Fernsehaneignung und Alltagsgespräche

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1 Andreas Hepp Fernsehaneignung und Alltagsgespräche Fernsehnutzung aus der Perspektive der Cultural Studies

2 Druckvorlage der Publikation: Hepp, A. (1998): Fernsehaneignung und Alltagsgespräche. Fernsehnutzung aus der Perspektive der Cultural Studies. Opladen: Westdeutscher Verlag.

3 Vorwort Die Einzigartigkeit des Fernsehens besteht in seiner Vielgestaltigkeit: Für eine große Zahl von Menschen hat es eine Fülle von Bedeutungen und bietet Anlaß für die verschiedensten Formen des Vergnügens. Die Kernthese dieses Buches ist, daß sich Rezipienten Fernsehen auf unterschiedliche Weise aneignen. Das Fernsehen stellt einen festen Bestandteil der Alltagskultur dar und wird durch vielfältige kommunikative Prozesse von den Zuschauern und Zuschauerinnen in ihre Alltagswelt integriert. Basierend auf den Methoden der Cultural Studies und Konversationsanalyse, möchte ich in dieser Studie zeigen, daß es das alltägliche Sprechen über Fernsehen ist, das die Grundlage für einen produktiven Umgang mit dem Medium bildet. Die vorliegende Arbeit entstand in den Jahren 1995 und 1996 während meiner Tätigkeit in dem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Projekt "Über Fernsehen sprechen" an der Universität Trier. Das Projekt wurde von Prof. Dr. Jörg Bergmann, Prof. Dr. Werner Holly und Dr. habil. Ulrich Püschel geleitet, denen ich für ihre Förderung danken möchte. Die Untersuchung stellt eine geringfügig überarbeitete Fassung meiner Dissertation dar, die Ende 1996 am Fachbereich II der Universität Trier im Fachteil Germanistische Linguistik eingereicht wurde. Wie jede andere Publikation, so wäre auch diese nicht ohne eine Vielzahl von Unterstützungen, Diskussionen und Anregungen denkbar gewesen. Nichtsdestotrotz bleibt es der Autor, der jegliche Fehler und Verkürzungen zu verantworten hat. Besonders möchte ich meiner Frau Beate Köhler danken, die mich seit Jahren bei meiner Arbeit ermuntert, sie kritisiert und die auch das Titelbild dieses Buches gestaltet hat. Für langjährige Förderung, Unterstützung und Anregungen danke ich Prof. Dr. Rainer Wimmer. Für Anregungen und Kritik bin ich allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Arbeitsgruppe Cultural Studies auf den Jahrestagungen 1996 und 1997 der Gesellschaft für Angewandte Linguistik (GAL) dankbar, insbesondere Dr. Udo Göttlich, Martin Jurga, Dr. Lothar Mikos, Dr. Waldemar Vogelgesang und Dr. Rainer Winter. Nicht möglich gewesen wäre die Arbeit ohne die Personen, die mir Zugang zu ihrer 'Weise' der Fernsehnutzung gewährt haben und denen ich zu großem Dank für ihre Offenheit, Unterstützung und ihr Entgegenkommen verpflichtet bin. Daneben danke ich den Teilnehmern von Tagungen und Arbeitskreisen, auf denen ich Teile meiner Arbeit präsentieren konnte, für ihre Kritik und Aufmunterung. Für weitere Unterstützungen, Hilfen und Hinweise danke ich Johannes Gawert und Dr. Wolf-Andreas Liebert. Für die reibungslose und konstruktive Zusammenarbeit bin ich dem Team vom Westdeutschen Verlag zu großem Dank verpflichtet, insbesondere Dr. Alexandra Schichtel. Bei der Erstellung der Druckvorlagen half mit technischen Hinweisen Mark Hurvitz von Nisus Software, CA. Mein besonderer Dank gilt neben meiner Frau meinen Freunden, die sich auch von den verschiedensten Formen der Arbeitswut nicht haben abschrecken lassen und mir mit Korrekturen und Hinweisen halfen, insbesondere Harry Bauer, Maja Huwald, Martin Kirchner, Tina und André Schrauder, Thomas Siemon, Sarah und Kevin Patrick Wiliarty sowie Silke Wölk. Trier, im Februar 1998 Andreas Hepp

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5 Inhalt Vorwort Einleitung Texte und Diskurse Gespräche und soziale Strukturen Alltagskultur und kulturelle Praktiken Materialbasis und Vorgehensweise Teil 1: Theorien der Fernsehaneignung 2 Aneignungskonzepte in der Medienforschung Mediensozialisation als Aneignung: Zum medienpädagogischen Aneignungsbegriff Aneignung als eine Phase des Rezeptionsprozesses: Der strukturanalytische Aneignungsbegriff Medienrezeption als Aneignung: Zum Aneignungsbegriff der Cultural Studies Aneignungspraktiken und Alltagskultur Strategie vs. Taktik: Räume und Orte Zur Alltagspraktik 'Lesen' und der Oralität von Alltagskultur Fernsehaneignung als Vermittlungsprozeß Teil 2: Die soziale Veranstaltung 'Fernsehen': Formen der Fernsehaneignung 4 Das gemeinsame Fernsehen als soziale Veranstaltung Fernsehen im privaten Rahmen Äußerungen bei der Fernsehrezeption Blurtings und Para-Interaktionen Fernsehthemen und Zuschauerthemen Kommunikative Räume Die Alltagswelt als Bezugsraum der Fernsehaneignung Alltagswelt und Medienwirklichkeit Lokalisierung in der Alltagswelt: Kurzverweise, Phantasien und Scherze Alltagsweltliche Werte: Bewertungen, Lästereien und Prominentenklatsch Fernsehen als Kristallisationspunkt von Erinnerungen: Erzählungen Fernsehen und Alltagswelt... 96

6 8 Inhalt 6 Fernsehaneignung als gemeinsames Erleben von Vergnügen Fernsehen und Vergnügen Die emotionale Einstimmung: Inszenierungsdiskussionen und Differenzierungen von Handlungsrollen Formen des Vergnügens: Emotionsmanifestationen Das Erleben von Vergnügen beim gemeinsamen Fernsehen Lesarten und 'Reading Formation' Fernsehen, Zuschauer und Lesarten Aktualisierungen der Reading Formation: Textverweise und Kontextualisierung Die Verortung im Fernsehflow: Rekonstruktionen und Orientierungen Gemeinsame Interpretationen: Deuten und Aushandeln von Lesarten Reading Formation und Lesart Teil 3: Fernsehen und häusliche Welt: Aneignungsstile, Gender und Rollen 8 Von der Interpretationsgemeinschaft zur häuslichen Welt Die Interpretationsgemeinschaft als rezeptionstheoretisches Konzept Interpretationsgemeinschaften und populäre Genres Fernsehaneignung in der häuslichen Welt Fernsehaneignung und häusliche Welt Häusliche Rolle, Gender-Position und Interaktion: Zum kommunikativen Management der häuslichen Fernsehrezeption Der spielerische Aneignungsstil: Ratespiele und spielerische Aneignung Der disperse Aneignungsstil: Fernsehen als Rückzugsraum Fernsehaneignung und Alltagsgespräche Formen der kommunikativen Fernsehaneignung Fernsehaneignung und häusliche Welt Das Gespräch als 'Katalysator' der Fernsehaneignung Anmerkungen Verzeichnis der Transkriptionssymbole Literaturverzeichnis Personen- und Sachregister

7 1 Einleitung In seinem Buch "Die Kunst des Handelns" befaßt sich Michel de Certeau mit den alltäglichen Praktiken, durch die sich Konsumenten Kulturprodukte zu eigen machen, wobei er feststellt: Nachdem die vom Fernsehen verbreiteten Bilder und die vor dem Bildschirm verbrachte Zeit analysiert worden ist, muß man sich fragen, was der Konsument mit diesen Bildern und während dieser Stunden macht. Was machen die fünfhundertausend Käufer von Gesundheitsmagazinen, die Kunden eines Supermarktes, die Benutzer des städtischen Raumes und die Konsumenten von Zeitungsartikeln mit dem, was sie 'absorbieren', erhalten und bezahlen? Was machen sie damit? (de Certeau 1988, S.80; Herv. de Certeau) Hiermit befaßt sich die vorliegende Studie, nämlich damit, was Zuschauer und Zuschauerinnen 1 in der vor dem Fernseher verbrachten Zeit "machen". Grundthese ist dabei, daß die häusliche Fernsehrezeption als eine soziale Veranstaltung beschrieben werden muß, die alles andere als schweigend verläuft. Durch verschiedene kommunikative Strategien managen die Zuschauer und Zuschauerinnen die häusliche Fernsehrezeption in einem Geflecht von Aufgaben und Pflichten. Beim gemeinsamen Fernsehen im privaten Rahmen werden durch sprachliche Äußerungen Bezüge zwischen Medienwirklichkeit und eigener Lebenswirklichkeit herausgestellt, ein gemeinsames Erleben von Fernsehen konstituiert und Lesarten ausgehandelt. Dabei sind für die einzelnen Mitglieder einer Lebensgemeinschaft unterschiedliche Aneignungsstile charakteristisch, wobei die Fernsehaneignung durch Gender-Positionen und häusliche Rollen geprägt ist. Diese 'kommunikative Fernsehaneignung' ist der Gegenstand der vorliegenden Untersuchung. Ihr Kern ist eine gesprächsanalytische Studie der Äußerungen von Zuschauern verschiedener Gruppen und Lebensgemeinschaften beim alltäglichen gemeinsamen Fernsehen. Anhand von Aufnahmen solcher Äußerungen wurden typische Formen der Fernsehaneignung herausgearbeitet. An vielen Stellen geht die weitere Argumentation aber über diese Musteranalysen hinaus, indem der Versuch unternommen wird, die einzelnen Aneignungsformen aus einer kulturtheoretischen Perspektive zu deuten. So können diese dahingehend interpretiert werden, daß für die Zuschauer die Alltagswelt einen grundlegenden Bezugsraum der Fernsehaneignung darstellt. Ebenso sind es die Äußerungen der Zuschauer, die ein gemeinsames Erleben von Fernsehen ermöglichen und durch die das Fernsehen im Kontext anderer populärer Texte lokalisiert wird. Voraussetzung für eine Analyse dieser Aneignungsprozesse ist aber, sich Gedanken darüber zu machen, was 'Aneignung' überhaupt ist. Dies soll im ersten Teil dieser Untersuchung geschehen, dem mit Teil zwei und drei detaillierte Auseinandersetzungen mit alltäglichen Aneignungsprozessen folgen. In der Einleitung werden im weiteren die theoretischen und methodischen Prämissen dargestellt, auf die sich die Argumentation stützt. Diese helfen, die Darlegungen einzuordnen, können aber auch problemlos überblättert werden. Man kann also durchaus direkt bei den einzelnen theoretischen und empirischen Kapiteln 'einsteigen'.

8 10 1 Einleitung 1.1 Texte und Diskurse Eine Grundüberlegung der linguistischen Pragmatik ist, daß Sprechen wie auch Schreiben und andere Formen der menschlichen Kommunikation ein regelgeleitetes Handeln darstellt, d.h. anhand von intersubjektiv geteilten Mustern erfolgt. Damit wird eine Position eingenommen, die im bewußten Gegensatz zu neopositivistischen Überlegungen steht, denen die Auffassung zugrunde liegt, die Sprache wäre in Analogie zu Naturgesetzen beschreibbar (vgl. Heringer 1974a, S.37f.; Öhlschläger 1974, S.92f.; Wimmer 1982). Kommunikation wird als ein soziales Phänomen angesehen, das sich dem Analysierenden über eine verstehende Deutung im Sinne Max Webers erschließt (vgl. Weber 1972, S.1f.): Sprachliches Kommunizieren unter Menschen besteht nicht darin, daß mittels sprachlicher Zeichen irgendwelche Informationseinheiten von Mensch zu Mensch übertragen werden. Die Menschen funktionieren nicht wie Sender und Empfänger, die vorgegebene Symbolketten enkodieren bzw. dekodieren und sich in ihrer Übermittlungsfunktion erschöpfen. [ ] Kommunizieren ist regelgeleitetes soziales Handeln, das auch als solches analysiert werden muß [ ]. (Wimmer 1974, S.145f.) Dieses Verständnis von Kommunikation ist mit einer Reihe weitergehender Vorstellungen verbunden, von denen hier nur einige angerissen werden. 2 So impliziert diese Auffassung, daß Kommunizieren in enger Verbindung zu anderen Formen des sozialen Handelns steht und kaum losgelöst von diesen betrachtet werden kann. Rainer Wimmer bemerkt an anderer Stelle, daß nicht nur ein großer Teil der sozialen Handlungen sprachliche Handlungen sind, sondern "daß auch die nicht-verbalen sozialen Handlungen vielfach in engem Zusammenhang mit Sprechhandlungen stehen" (Wimmer 1974, S.135). Entsprechend gehört zum Beschreiben sprachlicher Handlungen das Beschreiben von typischen Kommunikationssituationen, in denen sie üblicherweise realisiert werden (vgl. Wimmer 1974, S.142f.). Eine weitere Vorstellung, die mit der Charakterisierung von sprachlicher Kommunikation als einer Form des sozialen Handelns verbunden ist, ist die ihrer Komplexität. Die Komplexität von Kommunikation ergibt sich nicht nur dadurch, daß einzelne sprachliche Handlungen zumeist mehrfach adressiert sind und entsprechend aus der Perspektive der an einer Interaktion Beteiligten unterschiedlich gedeutet werden können (vgl. Holly & Kühn & Püschel 1984, S.291). Wie Werner Holly, Peter Kühn und Ulrich Püschel angemerkt haben, ist die Komplexität sprachlicher Handlungen auch dadurch bedingt, daß ein und dieselbe Äußerung zugleich der Lösung verschiedener kommunikativer Aufgaben dienen kann und ihr entsprechend "ganze Netze von Handlungsmustern zuzuordnen" (Holly et al. 1986, S.43) sind. 3 Dies weist auf eine weitere, zentrale Grundüberlegung der linguistischen Pragmatik hin, wonach einzelne sprachliche Handlungen stets Teil größerer Einheiten sind, nämlich von Texten. Dieser Feststellung liegt ein recht weiter Textbegriff zugrunde, nach dem nicht nur Gedrucktes als Text zu charakterisieren ist, sondern beispielsweise auch Fernsehsendungen einschließlich aller auditiven und visuellen Elemente, da auch sie konventionell als Einheit von unterschiedlichen, miteinander 'verwobenen' Elementen wahrgenommen werden. 4 Die Beziehung, in der einzelne Elemente eines Textes stehen, wird selbst wieder als regelgeleitet gedacht, indem Texte umfassenden Organisationsmustern zugehören, nämlich Genres bzw. Text- oder Gesprächssorten. Beispiele dafür sind Fernsehnachrichten, Krimis, aber auch Erzählungen oder Small-Talk. 5 Sprachpragmatisch orientierte Arbeiten haben schließlich darauf aufmerksam gemacht, daß ein Verständnis, wonach Texte und Gespräche isoliert von weiteren Kontexten betrachtet werden können, zu verkürzend ist. Sie treten nicht vereinzelt auf,

9 1.2 Gespräche und soziale Strukturen 11 sondern sind in umfassende Diskurse eingebettet. Wie Utz Maas bemerkt hat, ist ein Text "Ausdruck bzw. Teil einer bestimmten gesellschaftlichen Praxis, die bereits eine bestimmte Menge von möglichen Texten definiert, die die gleiche Praxis ausdrücken bzw. als Repräsentanten der gleichen Praxis akzeptiert werden können" (Maas 1984, S.18). Texte und Gespräche sind keine isolierten Phänomene, sie sind verflochten in bestimmte gesellschaftliche Auseinandersetzungen und Debatten, die als regelgeleitete Diskurse begriffen werden können. Geht man von einem solchen Verständnis aus, wird die Textanalyse zur Diskursanalyse, "wobei Diskurs für eine sprachliche Formation als Korrelat zu einer ihrerseits sozialgeschichtlich zu definierenden gesellschaftlichen Praxis steht" (Maas 1984, S.18). 6 Dieser knappe Abriß einiger wichtiger Begriffe der Sprachpragmatik sollte den Rahmen der vorliegenden Untersuchung zur Fernsehaneignung deutlich machen. Ihr Ausgangspunkt ist die Überzeugung, daß sprachliche Kommunikation regelgeleitet ist und in spezifischen sozialen und kulturellen Kontexten verortet werden muß. Ausgehend von einem solchen Verständnis liegt es nahe, daß das Instrumentarium dieser Arbeit nicht nur sprachpragmatische, sondern auch angrenzende Ansätze einbezieht. Dies ist zum einen der Ansatz der Konversations- bzw. Gattungsanalyse, der der Sprachsoziologie zuzurechnen ist und sich mit der sozialen Situierung alltäglicher Gespräche befaßt. Zum zweiten ist dies der Ansatz der Cultural Studies, in deren Tradition eine Vielzahl von Aneignungsstudien stehen. 1.2 Gespräche und soziale Strukturen Die Konversationsanalyse wurde stark durch die "Ethnomethodologie" Harold Garfinkels geprägt (vgl. Garfinkel 1967, S.1 34). Ethnomethodologisch nennt Harold Garfinkel seinen Ansatz, weil es ihm um die Analyse des praktischen Wissens geht, das die Mitglieder einer sozialen Gruppe von der Abwicklung alltäglicher Angelegenheiten haben deshalb das Bestimmungswort 'Ethno-' (vgl. Bergmann 1988a, S.14). Das Grundwort 'Methodologie' soll verdeutlichen, daß dabei die Frage im Vordergrund steht, welcher sozialer Verfahren und Praktiken sich die Handelnden ganz selbstverständlich bedienen. Es geht der Ethnomethodologie also um die Frage, wie Menschen in ihrem Handeln soziale Wirklichkeit konstituieren. 7 Diese Gedanken Harold Garfinkels wurden in der Konversationsanalyse auf sprachliche Handlungsabläufe übertragen. 8 Ziel der Konversationsanalyse ist es, Gespräche im Hinblick auf die ihnen zugrunde liegenden Muster der Sinnproduktion zu untersuchen. Die Verfahren, derer sich die Konversationsanalyse bedient, sind grundlegend offen, wenn man davon absieht, daß sie sich ausschließlich mit 'natürlichen' Interaktionen befaßt. Der konversationsanalytische Ansatz ist mit einer ausgeprägten induktiven Vorgehensweise verbunden, nach der die bei der Auseinandersetzung mit einem kommunikativen Phänomen angewandten Analyseverfahren sich im Idealfall im Analyseprozeß selbst ergeben und bestätigen müssen. 9 Ein solcher Ansatz ist insofern naheliegend, weil die Konversationsanalyse in Anlehnung an die Ethnomethodologie davon ausgeht, daß jedes Element einer Interaktion als Bestandteil einer Ordnung aufgefaßt werden muß, die von den Interagierenden selbst in ihrem Handeln reproduziert wird. 10 Um alltägliche Gespräche wie solche über Fernsehen einer Analyse zugänglich zu machen, bedarf es technischer Verfahren, derer sich die Konversationsanalyse von Beginn an bedient hat. So basieren auch die frühesten konversationsanalytischen Untersuchungen auf Tonbandaufzeichnungen alltäglicher Gespräche, seien es Telefonate, Small-Talks oder andere Gesprächsformen. Diese Gespräche werden transkribiert, was insofern unumgänglich ist, als es erst hierdurch möglich wird, verschiedene

