Öko-Strom. für Fortgeschrittene. Hintergrund-Informationen zur Versorgung mit grünem Strom

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1 Öko-Strom für Fortgeschrittene Hintergrund-Informationen zur Versorgung mit grünem Strom

2 Wie funktioniert eigentlich Ökostrom- Versorgung? Hier gibt es die Antworten!

3 Inhalt 4 Einleitung 5 Stromwechsel ist einfach eine Postkarte genügt 5 Wie kommt der Ökostrom zum Kunden? 6 Grundsätze der Ökostromversorgung 7 Die Stromkennzeichnung auf der Rechnung 8 Welche Ökostrom-Varianten gibt es? 8 Händlermodell (zeitgleiche Versorgung) 10 Aufschlagmodell 11 RECS-Zertifikatemodell 12 Welche Qualitätssiegel für Ökostrom gibt es? 12 Ok-Power-Label 13 Grüner-Strom-Label 13 TÜV 13 Stromversorgung in Deutschland 14 Kraftwerksleistung 15 Ökostrom und Erneuerbare-Energie-Gesetz 16 Ökostrom aus dem Ausland? 17 Wie setzt sich der Strompreis zusammen? 17 Wann wird Ökostrom billiger als Normalstrom? 18 Was können Sie tun?

4 Einleitung Mit der Liberalisierung des deutschen Strommarktes 1998 haben die Verbraucher in Deutschland die Möglichkeit bekommen, ihren Stromanbieter frei zu wählen. Bis 1998 gab es für Kunden keine Alternative zum örtlichen Monopolanbieter. Erst durch die EU-weite Strommarktliberalisierung wurden die Monopole der Stadtwerke und der großen Stromkonzerne (RWE, E.on, Vattenfall, EnBW) formal abgeschafft. Heute kann jeder Stromkunde sich für umweltfreundlich produzierten Strom entscheiden. Jeder Haushalt, der auf sauberen Strom umsteigt, trägt dazu bei, klimazerstörenden Kohlestrom und gefährlichen Atomstrom vom Markt zu verdrängen. Doch wie funktioniert das? Kommt der Ökostrom tatsächlich von der Windkraftanlage in die Steckdose des Kunden? Oder bekommen wir doch alle den gleichen Strom? Was ist mengengleiche, was zeitgleiche Versorgung? Was sind RECS-Zertifikate? Was ist von den verschiedenen Ökostrom-Labeln zu halten? Was bringt es für die Umwelt, wenn man Ökostrom kauft? Vor der Entscheidung über einen Stromanbieter-Wechsel stehen viele Fragen. Die Greenpeace-Gruppe Braunschweig will mit dieser Broschüre häufig gestellte Fragen beantworten und die wichtigsten Grundkonzepte von Ökostromversorgung erklären. 4 V.i.S.d.P.: Susanne Ochse, Umweltzentrum, Ferdinandstraße 7, Braunschweig Grafik: Gesine Hildebrandt Stand: 01/2010

5 Wechseln ist einfach eine Postkarte genügt Das schwierigste am Stromwechsel ist die Entscheidung, zu welchem neuen Anbieter man wechseln möchte. Dafür empfehlen wir, die Anbieter auf die Kriterien hin zu prüfen, die unter»grundsätze zur Ökostromversorgung«(siehe S. 6) angegebenen sind. Der Wechsel selbst ist für den neuen Kunden einfach. Er erteilt dem Anbieter seiner Wahl einen Lieferauftrag, z. B. auf einer vorgedruckten Postkarte, per , Fax oder Telefon. Außerdem benötigt der neue Versorger eine Kopie der letzten Stromrechnung mit Zählernummer, Höhe des jährlichen Stromverbrauchs und Kundennummer. Ausgestattet mit diesen Informationen kümmert er sich dann um die Kündigung beim alten Versorger und den reibungslosen Ablauf des Wechsels. Die Stromlieferung wird zu keinem Zeitpunkt unterbrochen. Wie kommt der Ökostrom zum Kunden? Man kann sich den deutschen (oder den europäischen) Strommarkt wie einen See vorstellen, der von vielen Flüssen gespeist wird. Je mehr saubere Energie hineinfließt, desto mehr Atom und Kohlestrom muss weichen. Je mehr Kunden Ökostrom beziehen, desto größer die Nachfrage und desto mehr Wasser, Wind, Biomasse und Solarkraftwerke werden benötigt. Wenn kaum noch Kunden bereit sind, Atom oder Kohlestrom zu kaufen, müssen diese Kraftwerke vom Netz genommen werden. Durch die Nachfrageverschiebung ändert sich der Strommix oder, um im Bild zu bleiben, das Wasser des Sees wird insgesamt sauberer. Das Bild vom Stromsee»passt«natürlich nicht für alle Aspekte der Stromversorgung. Während man einen realen See aufstauen und das Wasser Verbraucher 5

