I n p u t Aktuelles aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft für Schülerinnen und Schüler. Stromwirtschaft Eine Branche unter Spannung

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1 I n p u t Aktuelles aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft für Schülerinnen und Schüler Stromwirtschaft Eine Branche unter Spannung Gabriela Weiss Di Spirito JUGEND UND WIRTSCHAFT JEUNESSE ET ECONOMIE GIOVENTÙ ED ECONOMIA

2 Übersicht Kapitel 1: Mit Spannung in die Zukunft Der Wecker klingelt um halb sieben. Julia Bernstein steht auf, duscht mit warmem Wasser, trinkt ihren Kaffee, begleitet von Radiomusik, damit der Tag nicht allzu still beginnt, checkt ihre Mailbox am Com puter und googelt noch das Konzert, welches sie am Abend besuchen wird. Sie geht zum Tram, telefonierend, weil sie vergessen hat, den Arzttermin zu verschieben. Dann bezieht sie am Banco - maten noch Geld. Die Musik diesmal im Ohr, kommt Julia Bernstein in der Schule an. Innerhalb eines Jahres verbraucht Herr oder Frau Schweizer durchschnittlich 8132 kwh Strom. Kapitel 3: Die unerschöpfliche Steckdose Obwohl unsichtbar, ist Strom allgegenwärtig: Licht braucht Elektrizität, ebenso die Spülmaschine, der Tumbler, die elektrische Zahnbürste, die Stereoanlage, das Handy, der Fernseher, der Computer. In der Vergangenheit hat der Mensch parallel zum steigenden Lebensstandard mehr Elektrizität verbraucht. Wie die Entwicklung in Zukunft aussieht, ist offen. Einerseits rücken sparsame Geräte in die Verkaufsregale, andererseits benötigen zum Beispiel umweltfreundliche Elektroautos mehr Strom. Seite 9 Wirtschaft, Technologie, Ökologie Kapitel 5: Von «Ja, gern!» bis «Nein, danke!» Was die künftige Stromversorgung anbetrifft, gehen die Meinungen auseinander. Strombranche, Wirtschaft und Umwelt - organisationen diskutieren das Thema kontrovers. Dabei lauten die zentralen Fragen: Braucht die Schweiz neue Kernkraftwerke, um auch in zehn, 20 Jahren mit genügend Strom versorgt zu sein? Oder kommt sie um umweltbelastende Gaskombikraftwerke nicht herum? Oder kann erneuerbare Energieproduktion die Lücke füllen? Hier sind Parlament und Regierung gefordert, denn der Bund muss Rahmenbedingungen schaffen, welche die Schweizer Stromversorgung sicherstellen. Seite 13 Politik, Recht Seite 4 Wirtschaft, Technologie Kapitel 2: Produzieren, handeln, transportieren Auf dem Schweizer Strommarkt bewegen sich zahlreiche Akteure: rund 900 grös - sere und kleine Stromversorger, die nationale Netzgesellschaft swissgrid, Unternehmen und Privatpersonen als Konsumentinnen und Konsumenten sowie die öffentliche Hand. Darum gestaltet sich der Strommarkt wesentlich komplizierter als der samstägliche Gemüsemarkt in der Stadt. Seite 6 Wirtschaft, Technologie Kapitel 4: Monopol für Haushalte, Markt für Unternehmen Seit 2009 ist der Schweizer Strommarkt in einem ersten Schritt liberalisiert. Unternehmen, die pro Jahr mehr als kwh Strom verbrauchen, können ihren Stromversorger frei wählen. Die Haus - halte sie verbrauchen in der Regel zwischen 2000 und 6000 kwh Strom verbleiben vorerst im Monopol. Voraussichtlich ab 2014 sollen auch sie ihren Versorger selbst wählen dürfen. Seite 11 Wirtschaft, Recht Interview mit Rolf Wüstenhagen Rolf Wüstenhagen, Good Energies Professor für Management erneuerbarer Energien an der Universität St. Gallen Interview mit Kurt Rohrbach Direktionspräsident der BKW FMB Energie AG und Präsident des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) Seite 16 Stromwirtschaft Input 3/2009 Seite 3

3 Mit Spannung in die Zukunft Der Wecker klingelt um halb sieben. Julia Bernstein steht auf, duscht mit warmem Wasser, trinkt ihren Kaffee, begleitet von Radiomusik, damit der Tag nicht allzu still beginnt, checkt ihre Mailbox am Computer und googelt noch das Konzert, welches sie am Abend besuchen wird. Sie geht zum Tram, telefonierend, weil sie vergessen hat, den Arzttermin zu verschieben. Dann bezieht sie am Bancomaten noch Geld. Die Musik diesmal im Ohr, kommt Julia Bernstein in der Schule an. Innerhalb eines Jahres verbrauchen Herr oder Frau Schweizer durchschnittlich 8132 kwh Strom. Zwischen 1990 und 2008 ist der Stromverbrauch der Schweiz um 25,6 Prozent gestiegen, heute liegt er bei 58,7 TWh pro Jahr. Der Stromverbrauch über alle Kundengruppen gesehen (Haushalte, Industrie, Dienstleistungen, Verkehr und Landwirtschaft) entwickelte sich in den vergangenen Jahren parallel zur wirtschaftlichen Leistung im Land: Wächst die Wirtschaft und läuft der Wirtschaftsmotor auf Hochtouren, verbrauchen wir auch mehr Elek - tri zität. Strom ist unabdingbar für Wirtschaftswachstum das ist unumstritten. Steigt die Nachfrage Umstritten ist hingegen, wie sich der Elektrizitätsverbrauch in den nächsten 30 Jahren entwickeln wird. Die Stromwirtschaft geht von einer steigenden Nachfrage aus. Ihre Begründung lautet: Wir besitzen immer mehr Geräte, die Strom nutzen: Handy, MP3-Player, und wo früher in einem Haushalt ein Computer und ein Fernseher standen, sind es heute häufig je zwei oder drei. Zudem installieren viele Hausbesitzerinnen und -besitzer Wärmepumpen, um als Heizung Umweltwärme auf eine höhere Temperatur zu bringen. Sie sparen so Heizöl, brauchen aber zusätzlich Elektrizität. oder bleibt sie stabil? Umweltorganisationen hingegen gehen davon aus, dass der Stromverbrauch bei geeigneten Rahmenbedingungen stabil bleibt. Beispiele für solche Rahmenbedingungen: Verbote der stromfressenden Glühbirne und Auflagen für den Stand-by-Mo- Schweizerinnen und Schweizer verbrauchen in Alltag praktisch pausenlos Strom, z.b. für die Mobilität. Stromnachfrage der Verbraucherkategorien In Terrawattstunden TWh Seit 1984 ist die Elektrizitätsnachfrage in allen Kategorien angestiegen Verkehr Dienstleistungen Industrie, verarbeitendes Gewerbe Landwirtschaft, Gartenbau Haushalt Quelle: Schweizerische Elektrizitätsstatistik Stromwirtschaft Input 3/2009 Seite 4

