Dialog verbleiben. Mit dieser kleinen Schrift erhoffen wir uns, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen. Dazu haben wir weitgehend auf fachwissenschaftliche Ausführungen verzichtet, aber darauf Wert gelegt, die Betrachtungsweise und die Ergebnisse möglichst umfassend und komplex wiederzugeben. Entstanden ist ein Text in einem Zwischenbereich, der einerseits ausgiebig aus den Erhebungen mit den Jugendlichen und den Eltern zitiert, um ihnen das Wort zu geben, 6 und der andererseits auf soziologische Konzepte rekurriert, ohne diese jedoch explizit einzuführen. Leser, denen diese Nachweise fehlen, verweisen wir auf unsere wissenschaftlichen Analysen. 7 Ein wichtiges Anliegen ist uns, die gebräuchlichen Bezeichnungen und Titulierungen wie Übergewicht oder Adipositas nicht zu übernehmen, weil darin die gesellschaftlich akzeptierten Thematisierungen und Behandlungsweisen nämlich Therapiebedürftigkeit angelegt sind. Sie repräsentieren das Phänomen so, wie darauf gesellschaftlich reagiert wird, und schaffen sich damit ihre eigene Legitimation. Ebenso haben wir uns darum bemüht, alle wertenden Benennungen und Etikettierungen zu vermeiden, weil diese ebenfalls Teil des Geschehens sind, dass wir durchleuchten wollen. Dies gilt insbesondere für die Bezeichnungen und Benennungen der Jugendlichen. 8

9 VORWORT: WAS DIESE SCHRIFT MÖCHTE Wir orientieren uns an der Sprechweise der betroffenen Jugendlichen. Um ihre Körper zu beschreiben, verwenden die Jugendlichen die Worte: die Dickeren, dicker werden, etwas dicker (JD 14-16). Die dazu antonymen Begriffe gebrauchen sie, um die Körper von Personen zu kennzeichnen, die nicht dick sind. Sie nennen sie die Dünneren (JT 14-16), die irgendwie dünner oder etwas schmächtiger (JD 14-16) sind. Im Text übernehmen wir die Selbstkennzeichnungen: die Dickeren und dick(er) sein, weil wir davon ausgehen, dass diese von den dickeren Jugendlichen als am wenigsten abwertend empfunden werden. Dagegen greifen wir nicht ihre Bezeichnungen für Personen auf, die sie als dünner oder schmächtiger charakterisieren. Diese Bezeichnungen sind komparativ in Bezug auf ihre eigene Körperlichkeit konstruiert und zeigen, dass sie sich mit dem Gegenüber vergleichen. Sie entsprechen jedoch nicht der gesellschaftlichen Wahrnehmung, die von normal spricht. Die dickeren Jugendlichen sind mit dieser gesellschaftlichen Bestimmung vertraut. Dies zeigt sich unter anderem darin, dass sie ein umfangreiches Repertoire an abschätzigen Etikettierungen aufzählen, mit denen sie im Alltag konfron tiert sind, wie die Fetten (JD 11-13) und Fettsäcke (MT 14-16). Für die dünneren Jugendlichen jedoch verfügen sie nicht über einen verächtlichen Wortschatz, stattdessen verwenden sie Bezeichnungen, die aus dem Wortfeld normal und Normalität stammen. 9

10 2.