6 speichern kann, muss in den Stromsee, also unser Netz, in jeder Sekunde die gleiche Strommenge eingespeist werden, die auch verbraucht wird. Die physikalische Stromversorgung der Ökostrom-Kunden erfolgt genau wie für alle anderen Kunden mit dem Mix aus dem Stromsee. Für sie werden keine eigenen Leitungen direkt vom Ökokraftwerk gebaut. Der Strom in unserem Versorgungsnetz hat physikalisch auch immer die gleiche Qualität: eine Spannung von 230 Volt und eine Frequenz von 50 Hertz (siehe Kapitel»Stromversorgung in Deutschland«ab Seite 13). Unterschiede gibt es dabei allerdings in der Art und Weise der Stromproduktion. So unterscheiden sich die verschiedenen Stromprodukte durch den Geldfluss zwischen dem Kunden, dem Händler und dem Kraftwerksbetreiber, näheres dazu im Kapitel»Ökostromvarianten«ab Seite 8. Der wirtschaftliche Erfolg eines Kraftwerkes definiert sich darüber, ob der dort produzierte Strom sich auch verkaufen lässt. Jede erzeugte Kilowattstunde muss verkauft werden, sonst erhält das Kraftwerk dafür keinen Erlös. Die Möglichkeit eines Stromwechsels ergänzt in Deutschland ein weiteres, sehr erfolgreiches Instrument zum Ausbau der erneuerbaren Energien hat der Bundestag ein Stromeinspeisegesetz beschlossen, das den Betreibern von regenerativen Energie-Anlagen (REG-Anlagen) erstmals das Recht garantierte, ihren Strom mit Vorrang ins Netz einzuspeisen und dafür einen festen Preis zu bekommen. Das Gesetz wurde seitdem mehrfach aktualisiert und verbessert. Heute heißt es Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). (Mehr Informationen im Kapitel»Ökostrom und Erneuerbare-Energien-Gesetz«Seite 15). Grundsätze der Ökostromversorgung Aus Sicht von Greenpeace sind Ökostromprodukte nur dann glaubwürdig und sinnvoll, wenn dadurch Folgendes bewirkt wird: Das Geld des Kunden darf nicht in Atom oder Kohlekraftwerke fließen, sondern nur in Kraftwerke auf Basis erneuerbarer Energien und gasbefeuerter Kraft-Wärme-Kopplung. Das heißt auch, dass Kunden nicht zu Ökostromangeboten von Unternehmen wechseln sollten, die in ihrem Kerngeschäft weiter auf Kohle und Atomstrom setzen. Mit der Erhöhung der Nachfrage nach Ökostrom muss eine Erweiterung des Angebots von sauberen Energien, sprich der Neubau von Anlagen, gefördert werden. Die Ökostromlieferung muss nach dem Händlermodell (s. S. 8) erfolgen, sodass eine zeitgleiche Versorgung garantiert ist. Das Bild vom Stromsee macht deutlich, wie wichtig es für die Qualität eines Ökostromangebots ist, dass der grüne Stromanbieter sich verpflichtet, mit dem Geld der Kunden tatsächlich neue Anlagen zu bauen und so den Strommix positiv zu verändern. Gerade Wasserkraftanlagen in Deutschland und im benachbarten Ausland (z. B. Österreich, Schweiz, Skandinavien) sind zum Teil Jahrzehnte alt. Wird ausschließlich billig hergestellter Strom aus solchen Alt- 6