4 Energieverbrauch nach Energieträger Elektrizität 23,9% Treibstoffe 33,4% Gas 12,1% Übrige erneuerbare Energie 1 Industrieabfälle 1,34% Rest 8,7% Erdölbrennstoffe 21,9% 1,16% Fernwärme 1,78% Kohle 0,86% Holz 3,58% 1 Erd- und Umgebungswärme, Sonnenenergie, Windenergie, Biogas, Biotreibstoffe Rund 24 Prozent des gesamten Energiebedarfs der Schweiz werden mit Elektrizität gedeckt. Quelle: VSE 2008 Stromproduktion nach Kraftwerktypen Konv.-therm. Kraftwerke + Diverse 4,8% Kernkraftwerke 40,0% Laufkraftwerke 25,1% Speicherkraftwerke 30,1% In der Schweiz kommt der Strom hauptsächlich von Kernkraftwerken und aus der Wasserkraft. Quelle: VSE 2008 dus bei Geräten, Einsatz energieeffizienter Motoren in der Industrie. Umstritten ist auch, woher die Elektrizität künftig kommen soll. In der Schweiz liefern jetzt Wasserund Kernkraft zusammen 95 Prozent des Stroms (siehe Grafik), der Rest stammt aus Kehrichtverbrennungsanlagen, Sonnen- und Windkraft sowie aus konventionell-thermischen Kraftwerken. Konventionell-thermische Kraftwerke erzeugen Strom aus fossilen Brennstoffen wie Gas oder Öl. Um das Jahr 2020 müssen die ersten unserer vier Kernkraftwerke (für fünf Reaktoren) abgestellt werden. Zudem laufen ab 2017 die Stromlieferverträge mit Frankreich aus, welche heute auch zur Stromversorgung der Schweiz beitragen. Die Stromwirtschaft, die Politik und die Schweizer Bevölkerung stellen sich deshalb die Frage, woher in einigen Jahren die fehlenden Kilowattstunden kommen sollen. Klimaerwärmung beeinflusst Schweizer Energiepolitik Der offenen Fragen nicht genug, beschäftigt die Welt heute zudem die Klimaerwärmung. Die Schweiz hat sich wie fast alle Industrienationen verpflichtet, bis ins Jahr 2012 ihren CO 2 -Ausstoss auf einen Wert zu senken, der um acht Prozent tiefer liegt als jener von CO 2 und weitere Treibhausgase sind verantwortlich dafür, dass es auf der Erde immer wärmer wird und die Gletscher schmelzen. Wegen der Klimaerwärmung sind zurzeit in der Schweiz neue Grosskraftwerke, die Strom auf Basis von Öl, Kohle oder Gas produzieren, schwer realisierbar. Denn unsere Stromproduktion ist heute so CO 2 -arm wie in kaum einem Land in Europa. Zudem sind besonders Öl und Gas endliche Ressourcen, deren Preise künftig generell steigen werden. BEGRIFFE Kernkraftwerk/Kernenergie: Ein Kernkraftwerk gewinnt Wärme, indem Uranatome gespalten werden. Kernkraftwerke erzeugen Bandenergie, d.h., sie liefern rund um die Uhr die gleiche Leistung und decken so den Grundbedarf an Strom. Wie die Wasserkraft ist auch die Kernenergie eine CO 2 -arme Energie, auch wenn es beim Uranabbau und der Aufbereitung im Ausland zu CO 2 -Emis- sionen kommt. Die Brennstäbe werden nach ihrem vier- bis sechsjährigen Einsatz im Reaktor zu radioaktivem Abfall, welcher in ein Tiefenlager gebracht werden muss. Der Bundesrat hat die Machbarkeit eines geologischen Tiefenlagers für diesen Abfall bejaht. Wo genau in der Schweiz dieses Tiefenlager entstehen soll, ist Gegenstand eines längeren politischen Entscheidungsprozesses. Klimaerwärmung: Mit «Klimaerwärmung» oder «Klimawandel» umschreibt man die Tatsache, dass sich in den hundert Jahren von 1906 bis 2005 die Erdoberfläche um 0,74 Grad erwärmt hat. Der Grund liegt in den Treibhaus - gasen, die hauptsächlich durch menschliche Aktivitäten freigesetzt werden (Zu den Folgen der Erderwärmung vgl. Kapitel 5). REPETITIONSFRAGEN 1. Mit welchen Kraftwerktypen werden heute in der Schweiz 95% des Stroms produziert? 2. Begründen Sie, welche Kraftwerk - typen wegen der drohenden Klima - erwärmung in der Schweiz in Zukunft kaum gebaut werden. 3. Erklären Sie den Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Stromverbrauch. 4. Nennen Sie drei wichtige zukünf tige Herausforderungen für die Schweizer Stromwirtschaft. Stromwirtschaft Input 3/2009 Seite 5

5 Produzieren, handeln, transportieren Auf dem Schweizer Strommarkt bewegen sich zahlreiche Akteure: rund 900 grössere und kleine Stromversorger, die nationale Netzgesellschaft swissgrid, Unternehmen und Privatpersonen als Konsumentinnen und Konsumenten sowie die öffentliche Hand. Darum gestaltet sich der Strommarkt wesentlich komplizierter als der samstägliche Gemüsemarkt in der Stadt. Ein grosser Teil der schweizerischen Stromunternehmen sind direkt oder indirekt im Besitz der öffentlichen Hand. Einige Unternehmen wie die Berner BKW, die EG Laufenburg, Rätia Energie oder Alpiq sind zwar an der Börse kotiert, der Löwenanteil der Aktien befindet sich allerdings in öffentlicher Hand. Die Stromversorgung wird wie der Schienenverkehr als strategisch so wichtig betrachtet, dass Kantone und Gemeinden die Kontrolle behalten und die Entwicklung der Gesellschaften nicht der Privatwirtschaft oder womöglich ausländischen Gesellschaften überlassen möchten. Ein paar grosse und 900 kleine Stromversorger In der Schweiz produzieren die grössten Stromunternehmen (Alpiq-Gruppe mit Atel und EOS, Axpo-Gruppe mit NOK, EGL und CKW, BKW, EWZ, Rätia Energie) über 80 Prozent der einheimischen Elektrizität. Neben Stauseen wie auf der Grimsel im Berner Oberland und der Grande Dixence im Wallis oder dem Rheinkraftwerk in Neuhausen im Kanton Schaffhausen besitzen diese Stromunternehmen auch die Kernkraft - werke Leibstadt (AG), Gösgen (SO), Beznau (AG) und Mühleberg (BE) oder Anteile daran. Mehr und mehr engagieren sie sich auch im Bereich der erneuerbaren Energien. Die BKW zum Beispiel baute auf dem Dach des Stade de Suisse in Bern eine Solaranlage, die 400 Haushalte mit Strom versorgen kann. Über die Tochterfirma Juvent betreibt die BKW zudem in der Region Mont Crosin/Mont Soleil acht Windkraftanlagen. Axpo setzt unter anderem auf Biomasse-Anlagen, die Axpo-Tochter An Stauseen sind in vielen Fällen mehrere Stromunternehmen beteiligt, so auch am Wasserkraftwerk Mauvoisin im Kanton Wallis. Das Kernkraftwerk Leibstadt im Kanton Aargau produziert seit 1984 rund einen Sechstel des Schweizer Stroms. Stromwirtschaft Input 3/2009 Seite 6