10 12 1 Einleitung Gesprächssequenzen vergleichend und wiederholt zu betrachten. Zwar ist damit nach der Aufnahme ein zweiter Schritt der Abstraktion von der eigentlichen Interaktionssituation erreicht, jedoch ist ein solcher Schritt unabdingbar, um das flüchtige Interaktionsgeschehen analysier- und (im wissenschaftlichen Sinne) zitierbar zu machen. Ein Forschungsschwerpunkt der Konversationsanalyse liegt bei lokalen kommunikativen Phänomenen. So befaßten sich Harvey Sacks, Emanuel Schegloff und Gail Jefferson mit dem Sprecherwechsel innerhalb von Gesprächen und entwickelten dabei "a simplest systematics for the organization of turn-taking for conversation" (Sacks & Schegloff & Jefferson 1974 bzw. 1978). Hiernach findet der Sprecherwechsel in alltäglichen Unterhaltungen regelhaft, an sogenannten "transition relevance places" statt, d.h. am Ende einer Satzkonstruktion, bei Senkung der Stimme und an anderen markierten Stellen des Gesprächs. Ein weiteres lokales Phänomen, mit dem sich die Konversationsanalyse auseinandergesetzt hat, sind Paarsequenzen ("adjacency pairs"; vgl. Schegloff & Sacks 1973), worunter das konventionelle Aufeinander-Bezogen-Sein zweier Äußerungen zu verstehen ist. Ein Beispiel dafür ist die Frage-Antwort-Sequenz: Typischerweise erfolgt in einem alltäglichen Gespräch auf eine Frage eine Antwort, und wenn dies nicht der Fall ist, so gilt es zumindest als auffällig. 11 Neben solchen lokalen Phänomenen hat sich die Konversationsanalyse auch mit umfassenden kommunikativen Einheiten befaßt. Dies zeigen bereits frühe Arbeiten von Harvey Sacks zu kommunikativen Formen wie Erzählungen (vgl. Sacks 1971). In der weiteren Entwicklung der Konversationsanalyse nahm das Interesse an komplexen Interaktionszusammenhängen weiter zu, wie die Sammelbände "Structures of Social Action" (Atkinson & Heritage 1984) und "Talk and Social Structure" (Boden & Zimmerman 1994) dokumentieren. Wie der Titel des zweiten Sammelbands deutlich macht, steht hier in verstärktem Maße die Frage im Mittelpunkt, in welcher Beziehung alltägliche Interaktionen und soziale Strukturen zueinander stehen. Dabei werden soziale Strukturen nicht als statische, das Handeln determinierende Größen betrachtet, sondern in ethnomethodologischem Sinne als Phänomene, die im Prozeß des Handelns konstituiert werden: 12 Structure [ ] is accomplished in and through the moment-to-moment turn-taking procedures of everyday talk in both mundane and momentous settings of human intercourse [ ]. The instantiation of structure is, moreover, a local contingent matter, one that is endogenous to interaction and shaped by. The enabling mechanisms of everyday talk thus practically and accountably accomplish structure-in-action. (Zimmerman & Boden 1994, S.17) Ähnliche Überlegungen zur Beziehung von sprachlicher Kommunikation und sozialer Struktur, wie sie hier Don Zimmerman und Deirdre Boden äußern, stehen auch hinter dem Konzept der kommunikativen Gattungen, das Thomas Luckmann und Jörg Bergmann entwickelt haben (vgl. beispielsweise Luckmann 1984; Luckmann 1986; Bergmann 1987b, S.35 42; Luckmann 1989 und Bergmann & Luckmann 1995). Unter einer "kommunikativen Gattung" ist ein Musterwissen zu verstehen, über das Angehörige eines Kulturraums verfügen und an dem sie sich beim kommunikativen Handeln orientieren. Auf soziale Strukturen verweisen solche Gattungen insofern, als sie institutionalisierte Formen der Lösung bestimmter kommunikativer Probleme darstellen. So steht beispielsweise jede Gesellschaft vor dem elementaren Problem, "wie Ereignisse, Sachverhalte, Wissensinhalte und Erfahrungen in intersubjektiv verbindlicher Weise unter verschiedenen Sinnkriterien thematisiert, vermittelt, bewältigt und tradiert werden können" (Bergmann 1987a, S.39). Solche kommunikativen Probleme werden durch rekonstruktive Gattungen wie Erzählungen oder Klatsch gelöst. Kommunikative Gat-

11 1.3 Alltagskultur und kulturelle Praktiken 13 tungen sind also als Grundmuster des sprachlichen Handelns Lösungen für kommunikative Probleme, die unterschiedlich komplex strukturiert sein können. 13 In diesem Sinne verstandene kommunikative Formen treten zumeist nicht isoliert, sondern in bestimmten wiederkehrenden Konstellationen auf, in sogenannten "Gattungsaggregationen" (Bergmann 1987b, S.5). Es gibt also nicht nur Muster der Binnenstrukturierung von kommunikativen Gattungen, sondern auch Regeln der Beziehung kommunikativer Gattungen zueinander und zu spezifischen kommunikativen Kontexten. Jörg Bergmann spricht hier davon, daß für einzelne soziale Veranstaltungen spezifische Abfolgemuster von Gattungen charakteristisch sind (vgl. Bergmann 1987b, S.6). Deutlich wird dies an Veranstaltungen wie Parties, die mit unterschiedlichen kommunikativen Formen wie Begrüßungen, Erzählungen, Klatsch, aber auch Frotzeleien usw. verbunden sind. Solche kommunikativen Formen folgen nicht einfach ungeordnet aufeinander, sondern in einer spezifischen Systematik: Zuerst muß man jemanden kennenlernen, bis man ihm gewisse Erlebnisse erzählt; aber auch der Klatsch wird durch bestimmte kommunikative Formen interaktiv abgesichert. Wie bereits angeklungen ist, gibt es auch für die soziale Veranstaltung des gemeinsamen Fernsehens typische Formen der Kommunikation, die im weiteren Verlauf dieser Untersuchung beschrieben werden sollen. 14 Solche kommunikativen Formen weisen darauf hin, daß Fernsehzuschauer über ein "praktisches Bewußtsein" 15 des Umgangs mit alltagskulturellen Produkten wie Fernsehsendungen verfügen. Hiermit haben sich bisher vor allem Wissenschaftler befaßt, die in der Tradition der Cultural Studies stehen. Die grundlegende Perspektive dieses Ansatzes ist dabei zwar eine andere als die der Konversationsanalyse, jedoch gibt es eine Vielzahl von Berührungspunkten zwischen beiden ähnlich, wie die Cultural Studies auch in einer komplementären Beziehung zur Sprachpragmatik stehen. 1.3 Alltagskultur und kulturelle Praktiken Die Cultural Studies sind ein Ansatz, dessen Vertreter sich bis heute gegen eine klare Festschreibung dessen, was Cultural Studies sind, wehren. Diese Position dokumentiert eine Vielzahl von Diskussionen, die zum Teil mit der expliziten Weigerung enden, den eigenen Ansatz auf ein methodisches 16 oder theoretisches Paradigma festzulegen. So streicht Stuart Hall, einer der bekanntesten Vertreter der Cultural Studies, klar heraus: "Cultural studies is not one thing, it has never been one thing" (Hall 1990, S.11). Ebenso kommen die Autoren mehrerer Beiträge der Zeitschrift "Cultural Studies" zu recht unterschiedlichen Ergebnissen, wie dieser Ansatz zu fassen sei. 17 Dies verwundert kaum, denn die Cultural Studies lassen sich nicht als eine einheitliche Forschungsdisziplin begreifen, sondern stellen ein inter- oder transdisziplinäres 'Forschungsprojekt' dar, was auch Graeme Turner deutlich macht: It would be a mistake to see cultural studies as a new discipline, or even a discrete constellation of disciplines. Cultural studies is an interdisciplinary field where certain concerns and methods have converged; the usefulness of this convergence is that it has enabled us to understand phenomena and relationships that where not accessible through the existing disciplines. (Turner 1996, S.11) Trotz dieses transdisziplinären Charakters der Cultural Studies und den immer wieder auszumachenden Zurückweisungen des Versuchs, Cultural Studies zu definieren, lassen sich Grundpositionen ausmachen, die für dieses 'Forschungsprojekt' charakteristisch sind (zur Rezeption der Cultural Studies in Deutschland vgl. Mikos 1997). 18 In einer ersten Annäherung kann man Cultural Studies als einen interpretativen Ansatz fassen,

12 14 1 Einleitung der sich mit der alltäglichen Produktion von Kultur in institutionellen und nichtinstitutionellen Kontexten auseinandersetzt. Dem Kulturbegriff liegt dabei keine wertende Vorstellung von Kultur zugrunde (Kultur im Sinne von 'hoher Kultur'), sondern ein anthropologisches Verständnis, wonach Kultur so viel bedeutet wie die Lebensführung einer bestimmten Gruppe von Menschen. Cary Nelson, Paula Treichler und Lawrence Grossberg fassen diese Grundposition der Cultural Studies wie folgt: It [cultural studies; A.H.] is typically interpretive and evaluative in its methodologies, but unlike traditional humanism it rejects the exclusive equation of culture with high culture and argues that all forms of cultural production need to be studied in relation to other cultural practices and to social and historical structures. (Nelson & Treichler & Grossberg 1992, S.4) Kultur ist also in der Begrifflichkeit der Cultural Studies nicht absolut oder universell. Hierauf hat insbesondere Raymond Williams bei seiner Auseinandersetzung mit dem Kulturbegriff aufmerksam gemacht, 19 der in einer fast zum geflügelten Wort gewordenen Wendung Kultur als "a whole way of life" (Williams 1971, S.16) bezeichnet hat. Ziel einer kulturwissenschaftlichen Analyse ist es, einzelne charakteristische Muster einer solchen Lebensweise herauszuarbeiten, seien es sprachliche Muster, soziale Praktiken oder weitergehende kulturelle Regelmäßigkeiten. 21 Analytischer Fluchtpunkt ist dabei die Frage, in welcher Beziehung die einzelnen Muster zueinander stehen. Solche Überlegungen implizieren, daß eine Gesellschaft keine einheitliche Kultur hat, sondern daß, was man gewöhnlich als die Kultur einer Gesellschaft bezeichnet, ein Feld divergierender kultureller Praktiken darstellt, die in spezifischen Machtzusammenhängen stehen. Geht man von der Argumentation Raymond Williams' aus, befassen sich die Cultural Studies also mit der Rolle unterschiedlichster Praktiken bei der Konstitution einer durch Machtdivergenzen gekennzeichneten kulturellen Wirklichkeit. Dabei bildet die umfassende theoretische Auseinandersetzung mit der Möglichkeit einer in diesem Sinne verstandenen kulturwissenschaftlichen Analyse einen integralen Bestandteil der Cultural Studies. Darauf haben verschiedene Autoren aufmerksam gemacht, neben Stuart Hall auch Lawrence Grossberg (vgl. Hall 1986, S ; Grossberg 1992, S.16 27). Hierbei herrscht ein spezifisches Verständnis von Theorie vor, das Lawrence Grossberg mit der Phrase "Umweg über die Theorie" (Grossberg 1994, S.28) gefaßt hat. Theoretische Reflexionen über kulturelle Phänomene werden insofern für wichtig erachtet, als erst sie die Möglichkeit zum Entwickeln von kulturwissenschaftlichen Fragestellungen eröffnen. Sinn kann es aber nicht sein, ausgehend von bestimmten Theorien die Analysen einzelner kultureller Phänomene von vornherein einzugrenzen, indem eine Theorie zum Paradigma erhoben wird. Hingegen werden theoretische Reflexionen als kontextuelle Argumentationen mit einer nur begrenzten Aussagekraft verstanden. Lawrence Grossberg faßt dieses Verhältnis von Theorie und Kontext wie folgt: Für Cultural Studies ist der Kontext, der erforscht und hergestellt wird, nicht auf einem direkten, empirischen Wege verfügbar. Die Theorie ist zum Verständnis des Kontextes notwendig, denn der Kontext selbst wurde ja bereits teilweise durch die Theorie hergestellt, oder zumindest durch kulturelle Praktiken und Allianzen. Dies bedeutet aber nicht, daß der Kontext auf irgendeine Weise auf diese theoretischen oder kulturellen Konstruktionen reduzierbar ist. [ ] [D]ie Theorie [ist] immer eine Antwort auf spezifische Fragen und spezifische Kontexte [ ]. (Grossberg 1994, S.28) Ein solches Wechselverhältnis von theoretischer Reflexion und der Analyse einzelner kultureller Praktiken ist auch für die Medienstudien der Cultural Studies kennzeichnend. Dies dokumentiert exemplarisch der von Stuart Hall, Dorothy Hobson, Andrew Lowe und Paul Willis 1980 herausgegebene Band "Culture, Media, Language", der eine

13 1.4 Materialbasis und Vorgehensweise 15 Sammlung von frühen "Working Papers" des "Centre for Contemporary Cultural Studies" (CCCS) an der Universität von Birmingham beinhaltet (zu den unterschiedlichen Arbeiten bzw. der Geschichte des CCCS vgl. Maas 1980 und Hepp & Winter 1997). So umfaßt der Band ethnographische Studien zur Fernsehaneignung von Hausfrauen (vgl. Hobson 1980) und Analysen von Fernsehnachrichten (vgl. Connell 1980), aber auch im Kontext solcher Studien entstandene theoretische Reflexionen über den Einfluß von sozialen Größen wie Gruppen- und Klassenzugehörigkeit auf die von Zuschauern favorisierten Lesarten von Fernsehsendungen (vgl. Hall 1980c; Morley 1980b). An diesem Themenspektrum wird deutlich, wo der Fluchtpunkt der Cultural Studies bei einer Auseinandersetzung mit dem Medium Fernsehen liegt, nämlich bei der Frage, in welcher Beziehung die Fernsehaneignung der Zuschauer zu weitergehenden kulturellen Kontexten steht und wie diese Beziehung beschreibbar ist. Mit dieser Frage hat sich mittlerweile eine kaum noch zu überschauende Reihe von empirischen Aneignungsstudien befaßt. 21 Gemeinsam ist ihnen, daß sie davon ausgehen, man müsse sowohl bei den Fernsehdiskursen als auch bei den Alltagspraktiken der Fernsehzuschauer ansetzen, wenn man den kulturellen Stellenwert von Fernsehsendungen in der heutigen Gesellschaft adäquat beschreiben möchte. 22 In einführenden Texten wird dieser Ansatz als "active audience theory" bezeichnet (vgl. beispielsweise Fiske 1987a, S.62 oder Lull 1995, S.87), ein Ausdruck, der wegen seiner Tautologie irreführend ist (vgl. Silverstone 1994, S ). So ist eine theoretische Grundannahme der Cultural Studies, daß kulturelle Bedeutungen nicht an sich bestehen, sondern durch Alltagspraktiken konstituiert werden. 23 Eine solche bedeutungskonstituierende Praktik stellt auch die Tätigkeit des Fernsehens dar, entsprechend sind alle Fernsehpublika per definitionem aktiv. In diesem Sinne stellt auch Roger Silverstone fest: There is no doubt [ ] that there are cultural spaces, and television both occupies and creates them, for individuals and groups, genders and classes, to be active, that is creative in relation to what is seen and heard on the screen. That is no longer the issue. The issue is to specify under what circumstances and how, and as a result of what kinds of mechanisms and through what kinds of processes. (Silverstone 1994, S.156) Bei diesem Unterfangen wird das Fernsehpublikum nicht als Ansammlung aus einzelnen, atomisierten Individuen gedacht, sondern als aus einer Reihe von Gruppen bestehend, deren Mitglieder in spezifischen kulturellen Kontexten leben. Diese kulturellen Kontexte konstituieren sich in den Alltagspraktiken der Menschen, und als ein Teil dieser Alltagspraktiken sollte auch der Umgang der Zuschauer mit dem Fernsehen gefaßt werden. Trotz aller Divergenzen gibt es also Grundannahmen und Zielsetzungen, denen sich die unterschiedlichen Aneignungsstudien, die in der Tradition der Cultural Studies stehen, verpflichtet fühlen. So ist es ihr gemeinsames Ziel, das Beziehungsgeflecht von Aneignungsweisen und ihrem Kontext kritisch zu analysieren. Indem die Cultural Studies hierzu bei typischen Aneignungsmustern und ihrer Beziehung zueinander ansetzen, bestehen deutliche Verbindungen zu anderen interpretativen Ansätzen wie der Sprachpragmatik und der Konversationsanalyse. 1.4 Materialbasis und Vorgehensweise Der verbindende Begriff zwischen Sprachpragmatik, Konversationsanalyse und Cultural Studies ist der der Musteranalyse. Bei allen drei Ansätzen steht das Herausarbeiten von Mustern des alltäglichen Handelns im Mittelpunkt, wenn auch aus unterschiedlichen

14 16 1 Einleitung Perspektiven: Während sich die Cultural Studies insbesondere mit der Beziehung einzelner Muster zu ihrem kulturellen Kontext befassen, setzen sich Sprachpragmatik und Konversationsanalyse mit Strukturen von alltäglichen Texten, Gesprächen und Diskursen auseinander. Die kommunikative Aneignung von Fernsehen ist so ein Phänomen, das im Schnittpunkt dieser Beschäftigungsfelder liegt. Eine Auseinandersetzung mit ihr bedarf erstens einer Analyse der Fernsehtexte und -diskurse, die von den Zuschauern angeeignet werden, zweitens einer Analyse der Alltagsgespräche der Zuschauer, die einen 'Katalysator' in dem Prozeß der Fernsehaneignung darstellen, und drittens einer Analyse der kulturellen Zusammenhänge, in denen dieser Aneignungsprozeß situiert ist. Entsprechend liegt es im Rahmen der vorliegenden Untersuchung nahe, Sprachpragmatik, Konversationsanalyse und Cultural Studies miteinander zu verbinden und das Instrumentarium eines jeden der drei Ansätze zu nutzen, um sich dem vielschichtigen Phänomen der Fernsehaneignung anzunähern. So wurde das Material, das den weiteren Analysen zugrunde liegt, im Sinne der Konversationsanalyse erhoben und aufbereitet. Das Korpus, auf das sich die Arbeit stützt, wurde im Rahmen und Kontext des DFG-Projektes "Über Fernsehen sprechen Die kommunikative Aneignung von Fernsehen in alltäglichen Kontexten" erhoben. 24 In diesem Projekt wurden im Sommer und Herbst 1995 in sechs Lebensgemeinschaften über zwei Wochen hinweg mit Hilfe von Audio-Aufnahmegeräten die Äußerungen aufgezeichnet, die deren Mitglieder machten, während sie zusammen fernsahen. 25 Neben den Gesprächen der Zuschauer wurden die gesehenen Fernsehsendungen mit Hilfe von Videorecordern aufgenommen, die so installiert waren, daß auch jeder Programmwechsel ('Zapping') mit erfaßt wurde. Die Aufnahmen ergaben ein Gesamtkorpus von mehr als 150 Stunden. Sämtliche Aufnahmen des so entstandenen Korpus wurden protokolliert und exemplarische Stellen transkribiert. 26 Das Transkriptionsverfahren lehnt sich an die in der Konversationsanalyse gängigen Konventionen an, 27 wurde aber so erweitert, daß es auch möglich ist, Fernsehsendungen einschließlich ihrer Bildkomponenten zu erfassen. 28 Da es in der vorliegenden Untersuchung darum geht, das Phänomen der kommunikativen Fernsehaneignung in einer relativen Breite zu betrachten, ist es nicht möglich wie in der Konversationsanalyse üblich, alle Aspekte der Analyse in gleicher Weise ausführlich darzustellen oder gar das gesamte analysierte Material zu diskutieren. 29 Entsprechend werden die erstellten Analysen exemplarisch präsentiert. Aus Gründen der Darstellung werden dabei teilweise an einzelnen Gesprächssequenzen mehrere Aneignungsphänomene beschrieben. Dieses Verfahren wurde gewählt, da hierdurch nicht mehrfach die betreffende Fernsehsendung rekonstruiert werden muß, was die Argumentation an manchen Stellen unnötig verkompliziert hätte. Bei den anhand solcher Beispiele beschriebenen Mustern handelt es sich aber durchweg um Aneignungsformen, die auch innerhalb von anderen Zuschauergruppen bzw. bei anderen Fernsehabenden zu finden sind. Die weiteren Argumentationen stützen sich auf Material aus folgenden Lebensgemeinschaften und Gruppen: 30 Dies ist zum einen die Familie Langer, die in einer kleineren Stadt im Saarland wohnt. Zum Zeitpunkt der Aufnahme (Spätsommer 1995) ist Armin Langer, der Vater der Familie, 28 Jahre alt und arbeitet nach seinem Medizinstudium in einer kleineren Klinik als Arzt im Praktikum. Seine 26 jährige Frau Tanja ist seit der Geburt ihres gemeinsamen, einjährigen Sohnes Johann Hausfrau. Zuvor hat sie als Intensiv-Krankenschwester gearbeitet. Von der Familie Langer liegen insgesamt Aufnahmen von acht Fernsehabenden vor. Das Material enthält auch zwei Aufnahmen, an denen Langers zusammen mit Freunden fernsehen. Bei einer Aufnahme ist Rudi anwesend, ein ehemaliger Studienkollege von Armin, der zum betreffenden Zeitpunkt in derselben Klinik wie dieser arbeitet. Bei einer zweiten Aufnahme sind