11 EINLEITUNG: DICK SEIN WEIT MEHR ALS EIN GEWICHTSPROBLEM 2. Einleitung: Dick sein weit mehr als ein Gewichtsproblem Ein dünner Chefkoch meine Idealwelt (JT 11-13) so lautet der Lebenswunsch eines 13-jährigen Jugendlichen. Als ganz normal angesehen werden und etwas aus unserem Leben machen (MD 11-13) antworten dickere Jugendliche auf die Frage, wie ihre Idealwelt beschaffen sein sollte. Sie zeigen kein pubertäres Aufbegehren oder eine provozierende Selbstinszenierung. Diese Jugendlichen träumen von nicht mehr als teilzuhaben an der ganz normalen Alltagswelt, die im Allgemeinen eine routinemäßige Abfolge unproblematischer Erlebnisse und Erfahrungen bereithält. 8 Aber nicht für sie. Ihnen signalisiert die Alltagswelt, dass sie dick sind, was weit mehr meint, als ein Gewichtsproblem zu haben. Ihr Körper wird als soziales Zeichen gelesen: als physische Objektivierung ihres Abweichens von den erstrebens- und wünschenswerten Verhaltens- und Handlungsmustern der Alltagswirklichkeit. Der Körper ist in jeder Vis-à-vis-Situation präsent bei jeder Begegnung, jedem Kontakt, während jeglicher Anwesenheit. C: Weißt du, das einzige, warum du es hasst, fett zu sein, ist, dass du dich vor den anderen E: Schämst? C: Ja. (JT 11-13) Dicksein wird in der Wahrnehmung anderer geschaffen, lautet die soziologische Analyse. In allen direkten sozialen Interaktionen wird der Körper dickerer Jugendlicher als Zeugnis der Abweichung wahrgenommen und werden darauf abgestimmte soziale Haltungen und Umgangsweisen wachgerufen. Die Folge ist: Die Jugendlichen werden als problematisch behandelt und übernehmen dies in ihre Sicht auf sich selbst. Ihre gesamte Alltagswelt ist von diesen Erlebnissen und Erfahrungen durchfärbt, weshalb sie sich nichts mehr wünschen, als normal zu leben und einen gewöhnlichen Lebensverlauf vor sich zu haben. Dick zu sein ist für die Jugendlichen vor allem eine soziale Erfahrung und damit viel lebensnäher und erlebnisreicher als die Gewichtsanzeige auf der Körperwaage. Genau diese soziale Erfahrung bestimmt ihr Verhältnis in der und zur Gesellschaft. 11

12 EINLEITUNG: DICK SEIN WEIT MEHR ALS EIN GEWICHTSPROBLEM Ein dünner Chefkoch sein zu wollen meint somit, nicht mehr als dick angesehen zu werden, beruflichen Erfolg als Chef zu haben und soziale Anerkennung zu erhalten, wie dies die Fernsehköche vormachen. Genereller formuliert: Die Jugendlichen wünschen sich eine gesellschaftlich anerkannte Identität, die sich auch für sie selbst als richtig und stabil anfühlt. Mit anderen Worten: eine intakte Einstellung zu sich selbst, die ihnen eine erfolgreiche soziale Integration ermöglicht. Ein wünschenswerter BMI 9 betrachtet abermals ausschließlich den Körper der Jugendlichen, wiederholt und vertieft ihre gesellschaftliche Erfahrung, auf ihren Körper reduziert zu werden. Erneut wird ihr Körper als physische Objektivierung von Abweichung von ungesunder Ernährung und zu wenig Bewegung bewertet. Um aber zu verstehen, was es heißt, als dick betrachtet zu werden, ist der Blickwinkel zu weiten. Es sind die daran geknüpfte Ortsbestimmung des Individuums in der Gesellschaft und seine entsprechende Behandlung 10 in den Blick zu nehmen. In ähnlicher Weise ist die Beschränkung auf gesunde Ernährung aufzuheben. Dass Ernährung mehr als den physischen Prozess umfasst und die spezifischen kulturellen und sozialen Formen des Essens wie die Küche und die Mahlzeit einzubeziehen sind, ist mittlerweile ein Allgemeingut. Aber dies reicht nicht aus. Essen bildet ein soziales Totalphänomen 11, welches die gesamte Alltagswelt umspannt und repräsentiert. So gilt es als die Geburtstätte der Moral, als rituelles Zentrum der Religion, als entscheidend für die Vorstellungen von Gerechtigkeit, als Mittel des politischen Protests und vieles mehr. Essen ist zudem Ursprung vermeintlich kleiner sozialer Angelegenheiten wie Familienbeziehungen, Geschlechterverhältnisse, Auffassungen von Eltern- und Kindschaft, Herausbildung familiärer und persönlicher Identitäten. Und damit schafft das Essen Gelegenheiten und Anlässe, sich über Gemeinsamkeiten und Individualitäten zu verständigen wie zu streiten. Insbesondere Kindern bietet das gemeinsame Essen die Chance, ihre Individualität zu entdecken und zu erproben: Ich mag das nicht! Mit dem Essgeschmack lässt sich sinnlich wahrnehmbar Identität ausdrücken, das Ich erfahr- und mitteilbar machen. Während der Pubertät wird von dieser Möglichkeit vermehrt Gebrauch gemacht. 12 Darum finden viele Kämpfe und Streitereien ums Erwachsenwerden wer man ist und sein möchte am Esstisch statt. Dies trifft für alle Jugendlichen zu, selbstverständlich ebenso für jene, die hier im Zentrum stehen. Auch ihnen geht es dabei nicht um die physische Nahrungswelt, sondern darum, Eigner ihrer selbst zu werden, eine eigene Identität zu entwickeln. Eine dritte Weitung ist erforderlich. Bei der für unsere modernen Gegenwartsgesellschaften typischen Form der Vergesellschaftung durch Individualisierung, die eine gesteigerte Eigenverantwortung und die Selbstkonzeption des eigenen Lebens fordert, bildet das Essen einen zentralen Bezugspunkt. Man soll sich bewusst und auf dauerhafte Gesunderhaltung in der Zukunft ausgerichtet ernähren. Die Verinner lichung dieser Anforderung verifiziert sich für jeden und jederzeit sichtbar im Körper. Verlangt wird weiterhin, die Präsenz des Gegenwärtigen zugunsten möglicher negativer Folgen und Nebenfolgen in der Zukunft zurückzustellen und die Gegenwart von der Zukunft her zu denken. Konkret heißt das, heute auf etwas zu verzichten, wonach einem gelüstet, weil dies möglicherweise irgendwann in der Zukunft unerwünschte Konsequenzen zeitigen könnte. Nichts anderes bedeutet Prävention: zu sehen, was noch nicht gegenwärtig ist, was noch keine akute Notwendigkeit besitzt, 13 um sich auf alles einzustellen, was nur eine theoretische Möglichkeit besitzt oder potentielle Drohung darstellt. 12

