Goldgräberstimmung herrscht, angesichts dieser Perspektiven auf der Seite der Anbieter von Telekommunikationstechnologien

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1 Jürgen Nordhause-Janz Die Wirtschaft im Netz: Vision und Wirklichkeit des Telekommunikationseinsatzes an Arbeitsplätzen in der Bundesrepublik Deutschland Lange Zeit galten Arbeit, Kapital und Rohstoffe als wichtige Grundlagen für die Entwicklung der Industriegesellschaft. In jüngster Zeit, so die Einschätzung vieler Beobachter, spielt neben diesen klassischen Produktionsfaktoren die Information als zusätzlicher Faktor in einer sich zunehmend globalisierenden Wirtschaft eine immer wichtige Rolle. Einen zentralen Stellenwert hat in dieser Diskussion die Telekommunikation. Multimedia, Datenautobahn, Internet, Telearbeit sind in diesem Zusammenhang Stichworte, die seit einigen Jahren die öffentliche Debatte um die Zukunft der Industriegesellschaften beherrschen. Die Nutzung von Telekommunikationstechnologien und - diensten verändert Märkte und hat gravierende Auswirkungen auf die Arbeitswelt. Goldgräberstimmung herrscht, angesichts dieser Perspektiven auf der Seite der Anbieter von Telekommunikationstechnologien und -dienstleistungen, die in diesem Feld einen entscheidenden zukunftsträchtigen Wachstumsmarkt sehen. Der Enstehung völlig neuer Dienstleistungsfelder an die große Arbeitsplatzhoffnungen geknüpft werden, stehen, je nach Standpunkt, aber auch Hoffnungen oder Befürchtungen gegenüber. Diese beziehen sich auf den zu vermutenden tiefgreifenden Wandel bisheriger Arbeitsplatzstrukturen bei einer raschen Durchdringung vieler Arbeitsplätze mit Telekommunikationstechnologien. So schwierig letztendlich seriöse Beschäftigungseffekte und Marktentwicklungen in diesem Bereich zu prognostizieren sind, so wenig wissen wir bislang über die tatsächliche Betroffenheit der Arbeitnehmer und damit über den Verbreitungsgrad moderner Telekommunikationstechnologien und - dienste in deutschen Unternehmen. Spiegelt die öffentliche und veröffentlichte Diskussion über die Informatisierung der Wirtschaft und der hier vorhandenen Arbeitsplätze bereits die Normalität in den Betrieben wider, oder stehen wir allenfalls am Anfang einer eher längfristig angelegten Entwicklung? Das Institut Arbeit und Technik hat zur Klärung dieser Frage im Rahmen seiner Strukturberichterstattung NRW eine bundesweite, repräsentative Erhebung bei mehr als 3600 abhängig Beschäftigten durchgeführt, die sich schwerpunktmäßig mit der Verbreitung und Nutzung von Telekommunikation an Arbeitsplätzen in der deutschen Wirtschaft beschäftigt. Die Untersuchung verdeutlicht, daß, unabhängig von branchenspezifischen Besonderheiten und arbeitsplatztypischen Anforderungen an Kommunikations- und Kooperationserfordernisse, die Bundesrepublik Deutschland erst am Beginn dieses erwähnten Informatisierungprozesses stehen ( Abbildung 1). Sieht man einmal von traditionellen Telekommunikationsmitteln, wie dem leitungsgebundenen Telefon ab, über das mehr als 90 % der Befragten am Arbeitsplatz verfügen, so weisen Telefaxdienste (mehr als 45% der Beschäftigten) und Funktelefon (ca. 23%) die größten Verbreitungsgrade auf. Neuere, in der öffentlichen Diskussion im Vordergrund stehende Telekommunikationsmittel, wie e- mail, Online-Daten- und Informationsdienste oder Videoconferencing-systeme, stellen Arbeitsmittel dar, über die in der Bundesrepublik zum jetzigen Zeitpunkt noch sehr wenige Beschäftigte verfügen. Ebenso verhält es sich mit den, in jüngster Zeit vielfach beachteten unterschiedlichen Varianten des elektronischen Datenaustausches (EDI: Electronic Data Interchange). Dieser Form des telekommunikationsgestützten zwischenbetrieblichen Austausches struktukturierter und formalisierter Geschäftsdokumente ist, so die Befragungsergebnisse, noch lange nicht als eine Standdardform des Informationsaustausches zwischen Unternehmen anzusehen. Zwar wird dieser