6 Stromaustausch mit dem Ausland Einfuhr-/Ausfuhrsaldo in Milliarden kwh Jahr Winter D 1,2 4,1 übrige Länder 0,3 0,2 Kompogas produziert aus Küchenabfällen Strom und Wärme. Neben den erwähnten grossen Stromunternehmen gibt es rund 900 weitere Stromversorger: Kantonswerke, Stadtwerke und Gemeindewerke. Ihr Hauptgeschäft ist der Transport von Strom auf regionalen und lokalen Netzen und der Vertrieb an die Konsumenten. Sie besitzen zum Teil selbst kleinere und grössere Produktionsanlagen. Den darüber hinaus für die Versorgung ihrer Kunden nötigen Strom kaufen sie bei den grossen Produzenten ein. Die Schweiz kann sich heute nur im Jahresmittel mehr oder weniger selbst mit Strom versorgen. Während der Schneeschmelze im Frühsommer laufen die Schweizer Wasserkraftwerke auf Hochtouren. Die inländische Stromnachfrage ist aber weniger hoch als im Winter, weil sich das Leben im Sommer vermehrt draussen abspielt und es länger hell ist. Der überschüssige Strom wird exportiert. Im Winter dagegen, wenn wir mehr Elektrizität brauchen, sind wir insgesamt auf Stromimporte angewiesen, auch wenn zu Spitzenzeiten Strom aus Speicherkraftwerken exportiert werden kann. F 22,1 12,1 Im Winter 2007/08 importierte die Schweiz mehr Strom, als sie ausführte, übers Jahr gesehen hingegen überstieg der Export den Import. Quelle: VSE 2008 Die Stromleitung als Lebensnerv Damit der Strom vom Kraftwerk bis zur Steckdose gelangt, braucht es ein Netz. Dieses hat verschiedene Spannungsebenen: die Höchstspannungsleitungen, welche 6000 Kilometer lang sind, sowie die Mittel- und die Niederspannungsleitungen. Letztere sind zu 80 Prozent unter der Erde verlegt. Der Strom aus den grossen Kraftwerken wird ins Höchstspannungsnetz eingespeist, wo er mit geringen Transportverlusten über grössere Strecken transportiert werden kann. In Trafostationen wird er dann schrittweise auf die für Haushalt, Dienstleistung und Gewerbe übliche Spannung von 230 beziehungsweise 400 Volt gebracht. Das Höchstspannungsnetz befindet sich im Eigentum der grössten Blackout 24,3 Am 28. September 2003 fiel in Italien der Strom aus, 57 Millionen Menschen waren betroffen. Ein Baum, der in der Innerschweiz auf eine Hochspannungsleitung fiel, löste eine Kettenreaktion aus. Da Italien einen Teil der Elektrizität aus dem nördlichen Ausland bezieht und die Schweizer Leitung deshalb entscheidend war, konnte das Land den Strom kurzfristig nicht von anderswo beziehen, um die nötige Spannung hochzuhalten. Dass die Ursache des Blackouts in der Schweiz lag, bedeutet nicht, dass die Schweiz dafür verantwortlich ist. Der Vorfall zeigt aber, wie verwundbar das gesamte Stromversorgungssystem ist. 13,9 I Ausfuhrsaldo: 2,1 Mrd. kwh Stromunternehmen. Das Stromversorgungsgesetz, das die Marktliberalisierung regelt, sieht aber vor, dass das Netz in den nächsten Jahren an die nationale Netzgesellschaft swissgrid übergeht. Schon heute ist swissgrid aber für den sicheren Betrieb des Höchstspannungsnetzes zuständig. Heute sind die Aktionäre der swissgrid jene Stromunternehmen, denen das Netz gehört. Solange dies so ist, behalten sie eine gewisse Kontrolle darüber. Die Mittel- und Niederspannungsleitungen gehören ebenfalls den Stromversorgern und bleiben auch nach der Marktöffnung in deren Besitz. Die Schweiz im europäischen Stromnetz Die Stromnetze in Europa, so auch jenes in der Schweiz, wurden vor rund 100 Jahren erstellt. Man hat sie untereinander verbunden, zum Beispiel das schweizerische mit dem deutschen, italienischen, französischen und österreichischen. Bei Stromproduktionsausfällen hilft das Nachbarland aus. Dies ist nötig, damit die Spannung im Netz aufrechter- 1,6 1,5 A Stromwirtschaft Input 3/2009 Seite 7

7 Die rund 420 Laufwasserkraftwerke in der Schweiz dazu gehört jenes in Bremgarten im Kanton Aargau produzieren knapp 50% des Schweizer Stroms aus Wasserkraft. halten werden kann, denn das Produkt Strom lässt sich nicht in grossen Mengen speichern. Produktion, Übertragung und Konsum müssen deshalb gleichzeitig erfolgen. Zu Beginn des Stromzeitalters kam grundsätzlich jedes Land selbst für seinen Stromverbrauch auf, mit der Zeit hat sich dies geändert. Italien, ein Land, das bewusst auf Kernkraftwerke verzichtet, produziert seit Jahren zu wenig Strom, um die Inlandnachfrage selbst decken zu können. Also importiert das Land Elektrizität aus dem Norden, die über die Schweiz oder über Frankreich ins Land fliesst. Auch Schweizer Stromunternehmen handeln an den europäischen Strombörsen. So verkaufen sie zum Beispiel tagsüber, wenn die Nachfrage in Europa hoch ist, Strom aus Speicherkraftwerken zu einem hohen Preis ins Ausland. Nachts, bei BEGRIFFE Erneuerbare Energien: Zu den erneuerbaren Energien gehören Wasserkraft, Wind- und Solarenergie sowie Wärme aus dem Erdinnern (Geothermie) und Biomasse. Wasser, Sonne und Wind gehen nicht aus, d. h. es lässt sich daraus Strom produzieren ohne Verlust an Ressourcen. Andere Kraftwerke, z. B. Gas- und Kohle - kraftwerke, verbrauchen einen Rohstoff, um Elektrizität zu produ - zieren. Stromimport: Wenn in der Schweiz zu einem Zeitpunkt zu wenig Strom produziert wird, beziehen wir ihn aus dem Ausland. Dann wird er zum Beispiel in einem Kraftwerk in Deutschland oder Frankreich produziert und über die Höchstspannungsleitungen in die Schweiz gebracht. Da die Leitungskapazitäten an der Grenze Schweiz- Deutschland begrenzt sind, müssen die Stromkonzerne die nötige Kapazität bei der Netzgesellschaft swissgrid ersteigern, was den Strom verteuert. Strombörse: An diesen Börsen kaufen die Unternehmen Strom ein, wenn sie davon (über laufende Verträge oder aus eigener Produk - tion) zu wenig haben. Wer mehr Strom produziert, als die eigene Kundschaft braucht, kann den Überschuss an der Strombörse verkaufen. niedriger Nachfrage, können einige von ihnen, die sogenannten Pumpspeicherkraftwerke, ihren Stausee mit günstigem Strom aus dem Inund Ausland wieder füllen. Durch den Austausch von Strom über die Börse gleichen die Länder Europas ihre Kraftwerkskapazitäten aus und fangen Stromknappheit und -überproduktion auf. Die Preisdifferenz ist ein Teil des Gewinns des Stromunter - nehmens. Generell ausgedrückt, versuchen die Unternehmen über die Strombörse Geld zu verdienen oder an den benötigten Strom zu kommen, um ihre Kundschaft zu be - dienen. Der Handel mit Strom hat über die Jahre massiv zugenommen. Dies führt zu Engpässen bei den Netzkapazitäten, die sich kaum verändert haben. Neue Leitungen zu bauen, erweist sich allerdings als schwierig: Wer hat schon gerne eine Strom - leitung vor oder über dem Haus? In der Schweiz sind Bauprojekte von Stromkonzernen seit 30 Jahren hängig, weil Einsprachen die Projekte blockieren. REPETITIONSFRAGEN 1. Welche Funktion erfüllen Höchst - spannungsnetze auf dem Weg des Stroms vom Kraftwerk zur Steckdose? 2. Weshalb ist es wichtig, dass das Stromnetz der Schweiz mit Strom - netzen von anderen Ländern ver - bunden ist? 3. Wie verdienen die Stromunternehmen über die Strombörse Geld? Stromwirtschaft Input 3/2009 Seite 8

8 Die unerschöpfliche Steckdose Obwohl unsichtbar, ist Strom allgegenwärtig: Licht braucht Elektrizität, ebenso die Spülmaschine, der Tumbler, die elektrische Zahnbürste, die Stereoanlage, das Handy, der Fernseher, der Computer. In der Vergangenheit hat der Mensch parallel zum steigenden Lebensstandard mehr Elektrizität verbraucht. Wie die Entwicklung in Zukunft aussieht, ist offen. Einerseits rücken sparsame Geräte in die Verkaufsregale, andererseits benötigen zum Beispiel umweltfreundliche Elektroautos mehr Strom. Die Elektrizität wird in der Schweiz in den nächsten Jahren knapp (s. Kapitel 5). Deshalb überlegen sich viele Menschen und auch Politik und Wirtschaft, wie Energie effizient und sparsam genutzt werden kann. Diskutiert wird, ob künftig alle elektrischen Geräte nach ihrem Stromverbrauch klassifiziert werden. Stromfressende Glühbirnen sind seit Anfang 2009 verboten, längerfristig sollen Glühbirnen ganz verschwinden. Bereits heute gibt es ein Label, das Geräte auszeichnet, die im Stand-by-Modus wenig Strom verbrauchen. Zudem müssen Hersteller von Haushaltselektrogeräten seit längerem den Stromverbrauch auf einer Energieetikette angeben (s. Bild Seite 10). Mit energieeffizienten Geräten lässt sich nebst Strom auch Geld sparen. Viele Freizeitaktivitäten benötigen Strom. Elektrizität wird in den kommenden Jahren knapp, wenn nicht gespart wird und neue Produktionsanlagen gebaut werden. Pro-Kopf-Stromverbrauch in kwh pro Jahr Bis ins Jahr 2000 stieg der Pro-Kopf-Konsum stark an, seither stagniert er mehr oder weniger. Quelle: VSE 2008 Durchschnittlicher Stromverbrauch von Haushaltgeräten in kwh pro Jahr Elektroherd mit Backofen Kühlschrank Tiefkühler Geschirrspüler Beleuchtung Tumbler Waschmaschine TV, Radio, Video Mobiler Elektro-Ofen Luftbefeuchter Total andere Geräte Energieeffiziente Geräte sollen den Stromverbrauch eines Haushalts reduzieren. Heute frisst die Beleuchtung, allen voran die Glühbirne, am meisten Strom. Quelle: VSE 2008 Stromwirtschaft Input 3/2009 Seite 9