13 EINLEITUNG: DICK SEIN WEIT MEHR ALS EIN GEWICHTSPROBLEM Dies verlangt, auf alle denkbaren Risiken im Voraus zu reagieren. Erfüllen kann diese Anforderung jedoch nur, wer das Ganze seines Lebens, das Nacheinander seines Weges durch verschiedene Abschnitte seines Lebens sinnhaft deuten 14 und seinen Lebensverlauf als von ihm gestaltbar begreifen kann. Die dickeren Jugendlichen teilen uns mit, dass sie genau dieses für sich wünschen, indem sie unterstreichen, etwas aus ihrem Leben machen zu wollen. Und sie bedauern, dass es ihnen erschwert wird. Woraus diese Erschwernisse resultieren, darüber berichten die nachfolgenden Seiten. Wir möchten den Jugendlichen und ihren Eltern mit dieser Broschüre eine Stimme geben. Sie werden deshalb selbst zu Wort kommen, weil ihre Sicht und Erfahrungen in und mit der Alltagswelt hier im Zentrum stehen. 15 Es wird Ihnen liebe Leserinnen und Leser schnell klar werden, dass die Jugendlichen abnehmen wollen, nicht wegen des BMI oder einem wie auch immer berechneten Normalgewicht, sondern weil sie dazugehören und mitmachen wollen. 13

14 3. DAZUGEHÖREN WOLLEN ZUM GANZ NORMALEN LEBEN 3.1 Die Allgegenwärtigkeit der Erfahrung, als dick wahrgenommen zu werden 3.2 Leistungsbereitschaft und Leistungsvermögen 3.3 Gleichberechtigung und Gleichbehandlung 3.4 Ohne eigene Worte die Übernahme der Expertensprache