15 1.4 Materialbasis und Vorgehensweise 17 Langers bei Britta und Arndt zu Besuch und sehen sich dort zusammen mit Martina, einer weiteren Freundin von Britta Videofilme an. Die zweite Lebensgemeinschaft ist die Familie Schmelzer, deren Umgang mit dem Fernsehen detailliert in Kapitel 9 untersucht wird. Zu der Lebensgemeinschaft zählen neben dem arbeitslosen, 47jährigen Vater Rainer, seine 32 Jahre alte Frau Maria, der siebenjährige Stefan und die anderthalbjährige Angela. Die Familie Schmelzer wohnt in einer Stadt mittlerer Größe in Rheinland-Pfalz. Von der Lebensgemeinschaft liegen aus dem Zwei-Wochen-Querschnitt Aufnahmen von insgesamt sechs Fernsehabenden vor, an denen die Familienmitglieder in unterschiedlicher Personenkonstellation gemeinsam fernsehen. Sowohl mit der Familie Schmelzer als auch mit der Familie Langer wurde zusätzlich ein 45 minütiges offenes Interview über ihren Umgang mit dem Fernsehen geführt. Ziel des Interviews war es, nähere Informationen über die Struktur des Tagesablaufs in der Lebensgemeinschaft und den Umgang der einzelnen Mitglieder mit dem Fernsehen zu erhalten. Neben diesen beiden Lebensgemeinschaften stützen sich die Analysen auf Material aus fünf weiteren Rezeptionsgruppen, die wegen ihrer abweichenden Gruppenstruktur zusätzlich herangezogen wurden. Dies ist zum einen eine Aufnahme eines gemeinsamen Fernsehabends von Britta (der bereits erwähnten Freundin von Langers) und Martina, die beide Mitte 20 sind. Britta ist Studentin, Martina Angestellte bei einem kleineren Reiseveranstalter. Als ehemalige Klassenkameradin ist Martina eine langjährige Freundin von Britta. Zweitens wurde die Aufnahme eines Rezeptionsereignisses herangezogen, an dem sich Britta zusammen mit drei weiteren, gleichaltrigen Studienkolleginnen und einem Freund (Dorothea, Nicki, Annette und Jürgen) zum gemeinsamen Fernsehen trifft. Bei einer dritten Aufnahme sieht Britta zusammen mit ihrem Freund Arndt und zwei Bekannten (Keith und Markus) einen Spielfilm an. Bei allen an der Rezeption Beteiligten handelt es sich um Studierende. Die vierte zusätzlich zu den zwei Wochenquerschnitten herangezogene Aufnahme wurde in einer Gruppe von vier Frauen erhoben (Susanne, Anke, Michaela und Efi). Die Frauen sind alle Mitte bis Ende 20 und bis auf Susanne, die Studentin ist, Sozialarbeiterinnen. Bei der fünften Aufnahme sehen die 14jährige Andrea, ihre achtjährige Schwester Katrin, sowie die ebenfalls acht Jahre alte Cousine Julia und ihre dreijährige Schwester Selina zusammen mit Selinas Patin Hella (Studentin, 25 Jahre) an einem Nachmittag fern. Bei sämtlichen Aufnahmen handelt es sich um Interaktionen in natürlichen Gruppen, deren Mitglieder gewohnheitsmäßig zusammen fernsehen. Bei keiner der Aufnahmen waren Personen anwesend, die nicht reguläre Mitglieder der betreffenden Gruppe bzw. Lebensgemeinschaft sind. Die Aufnahmen erfolgten aus forschungsethischen Gründen offen, d.h. alle Anwesenden waren darüber informiert, daß ihre Äußerungen aufgezeichnet wurden. Dies führt dazu, daß in einzelnen Momenten häufig zu Beginn einer Aufnahme oder dann, wenn technische Probleme auftreten (z.b. beim 'Zappen' mit dem Videorecorder) die Aufnahmesituation thematisiert wird. Es wäre aber gerade ein Anzeichen der 'Unnatürlichkeit' der Aufnahmen, wenn dies nicht der Fall wäre: Typisch für Alltagsunterhaltungen ist die Möglichkeit, die Objekte, die in der Interaktionssituation zugegen sind, zu thematisieren. Würden also bei einer offen erfolgten Aufzeichnung alltäglicher Gespräche die Interagierenden nicht auch die Aufzeichnungssituation ansprechen, wenn sie ihnen ins Bewußtsein kommt, könnte man gerade darin entgegen landläufiger Meinung ein sicheres Anzeichen für die 'Unnatürlichkeit' der Interaktion sehen (vgl. Bergmann 1988, S.303; Fußnote 11). Umgekehrt wäre es aber naiv zu suggerieren, man hätte mit den Aufzeichnungen von Äußerungen beim Fernsehen einen 'unvermittelten' Zugang zu einem sozialen Phänomen. So sind die Aufnahmen allein dadurch selektiv, daß neben dem Fernsehgeschehen nur die Äußerungen der Zuschauer aufgezeichnet worden sind und

16 18 1 Einleitung jegliches non-verbales Verhalten nicht auf den Audioaufnahmen enthalten ist. Aber auch wenn Videoaufzeichnungen der Interaktionen beim gemeinsamen Fernsehen vorlägen, hätte man keinen 'unvermittelten' Zugriff auf dieses Phänomen, da Aufnahmen (unabhängig welcher Art) nicht den Sinn eines Interaktionsgeschehens 'speichern' können. Was in ihnen auf selektive Weise konserviert wird, ist die hier im materiellen Sinne verstandene Rede, der der Forscher den Sinnzusammenhang eines bestimmten Interaktionsgeschehens zuspricht. Solche Zuschreibungen sind nach Alfred Schütz "Konstruktionen zweiten Grades, d.h. Konstruktionen von Konstruktionen jener Handelnden im Sozialfeld" (Schütz 1971, S.267). In diesem Sinne repräsentieren die Aufnahmen von Gesprächen nicht ein soziales Phänomen, sie sind Material ihrer interpretierenden (Re-) Konstruktion. Wie bereits mehrfach gesagt wurde, kann eine Auseinandersetzung mit einem mehrschichtigen Phänomen wie der Fernsehaneignung kein rein konversationsanalytisches Unterfangen sein. So basieren die Analysen der folgenden Kapitel grundlegend auf den Verfahren der Sprachpragmatik und Cultural Studies. Die einzelnen Interpretationen sind in erster Linie sprachpragmatische Analysen von Handlungsmustern oder -formen. Den Cultural Studies fühlt sich diese Untersuchung insofern verpflichtet, als sie den Stand der Aneignungsstudien der Cultural Studies aufgreift, umfassend diskutiert und als Ausgangspunkt für empirische Untersuchungen nimmt. Daher ist die weitere Argumentation durch ein Wechselspiel von theoretischen Überlegungen und exemplarischen Analysen gekennzeichnet, wobei sich das Vorgehen als interpretativ versteht. Dieses sowohl empirische als auch theoretische Anliegen bestimmt die gesamte Struktur der vorliegenden Untersuchung. Sie gliedert sich in drei größere Teile, von denen sich der erste mit Theorien der Fernsehaneignung befaßt, der zweite mit den Charakteristika der sozialen Veranstaltung des gemeinsamen Fernsehens und der dritte mit der Einbettung der Fernsehaneignung in die häusliche Welt. Eine Auseinandersetzung mit dem Begriff der Fernsehaneignung erscheint allein deshalb sinnvoll, weil 'Aneignung' zu einem 'Modewort' der Medienrezeptionsforschung geworden ist. In einer Vielzahl von Untersuchungen taucht das Wort en passant auf, teilweise auch als Überschrift einzelner Kapitel oder als Titel ganzer Publikationen. Meist bleibt dabei jedoch recht vage, was genau unter Fernsehaneignung verstanden wird. Um einen für die weitere Analyse brauchbaren Aneignungsbegriff zu entwickeln, werden im zweiten Kapitel zwei Aneignungsbegriffe diskutiert, nämlich erstens der medienpädagogische (Kap. 2.1) und zweitens der strukturanalytische (Kap. 2.2). Ausgehend von der Kritik dieser Aneignungsbegriffe wird in Kapitel 3 der Aneignungsbegriff Michel de Certeaus vorgestellt, der die Aneignungsstudien der Cultural Studies in erheblichem Maße beeinflußt hat (Kap ). Basierend auf dessen Überlegungen werden im Kapitel 3.4 die Grundzüge einer Theorie der Fernsehaneignung skizziert. Die Fernsehaneignung wird dabei als ein Vermittlungsprozeß zwischen Fernseh- und Alltagsdiskursen begriffen. In dem auf solchen theoretischen Überlegungen aufbauenden zweiten Teil der Untersuchung geht es darum zu beschreiben, durch welche kommunikativen Formen die soziale Veranstaltung des gemeinsamen Fernsehens gekennzeichnet ist. Hierzu stehen in Kapitel 4 zuerst die grundlegenden Charakteristika des gemeinsamen Fernsehens und des dabei stattfindenden 'Gesprächs' im Mittelpunkt der Betrachtung. In einem ersten Teilkapitel werden Ergebnisse bisheriger kulturwissenschaftlicher Arbeiten zu den Spezifika der Fernsehrezeptionssituation diskutiert (Kap. 4.1). Die Besonderheiten dieser Rezeptionssituation tragen dazu bei, daß beim gemeinsamen Fernsehen auch gesprochen wird. Zwar handelt es sich dabei häufig um keine kontinuierlichen Gespräche, jedoch geben die Äußerungen der Zuschauer Hinweise darauf, wie sie sich die betreffende Fernsehsendung aneignen. Dies zeigt eine erste Kategorisierung

17 1.4 Materialbasis und Vorgehensweise 19 der beim Fernsehen gemachten Äußerungen (Kap. 4.2 und 4.3), aber auch das Verhältnis, in dem Fernsehthemen und Zuschauerthemen zueinander stehen (Kap. 4.4 und 4.5). In Kapitel 5 wird analysiert, durch welche kommunikativen Aneignungsformen die Alltagswelt als Bezugsraum der Fernsehaneignung aktualisiert wird. Den Ausgangspunkt dafür bildet eine theoretische Beschäftigung mit der Beziehung von Fernsehwirklichkeit und Alltagswirklichkeit (Kap. 5.1). Es schließt sich eine Analyse unterschiedlicher kommunikativer Formen an, durch die sich Zuschauer im Rezeptionsgespräch mit dieser Beziehung kommunikativ auseinandersetzen. Kapitel 6 befaßt sich mit dem Erleben von Vergnügen beim gemeinsamen Fernsehen. Anhand eines Fallbeispiels wird in diesem Kapitel die Prozeßhaftigkeit des emotionalen Erlebens eines Spielfilmes nachgezeichnet und herausgearbeitet, welche kommunikativen Formen hierbei von Relevanz sind. Dabei wird exemplarisch gezeigt, daß das emotionale Erleben beim gemeinsamen Fernsehen auch ein interaktives Geschehen ist und verbale Äußerungen bei der Konstitution eines gemeinsamen Erlebnisraumes eine Rolle spielen. Das Kapitel 7 befaßt sich mit der Konstitution unterschiedlicher Lesarten von Fernsehtexten. Hierzu wird in einem ersten Teilkapitel das Konzept der "reading formation" der Cultural Studies diskutiert (Kap. 7.1). Ausgehend davon wird aufgezeigt, welche kommunikativen Aneignungsformen bei der Konstitution von Lesarten eine Rolle spielen und welcher Stellenwert ihnen dabei zukommt. Der dritte Teil dieser Untersuchung stellt eine Fallstudie zur Fernsehaneignung in der häuslichen Welt dar. In einem ersten Schritt wird das Konzept der Interpretationsgemeinschaft diskutiert, das in den Cultural Studies zu einem Ad-Hoc-Erklärungsansatz geworden ist, um zwischen einzelnen Rezeptionsgruppen bestehende Differenzen bei der Medienaneignung zu fassen (Kap. 8.1). Ausgehend von einer Kritik dieses Ansatzes (8.2), wird ein alternatives Konzept zur Analyse von Fernsehaneignungsprozessen in häuslichen Kontexten vorgestellt (8.3). Mit Hilfe dieses Konzepts werden in Kapitel 9 einige der Charakteristika der Fernsehaneignung in einer Lebensgemeinschaft beschrieben. Innerhalb der Fallstudie wird zum einen das Wechselverhältnis von Fernsehaneignung, häuslicher Rolle und Gender-Position betrachtet (Kap. 9.1). Zum anderen werden typische Stile der Fernsehaneignung herausgearbeitet, nämlich der spielerische Aneignungsstil (9.2) und der disperse Aneignungsstil (9.3). In Kapitel 10 werden schließlich die Ergebnisse der einzelnen Teile der Arbeit zusammengefaßt.

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19 Teil 1: Theorien der Fernsehaneignung

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21 2 Aneignungskonzepte in der Medienforschung Seit den 70er Jahren ist ein zunehmender Teil der empirisch orientierten Medienforscher dazu übergegangen, die Frage in den Mittelpunkt ihrer Arbeiten zu rücken, wie Rezipienten (Leser, Zuhörer, Zuschauer) in alltäglichen Kontexten Medien 'nutzen'. 1 Man begann, nicht mehr nach Medienwirkungen zu fragen, die in einem direkten Kausalzusammenhang zu Medieninhalten stehen, sondern sich mehr für Aktivitäten der Rezipienten, ihre Gebrauchs- und Nutzungsweisen von Medien zu interessieren. In einer Vielzahl von jüngeren Untersuchungen aus dem deutschen Sprachraum, die sich einer rezipienten-orientierten Perspektive verpflichtet fühlen, spielt der Ausdruck 'Aneignung' eine wichtige Rolle. Hier können exemplarisch die Arbeiten von Psychologen wie Michael Charlton (Charlton 1993), Medienwissenschaftlern wie Lothar Mikos (Mikos 1994a), Soziologen wie Rainer Winter (Winter 1995), Pädagogen wie Hans-Günter Rolff und Peter Zimmermann (Rolff & Zimmermann 1985), Linguisten wie Werner Holly und Ulrich Püschel (Holly & Püschel 1993) genannt werden. Aber auch in der Medienforschung des anglo-amerikanischen Raums, hier insbesondere in der Tradition der Cultural Studies, ist der Ausdruck 'Aneignung' ("appropriation") recht weit verbreitet. So ist beispielsweise der dritte Teil des von Roger Silverstone und Eric Hirsch herausgegebenen Bandes "Consuming Technologies", der sich anhand von Fallstudien mit Gebrauchsmustern von Medien befaßt, mit der Überschrift "Appropriations" versehen. Und auch Stuart Hall beschreibt die Mediennutzung als einen Prozeß der Aneignung, wenn er formuliert: Before this message can have an 'effect' (however defined), satisfy a 'need' or be put to a 'use', it must first be appropriated as a meaningful discourse and be meaningfully decoded. It is this set of decoded meanings which 'have an effect', influence, entertain, instruct or persuade, with very complex perceptual, cognitive, emotional, ideological or behavioural consequences. (Hall 1980c, S.130) In den folgenden beiden Kapiteln wird es mir um eine kritische Auseinandersetzung mit dem Aneignungsbegriff gehen. Dabei möchte ich für einen Rückbezug des Aneignungsbegriffs an die Tradition der Cultural Studies argumentieren. Zuerst jedoch erfolgt eine Darstellung des Aneignungsbegriffs, wie er in der deutschen Diskussion verbreitet ist. Wörterbücher verzeichnen gewöhnlich zwei alltagssprachliche Verwendungsweisen von 'Aneignung', nämlich erstens einen Gebrauch, nach dem unter 'Aneignen' die Inbesitznahme von (geistigem oder materiellem) Eigentum verstanden wird, und zweitens eine Verwendungsweise, nach der 'Aneignen' so viel wie der Erwerb oder das Erlernen von bestimmten Kenntnissen und Fähigkeiten bedeutet. 2 Dieser zweifache alltagssprachliche Gebrauch von 'Aneignen' spiegelt sich auch in der Verwendung des Ausdrucks im medienwissenschaftlichen Diskurs wider. Zum einen wird insbesondere in medienökologisch orientierten pädagogischen Arbeiten mit 'Medienaneignung' die durch Medien vermittelte Aneignung symbolischer Kultur im Sozialisationsprozeß bezeichnet (vgl. beispielsweise Rolff & Zimmermann 1985, S.82 90; S ; Böhnisch & Münchmeier 1990, S.57 78). Daneben wird vor allem in psychologischen und soziologischen Arbeiten mit dem Terminus 'Aneignung' eine in sich mehr oder

22 24 2 Aneignungskonzepte in der Medienforschung weniger geschlossene Phase des Rezeptionsprozesses bezeichnet, in der die Rezipienten die Medieninhalte durch Gespräche oder auf eine andere Art und Weise verarbeiten und mit den eigenen lebensweltlichen Kontexten vermitteln (vgl. beispielsweise Charlton & Neumann-Braun 1992, S ; Mikos 1994a, S ). Trotz einer gewissen Entsprechung der alltagssprachlichen und medienwissenschaftlichen Verwendungsweisen von 'Aneignen' ist es nicht möglich, diese gleichzusetzen. Der Aneignungsbegriff hat innerhalb der Sozial- und Kulturwissenschaften eine bis ins 19. Jahrhundert zurückreichende Tradition, in der auch die Verwendungsweise in medienwissenschaftlichen Publikationen steht. 3 Das Wort 'Aneignung' fungiert in den unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Publikationen als Chiffre für eine spezifische Auffassung, wonach der Mensch auf Umweltreize nicht instinktiv reagiert, sondern sich seine Umwelt 'gestaltend' zu eigen macht. Über dieses grundlegende Verständnis hinaus differieren die beiden in der Medienwissenschaft verbreiteten Aneignungsbegriffe aber erheblich. 2.1 Mediensozialisation als Aneignung: Zum medienpädagogischen Aneignungsbegriff Zwar haben die Überlegungen von Hans-Günter Rolff und Peter Zimmermann in der medienwissenschaftlichen Diskussion nicht die Verbreitung erfahren wie das Strukturund Prozeßmodell der Medienrezeption von Michael Charlton und Klaus Neumann- Braun. Jedoch sind ihre Darlegungen insofern betrachtenswert, als ihnen ein Aneignungsbegriff zugrunde liegt, der typisch für den Bereich der Medienpädagogik und Medienkritik ist, welcher der Medienökologie und der kritischen Psychologie nahesteht. 4 Gemeinsam ist den unterschiedlichen Arbeiten ihr sozialisationstheoretisches Aneignungskonzept, das auf die Aneignungstheorie des sowjetischen Psychologen Alexej N. Leontjew zurückgeht, eines Schülers von Lew S. Wygotski. 5 In der Auseinandersetzung mit Lew Wygotskis Überlegungen entwickelte Alexej Leontjew in den 50er Jahren eine in sich geschlossene Aneignungstheorie. 6 Wie schon Wygotski begreift Leontjew diese als ein Gegenkonzept zur behaviouristischen Anpassungslehre. Leontjew geht davon aus, daß das Anpassungskonzept zur Beschreibung der Entwicklung beim Tier geeignet ist, jedoch nicht als ein Modell, um die menschliche Ontogenese zu erklären. Das Tier verfügt nach seinen Überlegungen über zwei Formen von Erfahrungen, nämlich erblich fixierte Gattungserfahrungen und individuelle Erfahrungen. Als Gattungserfahrungen bezeichnet Leontjew die angeborenen Mechanismen (Instinkte) des Tieres, die "sich langsam nach den allgemeinen Gesetzen der biologischen Evolution" (Leontjew 1977, S.449) bilden. Daneben verfügen Tiere über von Leontjew als individuelle Erfahrungen charakterisierte Mechanismen, die sie in die Lage versetzen, sich an rasche Umweltveränderungen anzupassen, ohne daß hierzu eine weitere evolutionäre Veränderung des Erbgutes notwendig wäre. Mit einem solchen Anpassungskonzept läßt sich die menschliche Ontogenese aber nicht beschreiben. Beim Menschen kommt eine dritte Form der Erfahrung zur Gattungs- und Individualerfahrung hinzu, nämlich die soziale Erfahrung. Diese ist, wie Leontjew mit Bezug auf die "Ökonomisch-philosophischen Manuskripte" von Karl Marx feststellt, in den menschlichen Kulturgütern vergegenständlicht: In jedem vom Menschen geschaffenen Gegenstand, sei es ein einfaches Werkzeug oder eine moderne elektronische Rechenmaschine, ist die historische Erfahrung der Menschheit enthalten. Zugleich sind in ihm die im Laufe dieser Erfahrung erworbenen geistigen Fähigkeiten verkörpert.