7 Anlagen als»grünes«stromprodukt mit einem kräftigen Aufschlag vermarktet, ist damit kein Umweltnutzen verbunden. Der Aufpreis kommt nicht der Umwelt zugute, sondern fließt direkt in die Taschen der Stromkonzerne. Ein Beispiel für ein solches Stromprodukt aus alten Wasserkraftanlagen ohne Umweltnutzen ist»aquapower«des Stromriesen E.on. Die Stromkennzeichnung auf der Rechnung Die gesetzlich vorgeschriebene Stromkennzeichnung, die man heute auf jeder Stromrechnung findet, liefert (leider noch) keine verlässliche Informationsquelle über die Herkunft des Stroms. Sie gibt lediglich eine sehr grobe Information über den Mix und die Einkaufspolitik des Versorgers. Hauptziel bei der Einführung der Kennzeichnung war, dass nicht nur sauberer, sondern auch»schmutziger«strom aus Atomkraft oder Kohle auf der Rechnung klar deklariert werden muss. Die Stromkennzeichnung sollte kein Qualitätssiegel für Ökostromprodukte sein. Ob Wasserkraftstrom beispielsweise aus Alt oder Neuanlagen stammt, kann man dieser Kennzeichnung nicht entnehmen. Als Informationsbasis für die gesetzliche Stromkennzeichnung dient nicht der Weg von Elektronen durchs Netz. Gekennzeichnet werden Finanzströme, die die Lieferbeziehung zwischen Kraftwerken, Zwischenhändlern und Endkunden abbilden. Bei welchen Kraftwerken wurde Strom mit dem Geld der Verbraucher eingekauft? Das soll transparent gemacht werden. Bietet ein Stromanbieter mehrere Produkte mit unterschiedlichem Strommix an, muss er für jedes Produkt einzeln sowie für das Unternehmen insgesamt den Mix angeben. Zum Vergleich muss außerdem der Strommix für Deutschland dargestellt werden. Beispiel E.on Bayern Energieträger E.on Aquapower E.on Bayern Restmix E.on Bayern Gesamt Atomkraft 0% 48% 47% 29% Kohle, Gas, sonstige 0% 36% 36% 59% Erneuerbare Energien 100% 16% 17% 12% Strommix Deutschland CO2-Emissionen [g / kwh] radioaktiver Abfall [g / kwh] 0 0,0013 0,0013 0,0008 Quelle: Strom/Stromkennzeichnung/index.htm, Nov Die rechtlichen Regelungen für die Stromkennzeichnung sind noch viel zu vage und müssen nachgebessert werden. So bleibt es zum Beispiel zurzeit noch jedem EU-Land selbst überlassen, ob es die Kennzeichnung überhaupt auf Korrektheit prüft. Zudem bleiben für die Stromversorger viele Möglichkeiten, ihren Strommix schön zu rechnen, beispielsweise. mit Hilfe so genannter RECS-Zertifikate (s. Kapitel»RECS-Zertifikatemodell«Seite 11). 7

8 Welche Ökostrom-Varianten gibt es? Im Laufe der Jahre haben sich zwei verschiedene Ansätze für Ökostromprodukte entwickelt: die zeitgleiche Durchleitung von sauberem Strom (oft auch Händlermodell genannt) und Konzepte mit Verrechnung von Strommengen. Die Verrechnungskonzepte haben Unterarten hervorgebracht, z. B. das Aufschlagmodell und das Zertifikatemodell. Alle drei Konzepte werden im Folgenden kurz vorgestellt und vor dem Hintergrund der Grundsätze für Ökostromversorgung bewertet. Der Begriff»Versorgung«bedeutet in diesem Zusammenhang, dass der Stromverbrauch des Kunden ausgeglichen wird, indem zeitgleich Strom in das Stromnetz eingespeist wird, an das der Kunde angeschlossen ist. Händlermodell (zeitgleiche Versorgung) In diesem Konzept wird der Strom zeitgleich und in einer dem prognostizierten Verbrauch durch den Kunden entsprechenden Menge aus den Lieferantenkraftwerken in das Netz eingespeist. Zeitgleich heißt in diesem Fall, dass ein in der Strombranche übliches Viertelstundenintervall eingehalten wird. Für jede Viertelstunde wird der Stromverbrauch aller Kunden zusammengefasst, so ergibt sich ein so genannter Fahrplan. Dieser Fahrplan muss vom Stromversorger exakt eingekauft werden. Für die Qualität von Ökostrom ist beim Stromeinkauf entscheidend, dass ausschließlich Lieferverträge mit Kraftwerken auf Basis erneuerbarer Energien oder mit gasbefeuerten Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen bestehen. Nur dann gehen alle Finanzströme aus einer Lieferung direkt an den Betreiber der sauberen Erzeugungsanlage. Geldfluss Stromfluss Stromanbieter Lieferung zeitgleich zum Verbrauch Verbraucher Fazit: Das Konzept der zeitgleichen Einspeisung gewährleistet dem Kunden, dass mit seinem Geld ausschließlich bei den vom Anbieter definierten Lieferantenkraftwerken Strom gekauft wird. 8