15 DAZUGEHÖREN WOLLEN ZUM GANZ NORMALEN LEBEN Die Allgegenwärtigkeit der Erfahrung, als dick wahrgenommen zu werden Leistungsbereitschaft und Leistungsvermögen Gleichberechtigung und Gleichbehandlung Ohne eigene Worte die Übernahme der Expertensprache 3. Dazugehören wollen zum ganz normalen Leben Was die Jugendlichen vor allem bewegt, ist der Wunsch, dazuzugehören. Diesen Wunsch drücken sie insbesondere darüber aus, dass sie sich als überaus konform mit den geltenden gesellschaftlichen Normen, Werten und Anforderungen präsentieren. So ist es ihnen wichtig, ihre Leistungsbereitschaft und ihr Leistungsvermögen zu unterstreichen. Ihre Zustimmung zeigt sich auch darin, dass sie die therapeutische Expertensprache für ihre Selbstbeschreibung übernehmen. Selbst dort, wo sie für sich die Stimme erheben, um gegen die üblichen gesellschaftlichen Haltungen und Umgangsformen ihnen gegenüber zu opponieren, referieren sie auf einen moralischen Grundkonsens: das Gleichstellungsgebot. All ihre Bemühungen folgen dem Wunsch, sich nicht selbst als draußen zu erleben, als normal behandelt zu werden und dazuzugehören. 15

16 DAZUGEHÖREN WOLLEN ZUM GANZ NORMALEN LEBEN Die Allgegenwärtigkeit der Erfahrung, als dick wahrgenommen zu werden Leistungsbereitschaft und Leistungsvermögen Gleichberechtigung und Gleichbehandlung Ohne eigene Worte die Übernahme der Expertensprache 3.1 Die Allgegenwärtigkeit der Erfahrung, als dick wahrgenommen zu werden G: Ich habe mehrere Geschwister, die sind nicht perfekt, also sind auch dicker als ich und mein Bruder ist eben da extremer wenn er irgendwo vorbeigeht, gucken ihn alle dann so an, als wäre er, was weiß ich, als hätte er ein Huhn auf dem Kopf oder so was. (MD 11-13) Zuallererst und alles überlagernd als dick wahrgenommen zu werden ist die Linse, durch welche die Jugendlichen permanent betrachtet werden, und diese Erfahrung wiederum prägt ihre Sichtweise auf die Welt. Alles seien es Dinge, Praktiken, Verhaltens- und Handlungsweisen werden ihrer Erfahrung nach zunächst danach geordnet, ob sie als dünner und normal oder als dicker und abweichend klassifiziert werden. Diese Aufteilung besitzt für sie die gleiche Präsenz wie beispielsweise die gesellschaftliche Unterscheidung der Geschlechter. Und genau wie diese erscheint sie als das allernatürlichste der Welt und kennt kein Dazwischen. Sie wird immer und zuallererst intuitiv erkannt, meist ohne ins Bewusstsein vorzudringen. So sind alle Bewegungen, Kleidungsstücke, Speisen, Sportarten, Tätigkeiten und Berufe einer dieser beiden Welten zugeordnet. In Anlehnung an die Vergeschlechtlichung der Welt 16 kann man von einer Verkörperlichung der Welt in dick oder dünn sprechen. Deshalb gibt es für die Jugendlichen nichts in ihrem Leben, was nicht dadurch vorbestimmt ist, dass sie als dick wahrgenommen werden. Ihr Erfolg im Sportverein, ob sie sich in der U-Bahn setzen oder stehenbleiben, in der Öffentlichkeit essen, eine enge Jeans oder ein weites Sweatshirt anziehen, all dies wird so erleben sie die Welt auf ihren Körper bezogen wahrgenommen oder als absichtsvolles In-Szene-setzen des eigenen Körpers interpretiert, um als weniger dick zu erscheinen. Dieser Allgegenwärtigkeit können sie außer sie ziehen sich zurück nicht entgehen. Und sogar dieser Rückzug wird als Folge ihres Dickseins interpretiert. Die Geschlechterunterscheidung ist Ergebnis von Machtdifferenzen. Das Gleiche gilt für die Oppositionsbestimmung dick oder dünn ; auch sie ist machtgesättigt. Daraus erklärt sich, dass hieran Auf- und Abwertungen geknüpft sind. Diese beziehen sich nicht nur auf den Körper, sondern weiten sich in alle Bereiche und Dimensionen des Lebens aus und bedingen die Allgegenwärtigkeit dieser wertenden Unterscheidung. Auf diese Weise findet eine gesellschaftliche Objektivierung von Abweichung statt. Sie wird zur allumfassenden gesellschaftlichen Wirklichkeit. Die von ihnen erfahrene alltägliche Allgegenwärtigkeit wiederholt sich für die Jugendlichen in den Medien, wo ihnen Idole und Vorbilder, aber auch Loser vorgeführt werden. Damit wird die von den Jugend- 16