2 Telekommunikationsdienst von den Anwendern vergleichsweise intensiv genutzt, mit rund 4 % verfügen jedoch nach wie vor wenige Beschäftigte über die damit verbundenen Kommunikationspotentiale. Gerade dieser Telekommunikationsbereich sowie die intensive Nutzung von -diensten stellen jedoch wichtige Grundpfeiler der nicht erst in jüngster Zeit propagierten Vision des papierlosen Büros dar. Bereits zu Beginn der achtziger Jahre wurde diesem von Technik- und Dienstleistungsanbietern formulierten Leitbild eine rasche Verbreitung vorausgesagt. Obwohl sich Mitte der 90er Jahre die technischen Voraussetzungen hierfür wesentlich verbessert haben, zeigen die dargestellten Befragungsergebnisse, daß dieses Leitbild bis zum heutigen Zeitpunkt nach wie vor eine Vision geblieben ist. Allerdings zeigt eine differenziertere Betrachtung auch deutliche Unterschiede in der Verbreitung moderner Telekommunikationstechnologien und -dienste. Einerseits ist nicht davon auszugehen, daß jeder Arbeitsplatz von seinen spezifischen Anforderungen und den notwendigen Kommunikationsund Kooperationsstrukturen den Einsatz derartiger Mittel erfordet. Andererseits spielen zum jetzigen Zeitpunkt noch branchen- und betriebsgrößenbedingte Faktoren eine wesentliche Rolle bei der Verbreitung moderner Telekommunikationsmitteln. Ohne die Ergebnisse an dieser Stelle ausführlicher darstellen zu können lassen sich folgende Trends feststellen: Beschäftigte im Dienstleistungssektor verfügen an ihren Arbeitsplätzen in der Tendenz über ein breiteres Spektrum moderener Telekommunikationstechnologien. Insbesondere Versicherungen, Kredit- und Finanzinstitute, sonstige wirtschaftsnahe Dienstleistungen sowie der Bereich Verkehr und Nachrichtenübermittlung können in dieser Hinsicht als Vorreiterbranchen angesehen werden. Für einige ausgewähle Telekommunikationsbereiche gilt dies auch für Beschäftigte im Handel, so etwa für elektronische Buchungs- und Bestellsysteme oder T-Online (Btx). Für Beschäftigte, deren Tätigkeit durch stärkere unternehmensexterne, unternehmensweite und standortübergreifende oder zeitabhängige Kommunikations- und Kooperationsstrukturen gekennzeichnet sind, spielt Telekommunikation bereits heute eine überdurchschnittliche Rolle. Wie ein Vertreter der Siemens AG jüngst formulierte sind bei der Beantwortung der Frage, in welchem Ausmaß und mit welcher Geschwindigkeit die Telekommunikation Unternehmen und Beschäftigungsstrukturen verändern...seriöse Antworten...notwendigerweise differenziert. Aber für sicher halte ich, daß weder überschwengliche Euphoriker, noch notorische Skeptiker von der Realität bestätigt werden. Neue Techniken überrumpeln uns nicht.... Die Ergebnisse unserer Erhebung scheinen diese vorsichtige Einschätzung zu bestätigen. Auf dem Weg zur Informationsgesellschaft stehen Unternehmen und Beschäftigte in der Bundesrepublik Deutschland erst am Anfang. Von einem Zustand der Normalität kann noch lange nicht gesprochen werden. Zudem ist bei der Abschätzung zukünftiger Entwicklungen eine differenzierte Betrachtung notwendig, die reale Kommunikationserfordernisse der Unternehmen und deren Beschäftigten berücksichtigt. Neue Techniken, dies zeigen etwa die Erfahrungen bei der Diffusion computergestützter Technologien in Unternehmen, werden nicht kurzfristig eingeführt, sondern im Rahmen längerer Anpassungsprozesse. Phasen forcierter Technisierung sind dabei ebenso anzutreffen, wie solche der Korrektur und Rücknahme einmal erreichter Technisierungsgrade. Insofern sollte jenen zahlreich verfügbaren Prognosen, die ein rasantes und schnelles Wachstums des Telekommunikationssektors und der damit verbundenen kurzfristig zu erzielenden Beschäftigungsgewinne mit Vorsicht begegnet werden.