9 Jahresmengenmodell Beim Jahresmengenmodell wird in der Regel kein Ökostrom zeitgleich an den Kunden geliefert. Vielmehr erhält der Kunde zum Zeitpunkt seines Verbrauchs häufig nur»graustrom«. Das ist Strom, der auf dem freien Markt ohne Qualitätskriterien eingekauft wurde und keiner Erzeugungsart zugeordnet werden kann. Der Anbieter zahlt für diesen Graustrom daher auch weniger als für Ökostrom. Er verspricht gleichzeitig seinen Kunden, dass er über das Jahr gesehen die Strommenge aus sauberen Anlagen einspeist, die die Kunden in etwa verbrauchen (mengengleiche Versorgung). Wann er dies tut, bleibt ihm überlassen. Das Modell hat den ganz entscheidenden Nachteil, dass der Kunde zur tatsächlichen, zeitgleichen Versorgung gemäß Fahrplan weiter mit Strom aus Atom und Kohlekraftwerken beliefert wird. Dies ist physikalisch kein Unterschied zu einer Kilowattstunde aus erneuerbaren Energieanlagen, jedoch stellt sich der Geldfluss für diesen Strom gänzlich anders dar, denn der Ökostromanbieter zahlt an Lieferanten von»graustrom«und damit auch mit hoher Wahrscheinlichkeit an Atom und Kohlekraftwerke. Dieses Modell wurde häufig von Stadtwerken angeboten und oft nicht transparent erläutert. Viele Ökostromkunden mit diesen Tarifen glauben, sie würden tatsächlich aus erneuerbaren Energiequellen versorgt, jedoch wird nur deren Jahresverbrauch mit der Jahreseinspeisung aufgerechnet. Geldfluss Stromfluss Verbraucher Stromanbieter Strom-Börse Lieferung zeitgleich zum Verbrauch Lieferung mengengleich zum Verbrauch Fazit: Das Konzept der Jahresmengen stellt keine Ökostrombelieferung im eigentlichen Sinne dar, da das Geld der Kunden an Atom und Kohlekraftwerke überwiesen wird. Hinzu kommt, dass dieses Konzept leicht missbraucht werden kann. Nämlich dann, wenn die»verrechneten«mengen sauberen Stroms bereits nach Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) vergütet und damit gefördert werden. Denn dann dürften diese Strommengen laut EEG gar nicht mehr vermarktet werden (sog. Doppelvermarktungsverbot). 9

10 Aufschlagmodell Dieses Konzept ähnelt dem Jahresmengenmodell. Der Kunde erhält vom Stromanbieter eine zeitgleiche Stromlieferung mit»graustrom«. Er zahlt auf jede Kilowattstunde dieser Lieferung einen Aufschlag von wenigen Cent, die laut Anbieter für Investitionen in erneuerbare Energien genutzt werden. Meistens werden diese Aufschläge aber auch als Zuschuss für Anlagen genutzt, die schon eine Vergütung nach EEG erhalten. Ob dies volks und betriebswirtschaftlich sinnvoll ist, mag dahin gestellt sein und muss je nach Technologie und Finanzierungsstruktur differenziert werden. Aber auch hier fließt das Geld des Kunden zum Teil in Graustrom. Nur der zusätzliche Förderaufschlag unterstützt die erneuerbaren Energien, jedoch meist als zusätzliche Vergütung. Zum Teil werden»jahresmengenmodell«und»aufschlagmodell«kombiniert und in einem verwirrenden Marketing-Mix dem Kunden angeboten. Es gibt aber auch Aufschlagmodelle, bei denen der Anbieter Ökostrom (meist aus Wasserkraft) als physikalische Lieferung einkauft und darauf noch einen Aufschlag erhebt, den er dann EEG-fähigen Anlagen zukommen lässt. Dieses Konzept ist ebenfalls bei vielen Stadtwerkstarifen beliebt. Geldfluss Stromfluss Zuschuss zusätzlich zu EEG Vegütung Stromanbieter Verbraucher Lieferung zeitgleich zum Verbrauch Fazit: Das Aufschlagmodell verfolgt zwar ein richtiges Ziel, nämlich die zusätzliche Förderung von Anlagen der erneuerbaren Energien. Aber dafür braucht man keinen Ökostromhandel»vorzutäuschen«, sondern könnte das Geld gleich als Spende einwerben. Bezieht der Anbieter seinen Strom nicht über eine physikalische Lieferung aus erneuerbaren Energien (z. B. Wasserkraftwerken) landet das Stromgeld der Kunden zum Teil (und in der Regel, ohne dass dies dem Kunden klar ist) in Atom und Kohlekraftwerken. 10