23 2.1 Mediensozialisation als Aneignung 25 Das gleiche gilt, vielleicht noch offensichtlicher, für die Sprache, für die Wissenschaft und für die Kunst. (Leontjew 1977, S.451) Dieser Vergegenständlichung der sozialen Erfahrung steht die Aneignung derselben in der individuellen Entwicklung gegenüber. Leontjew unterscheidet zwei Grundformen des Aneignungsprozesses, nämlich erstens die Aneignung äußerer Handlungen und zweitens die Aneignung innerer (geistiger) Handlungen. Bei der Aneignung der äußeren Handlungen spielt nach seiner Darstellung die Tätigkeit eine zentrale Rolle. Mit Hilfe der Tätigkeit können menschliche Fähigkeiten in Produkten wie z.b. Werkzeugen vergegenständlicht werden. Entsprechend muß das Kind um die betreffenden Gegenstände in ihrer spezifischen Qualität zu erschließen, im Laufe seiner Ontogenese mit ihnen "eine praktische oder kognitive Tätigkeit vollziehen, die der in diesen Dingen verkörperten menschlichen Tätigkeit adäquat (obwohl natürlich nicht mir ihr identisch) ist" (Leontjew 1977, S.281; Herv. Leontjew). Durch das einem Gegenstand 'adäquate Handeln' eignet sich das Kind die in ihm vergegenständlichte menschliche Fähigkeit an. 7 Geistige Handlungen werden nach Leontjew durch den "Mechanismus der Interiorisierung äußerer Handlungen" (Leontjew 1977, S.296; Herv. Leontjew) angeeignet. 8 Unter Interiorisierung ist die allmähliche 'Umbildung' äußerer Handlungen in innere zu verstehen, ein Prozeß, der sich in der Ontogenese des Menschen zwangsläufig vollzieht, da alle menschlichen Errungenschaften "dem Kinde zunächst als äußere Erscheinungen, in Form von Gegenständen, Begriffen und Kenntnissen" (Leontjew 1977, S.296) gegenübertreten. Während man eine äußere Handlung einem Kind praktisch demonstrieren kann, lassen sich innere Handlungen weder demonstrieren, noch kann in ihren Vollzug unmittelbar eingegriffen werden. Aus diesem Grund können innere Handlungen so Leontjew nur über den Zwischenschritt der Exteriorisierung angeeignet werden. 9 Die Aneignungstheorie Leontjews war und ist innerhalb der kritischen Psychologie und auch den Sozial- bzw. Kulturwissenschaften umstritten. Ein erstmals von Sergej Rubinstein einem russischen Kollegen Alexej Leontjews formulierter Einwand ist, daß der Versuch Leontjews, in seiner Aneignungstheorie die Darlegungen Karl Marx' mit entwicklungspsychologischen Überlegungen zu verbinden, an dem Aneignungsbegriff Marx' vorbeigeht. 10 Auch einen zweiten, wohl relevanteren Schwachpunkt der Aneignungstheorie Leontjews spricht bereits Rubinstein an, indem er zu dessen Vorstellung, innere Handlungen entwickelten sich durch die Interiorisierung von äußeren Handlungen, feststellt: Es ist falsch, zu glauben, der Prototyp jeder geistigen 'Tätigkeit' sei die materielle Handlung. Ebenso falsch ist die Annahme, eine geistige Handlung könne ausschließlich entstehen durch die Hinwendung zu der ihr 'entsprechenden' materiellen Handlung, die sie auf geistiger Ebene reproduziere oder von der sie ausgehe. (Rubinstein 1979, S.176; Herv. Rubinstein) Gerade der zweite Kritikpunkt Rubinsteins weist auf den wohl zentralen Mangel der Aneignungstheorie Leontjews hin, nämlich die einseitige Determination des 'Inneren' durch das 'Äußere'. Dennoch hat die Aneignungstheorie Leontjews in der kritischen Psychologie und Pädagogik bis heute eine wichtige Stellung. Hier wird das Aneignungskonzept Leontjews früh als ein "konstituierendes Merkmal des 'historischen Herangehens an die menschliche Psyche', und deswegen [als] ein Grundbegriff marxistisch fundierter Psychologie überhaupt" betrachtet (Holzkamp im Vorwort zu Leontjew 1977, S.XXXVIII). Von Klaus Holzkamp wird die Aneignungstheorie Leontjews dann auch dahingehend präzisiert, daß er klar zwischen der Aneignung von Gegenstandsbedeutungen (z.b. Arbeitsprodukte) und der Aneignung von Symbolbedeutungen (z.b. Sprache) differenziert (vgl. Holzkamp 1973, S.182f.). 11

24 26 2 Aneignungskonzepte in der Medienforschung Zu einem Bekanntwerden der Leontjewschen Aneignungstheorie in der Pädagogik hat neben den Arbeiten Klaus Holzkamps die Sozialökologie Urie Bronfenbrenners beigetragen. Dieser setzt sich in seiner Publikation "Die Ökologie der menschlichen Entwicklung" zwar nicht mit der Aneignungstheorie Leontjews auseinander, aber er verweist mehrfach auf ihn und seine Überlegungen zur menschlichen Ontogenese. 12 Ein typisches Beispiel für die medienpädagogische Adaption des Leontjewschen Konzeptes ist die bereits erwähnte Sozialisationstheorie Hans-Günter Rolffs und Peter Zimmermanns. Deren Grundüberlegung ist, daß der Prozeß der Persönlichkeitsentwicklung sozial bedingt sei, der Mensch allerdings "vom Milieu nicht mechanistisch determiniert [ist], sondern [ ] ein reflektierendes, intentional handelndes Wesen" (Rolff & Zimmermann 1985, S.55). Aus diesem Grund erscheint es Rolff und Zimmermann nicht sinnvoll, die Sozialisation als einen Prozeß der individuellen Anpassung an die natürliche und soziale Umwelt zu beschreiben, eine Position, die sie insbesondere funktionalen Sozialisationstheorien vorwerfen. Sie gehen mit Verweis auf Leontjew davon aus, daß es angemessener ist, die Sozialisation als einen Prozeß der Aneignung von Kultur zu begreifen. Ähnlich wie auch Alexej Leontjew und Klaus Holzkamp unterscheiden Rolff und Zimmermann zwei Seiten des Aneignungsprozesses, nämlich einerseits die Aneignung von materieller Kultur, die sich über eine auf Dinge bezogene Tätigkeit vollzieht, und andererseits die Aneignung von symbolischer Kultur, wobei die letztere nach Rolff und Zimmermann durch die menschliche Fähigkeit zur Reflexion bedingt ist. Sowohl die materielle als auch die symbolische Kultur eignet sich das Individuum durch Handeln an, was Hans-Günter Rolff und Peter Zimmermann in der formelhaften Wendung ausdrücken: "Man wird nicht nur sozialisiert, man sozialisiert sich zum Teil auch selbst" (Rolff & Zimmermann 1985, S.58). Basierend auf diesen Überlegungen gehen Rolff und Zimmermann davon aus, daß das Fernsehen als Medium den "Modus der Aneignung von symbolischer Kultur" (Rolff & Zimmermann 1985, S.86) beeinflußt, indem es zur Sozialisationsinstanz geworden ist. Dabei ermöglicht das Fernsehen den Kindern und Jugendlichen, aus einem breiten Sinnangebot auszuwählen, und es werden ihnen Informationen zugänglich, die ansonsten für sie nicht erreichbar wären. Insgesamt betonen Hans-Günter Rolff und Peter Zimmermann aber, daß die negativen Auswirkungen des Fernsehens auf den Sozialisationsprozeß überwiegen, da sich mit dem Fernsehen "der Modus der Aneignung symbolischer Kultur hin zur Bevorzugung ikonischer Rezeption" (Rolff & Zimmermann 1985, S.89) verändert hat. Das Fernsehen verdränge als Bildmedium die Wortkultur, was dazu führe, daß verbal-analytische Fähigkeiten an Bedeutung verlören. Hierdurch entstehe ein "neuer Sozialisationstyp", dessen entscheidendes Charakteristikum die Veränderung der Aneignungsweise von symbolischer Kultur ist. Diese wird von den Kindern nicht mehr direkt erfahren, sondern "aus zweiter Hand" (Rolff & Zimmermann 1985, S.139), indem eine mediatisierte Aneignung der symbolischen Kultur vorherrschend ist. Das Fernsehen muß dabei als die zentrale Sozialisationsinstanz gelten, da es als Leitmedium den gesamten Medienverbund bestimmt. Dies heißt zwar nicht, daß das Fernsehen zu einem Verlust an Information beiträgt, jedoch kommt es zu einer Verarmung der unmittelbaren Erfahrung. Rolff und Zimmermann gehen davon aus, daß die Kinder über das Medium Fernsehen im speziellen und die Medien im allgemeinen mit den Deutungsmustern fremder Lebenswelten konfrontiert werden, die sie übernehmen. Die Mediatisierung der Erfahrung vermindert so mehr und mehr die Fähigkeit der Kinder, eigene Erfahrungen zu organisieren (vgl. Rolff & Zimmermann 1985, S.139). Die Sozialisation in der heutigen Gesellschaft sei eine Sozialisation durch Massenkultur: 13

25 2.1 Mediensozialisation als Aneignung 27 Wir halten eine kultursoziologische Interpretation des Wandels der Lebenswelt für angemessen, die den Mangel an Aneignung aus der Durchsetzung von Massenkultur erklärt, die industriell vorfabrizierte Aneignungsmuster verbreitet und den Kindern in subtiler Weise aufherrscht. Massenkultur in diesem Sinne begreifen wir als modernstes Instrument kultureller Kontrolle, das nicht nur äußerst wirksam ist, sondern gleichzeitig seinen wahren Charakter als Herrschaftsinstrument vertuscht. (Rolff & Zimmermann 1985, S.165) Die Entwicklung der Massenkultur zum "modernsten Instrument kultureller Kontrolle" (Rolff & Zimmermann 1985, S.165) sehen Rolff und Zimmermann als einen zwangsläufigen Prozeß an. Die alltägliche Lebenswelt ist fragmentiert, 14 was zu einem Verlust an Deutungsmustern geführt hat. Durch dieses "vielbeklagte Defizit an Sinn und Orientierung" (Rolff & Zimmermann 1985, S.166) entsteht eine Lücke, die die Massenkultur füllt. Gerade von seiten der Kinder besteht eine große Nachfrage an massenkulturellen Deutungs- und Orientierungsmustern, da die fragmentierte Lebenswelt aufgrund ihres "strukturierten Sinndefizits" die von ihnen in stärkerem Maße benötigten Orientierungshilfen nicht bieten kann. Hierdurch wird die Massenkultur insofern zu einem Kontrollinstrument, als sie die Muster ihrer Aneignung selbst vorfabriziert, indem die von ihr hergestellten massenkulturellen Produkte nur spezifische Formen des Gebrauchs zulassen. Wie andere Gegenstände auch, so implizieren massenkulturelle Produkte in freier Übertragung der Aneignungstheorie Leontjews ganz bestimmte Aneignungsweisen. Dieses Verständnis von 'Medienaneignung' läßt sich als "medienpädagogischer Aneignungsbegriff" bezeichnen. Problematisch an diesem Aneignungsbegriff ist, daß bei ihm Produktionsweisen bzw. Eigenschaften medialer Produkte und Aneignungsformen in eine direkte Beziehung zueinander gesetzt werden. Der populärste Vertreter einer solchen Vorstellung ist sicher der Medienökologe Neil Postman, der bei seiner Medienkritik davon ausgeht, daß ein Medium die Aneignungsformen selbst verändert, indem es bestimmte "Anwendungsformen des Intellekts fördert, bestimmte Definitionen von Intelligenz und Weisheit bevorzugt und nach einer bestimmten Art von Inhalten verlangt" (Postman 1985, S.39f.). Bezogen auf das Fernsehen heißt das, daß es grundlegend ernsthafte Diskurse und argumentative Auseinandersetzungen verdränge, und auf Unterhaltung fixierte Aneignungsformen favorisiere. 15 Unabhängig davon, wie man zu dieser pessimistischen Einschätzung der Massenkultur im allgemeinen und des Mediums Fernsehen als Sozialisationsinstanz im speziellen steht, bleiben solche Überlegungen aus der Perspektive der Cultural Studies in zweifacher Hinsicht problematisch: Erstens wird der Zusammenhang von Medium und seiner Aneignung zu direkt gesehen. Es ist zu vereinfachend, davon auszugehen, daß Kinder und Jugendliche Orientierungsmuster der Medien übernehmen, weil diese keine anderen Aneignungsweisen zulassen würden. Der Medienkonsum von Kindern und Jugendlichen, aber auch von anderen Rezipientengruppen, ist eine vielschichtige Auseinandersetzung mit den Bedeutungsangeboten der einzelnen Medientexte. Hierbei wird, wie Paul Willis und seine Mitarbeiter gezeigt haben, auch von arbeitslosen Jugendlichen, denen man aufgrund ihrer Lebenslage typischerweise ein Orientierungsdefizit zuspricht, das Bedeutungsangebot der Medientexte für eigene Zwecke instrumentalisiert (vgl. Willis et al. 1991, S.47 78). Häufig ist die "'produktive' Rezeption von Texten und Gebilden und die Arbeit daran [ ] der Beginn eines sozialen Prozesses [ ], der zu eigenen konkreten Produktionen gelangt, und zwar entweder von neuen Formen oder von neuartigen Kombinationen bestehender Formen" (Willis et al. 1991, S.37). Der medienökologische Aneignungsbegriff klammert diesen Aspekt der rekombinierenden Aneignung von symbolischer Kultur vollkommen aus. Basierend auf der Vorstellung, bestimmten Medien würden (ebenso wie Gegenständen) bestimmte Aneignungsformen

26 28 2 Aneignungskonzepte in der Medienforschung entsprechen, wird davon ausgegangen, daß das Medium Fernsehen nur bestimmte Aneignungsweisen 'zuläßt'. Als ein Medium des Bildes impliziere das Fernsehen eine Aneignungsweise, die eine Auseinandersetzung mit der eigenen Lebenswirklichkeit verdrängt. Durch die Vorstellung, daß kulturelle Produkte einerseits und ihre Aneignungsweise andererseits in einer direkten Beziehung zueinander stehen, tendiert der medienpädagogische Aneignungsbegriff so zu einer Wirkungsvorstellung. Ein zweiter Punkt, warum der medienökologische Aneignungsbegriff problematisch erscheint, ist, daß dieser die Funktion der Medien auf die einer Sozialisationsinstanz reduziert. Wie Bob Hodge und David Tripp deutlich machen, erschöpft sich der Stellenwert der Medien in der Sozialwelt der Kinder und Jugendlichen nicht in der einer Sozialisationsinstanz (vgl. Hodge & Tripp 1986). Sowohl von Kindern als auch Jugendlichen werden Medien wie das Fernsehen kreativ gebraucht. Ganz ähnlich argumentiert auch David Buckingham (1993; 1996). So zeigt er anhand vielfältiger empirischer Untersuchungen, daß der sozialisationstheoretische Blick auf den Umgang von Kindern mit Fernsehen zu eng ist, indem er deren Mediennutzung ausschließlich als 'Vorbereitung' auf das Erwachsenendasein konzeptionalisiert (Buckingham 1993, S.282). Dem stellt er das Konzept der "television literacy" gegenüber, nach dem Kinder und Jugendliche eigenständig ein vielschichtiges Set von kulturellen Praktiken entwickeln, mittels derer sie sich Medien kritisch und produktiv aneignen. Entsprechend ist es unangemessen, davon auszugehen, daß die Medien mehr seien als "Katalysatoren" im Prozeß ihrer Aneignung. Sie können sozialisierende Funktionen haben, daneben aber auch noch eine Vielzahl von anderen. Indem im medienpädagogischen Aneignungsbegriff die Funktion von Medien von vornherein mit der einer Sozialisationsinstanz gleichgesetzt wird, wird er der Vielschichtigkeit der Medienaneignung von Kindern und Jugendlichen nicht gerecht, was eine Übertragung auch auf den Umgang von Erwachsenen mit Medien von vornherein unmöglich macht. Eine solche Verkürzung ließe sich vermeiden, wenn man nicht nur die Sozialisation durch Medien als einen Aneignungsakt begriffe, sondern ganz allgemein den Umgang von Menschen mit Medien. In einem solchen Fall muß man jedoch von allgemeineren Überlegungen ausgehen. 2.2 Aneignung als eine Phase des Rezeptionsprozesses: Der strukturanalytische Aneignungsbegriff Im Gegensatz zu medienpädagogischen Publikationen verwenden Michael Charlton und Klaus Neumann-Braun den Ausdruck 'Aneignung', um eine bestimmte "Phase" des Rezeptionsprozesses zu charakterisieren, in der die Rezipienten die Medieninhalte vor dem Hintergrund der eigenen Medienerfahrung, Biographie und sozialen Lage assimilieren. Bevor aber näher auf den Aneignungsbegriff Michael Charltons und Klaus Neumann-Brauns eingegangen werden kann, ist es sinnvoll, die Grundzüge des "Struktur- und Prozeßmodells der Medienrezeption" darzulegen, um den Begriff in den notwendigen theoretischen Rahmen einzuordnen. 16 Bezugnehmend auf den aktuellen Stand der handlungsorientierten Rezeptionsforschung, betrachten Michael Charlton und Klaus Neumann-Braun Medienrezeption als intentionales Handeln, bei dem die Rezipienten zum rezipierten Medientext in einem 'dialogischen Verhältnis' stehen. Diese in Anlehnung an den Begriff der para-sozialen Interaktion von Donald Horton und Richard R. Wohl sowie an die weiterführenden Überlegungen Will Teicherts entwickelte 17 Konzeption der "Massenkommunikation als Dialog" (Neumann & Charlton 1988, S.7) muß als theoretisches Fundament des "Struktur- und Prozeßmodells" gelten. Charlton und Neumann-Braun betonen, daß

27 2.2 Aneignung als eine Phase des Rezeptionsprozesses 29 die "Strukturen und Funktionen der Massenkommunikation zu denen der interpersonalen Kommunikation in Beziehung zu setzen" (Charlton & Neumann 1990, S.28) seien, wenn man der Medienrezeption als einer Form der Gestaltung und Bewältigung von Alltag gerecht werden möchte. Dies begründen sie damit, daß die Medienkommunikation mehr Gemeinsamkeiten mit der dialogischen Alltagskommunikation aufweist als mit der Informationsverarbeitung technischer Systeme: Erstens dient die Medienkommunikation wie die Kommunikation mit Mitmenschen auch der wechselseitigen Orientierung, Bedürfnisbefriedigung, Identitätsbewahrung und Lebensbewältigung (vgl. Charlton & Neumann-Braun 1992, S.81), und zweitens ist der "Dialog" zwischen Medientext und Rezipient wie die Alltagskommunikation in ein spezifisches Interaktionsumfeld eingebettet (vgl. Charlton & Neumann 1990, S.28). Den in solcher Weise situierten Rezeptionsprozeß möchten Charlton und Neumann- Braun mit Hilfe ihres "Struktur- und Prozeßmodells" beschreiben. Der Begriff der Strukturanalyse weist dabei, wie sie selbst betonen, weniger auf einen in sich geschlossenen theoretischen Ansatz hin, denn auf die verwendete Analysemethode: Die Strukturanalyse stellt dabei eher eine Methode als eine bestimmte Theorie bereit, sie kann daher auch nicht als eigenständiger theoretischer Ansatz [ ] angesehen werden. Vielmehr ist das Ziel der strukturanalytischen Rezeptionsforschung, die Regeln zu untersuchen, nach denen Menschen mit Medien umgehen. (Charlton & Neumann-Braun 1992, S.82; Herv. Charlton & Neumann- Braun) Die von Charlton und Neumann-Braun favorisierte Methode der Strukturanalyse geht auf Ulrich Oevermanns Ansatz der objektiven Hermeneutik zurück (vgl. beispielsweise Oevermann 1986), den sie aufgreifen und für die Rezeptionsforschung nutzbar machen. Mit Bezug auf die Überlegungen Oevermanns verstehen sie die Medienkommunikation als eine Form des regelgeleiteten sozialen Handelns. Ziel des Forschungsprozesses ist es demgemäß, durch die Analyse von einzelnen Handlungen über den Einzelfall hinausgehende Regeln der Mediennutzung herauszuarbeiten. Auf diese Weise soll eine "strukturgenetische Kompetenztheorie" (vgl. Charlton & Neumann 1990, S.35) der Medienrezeption entwickelt werden. Bei der Analyse einzelner Rezeptionshandlungen müssen, so Michael Charlton und Klaus Neumann-Braun, drei "Ebenen der Handlungskoordination" (Charlton & Neumann-Braun 1992, S.83) unterschieden werden, die sich in ihrer zeitlichen Dauer und situativen Komplexität unterscheiden. Die erste Ebene ist die des eigentlichen Rezeptionsprozesses, also die Auseinandersetzung des Rezipienten mit dem Medienangebot. 18 Auf einer zweiten Ebene ist das Handeln der Medienrezipienten nicht nur auf die eigentliche Auseinandersetzung mit dem Medium orientiert, sondern stets auch auf den situativen und kulturellen Kontext. Als soziales Handeln ist die Medienrezeption eingebettet in bestimmte strukturelle Rahmenbedingungen. 19 Die dritte Ebene der Handlungskoordination ist die der Lebensbewältigung und Identitätsbewahrung. Die Deutungsmuster, die die einzelnen Medientexte bieten, werden von den Rezipienten auch dazu verwendet, einzelne Aufgaben der Lebensbewältigung und Identitätsbewahrung zu lösen. Diese 'Lebensaufgaben' werden auch im Gebrauch von Medien 'bewältigt' (vgl. Neumann & Charlton 1989, S.178). Insgesamt weist die Drei-Ebenen-Differenzierung Charltons und Neumann-Brauns darauf hin, daß die Medienrezeption eine hoch komplexe Form des Handelns darstellt. Sie kann sowohl Ausgangspunkt für eine weitere Auseinandersetzung mit dem Medientext als auch Bezugspunkt für die Lösung interpersonaler Probleme oder eine individuelle Lebensbewältigung sein. Den Rezeptionsprozeß selbst stellen sich die beiden Autoren als einen in vier Phasen strukturierten Vorgang vor:

28 30 2 Aneignungskonzepte in der Medienforschung Die erste Phase des Rezeptionsprozesses ist die der sozialen Einbettung der Rezeption. Wie Charlton und Neumann-Braun betonen, bedarf die Medienrezeption in den meisten Fällen einer gewissen Vorbereitung bzw. interaktiven Absicherung. Gerade wenn nicht allein, sondern in der Gruppe Medien rezipiert werden, müssen die einzelnen Gruppenmitglieder klären, "wer sich mit seinen Wünschen durchsetzen darf und wer sich unterordnen muß, und wie sehr man im weiteren körperlich oder seelisch aufeinander zugehen will" (Charlton & Neumann-Braun 1992, S.92). Solche und ähnliche Handlungen, die der Definition der sozialen Beziehung bzw. der interaktiven Konstitution der Rezeptionssituation dienen, sind charakteristisch für die erste Phase des Rezeptionsprozesses. Hieran schließt sich die zweite Phase des Rezeptionsprozesses an, nämlich die der thematischen Voreingenommenheit gegenüber den rezipierten Inhalten. Ausgehend von ihren Bedürfnissen, ihrem Wissen und ihrer persönlichen Disposition, haben die einzelnen Medieninhalte eine unterschiedliche thematische Relevanz im Leben der Rezipienten. Entsprechend erscheint es sinnvoll, die Zuwendung zu den einzelnen Medieninhalten als eigenständige Phase des Rezeptionsprozesses zu betrachten. Als dritte Rezeptionsphase bezeichnen Charlton und Neumann-Braun die Phase der strategischen Rezeptionssteuerung. Dabei handelt es sich in gewissem Sinne um die Kernphase der Rezeption, also den Zeitabschnitt, in dem sich Rezipienten für ein bestimmtes Rezeptionsthema entscheiden und sich mit ihm (z.b. durch Lesen, Zuhören oder Zuschauen) auseinandersetzen. Über einzelne Strategien der Rezeptionssteuerung, wie der Ab- bzw. Unterbrechung des Lesevorgangs oder dem Wechsel zwischen "inlusivem" (Distanzierung) und "illusivem Rezeptionsmodus" (Identifikation), regulieren die Rezipienten, so Charlton und Neumann-Braun, "das Ausmaß der Konfrontation mit dem Thema und den Grad des emotionalen Engagements" (Charlton & Neumann-Braun 1992, S.96). An die bisher beschriebenen drei Phasen des Rezeptionsprozesses schließt sich eine vierte Phase an, nämlich die Aneignungsphase. In diesem Abschnitt der Rezeption werden die rezipierten Inhalte "an die eigene Lebenssituation assimiliert" (Charlton & Neumann-Braun 1992, S.98), d.h. mit der eigenen Mediengeschichte, Biographie und sozialen Lage vermittelt: "In den Aneignungsprozessen findet [ ] eine Vermittlung von Individuum und Gesellschaft statt: In der Auseinandersetzung mit den Medienprodukten vermitteln Rezipienten zwischen allgemeiner 'Massenkultur' und besonderer Biographie bzw. eigener Lage auf dem Hintergrund ihrer Bemühungen um Lebensbewältigung." (Neumann & Charlton 1990, S.38; Herv. Neumann & Charlton) Diese Vermittlungstätigkeit ist keine ausschließlich innere Auseinandersetzung mit den Medieninhalten, sondern bezieht auch Gespräche über die rezipierten Medientexte oder Rollenspiele mit ein. Entsprechend ist es nur schwer möglich, die Aneignungsphase zeitlich abzugrenzen. Sie kann bereits während der eigentlichen Rezeption beginnen, z.b. durch Gespräche beim Fernsehen, und sich weit über diese hinaus fortsetzen. Charlton und Neumann-Braun charakterisieren also mit 'Aneignen' einen 'Abschnitt' des Rezeptionsprozesses, der zwar in die Kernphase der Rezeption hineinragen kann, jedoch in der zeitlichen Abfolge als nach dieser liegend gedacht wird. Handlungen wie das Lesen, Zuhören oder Zuschauen werden nicht als Teil des Aneignungsprozesses beschrieben. Diese werden als Handlungen typisiert, bei denen der Rezipient zwar den Grad seiner Involviertheit bestimmen kann, für die aber ansonsten eher eine Art 'Übernahme' des Medienangebots charakteristisch zu sein scheint. Ein solcher Aneignungsbegriff ist nicht nur für das "Struktur- und Prozeßmodell der Medienrezeption" von Charlton und Neumann-Braun charakteristisch, sondern liegt auch anderen handlungstheoretischen Überlegungen zugrunde. So bezeichnet Lothar Mikos zwar ohne auf Michael Charlton und Klaus Neumann-Braun Bezug

29 2.2 Aneignung als eine Phase des Rezeptionsprozesses 31 zu nehmen, jedoch in deutlicher Parallele zu deren Darlegungen Fernsehaneignung als 'Nachphase' des 'eigentlichen' Rezeptionsprozesses. Mit 'Rezeption' bezeichnet Lothar Mikos die "individuelle Interaktion mit dem Fernsehtext", aus der der Medienrezipient "irgendwann doch wieder zurück in die soziale Realität" (Mikos 1994a, S.99) muß. Unter 'Aneignung' hingegen versteht Mikos "die Übernahme der Fernseherzählungen in den Alltag der Zuschauer" (Mikos 1994a, S.99), also die Integration in die lebensweltlichen Verweiszusammenhänge der Zuschauer. Diese Übernahme geschieht vor allem kommunikativ, d.h. durch "die Folgekommunikation, die die Rezeption unweigerlich nach sich zieht" (Mikos 1994a, S.99). Dieser Aneignungsbegriff ist kürzlich von Ben Bachmair kritisiert worden. Bachmair gibt zu bedenken, daß die Fernsehrezeption selbst eine Aneignungsleistung der Zuschauer darstellt, die bereits lebensweltlich und biographisch verankert ist. Die Fernsehrezeptionssituation wird von den Zuschauern zu Hause durch ihr Handeln konstituiert, ein Handeln, das in ein vielschichtiges soziales Interaktionsgeschehen eingebettet ist: [Die] flexible individuelle Einbindung von Medienrezeption in eine Fülle von Alltagssituationen ist eine individuelle Aneignungsleistung. Mikos beschreibt die 'Fernsehaneignung' (S. 101ff.) als 'Übernahmen der Fernseherzählung in den Alltag der Zuschauer' (S. 101), bei der die Medien auf der Basis der Rezeption eine strukturierende 'kommunikative Ressource' (S. 101) sind. Zunehmend mehr wird die Rezeption wann, mit wem, wo, wie der erste Teil der Aneignung sein, der die Art und Weise der Aneignung der gesehenen Figuren, Geschichten usw. beeinflußt. Die Aneignung ist ein individueller Prozeß der subjektiven und damit thematischen Integration symbolischen Medienmaterials durch die Rezipienten in Alltag und Phantasieinnenwelt. Auch wenn es aus analytischen Gründen hilfreich ist, Rezeptionssituation und Medienaneignung zu trennen, fällt Medien- bzw. Fernsehrezeption nicht aus der Logik des Aneignungsprozesses heraus. (Bachmair 1996, S.190) Dieses Zitat macht nochmals deutlich, warum aus kulturwissenschaftlicher Perspektive ein Aneignungsbegriff problematisch erscheinen muß, nach dem unter Aneignung ein spezifischer, von der Kernphase der Rezeption getrennter zeitlicher Abschnitt der 'Assimilation' eines Medientextes zu verstehen ist. Die Differenzierung einer Aneignungsphase von einer Kernphase der Rezeption suggeriert, daß bei der Rezeption eines Kommunikats eine 'eigentliche' oder 'objektive Bedeutung' desselben von den Rezipienten 'aufgenommen' werden würde. In einem sich anschließenden Prozeß würde dann diese auf welche Weise auch immer repräsentierte 'objektive Bedeutung' angeeignet und damit zu einem Teil der eigenen Bedeutungswelt gemacht. Eine solche Betrachtung wird dem Phänomen der Medienaneignung im allgemeinen und der Fernsehaneignung im speziellen aber insofern nicht gerecht, als daß Lesen, Zuhören und Zuschauen selbst schon ein Vorgang der Vermittlung mit der eigenen lebensweltlichen und biographischen Lage ist. Begreift man den Prädikatsausdruck 'Aneignen' als eine Metapher für den aktiven Umgang der Rezipienten mit Medientexten, so stellt sowohl das Rezipieren (Lesen, Hören, Sehen) der Medientexte als auch das Kommunizieren über sie und ihre weitergehende Verarbeitung jeweils eine spezifische Form der Aneignung dar. So unterschiedlich diese Arten des Handelns auch sein mögen, sie haben gemeinsam, daß sich die Rezipienten durch sie die Medientexte zu eigen machen, indem sie ihnen eine lebensweltliche Bedeutung zuweisen. Gerade diese Grundüberlegung ist der Ausgangspunkt für einen anderen Aneignungsbegriff, der im folgenden Kapitel dargelegt werden soll, nämlich dem der Cultural Studies.

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31 3 Medienrezeption als Aneignung: Zum Aneignungsbegriff der Cultural Studies Im Gegensatz zu den beiden bisher dargelegten Aneignungskonzepten gründet sich die Medienforschung der Cultural Studies auf eine andere Aneignungstheorie, nämlich die des Poststrukturalisten Michel de Certeau. Nun heißt dies nicht, daß in den Cultural Studies erst seit de Certeau der Aneignungsbegriff einen entsprechenden Stellenwert hat. Bekanntermaßen hat ja bereits Stuart Hall die Mediennutzung als einen Prozeß der Aneignung beschrieben (vgl. die Darlegungen auf Seite 23). Aber mit de Certeau wurde 'Aneignung' zu einem zentralen Konzept der Medienstudien der Cultural Studies. John Fiskes Theorie der "popular culture" wäre ohne dessen Auseinandersetzung mit de Certeau nicht zu denken (vgl. dazu S.37), und auch Fiskes Konzept des "producerly text", wonach massenmediale Texte in ihrem Bedeutungsangebot strukturell 'offen' sein müssen, wenn sie auf Rezipientenseite anschlußfähig sein sollen, ist nicht ohne die Aneignungstheorie de Certeaus zu denken: Die von der Kulturindustrie produzierten und verbreiteten Erzeugnisse, die zu einem Teil der Populärkultur werden, sind diejenigen, die 'außer Kontrolle' geraten, die nicht zu disziplinieren sind. [ ] Die soziale Erfahrung, die die Relevanz bestimmt, die das Textuelle mit dem Sozialen verbindet und die die populäre Produktivität antreibt, liegt jenseits der Kontrolle des Textes, und zwar auf eine Art und Weise, die sich von der eher festlegenden Textkompetenz und der Erfahrung des schreibenden Lesers eines avantgardistischen Textes unterscheidet. Man kann hier auf die Metapher Michel de Certeaus Bezug nehmen [ ], der hier das Bild der kolonisierenden Armee aufgreift, die die Kontrolle über ein schwer zugängliches, bergiges Gebiet aufrechterhalten möchte und sich der Gefahr von Guerilla-Angriffen aussetzen muß sie kann sich selbst nur schützen, indem sie sich in ihre Zitadellen zurückzieht. Die Populärkultur ist stets für diejenigen ein schwer zugängliches, bergiges Gebiet, die sie kontrollieren möchten (unabhängig davon, ob aus ökonomischen, ideologischen oder disziplinarischen Gründen), und ihre Guerilla-haften Lektüren sind eine strukturelle Notwendigkeit des Systems. (Fiske 1997, S.66) Auch Henry Jenkins (1992) stützt seine Analysen von Fernseh-Fankulturen auf die Theorie de Certeaus, indem er dessen Vorstellung des Rezipienten als"poachers" und "nomads" aufgreift, der sich Fernsehtexte auf produktive Weise 'zu eigen' macht. Auf ähnliche Weise bezieht sich Rainer Winter (1995) in seiner Studie über die Rezeption von Horrorfilmen auf die Aneignungstheorie de Certeaus. Die Aufzählung von empirischen und theoretischen Studien der Cultural Studies, die in Auseinandersetzung mit den Darlegungen de Certeaus entstanden sind, ließe sich weiter fortführen (vgl. beispielsweise Silverstone 1989; Frow 1991; Poster 1992; Morley 1996). 1 Bevor jedoch auf jüngere Aneignungsstudien der Cultural Studies eingegangen wird, sollen im folgenden die Grundzüge der Aneignungstheorie de Certeaus skizziert werden, um deren Einfluß auf die Cultural Studies nachvollziehbar zu machen. Ziel dabei ist zu zeigen, daß die Theorie de Certeaus einen geeigneten theoretischen Bezugspunkt für eine kulturwissenschaftliche Analyse des Rezeptionsprozesses darstellt.

32 34 3 Medienrezeption als Aneignung: Zum Aneignungsbegriff der Cultural Studies 3.1 Aneignungspraktiken und Alltagskultur Den Ausgangspunkt für Michel de Certeaus Betrachtung der Alltagspraktiken bildet eine Auseinandersetzung mit der von Michel Foucault in "Überwachen und Strafen" dargelegten Überlegung, die moderne Gesellschaft würde umfassend durch ein Raster der Überwachung, durch kleine technische Prozeduren der Disziplinierung kontrolliert. Die Disziplinierung in der modernen Gesellschaft hat nach Foucault gleichzeitig die Vermehrung der Fähigkeiten der Untergebenen und die Vertiefung ihrer Unterwerfung im Auge, also "die Schaffung eines Verhältnisses, das in einem einzigen Mechanismus den Körper um so gefügiger macht, je nützlicher er ist, und umgekehrt" (Foucault 1977a, S.176). 2 Die Lösung dieses Paradoxons (Steigerung der individuellen Fähigkeiten bei gleichzeitig zunehmender Gefügsamkeit der Individuen) erfolgt in der modernen Gesellschaft über eine Vielfalt von oft geringfügigen, verschiedenartigen und sich nicht selten überschneidenden "Disziplinen", d.h. über "Prozeduren", "Techniken" und "Dispositive", die zusammen eine "Mikrophysik der Macht" bilden (Foucault 1977a, S.177f.). Die "Mikrophysik der Macht" ist nicht an einzelne Institutionen gebunden, sondern durchzieht in den Augen Foucaults die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit, es scheint nichts zu geben, was außerhalb von ihr steht. In "Überwachen und Strafen" versucht Foucault, die einzelnen "Techniken", "Dispositive" und "Prozeduren" zu benennen und zu klassifizieren, aus denen sich dieses Raster der Disziplinierung zusammensetzt. Zu den Überlegungen Foucaults hat de Certeau ein widersprüchliches Verhältnis. Einerseits schätzt er die Arbeit Foucaults, da er mit ihr "an einem historischen Gegenstand diejenige Zone beschreibbar gemacht [hat], in der die technologischen Prozeduren spezifische Machtfunktionen haben, eigenen logischen Gesetzmäßigkeiten gehorchen und zu einer grundsätzlichen Umorientierung in den Institutionen der Ordnung und des Wissens führen können" (de Certeau 1988, S.111f.; Herv. de Certeau). Hier sieht de Certeau insofern eine methodische Parallele zwischen seinem eigenen Ansatz und dem Foucaults, als es ihnen beiden darum geht, "die quasi mikrobenhaften Operationen zu bestimmen, die sich im Inneren der technokratischen Strukturen verbreiten" (de Certeau 1988, S.16). Andererseits geht de Certeau in Opposition zu Foucault und betont, daß dieser die "Mikrophysik der Macht" überbewertet, indem er die Disziplin produzierenden Dispositive für effektiver hält, als sie sind. 3 Eine Gesellschaft besteht nicht nur aus disziplinierenden Mechanismen, sondern umfaßt auch eine Vielzahl von weiteren Praktiken, die "klein" und "minoritär" (de Certeau 1988, S.110) geblieben sind. Zu diesen "kleinen", von der Geschichte nicht "privilegierten" Praktiken zählt de Certeau die Alltagspraktiken der Konsumenten, die im Mittelpunkt seiner "Kunst des Handelns" stehen. Diese kleinen Handlungsweisen bilden ein Gegengewicht zu den disziplinierenden Prozeduren, die die soziopolitische Ordnung organisieren. De Certeau spricht davon, daß die minoritären Praktiken mit den Mechanismen der Disziplinierung spielen und sich ihnen nur anpassen, um sie gegen sich selbst zu wenden (vgl. de Certeau 1988, S.16). Die Alltagspraktiken stellen einen von Foucault nicht hinreichend berücksichtigten Gegenpol zu der "Mikrophysik der Macht" dar und relativieren diese: Das Gegenstück zur rationalisierten, expansiven, aber auch zentralisierten und lautstarken und spektakulären Produktion ist eine andere Produktion, die als 'Konsum' bezeichnet wird: diese ist listenreich und verstreut, aber sie breitet sich überall aus, lautlos und fast unsichtbar, denn sie äußert sich nicht durch eigene Produkte, sondern in der Umgangsweise mit den Produkten, die von der herrschenden ökonomischen Ordnung aufgezwungen werden. (de Certeau 1988, S.13; Herv. de Certeau)

33 3.2 Strategie vs. Taktik: Räume und Orte 35 Die Alltagspraktiken der Konsumenten können nicht durch die soziopolitische Ordnung, durch ein wie auch immer ausdifferenziertes Raster der Überwachung vollkommen kontrolliert werden. 4 Sie sind nicht selten Formen des Umgehens solcher Ordnungssysteme. Das Ziel Michel de Certeaus ist es, dieses "Netz der Antidisziplin" (de Certeau 1988, S.16), das die Alltagspraktiken bilden, näher zu beschreiben. Bei der Charakterisierung der Alltagspraktiken spielt in den Darlegungen de Certeaus immer wieder der Ausdruck 'Aneignen' (frz. & engl. "appropriation") eine zentrale Rolle. Alltagspraktiken sind für de Certeau in erster Linie "Aneignungspraktiken" (de Certeau 1988, S.19), durch die Konsumenten Produkte 'in ihren Besitz' nehmen und sie zu einem Teil ihres 'kulturellen Eigentums' machen. Der Ausdruck 'Aneignen' bildet dabei einen Gegenbegriff zu 'Assimilation': Nach de Certeau kann der alltägliche Konsum nicht als ein Vorgang des Sich-Anpassens beschrieben werden eine Ware zu konsumieren bedeutet vielmehr, diese an das anzupassen, was man ist. Der Mensch ist nicht nur bei der Produktion von Gütern ein aktiv handelndes Wesen, sondern auch bei dem Konsum dieser Güter, denn Konsum ist das aktive Erzeugen von Bedeutungen. Dies hat Folgen für de Certeaus Verständnis von Populär- oder Alltagskultur. Anders als bei Arbeiten, die in der Tradition der kritischen Theorie von Adorno und Horkheimer stehen, bestimmt nach de Certeau nicht die Kulturindustrie, ob und inwieweit Kulturwaren ein Teil der Alltagskultur werden, sondern die Konsumenten bestimmen dies durch ihren Gebrauch der Produkte (vgl. Winter 1995, S.119). Die Alltagskultur "zeigt sich im wesentlichen als eine 'Kunstfertigkeit' im Umgang mit diesem oder jenem, das heißt als kombinierende und verwertende Konsumformen [sic!]" (de Certeau 1988, S.17; Herv. de Certeau). Man kann also den Verbraucher nicht mit den kommerziellen Produkten gleichsetzen, die er konsumiert, zwischen ihm (der sich ihrer bedient) und diesen Produkten (den Indizien für die 'Ordnung', die ihm aufgezwungen wird) gibt es den mehr oder weniger großen Spielraum des Gebrauchs (vgl. de Certeau 1988, S.82). Nach de Certeau manifestiert sich die Alltagskultur vor allem im Stil des Umgangs mit Waren, wobei dieser Überlegung ein an der Linguistik orientierter Stilbegriff zugrunde liegt. 5 Er begreift die einzelnen Alltagspraktiken als Handlungen, die innerhalb des kulturellen Systems einen ähnlichen Stellenwert haben wie Sprechakte im System der Sprache (vgl. de Certeau 1988, S.83 84). Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, daß de Certeau einzelne "Handlungsstile" (d.h. "Macharten" von Handlungen, vgl. de Certeau 1988, S.73 & 78) als konstitutiv für Alltagskultur begreift: Die Alltagskultur manifestiert sich in den Augen de Certeaus in den unterschiedlichen Stilen, in denen die Alltagshandlungen gestaltet werden. Bezogen auf Kulturwaren heißt dies, daß die Konsumenten, indem sie sich die Produkte der Kulturindustrie in der ihnen eigenen Art und Weise aneignen, ihre Alltagskultur konstituieren. Folglich erscheint es nicht sinnvoll, von einer Massenkultur im Singular zu sprechen. Unterschiedliche kulturelle Kontexte zeichnen sich durch unterschiedliche Aneignungsweisen von Produkten aus es gibt eine Vielzahl von alltäglichen Kulturen. 3.2 Strategie vs. Taktik: Räume und Orte Es stellt sich nun die Frage, was das Verbindende der verschiedenen Alltagshandlungen der Konsumenten ist, die de Certeau als Aneignungspraktiken bezeichnet. Um deren Gemeinsamkeiten zu charakterisieren, greift er auf die Unterscheidung von strategischem und taktischem Handeln zurück, 6 um zwei Idealtypen menschlichen Handelns näher zu charakterisieren:

34 36 3 Medienrezeption als Aneignung: Zum Aneignungsbegriff der Cultural Studies Eine Strategie ist nach de Certeau die Handlungsweise eines Mächtigen, die sich auf die Berechnung von Kräfteverhältnissen stützt. 7 Die Voraussetzung für strategisches Handeln ist das Vorhandensein eines eigenen Ortes, eines Machtbereichs. Das Ziel des strategischen Handelns ist es, diesen Machtbereich von der Umgebung abzugrenzen bzw. ihn auszudehnen. Im Gegensatz zur Strategie zeichnet sich die Taktik durch das Fehlen von Macht aus, sie ist weniger eine langfristige Berechnung denn ein kurzfristiges Kalkül. Die Taktik hat keinen eigenen Ort bzw. Machtbereich, sondern nur den des Anderen, in den sie eindringt, ohne ihn jemals vollständig erfassen zu können. De Certeau spricht davon, daß die Taktiken listig die Lücken nutzen müssen, die sich ihnen in besonderen Situationen auftun (vgl. de Certeau 1988, S.89). Taktiken wildern in den Orten der Mächtigen und sorgen so für Überraschungen. Pointiert wird diese Differenz von Strategien und Taktiken an folgendem Zitat deutlich, in dem auch der von de Certeau bei seiner Differenzierung von Strategien und Taktiken immer wieder betonte Gegensatz von Ort und Raum anklingt: [ ] die Strategien setzen auf den Widerstand, den die Etablierung eines Ortes dem Verschleiß durch die Zeit entgegenhalten kann; die Taktiken setzen auf einen geschickten Gebrauch der Zeit, der Gelegenheiten, die sie bietet, und auch der Spiele, die sie in die Grundlagen der Macht einbringt. (de Certeau 1988, S.92; Herv. de Certeau) Unter Ort versteht de Certeau jede Ordnung, gleich welcher Art, nach der Elemente in Koexistenzbeziehungen zueinander aufgeteilt werden (vgl. de Certeau 1988, S.217f.). Hier gilt das "Gesetz des 'Eigenen'" (de Certeau 1988, S.218): Jedes befindet sich in einem "eigenen", abgetrennten Bereich, den es selbst definiert. Der Raum dagegen ist ein Geflecht von beweglichen Elementen, er entsteht, "wenn man Richtungsvektoren, Geschwindigkeitsgrößen und die Variabilität der Zeit in Verbindung bringt" (de Certeau 1988, S.218). In diesem Sinne ist der Raum das Resultat von Handlungen, ein Ort, den man zu etwas gebraucht. Solche Definitionen sind reichlich abstrakt. Worum es de Certeau hierbei geht, wird aber deutlich, wenn man sie auf das alltägliche Handeln bezieht, das ja im Mittelpunkt seiner Überlegungen steht. So stellt in der Begrifflichkeit de Certeaus beispielsweise eine Mietwohnung einen Ort dar. Es handelt sich hierbei um einen Teil eines Gebäudes mit einem klar umgrenzten materiellen Bereich. Derjenige, der die Mietwohnung bewohnt, gestaltet sich diese nach seinem Stil und konstituiert hierdurch einen (Wohn-) Raum, der für ihn sein zu Hause ist. Ein solches Verhältnis zwischen bestehenden Orten und angeeigneten Räumen besteht auf vielen Ebenen des Alltagslebens. So ist die Stadt ein spezifischer Ort, der durch die dort Lebenden in eigene Räume verwandelt wird. Aber auch die Lektüre ist "ein Raum, der durch den praktischen Umgang mit einem Ort entsteht, den ein Zeichensystem etwas Geschriebenes bildet" (de Certeau 1988, S.218). In der Begrifflichkeit de Certeaus stellen also auch Texte Orte dar, deren Aneignung bestimmte 'Räume' eröffnet. Mit der Betrachtung der Alltagspraktiken vor der Folie 'Ort vs. Raum' bzw. 'Strategie vs. Taktik' macht de Certeau ein antithetisches Muster zum Mittelpunkt seiner Aneignungstheorie. Die Entscheidung hierfür fällt de Certeau bewußt, für ihn bildet sie die einzige Möglichkeit, den Konsum theoretisch zu fassen. 8 Vor dem Hintergrund der Überlegungen Foucaults ist er sich bewußt, daß die "Kräfteverhältnisse" innerhalb von Gesellschaften ungleich sind und den Konsumenten in ihrem Gebrauch der Produkte durchaus Grenzen gesetzt werden. Gleichzeitig betont er aber, daß die Strategien der Mächtigen nicht die einzigen Kräfte innerhalb von Gesellschaften sind, sondern es daneben als 'eher alltagskulturelle' Form von Kräften die Taktiken der Schwachen