3 Die beobachtete, insgesamt noch relative geringe Verbreitung neuer Telekommunikationstechnologien in bundesdeutschen Unternehmen sollte, wie dies häufig unter Verweis auf den Verbreitungsgrad einzelner Technologien in den USA geschieht, nicht vorschnell als neue technologische Lücke aufgefaßt werden. Die entscheidende Frage der Zukunft wird sein, ob und in welcher Weise neue Informations- und Kommunikationstechnologien zur Erschließung neuer Märkte beitragen und ob sie zur Unterstützung moderner Arbeitsplatzstrukturen in den Unternehmen genutzt werden. Inwieweit Unternehmen bereit sind, dem Beharrungsvermögen überkommener Strukturen nachzugeben oder die Chance ergreifen, Technik als Instrument zur Schaffung moderner Arbeitsplatzstrukturen zu begreifen, wird über die Bedeutung des Produktionsfaktors Information entscheiden. Nicht Technikeinsatz allein, sondern ebenso Nutzungs- und Einsatzkonzepte von Technik werden zum entscheidenden Schlüssel für den Erhalt und den Ausbau wettbewerbsfähiger Arbeitsplätze.

4 Abbildung 1: Verbreitung Computergestützter Arbeitsmittel und Telekommunikationsdiensten an bundesdeutschen Arbeitsplätzen nur computergestützte Arbeitsmittel weder noch 15% 27% nur Telekommunikationsmittel 13% am Arbeitsplatz verfügbare Arbeitsmittel 45% Telekommunikationsmittel und computergestützte Arbeitsmittel

5 Abbildung 2: Verbreitungsgrad und Nutzungsintensität von Telekommunikationsdiensten an bundesdeutschen Arbeitsplätzen in % aller Befragten 100% 5 mehrfach täglich 90% 80% Verbreitungsgrad 4,5 mittlere Nutzungsintensität (bei jeweiligen Nutzern) 4 70% 60% 3,5 50% 3 40% 2,5 30% 2 20% 10% 1,5 0% 1 einige Male im Monat oder seltener Telefon (leitungsgebunden) Telefax Funktelefon einfache Datenübertragung Modem Telex Btx, Datex-J, T-Online Teletex Funkrufdienste: Cityruf, Eurosignal elektronische Buchungs-, Bestelldienste , Telebox, Mailbox electronic banking electronic cash Externe Informationsdatenbanken Compuserve, Internet, etc. EDI : Electronic Data Interchange TEMEX, ISDN-Fernwirken, Fernwarten Bildtelefon, Videotelefon elektronische Sprachspeichersysteme Fernskizzieren, Fernzeichnen Videokonferenzen am PC Videokonferenzen im Studio N=3611 Quelle: Strukturberichterstattung NRW - IAT-Beschäftigtenbefragung

6 Abbildung 3: Durchschnittliche Zahl verfügbarer Telekommunikationsdienste nach Branchen insgesamt 1,89 Investitionsgüterindustrie 1,82 übrige Industrie 1,66 Bau 1,28 Handel 2,05 Spedition, Güterbeförderung 1,26 Sonstiger Verkehr und Nachrichtenübermittlung 3,37 Kredit- und Finanzinstitute 4,73 Versicherungen 3,27 sonstige wirtschaftsnahe Dienstleistungen 2,38 gesellschaftsbezogene Dienstleistungen 1,86 haushaltsbezogene Dienstleistungen 0,68 Krankenhäuser/Kliniken 1,11 Sonstige Private Dienstleistungen öffentlicher Dienst 1,94 2,08 Anzahl absolut 0,00 1,00 2,00 3,00 4,00 5,00 6,00 7,00 Quelle: Strukturberichterstattung NRW - IAT-Beschäftigtenbefragung

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