9 Strom sparen, Geld sparen Mit energieeffizienten Geräten (Sparlampe, Kühlschränke, Unterhaltungselektronik) kann viel Elektrizität gespart werden und Geld. Oftmals ist es günstiger, sofort eine neue Sparlampe (12 W) zu montieren anstatt zu warten, bis die Glühbirne (60 W) kaputt ist. Wenn eine Glühbirne durch eine Sparlampe im Wert von 8 Fr. ersetzt wird, rentiert sich das bei einer Brenndauer von 1000 Stunden und einem Strompreis von 20 Rp/kWh schon innerhalb des ersten Jahres: 1000 Stunden x (60 W 12 W) = 48 kwh Stromeinsparung 48 kwh x 0,2 Fr. = 9.60 Fr. Stromkosteneinsparung 9.60 Fr. Stromkosteneinsparung 8 Fr. Kosten Sparlampe = 1.60 Fr. Jahreskosteneinsparung. Links: (interaktive Beratungsmaschine für Strom im Haushalt) Die Energieetikette hilft den Konsumierenden, sich im Dschungel der verschiedenen Elektrogeräte zurechtzufinden. A++ steht für ein besonders sparsames Gerät. Ökostrom kaufen, herkömm lichen Strom beziehen Das Stromangebot bietet Wahlmöglichkeiten. Die meisten Energieversorger haben neben dem herkömmlichen Strom ein Produkt im Angebot, welches das national anerkannte Label «Naturmade» trägt. Dabei handelt es sich um Elektrizität, die umweltfreundlich produziert und ins lokale Stromnetz eingespiesen wurde. Wer beim Stromversorger Ökostrom einkauft, bezieht bei sich zu Hause aber nicht zwangsläufig Elektrizität aus erneuerbaren Energien. Vielmehr können die Konsumenten sicher sein, dass der Versorger die bezahlte Menge Ökostrom produziert oder einkauft. Strom aus Biomasse, Solar- oder Windenergie ist heute bis zu fünf Mal teurer als Elektrizität aus Kern- oder Wasserkraft. Der Strompreis setzt sich zusammen aus den Netzkosten und den Kosten für die Energie. Die Netzkosten machen rund 60 Prozent des Preises aus, die verbleibenden Kosten fallen auf die Elektrizität sowie auf Abgaben und Gebühren. Für die Privatkundschaft entspricht der Preis für die Energie den Kosten, die bei der Produktion des Stroms anfallen. Trotz Marktöffnung können Haushalts kunden bis mindestens 2014 ihren Stromversorger nicht wechseln im Gegensatz zu Unternehmen, die mehr als kwh Strom pro Jahr verbrauchen (siehe Kapitel 4). BEGRIFFE Ökostrom: Ökostrom ist Elektrizität, die aus erneuerbaren Energiequellen produziert wird. (Wasserkraft, Sonnen- und Windkraft sowie Biomasse) (Siehe auch erneuerbare Energien, Kapitel 2). Strompreis: Der Preis für Elektrizität setzt sich zusammen aus dem Preis, den die Stromversorger für die Benützung des Netzes verlangen (bei Haushalten in der Grössenordnung von 60 Prozent), und dem Preis, der für die eigentliche Energie bezahlt werden muss (rund 40 Prozent). Hinzu kommen Gebühren und Abgaben für die Gemeinde oder den Bund, zum Beispiel zur Förderung der erneuerbaren Energien. Energieetikette: Seit einigen Jahren müssen Haushaltelektronikgeräte wie Kühlschrank oder Fernseher, aber auch Lampen diese Etikette tragen. Sie beinhaltet Informationen über den Energieverbrauch und klassifiziert die Geräte von A++ (geringer Verbrauch) bis G (hoher Verbrauch). REPETITIONSFRAGEN 1. Welche drei Haushaltgeräte verbrauchen durchschnittlich übers Jahr am meisten Strom? 2. Aus welchen Teilen setzen sich die Stromkosten zusammen? 3. Sie besitzen einen älteren Kühlschrank, der pro Jahr 300 kwh verbraucht. Wie viel Geld können Sie beim Stromverbrauch jährlich sparen, wenn Sie einen neuen Kühlschrank anschaffen (180 kwh)? Stromwirtschaft Input 3/2009 Seite 10

10 Monopol für Haushalte, Markt für Unternehmen Seit 2009 ist der Schweizer Strommarkt in einem ersten Schritt liberalisiert. Unternehmen, die pro Jahr mehr als kwh Strom verbrauchen, können ihren Stromversorger frei wählen. Die Haushalte sie verbrauchen in der Regel zwischen 2000 und 6000 kwh Strom verbleiben vorerst im Monopol. Voraussichtlich ab 2014 sollen auch sie ihren Versorger selbst wählen dürfen. In Europa ist der Strommarkt libera - lisiert. Da die Schweiz mit ihrem Stromnetz im Herzen Europas liegt, ist es aus politischer und wirtschaft - licher Sicht wichtig, dass sie sich den europäischen Gegebenheiten annähert. Zu Zeiten des Monopolmarkts wurde der Stromtarif in der Schweiz von den Versorgern frei festgesetzt, abgesegnet von den Eigentümern, der öffentlichen Hand. Da die Stromunternehmen der öffentlichen Hand auch Steuern zahlen, hatte diese ein Interesse daran, dass die Versorger Gewinne machten. Die Konsumenten konnten nicht auf andere Angebote ausweichen, wenn sie den Eindruck hatten, die Preise seien überhöht. Sie konnten sich jedoch an den Preisüberwacher wenden. Von einem liberalisierten Strommarkt er- Die Schweiz liegt mit ihrem Stromnetz mitten in Europa, wo der Elektrizitätsmarkt bereits seit längerem liberalisiert ist. Erneuerbare Energien fördern Das im März 2007 revidierte Energiegesetz sieht vor, dass die Stromproduktion aus den erneuerbaren Energiequellen gefördert wird. Die Kosten für diese Art der Stromproduktion sind heute noch deutlich höher als die Produktionskosten der Grosswasser- oder Kernkraft. Damit Strom aus Biomasse, Wind-, Sonnen- oder Kleinwasserkraft zu konkurrenzfähigen Preisen in das Netz gespeist werden kann, wird die Differenz zwischen Produktionskosten und Marktpreis dem Produzenten vergütet. Für die Rückzahlung stehen pro Jahr rund 320 Millionen Franken zur Verfügung. Finanziert wird diese durch einen Zuschlag von maximal 0,6 Rappen auf jede konsumierte Kilowattstunde Strom. Stromverbrauch nach Kundengruppen Verkehr 8,3% Dienstleistungen 26,5% Industrie und verarbeitendes Gewerbe 33,1% Haushalte 30,4% Landwirtschaft 1,7% Nach der Industrie verbrauchen in der Schweiz die Haushalte am meisten Strom. Quelle: Elektrizitätsstatistik 2008 Stromwirtschaft Input 3/2009 Seite 11