11 RECS-Zertifikatemodell Beim Zertifikate-Modell kauft der Stromanbieter»Graustrom«ein und erwirbt zusätzlich ein so genanntes Zertifikat (z. B.»RECS«-Zertifikat Renewable Energy Certificate System). Dieses Zertifikat verbrieft quasi den Umweltnutzen einer Anlage auf Basis erneuerbarer Energien und fungiert als Herkunftsnachweis für den Strom. Es ist jedoch möglich, RECS-Zertifikate losgelöst von einer physischen Stromlieferung zu verkaufen; also die Eigenschaft»sauber«getrennt vom Produkt zu vermarkten. Unter Einsatz von RECS-Zertifikaten ist es möglich, ein»ökostrom«- Produkt zusammenzustellen, bei dem der Strom beispielsweise in einem Atomkraftwerk einkauft wurde und durch Zertifikate aus einem Wasserkraftwerk zu grünem Strom umgefärbt wurde. So geschehen in Kassel, wo die Stadtwerke ihre Stromverträge mit E.on und Vattenfall nicht kündigen mussten, als sie plötzlich erklärten, zukünftig nur noch»ökostrom«zu liefern. Das Zertifikate-Modell kann dazu führen, dass das Geld des Kunden zum größten Teil für Atom und Kohlestrom ausgegeben wird, und zu einem kleinen Teil für Zertifikate aus Ökostromanlagen. Die gesamte Lieferung wird dem Kunden aber als Ökostrom verkauft (sogenanntes»greenwashing«). Greenpeace lehnt das Zertifikatemodell strikt ab, da es unserer Meinung nach eine Täuschung des Verbrauchers ist. Geldfluss Stromfluss Zertifikat Verbraucher Stromanbieter Fazit: Das Zertifikatekonzept erfüllt eindeutig nicht die Kriterien für glaubwürdigen Ökostromhandel, denn das Geld des Kunden kommt nur zu einem kleinen Anteil dem sauberen Kraftwerk zu Gute. Der überwiegende Teil des Geldes fließt in»graustrom«-kraftwerke. 11

12 Welche Qualitätssiegel für Ökostrom gibt es? Ok-Power-Label Das ok-power-label wird vom Verein Energievision vergeben, der vom WWF, dem Öko-Institut und der Verbraucherzentrale Nordrhein- Westfalen getragen wird. Den Kunden soll ein zusätzlicher Nutzen für die Umwelt durch den Bau von Neuanlage garantiert werden. Dabei akzeptiert das ok-power-label Neuanlagen, die über das EEG finanziert werden, nicht als»zusätzlich gebaut«. Nach den Kriterien des ok-power-labels muss ein Drittel des Stroms aus Anlagen stammen, die weniger als sechs Jahre alt sind, ein weiteres Drittel aus Anlagen, die weniger als 12 Jahre alt sind. Darüber hinaus müssen die Erzeugungsanlagen ökologischen Mindeststandards genügen. Der Strommix muss zu mindestens 50% aus erneuerbaren Energien bestehen und zu höchstens 50% gasbefeuerter Kraft-Wärme-Kopplung. Das ok-power-label kann für mehrere der oben skizzierten Ökostrommodelle vergeben werden. Händlermodell: zeitgleiche Versorgung der Kunden mit Ökostrom aus Neuanlagen gemäß Definition. Fondsmodell: der Versorger liefert dem Kunden Ökostrom, der jedoch nicht aus Neuanlagen stammen muss. Für den Nachweis des Umweltnutzens wird ein Aufschlag auf den Strompreis erhoben. Dieser Aufschlag kommt Erzeugungsanlagen zu gute, die allein auf Basis der EEG-Förderung nicht wirtschaftlich wären. RECS-Zertifikatemodell: seit 2008 können für große Gewerbekunden auch Stromprodukte zertifiziert werden, bei denen es keine physische Stromlieferung mehr gibt, sondern nur noch Strom-»eigenschaften«per Zertifikat erworben werden. Ein Kriterium»keine Lieferverflechtungen mit Atomkraftwerksbetreibern«gibt es beim ok-power-label nicht. Hier wird nicht der Lieferant, sondern das Stromprodukt bewertet. Fazit: Bei seiner Definition von Neuanlagen ist das Label sehr streng, weil es unter EEG gebaute Anlagen ausschließt. Für Großkunden akzeptiert das ok-power- Label jedoch RECS-Zertifikate und garantiert den Kunden in diesem Fall keine vollständige Trennung vom alten Versorger und seinen schmutzigen Kraftwerken. 12