17 DAZUGEHÖREN WOLLEN ZUM GANZ NORMALEN LEBEN Die Allgegenwärtigkeit der Erfahrung, als dick wahrgenommen zu werden Leistungsbereitschaft und Leistungsvermögen Gleichberechtigung und Gleichbehandlung Ohne eigene Worte die Übernahme der Expertensprache lichen erlebte gesellschaftliche Wirklichkeit mit zusätzlicher Legitimation versehen. Sie wird objektiv, das heißt allgemein zugänglich, und sie wird subjektiv einsichtig gemacht, indem allen per TV vorgeführt wird, wie sich Dicke fühlen. A: Im Fernsehen (sieht man meistens) die dünneren Menschen statt die Dicken. (JT 14-16) Durch solche medialen Präsentationen wird vorgegeben, wie sie sich zu fühlen und ihr Leben zu bewerten haben, welche Wünsche sie äußern dürfen und welche Ambitionen sie für sich behalten sollten. Eine individuelle Sicht- und Erlebnisweise jenseits dieser gesellschaftlichen Zuschreibungen wird ihnen kaum zugebilligt. Es dominiert eine generalisierte Betrachtungs- und Sprechweise: Die Dicken sind, haben, sollten... Dies trifft insbesondere für Sendungen zu, die speziell Jugendliche ansprechen. Gerade diese zeichnen sich durch vielfältige Thematisierungen von Körperidealen und daran geknüpfte gesellschaftliche Haltungen und Umgangsweisen aus. Die medial verbreitete Botschaft heißt: Erfolg und Prominenz ist schlank: Es gibt gar keine dicken Stars; die sind alle so dünn. (MT 11-13) Die Allgegenwärtigkeit dieser Erfahrung ist für die Jugendlichen eine immerfort und allerorten durchzustehende Konfrontation mit der Bewertung zu dick. Hänseleien, Beleidigungen und Fingerzeige gehören zu ihren Alltagserfahrungen. Auch unsere Jugendlichen berichten davon. C: Die lachen dann auch immer. B: Ja, und beleidigen auch sofort, ne. C: Also, nicht vor uns lachen sie, man merkt, dass sie hinter D: Hinter, hinter dem Rücken? B: Ja. A: Zum Beispiel: Haha, du Fettsack, du schaffst das nicht. (JD 14-16) Diese Erlebnisse sind für die Jugendlichen dramatisch. Aber immerhin können sie sich darüber austauschen und sie gegenüber anderen als verwerflich zurückweisen. Und sie können sich der Zustimmung zu deren Verurteilung gewiss sein. Die wissenschaftliche Literatur thematisiert dieses Fehlverhalten unter den Fachbegriffen Mobbing, Stigmatisierung und soziale Ausgrenzung. Die Jugendlichen zitieren diese Begriffe, um die von ihnen erlittenen Erfahrungen zu tadeln oder zu skandalisieren. Darin lassen sich Spuren von Aufbegehren und Sich-Wehren ausmachen. Die Allgegenwärtigkeit, zu dick zu sein, ist dagegen subtiler. Sie in Worte zu fassen ist schwer. Nicht ohne Grund wird Hilfe bei einem Bild gesucht ein Huhn auf dem Kopf (MD 11-13), um diese Erfahrung der Unterlegenheit auszudrücken. 17