11 Der lange Weg zum liberalisierten Strommarkt 1980er Jahre: Grossbritannien, einige Staaten Skandinaviens und Lateinamerikas, die USA und Australien öffnen ihre Elektrizitätsmärkte. Das Ziel: Konkurrenz fördern, damit die Preise sinken. 1996/97: Die Europäische Union führt im Elektrizitätssektor schrittweise den Wettbewerb ein : Die Schweiz arbeitet das Elektrizitätsmarktgesetz (EMG) aus. Es sieht unter anderem die Marktliberalisierung innerhalb von sechs Jahren und die Schaffung einer nationalen privaten Netzgesellschaft vor. Linke und Grüne ergreifen das Referendum gegen die Vorlage. 22. September 2002: Das EMG wird an der Urne mit 52,6 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt. 21. Juni 2003: Das Bundesgericht entscheidet in einem Streit zwischen der Wettbewerbskommission und den Freiburger Elektrizitätswerken, dass die Öffnung des Strommarktes grundsätzlich über das Kartellgesetz erfolgen kann. 29. Januar 2004: Eine vom Bundesrat eingesetzte Expertengruppe schlägt eine Liberalisierung in zwei Etappen vor. Der Bundesrat übernimmt das Zweistufenmodell für das neue Stromversorgungsgesetz (StromVG). 30. April 2004: Die grossen Stromunternehmen gründen im Hinblick auf die Markt - liberalisierung die nationale Netzgesellschaft swissgrid, die ab 2006 das Übertragungsnetz betreibt. 23. März 2007: Das eidgenössische Parlament verabschiedet das StromVG. Anfang 2008: Die eidgenössische Elektrizitätskommission (ElCom) nimmt die Arbeit auf. Sie überwacht die Elektrizitätstarife, was bisher der Preis überwacher getan hat. 1. Januar 2009: Die Grossverbraucher können ihren Stromlieferanten aus wählen. Voraussichtlich 2014: Alle Endkunden können ihren Stromlieferanten auswählen. Quelle: sda hofft man sich sinkende Preise, denn die Versorger müssen sich unter - einander messen und um Kunden kämpfen. Kontroverse um die Strompreise Nachdem die Strompreise im letzten Jahrzehnt auf ein tiefes Niveau ge - fallen sind, kommt es jetzt, zum Zeitpunkt der Marktliberalisierung, zu einem Preisschub, dessen Ursachen umstritten sind. Die Stromwirtschaft verweist auf das neue Stromversorgungsgesetz und das revidierte Energiegesetz, die einen Systemwechsel bedeuten. Gestiegene Kosten für den Betrieb des Höchstspannungsnetzes und neue Gebühren wirkten ebenfalls preistreibend. Zudem weist die Elektrizitätsbranche darauf hin, dass der Strom unabhängig von der Marktöffnung künftig knapp und deshalb teurer wird. Vertreter des Konsumentenschutzes und der Wirtschaft meinen, dass zahlreiche Stromversorger die Marktliberalisierung und den damit verbundenen Systemwechsel benutzten, um die Preise generell anzuheben. Es liegt bei der Elektrizitätskommission (ElCom), zu prüfen, ob die Preisaufschläge gerechtfertigt sind. Auch in den um - liegenden EU-Ländern sind mit der Strommarktliberalisierung die Preise gestiegen. Die steigenden Preise bergen eine Gefahr für die Strommarktöffnung in der Schweiz: Gegen den zweiten Libe ralisierungsschritt von 2014 kann das Referendum ergriffen werden. Danach käme es zur Abstimmung, ob der Strommarkt ganz geöffnet werden soll. Wird es tatsächlich ergriffen und vom Volk auch angenommen, existieren im Schweizer Strommarkt weiterhin zwei unterschiedliche Systeme: für die privaten Haushalte ein Monopol, für die Grossverbraucher die Möglichkeit in den freien Markt zu wechseln. BEGRIFFE Liberalisierung: Liberalisieren bedeutet im Allgemeinen «von Einschrän - kungen freimachen». Unter wirtschaftlicher Liberalisierung versteht man den Abbau von staatlichen Vorschriften. Das kann die Öffnung von Märkten gegenüber anderen Ländern, den Abbau von Marktschranken wie z.b. Zöllen, Priva - tisierung von staatlichen Firmen, Abbau von staatlichen Monopolen usw. umfassen. Die Idee hinter der wirtschaftlichen Liberalisierung ist, dass der Markt immer die beste Lösung hervorbringt und der Staat nur gleich gut oder schlechter sein kann. Monopol: Im Monopol gibt es keine Konkurrenz, sondern nur einen einzigen Anbieter. Unzufriedene Konsumenten können also nicht zu einem anderen Unternehmen wechseln, das bessere oder günstigere Waren oder Dienstleis - tungen anbietet. Der Monopolist hat keinen Anreiz, sich besonders anzustrengen, weil er den Kundenstamm auf sicher hat. Beim Stromnetz ist das Monopol nicht zu umgehen, weil es nicht sinnvoll ist, wenn mehrere Stromnetze gebaut würden. Nur der Markt für die gelieferte Energie kann liberalisiert werden. REPETITIONSFRAGEN 1. Beschreiben Sie die Situation auf dem Strommarkt während den Zeiten des Monopol markts. 2. Welche Änderungen bringt der erste Liberali sierungsschritt 2009 für Unternehmen und für die Haushalte? 3. Welche Gründe werden für eine Strompreiserhöhung im Zusammenhang mit der Liberalisierung angeführt (nennen Sie zwei Gründe) und mit welchen Argumenten wird gegen die Erhöhung argumentiert (ein Argument)? 4. Wie wird die Produktion von erneuerbaren Energien in der Schweiz ge fördert? Stromwirtschaft Input 3/2009 Seite 12

12 Von «Ja, gern!» bis «Nein, danke!» Was die künftige Stromversorgung anbetrifft, gehen die Meinungen auseinander. Strombranche und Umweltorganisationen diskutieren das Thema kontrovers. Dabei lauten die zentralen Fragen: Braucht die Schweiz neue Kernkraftwerke, um auch in 10, 20 Jahren mit genügend Strom versorgt zu sein? Oder kommt sie um umwelt belas tende Gaskombikraftwerke nicht herum? Oder kann erneuerbare Energieproduktion die Lücke füllen? Hier sind Parlament und Regierung gefordert, denn der Bund muss Rahmenbedingungen schaffen, welche die Schweizer Stromversorgung sicherstellen. «Ja, die Schweiz braucht neue Kernkraftwerke.» Das sagt die Stromwirtschaft. Ihre Prognosen zeigen, dass die Schweiz auf eine «Stromlücke», wie sie es nennt, zusteuert. Im Verlauf der nächsten 20 bis 30 Jahre laufen langfristige Stromlieferverträge mit Frankreich aus, diese ersetzen heute etwa zwei Grosskraftwerke in der Schweiz. Um das Jahr 2020 werden die zwei ältesten Kernkraftwerke, Beznau und Mühleberg abgestellt. Das heisst, dass der Schweiz diese Stromproduktionsanlagen fehlen werden. Die Lücke wird nicht allein mit zusätzlichem Strom aus erneuerbaren Energiequellen, sondern nur mit dem Bau neuer Grosskraftwerke gefüllt werden. Deshalb plant die Strombranche heute den Bau von neuen Kernkraftwerken. Frühestens 60 Prozent der Schweizer Stromnachfrage werden heute mit erneuerbaren Energien gedeckt. Physikalische Einheiten aus der Welt des Stroms Watt: Die Leistung wird in Watt (W), Kilowatt (kw, = 1000 Watt) oder Megawatt (MW, = 1 Million Watt) angegeben. Je mehr Watt ein Elektrogerät aufweist, desto mehr Strom verbraucht es. Ein Handy weist eine durchschnittliche Leistung von 1,5 Watt auf. Fünf bis 25 W entsprechen der Leistung einer typischen Energiesparlampe, 40 bis 100 W der Leistung einer typischen Glühlampe, 200 bis 500 W der Leistung einer Halogenstablampe. Das Kernkraftwerk Leibstadt hat eine Leistung von 1165 MW. 1 Watt 1 W entspricht der Leistung einiger Leuchtdioden (LED) 1 Kilowatt (kw) 1000 W entspricht der Leistung der ersten Sekunden eines Sprints 1 Megawatt (MW) W entspricht der Leistung einer grossen Windkraftanlage 1 Gigawatt (GW) W entspricht der Leistung von 10 km 2 Solarzellen 1 Terawatt (TW) W entspricht der Leistung von 1000 Kernkraftwerken wie Gösgen Kilowattstunde: Die Kilowattstunde (kwh) ist die gebräuchliche Einheit für den Stromverbrauch (Energiemenge). Wenn zum Beispiel eine Solaranlage mit der Leistung von 1 kw während einer Stunde elektrische Energie produziert, entspricht dies 1 kwh. Weitere Beispiele: Mit einer Kilowattstunde Strom 1. brennt eine Sparlampe von 10 W Leistung während 100 Stunden. 2. brennt eine Glühbirne von 50 W Leistung während 20 Stunden. 3. kann man mit einer Kaffeemaschine 60 Kaffee zubereiten. 4. tätigt man 10 bis 20 Google-Suchabfragen. 5. fährt man mit einem Elektrovelo während vier Stunden. Stromwirtschaft Input 3/2009 Seite 13