13 Grüner-Strom-Label Das Grüne-Strom-Label (GSL) wurde von Eurosolar, dem BUND, dem NABU und anderen Umweltverbänden ins Leben gerufen. Das wesentliche Förderinstrument sind Zuschusszahlungen an Erneuerbare-Energie-Anlagen oder Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen (Aufschlagmodell). Das Grüne-Strom-Label wird in zwei Kategorien, Gold und Silber, verliehen. Für das Label in Gold muss der Aufschlag zu 100% regenerativen Energien zugute kommen, beim Label in Silber muss mehr als 50% in REG-Anlagen fließen, ein Anteil kleiner als 50% darf in KWK-Anlagen investiert werden. Mit dem Aufschlag werden Anlagen unterstützt, die allein durch das EEG oder das Kraft-Wärme- Kopplungsgesetz nicht wirtschaftlich wären. Stromanbieter mit einer jährlich verkauften GSL-Strommenge von mehr als 1 Mio. kwh sind verpflichtet, ihren Kunden auch physisch Strom zu liefern. RECS oder andere Zertifikate werden hierbei nicht anerkannt. Allerdings werden keine Anforderungen an den Ökostrom gestellt (Neuanlagen, Strom außerhalb des EEG, etc.). Fazit: Das Grüne-Strom-Label garantiert eine Unterstützung von REG und KWK-Anlagen, aber als Aufschlagmodell keine tatsächliche Ökostromversorgung mit Trennung vom alten Versorger und dessen schmutzigen Kraftwerken. TÜV Bei den verschiedenen TÜVs kann man sich so ungefähr jedes Ökostromprodukt zertifizieren lassen vom Händlermodell mit 25%-Neuanlagenstrom, über Aufschlagmodelle bis zu RECSbasierten Wasserkraftstrom aus Altanlagen, ein Produkt dass selbst nach Aussagen der Anbieter völlig ohne Umweltnutzen ist. Fazit: TÜV-Siegel allein haben wenig Aussagekraft. Um zu wissen, was genau die Qualitätskriterien sind, muss man unbedingt das Kleingedruckte lesen. Stromversorgung in Deutschland Um das Stromnetz stabil zu halten, muss in jeder Sekunde genau soviel Strom produziert werden wie verbraucht wird eine große technische Herausforderung. Im ersten Schritt wird deshalb der Verbrauch der Kunden so genau wie möglich in Viertelstunden-Schritten prognostiziert. Große industrielle Kunden müssen ihren Verbrauch fest»vorbuchen«. Für die normalen Haushaltskunden erfolgt die Verbrauchsprognose mit Hilfe genormter so genannter Standardlastprofile. Die meisten Menschen stehen zwischen 6.00 und 8.00 Uhr auf und beginnen, Strom zu verbrauchen. Sie duschen und schalten die Kaffeemaschine ein. Mittags wird gekocht, abends ferngesehen, nachts läuft nur der Kühlschrank. Dieser Tagesablauf ergibt gemittelt über sehr viele Stromkunden ein Standardlastprofil, das der Realität sehr nah kommt. 13

14 Der prognostizierte Stromverbrauch wird in drei verschiedene»lastgruppen«unterteilt. Grundlast nennt man die Strommenge, die Tag und Nacht an 365 Tagen im Jahr benötigt wird. Mittellast ist die Menge, die vorhersehbar nach einem festen Fahrplan in Zeiten erhöhten Stromverbrauchs benötigt wird, z. B. tagsüber oder im Winterhalbjahr. Spitzenlast ist der kleine Rest, der nur für sehr kurze Zeit benötigt wird. Spitzenlast Kraftwerksleistung Mittellast Grundlast 0h 4h 8h 12h 16h 20h 0h Zeit Quelle: Wikipedia 14 Hat ein Stromanbieter den Verbrauch seiner Kunden prognostiziert, muss er mit verschiedenen Kraftwerken Lieferverträge schließen und einen Fahrplan für die Stromeinspeisung ins Netz in Viertelstunden-Intervallen vereinbaren. Üblicherweise wird Grundlaststrom in solchen Kraftwerken eingekauft, die Grundlast besonders billig auf dem Markt anbieten. Das sind ganzjährig verfügbare Kraftwerke mit niedrigen Brennstoffkosten wie Laufwasserkraftwerke, Atomkraftwerke und Braunkohlekraftwerke. Als Mittellastkraftwerke werden meist Steinkohle und Gaskraftwerke eingesetzt, deren Brennstoffe teurer sind. Für die Lastspitzen werden Gasturbinen und Pumpspeicherkraftwerke eingesetzt, die in Minutenschnelle angefahren werden können. Weil der prognostizierte und der reale Stromverbrauch nie hundertprozentig übereinstimmen, wird von den Kraftwerksbetreibern eine Reserve bereitgestellt. In Deutschland sind die vier Eigentümer des überregionalen Verbundnetzes (E.on, RWE, EnBW, Vattenfall) verpflichtet, die Netzstabilität zu gewährleisten. Dazu werden von ihnen ausgesuchte Regelkraftwerke eingesetzt, die»auf Zuruf«ihre Leistung um einige Prozent steigern oder drosseln und so die Differenzen zwischen Prognose und Realität ausgleichen. Für diese Regelenergie existiert in Deutschland nach wie vor ein Monopol der Verbundunternehmen. Auch Ökostromanbieter können keine»grüne«regelenergie kaufen, sondern be-