35 3.2 Strategie vs. Taktik: Räume und Orte 37 gibt. Diese Taktiken setzen den Mächtigen ihrerseits durchaus Grenzen, zumindest in dem Sinne, daß die Mächtigen sie in ihrem strategischen Kalkül berücksichtigen müssen. Kulturelle Prozesse sind stets ein Wechselspiel von strategischen und taktischen Kräften. Bei der Rezeption der Theorie de Certeaus im Umfeld der Cultural Studies besteht die Tendenz, dessen Überlegungen auf eine Konfliktmetaphorik zu reduzieren. Ein Beispiel hierfür ist John Fiskes Publikation "Power Plays Power Works", in der Fiske das Ziel verfolgt, erste Ansätze für eine poststrukturalistische Analyse von kulturpolitischen Zusammenhängen in der US-amerikanischen Gesellschaft zu geben (vgl. Fiske 1993a, S.9; Fiske 1993b). 9 Im Mittelpunkt des Ansatzes von Fiske steht die Unterscheidung des Machtblocks ("power-bloc") von den Leuten ("the people"). Hierunter versteht Fiske keine dauerhaften Gruppen oder Interessengemeinschaften innerhalb einer Gesellschaft. Die oppositionelle Beziehung des Machtblocks zu den Leuten besteht nicht aus festen Strukturen, sondern ist ständig im Fluß. Die Zugehörigkeit einer Person oder einer Personengruppe zu einer der beiden Größen ergibt sich im Einzelfall und kann nicht grundlegend angegeben werden. Ein und dieselbe Person oder Personengruppe kann sowohl Teil des Machtblocks als auch der Leute sein, je nach dem, welche Züge für ihr Handeln charakteristisch sind: Während das Handeln des Machtblocks stets ein strategisches Handeln im Sinne de Certeaus darstellt, ist das der Leute taktisches Handeln (vgl. Fiske 1993a, S.10). John Fiskes Betonung des antagonistischen Aspektes der Theorie de Certeaus ist jedoch zu Recht kritisiert worden. 10 Ian Buchanan wirft Fiske vor, mit seiner Rezeption die Aneignungstheorie de Certeaus unzulässig zu verkürzen, indem er Taktiken als mehr oder weniger reaktive Handlungen charakterisiere, die gegenüber Strategien eine rein oppositionelle Stellung haben (vgl. Buchanan 1993, S.63). Buchanan betont, daß Taktiken in der Begrifflichkeit de Certeaus keine schlichten "Praktiken des Antwortens" sind, sondern sehr wohl einen eigenen, produktiven Charakter haben. Die Taktiken bestimmen die Grenzen strategischer Berechnungen und zwingen so ihrerseits die strategisch Handelnden, auf sie Bezug zu nehmen. Nach Buchanan ist das Verhältnis von Strategien und Taktiken also weniger ein oppositionelles, sondern ein interferenzielles. Sowohl Strategien als auch Taktiken beinhalten aktive und reaktive Elemente. In ähnlicher Weise charakterisiert auch Jeremy Ahearne das Verhältnis von Strategien und Taktiken in der Theorie de Certeaus: 'Strategies' and 'tactics' cannot necessarily be set against each other as opposing forces in a clearly defined zone of combat. Rather, as Certeau presents them, they enable us as concepts to discern a number of heterogeneous movements across different distributions of power. (Ahearne 1995, S.163) Will man den Überlegungen de Certeaus gerecht werden, so muß man Strategien und Taktiken als Züge begreifen, die potentiell jedes Handeln beinhalten kann. Interessant für eine kulturwissenschaftliche Medienforschung ist de Certeaus Konzept weniger wegen des inhärenten Antagonismus die Medienrezeption stellt in den seltensten Fällen einen klar bestimmbaren 'semiotischen Kampf' im engeren Sinne des Wortes dar sondern wegen seiner arealen Metaphorik: Indem de Certeau den Begriff der Strategie mit dem des Ortes in Beziehung setzt und den der Taktik mit dem des Raums, entwickelt er ein Konzept, das sich für die kulturwissenschaftliche Analyse von Aneignungsprozessen im Spannungsfeld zwischen den Mediendiskursen und den alltagsweltlichen Diskursen der Rezipienten eignet. Dies zeigt sich, wenn man de Certeaus Darlegungen zur Alltagspraktik des Lesens näher betrachtet.

36 38 3 Medienrezeption als Aneignung: Zum Aneignungsbegriff der Cultural Studies 3.3 Zur Alltagspraktik 'Lesen' und der Oralität von Alltagskultur Der gedankliche Fluchtpunkt Michel de Certeaus bei der Betrachtung des Lesens sind weniger 'akademische Formen' des Lesens, wie beispielsweise das Lesen von wissenschaftlicher Fachliteratur oder das Lesen von Quellen mit dem Ziel einer Analyse derselben. Ihm geht es vor allem um das alltägliche Lesen, beispielsweise das 'Lesen' von Zeitschriften, Romanen oder Fernsehtexten. 11 Man kann de Certeaus Überlegungen zum Lesen als den Kern seiner Aneignungstheorie betrachten, denn das Lesen ist für ihn der Inbegriff des Konsums von Kulturprodukten in modernen Gesellschaften. Oft ist es möglich, wie er schreibt, "das Binom Produktion-Konsum [ ] durch sein allgemeines Äquivalent, nämlich das Binom Schrift-Lektüre [zu] ersetzen" (de Certeau 1988, S.297). Im Gegensatz zum Schreiben ist das Lesen aber eine verkannte und ausgegrenzte Tätigkeit. Verkannt ist die Tätigkeit des Lesens insofern, als ihr in einer Vielzahl der herrschenden Diskurse ein passiver Charakter zugesprochen wird. Dabei handelt es sich um eine Vorstellung, die seit der Aufklärung verbreitet ist und durch die "Ideologie der 'Information' durch das Buch" (de Certeau 1988, S.294) gestützt wird. Hiermit bezeichnet de Certeau das Phänomen, daß das Buch im speziellen und die Printmedien im allgemeinen seit der Aufklärung als Medien der 'Information' und 'Erziehung zur Mündigkeit' gelten (in gewissem Sinne spiegelt sich in einer solchen Position der 'medienpädagogische Aneignungsbegriff' wider; vgl. dazu S.24ff.). Problematisch an dieser Vorstellung erscheint ihm, daß dahinter der Gedanke steht, daß die Öffentlichkeit von den Produkten geformt wird, die sie konsumiert. Es wird im allgemeinen davon ausgegangen, daß sich die Rezipienten durch ihre Lektüre den Meinungen und Vorstellungen der Produzenten anpassen würden. Diese Vorstellung ist auch für kulturkritische Positionen charakteristisch, deren Anhänger sich über das geringe Niveau von Presse und Fernsehen entsetzen und dabei implizieren, dieses könne mit einem geringen Niveau der Rezipienten gleichgesetzt werden. Grundlage für eine solche Argumentation ist die Vorstellung, "daß die Öffentlichkeit mit mehr oder weniger Widerstand durch die (verbale oder ikonische) Schrift geformt wird, daß sie sich dem anpaßt, was sie aufnimmt, und daß sie durch den Text geprägt wird und wie der Text wird, den man ihr aufzwingt" (de Certeau 1988, S.296; Herv. de Certeau). Man stellt sich das Lesen als einen Vorgang des Aufnehmens von äußeren Reizen vor. Hier klingt bereits die Ausgrenzung der Lektüre an: Ausgegrenzt wird das Lesen dadurch, daß seitens der Textproduzenten versucht wird, dem Leser die Schaffung eigener Bedeutungswelten zu erschweren. Dies geschieht über die Ideologie der "buchstäblichen Deutung" (de Certeau 1988, S.301). Innerhalb jeder Gesellschaft gibt es nach de Certeau Institutionen, die den "buchstäblichen Sinn" eines Textes festlegen und dadurch versuchen, den möglichen Lesehorizont zu bestimmen. Ein historisches Beispiel für eine solche Institution ist die katholische Kirche, die versuchte, die Bedeutung der Heiligen Schrift festzuschreiben. Aktuelle Beispiele wären Bildungsinstitutionen wie die Schule und Universität oder die Presse. Meist wird der "buchstäbliche Sinn" eines Werkes um das Konstrukt der Autorintention modelliert. Hierdurch wird ein 'objektiver Sinn' postuliert, den der Textproduzent auf irgendeine Weise in den Text gelegt haben soll und der das "Eigentliche" des Textes ausmache. 12 Gegen die Ideologie des "buchstäblichen Sinns" führt de Certeau an, daß jedes Kommunikat seine Bedeutung erst durch den Akt des Lesens erhält. 13 Für ihn ist die Trennung zwischen Lektüre und zu lesendem Text nicht aufrechtzuhalten, da ein ungelesenes Kommunikat bedeutungslos bleibt (vgl. de Certeau 1988, S.301). Durch die Lektüre wird die Bedeutung eines Textes konstituiert und nicht durch die mögliche Intention eines Autors. Privilegierte Lesarten wie der "buchstäbliche Sinn" stellen nur

37 3.3 Zur Alltagspraktik 'Lesen' und der Oralität von Alltagskultur 39 eine der möglichen Lesarten eines Textes dar, wenn auch eine kulturwissenschaftlich interessante, weil von den Mächtigen favorisierte. Betrachtet man das alltägliche Lesen genauer, so erscheint es als ein Handeln, das fest mit der Oralität der Alltagskultur verwoben ist. Mit Verweis auf linguistische Arbeiten stellt de Certeau fest, daß das Lesen nicht nur ein "lexischer Akt", d.h. ein Entziffern von Buchstaben ist. Lesen ist stets auch ein "skriptualer Akt", ein "Lesen der Bedeutung" (de Certeau 1988, S.298). Bei solchen "Skripten" handelt es sich um alltagskulturelle Wissensbestände der Rezipienten, die vor allem mündlich übermittelt werden: Das 'kulturelle Gedächtnis', das den Kern der Alltagskultur bildet, wird vorrangig nicht durch schriftliche Texte konstituiert, sondern durch flüchtige Alltagsgespräche. 14 Entsprechend betont de Certeau, daß "allein ein durch Zuhören und mündliche Überlieferung erworbenes kulturelles Gedächtnis" (de Certeau 1988, S.298) das Verstehen von Texten ermöglicht. Folglich stellt das alltägliche Lesen kein ausschließlich literales Phänomen dar, sondern ist stets durch die orale Kultur der Rezipienten vermittelt, die Lektüre wird "durch die mündliche Kommunikation diese 'Autorität', die von den Texten nahezu niemals zitiert wird vorherbestimmt und ermöglicht" (de Certeau 1988, S.298). Es wird deutlich, daß de Certeau Mündlichkeit und Schriftlichkeit als soziale Kategorien versteht: Das Schreiben ist für de Certeau vorrangig ein strategisches Besetzen von Orten, ein Handeln der Mächtigen. Das Schreiben setzt einen Produktionsort voraus, der eine leere Seite, Film- oder Tonmaterial sein kann. An diesem Ort wird ein Text gebaut, wie de Certeau formuliert, wobei diese Konstruktion eines Textes meist ein strategisches Ziel hat, beispielsweise das, auf die Umgebung einzuwirken und sie umzugestalten (vgl. de Certeau 1988, S.247). Dieser Schriftlichkeit als einem Handeln der Mächtigen steht die Lektüre der oralen Alltagskultur gegenüber. Das Lesen ist nach de Certeau fest mit dem oral geprägten kulturellen Gedächtnis verwoben, das erst die Aneignung von Texten ermöglicht. Zu lesen heißt, sich die beschriebenen Orte eines anderen als eigene Räume anzueignen. Versucht man, das Lesen phänomenologisch näher zu charakterisieren, so stellt es sich als eine Tätigkeit dar, die durch eine "impertinente Abwesenheit" gekennzeichnet ist (de Certeau 1988, S.305). Zu lesen heißt, woanders zu sein, in einer anderen Welt. Beim Lesen verliert sich der Rezipient in den Textwelten, die er durch seine Lektüre entstehen läßt. Dennoch bleibt der Leser im allgemeinen weit davon entfernt, selbst Autor, Textproduzent zu sein. Der Leser schafft zwar durch die Lektüre einen eigenen Raum, diese Textwelt ist jedoch ein flüchtiges Produkt in der Zeit. Der Raum der Textwelt existiert nur in der Vorstellung des Lesers. Im Gegensatz zum Schreiben besitzt die Lektüre keinen eigenen Ort, den sie beherrscht. Die Textwelt entsteht durch ein Wildern in den fremden Orten der Textproduzenten. 15 Durch sein Lesen schafft sich der Rezipient Räume für Spiele und Listen, für eigene Deutungen und Wirklichkeitskonstruktionen. Auf diese Weise ist es, wie de Certeau schreibt, möglich, daß Barthes im Text von Stendhal Proust liest oder der Fernsehzuschauer den Ablauf seiner Kindheit in einer Nachrichtensendung (vgl. de Certeau 1988, S.307). Insgesamt bestehen deutliche Unterschiede zwischen den Überlegungen de Certeaus zur Oralität und Literalität und linguistischen Überlegungen zu diesem Themenkomplex: 16 Das Orale ist bei de Certeau stets das flüchtige Alltagsgespräch, das ausweicht und umdeutet, das Schriftliche stets der produzierte Texte, der definiert und festlegt. Diese eher enge Begrifflichkeit rührt daher, daß de Certeau nicht die beiden Dimensionen von Schriftlichkeit und Mündlichkeit in den Mittelpunkt der Betrachtung stellt, die in der Linguistik das Hauptinteresse auf sich ziehen, nämlich die Konzeptionsweise und die Realisationsweise von Texten, die in verschiedenen Kommunikationsformen auftreten können (vgl. beispielsweise Holly 1995b). Bei de Certeau rückt vielmehr eine

38 40 3 Medienrezeption als Aneignung: Zum Aneignungsbegriff der Cultural Studies dritte, kulturelle Dimension von Mündlichkeit und Schriftlichkeit in das Zentrum der Überlegungen, nämlich die der Definitionsmacht. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen ist es nur konsequent, wenn de Certeau betont, daß die alltägliche Lektüre weder ein rein literales noch ein rein orales Phänomen ist. 17 Die Voraussetzung der Lektüre ist einerseits das Vorhandensein eines Textes, der als Kommunikat einen Definitionsversuch darstellt. Andererseits ist die alltägliche Lektüre als Konstitution von Bedeutungen fest mit der oralen Alltagskultur verwoben. Das Lesen ist so zwar ein Wildern in fremden Orten, und der Leser besitzt als Handelnder eine gewisse Autonomie, jedoch darf hierüber nicht vergessen werden, daß die Medien über eine gesellschaftliche Definitionsmacht verfügen. Und mit dieser Macht ist der Leser konfrontiert, sie wirkt sich auf seine Vorstellungskraft aus, auf "seine Befürchtungen, seine Träume und seine eingebildete und mangelnde Autorität" (de Certeau 1988, S.311). 3.4 Fernsehaneignung als Vermittlungsprozeß Überträgt man die Überlegungen Michel de Certeaus auf das Medium Fernsehen, so ist das Fernsehen weniger ein orales Medium, weil in seinen Genres und Gattungen einzelne orale Stilelemente aufgegriffen werden, sondern weil das Fernsehen umfassend in die primär oralen Alltagskulturen der heutigen Gesellschaften eingebettet ist. 18 Die medialen Wirklichkeitskonstruktionen des Fernsehens stellen Sinnangebote dar, die aus den Alltagskulturen nicht mehr wegzudenken sind. Entsprechend sollte die "Kulturtechnik Fernsehen" 19 als ein Phänomen verstanden werden, das sowohl taktische als auch strategische Aspekte umfaßt. Während sich die 'strategischen Züge' des Fernsehens primär in den Praktiken der Produzenten manifestieren, bestehen seine 'taktischen Züge' darin, daß es für seine Zuschauer vielfältige Anschlußmöglichkeiten bietet. Fernsehtexte lassen sich als ein semiotisches Material für eine Vielzahl von Alltagspraktiken begreifen, als "raw material for the heterogeneous and indeterminate practices of the everyday", wie es Roger Silverstone formuliert (Silverstone 1989, S.85). Geht man von solchen Überlegungen aus, so ist die Fernsehaneignung am sinnvollsten als ein Prozeß der Vermittlung 20 von den Alltagsdiskursen der Zuschauer mit denen des Fernsehens zu beschreiben. In diesem Prozeß der Vermittlung bestehen auf seiten der Zuschauer 'Räume der Aneignung', was aber nicht heißt, daß diese 'an sich' existieren. Wie empirische Aneignungsstudien der Cultural Studies zeigen (s.u.), werden solche 'Räume' durch das Handeln der Zuschauer konstituiert, beispielsweise durch ihre Gespräche über die gesehenen Fernsehsendungen. Nun wäre es ein Trugschluß zu behaupten, jede Fernsehaneignung hätte ein 'taktisches Potential' in dem Sinne, daß sich in ihr 'Widerstände' gegen hegemoniale Diskurse manifestieren würden (vgl. Hepp 1997, S.180). 21 Etliche von ihnen bewegen sich sehr wohl im Rahmen solcher Diskurse. Umgekehrt heißt dies aber nicht, daß Fernsehaneignung einfach eine 'direkte' Übernahme des semiotischen Materials des Fernsehdiskurses in den Alltag wäre. Es handelt sich dabei um einen in hohem Maße heterogenen und interferenten Prozeß, der mit untenstehender Grafik systematisiert werden kann (vgl. Abbildung 1).

39 3.4 Fernsehaneignung als Vermittlungsprozeß 41 Abbildung 1: Kommunikationskultureller Zusammenhang Medialer Diskurs (Programm) Produktionspraktiken Aneignungspraktiken Inner-institutioneller Diskurs der Produzenten Alltagsweltlicher Diskurs der Rezipienten Rahmenwissen Werte Produktionskontext Rahmenwissen Werte Aneignungskontext Die Grafik soll veranschaulichen, daß aus der Perspektive der Cultural Studies zumindest drei Diskursbereiche unterschieden werden müssen, will man die Aneignung eines "kommunikationskulturellen Zusammenhangs" wie dem des Fernsehens untersuchen. Erstens ist dies der inner-institutionelle Diskurs der Produzenten. Wie de Certeau schreibt, läßt sich die Produktion von Medientexten als das 'Festschreiben' bestimmter 'Wirklichkeitsvorstellungen' charakteriseren, wozu das Vorhandensein eines eigenen 'Machtbereichs' notwendig ist. Dieser Machtbereich besteht jedoch nicht 'an sich', sondern ist Teil einer Medien-Institution und entsprechend diskursiv konstituiert. Es ist der "job-talk" (Tannen 1995), der den Arbeitsprozeß in Medieninstitutionen konstituiert und aufrechterhält, ebenso wie durch diesen auf seiten der Produzenten bestimmte kommunikationskulturelle Wertvorstellungen tradiert und modifiziert, institutionen-spezifisches Wissen weitergegeben und spezifische Produktionspraktiken legitimiert werden. 22 Als zweiter Diskursbereich läßt sich der mediale Diskurs des gesendeten Programms begreifen. Konstitutiv für diesen ist, daß er aus der Perspektive der Produzenten jenseits deren 'Kontrolle' liegt: 23 Zwar stellt der mediale Diskurs ein spezifisches semiotisches Material und damit den Versuch dar, durch Produktionspraktiken bestimmte Bedeutungen 'festzuschreiben', jedoch erlangt er sein volles Bedeutungspotential erst in seiner Aneignung seitens der Rezipienten. In diesem Sinne wird der mediale Diskurs sowohl durch die Produktionspraktiken der Medienschaffenden als auch die Aneignungspraktiken der Rezipienten konstituiert.