13 Kosten und CO 2 -Ausstoss einiger Stromproduktionsarten Potenzial neuer Energien 20 Preis (Rappen) pro kwh CO 2-Ausstoss (Gramm) pro kwh Wasserkraftwerk Gaskombikraftwerk Kohlekraftwerk Stromproduktion CH (TWh pro Jahr) Kernkraftwerk Windkraftwerk Sonnenenergie Strom aus Wasserkraft ist am günstigsten und stösst am wenigsten CO 2 aus. Quelle: PSI / verschiedene 0 Kleinwasserkraft Geothermie Biogas feste Biomasse Wind Photovoltaik Theoretisches Potenzial neuer Energien in der Schweiz nach 2050, ohne Berücksichtigung der Kosten und der Raumplanung Quelle: VSE 2008 Der Bundesrat setzt auf vier Säulen Auch der Bundesrat hat eine Haltung: Seine Energiepolitik basiert auf den vier Säulen Energieeffizienz, erneuerbare Energien, Grosskraftwerke und Energieaussenpolitik. Der Bund betrachtet die erste Säule, den sparsamen Umgang mit Energie, als wichtigsten Pfeiler, um die künf - tige Energieversorgung sicherzustellen. Er bezieht sich nicht nur auf den Stromverbrauch, sondern auch auf den Gas, Erdöl- und Benzinverbrauch. Für den Stromverbrauch beim Jahr 2012 soll das Volk darüber abstimmen. Als Übergangslösung und als Alternative zum Import aus dem Ausland schlägt die Stromwirtschaft Gaskombikraftwerke vor, welche allerdings den CO 2 -Ausstoss in der Schweiz erhöhen. «Nein, die Schweiz braucht kein neues Kernkraftwerk.» Das sagen Umweltverbände wie die Schweizerische Energiestiftung (SES). Statt von einer «Stromlücke» sprechen sie von einer «Denklücke», die zu einer «Handlungslücke» führe. Mit geeig- neten Rahmenbedingungen, welche für Menschen und Unternehmen Anreize schaffen, auf energieeffiziente Geräte zu setzen, sowie mit gross - zügiger finanzieller Förderung von erneuerbaren Energien könne die Schweiz auf den Bau neuer Kernkraftwerke verzichten. Die SES weist auch darauf hin, dass das Endlager für die atomaren Abfälle noch nicht bestimmt ist. Das spreche ebenfalls gegen neue Kernkraftwerke. Die Umweltorganisationen sprechen sich auch gegen Gaskombikraftwerke aus, weil sie die Umwelt belasten. Aussenministerin Micheline Calmy-Rey besucht im März 2008 Irans Präsident Mahmud Ahmadinejad, unter anderem um einen Gas - liefervertrag auszuhandeln. Stromwirtschaft Input 3/2009 Seite 14

14 2000-Watt-Gesellschaft und 1-Tonne-CO 2 -Gesellschaft Beide Konzepte sind Beispiele für eine energieeffiziente Gesellschaft. Die Idee der «2000-Watt-Gesellschaft» wurde 1998 als energiepolitisches Konzept von Forschenden der ETH Zürich entwickelt Watt Leistung entsprechen einem Stromverbrauch von kwh oder dem Verbrauch von 1700 Litern Benzin pro Jahr. Heute beträgt die in der Schweiz beanspruchte Pro-Kopf-Leistung rund 5000 bis 6000 Watt. Ziel ist es, künftig ohne Komforteinbusse mit einem Drittel der heute benötigten Energieleistung auszukommen. Von den bis ins Jahr 2050 angestrebten 2000 Watt sollen dann nur noch 500 Watt Leistung auf fossile Brennstoffe wie Heizöl, Benzin oder Gas entfallen. Dann würde jede Person nur noch eine Tonne CO 2 ausstossen, heute sind es neun Tonnen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen auch bestehende Gebäude viel besser isoliert und mit umweltschonender Heizung ausgerüstet werden. Auch muss der Energieverbrauch von Geräten wie Kühlschränken, Computern, Backöfen sowie von Fahrzeugen gesenkt werden. Dazu ist die Entwicklung neuer, effizienter Technologien nötig. Um das Ziel von 2000 Watt pro Person und Jahr zu erreichen, braucht es vom Volk getragene, harte politische Rahmenbedingungen. Konventionelle Kraftwerkskapazitäten in Europa Installierte Leistung (Gigawatt) Energieträger Kernenergie Wasserkraft Diverse Gas Kohle 100 Gigawatt 200 Gigawatt Kapazitätslücke Zusatzbedarf Ersatzbedarf In ganz Europa werden die Kraftwerkskapazitäten knapp, es besteht ein enormer Bedarf an Neubauten. Die Schweiz wird den Strom nicht mehr kostengünstig in Nachbarländern einkaufen können, wie es mit den bestehenden Energie - lieferverträgen noch möglich ist. Quelle: VSE deutet dies: Mit energieeffizienten Elektrogeräten kann zwar Strom gespart werden. Aber steigt ein Automobilist auf ein Elektrofahrzeug um, verringert dies zwar den Benzinverbrauch, erhöht aber den Stromkonsum. Bei der Stromproduktion sollen die erneuerbaren Energien, die zweite Säule also, ausgebaut werden. Trotzdem bleibt aus Sicht des Bundesrats ab 2020 eine Rest-Lücke in der Stromversorgung bestehen. Diese könne nur durch Kernkraftwerke oder Gaskombikraftwerke gefüllt wer den. Die vierte Säule beinhaltet die Energieaussenpolitik. Die internationale Zusammenarbeit soll besonders mit der EU verstärkt werden. Suche nach neuen Klimazielen Sicher ist: Im Rahmen der internationalen Klimaziele verhandelt die Weltgemeinschaft zurzeit, um wie viel nach 2012 die Treibhausgasemissionen gesenkt werden sollen. Treibhausgase sind für die Erderwärmung verantwortlich. Diese lässt unter anderem Gletscher schmelzen und den Meeresspiegel ansteigen, was zu Überschwemmungen führt. Bislang existiert für die Periode nach 2012 noch kein völkerrechtlich verbindliches Reglement, das die Klimaziele definiert. Die Mitgliedstaaten der EU haben sich allerdings darauf geeinigt, die Treibhausgasemissionen bis ins Jahr 2020 auf 20 Prozent unter den Stand von 1990 zu senken. Die Schweiz dürfte sich an diesen Zielen orientieren. Die Klimaziele beeinflussen auch die Stromversorgung in der Schweiz. Sind sie hoch angesetzt, wird der Bau von Gaskombikraftwerken in der Schweiz erschwert. BEGRIFFE Klimaziele: Um die Erderwärmung zu stoppen, verhandelt die Welt - gemeinschaft über verbind liche Ziele für die Reduktion der schädlichen Treibhausgasemissionen. Energieeffizienz: Ein gewünschter Nutzen wird mit möglichst wenig Energie erreicht. Ein Beispiel: Eine energieeffiziente Lampe gibt Licht mit dem Einsatz von möglichst wenig Strom. Stromlücke: Brauchen wir in einem bestimmten Moment mehr Strom, als wir produzieren und importieren können, so kommt es zu einem Stromengpass. Wenn kurzfristig keine zusätzliche Elektrizität bereitgestellt werden kann, müssen die Stromversorger einzelne Regionen vom Netz nehmen, um die nötige Spannung auf dem Netz zu halten. REPETITIONSFRAGEN 1. Erklären Sie, was unter dem Begriff «Stromlücke» verstanden wird. 2. Nennen Sie drei Lösungswege, um die Stromlücke zu schliessen. 3. Welche Argumente sprechen für den Bau von neuen Kernkraftwerken, welche Argumente dagegen? 4. Wenn die internationalen Klimaziele erreicht werden, müssen Massnahmen umgesetzt werden: Formulieren Sie in einem kurzen Leserbrief, welche der beschrie - benen Lösungswege Sie am meisten überzeugt. Begründen Sie Ihre Position. Stromwirtschaft Input 3/2009 Seite 15