15 kommen ihren Anteil Regelenergie zugeteilt. Regelenergie muss in der Stromkennzeichnung nicht ausgewiesen werden, ebenso wenig wie Strom, der zum Ausgleich der Netzverluste benötigt wird. Auf der Versorgungsseite werden ¼-Stunden-Verbrauchsfahrpläne erstellt, auf der Kraftwerksseite ¼-Stunden Einspeisepläne aber wie funktioniert jetzt die Verteilung zwischen Kraftwerk und Verbraucher? Um den Strom nicht unnötig weit durchs Netz zu leiten und so die Leitungsverluste zu begrenzen, ist das Netz in so genannte Bilanzkreise unterteilt. Für jeden Bilanzkreis gibt es einen Verantwortlichen, der bereits auf regionaler Ebene dafür zuständig ist, Verbrauch und Erzeugung innerhalb des Bilanzkreises so weit wie möglich abzugleichen. Wird in einem Bilanzkreis mehr Strom erzeugt als benötigt, wird dieser Strom an Nachbarbilanzkreise weitergeleitet (Bilanzkreis A). Bilanzkreise ohne ausreichend eigene Erzeugungsanlagen sind auf Strom»importe«angewiesen (Bilanzkreise B und C). Um unnötige Leitungsverluste zu vermeiden, fließt der Strom vom Kraftwerk immer zu den nächstgelegenen Verbrauchern. Im Strommarkt der Zukunft wird es die Unterteilung in Grund, Mittel und Spitzenlastkraftwerke nicht mehr geben. Mit einem steigenden Anteil regenerativer Energien muss sich das Lastmanagement anpassen. Fluktuierende Erzeuger können z. B. zu virtuellen Kraftwerken zusammengefasst werden. Hier sind in den kommenden Jahrzehnten erhebliche Innovationen besonders in den Köpfen der Lastmanager notwendig. Ökostrom und Erneuerbare-Energie-Gesetz Das Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) legt fest, dass regenerative Energie-Anlagen ihren Strom ins Netz einspeisen dürfen und dafür vom örtlichen Stromnetzbetreiber einen festgelegten Preis bekommen. Diese Vergütung wird für jede Anlage nur zeitlich befristet gewährt. Die Vergütungssätze sind unterschiedlich gestaffelt. So bekommt man für Strom aus Fotovoltaikanlagen z. B. eine höhere Vergütung als für Windstrom. Die Höhe der Vergütung orientiert sich an den Erzeugungskosten der jeweiligen Technik. Der Gesetzgeber versucht, die Vergütung jeweils so anzusetzen, dass die Anlagen mit einer relativ langen Amortisationszeit gerade so wirtschaftlich gebaut und betrieben werden können. Im Abstand weniger Jahre werden die Vergütungssätze des EEG vom Bundestag angepasst. Bei Technologien, bei denen es Kostensenkungen gegeben hat, wird der Vergütungssatz gesenkt. Dort, wo sich der Vergütungssatz als zu niedrig erwiesen hat, wird er angehoben. Der EEG-Strom wird von den Übertragungs- 15

16 netzbetreibern an der Börse verkauft. Dabei wird er»vergraut«, d.h. mit schmutzigem Strom vermischt. Die Einnahmen aus dem Verkauf werden dazu verwendet, die EEG-Vergütung-Einspeisevergütung an den Stromerzeuger zu zahlen. Der verbleibende Fehlbetrag zwischen Börsenerlösen und EEG-Vergütung wird gleichmäßig auf alle Stromkunden in Deutschland verteilt. Das EEG hat sich als äußerst erfolgreiches Instrument für den Ausbau von REG- Anlagen erwiesen. Im Jahr 2009 wurden allein mit Windenergie 37,5 Mrd. kwh Strom erzeugt, mit Fotovoltaik 6 Mrd. kwh und mit Biomassekraftwerken 25,5 Mrd. kwh. Zum Vergleich dazu wurden 2008 von den verschiedenen Ökostromanbietern 10,9 Mrd. kwh Ökostrom umgesetzt. Das ist im Vergleich zu den Strommengen aus dem EEG nicht viel. Der Wechsel zu einem Ökostromanbieter ist trotzdem sinnvoll, denn normale Stromkunden geben immer noch den Großteil ihres Geldes für schmutzigen Strom aus. Bei Ökostromprodukten nach dem Händlermodell ist das nicht der Fall, dort wird den Lieferanten von schmutzigem Strom Kunde für Kunde die finanzielle Basis entzogen. Schätzungen zufolge haben im Jahr 2008 etwa 2,13 Mio. Haushalte in Deutschland Ökostrom bezogen. Ökostromanbieter haben auch eine wichtige Funktion im Strommarkt. Sie bilden ein Gegengewicht zu den traditionellen Stromversorgern, den Stadtwerken, Regionalversorgung und den großen Verbundunternehmen. Bis vor zehn Jahren behaupteten viele der traditionellen Stromversorger, eine Versorgung mit 100% erneuerbaren Energien sei nicht machbar. Nach der Öffnung der Strommärkte haben verschiedene Ökostromversorger bewiesen, dass das nicht stimmt. Die Ökostromer leisten Pionierarbeit bei der Durchsetzung fairer Netzdurchleitungsbedingungen und bei der Einbindung fluktuierender Energieträger 16 Warum Ökostrom aus dem Ausland? Ursprünglich hatten wohl alle Ökostromanbieter geplant, neue Anlagen zu bauen und ihre Kunden direkt aus diesen Anlagen zu versorgen. Doch leider ist es bis heute nicht gelungen, für die Einspeisung von Strom aus fluktuierenden Energieträgern, deren Erzeugung man nicht 24 h vorher mit einem ¼ Stunden- Fahrplan exakt anmelden kann, vertretbare Gebühren für die Netznutzung durchzusetzen. Notgedrungen konzentrieren sich die Ökostromanbieter bei der Strombeschaffung aus Neuanlagen auf regelbare Energieträger wie Biomasse, Wasserkraft oder Kraft-Wärme-Kopplung. Da das Angebot in Deutschland begrenzt ist, wird oft Wasserkraftstrom aus neuen Anlagen in Österreich, der Schweiz oder Skandinavien gekauft. So wird beispielsweise die Naturstrom AG auch von unabhängige Anbietern aus Österreich beliefert; der größere Teil der Energie stammt jedoch aus kleinen und mittleren Anlangen in Deutschland. Greenpeace Energy bietet Windkraft aus Dänemark und Österreich an, dessen Anbieter den Strom mehrerer Anlagen zu einer festen Menge (»Band«) bündelt und so eine zeitgleiche Versorgung garantieren können. Ein weiterer Grund für die Strombeschaffung im Ausland ist, dass ein Großteil der Wasserkraftwerke in Deutschland im Besitz von Unternehmen sind,