40 42 3 Medienrezeption als Aneignung: Zum Aneignungsbegriff der Cultural Studies Drittens sind die Aneignungspraktiken rückgebunden an den alltagsweltlichen Diskurs der Rezipienten. So ist das 'Verständnis', das ein Rezipient von einem Text hat, grundlegend durch seine oral geprägte Alltagswelt bestimmt, ebenso wie die Tätigkeit des Fernsehens fest mit ihr verwoben ist. Entsprechend macht es auch keinen Sinn, 'Fernsehaneignung' als eine von der Rezeption losgelöste oder ihr nachfolgende Phase des 'Umgangs' mit Fernsehen zu begreifen. Aus der Perspektive der Cultural Studies stellt der Umgang der Rezipienten mit dem Fernsehen insgesamt einen Aneignungsprozeß dar, 24 wobei das 'Sprechen über Fernsehen' einen herausragenden Stellenwert hat. Nun müssen an dieser Stelle zwei Dinge deutlich herausgestrichen werden. Zum ersten handelt es sich bei der Unterscheidung der drei Diskursbereiche um eine typologisierende Differenzierung, d.h. tatsächlich interferieren diese in hohem Maße. Dieser Sachverhalt ist nicht nur deshalb gegeben, weil Produzenten und Rezipienten über sich zumindest in Teilen deckende Wissensbestände und Wertvorstellungen verfügen, auch zwischen Produktions- und Aneignungskontext gibt es Interferenzen, die sich dadurch ergeben, daß die Medienschaffenden selbst Nutzer von Medien sind und entsprechend zumindest partiell Teil an der Alltagswelt der übrigen Rezipienten haben. 25 Zum zweiten ist zu beachten, daß der Alltag der Rezipienten in hohem Maße medial 'durchtränkt' ist, d.h. die 'Grenzen' zwischen dem medialen Diskursbereich und dem des Alltags fließender sind, als es die Grafik nahelegt (vgl. Müller & Wulff 1997, S.173). Nichtsdestotrotz veranschaulicht die Grafik den herausragenden Stellenwert von Gesprächen bei der Fernsehaneignung. Bereits die Rezeptionssituation muß ja, wie Bachmair herausgestrichen hat, zuvor gewöhnlich kommunikativ abgesichert werden (vgl. S.31), aber auch Äußerungen bei und nach der Fernsehrezeption stellen relevante Aneignungsweisen dar. An diesem Punkt setzt nun die Beschäftigung der Cultural Studies mit der Aneignung von Fernsehtexten ein, indem danach gefragt wird, welche kommunikativen Formen, Muster und Prozesse in dem Vermittlungsprozeß zwischen Medien- und Alltagsdiskursen eine Rolle spielen. Grundlegend lassen sich zwei Arten von Äußerungen über Fernsehen unterscheiden, nämlich primäre und sekundäre Thematisierungen (vgl. Püschel 1996, S.183). Mit primären Thematisierungen werden verbale Aktivitäten bezeichnet, die während der Fernsehrezeption erfolgen. Sekundäre Thematisierungen hingegen sind Äußerungen über Fernsehen, die unabhängig von der Rezeption stattfinden. In den Aneignungsstudien der Cultural Studies sind bisher vor allem sekundäre Thematisierungen von Fernsehen Untersuchungsgegenstand gewesen. Dabei ist das Spektrum der in diesen Aneignungsstudien betrachteten Settings, aber auch Gruppen, sehr differenziert. Dies zeigen exemplarisch die Studien von Marie Gillespie und Mary Ellen Brown. 26 Grundlage für Marie Gillespies Studie "Television, Ethnicity and Cultural Change" war eine dreijährige ethnographische Untersuchung, die sie in Southall zwischen 1988 und 1991 durchführt hat. Dabei handelt es sich um einen Vorort von West-London, in dem vor allem Einwohner leben, die aus dem Pandschab stammen. Die zentrale Fragestellung der Studie Gillespies ist, welche Rolle das Fernsehen bei der Formation und Transformation der kulturellen Identität von Jugendlichen in Southall spielt. In ihrer Studie zeigt sie, daß die Einflüsse, die das Fernsehen auf diesen kulturellen Transformationsprozeß hat, in hohem Maße vermittelt sind durch die alltäglichen Gespräche der Jugendlichen. 27 Gillespie spricht in diesem Zusammenhang von "TVtalk" und versteht hierunter Alltagsgespräche, in die Bezüge auf Fernsehtexte eingebettet sind (vgl. Gillespie 1995, S.23). Dem gegenüber steht der "broadcast-talk", der Diskurs des Fernsehens. Nach den Überlegungen von Gillespie bestehen die Beziehungen

41 3.4 Fernsehaneignung als Vermittlungsprozeß 43 zwischen Alltagsunterhaltungen und Fernsehgesprächen nicht allein darin, daß im Fluß der Alltagsgespräche ausgehend von bestimmten thematischen Zusammenhängen auf einzelne Fernsehtexte verwiesen wird. Darüber hinaus gibt es auch Beziehungen zwischen Alltags- und Fernsehgesprächen auf der Ebene von kommunikativen Mustern (vgl. Gillespie 1995, S.57). Diese zeigen sich beispielsweise darin, daß einzelne Gesprächsformen aus Fernsehserien oder Werbeslogans in das eigene kommunikative Repertoire übernommen werden. Der "TV-talk" bietet den Jugendlichen in Southall die Möglichkeit, sich über ihre eigene kulturelle Identität miteinander zu verständigen. Fernsehtexte sind ein Matrial, ausgehend von dem sich die Jugendlichen im Gespräch einer gemeinsamen Identität als 'asiatische Briten' vergewissern. Dabei handelt es sich um eine 'hybride Identität', die 'zwischen' der ländlich geprägten Identität der Eltern und einer eher urbanen Identität der weißen, britischen Mittelschicht liegt. Pointiert kann man das Ergebnis der Untersuchung von Gillespie wie folgt zusammenfassen: Einerseits hat das Fernsehen eine wichtige Funktion innerhalb des kulturellen Wandels in Southall, indem die Jugendlichen über das Fernsehen einen Einblick in bestimmte Möglichkeiten der Lebensführung bekommen. Andererseits findet der kulturelle Transformationsprozeß nicht im luftleeren Raum statt, sondern im Diskurs der Jugendlichen. Die Gespräche der Jugendlichen sind es, in denen sie versuchen, ausgehend von einzelnen Fernsehereignissen, eine gemeinsame Identität zu entwickeln, die die traditionelle Kultur der Eltern mit der in den Medien präsentierten Kultur der 'neuen Heimat' verbindet. Ähnliche Prozesse hat auch Mary Brown in ihrer Studie "Soap Opera and Women's Talk" herausgearbeitet. In ihrer Analyse zeigt Brown, daß innerhalb der Freundeskreise australischer Frauen häufig über Fernsehserien gesprochen wird. Um die Besonderheit solcher Gespräche zu fassen, führt Brown den Begriff des "spoken text" ein. Unter "spoken text" versteht sie ähnlich wie Gillespie mit ihrem Begriff des "TV-talks" ganz allgemein den 'Text', der entsteht, wenn über Fernsehen gesprochen wird. Charakteristisch für den "spoken text" sei, daß er einen festen Bestandteil der heutigen oralen Alltagskultur darstellt (vgl. Brown 1994, S.67). Gespräche über Fernsehtexte sind nach den Überlegungen von Brown notwendigerweise die erste Stufe eines Prozesses, durch den das Fernsehen Einfluß auf das soziale Leben von Zuschauern haben kann (vgl. Brown 1994, S.79). Charakteristisch für Frauengespräche über Fernsehserien ist, daß sie in bestimmten Grenzen ("boundaries") stattfinden. So sind sich die von Mary Brown befragten Frauen darüber bewußt, daß das 'Tratschen' über Fernsehserien in der australischen Gesellschaft einen ähnlich negativen Stellenwert hat wie der Klatsch. In diesem Sinne sind solche Gespräche eine Form des "illegitimen Vergnügens" (Brown 1994, S.111), dem die Frauen nur in spezifischen Settings nachgehen. 28 Als ein spezifisches Setting kann das Gespräch im eigenen Freundeskreis gelten. Die klare Grenze des Gesprächs im Freundeskreis gibt den Frauen den Schutz, sich über die von ihnen favorisierten Fernsehserien unterhalten zu können, ohne sich in die Gefahr zu begeben, negativ aufzufallen. Hierdurch werden die Gespräche über Fernsehserien zum festen Bestandteil der "gossip networks" der von Brown befragten Frauen (vgl. dazu auch Brown 1990b). In diesen "gossip networks" bereitet es den befragten Frauen immer wieder Vergnügen, mit den alltäglichen sozialen Regeln zu spielen, die auch in Fernsehserien ihren Niederschlag finden (vgl. Brown 1994, S ). Beispielsweise scherzen die Frauen über die traditionellen Rollenverteilungen, die für viele Serien-Familien charakteristisch sind. Oder sie machen sich über die stereotype Darstellung der politischen Inkompetenz der Serienfrauen lustig. Dies heißt nicht, daß für das Leben der Zuschauerinnen selbst genrell eine andere Realität charakteristisch wäre. Indem die Frauen aber anhand der Fernsehserien über solche Verhältnisse scherzen, brechen sie in

42 44 3 Medienrezeption als Aneignung: Zum Aneignungsbegriff der Cultural Studies ihrem Diskurs symbolisch mit ihrer untergeordneten Stellung als Frau (vgl. Brown 1994, S ; Brown 1990b). Zwar handelt es sich dabei noch um keine weitergehende Kritik an den sozialen Verhältnissen in der eigenen Gesellschaft, jedoch kann ein solches symbolisches Regel-Brechen der Ausgangspunkt für 'widerständige Lesarten' sein, für die ein spezifischer kritischer, 'weiblicher Blick' auf das Gesehene charakteristisch ist. Insgesamt zeigt die Studie von Mary Brown ähnlich wie die von Gillespie recht gut, daß die Fernsehaneignung ein komplexer, diskursiver Prozeß ist. So entwickeln die Frauen nicht per se eine kritische Haltung zum Gesehenen, während sie Fernsehserien anschauen (vgl. Brown 1994, S.167f.). Voraussetzung dafür ist das Vorhandensein eines Alltagsdiskurses über die Fernsehserien, der in ein ganz bestimmtes Setting eingebettet ist, in dem sich die Frauen sicher fühlen, frei sprechen zu können. Die beiden Studien von Brown und Gillespie verdeutlichen also vor allem drei Aspekte des Phänomens Fernsehaneignung: Erstens belegen sie anhand empirischen Materials, welche zentrale Rolle das Gespräch bei der Aneignung von Fernsehen spielt. Dies ist insofern von Interesse, als in Teilen der Cultural Studies die Tendenz besteht, den herausragenden Stellenwert direkter Face-to-Face-Interaktion aus dem Blick zu verlieren. Exemplarisch sei hier auf John Fiske verwiesen, der bei seiner Typologie von populären Texten zwischen primären (z.b. einer Fernsehsendung), sekundären (einer Zeitungsrezension über dieselbe) und tertiären Texten unterscheidet (vgl. Fiske 1987a, S.124 und Fiske 1997). Mit tertiären Texten bezeichnet Fiske zusammenfassend Zuhörer- bzw. Zuschauerpost, Fanzines, die Ergebnisse von Zuschauerumfragen, aber auch die Gespräche der Zuschauer über Fernsehen. Fiske verkennt dabei den besonderen Stellenwert der Gespräche über Fernsehen gegenüber anderen Rezipienten-Texten, der sich nicht zuletzt dadurch ergibt, daß Gespräche der Dreh- und Angelpunkt der oral geprägten Alltagskultur sind. Entsprechend läßt sich auch für die Fernsehaneignung festhalten: Die mustergeleiteten Gespräche über Fernsehen ob man sie nun als "spoken text", "TV-talk" oder als primäre und sekundäre Thematisierungen bezeichnet sind das zentrale Glied im Vermittlungsprozeß von Medien- und Alltagsdiskursen. Zweitens zeigen die Studien von Brown und Gillespie exemplarisch, daß die kommunikative Aneignung von Fernsehen in beträchtlichem Umfang ein In-Beziehung- Setzen von alltagsweltlichem Diskurs mit dem medialem Diskurs ist. Dies ist der Kern von Browns Darlegungen zu den von ihr als 'widerständig' charakterisierten Lesarten der Soap-Opera-Zuschauerinnen, aber auch der Kern der Überlegungen von Gillespie zur Fernsehaneignung der Southall-Jugendlichen, die, ausgehend von den im Fernsehen repräsentierten westlichen Wertvorstellungen, ein eigenes Wert- und Normensystem als asiatische Briten entwickeln. Wie gesagt ist ein solcher Prozeß nicht generell als 'widerständig' zu charakterisieren, und auch Brown streicht deutlich heraus, daß das von Soaps ausgehende Thematisieren von 'weiblichen' Werten, die außerhalb des hegemonialen Diskurses stehen, nur in ganz bestimmten Settings vonstatten geht, die von Frauen wiederum kommunikativ abgesichert werden. Der Themenkomplex Fernsehaneignung als Vermittlungsprozeß von Medien- und Alltagsdiskursen ist entsprechend nicht generell in der Dichotomie 'dominanter Diskurs' vs. 'subordinierter Diskurs' faßbar, auch wenn dieser Gegensatz eine Rolle spielen kann, sondern eher als ein In-Beziehung-Setzen von alltagsweltlichem und medialem Diskurs. Drittens verdeutlichen beide Studien, in welchem Maße die Fernsehaneignung mit ihrem jeweiligen sozialen und materiellen Kontext verwoben ist. Die Art und Weise, wie die Southall-Jugendlichen bzw. die Frauen durch ihre Gespräche Fernsehen in die eigene Lebenswirklichkeit integrieren, wird durch ihre soziale und materielle Stellung mit bestimmt. Nicht zuletzt aufgrund dieses Sachverhalts streicht auch Roger Silverstone

43 3.4 Fernsehaneignung als Vermittlungsprozeß 45 die (im Englischen wesentlich offensichtlichere) materielle Komponente des Aneignungsbegriffs ("appropriation") deutlich heraus, wenn er betont, daß der Ausdruck Aneignung sowohl für den Konsumprozeß in seiner Gesamtheit als auch die Integration eines medialen Produktes in die eigene Lebenswirklichkeit steht (vgl. Silverstone 1994, S.126). In diesem Sinne faßt die Charakterisierung von Aneignung als einem diskursiven Vermittlungsprozeß auch die nicht unauflösliche Dependenz von Medienrezeption als Teilhabe an Massenkultur einerseits und des kreativen Potentials ihrer Nutzung andererseits. An diesem Punkt stellt sich nun die Frage, welche Funktion die Kommunikation über Fernsehen im Prozeß der Fernsehaneignung en detail hat. Um diese Frage zu beantworten, bietet es sich an, in Fortführung der Aneignungsstudien der Cultural Studies (die ja vor allem sekundäre Thematisierungen zum Gegenstand haben) sich primäre Thematisierungen also Äußerungen beim gemeinsamen Fernsehen näher anzusehen. Hier ist es angebracht, nochmals eine Überlegung von Jörg Bergmann und Thomas Luckmann aufzugreifen (vgl. Kap 1.2), nämlich daß kommunikative Formen wie Gesprächsgattungen eine doppelte Strukturierung aufweisen. Erstens verfügen sie über eine spezifische Binnenstruktur. Als Muster der regelgeleiteten Kommunikation setzen sie eine bestimmte Auswahl aus einer Reihe recht unterschiedlicher sprachlicher Teilmuster voraus, die sprachliche Äußerungsprinzipien (Syntax, Semantik), interaktive Organisationsprinzipien (Redezugverteilung, Sequenzabfolge) und diverse Kontextualisierungsprinzipien umfassen (vgl. Bergmann 1987, S.40). Zum zweiten besitzen kommunikative Formen eine Außenstruktur. Diese ergibt sich durch ihre Einbettung in bestimmte soziale Milieus und kommunikative Veranstaltungen. Mit dem Begriff des sozialen Milieus lassen sich soziale Einheiten fassen, die durch feste Sozialbeziehungen, gewohnheitsmäßige Orte der Kommunikation, gemeinsame Zeitbudgets und eine gemeinsame Geschichte gekennzeichnet sind (vgl. Luckmann 1989, S.42). 29 Relevanter ist für die weitere Argumentation aber der Begriff der sozialen Veranstaltung. Hierbei handelt es sich um strukturierte Handlungszusammenhänge wie die von Angela Keppler untersuchten Tischgespräche (vgl. Keppler 1994a, S.50 53) oder aber was der Gegenstand der folgenden Kapitel sein wird die soziale Veranstaltung des gemeinsamen Fernsehens. Michel de Certeau würde solche, für bestimmte soziale Veranstaltungen charakteristische Muster des kommunikativen Handelns als kulturelle Praktiken bezeichnen. Entsprechend lassen sich kommunikative Formen, die der 'Integration' des "Rohmaterials der Fernsehtexte" in die eigenen alltagsweltlichen und biographischen Zusammenhänge dienen, auch in seinem Sinne als Praktiken der Fernsehaneignung begreifen. Durch ihr mustergeleitetes, sprachliches Handeln vermitteln die Zuschauer im Fernsehen repräsentierte Ereignisse mit ihrem eigenen, alltagsweltlichen Diskurs. Formen der Fernsehaneignung sind ein zentrales, verbindendes Element zwischen Medien- und Alltagsdiskursen. Hiermit wird sich der folgende, empirische Teil der vorliegenden Untersuchung befassen.

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45 Teil 2: Die soziale Veranstaltung 'Fernsehen': Formen der Fernsehaneignung

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47 4 Das gemeinsame Fernsehen als soziale Veranstaltung Das gemeinsame Fernsehen im privaten Kontext zeichnet sich durch einen fixen zeitlichen und räumlichen Rahmen aus und ist in mehr oder weniger stark strukturierte Handlungszusammenhänge eingebettet. Damit läßt es sich als eine soziale Veranstaltung im Sinne von Thomas Luckmann und Angela Keppler begreifen (vgl. Luckmann 1989; Keppler 1994a, S.50 53). 1 Charakteristisch ist für die soziale Veranstaltung des gemeinsamen Fernsehens, daß sie mit einer Reihe von Interaktionsprozessen verbunden ist, denen spezifische kommunikative Formen zugrunde liegen. So bedarf das gemeinsame Fernsehen einer kommunikativen Absicherung, d.h. es muß geklärt werden, was man überhaupt sehen möchte, inwieweit Interessen miteinander kollidieren können usw. 2 Das gemeinsame Fernsehen ist aber nicht nur mit sprachlichen Handlungen verbunden, die diese soziale Veranstaltung im Vorfeld absichern. Wie im weiteren gezeigt werden wird, ist es selbst ein soziales Ereignis, bei dem die Zuschauer miteinander kommunizieren. Diese These scheint zunächst vielen Studien zum Themenkomplex 'Fernsehen und Interaktion' zu widersprechen, in denen sich immer wieder die Behauptung findet, daß das Fernsehen ein Medium der 'Kommunikationsverweigerung' oder des 'Schweigens' darstellt. Fernsehen wird in solchen Arbeiten als Beeinträchtigung eines (ursprünglich funktionierenden) familiären Interaktionszusammenhangs gesehen. So nimmt beispielsweise Bettina Hurrelmann die These, daß das gemeinsame Fernsehen Gespräche unterbindet, als verbindlichen Ausgangspunkt für ihre Untersuchung "Fernsehen in der Familie". 3 Welche Argumente für eine solche Position bzw. dagegen sprechen, wird deutlich, wenn man sich nochmals die Debatte zwischen Peter Hunziker und Will Teichert aus den 70er Jahren vor Augen führt, deren Streitpunkt die Frage der Beziehung von Fernsehen und familiärer Interaktion gewesen ist. Der Ausgangspunkt für die Debatte ist ein Aufsatz von Peter Hunziker, in dem er das Material einer Befragung von 107 Familien in Konstanz in dem Sinne deutet, daß das gemeinsame Fernsehen nur eine oberflächliche Synchronisation familiärer Aktivitäten darstellt und familiäre Gespräche beim oder über Fernsehen eine Seltenheit sind (vgl. Hunziker 1977). 4 Ausgehend von den Angaben der Eltern, die sich nur selten an gemeinsame Gespräche über und beim Fernsehen erinnern konnten, wertet Hunziker das Fernsehen als eine "tote Zeit" für die familiäre Interaktion. Das Fernsehen würde in den Familien nur vereinzelt als ein soziales Ereignis in Erinnerung behalten werden, und der Fernsehkonsum sei so stark routiniert, daß sich vor dem Fernsehgerät nahezu keine Kommunikation abspiele. Daneben würden Fernsehsendungen falls sie nach dem Fernsehen überhaupt thematisiert werden meist außerhalb der Familien kommunikativ verarbeitet. Diese Thesen Peter Hunzikers sind auf heftigen Widerspruch von Will Teichert gestoßen, der Mitte der 70er Jahre im Auftrag der ARD/ZDF-Medienkommission eine eigene Untersuchung zur Beziehung von Fernsehen und familiärer Interaktion durchgeführt hat. 5 Die Ergebnisse seiner Untersuchung weisen darauf hin, daß das Kommunikationsverhalten beim gemeinsamen Fernsehen ein anderes ist, als es im allgemeinen erwartet wird. So wird bei den beobachteten Familien in nur 29,3% der Situationen mit eingeschaltetem Fernsehgerät gänzlich geschwiegen (vgl. Teichert 1977, S.290). In 70,7% der Situationen finden Äußerungen bei der Fernsehrezeption