18 DAZUGEHÖREN WOLLEN ZUM GANZ NORMALEN LEBEN Die Allgegenwärtigkeit der Erfahrung, als dick wahrgenommen zu werden Leistungsbereitschaft und Leistungsvermögen Gleichberechtigung und Gleichbehandlung Ohne eigene Worte die Übernahme der Expertensprache 3.2 Leistungsbereitschaft und Leistungsvermögen B: O.k., ich bin fett, man denkt, ich mache keinen Sport, aber ganz ehrlich, wenn ich nicht irgendwas arbeiten könnte, also wenn ich die ganze Zeit nur vor dem PC sitzen oder voll lange schlafe, dann habe ich ja gar nichts mehr vom Tag. (JT 11-13) Die Erfahrung, dick zu sein, durchfärbt alle Bereiche und Dimensionen des Lebens, besonders jene, die mit Tatkraft und Anstrengung assoziiert sind und in denen es gilt, sich zu beweisen. In unserer Leistungs gesellschaft, die auf der ideologischen Überhöhung basiert, dass alles, was erstrebenswert ist: eine geachtete Position, soziale Anerkennung und Teilhabe wie auch persönliches Glück, durch individuellen Einsatz erreichbar ist, wird ein dicker Körper als Dokument der Leistungsverweigerung ausgelegt. Der Körper ist in den letzten Jahrzehnten zunehmend zum Ausweis, ja Nachweis geworden, Selbstkontrolle, Tatendrang, Ehrgeiz und Disziplin zu besitzen oder eben dies alles nicht zu wollen oder zu können und entsprechend als unkontrolliert, tatenlos, teilnahmslos und nachgiebig zu gelten. Nicht nur die Körper werden klassifiziert, sondern gleichzeitig persönliche Eigenschaften wie Neigungen, Fähigkeiten, Fleiß und Antrieb. Der Körper wird somit gesellschaftlich immer weniger als physisches Schicksal oder soziale und kulturelle Fügung gesehen, sondern als Summe selbst zu verantwortender Verhaltensweisen begutachtet. Ihn in die gesellschaftlich gewünschte Form schlank, gesund und leistungsfähig zu bringen, ist zu einer verbindlichen Norm und zu einer moralischen Aufforderung geworden. Wer sie erfüllt, erntet Achtungserweise, wer nicht, erhält Missbilligungen. 17 Mit diesem gesellschaftlichen Blick auf Körper, den daran geknüpften und als legitim angesehenen Umgangsformen sind die Jugendlichen unserer Studie in besonderer Weise konfrontiert. Sie befinden sich in der Phase ihres Lebens, in der sie einen eigenen Weg zu finden haben. Ihnen wird bewusst, dass sie bald selbst für ihre soziale Position, Anerkennung und Teilhabe wie auch für ihr persönliches Glück verantwortlich gemacht werden. Erfolg im Beruf und in der Liebe sind dafür Garanten, das spüren sie, und die Älteren von ihnen teilen dies mehr oder weniger ausführlich mit. Dicksein dies erzählen uns die Jugendlichen wird mit faul sein, antriebsarm und kontaktarm gleichgesetzt. Diese Gleichsetzung repräsentiert den unlegitimen den gesellschaftlich verachteten Gegenpol zu fleißig, selbstverantwortlich und integriert sein. Sie erfahren durch Blicke, Reaktionen und Handlungsweisen, dass ihnen aufgrund ihres Körpers abgesprochen wird, Leistungsbereit- 18

19 DAZUGEHÖREN WOLLEN ZUM GANZ NORMALEN LEBEN Die Allgegenwärtigkeit der Erfahrung, als dick wahrgenommen zu werden Leistungsbereitschaft und Leistungsvermögen Gleichberechtigung und Gleichbehandlung Ohne eigene Worte die Übernahme der Expertensprache schaft und -vermögen aufbringen zu wollen und zu können. Dass man seine Stärken nicht zeigen kann, wenn man nicht fleißig ist (JT 14-16), das missfällt ihnen. Dies erleben sie im Sport, in der Schule, in der Freizeit überall. Selten wird beachtet, was sie leisten wollen und können, wie rege sie sind und wie sie sich bemühen. Sie leiden darunter, dass ihre Anstrengungen kaum honoriert werden, dass ihr Wunsch, sich zu fordern und aktiv zu sein, oftmals weder erkannt noch ernst genommen wird. Die jüngeren Jugendlichen drücken ihr Anliegen, nicht auf Grund ihres Körpers verkannt zu werden, hauptsächlich darüber aus, dass sie immer wieder hervorheben, sehr aktiv zu sein, vieles zu machen und nur selten oder kurz stillzusitzen (MD 14-16). Sie betonen immer wieder, dass sie ihre Stärken zeigen, ihren Fleiß beweisen und ihren Willen, etwas leisten zu wollen, demonstrieren möchten. B: Ja, also ich bin auch so eine, die eher so aktiv ist, ich gehe gerne ins Fitnessstudio, mache gerne Sport, ich tanze gerne, ich habe eigentlich gerne Bewegung, also den ganzen Tag faul rumschlafen könnte ich jetzt nicht. (MT 14-16) Die älteren Jugendlichen konkretisieren ihre Leistungsbereitschaft vor allem in der Schule und im Beruf. Dies sind die beiden zentralen Bereiche, über die in unserer Gesellschaft jedenfalls dem geltenden Grundverständnis nach soziale Positionen, Anerkennung und Teilhabe erlangt werden. Sie bilden die beiden Hauptsäulen des meritokratischen Leistungsprinzips. Und genau für diese beiden Bereiche fürchten die Jugendlichen, dass sie von den negativen gesellschaftlichen Zuschreibungen, die an Dicksein gekoppelt sind, betroffen sein werden. Sie sehen ihre Chancen, in Schule und Beruf ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen zu können, in Gefahr und sehen für sich voraus, dass ihnen deswegen eine geachtete Position, soziale Anerkennung und Teilhabe verwehrt sein wird. D: Ich denke mir mal, in den meisten Berufen muss man halt so bestimmt aussehen, die meisten stellen sich halt so schlanke Leute vor in ihren Betrieben. Das hat auch was mit der Hygiene zu tun oder so was. (MD 14-16) Geradezu in Umkehr zu ihren Befürchtungen präsentieren sich die Jugendlichen als strebsam und zielgerichtet. B: Ja, also meine Wünsche sind ein guter Beruf bzw. Abschluss, also dass man halt einen guten Beruf hat, dann habe ich finanzielle Sicherheit, dass man auch später, wenn man Familie hat, den Kindern was bieten kann. (JT 14-16) 19