17 die selbst Atomkraftwerke betreiben (beispielsweise E.on) oder mit Atomkraftwerksbetreibern verflochten sind. Viele Ökostromanbieter, so auch Greenpeace Energy, lehnen Geschäftsbeziehungen mit solchen Unternehmen ab. Ein dritter Grund ist, dass durch das EEG in Deutschland quasi Mindestpreise für Strom aus regenerativen Energien existieren. Ein Biomassekraftwerk in Deutschland wird seinen Strom nur dann an einen Ökostromanbieter verkaufen, wenn es für seinen Strom dann mehr bekommt als die EEG-Vergütung. Der Strombezug von Neuanlagen im Ausland fördert den Ausbau erneuerbarer Energien auch dort, wo es kein so gutes EEG gibt. Für die Kunden führt der Einkauf im Ausland zu günstigeren Preisen. Strombezug aus dem Ausland führt nicht notwendigerweise zu längeren Leitungswegen. So ist die Entfernung von Kunden in Bayern und Baden-Württemberg zu Schweizer Wasserkraftwerken kürzer als zu Windkraftstandorten an der deutschen Küste. Wie setzt sich der Strompreis zusammen? Die monatlichen Stromkosten eines Haushalts setzen sich zusammen aus der Grundgebühr und den Kosten für jede Kilowattstunde (kwh) verbrauchten Stroms. Der Grundpreis setzt sich aus Netznutzungsgebühren, dem Messpreis, Vertriebs- und Verwaltungskosten und der Mehrwertsteuer zusammen. Er kann von Anbieter zu Anbieter differieren entweder weil er die Verwaltungskosten über eine größere Anzahl Kunden verteilen kann oder den Grundpreis durch einen überhöhten Arbeitspreis subventioniert. Dadurch, dass die die großen Stromkonzerne wie beispielsweise Vattenfall im Besitz der Stromnetze sind, fallen bei»konventionellem Strom«die Netznutzungsgebühren weg, sodass der Grundpreis auch dadurch günstiger angeboten werden kann. Es folgt ein Beispiel von Greenpeace Energy, aus welchen Komponenten sich der Preis zusammensetzt (bei anderen Anbietern ist das ähnlich). Grundpreis: 8,90 Euro pro Monat Arbeitspreis: 23,6 Cent pro kwh davon: Stromeinkauf 8,00 Cent Netznutzungsgebühren (an die Netzbetreiber) 5,52 Cent Konzessionsabgabe (für s Wegerecht an Kommunen) 1,78 Cent Ökosteuer (Stromsteuer) 2,05 Cent Umlage für Strom nach dem EEG 2,05 Cent Umlagen für Strom aus Kraft-Wärme-Kopplung 0,12 Cent Ausgleich für Verluste aus ,30 Cent 19% Mehrwertsteuer 3,77 Cent 23,60 Cent 17

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