48 50 4 Das gemeinsame Fernsehen als soziale Veranstaltung statt, wobei die verschiedensten Sachverhalte thematisiert werden, angefangen von fernsehbezogenen Gegebenheiten, über politische Themen bis hin zu eigenen alltagsweltlichen Erlebnissen. Das Fernsehen beeinflußt dabei die familiäre Interaktion insoweit 'negativ', als sich die Struktur der 'Gespräche' verglichen mit Familienunterhaltungen am Tisch ändert: Vor allem die Länge der einzelnen Gesprächssequenzen ist geringer als bei ausgeschaltetem Fernsehgerät. Insgesamt tendiert Teichert aber dazu, dem Fernsehen eine gesprächsinitiierende Funktion zuzusprechen (vgl. Teichert 1977, S.290). 6 Studien aus der Tradition der Cultural Studies, die in den 80er Jahren gemacht wurden, geben Teichert in seiner Auffassung recht. 7 Augenfällig wird dies, wenn man die Ergebnisse der Untersuchung "Family Television" von David Morley näher betrachtet (vgl. Morley 1986). 8 Das Material ermöglicht einen detaillierten Einblick in den alltäglichen Umgang mit dem Medium Fernsehen in den betreffenden Familien. 9 Unter anderem kam Morley zu interessanten Ergebnissen bei der Frage, wie sich die Familienmitglieder die rezipierten Fernsehtexte kommunikativ aneignen: Die befragten Frauen beschreiben in den Interviews und Gruppendiskussionen das Fernsehen als eine umfassend in ihr Familienleben eingebundene soziale Veranstaltung. Sie unterhalten sich neben dem gemeinsamen Fernsehen mit anderen Familienmitgliedern oder verrichten Hausarbeiten. Schweigend und konzentriert sehen die Frauen nur sehr selten fern, "except occasionally, when alone or with other women friends, when they have managed to construct an 'occasion' on which to watch their favourite programme, video or film" (Morley 1986, S.150). 10 Im Hinblick auf das Konversationsverhalten beim Fernsehen sind die Ergebnisse der Studie von David Morley differenziert zu werten. Zum einen bestätigen sie die Position von Will Teichert in dem Sinne, daß Fernsehen nicht per se eine schweigende Tätigkeit und "tote Zeit" für die familiäre Interaktion ist, wie es Peter Hunziker behauptet. Es kann innerhalb einzelner sozialer Kontexte durchaus üblich sein, daß beim Fernsehen gesprochen wird, aber und hier scheint die Studie von Morley differenzierter als die Teicherts zu sein nicht zwangsläufig. Es hängt vom jeweiligen Aneignungsstil der Zuschauer ab, ob sie sprechen oder nicht und wenn ja, wie viel (vgl. dazu Kap. 9). Dabei versteht es sich von selbst, daß die Äußerungen beim Fernsehen nicht den Charakter von anderen Alltagsgesprächen haben, wie man sie beispielsweise beim gemeinsamen Kaffeetrinken oder in einer Kneipe führt. Charakteristisch für die Äußerungen, die die Zuschauer beim gemeinsamen Fernsehen machen, ist, daß zwischen ihnen längere Schweigephasen liegen können, die teilweise etliche Minuten umfassen. Dies ist dadurch bedingt, daß die soziale Veranstaltung des gemeinsamen Fernsehens nicht primär durch das Gespräch selbst konstituiert wird, sondern durch eine andere Tätigkeit nämlich die des Fernsehens. Entsprechend erscheint es notwendig, sich den Rahmen dieser Tätigkeit etwas genauer anzusehen, um ausgehend davon nähere Aussagen über das Gespräch beim gemeinsamen Fernsehen machen zu können. 4.1 Fernsehen im privaten Rahmen Das Fernsehen ist ein häusliches Medium. 11 Es wird typischerweise im "privaten Rahmen" (Goffman 1977) ferngesehen, beispielsweise im familiären Wohnzimmer, dem Kinderzimmer, der Küche oder im Gemeinschaftsraum einer Wohngemeinschaft. In diesem privaten Rahmen, der im Gegensatz zu dem eher unpersönlichen, öffentlichen Ort des Kinos steht, 12 sieht man entweder alleine fern oder mit Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten. Als häuslich erscheint das Medium aber auch dadurch, daß

49 4.1 Fernsehen im privaten Rahmen 51 das Fernsehen durch seine feststehenden Sendezeiten Strukturen für das häusliche Leben anbietet. Das Fernsehen ist demnach in einem zweifachen Sinne als häuslich zu charakterisieren, zum einen, weil es im häuslichen Rahmen rezipiert wird, zum zweiten, weil es selbst ein Material zur Konstitution des Rahmens Häuslichkeit darstellt. Dieser Gedanke darf aber nicht dazu verleiten, die Fernsehrezeption als eine klar definierte Situation des 'family television' zu fassen, wenn sich hinter dem Begriff das Konzept der Kernfamilie Eltern mit einem oder zwei Kindern, wobei der Vater der Erwerbstätige ist verbirgt. 13 Deutlich haben Ulrich Beck und Elisabeth Beck- Gernsheim (1990) herausgestrichen, daß die Konzepte der gelebten Lebensformen und -gemeinschaften immer weiter ausdifferenzieren. Der Lebenszusammenhang, in dem ferngesehen wird, kann also eine Vielzahl von höchst unterschiedlichen Lebensgemeinschaften (und Freundescliquen) umfassen. Über diesen Sachverhalt hinweg sind insbesondere drei Aspekte des Fernsehens im privaten Rahmen von Relevanz: Innerhalb des häuslichen Kontextes ist das Fernsehen wohl das herausragende Medium, jedoch ist es keineswegs isoliert, sondern fest eingebunden in ein Ensemble weiterer Medien. Hierzu sind das Radio, die Zeitung, Programmzeitschriften und andere Printmedien zu zählen. Die Aneignung von Fernsehtexten ist so eingebettet in die 'Lektüre' von vielfältigen anderen Texten, die einen intertextuellen Rahmen der Fernsehrezeption bilden (vgl. Kap. 7). Daneben wird die "Kulturtechnik Fernsehen" (Doelker 1991) durch weitere Techniken überformt. Allen voran ist hier der Videorecorder zu nennen, der in vielen Lebensgemeinschaften die Umgangsweise mit dem Fernsehen verändert hat. 14 So ermöglicht es der Videorecorder, gezielt einzelne Sendungen aus dem Flow des Fernsehens auszuwählen, Rezeptions- und Sendezeit müssen sich nicht decken. 15 Ebenso können Spielfilme, die nicht im Fernsehen übertragen werden, in Videotheken ausgeliehen oder als Kaufkassetten erworben werden. Die Speicherbarkeit von Fernsehsendungen verändert auch den Umgang mit dem Fernsehen. So ist das wiederholte Sehen ('Re-Reading') interessanter Fernsehsendungen oder Textstellen möglich. 16 Wenn die Handlung einer Sendung nach dem ersten Sehen bekannt ist, erleichtert dies, die Aufmerksamkeit auf andere Dinge wie die Inszeniertheit, Dialogstruktur oder Ähnliches zu richten. Dadurch sind gänzlich andere Aneignungsweisen möglich, als die einmalige und flüchtige Rezeption einer Sendung. 17 Die rasche Verbreitung des Videorecorders 18 hat also die Umgangsmöglichkeiten mit dem Fernsehen erheblich verändert. Man kann in vielen heutigen Haushalten die soziale Veranstaltung des gemeinsamen Fernsehens nicht mehr isoliert vom Umgang mit dem Videorecorder betrachten, die Kulturtechniken Fernsehen und Video verschmelzen mehr und mehr. Als ein Teil des häuslichen Technologieensembles ist das Fernsehen in die alltäglichen Raumverhältnisse eingebettet. Das Fernsehen hat seinen festen Platz in den meisten Wohnzimmern, wodurch sich die räumliche Aufteilung der Zimmer selbst verändert hat. Diesen Sachverhalt sucht der Kulturkritiker Günther Anders mit der Metapher des "negativen Familientischs" zu fassen (vgl. Anders 1980, S ; vgl. Abbildung 2). 19 Bedingt durch das Fernsehen ist die Sitzordnung in den häuslichen Wohnzimmern nicht mehr um einen Tisch gruppiert, der (im idealisierten Sinne) das Zentrum des kommunikativen Geschehens der Familie symbolisiert. Die Sitzgruppe hat sich zum Fernsehapparat hin geöffnet, sie hat so weniger die Struktur eines Kreises denn die eines auf den Fernseher gerichteten Halbrunds. 20 Das Fernsehen ist nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich in den häuslichen Kontext eingebettet. Lothar Mikos spricht davon, daß das Fernsehen zu einem

50 52 4 Das gemeinsame Fernsehen als soziale Veranstaltung "Strukturierungselement von Alltag und Freizeit" (Mikos 1994a, S.35) geworden ist. Die einzelnen Fernsehsender haben feste Sendeplätze für ihre Sendungen, sowohl bezogen auf den Sendetag als auch bezogen auf die Sendezeit. Da werden bestimmte Tage für Magazinsendungen, Krimis oder andere Genres präferiert, beispielsweise gilt der Samstag als 'Tag der Familie', an dem abends in den unterschiedlichen Sendern zumeist Unterhaltungsshows oder Hollywoodfilme gesendet werden. Es ist durchaus möglich, daß sich in einzelnen häuslichen Gemeinschaften die Gestaltung des Wochenverlaufs mit nach diesen Sendetagen richtet. Wesentlich relevanter für das häusliche Leben scheint jedoch die Beeinflussung des Tagesablaufs durch das Fernsehen zu sein. Eine Art 'magischen' Zeitpunkt können dabei die Fernsehnachrichten bilden, die in der Zeitstruktur des Fernsehprogramms den Beginn der Prime Time signalisieren. In verschiedenen Lebensgemeinschaften besteht die Tendenz, die abendliche Zeitgestaltung dahingehend zu strukturieren, daß bis zum Beginn der Prime Time entweder das Essen abgeschlossen ist, oder aber was nach Thomas Lindlof und seinen Mitarbeitern für einzelne Familien des amerikanischen Kulturraums charakteristisch ist daß gemeinsam beim Sehen der Prime- Time-Nachrichtenmagazine gegessen wird (vgl. Lindlof et al. 1988, S.176f.). 21 Diese drei Punkte machen deutlich, daß es zwar möglich ist, charakteristische Aspekte des Fernsehens im privaten Rahmen zu skizzieren, daß es die prototypische Fernsehrezeptionssituation jedoch nicht gibt. Im Einzelfall bestehen erhebliche Unterschiede, was für das Fernsehen im kulturellen Kontext einer einzelnen häuslichen Gemeinschaft kennzeichnend ist. Solche Differenzen hängen einerseits von rein materiellen Faktoren ab, wie das Beispiel des Einflusses des zur Verfügung stehenden häuslichen Raumes auf die Fernsehrezeption zeigt. Sie hängen aber auch damit zusammen, auf welche Weise die Rezeptionssituation durch die lebensgemeinschaftliche Interaktion selbst konstituiert wird. 22 Die soziale Veranstaltung des gemeinsamen Fernsehens ist situiert in einem komplexen häuslichen Interaktionssystem, in einem Gefüge aus sozialen Rollen, Routinehandlungen und Machtbeziehungen. Ausgehend von solchen Zusammenhängen müssen die Beteiligten die jeweilige Rezeptionssituation in einem kommunikativen Prozeß definieren. In seiner Gesamtheit ist der Prozeß, durch den die jeweilige Aneignungssituation gerahmt wird, in eine Fülle von alltäglichen Ritualen eingebettet, in eine "Semantik des Alltäglichen" (Bausinger 1983, S.25). 23 Als ein Beispiel für die rituelle Einbettung des Fernsehens in das Alltagshandeln führt Bausinger folgende Begebenheit an: [ ] ebenfalls Bericht einer Frau: 'Am frühen Abend sehen wir sehr wenig, höchstens wenn mein Mann richtigen Ärger hatte, dann kommt er herein und sagt kaum was und schaltet den Apparat ein.' Nun ist das zwar ein direkter Ausdruck seiner psychischen Befindlichkeit, aber wiederum habitualisiert, routiniert, und auch hier spielt die spezifische Semantik des Alltäglichen herein: der Knopfdruck bedeutet nicht: 'Ich möchte das sehen', er bedeutet wohl eher: 'Ich möchte nichts hören und sehen.' (Bausinger 1983, S.27) Das von Hermann Bausinger zitierte Beispiel ist in zweifacher Hinsicht interessant. Zum einen veranschaulicht es, daß das Fernsehen so umfassend in das rituelle Alltagshandeln integriert ist, daß ständig Interferenzen zwischen medienbezogenem Handeln und nicht-medienbezogenem Handeln auftreten. In dem Fallbeispiel gehen diese Wechselbeziehungen so weit, daß das Anschalten des Fernsehgeräts auf rituelle Weise markiert, daß der Mann in Ruhe gelassen werden möchte. Interessant ist das Beispiel aber auch unter einem zweiten Gesichtspunkt, nämlich in bezug auf die Nutzung des Fernsehens als Hintergrundmedium. Im privaten Rahmen ist es immer wieder üblich, daß das Fernsehen läuft, während man anderen Aktivitäten nachgeht, beispielsweise

51 4.2 Äußerungen bei der Fernsehrezeption 53 nebenher Zeitung liest, bügelt oder Vergleichbares tut. Neben solchen "äußeren Handlungen" kann das Fernsehen aber auch als Hintergrundmedium für "innere Handlungen" dienen. 24 So ist bei dem von Hermann Bausinger angeführten Beispiel anzunehmen, daß der Mann primär gar nicht fernsieht, sondern gedanklich den vergangenen Arbeitstag auf- und verarbeitet. 25 Unabhängig davon, inwieweit man der Interpretation von Bausinger zustimmt, so macht sie doch deutlich, daß es nicht sinnvoll ist, die Fernsehrezeption als eine ausschließliche soziale Rahmung zu begreifen. Im Sinne Goffmans kann das gemeinsame Fernsehen die primäre Rahmung einer Situation sein, in der der Fernseher läuft, muß es aber nicht. Das Fernsehen kann als Hintergrundmedium für innere oder äußere Handlungen genutzt werden und so eine andere Rahmung modulieren. 26 Im Einzelfall ist es dabei durchaus möglich, daß aus der Perspektive der Handlungsbeteiligten divergierende Rahmungen der Situation vorherrschend sind, beispielsweise wenn von einem Teil der Personen die Situation primär als Fernsehrezeption, von einem anderen Teil primär als Gesprächssituation gerahmt ist. Auch dies weist wiederum darauf hin, daß die soziale Veranstaltung des gemeinsamen Fernsehens umfassend in das häusliche Kommunikationsgeschehen eingebettet ist daß Fernsehen und Sprechen keine unvereinbaren Gegensätze sind. 4.2 Äußerungen bei der Fernsehrezeption Es wurde deutlich, daß der private Rezeptionsrahmen dazu führt, daß die Zuschauer auf den Rezeptionsprozeß sehr große Einflußmöglichkeiten haben: Das Fernsehen kann jederzeit problemlos zugunsten einer anderen Beschäftigung abgebrochen werden, als Hintergrundmedium für weitere Beschäftigungen dienen, oder es ist möglich, mit Hilfe der Fernbedienung zwischen den Kanälen umherzuschalten. Der private Rezeptionsrahmen bedingt auch, daß beim Fernsehen überhaupt gesprochen werden kann. Während bei öffentlichen Veranstaltungen, wie im Theater oder bei einem Vortrag, eine Art Schweigegebot gilt, ist es beim Fernsehen prinzipiell möglich, kurze kommentierende Äußerungen zu machen oder sich länger über das Gesehene und andere Themen zu unterhalten. Wie Ulrich Püschel betont, trägt die häusliche Rezeptionssituation dazu bei, daß bei der sozialen Veranstaltung des gemeinsamen Fernsehens sogar eine rudimentäre Kommunikationsverpflichtung bestehen kann. Sehen Freunde oder Familienangehörige zusammen fern, so hat dies häufig die Funktion eines geselligen Beisammenseins. Dieses dient dem gemeinsamen Verbringen von Freizeit, ohne daß damit weitergehende Zielsetzungen verbunden wären. Charakteristisch für ein solches geselliges Beisammensein ist nun, daß in gewissem Rahmen miteinander gesprochen wird (vgl. Simmel 1984, S.61 63), auch wenn dies wie beim gemeinsamen Fernsehen sehr minimal sein kann (vgl. Püschel 1993, S.121). Vor diesem Hintergrund erscheint die soziale Veranstaltung des gemeinsamen Fernsehens als ein komplexes Phänomen, bei dem drei Kommunikationskreise (Burger 1990, S.44; Püschel 1993, S.116; Hepp 1994, S.38 40) ineinandergreifen. 28 Der erste innere Kommunikationskreis liegt auf der Ebene des Fernsehereignisses und umfaßt das kommunikative Geschehen zwischen den Medienakteuren, beispielsweise einer Fernsehserie oder einer Talk-Show. Der zweite, äußere Kommunikationskreis wird durch die kommunikative Beziehung zwischen den einzelnen Zuschauern und der jeweils rezipierten Fernsehsendung konstituiert. Schließlich besteht ein dritter Kommunikationskreis, der sich beim gemeinsamen Fernsehen durch die Interaktion der Zuschauer untereinander ergibt. Im Rückgriff auf Anders' Bild des 'negativen Famili-

52 54 4 Das gemeinsame Fernsehen als soziale Veranstaltung entischs' (vgl. S. 51) läßt sich die Kommunikationssituation beim gemeinsamen Fernsehen in der Abgrenzung zu der bei Tischgesprächen wie folgt veranschaulichen: Abbildung 2: Kommunikationssituation am Tisch und beim gemeinsamen Fernsehen I II Die Beziehung der drei Kommunikationskreise zueinander sollte aber nicht als eine statische Konstellation verstanden werden, sondern als ein dynamisches Geflecht: Rückt die Interaktion der Zuschauer untereinander stärker in den Vordergrund, und es entwickeln sich längere Gespräche über Themen, die u.u. nur wenig mit der rezipierten Fernsehsendung zu tun haben, so kann das Fernsehen zu einem Hintergrundmedium des gemeinsamen Gespräches werden. Der Kommunikationskreis zwischen Fernsehsendung und dem einzelnen Zuschauer tritt dann in den Hintergrund, im Sinne Goffmans ist die Situation eher durch das gemeinsame Gespräch denn durch die Tätigkeit des Fernsehens gerahmt. In solchen Fällen kommt dem Medium Fernsehen für das laufende Gespräch die Funktion einer "lokalen kommunikativen Ressource" (Sacks 1995b, S.92; Bergmann 1988) neben anderen zu. Es kann aber ebenso sein, daß das Geschehen im Fernsehen die Aufmerksamkeit der Zuschauer dermaßen in Bann zieht, daß sie über einen langen Zeitraum hinweg schweigend fernsehen und allenfalls hin und wieder einige kurze Äußerungen machen. Der Kommunikationskreis der Zuschauer untereinander verliert dann in Relation zum Kommunikationskreis zwischen Zuschauer und dem Geschehen im Fernsehen an Wichtigkeit. Insgesamt sollte also die Möglichkeit eines dynamischen Wechsels zwischen Phasen des Gesprächs, vereinzelten Äußerungen und Phasen des Schweigens als ein Charakteristikum des gemeinsamen Fernsehens begriffen werden. 28 Daß das gemeinsame Fernsehen als soziale Veranstaltung durch Momente des Nicht-Sprechens gekennzeichnet ist, heißt nicht, daß das Schweigen aus kommunikationstheoretischer Perspektive unberücksichtigt gelassen werden könnte. Wie Alois Hahn herausgestrichen hat, ist die Differenz zwischen Reden und Schweigen als kommunikative Grenzsetzung anzusehen, wobei es sich nicht um die Grenze zwischen Kommunikation und Nicht-Kommunikation handelt, sondern "um eine solche zwischen Typen von Situationen" (Hahn 1991, S.87). Die soziale Veranstaltung des gemeinsamen Fernsehens zeichnet sich so durch einen "open state of talk" aus, wie Erving Goffman vergleichbare Kommunikationssituationen bezeichnet hat (Goffman 1981, S.134). Goffman versucht, mit dem Konzept des "open state of talk" die Besonderheit der Kommunikation in Tätigkeitszusammenhängen zu fassen. Das Alltagsleben ist immer wieder durch Situationen gekennzeichnet, in denen Gespräche anderen Tätigkeiten untergeordnet sind. Beispiele hierfür sind neben dem gemeinsamen Fernsehen viele Arten von körperlicher Arbeit, aber auch Freizeitbeschäftigungen wie das gemeinsame Sport- Treiben. In solchen Situationen ist es jederzeit möglich, daß die Teilnehmer in ihrer Unterhaltung innehalten, wenn der Tätigkeitszusammenhang, der den primären Rahmen der jeweiligen Situation bildet, dies erfordert. Die Beteiligten können so über längere

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