15 Interview mit Rolf Wüstenhagen Rolf Wüstenhagen, Good Energies Professor für Management erneuerbarer Energien an der Universität St. Gallen Prognosen der Elektrizitätswirtschaft zeigen einen steigenden Strom - verbrauch. Warum steigt er? Wüstenhagen: Bisher ist der Stromverbrauch stetig gewachsen. Allerdings kennen viele Konsumierende ihre Kosten nicht. Insofern könnte ein starker Anstieg der Strompreise zu nachfrageseitigen Reaktionen führen, wie wir das 2008 im Ölmarkt beobachteten. Eine grosse Unbekannte für den künftigen Stromverbrauch ist der Verkehr: Würden wir bei unveränderter Energieeffizienz auf Elektroautos umsatteln, bräuchten wir erheblich mehr Strom als heute. Woher kommt unser Strom in 15 Jahren? Wüstenhagen: Wasserkraft wird mit etwa 55% einen zirka gleich hohen Anteil an der gesamten Strommenge ausmachen wie heute. Er könnte höher sein, wenn sich Umweltorganisationen und Stromwirtschaft annähern. Viele der heutigen Kernkraftwerke werden dann wohl noch laufen. Windenergie und Biomasse werden spürbare Anteile beitragen. Durch den höheren Anteil erneuerbarer Energien im europäischen Netz steigt die Bedeutung der Schweizer Wasserkraftwerke für die Speicherung und Bereitstellung von Regelenergie, die Stromverbrauchsspitzen abdeckt. Spannend wird sein, welchen Platz die Sonnenenergie einnimmt, auf Schweizer Dächern liegt noch grosses Potenzial brach. Kann die Schweiz ohne neue Kernkraftwerke auskommen? Wüstenhagen: Ja, langfristig bleibt uns gar nichts anderes übrig, denn Kernkraftwerke produzieren Strom aus Uran, und dabei handelt es sich genau wie bei fossilen Energieträgern um eine endliche Ressource. Bei konstantem Verbrauch und Preis reichen die bekannten Uran-Vorräte noch etwa 40 bis 60 Jahre. Ab wann man auf Kernkraft verzichten kann, hängt von der Energieeffizienz und von den erneuerbaren Energien ab. Könnten Gaskombikraftwerke eine Alternative sein? Wüstenhagen: Erdgas ist wie Uran eine begrenzte Ressource, die ebenfalls aus dem Ausland importiert werden muss. Zudem stossen Gaskombikraftwerke CO 2 aus. Vorteile von Gaskombikraftwerken sind der im Vergleich zu Kernkraftwerken deutlich höhere Wirkungsgrad, die kürzeren Planungszyklen und die Tatsache, dass sie in kleineren Einheiten gebaut werden können. Viele Energieversorger auch aus der Schweiz investieren daher im benachbarten Ausland in neue Gaskombikraftwerke. Warum importieren wir den fehlenden Strom nicht einfach? Wüstenhagen: Es ist auch im Ausland nicht einfach, neue Kraftwerke und Stromleitungen zu bauen. Den rasch wachsenden Anteil des Windenergie-Stroms brauchen die EU-Länder für eigene Ziele im Bereich erneuerbarer Energie. Einheimische Stromproduktion hat auch unerwünschte Nebenwirkungen, bei der Kernkraft das Risiko und die Frage, wo radioaktive Abfälle gelagert werden sollen. Aus technischer Sicht trägt es zur Netzstabilität bei, wenn der Strom im eigenen Land produziert wird. Welches Potenzial haben erneuer - bare Energien wie Biomasse, Sonnen- und Windenergie? Wüstenhagen: In den nächsten Jahrzehnten muss sich das heutige Verhältnis von 85 Prozent nicht-erneuerbaren zu 15 Prozent erneuerbaren Energien umkehren. Wie schnell dies gelingt, hängt stark von der Politik ab. Der technologische Fortschritt und die politische Förderung haben weltweit bereits zu markanten Kostensenkungen bei der Windenergie geführt. Ähnliches ist um etwa zehn Jahre zeitverschoben auch beim Solarstrom zu beobachten. Dafür sind aber verlässliche Rahmenbedingungen erforderlich. Wie wird sich der Strompreis entwickeln? Wüstenhagen: Es gibt kaum Beispiele für sinkende Strompreise in Europa. Das liegt zum einen an den langfristig steigenden Preisen für Ressourcen (z.b. Gas, CO 2 -Emissionen). Auch die Marktstruktur wird Einfluss haben. So dauerte es in Deutschland Jahre, bis eine wirksame Regulierungsbehörde für den Strommarkt aufgebaut war. Die Schweiz ist auch in dieser Hinsicht keine Insel: Die Stromunternehmen orientieren sich in einem liberalisierten Markt am Preis, der an den europäischen Strombörsen gehandelt wird. Rolf Wüstenhagen ist Direktor des Instituts für Wirtschaft und Ökologie (IWÖ-HSG). Nach einer Praxis-Tätigkeit im Bereich der Finanzierung nachhaltiger Energietechnologien habilitierte er 2007 an der Universität St. Gallen und hat seit 2009 dort den Good Energies Lehrstuhl für Management erneuerbarer Energien inne. Das Institut für Wirtschaft und Ökologie (IWÖ- HSG) ist darauf ausgerichtet, die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft, Natur und Gesellschaft im Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung zu erforschen. Stromwirtschaft Input 3/2009 Seite 16