20 DAZUGEHÖREN WOLLEN ZUM GANZ NORMALEN LEBEN Die Allgegenwärtigkeit der Erfahrung, als dick wahrgenommen zu werden Leistungsbereitschaft und Leistungsvermögen Gleichberechtigung und Gleichbehandlung Ohne eigene Worte die Übernahme der Expertensprache Oberflächlich betrachtet, mögen die Schilderungen der von ihnen angestrebten Lebensverläufe als Selbstüberschätzung wirken. Diese Beurteilung wäre jedoch verkehrt. Die Jugendlichen orientieren ihre Zukunftspläne vor allem daran, einen Lebenslauf zu entwerfen, der den gesellschaftlichen Normen entspricht und der als sinnvoll geordnet erscheint. Man soll eben nicht denken, dass sie tatenlos, teilnahmslos und nachgiebig sind oder die ganze Zeit vor dem PC sitzen möchten. Ihnen geht es darum, zu unterstreichen, dass sie einfach nur dazugehören wollen. Ähnlich unachtsam wäre es, die von den Jugendlichen aufgezählten Wünsche: Gesundheit, Erfolg in Schule und Beruf, glückliche Familie, finanzielle Sicherheit und Gleichberechtigung, als bloße Zitationen sozial erwünschter Antworten zu diskreditieren, die sie benennen, um dahinter ihre wahren Wünsche zu verbergen. Die von ihnen aufgezählten Wünsche entsprechen den gesellschaftlich kommunizierten, insbesondere medial bestätigten Auffassungen von einem glücklichen und gelungenen Leben. An der Aufzählung irritiert, dass sie keine jugendtypischen Wünsche enthält, selbst für Erwachsene klingt sie konventionell und förmlich, ohne jegliche individuelle Note. Für Jugendliche gilt dies umso mehr. Indem sich die Jugendlichen auf das gesellschaftlich gängige Bild eines vollkommenen, untadeligen, erfolgreichen Lebens berufen, präsentieren sie sich als angepasst und korrekt. Dies ist genau das Gegenteil von Leistungsunvermögen und -verweigerung, was ihnen vorgeworfen wird. Darin zeigt sich, dass sie nach Achtungserweisen streben. Hier beweist sich abermals, dass die dickeren Jugendlichen darauf achten, nicht von der gesellschaftlichen Wirklichkeit und den geltenden Legitimationen abzuweichen, sondern deutlich machen möchten, dass sie diese teilen und ein Teil von ihr sein möchten. 20

Estella Ga. Genima expero di alignat eiure coribus. Icil in expe peria cone pos et moditia turibus plit qui consecabo. Ut am estis di dendunt hiliqui invendi tassimin peratur? Arum il ium volore veror

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