16 Interview mit Kurt Rohrbach Direktionspräsident der BKW FMB Energie AG und Präsident des Verbands Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) Prognosen der Elektrizitätswirtschaft zeigen einen steigenden Strom - verbrauch. Warum steigt er? Rohrbach: Das übergeordnete Ziel ist, den gesamten Energieverbrauch zu senken, um die vorhandenen Ressourcen zu schonen. Der Schweizer Stromverbrauch steigt nicht nur wegen des Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstums, sondern auch, weil immer mehr Anwendungen hinzukommen wie Computer, Flachbildschirme oder Klimageräte. Dazu gehören auch Anwendungen, die den Gesamtenergieverbrauch senken, jedoch den Konsum von Strom erhöhen, wie Steuerungen in der Industrie oder Wärmepumpen, die Ölheizungen ersetzen. Eine bessere Klimabilanz bedeutet in der Regel, dass der Stromverbrauch steigt. Woher kommt unser Strom in 15 Jahren? Rohrbach: Aus ähnlichen Energiequellen wie heute. Kernenergie und Wasserkraft werden in 15 Jahren immer noch die wichtigsten Stromproduktionsmittel in der Schweiz sein. Bis die heutigen Kernkraftwerke ersetzt sind, sehe ich als Möglichkeit auch Gaskombikraftwerke. Die Produktion aus neuen erneuerbaren Energien wie Wind, Sonne und Biomasse wird steigen, jedoch noch nicht genug, um Grosskraftwerke zu ersetzen. Langfristig hat auch die Geothermie, das heisst Wärme aus dem Erdinneren, grosses Potenzial. Bis zur kommerziellen Nutzung dauert es jedoch noch länger als 15 Jahre. Kann die Schweiz ohne neue Kernkraftwerke auskommen? Rohrbach: Wir wollen in der Schweiz die bestehenden Kernkraftwerke ersetzen. Die heutigen Alternativen zur Kernkraft, die grosse Mengen an Strom produzieren kann, sind nicht attraktiv. Kernenergie hat den Vorteil, dass sie CO 2 -frei ist und relativ günstig Strom produziert. Könnten Gaskombikraftwerke eine Alternative sein? Rohrbach: Die gegenwärtige CO 2 - Gesetzgebung macht die geplanten Gaskombikraftwerke in der Schweiz wirtschaftlich nicht tragbar. Den Einsatz von Gaskombikraftwerken zur Stromversorgung der Schweiz betrachtet die BKW aber aufgrund der langen Bewilligungsfristen für neue Kernkraftwerke als unverzichtbare Übergangslösung, um die Versorgungssicherheit aufrechtzuerhalten. Zurzeit müssen Investitionsentscheide hinausgeschoben werden, weil die politischen Rahmenbedingungen den wirtschaftlichen Betrieb von Gaskombikraftwerken nicht erlauben. Warum importieren wir den fehlenden Strom nicht einfach? Rohrbach: Eigene Stromproduktion bedeutet auch Unabhängigkeit. Je weiter Strom transportiert wird, desto ineffizienter ist es, weil beim Transport Verluste entstehen. Die Netzkapazität, die uns für den Import zur Verfügung steht, ist begrenzt. Dazu kommt, dass andere europäische Länder in Zukunft ähnliche Probleme haben werden wie die Schweiz, auch sie haben zu wenig Strom. So wird der Import immer teurer und schwieriger. Welches Potenzial haben erneuer - bare Energien wie Biomasse, Sonnen- und Windenergie? Rohrbach: Man vergisst gerne, dass die Schweiz bei der Nutzung des Rohstoffes, der ihr zu Verfügung steht, nämlich bei der Wasserkraft, schon sehr weit fortgeschritten ist. Die grossen Anlagen sind wohl alle gebaut, Kleinwasserkraft hat aber noch Potenzial. Das Potenzial von Technologien ist je nach Land unterschiedlich: Deutschland hat grosses Wind-, der Süden Europas grosses Sonnenpotenzial. Die Schweiz ist damit nicht vergleichbar. Die BKW investiert stark in neue erneuerbare Energien, und sie will die Produktion aus diesen Energieträgern massiv steigern. Wo die richtige Tiefe für Geothermie ist, welche Grösse ideale Windturbinen haben sollen und wie viele Grünabfälle für Biomasse in der Schweiz zur Verfügung steht all dies sind Fragen, an denen intensiv gearbeitet wird. Wie wird sich der Strompreis entwickeln? Rohrbach: Grundsätzlich gilt: Wenn ein Gut knapper wird, steigt sein Preis. Heute wird viel Strom aus Gas und Kohle produziert, der Strompreis hängt stark von der Preisentwicklung dieser Rohstoffe ab. Es ist schwierig, eine Prognose zu machen, aber tendenziell wird der Preis steigen. Kurt Rohrbach ist diplomierter Elektroingenieur ETH. Er arbeitet seit 1980 für die BKW. Bis Ende 2000 leitete er den Geschäftsbereich Energie der BKW, seit 1. Januar 2001 ist er Direktionspräsident. Kurt Rohrbach präsidiert seit 2008 den Branchendachverband VSE mit seinen über 400 Mitgliedern. Die BKW FMB Energie AG gehört mit 24 Terawattstunden Energieumsatz zu den grossen Energieunternehmen der Schweiz und beschäftigt rund 2800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Bern versorgt rund 400 Gemeinden und eine Million Personen mit Strom. Stromwirtschaft Input 3/2009 Seite 17

17 Links/Quellen Lehrmittel und Informationen Weitere Lehrmittel wie Experimentierkoffer, Anlässe und Infos über Strom finden Sie unter: Impressum Autorin: Gabriela Weiss Di Spirito, Bern Projektleitung: Bernhard Probst, Zürich Lektorat und Korrektorat: Monika Wyss, Dürnten Beratung: André Räss, Dorothea Tiefenauer, Kurt Wiederkehr, VSE Umbruch: Büro eigenart, Stefan Schaer, Bern, Druck: Kalt-Zehnder-Druck AG, Zug, Herausgeber: JUGEND UND WIRTSCHAFT JEUNESSE ET ECONOMIE GIOVENTÙ ED ECONOMIA In Zusammenarbeit mit: Bildnachweis: Keystone: Umschlag, Seiten 3, 4, 9, 11, 13, 14; VSE: Seiten 6 oben, 8; swissnuclear Seite 6 unten. Es war nicht in allen Fällen möglich, die Rechteinhabenden der Texte und Bilder zu eruieren. Berechtigte Ansprüche werden im Rahmen üblicher Vereinbarungen abgegolten. Bilder: Alle Rechte vorbehalten 2009 Jugend und Wirtschaft, Thalwil/Schweiz Stromwirtschaft Input 3/2009 Seite 18

18 Medienset Input Das Medienset für einen vielseitigen Unterricht auf der Sekundarstufe II Die Mediensets umfassen in der Regel eine Broschüre für Schülerinnen und Schüler und dazu gratis auf dem Internet einen Kommentar für Lehrpersonen sowie eine E-Lesson. Mediensets greifen aktuelle Themen aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik auf. Preise (exkl. Versandkosten): Einzelexemplar: Fr. 6. Set à 10 Exemplare: Fr. 20. Abonnement (4 Ausgaben Input + 1 Input Spezial): Fr. 30. Bestelladresse siehe Rückseite des Hefts E-Lesson Input Input-Hefte sind aktuelle Broschüren für Schülerinnen und Schüler zu Themen aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik. Jedes Input-Heft enthält: Grundlagen zum jeweiligen Thema Zwei Interviews mit Persönlich - keiten Aufgaben zu jedem Kapitel Literatur- und Linkliste Kommentar für Lehrpersonen Kommentar für Lehrpersonen, Folienund Kopier vorlagen sind gratis im Internet abrufbar: In Ergänzung zu den Broschüren Input stehen auf themenbezogene e-learning-programme zur Verfügung. Die E-Lesson umfasst: drei bis fünf interaktive Module, die Schülerinnen und Schüler bei der Erarbeitung des Themas unterstützen. einen Schlusstest, der als Prüfungsvorbereitung eingesetzt werden kann und das mit dem Themenheft erworbene Wissen sichert. Der Kommentar für Lehrpersonen zu Input umfasst: Lösungen zu den Aufgaben Folienvorlagen Zeitungsartikel

19 Input Stromwirtschaft eine Branche unter Spannung Der Stromverbrauch in der Schweiz steigt. Die Versorgung mit Strom muss weit im Voraus geplant und umgesetzt werden, damit keine Stromlücken entstehen. Wie aber soll in Zukunft Strom produziert, transportiert und gehandelt werden? Die vorliegende Broschüre gibt einen Überblick über die Schweizer Strom - wirtschaft und greift Themen auf, die die aktuelle Diskussion um die Strom - versorgung bestimmen. JUGEND UND WIRTSCHAFT JEUNESSE ET ECONOMIE GIOVENTÙ ED ECONOMIA Zentralsekretariat: Alte Landstrasse Thalwil Tel Fax Postadresse: Postfach 8942 Oberrieden In Zusammenarbeit mit: Heft: D/F Publikationen Input Publikationen 2009 Input 1/2009 Kernenergie (D/F/I) Input 2/2009 Mobil kommunizieren (D mit E-Lesson) Input 3/2009 Stromwirtschaft (D/F) Input 4/2009 LandWirtschaft (D) Input Publikationen 2008 Input 1/2008: Asien Aufbruch ins 21. Jahrhundert (D/E) Input 2/2008: Finanzplatz Schweiz (D mit E-Input) Input 3/2008: Mobilität (D) Input Neuauflagen 2006 Input 7/2006: Globalisierung (D/F mit E-Lesson) Input 8/2006: Mobil telefonieren (D/F mit E-Lesson) Input Spezial Input Spezial 2007: Demographischer Wandel: eine Herausforderung an die Zukunft Input Spezial 2006: Working Poor Verband Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) Hintere Bahnhofstrasse 10 Postfach 5001 Aarau Tel.: Fax: Internet: E-Lesson, E-Input sowie weitere Input-Titel finden Sie unter Tagungen und Kurse Informationen und Anmeldungen unter Input im Abo Abonnement Ausgaben Input + 1 Ausgabe Input Spezial: Fr. 30. /Jahr (Preise exkl. Versandkosten) Input Einzelexemplar: Fr. 6. Input Set à 10 Exemplare: Fr. 20.

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